Ringen um die Aufarbeitung
26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Zeitgeschichte: Im einstigen Stasi-Knast in Erfurt soll eine zentrale Gedenk- und Begegnungsstätte entstehen
Ehemalige Häftlinge besetzten zum Jahreswechsel die Erfurter »Andreasstraße«. Sie verlangten mehr Mitsprache bei der der Planung einer Gedenkstätte im einstigen Untersuchungsgefängnis des MFS. Die Besetzung ist beendet, doch noch sind nicht alle Differenzen ausgeräumt.

In der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße waren zwischen 1952 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert. Nun soll die DDR-Geschichte aufgearbeitet werden. Foto: Claus Bach
Wie soll künftig an die Opfer der SED-Diktatur erinnert werden? Welche Rolle spielen authentische Orte und Zeitzeugen? Wie können Historiker zu einer ausgewogenen Aufarbeitung der DDR-Geschichte kommen? Um all diese Fragen sind in den letzten Wochen hitzige Debatten entbrannt. Auslöser war die geplante Gedenkstätte in der von 1952 bis 1989 vom Ministerium für Staatssicherheit genutzte Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße. Die unmittelbar angrenzende Stasi-Bezirksverwaltung war die erste auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, die im Dezember 1989 von Bürgerrechtlern gestürmt und besetzt wurde. Dabei war auch der Gefängnistrakt einbezogen worden, in dem zwischen 1945 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert waren.
Unterschiedliche Konzepte lösten Streit aus
In der Frage der Gestaltung der Gedenkstätte kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen, weil sich einstige Stasi-Opfer von Historikern an den Rand gedrängt fühlten. Für mediale Aufmerksamkeit sorgte in der Silvesternacht 2009 die Besetzung des Gebäudes durch ehemalige Häftlinge, die dem 2007 gegründeten Verein »Freiheit« angehören. Gemeinsam mit der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Hildigund Neubert, forderten sie vom Thüringer Bildungsministerium, die Opfer der SED-Diktatur stärker in die konzeptionelle Arbeit einzubeziehen und ihnen die Trägerschaft der geplanten Einrichtung zu übertragen.
Die »Gesellschaft für Zeitgeschichte« (Erfurt) und »Freiheit« boten seit 2005 in dem leer stehenden Gebäude Ausstellungen und thematische Führungen an. Zwei Jahre später erarbeiteten sie voneinander abweichende Konzepte für eine museale Nutzung. Daraufhin beauftragte das Thüringer Kultusministerium eine Expertenkommission, die im September 2008 die Berufung eines Gedenkstättenbeirates angeregte, der wissenschaftliche Kompetenz repräsentieren, »aber auch den Vertretern der Opfer- und Aufarbeitungsinitiativen angemessene Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnen sollte«. Es wurde ein »erfahrungsgeschichtliches Forum« vorgeschlagen. Die Konzeption sollte verschiedene Aspekte berücksichtigen: »Gedenken, Erinnern, Lernen und Tagen«.
Nachdem die Landesregierung zwischenzeitlich die »Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung« mit der Trägerschaft beauftragt hatte, verkündete sie am
27. Juli 2009 die Gründung einer »Thüringer Stiftung zur SED-Aufarbeitung«. In dieser solle das einstige Stasi-Gefängnis »zentraler Ort der Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur in Thüringen werden und sich besonders der Geschichte der Opposition und des Widerstandes in Thüringen annehmen«.
Der damalige Ministerpräsident des Freistaates, Dieter Althaus, sagte in diesem Zusammenhang: »Ich zähle auf die konstruktive Kooperation zwischen der neuen Stiftung und den Aufarbeitungsinitiatven wie insbesondere dem in Erfurt ansässigen Verein ›Freiheit‹, der sich seit Jahren für die Einrichtung einer Gedenkstätte engagiert hat.«
Geist der friedlichen Revolution bewahren
Dass der Verein »Freiheit« seit Bestehen der Stiftung trotzdem nicht mehr in die inhaltliche Arbeit und baulichen Planungen einbezogen wurde, habe zu dem Entschluss geführt, dagegen öffentlich zu protestieren, erklärte Vereinsvorsitzender Joachim Heise im Februar gegenüber der Kirchenzeitung. Daraufhin sei es zu mehreren Gesprächen mit Staatssekretär Thomas Deufel vom Thüringer Bildungsministerium gekommen. Nach gegenseitiger Annäherung der Positionen habe man sich zur Beendigung der Besetzung entschlossen. Deufel erklärte, dass die weitere Zusammenarbeit mit den Opferverbänden – dem »Freiheit«, der »Gesellschaft für Zeitgeschichte und der Vereinigung »Opfer des Stalinismus« (VOS) – über Kooperationsverträge geregelt werde. »Noch sind einige Fragen offen«, räumte Joachim Heise nach einem weiteren Gespräch ein.
Dass die Besetzung des Stasi-Knasts auch Kritik auslöste, darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Während Historiker die Aktion für überzogen hielten, distanzierte sich davon auch die »Gesellschaft für Zeitgeschichte«. Spricht man mit Matthias Sengewald über die »Andreasstraße«, verweist dieser darauf, dass hier nicht nur ein Ort des Gedenkens an die Opfer sei, sondern auch einer, der vom glücklichen Verlauf der friedlichen Revolution zeuge. Der Diakon und Referent im Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland, der zum Vorstand der »Gesellschaft für Zeitgeschichte« gehört, erhofft sich deshalb, dass dieser Geist auch das zukünftige Profil der Gedenk- und Begegnungsstätte prägen möge.
Michael von Hintzenstern






