Haben Sie Reformationsbedarf?

8. Juli 2017 von redaktionguh  
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Die Städtische »galerie ada« in Meiningen nimmt in einer dreigeteilten Ausstellung das Wort Reformation ganz wörtlich und fragt, was es im Jahr 2017 bedeutet.

»RE:FORMATION« lautet der Titel der aktuellen Ausstellung in der Meininger »galerie ada«. In ihr geht es etwas anders zu als bei den vielen ähnlich benannten, in denen es landauf, landab im Jubiläumsjahr »luthert«. Das liegt am Präsentationskonzept: Bis Ende September werden die Galerieräume dreimal komplett unterschiedlich bestückt. Galerist Ralf-Michael Seele und Co-Kurator Klaus Nicolai fanden hierfür einen neuen Ansatz.

Der Galerist wollte das Thema Reformation zunächst gar nicht aufgreifen. Nicht auch noch in der »ada«! Doch dann überlegte er: »Gibt es etwas, das andere nicht machen?« Und: »Was ist heute am Begriff Reformation noch aktuell?« Ja und ja. Wenn er das Wort nur ganz wörtlich nimmt und »Reformation« eben nicht auf jene religiöse Erneuerungsbewegung unter Führung Martin Luthers im 16. Jahrhundert reduziert. Auch nicht ihre sämtlichen Nebenwirkungen und Spätfolgen zum Thema macht. In seiner originären, weiter gefassten Bedeutung meint »Reformation« eine Erneuerung oder auch geistige Umgestaltung.

Suppenkasper in Endlosschleife: Medienkünstler Klaus Nicolai projiziert das Gesicht und die Hände von US-Präsident Donald Trump auf drei Teller. – Foto: Städtische »galerie ada«

Suppenkasper in Endlosschleife: Medienkünstler Klaus Nicolai projiziert das Gesicht und die Hände von US-Präsident Donald Trump auf drei Teller. – Foto: Städtische »galerie ada«

An dieser Stelle begann das kulturtouristisch etwas erschöpfte Thema »Reformation« für den Galeristen wieder spannend zu werden. Er überlegte: Wo besteht heute Reformationsbedarf? In der Gesellschaft, selbstredend. Aber auch bei jedem Einzelnen. Und so lautet die unausgesprochene Frage der Schau: »Wo ist Reformationsbedarf bei mir?« Das soll sich der Besucher fragen. Wäre es an der Zeit, die eigene Reset-Taste zu drücken? So wie Luther sie damals für seine Kirche drücken wollte – freilich ohne letztere gleich zu spalten.

Wer hier eine Art Lebensratgeber-Ausstellung erwartet, der irrt. Ralf-Michael Seele und Klaus Nicolai erklären nicht die Welt. Sie zeigen Kunst – Installationen, Objekte, Malerei, Video und Klangspiele –, über die sich nachdenken lässt. Länger, als ein Galerie-Besuch dauert. Das Heimgehen mit Fragezeichen im Kopf ist erwünscht. Das Eintreten und Schauen mit eigenen Assoziationen ebenso.

Die sind besonders gefragt beim Beitrag des Medienkünstlers Nicolai. Der serviert den US-Präsidenten Donald Trump auf Tellern. Nun ja, nicht direkt. Er projiziert die TV-Aufzeichnung einer seiner Reden auf einen quadratischen Plexiglastisch. Das Bild fällt hindurch, nur auf den Tellern verfängt es sich. Ein Teller für sein Gesicht, je einer für die Hände. Und Trump redet und redet. Ein Suppenkasper in Endlosschleife. Es hat etwas anrührend Albernes, wie er da aus dem Teller spricht.

Dieses Eingefangen-Werden funk­tioniert nicht bei jeder gezeigten Arbeit. Zumindest nicht bei allen Betrachtern. Es gilt, wie letztlich bei jeder Ausstellung, die Werke für sich zu erkunden, die den Besucher in ein stummes Gespräch verwickeln. Tatsächlich will die Schau vor allem dreierlei: erstaunen, amüsieren, verwirren. Das gelingt ihr unbedingt. Etwa mit dem Streubild von Eva Warmuth.

Sie hat verschiedenfarbige Getreide und Samen in arabesken Formen auf den Galerieboden gestreut. Ein höchst empfindliches Kunstwerk, dazwischen Brotlaibe, sicher steinhart, und Gesichter, geformt aus Erde aus dem angrenzenden Englischen Garten. Da schlagen die Assoziationen beim Betrachter Purzelbäume. Und das ist genau so gewollt. »Die Vollendung der Werke geschieht im Kopf der Betrachter«, erklärt Ralf-Michael Seele.

Auch die Ausstellung selbst ist nicht im klassischen Sinne fertig. Wer die »ada« bis zum 16. Juli besucht, wird die hier beschriebenen Installationen sehen und noch viel mehr. Wer zwischen dem 22. Juli und dem 27. August vorbeischaut, den erwarten interaktive Arbeiten. Im September geht es dann wieder etwas klassischer zu, mit Malerei, Grafik, Plastik und Objekten, einem bildkünstlerischen Blick auf die Reformation, an dem sich auch die evangelische Kirchengemeinde und der Kirchenkreis Meiningen beteiligen werden.

Susann Winkel

Bis 24. September, galerie ada, Bernhardstraße 3, Meiningen: Mi. bis So., 15 bis 20 Uhr

Luther und die Deutschen

5. Mai 2017 von redaktionguh  
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Eine weitere nationale Sonderausstellung anlässlich des Reformationsjubiläums hat seit dieser Woche an einem symbolträchtigen Platz ihre Türen geöffnet.

Die Ausstellung »Luther und die Deutschen« führt an einen authentischen Ort der Reformation, auf die Wartburg in Eisenach, wo Luther nach dem Reichstag in Worms 1521 als Junker Jörg Zuflucht fand. Präsentiert werden dort rund 300 Exponate aus den Beständen der Wartburg-Stiftung sowie von nationalen und internationalen Leihgebern.

»Die Wartburg als Erinnerungsort und Nationaldenkmal ist geeignet, um das Verhältnis von Luther zu den Deutschen der vergangenen 500 Jahre zu beleuchten«, so sieht es der Kurator Dr. Marc Höchner. Bereits seit etwa drei Wochen wird im Burghof ein besonderes Ausstellungsobjekt präsentiert: der originalgetreu nachgebaute Kobelwagen, mit dem Luther damals unterwegs war.

Wie hat die Reformation die Deutschen und die deutsche Geschichte beeinflusst? Wie wandelte sich das Bild Luthers, je nach den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten? Diesen Fragen nähert sich die Schau in drei großen Abschnitten, wobei die gesamte Burg nicht nur Ausstellungsraum, sondern zugleich auch Exponat sei, so der Kurator.

Die nationale Sonderausstellung »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg in Eisenach ist bis 5. November 2017 täglich von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet. www.3xhammer.de/eisenach/

Die nationale Sonderausstellung »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg in Eisenach ist bis 5. November 2017 täglich von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet. www.3xhammer.de/eisenach/

Interviews mit Besuchern der Wartburg und mit Experten vermitteln den Ausstellungsbesuchern zu Beginn Einblicke in das, was Luther den Menschen bis heute zu sagen hat. Das erste Kapitel der Schau beschäftigt sich mit der Wartburg, erläutert die geschichtlichen Ereignisse, die dazu führten, dass Luther hierherkam, und was ihn hier umtrieb: die Übersetzung großer Teile der Bibel. Dieses weltgeschichtliche Ereignis dokumentieren Erstausgaben der Übersetzung des Neuen Testamentes, die 1522 erschienen sind. Wie es mit der Wartburg weiterging, nachdem Luther sie verlassen hatte, und bis zu ihrem Umbau im 19. Jahrhundert, wird ebenfalls thematisiert.

Den Einfluss der Reformation auf theologisch-geistiger Ebene beleuchtet der zweite Abschnitt der Ausstellung. Was war das Neue an Luthers Lehre? Was sind die kultur- und geistesgeschichtlichen Folgen? Die älteste Ausgabe des Liedes »Ein feste Burg ist unser Gott« beispielsweise veranschaulicht die Bedeutung des Kirchengesangs im Luthertum. Der Einfluss der Reformation auf das Bildungswesen wird am Beispiel der Universität Jena gezeigt. Ihre Gründung, so Höchner, sei eine direkte Folge der Reformation. Entwicklungen nach Luthers Zeiten, wie Pietismus, Aufklärung und katholische Reformbewegungen, die bis heute ausstrahlen, werden erklärt.

Die Ausstellung widmet sich im dritten Teil den politischen Folgen der Reformation. Sie zeichnet die politische Dynamik des 16. und 17. Jahrhunderts nach – einer Epoche, geprägt von Auseinandersetzungen und Kriegen; bis schließlich nach dem Dreißigjährigen Krieg im Heiligen Römischen Reich drei anerkannte Konfessionen existierten: Luthertum, reformierte Kirche und katholische Kirche.

Abschließend nimmt die Schau die jüngere Vergangenheit, das Lutherbild des 19. und 20. Jahrhunderts, in den Blick. Wie Höchner erläutert, trat dann der Theologe, Prediger und Kirchenmann in den Hintergrund, und Luther wurde als Gründungsfigur des deutschen Nationalstaates betrachtet und dementsprechend negativ beurteilt. Mit diesem Problem seien die beiden deutschen Staaten nach 1945 unterschiedlich umgegangen, wie die Ausstellung darstellt.

Sabine Kuschel

Ausschnitte aus dem Leben

1. November 2016 von redaktionguh  
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Kunst im Krankenhaus: Ausstellung mit Arbeiten von Adam Noack im Klinikum Weimar

Unter dem Titel »Gesellschaften« steht die aktuelle Ausstellung des Künstlers Adam Noack aus der Reihe »Kunst im Klinikum«, die kürzlich im Flur der Radiologie des Sophien- und Hufeland-Klinikums in Weimar eröffnet wurde.

Adam Noack vor einem seiner Bilder im Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Thomas Müller

Adam Noack vor einem seiner Bilder im Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Thomas Müller

Präsentiert werden Öl- und Acryl-Malereien sowie Pastell- und Markerzeichnungen mit Motiven aus dem Alltag. Dazu zählen Porträts, Familien- und Arbeitsszenen sowie Ausschnitte aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Adam Noack möchte mit seinen Bildern einen Dialog zwischen Betrachter und den eigenen subjektiven Gedanken und Gefühlen in Gang setzen. Seine künstlerischen Arbeiten sind offen und verfügen über breit gefächerte Farbräume.

Adam Noack ist gebürtiger Duisburger. Er hat an der Bauhaus-Universität Freie Kunst studiert. Seit 2013 ist er als freischaffender Künstler in Weimar aktiv.

Die Auswahl der malerischen Arbeiten für die Klinik, die auch zum Verkauf freigegeben sind, hat Adam Noack gemeinsam mit der Weimarer Kuratorin Andrea Dietrich getroffen, die seit dem Jahr 2000 die Ausstellungsreihe im Klinikum betreut. Von jeder Ausstellung werden stets eine oder mehrere Kunstwerke für die Sammlung des Klinikums angekauft und sind seitdem in vielen Bereichen des Gebäudes öffentlich präsent. Die von der Klinikleitung ausgewählten Arbeiten vereinen sich zu einem qualitätsvollen, farbenfrohen Reigen verschiedenster künstlerischer Techniken und inhaltlicher Stoffe. Die Themen reichen von der Landschafts- und Tierfotografie bis zu ideenreichen Porträts und abstrakten Form- und Farbexperimenten in Tusche, Acryl oder Öl.

Michael von Hintzenstern

Atmosphäre des Heilens

13. Juni 2016 von redaktionguh  
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Im Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar gab es bisher nahezu 50 Ausstellungen

Es ist ein futuristischer Gebäudekomplex von erhabener Schönheit: das von dem in Kanada lebenden Stararchitekten Carlos Ott konzipierte Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar, zu dem seit 1998 das diakonische Sophienhaus und das städtische Krankenhaus zusammengewachsen sind. Mit dem Neubau der »Opéra Bastille« (1983) in Paris zu internationaler Anerkennung gelangt, war es Ott in der Klassikerstadt besonders wichtig, neben den multifunktionalen Notwendigkeiten eines medizinischen Betriebes eine positive Atmosphäre des Heilens zu schaffen. Dass dabei »Kunst am Bau«, aber auch im Gebäude eine wesentliche Rolle spielen wird, war allen Beteiligten von Anfang an klar. Tomas Kallenbach, der Geschäftsführer des Klinikums, hat dieses Anliegen über all die Jahre konsequent weiterverfolgt und maßgeblich gefördert.

Kuratorin Andrea Dietrich in der aktuellen Ausstellung »Augenblicklichkeiten« mit Fotografien von Thomas Abé im Weimarer Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Maik Schuck

Kuratorin Andrea Dietrich in der aktuellen Ausstellung »Augenblicklichkeiten« mit Fotografien von Thomas Abé im Weimarer Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Maik Schuck

In Zusammenarbeit mit Prof. Karl Schawelka von der Bauhaus-Universität konnte durch Ankauf und Auftragsvergabe ein Grundstock von 100 Bildern geschaffen werden, die in den langgezogenen Gängen oder einzelnen Stationen zum Hinschauen und Nachdenken anregen. Diese »Dauerausstellung« findet seit Juli 2000 mit der Reihe »KIK – Kunst im Klinikum« eine sinnvolle Ergänzung, die in der »Galerieetage« im Bereich der Radiologie einen festen Präsentationsort gefunden hat. Sie ist aus der Kooperation des Klinikums mit der ACC-Galerie entstanden und wird von Beginn an von der Kuratorin Andrea Dietrich betreut, die in Leipzig Kunstgeschichte studiert hat. Ihr Ziel ist es, »zahlreiche künstlerische Handschriften und thematische Auseinandersetzungen mit aktuellen Zeitbezügen zu zeigen«, erklärt sie im Gespräch mit »Glaube + Heimat«. Dabei legt sie Wert darauf, »in Weimar oder Thüringen wirkende Künstler auszuwählen, die sich poesie- und kraftvoll gleichermaßen der Herausforderung stellen, an diesem galerie- und museumsfernen Ort ihre Arbeiten zu präsentieren bzw. sie speziell für die Klinik zu schaffen«. Wichtig ist der Kuratorin hierbei »ein positiver Inhalt«.

Die Galerieetage biete Raum für »eine große Personalschau mit 50 bis 60 Bildern«, berichtet sie weiter. Oftmals gebe es schon erste Reaktionen beim Aufbau, wenn Klinikpatienten, -mitarbeiter und -gäste vorbeilaufen. »Wir müssen öfter hier zum Schauen kommen!«, hieße es dann ganz spontan.

Andrea Dietrich lobt das gute Miteinander aller Beteiligten, vom Rahmenbauer Fred Kölling bis hin zu den Technikern des Hauses.

Von jeder Ausstellung werden Kunstwerke für die Sammlung des Klinikums angekauft und in öffentlichen Bereichen des Krankenhauses dauerhaft präsentiert.

Die von der Klinikleitung ausgewählten Arbeiten vereinen sich zu einem qualitätsvollen, farbenfrohen Reigen verschiedenster künstlerischer Techniken und inhaltlicher Stoffe. Die Themen reichen von der Landschafts- und Tierfotografie bis zu ideenreichen Porträts und abstrakten Form- und Farbexperimenten in Tusche, Acryl oder Öl.

»Das Sophien- und Hufeland-Klinikum stellt somit nicht nur den Rahmen für die Expositionen, sondern engagiert sich sehr durch seine Ankaufsentscheidungen für die Förderung von zeitgenössischer Thüringer Kunst«, betont die Kuratorin, mit Verweis darauf, dass hier eine der größten Sammlungen im Freistaat entstanden ist.

In den bisher nahezu 50 Expositionen waren gleichermaßen anerkannte Weimarpreisträger wie Otto Paetz oder Walter Sachs vertreten, Hochschulprofessoren wie Peter Heckwolf, Klaus Nerlich oder Martin Neubert, am Beginn ihrer Laufbahn stehende Absolventen der Bauhaus-Universität wie Sibylle Mania, Steffen Groß oder Naomi Tereza Salmon, aber auch Künstler des Lebenshilfe-Werks Weimar/Apolda oder der Mal- und Zeichenschule Weimar.

Unter dem Titel »Augenblicklichkeiten« werden in der aktuellen Ausstellung Arbeiten aus dem umfangreichen Schaffen des Weimarer Fotografen Thomas Abé (34) vorgestellt, die thematisch in unterschiedliche Bereiche unserer täglichen Umwelt passen: Porträts neben (mit Hilfe von Drohnen aufgenommenen) Luftbildern, Werbefotografie neben Hochzeitsdokumentationen, Architektur neben Reportagen. Hier gibt es viele neue Sichtweisen zu ent-
decken!

Michael von Hintzenstern

Schutzherren der Reformation

3. Mai 2016 von redaktionguh  
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Ausstellung:  Die Ernestiner setzten weit über Thüringens Grenzen Impulse und prägten europäische Geschichte

Am 24. April wurde die Thüringer Landesausstellung »Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa« eröffnet. Bis 28. August rückt sie die einst mächtige, heute fast vergessene Herrscherfamilie ins Licht der Öffentlichkeit. Ausstellungsorte sind die einstigen Residenzstädte Weimar und Gotha.

Auf insgesamt 4 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden im Stadtschloss Weimar und im Neuen Museum Weimar, im Herzoglichen Museum Gotha und im Schloss Friedenstein mehr als vier Jahrhunderte thüringischer und europäischer Geschichte beleuchtet. Die Schau nimmt das Wirken der Ernestiner in sechs Themen in den Blick. In Gotha geht es um »Land«, »Familie« und »Künste«, in Weimar um die Themen »Reich«, »Glaube« und »Wissenschaft«.

Ohne die Ernestiner wäre die Reformation anders verlaufen. Die Herrscherfamilie hat sich seit Friedrich dem Weisen als Schutzmacht der Reformation gesehen. Dies ist eine zentrale Botschaft der Ausstellung in Weimar. Im Stadtschloss beispielsweise eröffnet die 1706 konstruierte »Lebensuhr« des Herzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (1662–1728) die Schau. Dass halbstündlich Lieder aus dem lutherischen Gesangbuch erklingen, deutet auf die enge Beziehung der Ernestiner zu Martin Luther. Das mechanische Werk der Standuhr vermittelt eine Fülle von astronomischen, chronometrischen und kalendarischen Daten, die den Zeitlauf mit der Lebenszeit Wilhelm Ernsts in Verbindung setzen.

Reformationsteppich von Seger Bombeck, entstanden um 1555. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Reformationsteppich von Seger Bombeck, entstanden um 1555. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Im Neuen Museum Weimar erfüllen die Eckräume eine besondere Funktion. Hier steht jeweils ein Leitexponat im Mittelpunkt, welches den Kontext für ein bestimmtes historisches Kapitel schafft. So wird zum Auftakt der Kurhut von Sachsen präsentiert, den Friedrich III. von Sachsen (1463–1525), genannt der Weise, 1486 erhält, als er Kurfürst von Sachsen wird. Fast 40 Jahre regiert er gemeinsam mit seinem Bruder Herzog Johann. Die gemeinsame Regierung ist von großer Eintracht geprägt. Der angrenzende Raum macht die Frömmigkeit Friedrich des Weisen anschaulich. Bilder und Karten erzählen von einer Pilgerfahrt zu den Heiligen Stätten. Es wird der Blick auf das gute Verhältnis des Kurfürsten zu Kaiser Maiximilian I. von Habsburg (1459–1519) gelenkt und die Rolle der Ernestiner als Unterstützer der Reformation hervorgehoben. Ein kostbarer Reformationsteppich, entstanden um 1555, stellt Luther als einen den Kirchenvätern ebenbürtigen Glaubenszeugen dar, der auf die Erlösungstat Christi als das zentrale Ereignis der Heilsgeschichte verweist.

Die verlorene Schlacht bei Mühlberg 1547 war für die Ernestiner eine Katastrophe. Sie haben einen Großteil ihres Territoriums und ihre politische Macht verloren. Diesem Trauma spürt die Ausstellung nach. Ein Gemälde von Tizian zeigt Kurfürst Johann Friedrich I. (1503–1554) verletzt und besiegt, mit der charakteristischen Gesichtsnarbe. Er hatte die Truppen gegen Kaiser Karl V. geführt und gegen den alten Glauben gekämpft.

Im folgenden erzählt die Ausstellung, wie die Ernestiner mit dem Verlust der Macht umgegangen sind. Die als Landesuniversität des ernestinischen Kurfürstentums Sachsen gegründete Universität Wittenberg war als Folge des Schmalkaldischen Krieges verloren. Eine neue Universität sollte die Funktion Wittenbergs als geistiges Zentrum übernehmen. Mit der 1548 gegründeten Hohen Schule, der späteren Universität Jena, sollte ein neues, besseres Wittenberg geschaffen werden, das der Lehre Luthers eine neue Heimstatt zu bieten vermochte. Nach mühsamen und bescheidenen Anfängen konnte die Universität Jena 1558 eröffnet werden. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sie sich zu einem Ort freier Wissenschaft. Die Schau im Neuen Museum Weimar folgt den Ernestinern auf dem Weg zur Deutschen Einheit bis zum Ende der Dynastie 1918. In Gotha beschreibt die Ausstellung unter dem Thema »Die Ernestiner und das Land« die Entwicklung der Dynastie zwischen territorialer Zersplitterung und nationaler Einheit. »Die Ernestiner und die Familie« beleuchtet die ausgeklügelte Heiratspolitik des Adelsgeschlechts, das im 19. Jahrhundert Verbindungen zu Fürstenhäusern in ganz Europa knüpfte.

Besonders wichtig war den Ernestinern die Förderung von Kunst und Kultur. Die kulturelle Entwicklung unter dem Einfluss der Dynastie ist Schwerpunkt des Ausstellungsbereiches »Die Ernestiner und die Künste«. Die reiche Theaterkultur, die Begründung bedeutender musealer Sammlungen und die Kontakte der Ernestiner zu Malern, Komponisten und Bildhauern werden ausführlich thematisiert.

Sabine Kuschel

Die Ausstellungen sind an allen Standorten Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Eintauchen in eine andere Welt

23. August 2015 von redaktionguh  
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Besonderes Angebot für Schulklassen: Ausstellung »Anders! Kloster« findet im Kloster Volkenroda ein Zuhause

Nach drei Jahren Wanderschaft ist die vom Bistum Limburg anlässlich des 800-jährigen Jubiläums der Zisterzienser-Abtei Marienstatt für Schüler konzipierte Ausstellung »Anders! Kloster« jetzt im Kloster Volkenroda bei Mühlhausen angekommen. Und das ist durchaus wörtlich gemeint, denn an diesem Standort wird sie dauerhaft einziehen.

Was einen Sinn ergibt: Denn auch in Volkenroda lebten einst Zisterzienser, hier befindet sich die älteste noch erhaltene Klosterkirche dieses Ordens in Deutschland. Heute gestaltet die ökumenische Kommunität der Jesus-Bruderschaft das klösterliche Leben, es weht »ein frischer Wind durch alte Mauern« und es entfaltet sich ein zeitgemäßes Leben im Miteinander von Klostergemeinschaft und Jugendbildung, von Kultur und Landwirtschaft. So ist es auf der Homepage des Klosters zu lesen und bei einem Besuch zu erleben. Rund 50000 Gäste und über 22000 Übernachtungen pro Jahr sprechen für die Attraktivität dieses Angebots.

Wie lebt man denn in einem Kloster? Was ist da wichtig? Eine Ausstellung zwischen der Welt der Schüler und der Klosterwelt. – Foto: Adrienne Uebbing

Wie lebt man denn in einem Kloster? Was ist da wichtig? Eine Ausstellung zwischen der Welt der Schüler und der Klosterwelt. – Foto: Adrienne Uebbing

»Die Tür steht offen, das Herz noch mehr«: Das Kloster Volkenroda ist als Ort der Einkehr beliebt. Über das ansässige Europäische Jugendbildungszentrum werden Schulklassen und junge Leute erreicht.

So zeigte sich der für die Ausstellungskonzeption verantwortliche Theologe Martin Ramb vom Dezernat Schule und Bildung der Diözese Limburg auch »sehr glücklich, dass die Ausstellung jetzt an einen so guten Ort kommt. Das passt einfach. Und ich freue mich, dass sie noch vielen jungen Menschen das Klosterleben näherbringen wird«.

Er hatte selbst Kontakt zum Kloster Volkenroda aufgenommen. Mit seiner Idee, der Ausstellung hier eine neue Heimat zu geben, stieß er auf offene Ohren. Denn auch die Kommunität hegte den Wunsch eine Art »Erklärstück« einzubauen, das das Leben im Kloster veranschaulicht.

Anders als die meisten Ausstellungen verzichtet die erlebnispädagogisch konzipierte Präsentation »Anders! Kloster« auf die herkömmliche Aneinanderreihung von Fakten und Exponaten. Sie will nicht über Geschichte informieren, sondern durch eine multi-mediale Installation Interesse am und Verständnis für klösterliches Leben wecken als einer von vielen Möglichkeiten, christlich zu leben. »Jugendliche, die vielleicht noch gar keinen Kontakt zu Klöstern hatten, können mit der Ausstellung in diese andere und fremde Welt eintauchen«, erklärt Ramb die Intention der Ausstellung. Zu diesem Zweck schlagen die Ausstellungsmacher eine herausfordernde Brücke zwischen der Alltagswelt der Schüler und dem ganz anderen Lebensrhythmus einer klösterlichen Welt. Sie greifen dabei drei wesentliche Aspekte heraus: den Lebensort (»Andersort«), den gestalteten Tagesablauf (»Anderszeit«) und die Lebensweise (»Andersleben«) und präsentieren diese in drei Erlebnisräumen.

Die Schüler sollen Anstöße erhalten, sich dem Taumel der Zeit zu entziehen und für sich selbst zu überdenken, was ihnen guttut. Die Ausstellung wurde ursprünglich für Schüler ab der 7. Klasse und Oberstufe konzipiert. Mit entsprechender Einleitung, Anleitung und Spielen ist sie aber bereits für Kinder ab der 4. Klasse geeignet.

Bis zum 31. Oktober dieses Jahres wird »Anders! Kloster« im Christus-Pavillon zu sehen sein und im Anschluss an drei Standorten auf dem Klostergelände dauerhaft ausgestellt. Rechtzeitig zum Schuljahresbeginn gibt es Fortbildungen für Pädagogen und andere Multiplikatoren aus der Jugendarbeit bzw. inhaltlich und zeitlich unterschiedlich konzipierte Angebote für Schulklassen, über die Olga Gräfin von Lüttichau, Leiterin des Europäischen Jugendbildungszentrums (EJBZ), gern Auskunft erteilt.

Adrienne Uebbing

Kontakt: Telefon (036025) 559-70, E-Mail <EJBZ@kloster-volkenroda.de>

www.kloster-volkenroda.de > Veranstaltungen

Festspiele auf dem Hügel

16. August 2015 von redaktionguh  
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Das Kunstprojekt »Kirchberg Weiden« lädt zum 13. Mal in Dorf nördlich von Weimar ein

Mit Namensdopplungen ist das immer so eine Sache. Manchmal sorgen sie für Irritationen, aber auch für Überraschungen. Im Kreis Weimarer Land gibt es gleich zwei Orte, die namhafte »Geschwister« in Bayern haben. Da ist zum einen die westlich von Bad Berka gelegene Siedlung »München« zu nennen und zum anderen der sich nördlich von Weimar befindliche Ortsteil »Weiden« der Stadt Buttelstedt. Letzterer hat natürlich nichts mit der Metropole in der Oberpfalz zu tun, in der vor 142 Jahren der Komponist Max Reger das Licht der Welt erblickte. Vielmehr handelt es sich um ein idyllisches denkmalgeschütztes Sackgassendorf mit 80 Einwohnern, dessen kapellen­artige Kirche sich auf einem Bergsporn befindet. Bereits zum 13. Male wird hierher zu den Festspielen »Kirchberg Weiden« eingeladen.

Charakterköpfe blicken ins Kirchenschiff

Die Idee zu diesem »Gesamtkunstwerk aus bildender und darstellender Kunst«, zu dem alljährlich Ende August bis zu 500 Besucher kommen, hatte die Künstlerin und Kulturmanagerin Sabine Lauer (Frankfurt/Main) bereits 2003. Seither setzt sie die inhaltlichen Schwerpunkte. So lautet das Motto 2015 »Charaktere«. Konzeption, Planung und Realisierung liegen in ihren Händen, wobei sie mit ihrem Künstlerkollegen Frank Rotter (Frankfurt/Main) einen erfahrenen Partner für die technische Umsetzung gefunden hat. Neben der Sponsorensuche, der Kunstauswahl und der Gesamtregie des Projektes pflegt die Kuratorin seit vielen Jahren eine erfolgreiche Kooperation mit der Kunstwerkstatt des Lebenshilfe-Werkes Weimar-Apolda sowie der Regelschule am Lindenkreis und dem Lyonel-Feininger-Gymnasium in Buttelstedt.

Individuelle Köpfe, die unter Anleitung von Sabine Lauer gestaltet wurden, blicken aus den Vertiefungen der Emporen in den Kirchenraum. Foto: Veranstalter

Individuelle Köpfe, die unter Anleitung von Sabine Lauer gestaltet wurden, blicken aus den Vertiefungen der Emporen in den Kirchenraum. Foto: Veranstalter

Während einer Projektwoche mit 15 kreativen Schülerinnen und Schülern im Alter von elf bis 15 Jahren stand vom 15. bis 19. Juni das Thema »Götter und Helden« im Mittelpunkt. »Erstellt wurden individuelle Köpfe, mit Attributen des jeweiligen Charakters, gehalten in der Grundfarbe weiß auf einem kassettenartigen Hintergrund«, ist von Sabine Lauer zu erfahren. Diese blicken nun aus den Vertiefungen der Emporen in den Kirchenraum. Im Außenbereich sind fantasievolle »Naturgeister« zu sehen, die unter der Anleitung von Martina Heller (Lebenshilfe-Werk) geformt wurden. Ein wichtiger Partner ist der »Verein zur Erhaltung von Kirche und Kirchberg in Weiden bei Buttelstedt«, der sich seit 1990 um die Rettung und weitere Nutzung von St. Cyriakus bemüht. Unter Federführung seines Vorsitzenden, des promovierten Ingenieurs Gerhard Setzpfand, konnte eine Reihe baulicher Maßnahmen wie die Erneuerung des Dachstuhles und eine Neueindeckung des Kirchendaches durchgeführt werden. Seit 2013 befindet sich im Dachgeschoss ein neuer Ausstellungsraum.

Seinen Anfang nimmt das diesjährige Festspiel am 15. August mit einem Gottesdienst (18 Uhr), dem sich die Eröffnung der Kunstausstellung anschließt (19 Uhr). Zu sehen sind Bilder des Malers Andreas Bauer (Erfurt), der die von ihm dargestellten Köpfe mit Attributen ausstattet, die eine vielfältige Deutung zulassen, sowie Fotos der aus Australien stammenden Künstlerin Karin Nedela (Offenbach), die imaginär-historische Porträts von Frauen zeigt, die niemals fotografiert werden konnten, da es dieses Ausdrucksmittel noch nicht gab.

Festes Schuhwerk und wetterfeste Kleidung

Die eigentlichen Festspiel-Tage sind jedoch eine Woche später, wenn am 21. und 22. August der Kirchberg mit zahlreichen Angeboten belebt wird (Beginn: jeweils 21 Uhr). Der weltweit gereiste Marimbaphon-Solist Alex Jacobowitz entführt das Publikum in die Welt des Jazz, Klezmer, Tango und Flamenco. Das »Figurentheater Silberfuchs« von Anna Friedel präsentiert »Das Fotoalbum« von Franz Hohler. Dabei wird die Geschichte einer Begegnung im Altenheim zwischen dem lebenslustigen Rentner Vögeli und dem Musikprofessor Ehrenpreis erzählt, der in seiner Zeitungslektüre gestört wird.

Am zweiten Festspieltag wird eine »Abendliche Vorspeise« der Bewohner Weidens an die Besucher ausgereicht (22. August, 19 Uhr, Kostenbeitrag pro Person: 5 Euro). Sabine Lauer hat wieder ein abwechslungsreiches Programm konzipiert, empfiehlt den Gästen aber »für den ungetrübten Kunstgenuss« vorsorglich »festes Schuhwerk, wetterfeste wärmende Kleidung und eine Taschenlampe« mitzubringen.

Michael von Hintzenstern

Ausstellung »Charaktere«: 16. bis 20. August, 17 bis 19 Uhr, 21. und 22. August, ab 18 Uhr bis Festspielende; Festspiele: 21. und 22. August, jeweils ab 21 Uhr

www.weiden-bei-weimar.de

Im Wandel der Zeiten

14. April 2015 von redaktionguh  
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Die Wartburg zeigt Bildnisse des Reformators

Martin Luther ist einer der am meisten porträtierten Deutschen. Die Wartburg zeigt seit dem 2. April, womit alles begann – mit Bildern von Lucas Cranach. Der Anlass für das erste Porträt von Martin Luther (1483–1546) war ein politischer. In Vorbereitung auf den Reichstag von 1521 in Worms, auf dem der Reformator seine Thesen widerrufen sollte, porträtierte ihn Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553) im Habit des Erfurter Augustinermönchs. Die Arbeit von 1520 soll im Auftrag des Kurfürsten Friedrich des Weisen entstanden sein, um Luthers Angesicht bekannter zu machen.

Die Wartburg zeigt die Wirkung von Cranachs Reformatorenporträts. Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Die Wartburg zeigt die Wirkung von Cranachs Reformatorenporträts. Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Einer dieser inzwischen seltenen Kupferstiche steht als Leihgabe aus der Albertina Wien am Beginn der Ausstellung »Cranach, Luther und die Bildnisse«, mit der die Wartburg das Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« um einen zentralen Aspekt erweitert: »Unsere heutige bildliche Vorstellung von Luther geht ausschließlich auf Cranach und seine Söhne zurück«, sagt Burghauptmann Günter Schuchardt.

Zwar gebe es Luther-Bildnisse in großer Zahl auch von anderen Künstlern. Doch sie haben alle die von Cranach überlieferten Grundtypen der Darstellung zur Vorlage, erläutert Schuchardt. Dass nach 1532 neben Luther auch dessen Weggefährte Phi­lipp Melanchthon in der Cranach-Werkstatt porträtiert wurde, sei ein Ausdruck für die zunehmende Konsolidierung der entstehenden protestantischen Kirche. Selbst die Darstellungen Luthers auf dem Totenbett hätten damals politische Bedeutung gehabt: Das Bild vom 1546 friedlich entschlafenen Reformator habe das im Jahr zuvor von Rom aus lancierte Gerücht von Luthers Tod widerlegen sollen.

Daneben zeigt die jüngere Kunst einen freieren Umgang mit dem Thema – wie etwa der knapp ein Meter hohe Plastik-Luther des 1950 geborenen Künstlers Ottmar Hörl. Die Miniausgabe des Wittenberger Luther-Denkmals ist in dieser Umgebung ein Beispiel für eine neue Gelassenheit.
Thomas Bickelhaupt (epd)

»Cranach, Luther und die Bildnisse«: täglich 8.30 Uhr bis 17 Uhr (bis 19. Juli)

Mit Brief und Siegel

1. April 2015 von redaktionguh  
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Ausstellung zu über 600 Jahren Ablasswesen

Manche Stücke sind prächtig anzusehen und fast einen Quadratmeter groß: zum Beispiel eine Ablassurkunde von 25 Kardinälen aus dem Jahr 1497 mit angehefteten Bestätigungen der Magdeburger Erzbischöfe Ernst und Albrecht. Andere wiederum sind ziemlich unscheinbare Schreiben, wie ein Ablass des Patriarchen von Grado von 1286 für das Wipertistift in Quedlinburg. Es sind nur zwei Beispiele von etwa 50 Urkunden über Ablassprivilegien, die bis Mai im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt in Magdeburg ausgestellt sind. Die Exponate stammen allesamt aus den Beständen des Archives, in dem rund 400 derartige Schriftstücke aufbewahrt werden.

Sammelablass von 25 Kardinälen für die Marienkapelle in Idenstädt, eine Wüstung nahe Quedlinburg, datiert: Rom 19. 10. 1497. Foto: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt

Sammelablass von 25 Kardinälen für die Marienkapelle in Idenstädt, eine Wüstung nahe Quedlinburg, datiert: Rom 19. 10. 1497. Foto: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt

»Seelenheil mit Brief und Siegel – Ablassurkunden aus dem 13. bis 18. Jahrhundert« lautet das Thema der Ausstellung dieser besonderen Gattung archivalischer Quellen. Die Jahrhunderte alten Pergamente entführen die Betrachter in eine fremde, spannende Welt. Zudem bietet die Schau Informationen zu dem so einmaligen wie komplizierten kulturgeschichtlichen Hintergrund des Ablasses.

Das Wort Ablass ist zwar als ein Hauptreizwort der Reformationszeit bekannt. Die ausgestellten Urkunden beginnen aber schon kurz nach dem Jahr 1200. Inhaltlich geht es um Folgendes: Eine Kirche ließ sich vom Bischof oder Papst das Recht erteilen, dass ihre Besucher bei ihr einen Nachlass von einer auferlegten Buße (meistens 40 Tage) erhalten konnten. Hierdurch wurden Scharen von Pilgern angezogen, die in der jeweiligen Kirche durch ihre Spenden oder tatkräftige Hilfe einerseits für ihr Seelenheil vorsorgten, andererseits aber Bau, Ausstattung und Funktionieren dieser Kirche sichern sollten.

Im protestantischen Raum trat in den auf die Reformation folgenden Jahrhunderten eine Versachlichung im Umgang mit dem Ablass ein. Zum Beispiel druckte der Schultheiß und Salzgraf Johann Christoph Dreyhaupt aus Halle in seiner Geschichte des Saalkreises von 1755 zahlreiche Ablässe- und Siegelabbildungen ab. Ein weiteres Zeugnis für das antiquarische Interesse ist das monumentale Druckwerk, das der Quedlinburger Archivar Anton Ulrich von Erath 1765 heraus-
gab.

Von besonderem Interesse ist der geografische Horizont der Ablassprivilegien. So blieben Urkunden und Siegel aus ursprünglich griechisch-orthodoxen Regionen erhalten, in denen nach dem Kreuzzug 1204 römisch-katholische Bischöfe eingesetzt wurden. Auch aus dem Patriarchat Peking (1207) oder dem mongolischen Machtbereich nach dem Tod Dschingis Khans (1227) sind Urkunden erhalten geblieben. Sie haben Seltenheitswert, weil Bistümer in diesem Teil der Welt nur kurze Zeit bestanden.

Angela Stoye

Interessenten können die Ausstellung bis Mitte Mai zu den Dienstzeiten des Landeshauptarchivs besichtigen: Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Ökumenisch und einmalig

8. April 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Vor 20 Jahren wurde der Wörlitzer Bibelturm eröffnet

Der Bibelturm in Wörlitz, der Turm der Petrikirche, feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Am Palmsonntag wird die neue Saison eröffnet. Mit dem Geschäftsführer, Pfarrer Torsten Neumann, und dem Vorsitzenden des ökumenischen Beirates, dem Wörlitzer Pfarrer Thomas Pfennigsdorf, sprach Angela Stoye.

Der Bibelturm in Anhalt ist etwas Besonderes, oder?
Neumann:
Das kann man wohl sagen. Der 66 Meter hohe Turm einer evangelischen Kirche mit einer Bibelausstellung, ökumenisch initiiert und getragen, ist deutschlandweit einmalig. Eröffnet wurde er am 3. September 1994.

Wie kam es dazu?
Neumann:
Es kamen damals mehrere Dinge zusammen. Erstens wollte die Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft (EHBG) an verschiedenen Orten in Deutschland Bibelmissionarische Zentren eröffnen. Zweitens stand die Wörlitzer Türmerwohnung seit dem Tod der letzten Türmerin Imme Brune 1985 leer. Drittens wollten immer wieder Wörlitz-Besucher den Turm besteigen und standen enttäuscht davor. In dieser Situation bildete sich eine
Initiativgruppe aus katholischen, methodistischen und evangelischen Christen sowie dem Gemeinschaftsverband, die etwas tun wollten. Heraus kam der »Bibelturm Wörlitz – Eine ökumenische Initiative in Anhalt«. Der Name ist auch nach 20 Jahren Programm. Engagierte Christen der vier Partner halten den Turm vom Palmsonntag bis Oktober offen. Ich erinnere auch an frühere Verantwortliche für den Bibelturm: Gudrun Discher, Frank Gorgas und Ina Killyen.

Welche Entwicklungen gab es?
Neumann:
Träger des Bibelturms war anfangs die EHBG. Als diese aufgelöst wurde, wechselte die Trägerschaft zur Evangelischen Landeskirche Anhalts. Die Landeskirche steht zum Bibelturm. Pfarrer Pfennigsdorf und ich spüren die große Bereitschaft, den Turm weiter zu erhalten und eine vierte Ausstellung erarbeiten zu lassen. Diese wird voraussichtlich 2016 fertig sein.

Foto: Thomas Klitzsch

Foto: Thomas Klitzsch

Die erste Ausstellung hieß »Von Turm- und Türmergeschichten«. Die zweite, im Jahr 2000 eröffnet, griff das Thema der Expo »Mensch, Natur, Technik« auf und nannte sich »Lebenszeichen«. Seit dem 9. Mai 2009 zeigen wir auf den drei Ebenen des Turmes die Ausstellung »Zwischen Himmel und Erde« mit einem Himmels- und einem Bibelkabinett und dem Raum der Stille ganz oben. Hinzu kommen jährlich wechselnde Ausstellungen im Kirchenschiff.

Wie haben die Menschen den Bibelturm bisher angenommen?
Neumann:
Es kommen etwa 10 000 bis 14 000 Besucher im Jahr. Das ist natürlich wetterabhängig. In einem regnerischen Sommer sind es nicht nur im Bibelturm, sondern im gesamten Wörlitzer Park weniger Gäste. Von der Eröffnung bis 2013 haben wir bei uns insgesamt über 250 000 gezählt, die als Einzelgäste oder in Gruppen kamen. Sie haben sich die jeweilige Ausstellung angesehen und die Aussicht über das Gartenreich genossen. Bei schönem Wetter kann man nicht nur bis Dessau und Wittenberg schauen, sondern sogar bis zum Petersberg bei Halle.

Wer kümmert sich um die Besucher?
Neumann:
Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Region Dessau-Wörlitz sind zu den Öffnungszeiten im Bibelturm anzutreffen. Immer donnerstags hat ein Kreis katholischer Christen aus Dessau Dienst, der sich »Kommt Zeit, kommt Tat« nennt. Wir sind für die Frauen und Männer aus den Gemeinden, die sich oft viele Jahre engagiert haben, sehr dankbar. Aber es werden – altersbedingt – weniger. Und Nachfolger zu finden, ist schwierig. Gut ist, dass es seit mehreren Jahren einen Platz für ein vom Land gefördertes Freiwilliges Soziales Jahr im Bibelturm gibt. Der jeweilige Stelleninhaber hilft bei der Besucherbetreuung und organisiert Aktionen. Auch 2014 wird zum 1. September wieder eine junge Frau oder ein junger Mann gesucht.
Pfennigsdorf: Der Bibelturm ist der Turm unserer Kirchengemeinde. Die Gemeindeglieder sind froh, dass sie den Turm haben und führen gern ihre Gäste dorthin. Das jährliche Bibelturmfest organisiert die Kirchengemeinde mit. Aber es ist schon so, wie Herr Neumann sagt: Die Zahl der Ehrenamtlichen geht aus dem genannten Grund zurück.

Herr Pfennigsdorf, was ist Ihre Aufgabe im Beirat?
Pfennigsdorf:
Ich bin der Supervisor des Projektes. Gemeinsam legen die Mitglieder die Punkte des Jahresprogramms fest. Bei unserer Sitzung im vergangenen Oktober haben wir Ideen gesammelt für eine neue Ausstellung, die Herr Neumann schon erwähnt hat. Und wir denken darüber nach, wie der im Winter geschlossene Turm trotzdem im Gespräch bleiben kann. Zurzeit überlegt der Beirat, wie der Bibelturm mit einer eigenen Reihe in der Dessauer Volkshochschule zu Gast zu sein kann. Aber dazu im Herbst mehr.

Wie geht es in Wörlitz weiter?
Neumann:
Das Jahresprogramm steht. Zur Eröffnung der Saison laden wir am Palmsonntag herzlich ein. Im Gottesdienst um 14 Uhr predigt Kirchenpräsident Joachim Liebig. Die Liturgie übernehmen der katholische Propst Gerhard Nachtwei und Pfarrer Pfennigsdorf. Das 20-jährige Jubiläum begehen wir mit einem Festtag am 11. Oktober.
Pfennigsdorf: Der Wörlitzer Bibelturm ist ein nachhaltiges missionarisches Projekt. Wir tun mit ihm Dienst über die Kirchengemeinde hinaus und hoffen, dass weiterhin Menschen hierher kommen und eine gute Zeit haben werden.

www.bibelturm.de

Vorschau auf das Jubiläumsprogramm

13. April: Ökumenischer Gottesdienst zur Saisoneröffnung am Palmsonntag (14 Uhr);

3. August: Um ca. 11.30 Uhr im Anschluss an den Gottesdienst wird die Ausstellung »Gepflanzt wie ein Baum an Wasserbächen« eröffnet. Sie zeigt Lithografien des Dessauer Künstlers Wilhelm Danz (1873–1948) mit Darstellungen von Solitäreichen in den Elbauen bei Dessau.

9. August: Am Gartenreichtag gibt es eine Führung durch die Ausstellung »Gepflanzt wie ein Baum …« mit Reinhard Melzer (14 Uhr).

11. Oktober: Festprogramm zum Jubiläum »20 Jahre Bibelturm«, von 10 bis 16 Uhr. Beginn mit musikalischer Andacht, Vortrag, Angebote für Kinder, Mittagsangebot, Grußworte, Festgottesdienst um 14 Uhr und Kaffeetrinken.

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