Allein Gott die Ehre

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Das Festival »Güldener Herbst« präsentiert protestantische und katholische alte Musik

Von Bad Liebenstein im Westen bis Eisenberg im Osten, von Sondershausen im Norden bis Rudolstadt im Süden: Das Festival Alter Musik »Güldener Herbst« zieht bereits zum 19. Mal weite Kreise in Thüringen. Das Spektrum der Veranstaltungen reicht von Kantatengottesdiensten und Messen bis zur Kammermusik, vom Tanzspiel bis zum Orgelkonzert; auch Konzerteinführungen, Stadtführungen und eine Ausstellung ergänzen das Programm.

Anlässlich des Reformationsjubiläums widmet sich das Festival in diesem Jahr einem Thema, das in erster Linie Johann Sebastian Bach zugeschrieben wird. Doch »Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre« galt Protestanten wie auch Katholiken bis hin zur Aufklärung als Lebensmotto. »Auch alles weltliche Schaffen stand unter dem Motto«, sagt Helen Geyer, Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar und Mitbegründerin der Academia Musicalis Thuringiae, die das Festival organisiert.

Das stehe im Gegensatz zu heute, wo wir andere Maßstäbe haben, so Geyer weiter. Das Motto wurde auch als Motor für maximale künstlerische Leistung verstanden, da »Soli Deo Gloria« implizierte, dass nur das Beste gut genug für Gott sein könne.

Die Trennung der Werke nach katholisch und protestantisch sei nur selten musikalisch nachvollziehbar, sagt Helen Geyer.

Stilistisch gäbe es minimale Unterschiede. Vielmehr handelt es sich in der Regel um eine politische, religiös begründete Trennung und so liegt es nahe, beides miteinander zu präsentieren. Beispielsweise in Rudolstadt, wenn das renommierte Basler Barockensemble Musica Fiorita den Zuhörern neben katholischer Kirchenmusik von Niccolò Jommelli und Johann Adolf Hasse auch den Thüringer Zeitgenossen Johann Melchior Molter – alles aus den Rudolstädter Beständen – zu Gehör bringt. Aber auch Veranstaltungen, die nur eine der beiden Strömungen betonen, sind im Festivalprogramm zu finden. Etwa Christian Fürchtegott Gellerts »Geistliche Oden und Lieder«, vertont von Carl Philipp Emanuel Bach in Eisfeld (14. Oktober, 19.30 Uhr, Rathaussaal) oder zum Abschlusskonzert in Auerstedt, wenn eher der katholische Akzent zum Tragen kommt (15. Oktober, 15 Uhr, Maloca im Schlosspark). Es gehört zum Charakter des Festivals, dass die aufgeführten Stücke auch einen Bezug zu dem Ort haben, an dem sie erklingen. So werden beispielsweise in der Barockkirche im Bad Liebensteiner Ortsteil Steinbach (7. Oktober, 19.30 Uhr) barocke Motetten von Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach zu hören sein, die im Pfarrarchiv des Ortes lagern.

Über die wissenschaftliche Betrachtung des »Soli Deo Gloria«-Anspruchs wird Helen Geyer in Wandersleben auch einen Vortrag halten (1. Oktober, 14 Uhr, Menantes-Literaturgedenkstätte). Sie betrachtet dabei auch, was es im 18. Jahrhundert bedeutete, eine Messe oder einen Gottesdienst zu besuchen. »Es war der Moment, in dem jeder Gläubige den Alltag verlassen hat und in die aufbauende Umgebung der Kirche getreten ist, mit Musik, die sonst nicht zu hören war«, sagt sie. Die Gesellschaft dadurch aufzubauen, war ihrer Ansicht nach die große Leistung der Kirchen jener Zeit.

Mirjam Petermann

www.gueldener-herbst.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Sei mutig und kleide dich mit Demut

26. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus, Vers 5,5 b

Woran erkennt man Christen? An der Kleidung! Kleider machen Leute. Das ist etwas Wunderbares. Von gut angezogenen Menschen sind wir hingerissen. Einen Mann im hübschen Hemd schauen wir gerne an. Eine Frau im perfekten Kleid – wie anmutig. Alles nur Äußerlichkeiten? Nein. Auch Gott ist ein Ästhet! Und er schenkt uns Christen ganz besondere Kleidung. Doch der Reihe nach.

Der Wochenspruch stammt aus dem 1. Petrusbrief. Übersetzt man den ganzen Zusammenhang aus dem Griechischen, so steht dort: Umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander! Denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber schenkt er Anmut. Um Demut geht es also. Wie lernt man Demut? Möglichkeit eins: Indem man Grenzen setzt, schon den Kindern. »Sei nicht so übermütig!«, schallt es durch manches Elternhaus. Die Kindsohren schlackern. Und das Kind zuweilen gleich mit. Anderntags kommt das Kind stolz und freudestrahlend über eine erfolgreiche Leistung nach Haus. Doch irgendwer findet sich immer, der ruft: »Nun lass dir den Erfolg aber nicht zu Kopfe steigen!«

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Das ist eine Möglichkeit, die Demut zu lehren. Demut als Kritik an (vermeintlichem) Hochmut. In einer Welt voll hochmütiger Kindsköpfe und übermütiger Egoisten will man doch wenigstens die eigenen Kinder … Schade ist: Das Dazwischen, die Sache zwischen Demut und Hochmut, der Mut des Kindes selbst, der kommt so zu kurz.

Wie lernt man also Demut? Aus dem 1. Petrusbrief lese ich: Sei selbst mutig und kleide dich mit ihr! Lege dir die Demut morgens bereit wie die Kleider für die Kinder. Sei Vorbild und zieh die Bescheidenheit an wie das hübsche Hemd. Umhülle dich mit der Selbstzurücknahme wie mit dem perfekten Kleid. Den Rest kannst du Gott überlassen.

Vor allem das mit den Hochmütigen – denen wird ER wiederstehen. Dann wird ER dich und deine Lieben und alle, die diese Kleidung tragen, mit lieblicher Anmut beschenken.

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Luther geht immer

21. Juli 2017 von redaktionguh  
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Wandern auf Luthers Spuren: Unter diesem Motto treffen sich vom 26. bis 31. Juli in der Wartburgregion mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Mit dem Reformator hat der 117. Deutsche Wandertag aber wenig am Hut.

Über 20 Kilometer lang ist die Strecke, die Luther bei seiner Entführung auf die Wartburg gegangen sein soll. »Ob es genau auf diesem Weg war, sei mal dahingestellt«, sagt Wanderführer Andreas Matz. Aber denkbar wäre es in jedem Fall. Die Strecke ist die längste der 95 Wanderrouten, die zum Deutschen Wandertag zur Auswahl stehen – die Zahl erinnert nicht zufällig an die 95 Thesen.

Titel-Schuhe-29-2017Von Schweina führt sie über Steinbach zum Luthergrund, dem vermeintlichen Ausgangspunkt der Entführung. Durch den Nordwesten des Thüringer Waldes geht es weiter zur Wartburg. Andreas Matz ist einer von 270 Wanderführern, die das Großevent Wandertag ermöglichen. Er führt sechs der insgesamt 292 Touren, darunter zwei Mal die Strecke von Luthers Entführung. »Man wird nicht umhinkommen, Luther zu erwähnen«, sagt er. Aber: »Es geht vor allem um das Wandern.«

Dem stimmt auch der Superintendent des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen, Ralf-Peter Fuchs, zu. Das Motto bot sich an, »weil in diesem Jahr alles mit Luther sein muss«, meint er. Viele der Touren folgen tatsächlich den Spuren des Reformators, beispielsweise auf verschiedenen Etappen entlang des Lutherwegs. Von Eisenach nach Möhra, dem Heimatort von Luthers Vater etwa, oder eine kulturgeschichtliche Wanderung von Hörschel zum Eisenacher Lutherhaus. Doch die Mehrzahl der Wanderungen verbindet nicht viel mit dem Reformator.

Eisenach ist nach 1888 und 1936 zum dritten Mal Gastgeber des Deutschen Wandertages. Für die Veranstaltung übernahm die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin und Präsidentin des Thüringer Verbandes der Gebirgs- und Wandervereine, Christine Lieberknecht, die Schirmherrschaft. Obwohl der Titel der Veranstaltung durchaus einen christlichen Bezug vermuten lässt, fehlt der im Grußwort der Theologin im Programmheft. Nicht einmal um »Gottes Segen« für diese sechs Tage wird gebeten.

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Apropos Segen: Den haben die Kirchen vor Ort angeboten. Doch ein solcher Wandersegen zu Beginn der Touren wurde abgelehnt. »Damit konnten sie nichts anfangen«, sagt Superintendent Ralf-Peter Fuchs. Im über 200-seitigen Veranstaltungsheft fällt der Abschnitt der Kirchenveranstaltungen mit knapp drei Seiten recht dünn aus. Umso überraschender ist der Verweis auf das Buddhistische Dharmazentrum Möhra an dieser Stelle. Einige, seitens der Gemeinden rechtzeitig gemeldete Veranstaltungen fehlen dagegen. Darunter auch der speziell angebotene Abendsegen für Wanderer, Mittwoch bis Freitag um 19 Uhr in der Annenkirche.

Inhaltliche Akzente will Fuchs vor allem in den zwei ökumenischen Gottesdiensten, am Samstag im Kurpark in Bad Liebenstein und am Sonntag in Eisenach auf dem Elisabethplan, setzen. »Wenn die Wanderer einen inhaltlichen Bezug wollen, werden sie diese Veranstaltungen aufsuchen«, sagt Fuchs. »Und die werden gut«, ist er sich sicher.

Der Superintendent räumt ein, dass im Vorfeld nicht alles ideal lief. Er selbst kam erst nach Eisenach, als fast alle Planungen abgeschlossen waren. Auch für die Kirchengemeinden sei es schwer, über ein Jahr im Voraus zu planen – zudem noch für einen Termin in den Ferien. Deshalb war es Stephan Köhler, Pfarrer der Eisenacher Georgenkirche, wichtig, während der Wandertage auf die Angebote hinzuweisen, die sowieso schon bestehen. Die täglichen Marktkonzerte um 11 Uhr in der Georgenkirche und das anschließende Mittagsgebet um 12 Uhr beispielsweise.

Doch daraus folgt, dass deutliche Spuren lutherischer Theologie und Luthers Wirken für die Wanderer allenfalls in den Museen oder dem Musical »Luther! Rebell wider Willen« des Eisenacher Landestheaters zu finden sein werden.

Mirjam Petermann

Im siebten Himmel – ein Liebesschloss für Gott

11. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

Römer 5, Vers 8

Da sind zwei Menschen. Sie reisen gern. Wir kennen ihre Namen nicht. Wir wissen nur, sie waren einmal in einer großen deutschen Stadt. Einer mit Fluss. Einer mit großer Brücke über den Fluss. Und da waren diese Schlösser. Kleine Vorhängeschlösser. Dutzende, Hunderte, Tausende. In allen Farben. In allen Größen. Schlösser über Schlösser. An Geländern. Schlösser der Erinnerung.

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Da sind zwei Menschen. Sie mögen sich. Jetzt sind sie wieder in Bad Liebenstein. Wir kennen ihre Namen nicht. Wir kennen nur die Initiale. P. und A. schlendern Arm in Arm durch den Kurpark. Den neuen, der klein-mondän daliegt. Mitten im Ort. Da ist auch eine Brücke. Sie sind sich ganz sicher. Jetzt. Hier soll es sein! Hier wollen sie ihre Herzen zusammenschließen. Sie nehmen das Schloss, öffnen es, geben sich dankbar einen langen Kuss und dann lassen sie es zuschnappen. »P+A« steht darauf. Ein Schloss der Erinnerung.

Da ist ein Mensch. Seinen Namen kennen wir. Paul heißt er. Und Single ist er. Paul läuft durch den Kurpark in Bad Liebenstein. Denn Paul reist gern. Und Paul beobachtet gern. Er biegt auf die Brücke ein. An den Geländern links und rechts: Bald zwanzig, bald dreißig kleine Vorhängeschlösser. Die umschließen die Eisenrohre der Geländer. Und tragen kleine Aufschriften. »Kim & Mirko«, »P+A«, »Für meine Göttin«, »D. ILD M.« Und überall sind kleine Herzen darauf.

Paul denkt gern. Was diese Schlösser wohl bedeuten? Er kennt das mit den Liebesschlössern nicht. Da zuckt es ihm durch den Kopf. Da strahlt er übers ganze Gesicht. Er ist sich ganz sicher! Ja! So muss es sein! Er hat das doch vor Jahren schon mal aufgeschrieben: »Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.«

Tags drauf kommt er wieder. Er nimmt das Schloss, spricht ein Dankgebet und graviert: »P. & Gott. Danke JC«. Dann lässt er es zuschnappen, das Schloss der Erinnerung.

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Kreisverkehr und runder Tisch – die Urform der Gemeinde

9. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Epheser 2, Vers 19

Kirchenmenschen mögen Stuhlkreise. Wahrscheinlich wegen der Gleichberechtigung. Alle sind Mitbürger und Gottes Hausgenossen, mit gleicher Anerkennung im Haus Gottes. Kirchenmenschen mögen aber auch Tische. »Och nö, nicht schon wieder Stuhlkreis«, sagte kürzlich eine Kollegin auf einer Fortbildung. »Ich möchte bitte einen Tisch!« Soll sie haben, denke ich. Aber wie er da so steht, allein im Stuhlkreis – sieht er ziemlich öde aus. Und ziemlich blöde fühlt sich auch die Kollegin, wegen der Sonderbehandlung. Schade, doofe Idee.

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Betrachte ich unsere Gesellschaft, denke ich: Aus gleichberechtigt Reden ist gleichberechtigt Fahren geworden! Kreisverkehr statt runder Tisch. Toll, nicht wahr, wie viel schicke Kreisverkehre wir in den letzten 25 Jahren bekommen haben! Als Autofahrer mögen wir den Kreis. Wir schätzen die Übersichtlichkeit und Einfachheit am Kreisel. Gleiches Recht für jedes Auto. Ein eleganter Verkehrsfluss, der sich wie von selbst ergibt. Fast ohne Regeln.

Nicht mehr nur Gast und Fremdling sein, sondern vollwertig dazugehören. Was wäre, wenn Gott wirklich das Runde mag? Vielleicht ist Gottes Haus rund gebaut, anders als unsere eckigen Gebäude und Räume. Eher so wie mancher neuer Kirchenbau. Wie die kleine Kapelle in Mark Zwuschen (Kirchenkreis Wittenberg) zum Beispiel. Vielleicht ist das Runde die Urform der christlichen Gemeinschaft. Und wir stehen deswegen beim Abendmahl im Kreis.

Es gab mal große, runde Tische. Die hat man benutzt, als man vor 25 Jahren gleichberechtigt reden wollte. Als die Situation recht verfahren war, hier bei uns. Und ich finde: Nehmen wir unsere Kreisverkehre als Vorbild. Seien wir weniger Auto und mehr Mensch. Holen wir die runden Tische von den Dachböden. Stellen wir sie in unsere Küchen, unsere Kirchen, unsere Häuser. Leben und arbeiten wir am runden Tisch. Meiner Kollegin zuliebe werde ich es ausprobieren.

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Fürchte dich nicht … Oder: Wie ich mein Trauma überwand

2. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Jesaja 31, Vers 1

Als Vikar hatte ich kürzlich in einer Schule Religion zu unterrichten. »Ich stelle mich am ersten Tag dem Direktor vor«, sagt mir der gesunde Menschenverstand. »Schuldirektoren sind böse. Denen willst du nicht begegnen«, sagte mein Herz.

Manche Traumata sitzen tief. Bei mir ist es das Direktoren-Trauma. In meiner Erinnerung sind Schuldirektoren Menschen mit überlauter Stimme, bedrohlich großem Schlüsselbund und langen, schweren Ketten. Die Stimme: »Absteigen!« im Morgengrauen am Schulhof, auch wenn man das Fahrrad schob. Die Ketten waren für alle, die sich erdreisteten, das Fahrrad falsch zu parken. Die Parkregeln waren das Geheimnis des Direktors. Die Falschparker erhielten eine namentliche Durchsage in der großen Hofpause. Peinlich!

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein

Zeitsprung – erster Schultag als Vikar. Fürchte dich nicht … Ich bin zu Fuß gekommen, aus Vorsicht. Nun ziehen zwei schlotternde Knie die Stufen eines Südthüringer Gymnasiums hinauf. Guten Tag. Immer schön lächeln und weiter. Nochmal schnell aufs Klo. Wenigstens ein sicherer Ort, bevor es ernst wird. Als ich die Toilettentür öffne, kommt ein jung-dynamischer, freundlicher Mann heraus. Und huscht vorbei.

Zwanzig Minuten später. Ich sitze in meiner Klasse an der Seite. Ich soll erst einmal hospitieren.

Da geht die Tür auf und der freundliche Mann von eben tritt herein. Schülerinnen und Schüler schauen fröhlich auf. Der Mann grüßt die Lehrerin, bittet um Verzeihung für die Störung und kommt auf mich zu. »Guten Tag, ich bin der Direktor.« Dann begrüßt er mich mit Namen. »Ich wollte Sie gleich am ersten Tag willkommen heißen! Ihre Kolleginnen haben einen kleinen Empfang für Sie vorbereitet, im Anschluss an diese Stunde. Und dann kommen Sie später gern zu mir. Wir freuen uns, dass Sie da sind!« Ich bin erleichtert. Fürchte dich nicht …

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

»Hier ist was los«

22. April 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Im Porträt: Die Kirchengemeinde Schweina

Hier ist viel los – einfach schön«, sagt Norbert Endter, Pfarrer in Schweina (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Matthias Danz und Erhardt Berndt nicken zustimmend. »Die Menschen sehen von sich aus, was nötig ist. Wir empfinden dieses Engagement und das gute Miteinander als ein Geschenk Gottes, für das wir dankbar sind.«

Die Aufzählung der ehrenamtlichen Aktivitäten ist lang. So sei es kein Problem gewesen, im vergangenen Jahr die nötigen Kandidaten für den zehnköpfigen Gemeindekirchenrat des Kirchspiels Schweina-Witzelroda aufzustellen. Zum Vorsitzenden für die neue Legislaturperiode wurde Matthias Danz gewählt. Das damit verbundene Vertrauen habe ihn zutiefst berührt, merkt der 40-jährige Rechtsanwalt an. Erhardt Berndt, von Beruf Steuerberater, ist seit 30 Jahren dabei und nun Dienstältester.

Mit Dank verabschiedet wurden nach langer Mitarbeit Maria Petzold und Bernd Wangemann, der diesem Gremium 40 Jahre angehörte. Als Leiter des Kirchenchores und als Lektor bleibt Bernd Wangemann aber weiter aktiv. Seine Frau, Ute Wangemann, lädt zusammen mit einem Frauenteam jeden zweiten Sonnabend im Monat zu einem Kindervormittag ins Gemeindehaus ein. Etwa 15 Kinder nehmen dieses Angebot gern an, zumal ein gut vorbereitetes und abwechslungsreiches Programm auf sie wartet.

Sie arbeiten vertrauensvoll zusammen: Matthias Ganz (v. li.), Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Schweina, Pfarrer Norbert Endter und Erhardt Berndt, Mitglied im Gemeindekirchenrat. Foto: Thomas Schäfer

Sie arbeiten vertrauensvoll zusammen: Matthias Ganz (v. li.), Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Schweina, Pfarrer Norbert Endter und Erhardt Berndt, Mitglied im Gemeindekirchenrat. Foto: Thomas Schäfer

Seit etwa 20 Jahren gibt es einen Gospelchor im Ort, und der Posaunenchor besteht bereits 60 Jahre. Unter der ehrenamtlichen Leitung von Uwe Mägdefrau musizieren hier zwölf Bläser. Damit das auch so bleibt, baute Günter Zimmer unter den Konfirmanden eine Nachwuchsgruppe auf. Fünf ehrenamtliche Organisten, von der Studentin bis zum Pensionär, sorgen dafür, dass der Gemeindegesang nie ohne Begleitung bleibt. Im Januar wird ein entsprechender Jahresplan erarbeitet.

Jede zweite Woche ist Gemeindenachmittag. Sicher sei das ein wichtiger Treffpunkt, der besonders von den Senioren in großer Zahl angenommen wird. Es gibt Kaffee und Kuchen, und der Pfarrer bietet ein Thema an. Auf eine gesprächsfähige Gruppe, die ihm sehr wertvoll sei, treffe er auch beim monatlichen Bibelabend, »aus dem ich beschenkt herausgehe«. Er nehme für die Predigt am nächsten Sonntag viel mit, denn die Menschen möchten nicht angepredigt werden, sondern Gottes Wort für ihren Alltag erfassen.

Ein Problem sieht die Gemeindeleitung in den Besucherzahlen am Sonntag. »Wir haben so viele aktive Leute, die sich in Gruppen engagieren und jederzeit helfend für ihre Kirchengemeinde da sind. Doch am Sonntagvormittag versammeln sich nur 20. Das ist eine Diskrepanz, die wir auflösen möchten.« Und Pfarrer Endter unterstreicht: »Bei allen Aktivitäten muss der lebendige Glaubensbezug deutlich werden.«

An die 3 500 Einwohner zählt Schweina, knapp ein Drittel gehört zur evangelischen Kirchengemeinde. Politisch ist der Ort ein Stadtteil von Bad Liebenstein. Hier habe er derzeit die Vakanzverwaltung inne, so Pfarrer Endter. Bad Liebenstein und Schweina seien zwei gleichstarke und gleichgroße Orte mit viel Selbstbewusstsein. Die Kurstadt – scherzhaft Bali genannt – und das unmittelbar angrenzende Schweina, das einst deutschlandweit für seine Pfeifenproduktion bekannt war. Heute prägen Kleinbetriebe, Handwerk und Dienstleistungsgewerbe das wirtschaftliche Bild. Die Fleischerei Uehling beispielsweise ist hier seit 80 Jahren ansässig. Im Laden steht Hannelore Malsch. Sie führt den Familienbetrieb weiter und übernahm vom Großvater noch die andere Tradition: als Kirchenälteste Verantwortung zu übernehmen. Im neuen Gemeindekirchenrat ist sie nun die einzige Frau. »Wir packens schon«, lautet ihr Kommentar, freundlich und mit ruhiger Selbstverständlichkeit.

Gepflegt und baulich in bestem Zustand präsentieren sich Kirche, Gemeinde- und Pfarrhaus. Weil immer etwas zur Erhaltung der drei Gebäude getan wurde, sei es nie zu einem übergroßen Sanierungsstau gekommen. In diesem Jahr nun soll für rund 8 000 Euro die Elektroinstallation der Kirche erneuert werden. Und auch die Trockenlegung der Kirchmauern hat man in den Blick genommen.

»Hier sitzen die richtigen Leute an einem Tisch, und wir haben die Aufgaben gut verteilt«, blickt Matthias Danz optimistisch und mit Schwung in die Zukunft.

Uta Schäfer