Eine besondere Verbindung

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Mehr als 4,7 Millionen Handwerker in Deutschland fragen sich, was die Welt ohne sie wäre. Und es kommt die Frage auf: Was wäre das Handwerk ohne die Kirche?

 

Engagiert: Tischlermeister Jörg Ritschel begleitet als Kirchenältester mit Sachverstand das Baugeschehen an der Kirche in Tiefurt bei Weimar.	 (Foto: Maik Schuck)

Engagiert: Tischlermeister Jörg Ritschel begleitet als Kirchenältester mit Sachverstand das Baugeschehen an der Kirche in Tiefurt bei Weimar. (Foto: Maik Schuck)

Handwerk und Kirche sind seit ihren Anfängen fest miteinander verbunden. »Wenn das Handwerk gefragt ist, dann bei uns«, betont Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger. Vor allem für mittelständische Handwerksbetriebe ist die Kirche ein wichtiger Auftraggeber. Im Vordergrund steht die Individualität, denn Reparaturen, Restaurationen und Neuanfertigungen verlangen oft nach filigraner und gekonnter Handwerkskunst. Beauftragt werden Experten, von denen es meist nur noch wenige gibt. Sie sind Goldschmied, Gürtler, Tischler oder Glaser, meist gebunden an die Familientradition und geübt in alten Techniken.

»Wenn es in den 4031 Kirchen und Kapellen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) etwas zu tun gibt, sind keine Serienanfertigungen gefragt«, sagt Rüttinger, der das Baureferat im Landeskirchenamt in Eisenach leitet. Die meisten kirchlichen Bauwerke stehen unter Denkmalschutz. »Ich sage immer: Wenn wir einen Euro von der Denkmalschutz­behörde bekommen, dann wird für sechs Euro gebaut«, erklärt Rüttinger.

Für Bettina Seyderhelm ist die Symbiose von Kirche und Handwerk eine Frage der Abwägung. »Wir haben es mit wertvollem Kunst- und Kulturgut zu tun und müssen genau festlegen, wo der Handwerker gefragt ist und wo der Fachrestaurator«, sagt die Fachreferentin für kirchliches Kunstgut, die für Sachsen-Anhalt sowie Teile Brandenburgs und Sachsens zuständig ist.

Rund 150.000 Ausstattungsgegenstände aus zehn Jahrhunderten befinden sich im Besitz der Kirchengemeinden der EKM, darunter wertvolle Altäre, Taufsteine, Skulpturen, Kruzifixe und Gemälde. »Sie haben einen künstlerischen, geschichtlichen und materiellen Wert«, weiß Seyderhelm. »Die alten Kunstformen verlangen einfach nach alten Handwerkstechniken.«

Arbeiten an einem mehrere Hundert Jahre alten Altar oder einem kunstvoll verglasten Kirchenfenster können nur von erfahrenen Experten fachgerecht ausgeführt werden.

Erfahrungen, die auch Klaus Wellmann von der gleichnamigen Tischlerei und Restauratorenwerkstatt aus Salzwedel die Zugehörigkeit zu diesem elitären Handwerkerkreis erlauben. Der Tischlermeister aus der Altmark hat vor fast 15 Jahren die Spezialisierung zum »Restaurator im Tischlerhandwerk« gemacht und ist seitdem ein gefragter Dienstleister. Kirchentüren, Chorgestühle, Orgelprospekte oder Füße von Taufbecken – jeder Auftrag ist eine ganz besondere Herausforderung für den 43-Jährigen.

»Die Arbeit ist sehr reizvoll und man hat manchmal das Gefühl, schöpferisch tätig zu sein«, sagt er. Die Zusammenarbeit mit Fachrestauratoren aus ganz Deutschland schätzt der Handwerker sehr. »80 bis 90 Prozent der Aufträge unseres kleinen Familienbetriebs liegen in der Restaurierung«, sagt Wellmann. Viele davon realisiert er in pittoresk ausgestatteten Dorfkirchen.

Auch Malermeister Dieter Volkland aus Eisenberg in Thüringen hat fast sein ganzes Handwerker-Leben der denkmalbezogenen Bauwirtschaft und der Kirchenrenovierung gewidmet. Der gelernte Kirchenmaler hat in mehr als 50 Kirchen gearbeitet.

»Es sind ganz besondere, spezielle Aufgaben«, sagt der 73-Jährige. »Die eine Kirche ist reich geschmückt, die andere wieder ganz nüchtern.« Sein handwerkliches Können hat er vielfach unter Beweis gestellt: Aufwendige Putzarbeiten, Vergoldungen, Stuckreparaturen oder die Freilegung überstrichener Wand- und Deckenmalereien gehörten zum Repertoire des Handwerksmeisters. »Allein über das Malerhandwerk in Kirchen kann man ein ganzes Buch schreiben«, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Den Familienbetrieb hat er ganz traditionell an seine Tochter übergeben. »Wir waren schon immer Kirchenmaler und Denkmalpfleger aus Passion«, sagt er. »Und werden es auch bleiben.«

Sabrina Gorges

Kampf um ein Wahrzeichen

3. Februar 2011 von redaktionguh  
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Das Schicksal des schiefen Turms von Bad Frankenhausen ist ungewiss. (Foto: Jaqueline Schulz)

Das Schicksal des schiefen Turms von Bad Frankenhausen ist ungewiss. (Foto: Jaqueline Schulz)


In Bad Frankenhausen mühen sich Stadt und Förderverein um den Erhalt des Oberkirchturms.

Für die einen ist er das Wahrzeichen der Stadt. Für die anderen eine tickende Zeitbombe. Ohne Zweifel: Der Turm der Oberkirche ist ein prägender Teil im Stadtbild von Bad Frankenhausen. Darüber herrscht durchaus Einigkeit. Strittig ist die Frage, ob der »schiefste Turm Deutschlands« ­erhalten werden kann. In den letzten 18 Jahren wurden etwa 1,4 Millionen Euro investiert. Das konnte nicht verhindern, dass er sich weiter senkt.

Im April 1382 war die »Kirche Unserer Lieben Frauen am Berge«, auch Oberkirche oder Bergkirche genannt, fertiggestellt worden. Sie erlebte den Bauernaufstand, dessen letzte Schlacht in der Nähe tobte, erfuhr Blessuren im Dreißigjährigen Krieg. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Turmspitze Opfer eines Feuers. Die Oberkirche teilt somit das Schicksal vieler Kirchen, die immer wieder Schaden nahmen, die immer wieder mit viel Engagement aufgebaut wurden.

Doch etwa im Jahre 1908 sackte östlich der Kirche die Erde weg. Gebäude und Turm kamen in eine wörtliche Schieflage. 1911 wurden zwei Strebepfeiler aus Sandsteinquadern gegen die Turmneigung angebracht.

1925 wurde die Kirche baupolizeilich gesperrt. Für den Abriss fehlte das Geld. Schließlich wurde der Turm mit Ringankern gesichert.

1962 musste das Schiff abgerissen werden, die Kirche wurde entwidmet.

Dem Engagement des Fördervereins, der sich 1992 gründete, ist es zu danken, dass der Turm bis heute steht. Aber nun scheint seine Zeit abgelaufen zu sein. Oder gibt es doch eine Rettung?

Am 26. Januar lud die »Thüringer Allgemeine« zu einer Podiumsdiskussion mit Vertretern der Stadt, der Kirche sowie des Denkmalschutzes ein. Der kleine Saal im Hotel »Residenz« ist bis auf den letzten Platz besetzt.

Die Fakten liegen klar auf dem Tisch. »Der Turm ist nach den bisherigen Berechnungen akut gefährdet«, sagt Sören Hauskeller von der Kreisbauverwaltung. Die Kirche als Eigentümerin habe die Auflage, den Turm bis zum 30. Juni abzureißen oder zu sichern. Eine wirkliche statische Lösung liege bisher noch von keiner Firma vor, obwohl seit fünf Jahren danach gesucht wird.

Ein Prüfstatiker habe ein Messinstrument eingebaut, damit er jeden Tag die Veränderungen beobachten kann. Nicht die sechs Zentimeter Neigung jährlich seien das Problem, sondern das, was im Untergrund passiert. »Der ist wie ein Schweizer Käse«, so Hauskeller. »Der größte Hohlraum von 90 Kubikmetern kann jeden Moment einbrechen.«

Auch Propst Reinhard Werneburg, Regionalbischof für Eisenach-Erfurt, sieht das Damoklesschwert über der Stadt schweben. Trotz Sicherungsmaßnahmen habe sich der Turm innerhalb von 18 Jahren noch einmal um 56 Zentimeter gesenkt. Die jetzige Neigung, so Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger, sei über 4,50 Meter von der Turmspitze. Er erläuterte, dass der Turm nicht fallen würde, sondern durch die Ringanker bersten. Eine kleine Explosion sozusagen.

Die evangelische Kirche braucht eine Lösung.

Sie hat zudem mit der Unterkirche eine große Aufgabe vor sich. Diese ist das geistliche Zentrum von Bad Frankenhausen und stark ­sanierungsbedürftig. Dort wird jeder Euro benötigt, sagt Werneburg.

Der Stadtrat hatte im Herbst beschlossen, den Turm nach der Sanierung zu übernehmen – für einen Euro als symbolischen Kaufpreis, informiert Bürgermeister Matthias Stejc. Er kämpft für den Erhalt des schiefen Turmes als Touristenattraktion.

Der ehemalige Superintendent von Bad Frankenhausen, Dieter Bornschein, fand nachdenkliche Worte: »Ich verstehe die Frankenhäuser.« Doch wenn Menschenleben bedroht seien, müsse man handeln. »Aus der Oberkirche kann man mehr machen, auch wenn sie nicht mehr Wahrzeichen ist«, zeigt sich der 82-Jährige überzeugt. Die Denkmalpflege hält sich bedeckt.

Stefan Biermann vom Thüringer Kultusministerium bestätigt zwar die Notwendigkeit, Denkmale zu erhalten. Aber es müsse technisch möglich und zudem finanzierbar sein. »Die Schieflage eines Turmes ist da kein Kriterium.«

Die Stadtväter hoffen trotz allem auf eine Sanierung. Doch die Lage ist sehr unsicher, auch weil sich kein Geologe oder Statiker auf Garantien festlegen kann und will. Niemand weiß, ob es nicht weitere Hohlräume gibt, die das Gebäude gefährden.

Bis Ende Mai wollen Förderverein und Stadt eine Million Euro Spenden sammeln. Wenn das nicht gelingt, ist das Schicksal des schiefen Turms von Bad Frankenhausen besiegelt.

Dietlind Steinhöfel

www.der-schiefe-turm.de

Wer baut, ist nie fertig

10. September 2010 von redaktionguh  
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Seit 1990 legten viele Kirchen im mitteldeutschen Raum ihr graues Kleid ab. Anlässlich des Denkmaltages bat »Glaube+Heimat« Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt, um eine Bilanz.

Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt

Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt

Herr Rüttinger, in den letzten 20  Jahren ist in Mitteldeutschland so viel an Kirchen gebaut worden wie wohl nie zuvor. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Rüttinger: Es ist tatsächlich enorm viel gebaut worden in den vergangenen Jahren. Wir hatten einen riesigen Sanierungsstau, der selbst in 20 Jahren nicht aufgearbeitet werden konnte. Mit 3980 Kirchen ist die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zudem eine der kirchenreichsten Landeskirchen.

Darüber hinaus existiert ein Nord-Süd-Gefälle. In Thüringen fällt die Sanierungsbilanz besser aus als etwa in Sachsen-Anhalt.

Aber vom Verfall bedrohte Kirchen gibt es doch kaum noch. Ist in der EKM also baulich alles in Ordnung?
Rüttinger: Nein, in Ordnung ist es natürlich nicht. Wir haben noch 2,5 Prozent Kirchen, die nicht genutzt werden. Aber auch an anderer Stelle ist der Sanierungsbedarf weiterhin hoch. Wir rechnen insgesamt mit zwei Dritteln unserer Kirchen, an denen weiter gearbeitet werden müsste.

Erscheint es Ihnen vorstellbar, eine Kirche aufzugeben, wenn sie nicht mehr gebraucht wird?
Rüttinger: Es wird Kirchen geben, die nicht saniert werden, weil es keinen Sinn mehr macht. Ich schät­ze, dass dies derzeit etwa die Hälfte der nicht genutzten ­Kirchen betrifft. Wir werden den Gemeinden zwar empfehlen, die Gebäude zu verkaufen, doch in der Regel gibt es dafür keine Interessenten. Da stellt sich mancherorts zum Abriss keine Alternative. Das hat es übrigens immer in der Geschichte gegeben.

Heute kümmern sich verstärkt auch Kirchbauvereine um den Erhalt der Gebäude. Danach steht vielfach die Frage: Was soll mit den sanierten Kirchen passieren?
Rüttinger: Es ist tatsächlich erstaunlich, wie viele Vereine sich hier engagieren. Als wir zum Treffen der Kirchbauvereine eingeladen hatten, waren es 170 Vereine in Thüringen und 360 im nördlichen Bereich der EKM, die uns bekannt waren. Die Kirchbauvereine spielen auch bei der Frage der Nutzung eine große Rolle. Natürlich sind wir für eine Mehrfachnutzung und es gibt einige Beispiele, wo das bereits gut funktioniert. Aber hier liegt natürlich auch ein Konfliktpotential.

Experten empfehlen, Kirchengebäude nicht nur als religiöse, sondern auch als öffentliche Räume aufzufassen. Ist die Nutzung mit der Kommune ein Ausweg?
Rüttinger: In den kleinen Dörfern verfügen die politischen Gemeinden oft über keine eigenen Räume  und sind froh, die Kirche mit nutzen zu können. Ich denke beispielsweise an Rödigen bei Jena. In der kleinen Dorfkirche halten es Kirchengemeinde, Sportverein, Bürgerversammlung oder Familienfeiern seit 15 Jahren sehr gut miteinander aus. Oder Stedten bei Weimar, Rannstedt bei Apolda und die Neumarktkirche in Merseburg, wo neben der Gemeinde auch Pilger eine einfache Herberge finden.