Ein schwieriges Thema

26. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ökumenische Bibelwoche: Das Hohelied Salomos steht dieses Jahr im Mittelpunkt. »Sexuelles Begehren« als Thema für einen Gemeindeabend löst Verwunderung aus. Doch unsere Sexualität ist Teil von Gottes Schöpfung.

In über 50 Jahren hat Karl-Helmut Hassenstein keine Bibelwoche ausgelassen. Seit 1966 ist der mittlerweile pensionierte Oberpfarrer aus Dröbischau im Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld immer Anfang des Jahres in Kirchen und Gemeindehäusern unterwegs, um mit Interessierten in der Bibel zu lesen, die Texte auszulegen und Gedanken darüber auszutauschen.

Titel-Artikel-04-2018

Erotik in der Bibel: Das »Lied der Lieder« aus dem »Buch der Bücher« steht dieses Mal im Zentrum der Ökumenischen Bibelwoche in den Kirchengemeinden. In der poetischen Sprache werden die Brüste der Geliebten mit jungen Gazellen verglichen, das Haar mit einer Herde Ziegen, die auf einem Berghang weidet. Foto: photo 5000 – stock.adobe.com

Bis kurz vor Ostern ist er dazu diesmal in den Orten Meuselbach, Königssee, Herschdorf, Oberhain, Langewiesen, Gehren, Gräfenthal und Katzhütte. Die Resonanz ist unterschiedlich. Mal sitzen nur drei oder vier Gemeindemitglieder da. Aber das stört ihn nicht. Gerade in einer kleinen Gruppe seien intensive Gespräche über Bibel und Glauben möglich.

Vor 83 Jahren wurde die deutschlandweite Bibelwoche ins Leben gerufen. Zur nationalsozialistischen Ideologie der Deutschen Christen sollte durch die intensive Beschäftigung mit dem Wort Gottes ein Gegengewicht geschaffen werden. Die Initiatoren aus der Bekennenden Kirche übernahmen damit 1935 Ansätze aus dem Pietismus und der Bibelbewegung des 19. Jahrhunderts. Nach dem Krieg verbreitete sich die Idee der Bibelwoche und war damit in vielen Kirchengemeinden der erste Höhepunkt des neuen Jahres.

Seit 1964 werden die Bibelwochen zusammen mit katholischen Christen veranstaltet. Auch nach der Teilung Deutschlands blieb die gesamtdeutsche Arbeitsgemeinschaft dieser Reihe erhalten, erinnert sich Hassenstein. Die Gemeindehefte von damals, die in hoher Auflage gedruckt wurden, existieren zum Teil noch heute. Die Auswahl der Themen treffen heutzutage die Deutsche Bibelgesellschaft, das Katholische Bibelwerk und der Arbeitskreis Missionarischer Dienste. Beim Gemeindedienst der EKM gingen diesmal Bestellungen für insgesamt 8 212 Gemeindehefte ein. Bislang schickte Hassenstein zum Beginn der Bibelwochen-Zeit im Januar einen Text an die Kirchenzeitung, in dem er zum Thema und dem vorgesehenen Bibeltext ein paar Gedanken formulierte. In diesem Jahr ist der Beitrag ausgeblieben. Hassenstein hatte sich bei einem Sturz verletzt.

Im Gespräch verrät er, dass er den vorgegebenen Abschnitt – Das Hohe­lied Salomos aus dem Alten Testament – schwierig findet. Die erotische Lyrik und das Thema »Sexuelles Begehren« sind doch etwas sehr Intimes. Die Bibelwoche zu Hiob sei da einfacher gewesen. Viele konnten sich mit dem Leiden der biblischen Person identifizieren. Aber, so glaubt Hassenstein, jedes biblische Buch hat ein Recht, in der Bibelwoche behandelt zu werden. Und schließlich sei es ein Text der Bibel und deshalb werde er sich daran machen und die Texte auslegen. Im Prinzip gehe es um die Liebe Gottes zu uns Menschen. Gott schenke uns Liebe, damit wir sie weitergeben können.

Im Gegensatz zu früher, stellt der pensionierte Pfarrer fest, sei es längst nicht mehr üblich, dass in den Gemeinden Bibelwochen angeboten würden. Oft liegt es daran, dass die Besucher ausblieben oder die Theologen fehlten.

Falk Oesterheld aus Mechelroda (Kirchenkreis Weimar) sind die Bibelabende ein Bedürfnis. Er öffnet dafür seine Wohnung und lädt im Kirchengemeindeverband Buchfart-Legefeld dazu ein. »Das geistliche Leben muss man nicht nur auf die Kirche und Gemeinderäume beschränken«, erklärt er. Pfarrer Joachim Neubert wird am 20. Februar die Liebespoesie der Bibel auslegen. Da in der Dorfkirche nur noch selten Gottesdienst gefeiert werde, sieht er den Bibelabend als gute Gelegenheit, mit Menschen über Texte aus dem Alten und Neuen Testament ins Gespräch zu kommen. Acht bis zehn Gemeindeglieder aus Mechelroda und den umliegenden Orten kommen dazu.

Bei den teils schwierigen Bibeltexten entwickelten sich schon mal heftige Streitgespräche. Am Ende verstehe es aber der Pfarrer immer, einen versöhnlichen Abschluss zu finden. Bislang seien alle beim nächsten Mal wieder gekommen.

Willi Wild

www.gemeindedienst-ekm.de/gemeindeaufbau/bibelwoche

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»Wer singt, betet doppelt«

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ursprung aller Musik ist die Anbetung Gottes in Tönen

Dieser Satz wird dem alten Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, aber auch Martin Luther soll ihn geäußert haben. Es ist zu vermuten, dass dieser ihn bereits als Augustinermönch verinnerlicht hat. Der Reformator wusste genau, was er tat, als er seine wichtigsten Botschaften in Lieder verpackte. »Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich«, beschreibt er ihre Bedeutung für Glaube und Gemüt.

Luther war ein geübter Sänger und Lautenspieler. In seinem Werk als Lieddichter und Tonschöpfer hat er die reformatorischen Glaubenssätze in einer mitreißenden Musiksprache verbreitet. Dafür sprechen »Ohrwürmer« wie der zündende Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«. Seine Lieder sowie die seiner Wegbegleiter entfalteten große Wirkung bei der Ausbreitung der Reformation.

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Die Bibel ist voll von Gesang und Musik. Ganze Bücher sind in Form von Liedern geschrieben – so etwa die Psalmen oder das Hohelied Salomos. Aus dem synagogalen Gottesdienst des Judentums stammt die Tradition, biblische Gebetstexte nicht einfach sprechend zu deklamieren, sondern singend vorzutragen. In der christlichen Praxis entstanden aus Gebetstexten immer kunstvollere Melodien. Stand am Anfang zunächst der Sprechgesang auf einem einzelnen Ton, ergaben sich in der Folgezeit aus der Betonung bestimmter Silben Melodiefloskeln, die zu ausgefeilten Melodiefolgen weiterentwickelt wurden. Ein schönes Beispiel dafür ist die im neunten Jahrhundert entstandene gregorianische Antiphon »Da pacem, Domine«, die Luther 1529 nachdichtete. Unter der Nr. 421 ist die deutsche Nachdichtung des Reformators bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG) zu finden: »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

So entstanden Hunderte von Gebetsmelodien. Über einen langen Zeitraum wurden diese mündlich überliefert. Die Kantoren kannten sie auswendig und brachten sie jeweils ihren Gemeinden und Nachfolgern bei. Um ihren Fortbestand zu sichern, begann man, sie aufzuzeichnen. So entstanden die sogenannten »Neumen«. Das griechische Wort »Neuma« (deutsch: »Wink«) umschreibt, dass der melodische Verlauf mit Symbolen bzw. Handzeichen angezeigt wurde.

Mit der Entwicklung des Notenliniensystems wurde es möglich, genaue Tonhöhen zu notieren. Aus dem freien Fluss des am Sprechrhythmus orientierten gregorianischen Chorals entwickelten sich nun feste Rhythmen. So war es möglich, den Gesang einzelner Stimmgruppen oder Instrumente zu koordinieren! Damit war die Basis für mehrstimmige Musikwerke geschaffen, von denen bis heute unzählige geschaffen wurden. Dabei sollte nicht verdrängt werden: Der Ursprung aller Musik ist das gesungene Gebet.

Michael von Hintzenstern

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Die Zugewinngemeinschaft

10. November 2017 von redaktionguh  
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Positiver Trend: Erstmals seit 15 Jahren wurden im vorvergangenen Jahr in Deutschland wieder mehr als 400000 Ehen geschlossen. Im Gegenzug dazu ließen sich seit 2008 jährlich weniger Paare scheiden.

Die Zahlen und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Juli dieses Jahres durch den Bundestag könnte als Indiz gelten, dass die Ehe gerade eine enorme Aufwertung erfährt. Dass sie eine erstrebenswerte Verbindung sei, die es wert ist, allen ermöglicht zu werden.

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Doch schließen Paare mit Anfang 20 den Bund fürs Leben, werden sie nicht selten in ihren Familien oder ihrer Umgebung belächelt und als unwissend und blauäugig bezeichnet. Dies zeigt die fundamentale Veränderung der Ehe als Wert deutlich. War sie einst Grundlage des Zusammenlebens und Ausgangspunkt der Familiengründung, ist sie nun häufig zum Sahnehäubchen geworden, das eventuell dazu kommt, wenn das Haus gebaut ist und die Kinder bereits da sind.

Fast über Nacht wurde der Begriff »Ehe« im deutschen Recht umgedeutet, sodass nicht mehr Mann und Frau der Stand der Ehe vorbehalten ist, sondern ebenso Mann und Mann und Frau und Frau eine Ehe eingehen können. Was im staatlichen Bereich Realität ist, soll es nun auch im kirchlichen werden. In den einzelnen Landeskirchen sehen die Regelungen sehr unterschiedlich aus.

In der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz oder der badischen Landeskirche beispielsweise ist die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare der traditionellen gleichgestellt. In den Landeskirchen in Bayern, Braunschweig und Oldenburg sind lediglich Segnungen möglich, die teilweise nicht öffentlich sein sollen und in jedem Fall von einer Trauung zu unterscheiden sein müssen.

In der Landeskirche Anhalts entscheiden Gemeinde und Pfarrer gemeinsam über eine Segnung homosexueller Paare. Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist es seit 2012 möglich, dass Paare, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben, in einem Gottesdienst gesegnet werden können. Bereits im Frühjahr forderte jedoch die Evangelische Jugend der EKM die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Trauung von Mann und Frau gleichzustellen. Für sie ist die Unterscheidung diskriminierend und die Aufrechterhaltung eines Zwei-Klassen-Segens. Aktuell liegt die Thematik dem Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau zur Beratung vor.

Langes Ringen um eine Erklärung zum Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren gab es auch innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie veröffentlichte dazu Ende September ein Positionspapier. Das Fazit: Nach Ansicht der Evangelischen Allianz können »homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden«.

Von der Bibel, als »verbindlicher Maßstab in allen Fragen des christlichen Glaubens und der Lebensführung« ausgehend, werde die Ehe »als eine gute Stiftung Gottes« betrachtet, »in der Mann und Frau einander ganzheitlich – inklusive der geschlechtlichen Gemeinschaft – zugeordnet sind«. Weiter heißt es: »Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar.« Abschließend wird aber auf die »vorbehaltlose Annahme aller Menschen« im Evangelium verwiesen und darauf, dass jeder genauso anzunehmen ist, »wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre«. (Römer 15,7)

Den Status der »Ehe« in unseren Gemeinden und der Gesellschaft zu erfassen, ist eine Herausforderung. Dabei ist die Problematik der Begrifflichkeit genauso schwierig, wie die Frage nach der Relevanz und dem gesellschaftlichen Ansehen dieser verbindlichen Art des Zusammenlebens. »Warum Ehen mit Gott länger halten« betitelte »Die Zeit« in diesem Sommer einen Artikel, der verschiedene Studien vorstellte, die nachwiesen, dass »religiöse Paare ein deutlich geringeres Scheidungsrisiko als Verheiratete ohne Bezug zur Kirche haben«.

Eine Ehe mit Gott zu führen, ist kein Garant für lebenslanges Zusammensein. Aber Gott gibt der Ehe mit seinem Segen einen anderen Stellenwert, der über das bloße Gestalten des gemeinsamen Lebens hinausgeht.

Mirjam Petermann

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Gottes Wort verschenken

1. November 2017 von redaktionguh  
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Mission: In Bad Blankenburg wird die Bibel verteilt

Geschenke sind an besonderen Festen keine Seltenheit. Doch was schenkt man den Menschen zum 500. Reformationtag? Ganz klar: Gottes Wort. Und dieses zu den Menschen zu bringen, das haben sich in diesen Tagen die »Jugend mit einer Mission« (JMEM) in Bad Blankenburg, die Kirchgemeinden vor Ort, die Evangelische Allianz, die Deutsche Bibelgesellschaft und das Zinzendorf Institut vorgenommen.

 Laura Guiste aus den USA übergibt Bob Emberly in Bad Blankenburg eine Bibel. Kostenlos und Segen inklusive. Fotos: JMEM

Laura Guiste aus den USA übergibt Bob Emberly in Bad Blankenburg eine Bibel. Kostenlos und Segen inklusive. Foto: JMEM

10000 Bibeln der neuen Lutherausgabe von 2017 verteilen junge Menschen aus Kanada, Neuseeland, Indien, Bahrain, Puerto Rico, Brasilien, Kachastan, England, Russland, USA und natürlich auch viele junge Menschen aus Deutschland in den nächsten vier Wochen in Bad Blankenburg und 36 umliegenden Dörfern. Dazu bieten sie auch immer an, jedes Haus und jede Familie zu segnen.

Die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche durch Martin Luther hat die damalige Gesellschaft verändert, u. a. die Entwicklung einer allgemeinen deutschen Sprache angestoßen und auch das Bildungssystem, die Kunst, die Architektur, die Wissenschaften nachhaltig beeinflusst.

Die Aktion der JMEM hat in der vergangenen Woche in Zeigerheim und Oberwirbach begonnen. Mit keinem schlechten Ergebnis, berichtete Susanne Chmell vom JMEM. Genau 50 Prozent der Menschen, die sie angesprochen hatten, haben eine Bibel angenommen.

Keinen Katalog, sondern die Lutherbibel bringt Daniel Kalensee aus Bad Blankenburg Steffi Kliesch in Großgölitz. Foto: JMEM

Keinen Katalog, sondern die Lutherbibel bringt Daniel Kalensee aus Bad Blankenburg Steffi Kliesch in Großgölitz. Foto: JMEM

»Es gab Menschen, die erst kein Exemplar wollten, weil sie nicht zur Kirche gehören, aber dann positiv überrascht waren, dass sie trotzdem ein Exemplar kostenlos bekommen. Ein Mann fragte, ob da wirklich nicht noch eine Rechnung nachkommen wird«, berichtet Chmell. Alle Leute, die eine Bibel annahmen, freuten sich auch über die Möglichgkeit von den jungen Menschen gesegnet zu werden.

Wie bedeutend die Aktion ist, zeigen die Begegnungen, die Susanne Chmell und ihre Mitstreiter in den ersten Tagen hatten: »Ein Mann freute sich riesig, weil er geschäftlich viel unterwegs ist und in den Hotels immer mal in den Bibeln liest, die dort auf den Nacht­tischen liegen. Selbst gehört er aber keiner Kirche an. ›Nun hab ich endlich mal eine eigene Bibel zu Hause. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Das finde ich klasse‹, sagte er«, berichtet Susanne Chmell. Eine Frau, so Chmell, sei erst sehr abweisend gewesen und meinte, dass in ihrer Situation ihr niemand helfen könne, auch keine Bibel. Sie berichtete, sie habe einen bösartigen Krebs und kaum Hoffnung.

»Wir haben ihr erzählt, dass die Psalmen Gebete sind, die Menschen in tiefster Not gebetet haben und die einem viel Kraft geben können, wenn man verzweifelt ist«, so Susanne Chmell. Gespräche wie diese verändern. »Am Ende nahm sie doch eine Bibel und eine CD für ihre Enkel und bedankte sich sichtlich bewegt, dass wir gekommen sind.«

Ein Mann sagte: » Mit Glauben hab ich nichts am Hut. Was ist, wenn ich das nicht will?« Darauf erklärten ihm die jungen Menschen, dass sie dann einfach weitergehen würden. Sie empfahlen dem Mann die Bibel dennoch sehr. Man wüsste ja nie, wie diese mal helfen könne.

(G+H)

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Bis zum Morgengrauen

1. November 2017 von redaktionguh  
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Kulturelle Nacht zum Reformationsjubiläum im Deutschen Nationaltheater Weimar

Ist nach einer ganzen Lutherdekade und einem Jubiläumsjahr nicht langsam mal gut mit der Reformation? Aus Weimar heißt es: Nein. Die Reformation geht weiter. Sie dauert an und reicht weit über Kirchengrenzen hinaus. Um das zu bedenken und von verschiedenen Seiten zu beleuchten, organisieren der Kirchenkreis Weimar und das Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) mit Unterstützung von Stadt und Freistaat eine Nacht zu 500 Jahren Reformation.

Sie beginnt am 30. Oktober um 16.45 Uhr mit dem Posaunenchor der Kreuzkirche Weimar und der Sambagruppe Escola Popular vor dem Theater und geht mit Gesprächsrunden, Bühnenstücken, Bewegungstheater und viel Musik bis in den frühen Morgen des Reformationstages weiter. Der Eintritt ist frei.

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Weimars Superintendent Henrich Herbst war mit seiner Idee der etwas anderen Reformationsfeier bei DNT-Intendant Hasko Weber sofort auf Zustimmung getroffen. »Wir möchten Theater als öffentlichen Ort begreifen«, sagt Beate Seidel, Chefdramaturgin am Nationaltheater. »Ein Ort, wo gesellschaftliche Debatten möglich sind, die Auge in Auge ausgetragen werden, nicht über das Internet.« Die Kooperation zwischen Theater und Evangelischer Kirche in der Klassikerstadt ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit gab es zu Bühnenstücken wie Dostojewskis »Schuld und Sühne« einen Theatergottesdienst, der das Werk aus theologischer und künstlerischer Sicht betrachtete, beide Sichten verknüpfte. Eine Zusammenarbeit, die ebenfalls weitergeht.

Henrich Herbst ist besonders auf die Präsentation der Ergebnisse des Denkraums Weimar gespannt. Antworten auf die Gretchen-Frage »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« wurden von Schauspielern des DNT für eine Hörinstallation eingesprochen und sind ab 17.15 Uhr zu hören. Die große Resonanz auf das Projekt hat den Superintendenten überrascht.

Für Tischgespräche auf den Fluren des Theaters hat Beate Seidel ganz unterschiedliche Gesprächspartner gewonnen: einen Offizier mit Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz, einen Vertreter der Organisation »Ärzte ohne Grenzen«, einen Kriegsreporter. »Du musst dein Leben ändern« lautet das Motto dieser kleinen Tischrunden mit Menschen, die über ihre biografischen Wendepunkte berichten und mit ihren Tischnachbarn diskutieren wollen. Beginn ist 17.30 Uhr. Der enge Zeitplan wird eine der Herausforderungen des Abends sein.

Denn auch eine deutsche Erstaufführung steht auf dem Programm (19.15 Uhr). In »The Captain of the Bible Quiz Team« hält ein junger Mann spontan eine Predigt – das Theater wird zur Kirche. »Opfer des Krieges« ist der Titel eines Bewegungstheaters mit Puppen, Masken und Livemusik der afghanischen Theatergruppe Azdar (21.15 Uhr). Davor geht es in einem Bühnentalk um »Glaube und Macht« (20.30 Uhr). Bis weit nach Mitternacht gibt es im DNT Livemusik – Luthers Lieder durch die Jahrhunderte, von der Gambe bis zu DJ-Klängen.

»Es ist ein Programm zum Flanieren«, sagt Henrich Herbst, »ein offenes Angebot an die ganze Stadt.« Der Festgottesdienst am Reformationstag beginnt übrigens erst 11 Uhr – damit die Nachtschwärmer noch etwas ausschlafen können.

Katharina Hille

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Wenn das Wort Gottes die Realität verändert

16. September 2017 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Viele Verse aus der Bibel führen ein Eigenleben – nicht nur, wenn sie einer Woche zugeordnet werden. Ihrem unmittelbaren Zusammenhang entnommen, dienen sie als Losung oder Spruch zu allerlei Anlässen – ob es etwa um die Taufe, die Konfirmation, Hochzeiten, Einführungen oder Jubiläen geht.

Während die Losung durchaus darauf angelegt ist, zur weiteren Schriftlektüre anzuregen und konsequent auch Bezüge vom Alten auf das Neue Testament hergestellt werden, haben Segenssprüche noch stärker ihren Wert aus sich selbst heraus, fangen den Moment ein und stellen das Leben und Lebensübergänge unter den Zuspruch Gottes. Sie werden zunächst laut zum Ausdruck gebracht, als Sprachereignis, sind dann aber auch präsent in Urkunden oder Karten. Wer sie, womöglich nach Jahrzehnten, wieder in die Hand nimmt, fühlt sich erinnert an den einstigen Platz im Leben, kann erkennen, wie die Verse nicht nur im unmittelbaren Erleben die Kraft hatten, Realität zu bestimmen und zu gestalten, sondern auch zum Motto eigener Biografie werden konnten. Den Kontext gibt das sich wandelnde Leben vor, das so stets in Verbindung mit Gott gehalten wird.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Ganz andere Verweise ergeben sich, wenn der Vers an seinem literarischen Ursprungsort wahrgenommen wird. Wenn im Psalm die Seele aufgerufen ist, Gott zu loben – »meine Seele«, die gleichzeitig für die aller anderen steht –, dann wird sie verbunden mit dem Hinweis, die geschehenen guten Taten Gottes am Menschen nicht zu vergessen. In den folgenden Aussagen werden vergangenes und gegenwärtiges, ewig präsentes Handeln Gottes verknüpft. Seine Barmherzigkeit überwindet die Sünden der Menschen, und es erklingt ein Lob, in das auch die Engel einstimmen können. Die ganze Welt preist ihren Schöpfer. Und obwohl der Mensch in seinem Leben »wie Gras« ist, »wie eine Blume auf dem Felde« blüht und vom Winde verweht wird, weiß er sich doch stets von der Güte Gottes getragen und trotzt den Widerfahrnissen, die ihm begegnen.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg


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Bescheidenheit statt Triumphgeschrei

19. August 2017 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat!

Psalm 33, Vers 12

In der Bibel ist beschrieben, was es bedeutet, auserwählt zu sein. Das Volk Gottes Israel, die Juden also, sind ein auserwähltes Volk. Der Herrgott hat sich für sie entschieden, sie zu begleiten, zu beschützen und zu prüfen. Das Alte Testament lehrt uns, was das bedeutet. Aus der Nähe zu Gott folgt der Anspruch an ein Leben in Ungebundenheit an die Dinge der Welt, die Hoffnung auf Gottes Hilfe, aber auch die Feindschaft dieser Welt, die Andersartigkeit nicht auszuhalten vermag.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Es scheint, dass das Auserwähltsein den Juden nichts als Leiden bringt. Alle Anfechtungen und Grausamkeiten vermochten aber nicht das Verhältnis zwischen Juden und Gott zu trennen. Auserwählt sein bedeutet geprüft zu werden.

Auch wir Christen sind auserwählt. Gottes Sohn, der Jude Jesus, entscheidet sich in der Taufe für uns. Damit gehören wir zu ihm, und damit gilt all das, was dem jüdischen Volk gilt, prinzipiell auch uns. Freilich scheint in der christlichen Geschichte solches Auserwähltsein damit verbunden zu sein, dass wir Christen den Anspruch erheben, triumphieren zu dürfen, viel gelten zu wollen in dieser Welt und irgendwie an der Macht Gottes beteiligt zu sein.

Die Realität spricht dagegen. Wir erleben es auch in diesem Jahr des Reformationsjubiläums. Da richten sich viele Blicke auf uns und unsere Kirchen. Wir wollen gute Figur machen und gehört werden.Auch wir evangelisch-lutherischen Christen Mitteldeutschlands sind auserwählt, weil Gott sich für uns entschied, auserwählt aber zu Bescheidenheit, zum Bekenntnis der Wahrheiten der Bibel, zum Durchhalten und zum Hoffen. Die Bibel lehrt uns, welche Prüfung es bedeuten kann, Gottes Volk zu sein. Unsere Prüfungen als evangelische Christen sind da sehr leicht. Wir müssen hier und heute bescheiden sein, wertschätzen, was wir an unserem Glauben haben und dankbar bleiben.

Immer, wenn uns das gelingt, wird uns die Welt beachten und ernst nehmen. Im Konzert der »Triumphierer« dagegen fallen wir sowieso nicht auf.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Man müsste mal

13. August 2017 von redaktionguh  
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Die Idee war und ist klasse. Gesunde besuchen Kranke und tun ihnen Gutes. Die Anregung dazu bekam Brigitte Schröder in den USA von den »Pink Ladies«. Der Grundgedanke ist aber schon in der Bibel zu finden. Dort ist zwar nicht von den Grünen Damen die Rede, aber vom Dienst am Nächsten. In Matthäus 25 Vers 40 heißt es: »Ich war krank und ihr habt mich besucht.« Die Präambel der Grünen Damen und Herren. Apro­pos Herren. Von den 9 000 Ehrenamtlichen in 600 Krankenhäusern und Altenhilfe-Einrichtungen sind nicht einmal 10 Prozent Männer.

Die Arbeit der Grünen Damen wird zu Recht hoch gelobt. Oft sind es Männer, die die Arbeit öffentlich würdigen. Da kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass damit der fehlende eigene Einsatz kompensiert werden soll. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Wie oft schiebt man den Mangel an Zeit und Möglichkeit vor. Im erwähnten Bibelvers geht es nicht nur um den Besuchsdienst. Das Geschlecht und die Farbe des Kittels spielen in diesem Zusammenhang auch keine Rolle. Kleiderkammer, Gefangenen-Betreuung, Kollektendienst im Gottesdienst oder Putzkolonne im Gemeindehaus. Oft bleiben wir bei »man müsste mal« stehen.

Wollte ich nicht bei der Freitagsmusik des Posaunenchores im Krankenhaus mitwirken? Wöchentlich zieht eine kleine Gruppe Blechbläser von Station zu Station und spielt Choräle auf den Gängen. Entweder kam etwas dazwischen oder ich habe es schlicht vergessen. Das will ich ändern. Der nächste Termin steht fest im Kalender. Brigitte Schröder hat sie vorgelebt, die praktische Nächstenliebe. Oder wie es der Sozialreformer Johannes Falk ausdrückte: »Die Predigt ist keine Tat, wohl aber die Tat eine Predigt.«

Willi Wild

Glocken für den Krieg

6. August 2017 von redaktionguh  
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Wenn abends um sechs die Glocken läuteten, mussten wir heimkommen. Läutete es nachmittags, wussten wir: Jemand wird beerdigt. Läuten Glocken zur Taufe, Konfirmation, Hochzeit und am Grab, teilen sie die schönen und die schweren Stunden einem ganzen Ort mit. Umgekehrt nehmen sie einzelne Menschen in das hinein, was alle betrifft: Frieden und Krieg, Feuer, Gefahr und Befreiung. Glockenguss und Glockenweihe sind große Feste. Zerspringt umgekehrt eine Glocke, ist das beklemmend. Wird sie abgenommen und zerschlagen, kann auch im Inneren der Menschen etwas kaputtgehen.

Im Ersten Weltkrieg wurden in ganz Deutschland Glocken von den Kirchtürmen genommen, auf Glockenfriedhöfen gesammelt und dann eingeschmolzen. Die wenigsten kamen zurück. Viele der Verschonten fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Wenn sie zuvor zu Gottesdiensten, zu Freude und Leid der Menschen gerufen hatten, wurden sie nun zu todbringenden Waffen, zu Kanonen, Gewehren und Munition. Vielleicht wurde aus einer Glocke sogar jene Kugel, die das Leben auslöschte, das sie einstmals am Taufbecken eingeläutet hatte.

Was den Menschen helfen und ihnen das Leben erleichtern und schön machen soll, wird dazu verwendet, sie zu verletzen, zu unterdrücken, zu foltern und zu töten. Das passiert immer wieder, auch heute. Glocken zu Kanonen.

Die Bibel träumt umgekehrt. Es wird gelingen, dass die Menschen Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Winzermessern schmieden – und nicht umgekehrt. Die Glocken unserer Kirchen rufen zum Gebet. Sie läuten die Liebe ein. Sie läuten gegen den Tod an. Sie mahnen für Menschenrechte. So loben sie Gott.

Margot Runge

Die Autorin ist Pfarrerin in Sangerhausen.

Was 2017 gefeiert wird

7. Mai 2017 von redaktionguh  
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Pünktlich zur Halbzeit des Reformationsjubiläums will die EKD mit einer Broschüre für Kirchengemeinden, Presbyterien und engagierte Christen noch einmal an dessen Grundlagen erinnern. »Uns geht es darum, zu zeigen, was eine protestantische Lebenshaltung eigentlich heute heißen kann: Innere Freiheit und Hinwendung zum Nächsten, aus Gottvertrauen leben und Orientierung aus der Bibel schöpfen – demütig und wo nötig, auch kämpferisch«, sagte die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus bei der Vorstellung. Das Büchlein ist in die Abschnitte »Erinnern«, »Vergewissern« und »Verantworten« gegliedert. Passend zu den binnenkirchlichen Reformprozessen der EKD spricht es stets von einer »reformatorisch geprägten Lebenshaltung« und von »protestantischer Theologie«.

Martin Luther kommt im Text nur im Zusammenhang mit Johannes Calvin vor. Stattdessen heißt es im Text: »Lebendige Gottesdienste und engagierte Bibellektüre, regelmäßige Gebete und Meditationen, Zeiten der Stille und des Rückzugs sind Quellen einer evangelischen Freiheit, die sich im Alltag bewährt.« Immer wieder betont der Text ferner die gesellschaftliche Bedeutung des Protestantismus. »Wir sind überzeugt: Reformatorisch geprägte Stimmen können der (Welt-)gesellschaft guttun«, heißt es darin etwa.
Die praktischen Wirkungen dieses Textes allerdings dürften wohl begrenzt bleiben. Denn das bekanntlich am 31. Oktober 2016 eröffnete Festjahr zum 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag ist schon in vollem Gange. Und eine Druckauflage von lediglich 15 000 Exemplaren führt dazu, dass – rein statistisch – für jede der rund 14 000 Kirchengemeinden in Deutschland gerade einmal ein Exemplar zur Verfügung steht.

Benjamin Lassiwe

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