»Verfolgung« gestrichen

26. März 2018 von redaktionguh  
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Jahresbericht zur »Aufarbeitung« vorgelegt

Der mittlerweile dritte Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) »Aufarbeitung« der rot-rot-grünen Thüringer Landesregierung ist in Erfurt vorgelegt worden. Bei der Vorstellung hat Kultur-Staatssekretärin Babette Winter (SPD) vor übertriebenen Hoffnungen bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte gewarnt. Die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und ihren Folgen führe nicht dazu, dass die Köpfe vermeintlicher Täter »auf dem Silbertablett« präsentiert würden, sagte sie.

Die seriöse Beschäftigung mit dem Thema »sei kein Sprint, sondern ein Lauf über eine längere Strecke«. Als einen ersten Erfolg sieht Winter, dass der Themenbereich »Christen in der DDR« nach der Gründung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit den Kirchen »aktiv angegangen« worden sei. Die Arbeitsgemeinschaft gab sich den Namen »Christen, Kirchen und andere christliche Religionsgemeinschaften im DDR-Unrechtsstaat – Diskriminierung von Christen in der DDR und ihre Wirkungsgeschichte« (AG Christen). Ihr gehören Kirchenvertreter und Wissenschaftler an.

Mit Blick auf die historische Dimension des Begriffs »Christenverfolgung« habe die AG davon Abstand genommen, im Zusammenhang mit den Erfahrungen in der DDR allgemein von »verfolgten Christen« zu sprechen, heißt es weiter in dem Bericht.

Für missverständlich hält der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Christian Dietrich, die Formulierung. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Landesregierung gegenüber Betroffenen erklären möchte, dass der Begriff »Verfolgung« nicht zu ihrem Schicksal passe, so Dietrich gegenüber der Kirchenzeitung.

Man solle vielmehr die Perspektive wechseln, schlug Dietrich vor: »Wenn die Exekutive ein Urteil fällt, dann sollte es die Rechtsverhältnisse in der DDR betreffen«. Die verfassungsmäßig zugesagte Glaubens- und Gewissensfreiheit habe es in der SED-Herrschaft nie gegeben. Opfer dieser Politik seien letztlich alle Bürger gewesen. »Ihres Glaubens wegen verfolgt wurden Einzelne, zeitweise allerdings in großer Zahl«, so Dietrich weiter.

Anders als bei seinen beiden Vorläufern, soll das Papier bei seiner dritten Auflage auch im Plenum von den Abgeordneten diskutiert werden.

(epd/G+H)


Nur individuelle Lösungen

Kolloquium: Wie Wasserschäden an Kirchen vermieden werden können

Zwei Mal in kurzer Zeit wurden Kirchengebäude direkt oder indirekt von Hochwasser geschädigt. Für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war es der Grund, 2015 ein Forschungsprojekt zu initiieren. Mit welchen Strategien lassen sich Gebäudeschäden vermeiden, lautete die Frage. Zudem wurden verschiedene Formen von Vertikalsperren aus den vergangenen 15 Jahren auf ihre Tauglichkeit hin untersucht.

Partner bei dem dreijährigen Forschungsprojekt waren das Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen-Anhalt (IDK) sowie das Institut für Geowissenschaften und Geographie im Fachgebiet Hydro- und Umweltgeologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Das Fazit der Fachleute: Die eine Lösung für alle von Hochwasser und steigendem Grundwasser betroffenen Kirchen gibt es nicht. Lösungen müssen immer individuell gefunden werden.

In der Regel, so die Architektin Susanne Bähre vom Baureferat der EKM, seien Kirchen im Mittelalter an hochwassersicheren Standorten erbaut worden. Doch es gebe auch Ausnahmen sowie Schäden durch den späteren Anstieg des Grundwassers. Sie stellte beim Abschlusskolloquium in Halle die Kirchen vor, die für das Forschungsprojekt ausgewählt worden waren.

Da ist die um 1280 erbaute Backsteinkirche im altmärkischen Räbel an der Elbe. In ihr stand nicht nur das Hochwasser. Weil die Apsis zum Teil vom Jahrhunderte später errichteten Elbdeich umschlossen ist, kam es zu Schimmelbefall und Holzfäulnis.
Die romanische Kirche in Sydow im Elbe-Havel-Winkel liegt zwar weit weg von Flüssen, aber steigendes Grundwasser schädigt sie. Die 1207 erbaute Kirche in Gottesgnaden bei Calbe wurde vom Saale-Hochwasser überflutet, die 1717 erbaute Kirche in Gruna in Nordsachsen vom Elbe-Hochwasser.

Die Kirche in Ostrau bei Halle, die in der Elsteraue liegt, erlitt Schäden durch schwankendes Grundwasser. Und die romanische Neumarktkirche in Merseburg hat ein Problem, weil sich ihr Fußbodenniveau fast in Höhe des Saale-Pegels befindet.

Professor Wolfgang Gossel (MLU)stellte die Methoden vor, mit denen Kirchen vor Wasserschäden bewahrt werden können. In Ostrau etwa wären Pumpen eine Lösung, um Schäden durch Grundwasseranstieg bei Hochwasser zu vermeiden. In Gruna könnte der Einbau einer kapillarbrechenden Schicht helfen (eine Schicht aus grobem Kies unter der Gründungssohle der Kirche, um den Aufstieg von Grundwasser ins Mauerwerk zu verhindern).

Hochwasser an der Hochstraße in Halle im Juni 2013, hinten die Kirche St. Georgen. Damals wurden historische Hoch- wasserstände verzeichnet. Die Saale hatte am Pegel Trotha die Marke von acht Metern überschritten, der höchste Wert seit mehreren hundert Jahren. Foto: epd-bild

Hochwasser an der Hochstraße in Halle im Juni 2013, hinten die Kirche St. Georgen. Damals wurden historische Hoch- wasserstände verzeichnet. Die Saale hatte am Pegel Trotha die Marke von acht Metern überschritten, der höchste Wert seit mehreren hundert Jahren. Foto: epd-bild

Die Kirche in Sydow bekam Probleme mit dem Wasser nach dem Elbe-Deichbruch 2013 bei Fischbeck. Diese hingen mit der unzureichenden Pflege des alten Grabensystems zusammen, so der Fachmann. Um die Kirche und die Häuser des Dorfes trocken zu halten, müssten die Gräben instand gehalten werden.

Gossel betonte, dass alle Maßnahmen wie Brunnen, kapillarbrechende Schichten, Vertikalsperren im Mauerwerk oder die Pflege von Gräben immer auf das Gebäude zugeschnitten sein müssten. Bei Hochwasser müssten Notstromaggregat und Pumpen schnell einzubauen sein. Auch deren regelmäßige Wartung sei erforderlich.

Matthias Zötzl (IDK) zeigte am Beispiel von Putzmusterflächen in der Merseburger Neumarktkirche deren unterschiedliche Wirksamkeit auf. Auch zu Mörtelsorten oder zum Einbau von Vertikalsperren könne er keine generelle Empfehlung geben. Vor Baubeginn müsse immer genau erforscht werden, woher das Wasser im Gemäuer komme. Und die Frage, ob Mauerwerk total abgedichtet werden müsse oder ob es »atmen« dürfe, sei unter Baufachleuten umstritten.

In der Diskussion kamen die »Handreichung für den Katastrophenfall – insbesondere Hochwasser« und der »Objektbezogene Maßnahmeplan bei Hochwasser« der EKM zur Sprache. Erfahrungen aus dem Jahr 2013 hätten gezeigt, dass im Ernstfall jeder mit sich selber beschäftigt sei, hieß es da. Umso wichtiger sei es, vorab genau zu planen und die Verantwortlichkeiten festzulegen, betonte Susanne Bähre.

Angela Stoye

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Alles unter einem Dach

4. September 2017 von redaktionguh  
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Das Martinszentrum in Bernburg vereint seit zehn Jahren Grundschule, Hort, Kindergarten und Gemeindezentrum. Und mittendrin steht die neogotische Martinskirche.

Am Anfang standen eine sanierungsbedürftige Kirche, eine neugegründete evangelische Grundschule und eine Fördermittelzusage für diese Schule. Pfarrer Dr. Lambrecht Kuhn von der Martinsgemeinde Bernburg erinnert sich an die Anfänge des Martinszentrums: »Wir wollten damals nicht nur Schule und Kirche zusammenführen, sondern dazu auch den sich in Trägerschaft der Martinsgemeinde befindlichen Hort und die Kindertagesstätte.«

Alles unter einem Dach, von der Kindertagesstätte bis zur Seniorenarbeit. So sah 2003 die Vision aus. Von der Kanzel habe er der Gemeinde die Idee eines Kinder- und Gemeindezentrums vorgestellt, erinnert sich Kuhn, denn »wir mussten erst mal sondieren, ob unsere Gemeindeglieder so ein Projekt mittragen würden«.

Die Gemeinde wollte, und so entstanden ringförmig um die neogotische Martinskirche die flachen Gebäude aus Glas und Holz für Grundschule, Hort und Kindertagesstätte. In die Kirche hinein wurde ein Würfel aus Glas und Stahl gebaut. In diesem »Haus im Haus« findet Sport- und Werkunterricht statt, hier üben die Bläserkinder und, wenn Gottesdienst gefeiert wird, lässt sich die Glasfront öffnen und der Kirchenraum vergrößern.

Glasanbau im Kirchenraum. Fotos: Thorsten Keßler

Glasanbau im Kirchenraum. Fotos: Thorsten Keßler

Draußen, auf dem Spielplatz am Fuße des Kirchturmes, toben auf einer Wiese zwischen Bäumen die Kindergartenkinder. Auf einer großen Sandkuhle steht seit einem Jahr ein Spielboot, damit können die Jungen und Mädchen in See stechen. Der Schulhof für die Älteren befindet sich, gerahmt von Schul- und Hortgebäuden, rund um die Kirche.

Mehr als 160 Kinder sorgen für Leben in und um die Martinskirche. 82 Schülerinnen und Schüler besuchen die einzügige evangelische Grundschule und den Hort. Achtzig Kinder kommen täglich in die evangelische Kindertagesstätte. Das Einzugsgebiet der Schule reicht neben der Stadt Bernburg in den gesamten Altkreis Bernburg; von Calbe und Sachsendorf bis Könnern und Alsleben auch landeskirchenübergreifend. Von den Grundschülern sind rund zwei Drittel konfessionell gebunden. Bei den Kindergartenkindern ist das Verhältnis zwischen getauften und ungetauften Kindern etwa 50:50. Ein großer Teil der Kindergartenkinder setzt den christlichen Bildungsweg auch in der evangelischen Grundschule fort.

Schulleiterin Berit Kuhn, Hortleiterin Ina Rakoczy und die Leiterin des Kindergartens, Anja Müller, waren von Anfang an in die inhaltliche Ausrichtung eingebunden und haben das Gesamtkonzept für das Martinszentrum mitentwickelt. Die Grundschule ist eine offene Ganztagsschule und zeichnet sich dadurch aus, »dass wir im und mit dem Kirchenjahr leben«, betont Berit Kuhn. »Das Leben in christlicher Gemeinschaft bildet unsere Wochenstruktur. Das beginnt mit der Morgenandacht am Montag und endet mit dem Abschlusskreis am Freitag.« Auch im Morgenkreis des Kindergartens werden christlich-religiöse Themen behandelt, aber Schule und Kindergarten haben ihren eigenen Andachtsrhythmus.

Höhepunkte sind die Einschulungsgottesdienste und die Familiengottesdienste gemeinsam mit Schule, Kindergarten und Gemeinde. Zum Beispiel feiern Grundschule und Kindergarten jedes Jahr während der ökumenischen Friedensdekade einen Bußtagsgottesdienst, zu dem natürlich auch die Gemeinde eingeladen ist.

Die Hoffnung vieler Gemeindeglieder auf eine wachsende Gemeinde habe sich allerdings nicht erfüllt, sagt Pfarrer Lambrecht Kuhn. »Wir haben zwar Taufen und Eintritte, aber die Zahlen sind nicht signifikant höher als in anderen Gemeinden.« Zukünftige Herausforderungen liegen im baulichen Bereich: »Der Kirchturm ist noch nicht vollständig saniert und der Erhaltungsaufwand steigt«, sagt Pfarrer Kuhn, »denn das Martinszentrum ist kein Neubau mehr.«

»Die inhaltliche Konzeption des Martinszentrums ist ein laufender Prozess«, ergänzt Schulleiterin Berit Kuhn. Eine wichtige Aufgabe sei es, auch schwächere Kinder immer mitzunehmen, sodass sie nach der zwei- oder dreijährigen Schuleingangsphase in die 3. Klasse mitgehen können.

Vom 10. bis 16. September ist anlässlich des zehnjährigen Bestehens eine Festwoche im Martinszentrum geplant. Den Auftakt bildet am 10. September der Festgottesdienst mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und ein sich anschließender Tag der offenen Tür.

Thorsten Keßler

www.martinszentrum-bernburg.de

Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von redaktionguh  
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Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

»Meine Arbeit bereitet viel Freude«

7. November 2016 von redaktionguh  
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Gemeindepädagogik: Mandy Eggebrecht für Ballenstedt und Bernburg zuständig

Mandy Eggebrecht ist die neue Kreisbeauftragte für Gemeindepädagogik in den Kirchenkreisen Bernburg und Ballenstedt. Am 6. November wird sie in einem Gottesdienst in der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode in dieses Amt sowie als pädagogische Mitarbeiterin am Cyriakushaus Gernrode eingeführt (13.30 Uhr).

Mandy Eggebrecht wird am 6. November in einem Gottesdienst in der Gernröder Stiftskirche in ihre neuen Aufgaben eingeführt. Foto: Landeskirche

Mandy Eggebrecht wird am 6. November in einem Gottesdienst in der Gernröder Stiftskirche in ihre neuen Aufgaben eingeführt. Foto: Landeskirche

Mandy Eggebrecht macht am Cyriakushaus, das von der Landeskirche Anhalts getragen wird, seit einigen Monaten Bildungs- und Begegnungsangebote für verschiedene Gruppen. Künftig ist sie zudem als erste kreiskirchliche Beauftragte für Gemeindepädagogik für zwei Kirchenkreise in Anhalt zuständig. In dieser Funktion hat sie die Aufsicht über die Arbeit von sieben Gemeindepädagoginnen, die Christenlehrestunden oder Kindergottesdienste anbieten, Jugendgruppen leiten, aber auch Angebote für Familien und Senioren machen. Kreisbeauftragte waren zuvor im Kirchenkreis Ballenstedt Doris Petrasch und im Kirchenkreis Bernburg kommissarisch Ingrid Drewes-Nietzer.

Matthias Kopischke, Landespfarrer für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien, leitet am 6. November den Gottesdienst. Er wird auch predigen und die Einführung übernehmen. Die zuständige Dezernentin, Ramona Eva Möbius, sowie die Kreisoberpfarrer Dr. Theodor Hering aus Ballenstedt und Karl-Heinz Schmidt aus Bernburg, werden am Gottesdienst teilnehmen. Im Anschluss gibt es einen Empfang im Cyriakushaus.

Mandy Eggebrecht stammt aus Calbe an der Saale und lebt mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn in Magdeburg. In Berlin studierte sie Religionspädagogik mit dem Schwerpunkt Gemeindearbeit. Zum Ende ihres Studiums qualifizierte sie sich als Erlebnispädagogin weiter. Danach arbeitete sie zwei Jahre in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und in der Region Zerbst in Anhalt. Nach ihrem Erziehungsjahr hat sie vor einigen Monaten ihre Stelle in Gernrode angetreten.

»Ich freue mich, nach meiner Schwangerschaftszeit wieder zurück nach Anhalt zu kommen und eine neue Aufgabe zu übernehmen«, sagt sie. »Besonders spannend ist, dass ich die pädagogische Arbeit am Cyriakushaus neu aufbauen durfte und darf. Ich wurde auch schon von anderen Einrichtungen als Projektreferentin gebucht.« Die pädagogischen Angebote würden sehr gerne angenommen. »Meine Arbeit bereitet mir viel Freude – die Kreisbeauftragung ist dabei eine schöne neue Herausforderung.«

(G+H)

Zwischen Spannung und Fatalismus

10. Juni 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Hochwasser: An Elbe, Mulde, Saale kämpfen und hoffen die Menschen

Die Jahrhundertflut von 2002 scheint erst gestern gewesen zu sein. Doch ist die nächste schon da. Manche Orte wurden überschwemmt, andere bewahrt, in wieder anderen hoffen die Bewohner noch. Hier einige Beispiele.

Den Beginn des Monats Juni wird Christoph Roßdeutscher nicht so schnell vergessen. »Es ist erschütternd, wenn man das sieht«, sagt der Pfarrer aus Droyßig im südlichsten Teil Sachsen-Anhalts. Dort ist am vergangenen Wochenende die Weiße Elster über die Ufer getreten – ein Fluss, der gewöhnlich nur nach der Schneeschmelze oder einem Gewitter anschwillt. Diesmal aber überflutet er in den Orten Wetterzeube, Koßweda und Schleckweda  die tiefer gelegenen Häuser; Schkauditz ist nur durch den Bahndamm vor Schlimmerem geschützt. Die Stadt Zeitz hat das Glück nicht.

An der Saale, in Großkorbetha im Kirchenkreis Merseburg, hat Pfarrer Uwe Hoff sicherheitshalber die Pfarrscheune beräumt und das Gemeindefest abgesagt. »Hier ist keinem nach Feiern zumute«, sagt er mit Blick auf die Lage in seinem Ort und in Uichteritz bei Weißenfels. Dort ist einiges überschwemmt. »Wir müssen Stunde für Stunde, Tag für Tag sehen, wie es weitergeht«, sagt Hoff. Ein Lichtblick: »Ich erlebe, wie die Leute solidarisch sind und einander Hilfe anbieten.«

Das Hochwasser der Mulde bescherte den evakuierten Bewohnern von Eilenburg bange Tage. In der Nacht zum Montag stieg das Wasser bis an die Oberkante der Schutzeinrichtung. Noch ist die Gefahr nicht gebannt, aber die Lage entspannt sich etwas. Für Eilenburg, das 2002  überflutet wurde, scheint das Schlimmste vorbei zu sein. Für etliche Dörfer im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch ist es das am Dienstag nicht. Und da auch hier keiner feiern mag, ist das Eilenburger Stadtfest abgesagt. Bad Düben hat auch Glück gehabt, wie Pfarrer Jörg Uhle-Wettler bestätigt. Aber: »Die Menschen hier sind trotzdem wie elektrisiert«, beschreibt er die Stimmung in der Stadt. »Da kommen die Erfahrungen von 2002 wieder hoch.«

Seit Montag steht in Halle die Kindertagesstätte Sankt Georgen unter Wasser. Eltern halfen beim Retten der Möbel. Für Kinder, die nicht zu Hause bleiben können, bietet das Klinikum St. Barbara eine Notbetreuung an. Foto: Torsten Bau

Seit Montag steht in Halle die Kindertagesstätte Sankt Georgen unter Wasser. Eltern halfen beim Retten der Möbel. Für Kinder, die nicht zu Hause bleiben können, bietet das Klinikum St. Barbara eine Notbetreuung an. Foto: Torsten Bau

»Ich bin erschrocken über das Hochwasser und die physische Gewalt, die darin gegen Menschen, Tiere und Sachen spürbar wird«, sagt der neue Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch, Matthias Imbusch. »Es ist meine Hoffnung, dass Menschen an Leib und Leben nicht zu Schaden kommen, und dass die materiellen Verluste begrenzt bleiben.« Vielen beruflichen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sei zu danken, »die sich für die Betroffenen einsetzen, die ganz tatkräftig, durch ihr Gebet, mit Gesprächsangeboten oder auf andere Weise helfen, dass wir diese Tage gemeinsam bestehen.

Auch in der Landeskirche Anhalts wird der Anstieg der Flusspegel mit Anspannung verfolgt (siehe auch Seite 5). In Raguhn, das von der Flut 2002 in dramatischem Maß betroffen war, steht das Wasser am Dienstag rund 40 Zentimeter höher als vor elf Jahren. »Doch die neuen Deiche haben bislang gut gehalten«, sagt Pfarrerin Swantje Adam. »Zugleich hat die Mulde ihren Höhepunkt noch nicht erreicht.« In der Raguhner Kirche wurden vorsichtshalber die Stühle auf die Emporen gebracht. Aus Sicherheitsgründen evakuiert wurden die Orte Priorau, Schierau und Möst bei Raguhn sowie die Dessauer Ortsteile Kleutsch und Sollnitz.

Besorgter Blick auf die Saale

Evakuierungen in anderen Dessauer Stadtteilen oder in der Innenstadt sind nach Auskunft des Dessau-Roßlauer Krisenstabes am Dienstag nicht vorgesehen. Der Wasserstand der Mulde, so die weitere Auskunft, stagniere, jedoch sei noch ein dritter Scheitel zu erwarten. Auch der Pegel der Elbe steigt stetig. In der Roßlauer Innenstadt haben sich erste größere Wasserlachen gebildet, weil die Rossel nicht wie gewohnt in die nahe Elbe abfließen kann. Auch in den Saalestädten Bernburg und Nienburg wird der Höhepunkt des Hochwassers mit Anspannung und besorgtem Blick nach Halle verfolgt, wo derzeit Tausende Menschen gegen die Flut kämpfen.

Einem Aufruf der Freiwilligenagentur Halle und des Kirchenkreises Halle-Saalkreis folgend engagieren sich ehren- und hauptamtliche Gemeindeglieder tatkräftig beim Schutz der Stadt gegen die Wassermassen. Unter ihnen ist auch Karsten Müller, Pfarrer der Johannesgemeinde, der am Gimmritzer Damm mit vielen Bürgern und Hilfskräften Sandsäcke stapelt. Zudem signalisieren Kirchengemeinden ihre Bereitschaft, Menschen Unterkunft zu bieten. Betroffene können sich zum Beispiel an die Johannesgemeinde wenden. Auch die Freie evangelische Gemeinde will das Gemeindehaus in der Körnerstraße 4 als Notquartier zur Verfügung stellen.

Außerhalb Halles ist die Lage ebenfalls brenzlig. So wurde im Pfarrhaus Lochau in Erwartung des Hochwassers vorsorglich die untere Etage einschließlich der dort gelagerten Kirchenbücher geräumt. »Sollte mit Eintreffen des Scheitelpunktes der Deich überflutet werden, steht das Wasser bei uns an der Oberkante des Portals. Daher wollen wir gewappnet sein«, so Pfarrer Siegfried Lemke.

»Die Stimmung bewegt sich zwischen großer Spannung und Fatalismus«, fasst Ulf Rödiger am Dienstag zusammen. Dem Pfarrer in Aken und Umgebung sowie im Saale-Elbe-Winkel im Kirchenkreis Egeln geht es wie den anderen Bewohnern: Wenn die Elbe die prognostizierten Wassermassen bringt, läuft sie über den Deich. Dann ist nichts zu machen. Trotzdem werden Sandsäcke gestapelt und Folien verlegt, damit wenigstens der Schmutz nicht in die Häuser dringt.

An der Saale bei Calbe ist der Ortsteil Gottesgnaden nass wie bei jedem Hochwasser. Auch weiter nördlich rüsten sich alle für die Flut, werden Deichwachen organisiert und Sandsäcke bereitgelegt. Und es wird gehofft, dass es nicht so schlimm wird – den Prognosen zum Trotz.

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