Was ist der Mensch?

27. Juli 2018 von redaktionguh  
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Der Mensch: Marionette des göttlichen Willens oder freier Herr über Gottes Schöpfung?

Es passierte einer Kollegin: In einem Nachruf schrieb sie, die Person sei an einer schweren Krankheit gestorben. Daraufhin fragte ein erzürnter Leser, wie sie so etwas schreiben könne. Als Christ wisse sie doch, dass der Tod allein Gottes Wille war. Schließlich fiele kein Haar von unserem Kopf, ohne dass dies in Gottes ewigem Ratschluss von Anbeginn der Welt so vorgesehen sei.

Auch wenn das Thema in der Theologie derzeit kaum eine Rolle spielt: In der Volksfrömmigkeit ist die Vorstellung von der Vorherbestimmung allen Geschehens durchaus verbreitet. Prädestination ist das Fachwort dafür. Und in der Tat gibt es Bibelstellen, die diesen Gedanken nahelegen. Etwa, wenn es im Epheserbrief, Kapitel 1, heißt, Gott habe die Gläubigen erwählt, »ehe der Welt Grund gelegt war« (Vers 4) und »dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein« (Vers 5). Der Kirchenvater Augustinus (354–430) war der Erste, der den Gedanken der Vorherbestimmung ausformulierte. Luther griff ihn auf und entwickelte ihn in der Auseinandersetzung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam weiter: »Denn wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will,« heißt es in seinem Werk »Vom unfreien Willen«. Einen freien Willen gebe es deshalb weder für den Menschen noch für die Engel.

Wenn Gott vorherbestimmt, wer gerettet wird, bestimmt er dann nicht auch voraus, wer verloren geht? Natürlich, sagt der Genfer Reformator Johannes Calvin: »Unter Prädestination verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.« Als »Lehre von der doppelten Prädestination« ging dies in die Theologie ein.

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Auch dafür kann man eine Reihe Bibelstellen anführen. Etwa Sprüche 16, Vers 4 in dem es heißt: »Der Herr macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.« Oder etwa 2. Mose, Kapitel 10, wo Gott zu Mose sagt, er selbst habe dem Pharao und seinen Beratern das Herz »verhärtet«, so dass er das Volk Israel nicht in die Freiheit ziehen lassen werde.

Gott also der, der das Böse nicht nur zulässt, sondern es aktiv für und durch Menschen anstrebt? Pharao wie Hitler also Marionetten Gottes, ohne eigene Verantwortlichkeit für ihr Tun? Eine schreckliche Vorstellung, die Menschen schon immer zum Widerspruch herausforderte.

Und auch der Widerspruch kann sich auf Gottes Wort berufen. So schreibt Paulus im 1. Timotheusbrief, Gott wolle, »dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«. Und wie könnte der Psalmist davon sprechen, dass der Mensch nur »wenig niedriger« gemacht sei als Gott selbst? (Psalm 8)

Die reformierten und lutherischen Kirchen formulierten deshalb 1973 in der Leuenberger Konkordie ein neues gemeinsames Verständnis der Prädestination: »Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiss sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluss Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.«

Unseren »älteren Geschwistern«, den Juden, ist der Gedanke einer Prädestination übrigens völlig fremd. Dies verbietet sich für sie schon im Blick auf die Paradiesgeschichte: Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis – und Gott sagt: »Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.«

Harald Krille

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von redaktionguh  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Nachtschicht am Tunnel

15. März 2016 von redaktionguh  
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Ökumenische Bahnhofsmission Halberstadt kümmert sich rund um die Uhr um Bedürftige

Der Sicherheitsmann schließt die Halberstädter Bahnhofstüren und den Zugang vom Tunnel zur Halle. Es ist kurz nach 22 Uhr. Bis 5 Uhr morgens bleibt fast alles dicht. Auch Omar und seine Freunde, die ihn zum Zug nach Leipzig bringen, müssen das Gebäude verlassen und in der Kälte der Nacht warten. Constantin Schnee, der Leiter der ökumenischen Bahnhofsmission in Halberstadt, bietet den jungen Männern an, in Räumen der Mission zu warten. Schnee und seine 26 Mitstreiter kümmern sich um jene, die ohne Unterstützung im Regen oder Schneesturm stehen würden. Nun auch in Nachtschichten.

Constantin Schnee (2.v.r.), Leiter der ökumenischen Bahnhofsmission in Halberstadt, mit seinen arabischen Gästen auf Zeit. Die Mission kümmert sich nun auch nachts um alle Hilfsbedürftigen. Foto: Uwe Kraus

Constantin Schnee (2.v.r.), Leiter der ökumenischen Bahnhofsmission in Halberstadt, mit seinen arabischen Gästen auf Zeit. Die Mission kümmert sich nun auch nachts um alle Hilfsbedürftigen. Foto: Uwe Kraus

Für Constantin Schnee gab es ein Schlüsselerlebnis: Auf dem Weg zum Zug nach Frankfurt musste er morgens gegen 4 Uhr in der Bahnsteigunterführung über die Köpfe dort schlafender Kinder steigen. Noch auf der Bahnreise schrieb er sein Konzept »Niemand erfriert am Bahnhof Halberstadt« zur sozialen Betreuung von Menschen in den Nachtstunden. Über allem steht Mt.22,39: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Damit sollte das Zelten auf dem Bahnhofsgelände zu Ende gehen. An manchen Tagen kamen abends 400 Flüchtlinge in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber an, wo es Essen, Betten, medizinische Versorgung für sie gab. Sie verweigerten jedoch dort – sechs Kilometer vom Bahnhof entfernt – die Registrierung, um sich später aufzumachen: in Großstädte oder andere Länder. Vom Bahnhof aus, der nachts verschlossen ist.

»Wir haben uns vor Weihnachten mit dem Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke), Bundespolizei, Nahverkehrsunternehmen, Bahnhofseigentümer und der Deutschen Bahn, der der Tunnel gehört, getroffen«, sagt Constantin Schnee. Seit dem vorweihnachtlichen Gesprächen hat sich die Lage jedoch verändert. Abends kommen keine Busse mehr und die Bundespolizei geht stündlich auf Streife und registriert jeden Flüchtling am Bahnhof sofort. Die Polizisten bieten auch Nacht-Plätze in ihren Räumen an, wenn die 16 in der Bahnhofsmission nicht ausreichen. Für Notfälle stehe ein beheizbarer Zug der Bahn bereit.

Der ökumenischen Bahnhofsmission wurden vier Bundesfreiwilligen-Dienstler bewilligt. Sie arbeiten hier über ein Jahr lang, neben all den Freiwilligen. Schnee fand zwei Gemeinden, deren Mitglieder aus christlicher Überzeugung hier in der Mission Nachtdienste leisten. »Stets ein Mann und eine Frau, denn wir müssen uns darauf einstellen, dass Muslimas eben Dinge mit Frauen klären wollen.«

Der Leiter der Bahnhofsmission rückt das Bild einer Auffangstation für Flüchtlinge zurecht: »Wir sind für jeden da.« In den Nachtschichten treffen sie auch auf gestrandete Jugendliche, die Frau, die ihre Handtasche verlegt hat oder den orientierungslosen Studenten. »Im Januar hatten von unseren 1 906 Kontakten 811 Menschen einen Migrationshintergrund, 1 013 waren Reisende, der Rest kam aus dem Bahnhofsumfeld«, rechnet der Leiter der Bahnhofsmission vor. Eigentlich sei es ruhig. »Im September hatten wir von 10.30 Uhr morgens bis 22.30 Uhr 1 600 Flüchtlinge zu betreuen.« Man sei besser aufgestellt als im Herbst. Das Mutterhaus Elbingerode stellte Decken und Planen zur Verfügung, die Bahnhofsmission bekam 10 000 Trinkbecher gespendet. »Außerdem nehmen wir an einem Deeskalationstraining teil.« Denn nicht jeder ist mit dem einverstanden, was die Bahnhofsmission leistet. »Wir werden von Deutschen bespuckt, erhalten Drohanrufe. Schlimm, dass man sich als Christ in Mitteldeutschland für sein diakonisches Handeln rechtfertigen muss«, sagt Constantin Schnee und begleitet seine arabischen Gäste aus der Mission zum letzten Zug nach Leipzig.

Uwe Kraus

Der Dreiklang des Lebens

21. April 2015 von redaktionguh  
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Christ und Politik: Die Theologin Christine Lieberknecht bekleidete 25 Jahre Spitzenpositionen in der Politik

Christine Lieberknecht (56) ist evangelische Theologin. Seit der Wende ist sie für die Thüringer CDU politisch aktiv, hat 1989 den »Brief aus Weimar« mit verfasst, der Reformen in der Ost-CDU forderte, und war seit 1990 in leitenden politischen Funktionen: Ministerin, Landtagspräsidentin, Ministerpräsidentin.

Mit ihr sprach Harald Krille.

In guter Gesellschaft: Die Bildergalerie der Thüringer Landtagspräsidenten, vor der Christine Lieberknecht steht, zeigt evangelische Christen: Gottfried Müller, Frank-Michael Pietzsch, Christine Lieberknecht, Dagmar Schipanski (v. l.). Foto: Harald Krille

In guter Gesellschaft: Die Bildergalerie der Thüringer Landtagspräsidenten, vor der Christine Lieberknecht steht, zeigt evangelische Christen: Gottfried Müller, Frank-Michael Pietzsch, Christine Lieberknecht, Dagmar Schipanski (v. l.). Foto: Harald Krille

Frau Lieberknecht, seit der Bildung der rot-rot-grünen Regierung in Thüringen sind Sie sozusagen wieder normale Landtagsabgeordnete. Wie geht es Ihnen damit?

Lieberknecht: Ich finde die neue Situation durchaus spannend. An der Spitze eines Landes zu stehen, lässt sich mit Spitzensport vergleichen. Ein Spitzensportler kann auch nicht von heute auf morgen seine Leistung von 100 auf Null runterfahren. Ich habe jetzt die Gelegenheit, mit dem Landtagsmandat und einer ganzen Reihe von Ehrenämtern, die ich nach wie vor wahrnehme, so etwas zu tun wie abtrainieren. Neudeutsch spricht man in den Sozialwissenschaften von »downshiften«.

Das klingt sehr entspannt – es gibt also auch Vorteile, wenn man nicht mehr so viel Verantwortung trägt?

Lieberknecht: Jede Medaille hat zwei Seiten. Politische Spitzenämter geben einem natürlich viele Bühnen. Man steht im Rampenlicht mit allen Vorteilen, aber natürlich auch mit allen Nachteilen. Von daher ist das Leben jetzt deutlich ruhiger geworden. Auf der anderen Seite muss man sich jeden Termin selbst erarbeiten, für Vorträge selbst recherchieren. Da macht man verblüffende Erfahrungen. Für ein Impulsreferat zur Situation von Frauen suchte ich nach einigen Überblicksdaten, schlage das Statistische Jahrbuch für Thüringen auf und stelle fest, dass beispielsweise der Begriff Armut auf 680 Seiten nicht vorkommt. Dabei hätte mich die Armutsquote im Land sehr interessiert. So etwas hätte ich als Ministerpräsidentin nie bemerkt.

Und außerdem: Thüringen ist voller Überraschungen. Da vergeht kein Tag, ohne dass ich eine neue Entdeckung mache. Heute besuche ich noch die Galerie und Bilderrahmenwerkstatt Bethge hier in Erfurt. Und sicher hat die Galerie Bilder von Thüringer Künstlern, die ich noch nicht kenne.

Dennoch: Die CDU ist bei der Wahl 2014 unter Ihrer Führung die stärkste Fraktion im Landtag geworden, sogar mit deutlichen Stimmenzuwächsen. Am Ende aber wurde sie durch Rot-Rot-Grün rausgekegelt. Empfindet man das nicht als Niederlage?

Lieberknecht: Natürlich war es am Ende eine Enttäuschung. Der Wählerwille hat eindeutig der CDU die Präferenz gegeben. Wir haben 75 Prozent aller Wahlkreise vor Ort gewonnen. Nicht ein einziges Mitglied der jetzigen Landesregierung hat in seinem Wahlkreis vor den Wählern bestanden! Aber wir haben ein Wahlsystem, in dem sich Wahlverlierer auch gegen den Wahlgewinner zusammenschließen können. Das hat es in der bundesdeutschen Demokratiegeschichte immer schon gegeben. Für Thüringen ist diese Situation neu.

Wie würden Sie denn Ihr Verhältnis zur Partei Die Linke bezeichnen?

Lieberknecht: Ich nehme die Partei Die Linke bei ihrem Programm: Darin vertritt sie nach wie vor eine Veränderung unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates, unseres Grundgesetzes. Also eine Umwälzung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse, so wie es den klassischen Lehren des Marxismus-Leninismus entspricht. Zu diesen Lehren gehört auch Lenins Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik im politischen Kampf. Die Taktik diktiert derzeit einen Kurs auf samtenen Pfoten. Aber das Endziel bleibt unverändert.

Ihr Nachfolger Bodo Ramelow von der Linken ist bekennender Christ wie Sie selbst …

Lieberknecht: Was ich gerade gesagt habe, habe ich über die Partei gesagt. Nicht über Personen! Da unterscheide ich deutlich zwischen Partei und Personen.

Deswegen jetzt die Frage nach der Person – Ramelow und Sie sind ja kirchlich gesprochen Bruder und Schwester im Glauben …

Lieberknecht: Die Situation ist ja nicht neu. Ganz offenkundig war das, als wir gemeinsam in der jeweils gleichen Funktion als Fraktionsvorsitzende unserer Parteien unmittelbare Kontrahenten im Landtag waren. Da habe ich die Erfahrung gemacht, wir können hart in der Sache miteinander ringen. Aber man kann diese Auseinandersetzungen mit Anstand und mit allem Respekt vor der jeweiligen Person führen. An dieser Erfahrung hat sich nichts geändert.

Donnerstags zum Beginn einer Sitzungswoche gibt es eine ökumenische Andacht im Andachtsraum des Landtages. Da sitzen Sie mit Bodo Ramelow zusammen und beten gemeinsam?

Lieberknecht: Ja, da beten wir gemeinsam. Wissen Sie, ich habe einen Dreiklang in meinem Leben: Zuallererst bin ich Christin. Als Christin bin ich Demokratin. Und als Demokratin bin ich Christdemokratin. Das heißt, die Politik war für mich nie das Entscheidende über allen Dingen, sondern war immer eingebettet in mein Leben als Christ. Als Christin gehe ich zu den Andachten. Und als Christin, der es Ernst ist mit dem christlichen Glauben, sage ich, dass diese Andachten nicht ohne Wirkung sind. Wer gemeinsam betet, wer gemeinsam lobpreist, wer gemeinsam auf Gottes Wort hört, der geht dann auch im Alltag anders mit­einander um. Deshalb habe ich übrigens damals als Landtagspräsidentin dafür gesorgt, dass es diesen Andachtsraum gibt. Der war nämlich ursprünglich gar nicht vorgesehen.

Haben Sie sich in Ihrer Amtsführung eigentlich von den Kirchen unterstützt gefühlt oder eher Gegenwind verspürt? Bei etlichen politischen Themen haben die Kirchen ja durchaus andere Meinungen als die CDU.

Lieberknecht: Ich sehe das sehr differenziert. Nicht jede Pressemeldung aus den Landeskirchenämtern oder von kirchlichen Verbänden entspricht dem, was tatsächlich von verantwortlichen Christen in kirchenleitenden Positionen oder von den Menschen an der Basis der Gemeinden gesagt und gedacht wird. Besonders schwierig finde ich es, wenn in bestimmten Fragen von einer Partei mit dem »C« im Namen mehr »Christlichkeit« erwartet wird, als sie hier und da von den Kirchen selbst geboten wird. Ich bin beispielsweise nach wie vor jemand, der konsequent für den Schutz des ungeborenen Lebens steht. Mehr als 100?000 Abtreibungen in einem so reichen Land wie Deutschland werde ich nie mit meinem Gewissen vereinbaren können. So klare Worte höre ich von meiner evangelischen Kirche selten.

Generell sind Sie ja in Ihrer Familienpolitik, Stichwort Elterngeld, von den Kirchen nicht gerade unterstützt worden.

Lieberknecht: Die katholische Kirche hat uns sehr unterstützt und tut es auch jetzt. Zurecht. Gerade für die Zukunft des Glaubens oder der christlichen Tradition kann der Stellenwert von Familie gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das heißt überhaupt nicht, den wertvollen Beitrag von kirchlichen Kindergärten in Abrede zu stellen. Aber das Erziehungsgeld wird gezahlt für einjährige Kinder. Bei allem Bildungsenthusiasmus – Bildung ist nicht möglich ohne Bindung. Und es gibt kaum einen Ort, wo Kinder in einem solch zarten Alter mehr Empathie erleben als im Elternhaus, bei ihren Eltern und unter Geschwistern.

Diese Haltung ist selbst in Ihrer eigenen Partei durchaus nicht mehr allgemeiner Konsens.

Lieberknecht: In Thüringen ist es Konsens. Bei der CDU auf Bundesebene habe ich mich innerhalb der Zukunftskommission für die Arbeitsgruppe Familienpolitik gemeldet. Dort will ich meine Erfahrung für den hohen Stellenwert von Familie einbringen mit zwei eigenen Kindern, fünf Enkeln.

Deutet das Engagement in der Zukunftskommission auf Ambitionen in Richtung Bundespolitik hin?

Lieberknecht: Nein. Das kommt für mich überhaupt nicht in Betracht. Ich hab ein Direktmandat im Thüringer Landtag. Das ist eine schöne Basis, um in Thüringen und für Thüringen weiterzuarbeiten.

Licht sein und Licht werden

24. Januar 2015 von redaktionguh  
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Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60, Vers 2

Als Student in Göttingen hatte ich Gelegenheit mitzusingen: das Oratorim »Paulus« von Felix Mendelssohn Bartholdy. Aufgeführt in der Kirche St. Johannis unter Leitung von Bernd Eberhardt. Fast drei Stunden die Aufführung und eineinhalb Jahre Vorbereitung. Deutlich ist mir die Aufforderung in Erinnerung, die im späten Jesaja-Buch an die Hörenden ergeht und die im Oratorium an Paulus gerichtet wird: »Mache dich auf, werde Licht!«

Martin Schmelzer, Pfarrer in Weißenfels

Martin Schmelzer, Pfarrer in Weißenfels

Diese Aufforderung steht in einem Buch der Bibel, das vor allem ab dem 40. Kapitel voller Heilsansagen, voller lichter und hoffnungsvoller Worte ist.

Mache dich auf, werde Licht! Warum? Zum einen, weil die Herrlichkeit des Herrn aufgeht über dir, zum andern, weil das Erdreich von Finsternis und die Völker von Dunkel bedeckt sind. Finsternis und Dunkel erfahren Menschen heute in vielerlei Weise, und es scheint so, dass das zu allen Zeiten so war. Beim Hören auf Nachrichten kann es einem angst und bange werden: Terror, verschleppte Menschen, Anschläge, Ängste, die Menschen auch in unserem Land umtreiben. Viel wird darüber berichtet, und es wird deutlich: Finsternis bedeckt das Erdreich, Dunkel die Völker.

Als Christ fühle ich mich angesprochen: Gib dich der Finsternis und dem Dunkel nicht hin, sondern werde Licht! Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Verbunden mit den Worten Jesajas wird deutlich, was auch für Christinnen und Christen reformatorischer Tradition wichtig geworden ist. Licht sein heißt zugleich, Licht zu werden und damit immer wieder neu sich »erleuchten« zu lassen. Darauf sind wir angewiesen.

Es begegnet im Gottesdienst beim Segen am Ende: »Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir!«, es begegnet da, wo dem Dunkel etwas entgegengesetzt wird durch unser lichtes, von Hoffnung getragenes Handeln. Es kann mir ganz persönlich begegnen, wenn ich mich vertiefe als Teil eines Chores in eine Musik wie das Paulus-Oratorium und vom Licht singe, das mir und uns begegnet, mich und uns zum Licht werden lassen will.

Martin Schmelzer, Pfarrer in Weißenfels

Leben im Bereitschaftsmodus

25. November 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.

Lukas 12, Vers 35

Ich gebe es zu, ich denke oft nicht daran. Eine gefühlte Ewigkeit leuchtet das kleine Licht an der Stereoanlage, weil ich vergessen habe, sie auszuschalten. Und der PC ist sowieso im Dauerstandby. Ich kann ja nie wissen, wann ich wieder etwas in den Tiefen meiner Festplatten suchen muss. Ich weiß, das ist nicht gut für die Umwelt, aber es ist bequem. Und ja, es kostet. Strom zum Beispiel. Standby kostet. Auch Kraft und Nerven. Jeder, der im Bereitschaftsdienst arbeitet, weiß das. Immer wachsam sein und einsatzbereit. Das hält niemand auf Dauer aus.

Bin ich also nur ein guter Christ, wenn ich um Jesu Willen immer im Bereitschaftsmodus bin? Der Wochenspruch scheint mir das nahe zu legen. Seid bereit! Immer bereit? Nein, ich glaube, das Geheimnis liegt tiefer. Denn in Jesu Gegenwart erlebten Menschen, was ihre Bestimmung ist. In ihm war das Heil da, war für sie Freiheit zum Greifen nahe. Die gottgewollte Normalität. Standby war da nicht mehr nötig.

Daniel Senf

Daniel Senf

Sie lachen? Die Welt ist, in Jesu Sinne, kein bißchen normaler geworden in den letzten 2 000 Jahren. Aber die Antennen dafür, wie sie eigentlich sein sollte, die haben wir Menschen nicht verloren. Das ist nicht einmal etwas exklusiv Christliches. Im Standby bleiben heißt für mich, hungrig bleiben nach Gerechtigkeit, Frieden, einer im Wortsinn heilen Welt. Wer möchte das nicht? Wer wartet nicht darauf?

Und hier kann vielleicht der eine oder andere Christ etwas sensibler reagieren. Denn wenn ich im Glauben eine Ahnung oder Vorfreude einer gerechten Welt habe, dann kann ich nicht abschalten, wenn um mich Ungerechtigkeit und Unfrieden herrschen. Oder ich werde wach und freue mich, ja zehre davon, wenn schon hier und da Gottes Reich im Verborgenen aufscheint.

Ich gebe es zu, ich denke oft nicht daran. Wahrscheinlich leuchte ich und vielleicht auch Sie eine gefühlte Ewigkeit als ziemlich kleines Licht, kaum mehr zu sehen. Doch vergessen sind wir nicht. Und im Gegensatz zur Stereoanlage drückt am Ende niemand auf Aus. Ganz im Gegenteil!

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Ermutigen, das Christ-Sein in der Welt zu leben

7. Januar 2013 von redaktionguh  
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Diethard Kamm ist seit dem 1. Januar Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar

Ich habe nicht gedacht, dass ich mit 59 Jahren noch einmal zur ›Generation Praktikum‹ gehöre«, sagt der bisherige Jenaer Superintendent Diethard Kamm, der das Amt des Regionalbischofs im Propstsprengel Gera-Weimar ein Jahr lang kommissarisch wahrnahm. Nach der Wahl durch die mitteldeutsche Landessynode im November 2012 ist er nun seit dem 1. Januar offiziell Regionalbischof. Bei der Entscheidung hierfür hätten ihn »viele gute Erfahrungen« bestärkt. »Ich habe gemerkt, dass mir dieser Dienst entgegenkommt, gemeinsam unterwegs zu sein – als Seelsorger«, sagt er.

Vorgänger Propst Hans Mikosch (r.) gratuliert Diethard Kamm zur Wahl. Foto: Gerhard Seifert/EKM

Vorgänger Propst Hans Mikosch (r.) gratuliert Diethard Kamm zur Wahl. Foto: Gerhard Seifert/EKM

Nachdem Diethard Kamm in den vergangenen 25 Jahren vorrangig im städtischen Bereich tätig war, will er sich jetzt besonders im ländlichen Raum engagieren. »Zunächst sind viele Besuche in den Kirchengemeinden geplant, um mich über die Situation vor Ort zu informieren«, führt er aus. Dabei möchte er »Seelsorge ermöglichen und Seelsorge für Pfarrerinnen und Pfarrer selbst anbieten«. Zudem will er gemeinsam mit den Mitarbeitenden »nach Wegen für unsere Kirche zu suchen«. Er nehme ­dabei ernst, »dass immer auch Ungleichzeitigkeit« herrsche. Was im Ort A gehe, müsse noch lange nicht im Ort B funktionieren.

Diethard Kamm möchte »mit Gemeinden unterwegs sein, die das Evangelium öffentlich leben, Kirche im öffentlichen Raum vertreten und erkennbar werden lassen, wofür sie steht: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«.

Er komme aus einem kirchlichen Elternhaus, »aber nicht aus einem Pfarrhaus«, berichtet der in Meiningen geborene Theologe, der nach dem Abitur zunächst vier Semester Physik studierte. Nach einer ersten Prägung durch die Junge Gemeinde in Meiningen seien in Jena »wohl Theologiestudenten und das Theologenkonvikt daran schuld gewesen«, dass er sich zum Fachrichtungswechsel entschloss. Nach dem Theologiestudium war er Vikar in Jena und Creuzburg sowie Pfarrer in Creuzburg und Scherbda, anschließend im Neubaugebiet in Gera und seit 1999 Superintendent des Kirchenkreises Jena.

Der Theologe war immer auch gesellschaftlich engagiert, beispielsweise als Mitbegründer der ökumenischen Umweltbibliothek Gera, Organisator der Friedensgebete in Gera ab Herbst 1988, Vorsitzender der Jugendkammer der Evangelischen Jugend in Thüringen und Mitbegründer des »Runden Tisches gegen Rechts« in Jena. Er ist verheiratet und hat zwei ­erwachsene Kinder.

Schon als Student sei er durch die »Theologie der Hoffnung« geprägt worden, erinnert er sich. »Wir haben uns gegen die Meinung der Marxismus-Leninismus-Dozenten gewehrt, dass Glaube Privatsache sei. Uns bewegte die Frage, welche Bedeutung die Bibel für das Zusammenleben der Menschen hat.« Für ihn sei es bei der friedlichen Revolution »ganz wichtig« gewesen, »nicht nur innerhalb der Kirche aktiv zu sein, sondern auch in der Gesellschaft«. Und deshalb bekennt er: »Ich möchte Hoffnung weitersagen und Menschen ermutigen, ihr Christ-Sein in der Welt zu leben!«
Michael von Hintzenstern

Kann das nicht jeder Christ nachsingen?

1. September 2012 von redaktionguh  
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Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ
Evangelisches Gesangbuch 343, Vers 1

Dieses Lied ist mir im Gottesdienst noch nicht bewusst begegnet, obwohl ich seit 26 Jahren beruflich mit Kirche zu tun habe. Was sind das aber gegen die fast 500 Jahre, die es dieses Lied nun schon gibt? Oder ist das bereits ein Teil des Problems? Das Lied erschließt sich nicht von selbst, sondern muss erklärt werden. Bei Johannes Kulp werde ich fündig: Die Verfasserschaft ist nicht ­geklärt, es spricht aber viel dafür, dass es Johann Agricola geschrieben hat. Er ist eine schillernde ­Persönlichkeit von der es diplomatisch heißt: Über seinen Charakter berichten die Chronisten nicht nur Gutes. Zuerst wurde er Luthers begeisterter Schüler und Freund, den die gleiche Frage nach der Buße umtrieb. Sollen Unbußfertige zur Buße getrieben werden?

Johannes Götze, Kirchenmusiker im Kirchenkreis Gotha

Johannes Götze, Kirchenmusiker im Kirchenkreis Gotha

Er fand seine Antwort und ging seinen eigenen Weg. Damit geriet er in heftigen Gegensatz zu Luther. Das brachte ihn Hohn und Spott, gar den Hass der evangelischen Theologen ein. Zum Verstehen des Liedes ist dieses Wissen nicht unwesentlich. Obwohl es wie ein Klage- oder Bußlied beginnt, ist von Klage dann kaum noch die Rede. Es geht um Glaube, dem Bruder dienstbar sein und auch unbrüderlichen Menschen vergeben zu können. Es ist ein zutiefst persönliches Lied. Kann das aber nicht jeder Christ nachsprechen oder besser -singen? »Den rechten Glauben, Herr, ich mein« – bedeutet: Ich bekenne mich zum rechten Glauben, egal, was andere meinen. »Dein Wort zu halten eben« – heißt: Ich will dein Wort gerade, ohne von ihm abzuweichen, einhalten, denn »eben« ist das Gegenteil von »krumm«. »Dass ich nicht wieder werd zu Spott«, lässt die Anfechtung des Verfassers durchklingen.

Aus allem klingt die Hoffnung, dass Gott es nicht zulassen wird, dass er fällt. Seine Grundhaltung kommt im Lied zum Ausdruck: Ich selber kann nichts, auch nicht das Glauben. Deswegen »klebt« er an der Gnade Gottes. Bleibt für mich die Frage: Werde ich dieses Lied der Gemeinde als Wochenlied anbieten?

Johannes Götze, Kirchenmusiker im Kirchenkreis Gotha