Wittenberg: Was bleibt?

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Endspurt: Am 31. Oktober geht in Wittenberg mit einem Fest das Reformationsjahr zu Ende. Der sogenannte Reformationssommer hinterlässt bleibende Spuren in der Lutherstadt.

Die Christen in Wittenberg haben das Reformationsjahr als Ermutigung erlebt«, bilanziert Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. Volle Kirchen, manchmal sogar zu voll, Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – all dies habe die Christen gestärkt und jenen 85 Prozent konfessionslosen Wittenbergern ein positives Bild von Kirche vermittelt.

Lange, das verhehlt der Superintendent nicht, haben die Kirchen in der Stadt damit gerungen, welche Aufgabe sie im Jubiläumsjahr eigentlich spielen. Die so einfache wie sinnvolle Antwort: »Wir wollen gute Gastgeber sein«, mit Sonntags- und Themen-Gottesdiensten, mit Andachten und Gebeten. »Es hat der Stadt gut getan, dass an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten gebetet wurde«, sagt Christian Beuchel und erinnert, dass in den letzten Wochen der Weltausstellung bis zu 400 Menschen die »Church@Night« der Lichtkirche besuchten. Die Idee möchten die Wittenberger fortsetzen. Jeden zweiten Freitag im Monat, 21.30 Uhr, soll die Stadtkirche in ein besonderes Licht getaucht werden. Als greifbares Erbe der Weltausstellung verbleibt zudem ein Taizékreuz in der Christuskirche, wo es regelmäßig Taizéandachten gibt.

Der Kirchenladen gegenüber dem Asisi-Panorama sei leider nicht so gut besucht worden und auch seien weniger Gemeindegruppen in die Stadt gekommen als erhofft. Beuchel berichtet auch davon, dass es anfangs schwierig gewesen sei, mit in das große Boot der EKD zu steigen. »Immerhin ist nicht nur die Stadt Wittenberg, sondern sind auch die Kirchen der Stadt Gastgeber gewesen.«

Der Verein r2017, der den Reformationssommer auf die Beine stellte, nimmt indes Abschied. Die Weltausstellung ist abgebaut, viele Mitarbeiter sind zurück in Berlin oder auf ihren vorherigen Arbeitsplätzen, ein Großteil der Volunteers hat den Freiwilligendienst beendet und der Ausverkauf von Technik, Büro- und Werbematerial läuft. »Aber: Es bleiben aus fast jedem Torraum Installationen in Wittenberg«, sagt Johanna Matuzak von r2017. Die Spiegel-Stege auf dem Bunkerberg waren von Beginn an als bleibende Installation geplant, und zu weiteren Ausstellungsstücken hat der Stadtrat jüngst einen Beschluss gefasst.

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Demnach gehen das Flüchtlingsboot auf dem Schwanenteich, die Weltkugel auf dem Marktplatz, das House of One im Luthergarten, die Schaukel am Bahnhof und die Europaallee des Stationenwegs in städtisches Eigentum über. Zudem wird geprüft, auf dem Fundament des inzwischen abgebauten Bibelturms eine Radstation zu errichten.

Das Asisi-Panorama bleibt noch vier weitere Jahre geöffnet, danach plant die Stadt, Wohnungen auf dem Grundstück zu errichten. Die Kletterkirche des YoungPointReformation zieht nach Magdeburg um. Die alte Schule, die als r2017-Hauptquartier diente, soll ab dem zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 wieder als Gymnasium genutzt werden. »Wir von r2017 werden voraussichtlich Ende November ausziehen, in kleinere Büros in die Fleischerstraße«, sagt Johanna Matuzak. Ende des Jahres hören dann auch die letzten Volunteers auf.

Katja Schmidtke

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Die Altäre von Kemberg

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Der Cranach-Altar in der Kleinstadt nahe Wittenberg fiel vor 23 Jahren einem Brand zum Opfer. Bis heute schwelt der Streit über den Umgang mit dem zerstörten Kulturgut.

Kirchenkonservatorin Bettina Seyderhelm erinnert sich genau an jenen Novembertag 1994. Ein Schwelbrand hatte in der Stadtkirche zu Kemberg gewütet. Mitten im Chaos der Zerstörung lag wie ein »großer gefallener Vogel« der Altar von Lucas Cranach dem Jüngeren. Zwei Drittel des Kunstwerks von 1565 waren unwiederbringlich verloren. Verbrannt. Verkohlt. Verrußt.

Auch Walter Neumann erinnert sich. Der Elektromeister war damals stellvertretender Bürgermeister, vom Stadtrat eilte er zur Kirche. »Mir war sofort klar, da müssen wir etwas tun«, sagt er. Etwas tun – doch wie? In Kemberg beschritt man verschiedene Wege. »Die Kopie eines so hochrangigen Kunstwerks nach Fotografien ist nicht nur wegen der fehlenden genauen Vorlagen unmöglich, sondern auch, weil kaum jemand die feine Technik der Cranach’schen Malerei beherrscht«, erklärt Bettina Seyderhelm. Der Gemeindekirchenrat schließt sich dieser Ansicht an und beauftragt nach einem Wettbewerb den renommierten Künstler Arnulf Rainer. Er schafft ein Altarkreuz; Günter Grohs dazu korrespondierende Fenster. »Wir haben lange diskutiert und öffentlich, transparent und demokratisch entschieden«, fasst Kirchenältester Dieter Schröter zusammen.

Zankapfel: Eine Kopie (rechts) des 1994 nahezu vollständig verbrannten Cranach-Altars (links) in Kemberg, Kirchenkreis Wittenberg. Foto/Repro: Thomas Klitzsch

Zankapfel: Eine Kopie (rechts) des 1994 nahezu vollständig verbrannten Cranach-Altars (links) in Kemberg, Kirchenkreis Wittenberg. Foto/Repro: Thomas Klitzsch

Auch wenn Walter Neumann mit in der Jury für die Neugestaltung des Altarraums sitzt, wählt er einen anderen Weg. 2010 – da ist der Chorraum seit acht Jahren neu – tritt er mit einer Gruppe anderer Handwerker in die Öffentlichkeit: Sie wollen den Cranach-Altar wie Phönix aus der Asche auferstehen lassen. Die Eisleber Künstlerin Mariana Lepadus, die in Rumänien Kirchenmalerei studierte und sich der Ikonenmalerei verschrieben hat, wagt sich an das Projekt. Mehr als 100 Menschen spenden, 74 000 Euro kommen zusammen.

Gemeindekirchenrat, Kirchenkonservatorin Seyderhelm und Superintendent Christian Beuchel distanzieren sich von dem Vorhaben. Die Nachbildung soll nicht in der Kirche ausgestellt werden. Kirchenältester Dieter Schröter: »Erstens: Wir haben uns für eine Neugestaltung des Altarraums entschieden und mit Arnulf Rainer einen großen Künstler gewinnen können. Zweitens: In der Sakristei können die erhaltenen Reste des Cranachs besichtigt werden. Drittens: Eine Kopie des Originals kann es nicht geben.« Mehrfach ist dieses Nein schriftlich protokolliert, betont Bettina Seyderhelm. Die Handwerker können oder wollen sich daran nicht erinnern.

Als Standort für die Nachbildung bietet sich der Kirchturm an, der sich in städtischem Eigentum befindet und Ausstellungsort ist. Das gehe aus versicherungstechnischen und klimatischen Gründen nicht, entgegnet Neumann. »Wir haben geglaubt, dass sich in der riesigen Kirche doch ein Platz finden muss«, sagt er. Auch die Spender hegen diese Hoffnung. Die Kirchengemeinde erklärt sich bereit, das Werk von Mariana Lepadus im Mai einige Tage in der Stadtkirche zu zeigen. Zur Präsentation sei die Kirche fast bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen, 300 Menschen hätten sich mit ihrer Unterschrift für den Verbleib ausgesprochen, so Neumann.

Doch inzwischen ist der Altar verabredungsgemäß wieder abgebaut, auch der Bericht der Bild-Zeitung »Altar-Skandal in Kemberg« ändert daran nichts. Die Stimmung in der Stadt ist schlecht. Pfarrer und Kirchenälteste werden überall angesprochen. Der öffentliche Druck wächst. Es heißt, der Ministerpräsident wolle sich einschalten. Am 15. Juni – nach Redaktionsschluss dieser Zeitung – wollen Kirchenkonservatorin Seyderhelm und Superintendent Beuchel zunächst mit der Gemeinde und dann mit den Initiatoren der Altar-Kopie ins Gespräch kommen. Nicht zum ersten Mal.

Katja Schmidtke

Feiertag für Leib und Seele

1. Oktober 2014 von redaktionguh  
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17 Täuflinge begehen mit 250 Gästen in Zahna das Kirchenkreisfest

Taufe ist prickelnd« – Das Motto des fünften Kirchenkreisfestes des Kirchenkreisfestes Wittenberg am vergangenen Sonntag in Zahna war wohlgewählt. Und das nicht allein, weil in dem Flämingstädtchen Mineralwasser mit Prickeleffekt für den Gaumen hergestellt wird. Rund 250 Besucher nutzen die Zusammenkunft, um einzutauchen in ein vielfältiges Gemeinschaftserlebnis; 17 von ihnen, um durch die Taufe einen Bund mit Gott zu schließen. Zur Freude von Superintendent Christian Beuchel, der den Tauf- und Festgottesdienst leitete: »Eine Taufe ist für einen Pfarrer immer etwas ganz besonders Schönes.«

Theaterszene in der Kirche in Woltersdorf bei Zahna: Sybille sucht eine neue Frisur und erlebt eine Verwandlung. Foto: Achim Kuhn

Theaterszene in der Kirche in Woltersdorf bei Zahna: Sybille sucht eine neue Frisur und erlebt eine Verwandlung. Foto: Achim Kuhn

»Taufe ist cool« – mit bunter Kreide geschrieben prangte der Satz auf einem farbenfrohen Gemälde, mit dem die jungen Besucher des Festes eine Innenwand der Kirche kreativ gestaltet hatten. Herzen und Hände sind darauf zu sehen, Boote, Fische und nicht zuletzt ein ausgesprochen fröhliches Taufkind mit breitem Lachen. Alles abwaschbar, aber eigentlich, findet Zahnas Ortsbürgermeister Hans Helmar Mordelt, »muss das bleiben«, zeige es doch dass Kirche auch ein Raum für Kreativität ist.

Theaterstück regte zum Nachdenken an

Ausgesprochen kreativ hatten die Organisatoren des Festes auch das Thema Taufe bei der Gestaltung von sechs Touren durch die Umgebung aufgegriffen. Eine führte nach Woltersdorf. In dem kleinen, frisch renovierten klassizistischen Gotteshaus wurden die zahlreich erschienenen Gäste bereits erwartet – von der »Frau mit den nassen Haaren«. Die Idee zu dem Theaterstück stammt vom Zahnaer Pfarrer Matthias Schollmeyer, präsentiert wurde es vom Ambulanten Kirchentheater aus Halle.

Die Frau mit den nassen Haaren heißt Sybille und ist, wie ihr Name verrät, eine Suchende. Sie betritt den zum Friseursalon umgestalteten Altarraum mit dem schönen Namen »Heute Ruhetag« und erlebt eine Verwandlung, die weit über die Wirkung einer neuen Frisur hinausgeht. Geschickt werden Rituale einer modernen Wellnesswelt samt ihrer Wasch- und Reinigungsrituale mit den Motiven der Taufe verwoben. Manchem Zuschauer stockt hörbar der Atem angesichts der gewagten Vermischung von der profanen mit der geistlich religiösen Ebene – etwa wenn suggeriert wird, dass es sich beim Chef des Friseursalons, von seiner Angestellten nur respektvoll »der Meister« genannt, um Jesus Christus handelt, dessen Abbild mit wallendem Haar den säkularen Salon und das Gotteshaus gleichermaßen zieren. Dass das Stück gleichwohl mehr berührt als schockiert, ist der Musikauswahl (»Letzte Lieder« von Richard Strauß) ebenso zu verdanken, wie einer Melange, die zwar mutig und munter ihr Spiel mit den verschiedenen Ebenen treibt, aber doch nie respektlos wirkt. Das Bühnengeschehen verharrt in einem Schwebezustand, der es dem Betrachter überlässt, Assoziationen zu entwickeln und seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Derart geistig angeregt durfte sich im Anschluss auch der Magen laben. Im Festzelt vor der Zahnaer Kirche gab es vor der Abschlussandacht Kaffee und Kuchen und nicht zuletzt einen anregenden Austausch über die verschiedenen Touren. »Ich bin von der Atmosphäre, die hier herrscht, absolut begeistert«, bekannte Wolfgang Proske. Man erlebe hier Gemeinschaft und in der fühle er sich auch als katholischer Christ aufgehoben, unterstrich der Mann aus Zahna.

Stefanie Hommers

Mehr als Vater, Mutter, Kind

16. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Thema: Sozialwissenschaftliches Institut sieht Defizite bei kirchlichen Angeboten für Familien

Der Abschied vom traditionellen Familienbild eröffnet auch neue Möglichkeiten.

Vater, Mutter, Kind – wer »Familie« sagt, hat in der Regel dieses Bild vor sich. Doch Familie ist vielfältig und vielschichtig, nicht erst seit heute. Kirchengemeinden gehen allerdings allzu oft vom Traditionellen aus. »Da werden mit viel Engagement Veranstaltungen für Kinder geplant und vorbereitet. Und die Organisatoren wundern sich, dass keine Kinder kommen«, sagt Gudula Bomm, die im Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf für Soziales, Bildung und Familie ­zuständig ist. Folgerichtig wurde vor einigen Jahren damit begonnen, über andere Wege nachzudenken. Dabei hätten sie nicht gefragt, was sie selbst tun könnten, sondern nach dem »Bedarf, der uns vor den Füßen liegt«.

Familienbild – in den Rahmen gesetzt. Foto: Fotandy/Fotolia.com

Familienbild – in den Rahmen gesetzt. Foto: Fotandy/Fotolia.com


 
Inzwischen ist in Waltershausen in Trägerschaft des Kirchenkreises ein Mehrgenerationenhaus entstanden. Hier gibt es Hausaufgabenbetreuung, Ferien- und kleine Bildungsangebote für die Familien. Verknüpft sei das Begegnungszentrum mit den traditionellen Angeboten der Kirchengemeinden. »Die Herausforderung besteht darin, das christliche Profil sichtbar zu machen, aber keine Hürden aufzubauen«, betont die Pfarrerin.

Der Kirchenkreis Wittenberg begann schon 2005 mit dem Prozess »Paradigmenwechsel vom Kind zur Familie«. Grund sei gewesen, dass die Christenlehre kaum noch angenommen wurde, ist von Superintendent Christian Beuchel zu erfahren. Mit dem ­Prozess verbunden war, den Mitarbeitern Mut zu machen, auch die Eltern einzubinden. Zudem bedurfte es einer fachlichen Weiterbildung der Gemeindepädagogen.

Und als drittes waren die Kirchenmusiker, Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch die Gemeindekirchenräte zu überzeugen. Inzwischen sind zwei Familienzentren, davon eins auf dem Dorf und eins in Wittenberg, sowie ein Haus der Begegnung entstanden. »Innerhalb des Prozesses ist uns auch manches zugeflogen, wie die Vernetzung mit nichtkirchlichen Einrichtungen«, sagt Beuchel. Da gäbe es inzwischen eine große Offenheit.

Längst ist das Thema überfällig. Das machte der Fachtag des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Eisenach am 2. und 3. Februar zum Thema »Familien stärken in evange­lischer Perspektive« deutlich. »Das Beständige an Familie ist ihre Wandlungsfähigkeit«, brachte es Barbara Thiessen, Professorin an der Hochschule Landshut, auf den Punkt. Sie lenkte den Blick auf die veränderten Lebensbedingungen der letzten Jahrzehnte: wachsende Berufstätigkeit von Frauen, späte Familiengründung, die neue Bedeutung der Väter oder die sinkende Attraktivität der Ehe.

Dass die Kleinfamilie keineswegs biblischen Ursprungs ist, führte Bernhard Mutschler aus, Professor der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Familie in der Bibel sei ein größerer Verband – generationenübergreifend und in verschiedener Form. Vor allem sei sie Solidar- und Wirtschaftsgemeinschaft. Der Theologe warnte vor einer Vereinfachung und Idealisierung der bürgerlichen Kleinfamilie.

Im Laufe der Gespräche wurde deutlich, dass Menschen, die andere Formen lebten, von der christlichen Gemeinde kaum etwas erwarteten, weil hier oft Familie mit Ehe verbunden würde. Kritisiert wurde zudem der sehr enge Blick innerhalb der Kirche, der vor allem auf Familien mit kleinen Kindern gerichtet sei.

Die sozialen Systeme Familie und Kirchengemeinde würden durchaus miteinander konkurrieren und deren Verbindung könne ein riskantes Unternehmen sein, stellte der Religionspädagoge Michael Domsgen fest. Die Gemeinde müsse familiäres Leben als eigenständigen Wert respektieren, sagte der Theologieprofessor aus Halle. Ziel könne nur die Stärkung der Beziehungen in Familien sein. Wobei es unerheblich sei, ob ein Paar verheiratet ist. »Das Entscheidende ist die Qualität der Beziehung«, so der Theologe.

Dietlind Steinhöfel

Ein Leuchter als Gastgeschenk

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Pfarrer Thomas Meinhof hielt die Andacht im Rohbau der Kapelle. (Foto: H.-Dietrich Kunze)

Pfarrer Thomas Meinhof hielt die Andacht im Rohbau der Kapelle. (Foto: H.-Dietrich Kunze)

 
In der Kapelle Mark Zwuschen wurde jetzt erstmals Gottesdienst gefeiert.
 

Das Bauwerk ist zwar noch nicht ganz fertig und der Wind zieht durch die zahlreichen Ritzen. Doch das tat der feierlichen Stimmung keinen Abbruch. Erstmals feierte Pfarrer Thomas Meinhof aus Seyda am 13. Februar in der kleinen Kapelle in Mark Zwuschen (Kirchenkreis Wittenberg) einen Gottesdienst, zu dem rund 40 Besucher gekommen waren. Für etwas Wärme sorgte ein Gasstrahler. Vorbereitet hatten den Gottesdienst Mitglieder der Vereine Kapelle Mark Zwuschen und von »Landimpuls« sowie Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Mark Zwuschen.

Besonders herzlich begrüßte der Pfarrer katholische Gäste aus Heiligenstadt im Eichsfeld. Es waren neun Sänger, die sich als Männerschola formiert haben. Als Gastgeschenk brachten sie einen schmiedeeisernen Standleuchter mit, den sie selbst angefertigt hatten. Er besteht aus einer quadratischen Achse, die einmal an einem Wagen die Räder trug.

Die Leuchterschale, die für eine Kerze bestimmt ist, wurde ebenfalls in Handarbeit geformt. »Diese schwierige Arbeit haben wir einem katholischen Priester aus Sonneberg übertragen«, berichtete Chormitglied Peter Anhalt. Der Priester Andreas Anhalt ist sein Bruder und eigentlich gelernter Schmied, bevor er das Theologiestudium aufnahm. Gelernt hatte er den Beruf in der Schmiede seines Vaters in Heiligenstadt.

Peter Anhalt erklärte auch, wie die Kontakte zur evangelischen Gemeinde entstanden sind. Pfarrer Thomas Meinhof stammt nämlich aus Heiligenstadt. Sein Vater war dort Pfarrer. Bereits vor fünf Jahren waren Heiligenstädter Katholiken erstmals zu Besuch in Seyda. Damals erfuhren sie von den Plänen zum Neubau der Kapelle.

Nach Gründung des Vereins unter Leitung von Heiko Meißner ging es ziemlich rasch voran. Im September 2009 war Baubeginn, zahlreiche Sponsoren unterstützten das Vorhaben seitdem. Auch viele Gemeindeglieder halfen ehrenamtlich mit.

Doch der Bau des kleinen Gotteshauses ist nicht ganz unumstritten. Kritisch sieht den Neubau etwa der Wittenberger Superintendent Christian Beuchel. »Wir haben mit 162 Gotteshäusern genug Kirchen im Kirchenkreis.« Der Bau sei deshalb nicht erforderlich gewesen, meint der Superintendent. Außerdem läge der Standort ziemlich abseits. Für ihn sei und bleibe es eine »Privatkapelle«.

Die Vereinsmitglieder sowie Pfarrer Thomas Meinhof sind trotz solcher Vorbehalte mit Leib und Seele dabei. Einen Termin für die endgültige Fertigstellung gibt es zwar noch nicht. Aber sie hoffen, dass sie »den Rest« auch noch stemmen werden.

H.-Dieter Kunze

Gesamtkonzept für die ganze Familie fehlt

2. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Umgeschaut: Wie familienfreundlich sind die kirchlichen Angebote wirklich?

Gute Vorsätze nicht nur für das neue Jahr (Foto: Bilderbox.com)

Gute Vorsätze nicht nur für das neue Jahr (Foto: Bilderbox.com)

Zu mehr Gelassenheit und weniger Zeitdruck beim Umgang mit Kindern hat die Weimarer Erziehungswissenschaftlerin Berit Scholwin Eltern ermutigt.

»Gespräche und gemeinsames Tun sind die Geheimnisse einer echten, lebendigen Kindheit«, brachte die promovierte Wissenschaftlerin das Thema bei einem Vortrag Ende November in der Weimarer Johanneskirche auf den Punkt. Mit übermäßigem Medienkonsum seien hingegen sowohl Kinder als auch Eltern überfordert.

Die Veranstaltung war gleichzeitig der Auftakt für eine Reihe »Mut zum Wachsen, Zeit zum Werden«, die vom Kirchenkreis Weimar und der Kreisstelle für Diakonie organisiert wird. Pfarrerin Dorothea Knetsch, eine der Initiatorinnen, meinte dazu: »Einerseits gibt es eine Fülle von Erziehungsratgebern, andererseits sind viele Eltern auch verunsichert, was den Umgang mit ihren Kindern betrifft.« Man wolle sie deshalb stärken, ihnen Wissen vermitteln und die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch anbieten.

 
»Auch die Frage des Gotttesdienstbeginns darf kein Tabu sein«
 

Die Reihe sei keine Konkurrenz zum »Team F – neues Leben für Familien«, das von den evangelischen Freikirchen getragen werde. Vielmehr solle damit eine Lücke geschlossen werden, denn kirchliche Angebote für Familien nähmen zwar zu, aber bei praktischen Details wie Fortbildungen  mit paralleler Kinderbetreuung oder familienfreundlichen Veranstaltungszeiten hapere es noch, so die Einschätzung von Dorothea Knetsch. Auch der sonntägliche Gottesdienst stehe bei Eltern oft im Spannungsfeld zwischen Ruhe, Besinnung und dem Wunsch, die Kinder möglichst viel daran teilhaben zu lassen.

Das kann auch Klaus Roes, Geschäftsführer der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen  Sachsen-Anhalt, bestätigen: »Familien tauchen bei kirchlichen Angeboten überall auf, aber sie werden nicht als Ganzes gesehen.« Zwar gäbe es teilweise Familienfreizeiten, aber regelmäßige wöchentliche Angebote für die ganze Familie suche man vielerorts vergebens. »Es fehlt ein Gesamtkonzept zur Frage ›Wie können wir Familien als Familien erreichen?‹« Und wenn sich herausstelle, dass für viele Familien der Sonntagvormittag die einzige gemeinsame Zeit in der Woche sei, dann dürfe auch die Frage des Gottesdienstbeginns kein Tabu mehr sein.

In der Lutherstadt Wittenberg hat man dieses Problem offenbar schon vor Jahren erkannt: In der Stadt selbst entstand das Familienzentrum »Menschenskind« und im ländlichen Raum das »Haus der Begegnung Globig«. Beide werden sehr gut angenommen, bestätigte Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. »Kirche geht damit auf andere zu.«

Rainer Borsdorf

Luther vom Sockel geholt

13. August 2010 von redaktionguh  
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Lutherdekade: An den Wittenberger »Lutherzwergen« scheiden sich die Geister.

Platzhalter: Am vergangenen Montag hat der Aktionskünstler Ottmar Hörl mit der Installation für die umstrittenen »Lutherzwerge« auf dem Wittenberger Marktplatz begonnen.

Platzhalter: Am vergangenen Montag hat der Aktionskünstler Ottmar Hörl mit der Installation für die umstrittenen »Lutherzwerge« auf dem Wittenberger Marktplatz begonnen.

Der Countdown läuft: Bis Sonnabend sollen auf dem Wittenberger Marktplatz 800 ein Meter große Lutherfiguren aufgestellt werden. Bereits im Vorfeld hatte das Vorhaben des Aktionskünstlers Ottmar Hörl für einiges Aufsehen gesorgt.

Luther bunt und im Zwergenformat 800-fach auf dem Wittenberger Marktplatz – das polarisiert. In einem Internetforum der regionalen Tageszeitung sehen die Kommentatoren die Sache zunächst positiv. »Frischer Wind«, urteilt »Lizzy« und hofft auf mehr Touristen in Wittenberg. Was sie und auch »Wolfgang 63«, »K61«, »Sabine« und »Langhaarfan« bisher wohl noch nicht gehört haben: dass die Inszenierung auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mitverantwortet wird. Sie will mit den offiziell »Luther-Botschafter« genannten Figuren protestantische Inhalte vermitteln.

Werbeexperten zweifeln aber daran, dass die evangelische Botschaft ankommt. »Luther würde mit dem Tintenfass nach den Initiatoren werfen«, sagt der PR-Berater und frühere VW-Kommunikationschef Klaus Kocks. Die Aktion sei »peinlich und kontraproduktiv«, wettert er wie vor ihm der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer.

Kocks ist überzeugt, dass »Form und Art des Auftritts« im Widerspruch zu Luther und seiner Lehre stehen und dass die Aktion daher keine Werbung für Protestantismus machen kann. Die Kirche sollte sich gerade bei  öffentlichkeitswirksamen Aktionen eher auf das Wort zurückbesinnen und Inhalte vermitteln, sagt der Politik- und Unternehmensberater. »Man muss sich mal vorstellen, der Platz vor dem Petersdom wäre mit Papstfiguren übersät«, sagt Kocks, der selbst der evangelischen Kirche angehört. »Was will man denn damit aussagen?«

Die Hamburgerin Eva Jung, die selbst Werbung für christliche Inhalte unter anderem für die Deutsche Bibelgesellschaft macht, bleibt ebenfalls skeptisch. »Das ist ein komischer Umgang mit Luther.« Die Kirche schaffe es nicht, aus ihren alten Gemäuern herauszukommen. »Zur entscheidenden Zeit war doch Luther ein junger Rebell«, sagt sie. Wenn der Reformator aber wie auf dem Wittenberger Denkmal, das Hörl für seine Aktion ins Miniaturformat kopierte, wieder als alter Mann gezeigt werde, führe dies auf die falsche Fährte.

Das wiederum findet der Wittenberger Superintendent Christian Beuchel überhaupt nicht. Die Aktion rege vielmehr dazu an, neu über Luther nachzudenken und über die Frage, welche Bedeutung er heute noch habe. »Ihn dazu vom Sockel zu holen, halte ich für eine gut Idee.«

Andere stößt dagegen ab, dass Luther im Anschluss der Aktion wie eine Heiligenfigur verkauft wird. Tatsächlich sollen die Figuren nach dem Abbau Mitte September für 250 Euro pro Stück veräußert und Hörls Kunstaktion dadurch refinanziert werden. PR-Berater Klaus Kocks spricht gar von einer »Kommerzialisierung des Glaubens« und »Tingeltangel mit Ablass«.

Prälat Stephan Dorgerloh, als EKD-Beauftragter in Wittenberg für die Aktionen in der Reformationsdekade bis 2017 verantwortlich, hört all die Kritik nicht zum ersten Mal. Er sagt, dass sich die Kirche, auch wenn sie das Projekt unterstütze und begleite, bei provozierender Kunst auch zurücknehmen müsse. »Und wo findet moderne Kunst schon hundertprozentige Zustimmung?« Schließlich sei die EKD auch finanziell nicht an der Aktion beteiligt. Der Künstler nehme das ganze Risiko auf sich, so Dorgerloh.

Der Beauftragte ist überzeugt, dass die Aktion bereits jetzt einen großen Teil des mit Hörl abgemachten evangelischen Auftrags erfüllt habe. So wird der Kirchenkreis Wittenberg gemeinsam mit dem Predigerseminar täglich viertelstündige Lesungen von Luthertexten auf dem Marktplatz veranstalten. Jeweils werktags von 17.45 Uhr lesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche, aber auch des Predigerseminars und der Evangelischen Akademie unter dem Motto »O-Ton Luther« Texte des Reformators vor. Sonntags beginnt die Lesung bereits um zwölf Uhr, dann kommt zudem Live-Musik dazu. »Das Kunstwerk ist also Anlass, sich inhaltlich mit Luther zu beschäftigen«, freut sich Dorgerloh.

Ob es gelingt, »wenigstens nachträglich dem ganzen Sinn zu verleihen«, sieht hingegen der ehemalige Superintendent Albrecht Steinwachs skeptisch. Auch Werbeexpertin Eva Jung bleibt zurückhaltend. Es gelte abzuwarten, worüber in Wittenberg mehr geredet wird: Über die Figuren oder über Luther. »Wenn die Diskussion sich mehr um die Zwerge dreht, ist sie eigentlich den Atem nicht wert.«

Corinna Buschow (epd/mkz)