Eine Brücke der Verständigung schlagen

22. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Die evangelischen Kirchen in Thüringen luden am 9. Dezember zum Adventsempfang

Der Luthersaal im Erfurter Augustinerkloster war gut gefüllt, die vier Sänger von »Quadro Ton« stimmten in den Abend ein. Am 9. Dezember hatten die evangelischen Kirchen in Thüringen – die EKM und die Kirche Kurhessen-Waldeck – zum traditionellen Adventsempfang geladen. Vertreter der neuen Landesregierung waren gekommen, unter anderem Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und Landtagspräsident Christian Carius (CDU), Vertreter aus Kirche, Gesellschaft und Medien. In seinem Grußwort betonte Christian Carius die wichtige Rolle der Kirchen für die Politik, sie seien ein Motor für die Gesellschaft. Er mahnte mit Hinweis auf Angriffe gegen Abgeordnete Toleranz an. Aber, so der Politiker, Toleranz sei keine Einbahnstraße.

Bodo Ramelow erinnerte an 25 Jahre Mauerfall und den Ruf »Keine Gewalt«, der auch heute Vorbild sein solle. Er prangerte wie Carius persönliche Anfeindungen von Politikern aller Fraktionen, Morddrohungen und Sachbeschädigungen in den vergangenen Wochen an. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur habe er sich auf die Fahnen geschrieben, betonte der Ministerpräsident. Das sei »kein Lippenbekenntnis« und er wisse, dass man nicht einfach vergeben könne. Der Prozess, dem er sich stellen will, brauche Räume. Er hoffe hier auf die Unterstützung der Kirchen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Eindrücklich nahm Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrer Rede die aktuellen Spannungen auf. Es gebe »starke Gründe dafür zu nennen, dass Gott den Glauben an uns auch verlieren könnte«, sagte sie und verwies auf die Greuel, die unter Berufung auf ihn geschehen: Mitmenschen werden gequält, vergewaltigt, gefoltert, getötet, verlieren ihre Heimat. Dabei gab sie zu bedenken, wie fragil militärische Lösungen seien. Es mache ihr Sorge, »dass die Logik und furchtbare Eigendynamik militärischer Gewalt unterschätzt und von manchen verharmlost wird«.
Die Überzeugung »Nie wieder Krieg in Europa« würde schwächer. Das sei bedrückend und nicht zuletzt in unserer Fantasielosigkeit begründet. Sie erinnerte ebenso an die friedliche Revolution, in der wir erfahren hätten, dass einst erbitterte Gegner ein Bild vom »gemeinsamen Haus Europa« entwickelten. Das zeige, dass Veränderung »durch Sanftmut und Friedlichkeit, Nächstenliebe und Schuldeingeständnis« möglich sei. »Für diese Veränderungsmöglichkeit hat der allmächtige Gott das Bild vorgezeichnet.« Dabei redete Junkermann keinem naiven Pazifismus das Wort, doch es dürften Brücken nicht abgebaut werden. Im anderen den Bruder, die Schwester zu sehen, sei geboten. »Bevor geschossen und getötet wird, wird immer zuvor das Menschsein der anderen irgendwie in Abrede gestellt.«
Um dem zu entgehen, sei der Blick auf das Kind in der Krippe wegweisend: der Mächtige, der sich verletzlich macht, um den anderen auf Augenhöhe zu begegnen; einer, der sich in die anderen hineinversetzt, »in sie hineinverwandelt«, um eine Brücke der Verständigung zu schlagen, so die Botschaft der Landesbischöfin.

Dietlind Steinhöfel

Sieben Wochen umsteigen

11. März 2011 von redaktionguh  
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Verkehrsbetriebe und Landeskirche starteten die Aktion »Autofasten – Sinn erfahren«.

Sieben Wochen ohne Auto: Mit Bus, Bahn und Fahrrad von Aschermittwoch bis Karsamstag. Wer es probiert, hilft nicht nur der Umwelt, sondern wird Neues erleben. (Foto: Phototom/Fotolia.com)

Sieben Wochen ohne Auto: Mit Bus, Bahn und Fahrrad von Aschermittwoch bis Karsamstag. Wer es probiert, hilft nicht nur der Umwelt, sondern wird Neues erleben. (Foto: Phototom/Fotolia.com)

Erinnern Sie sich noch an die ­Aktion »Mobil ohne Auto« in den 1980er Jahren? Angestoßen vom Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg ließen Christen an einem Juni-Sonntag ihr Auto stehen – worin der SED-Staat, vor allem die Stasi, einen Affront sah.

Von diesen subversiven Sonntagen erzählten Oberkirchenrat Christhard Wagner, heute Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Thüringen und damals Pfarrer in Großenlupnitz, und Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der mitteldeutschen Kirche und damals wie heute Umweltaktivist.

Anlass war die Präsentation der Fastenaktion »Autofasten – Sinn erfahren« am 2. März Erfurt. Thüringer Verkehrsunternehmen und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sowie weitere Partner aus Umwelt und Politik wollen dazu animieren, während der Fastenzeit, die am Aschermittwoch begonnen hat und am Karsamstag endet, das Auto möglichst stehen zu lassen.

Der Impuls zur Aktion kam von Thüringer Unternehmen, sagte Tilman Wagenknecht von der Marketinggruppe »Bus Thüringen«. Das Konzept trifft sich mit der EKM-Kampagne 2011 »Klimawandel – Lebenswandel«. Von daher bedurfte die ­Kooperation keiner Überredungskunst. »Da haben sich die richtigen Partner gefunden«, konstatierte denn auch Christhard Wagner. Man wolle den Autoverkehr nicht verteufeln, so der Theologe weiter, aber bewusster damit umgehen.

Auf der Internetplattform Umwelt-Wiki ist zu lesen, dass 50 Prozent aller Strecken, die mit dem Auto gefahren werden, unter fünf Kilometer betragen. Das verbraucht besonders viel Kraftstoff und produziert demzufolge viel Kohlendioxid. Wer stattdessen mit dem Fahrrad fährt oder zu Fuß geht, so der Thüringer Verkehrsminister Christian Carius, würde bei sieben ­Kilometern schon ein Kilogramm CO2 einsparen. Umdenken lohnt sich also. Zum Bäcker oder Briefkasten, sagte Christhard Wagner, müsse man nicht mit dem Auto fahren.

Um das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel zu unterstützen, bieten die Verkehrsbetriebe in den Landkreisen Sömmerda, Saalfeld-Rudolstadt und im Saale-Orla-Kreis für die 40 Fastentage spezielle Fastentickets an. Die gibt es an den Servicestellen der Verkehrsbetriebe zum Preis einer Monatskarte und einer Wochenkarte zu kaufen, was eine zusätzliche Ersparnis bedeutet. Zudem können alle, die sich zu »Autofasten – Sinn erfahren« auf der Homepage der Aktion anmelden, attraktive Preise gewinnen. Dort können sich Interessierte weiter informieren.

»Das Autofasten ist ein Höhepunkt in unserer Kampagne«, sagte Ralf-Uwe Beck. Deshalb hält die Pressestelle der EKM hierfür Werbebanner bereit, mit denen an Kirchtürmen für die Aktion geworben werden soll. Es ist erklärtes Ziel, durch eine Verhaltensänderung eine neue Lebensqualität zu erreichen. Dass hier viele Partner beteiligt sind, könnte der Sache Erfolg bescheren. Die Überlegungen gehen soweit, »Autofasten« jährlich auszurufen.

Dietlind Steinhöfel

www.autofasten-thueringen.de

Mit Fahrrad und Bibel

18. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum  Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März,  14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke

Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März, 14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke



Kirche entdeckt den Radtourismus für sich und beteiligt sich am Thüringer Themenjahr

Nicht nur für Manfred Reinhardt hat sich die Mühe gelohnt. »Die Nutzung von St. Ursula als Fahrradkirche nach der Sanierung war ein voller Erfolg«, ist der Gemeindekirchenratsvorsitzende aus Wiehe im Kyffhäuserkreis überzeugt. Vorher habe die Kirche in einem »Dornröschenschlaf« gelegen. Seit 2009 steht sie Radwanderern am Unstrut-Radweg zu Gebet und Ruhepausen offen.

Zwar hat es keine Statistik gegeben, wie viele Radler hier im vergangenen Jahr tatsächlich Station gemacht haben. Dennoch geben ihm die Einträge im Gästebuch recht. Da ­loben Radwanderer die Möglichkeit zu Stille und Einkehr sowie das angeneh­me Umfeld der kleinen Barockkirche in der Rankestadt. »Wir haben heute gelernt, dass eine Fahrradtour mehr sein kann, als nur viele Kilometer zu schaffen«, schreiben Rosi und Christian Leihmann aus Erfurt.

Am 21. März erfolgt nun der Start in die zweite Saison. Dazu hat sich auch Thüringens Verkehrsminister Christian Carius in Wiehe angesagt, der selbst passionierter Radfahrer ist. Aber das soll erst der Anfang sein. In Erfurt steht am 22. und 23. März eine Tagung bevor, die sich mit dem Radtourismus im Allgemeinen und dem spirituellen Radtourismus im Besonderen befasst. Organisiert wird das Treffen gemeinsam vom Gemeindedienst der EKM, ­Projektstelle »Kirche und Tourismus in Thüringen«, sowie der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

»Eine solche Zusammenarbeit dürfte eine Premiere sein«, schätzt Elfriede Gra­be von der Thüringer Tourismus GmbH. Der Grund ist denkbar einfach. Der Fahrradtourismus boomt, und auch der spirituelle Tourismus stellt nach Ansicht von Pfarrer Christfried Boelter vom EKM-Gemeindedienst ein wachsendes Segment dar. Die Tourismus-Fachleute haben das Jahr deshalb ­sogar zum Fahrradjahr erklärt. Unter dem Motto »Fahr Rad 2010. Am besten in Thüringen« werben sie für den ­Freistaat als Ziel von Radwanderern. Allein in Thüringen gibt es 13 Fernwege mit insgesamt 1700 Kilometern. »Das«, glaubt die zuständige Mitar­beiterin, »ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.«

Auch die Kirche setzt inzwischen verstärkt auf Fahrradpilger. Längst hat sich aus den bescheidenen Anfängen ein neues Arbeitsfeld entwickelt. Vor etwa zehn Jahren gab es erste Überlegungen, analog zu den Autobahnkirchen solche für Radwanderer zu öffnen. Den Anfang machte 2001 die Kapelle in Reinhardsbrunn. Zwei Jahre darauf folgte die Radfahrerkirche im sächsischen Weßnig. Inzwischen zählt die EKM sieben solcher Kirchen – und es werden immer mehr. Auch in der anhaltischen Landeskirche gibt es mit Steckby eine Radfahrerkirche.

Der EKD-Dachverband und die Verantwortlichen von Kirche und Tourismus erhoffen sich vom Thüringer Themenjahr weitere Impulse für ein mitteldeutsches Netzwerk der Radwegekirchen. Die Auftaktveranstaltung im Erfurter Augustinerkloster biete den Gemeinden und Initiativgruppen die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu prüfen, ob die eigene Kirche als Radwegekirche profiliert werden kann, so Boelter. Dabei soll der Ausbau eines solchen Netzes keineswegs Selbstzweck sein. Die Kirche hoffe hier auf neue Möglichkeiten, Menschen anzusprechen. »Eine Fahrradkirche hat mit ihrer niedrigeren Schwelle immer auch eine missiona­rische Dimension«, ist der Pfarrer überzeugt.

Aber auch in Sachsen-Anhalt laufen die Vorbereitungen für das Projekt »Radwegekirchen am Elberadweg«. Jährlich sind dort 145.000 Menschen als Fernradler und noch einmal so viele als Tages- und Wochenendausflügler unterwegs. Aufgrund zahlreicher Nachfragen von Kirchengemeinden und Radwanderern sei das Pilotprojekt vom Referat »Offene Kirchen« angestoßen worden, erklärt Christfried Boelter. Eröffnet wird die Initiative am 24. März vom sachsen-anhaltischen Wirtschaftsminister Reiner Haseloff und dem Stendaler Propst Christoph Hackbeil in Schönebeck. Dann sollen insgesamt 26 evangelische und katholische Kirchen ihrer neuen Bestimmung übergeben werden.

Martin Hanusch

Der Fachtag zum spirituellen Radtourismus im Rahmen der Tagung Radtourismus in Thüringen am 23. März im Erfurter Augustinerkloster beginnt um 10 Uhr.