Schwerpunkte setzen

14. Oktober 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Im Gespräch: Personaldezernent Christian Frühwald über die weitere Personalplanung und die Situation beim Nachwuchs.

Christian Frühwald

Christian Frühwald

Nach acht Jahren verlässt Personaldezernent Christian Frühwald die mitteldeutsche Kirche und wechselt in die Geschäftsführung des Diakoniekrankenhauses in Rotenburg (Wümme). Vor seinem Abschied befragte ihn Martin Hanusch zum Stand der Personalplanung, einem möglichen Fachkräftemangel und unbesetzten Stellen:

Herr Dr. Frühwald, wie steht es um den Nachwuchs? Droht der Kirche demnächst ein Theologenmangel?
Frühwald: Nein, ein Theologenmangel ist nicht zu befürchten. Als EKM haben wir in den letzten Jahren einiges getan, die Attraktivität des Pfarrberufes und unserer Landeskirche zu erhöhen. Wir haben offen und klar mit unserem Nachwuchs geredet und so auch die gegenseitigen Erwartungen abgeglichen. Das sorgt nicht nur für mehr Nachwuchs aus der eigenen Landeskirche, sondern zieht auch Studierende, Vikare und Pfarrerinnen aus anderen Landeskirchen an.

Und was ist mit den vakanten Pfarrstellen, die längere Zeit nicht besetzt werden konnten?
Frühwald: Mit ein bis drei Prozent haben wir im Bundesdurchschnitt eine sehr geringe Vakanzquote. Der Durchschnitt im EKD-Vergleich liegt zwischen fünf und acht Prozent, also deutlich höher. Dass für Gemeinden und Mitarbeitende jede einzelne Vakanz eine zu viel ist, ist subjektiv verständlich, aber insgesamt nur ein kleiner Ausschnitt unserer Realität.

Kritik wird immer wieder an der Zahl der Projektstellen laut. Verstehen Sie den Unmut in den Gemeinden?
Frühwald: Emotional kann ich den Frust in Gemeinden, in denen Pfarrstellen reduziert werden, verstehen. Sachlich möchte ich festhalten, dass die Projektstellen zu zwei Dritteln in den Kirchenkreisen angesiedelt sind und so die Gemeinden entlasten oder unterstützen.
Auch andere Projektstellen wie zum Beispiel in der religionspädagogischen Ausbildung von Kindergärtnerinnen dienen der Arbeit vor Ort in den Kirchengemeinden. Wir müssen einfach ein begrenztes Reservoir an flexiblen Stellen vorhalten, um gezielt Schwerpunkte zu setzen.

Wo sehen Sie die wichtigsten Aufgaben bei der Personalplanung in den nächsten Jahren?
Frühwald: Die Personalplanung der Landeskirche haben wir bis 2022 gerade beschlossen. Das Signal an unseren Nachwuchs ist klar: Wer gut und geeignet ist, hat als Pfarrerin und ordinierter Gemeindepädagoge bei uns gute Chancen. Die EKM ist ein verlässlicher Dienstgeber und Partner auch in Zukunft.

Was wird mit den Konfliktfällen, bei denen eine Lösung noch aussteht?
Frühwald: Das sind, entgegen mancher Behauptungen, sehr wenige. Als ich kam, waren es sehr viel mehr. Manche Konflikte konnten noch bereinigt werden, andere müssen vom Landeskirchenamt weiter bearbeitet werden. So sind es ja keine Konflikte des Personaldezernenten mit einzelnen Pfarrern. Es ist Aufgabe des Landeskirchenamtes, Konflikte zu lokalisieren und ihre Lösung zu betreiben. Das Landeskirchenamt wird daher die wenigen derzeit schwelenden Konflikte weiter professionell bearbeiten.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?
Frühwald: Ich gehe als beschenkter Mensch aus diesem Dienst. Mit den vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen, vor allem aus unserem Nachwuchs, ist mir um die EKM nicht bange. In diesen Jahren konnte ich vieles lernen und dabei viel gestalten. Als Region habe ich Magdeburg und Sachsen-Anhalt ins Herz geschlossen, Thüringen kannte ich ja schon früher. Auch unsere Kirchenkreise in Sachsen und Brandenburg haben sich positiv in mein Gedächtnis gebrannt.

Der Gottesdienst zur Verabschiedung am 14. Oktober in der Marktkirche in Halle beginnt um 13 Uhr.

Gemeinden im Stich gelassen?

1. Juli 2011 von redaktionguh  
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Kirchenälteste und Pfarrer aus Ostthüringen demonstrierten vor dem Collegium maius.

 

Vor der  offiziellen Eröffnung des neuen Kirchenamtes machten sie auf ihre Probleme aufmerksam – Demonstranten aus dem Kirchenkreis Eisenberg. Foto: Jens-Ulrich Koch

Vor der offiziellen Eröffnung des neuen Kirchenamtes machten sie auf ihre Probleme aufmerksam – Demonstranten aus dem Kirchenkreis Eisenberg. Foto: Jens-Ulrich Koch


 
Wer am Johannistag zu einem unbeschwerten Fest nach Erfurt gekommen war, wurde vor dem neuen Landeskirchenamt mit den Problemen der jungen mitteldeutschen ­Kirche (EKM) konfrontiert. Gut 30 Frauen und Männer aus dem Kirchenkreis Eisenberg demonstrierten vor dem Collegium maius. Ihr Anliegen war nicht zu übersehen: Große Bauprojekte würden verwirklicht, die Pfarrstellen vor Ort aber immer weniger. Schon jetzt habe jeder etwa 15 Dörfer, sagte Pfarrer Michael Greßler aus Camburg. Das Problem sei die große Fläche, erläutert Magdalena Seifert aus Frauenprießnitz.

Vor allem eins wurmt die Pfarrerin. Bereits im April habe man an die Bischöfin einen offenen Brief geschrieben. Nach vielen Wochen sei lediglich eine Eingangsbestätigung gekommen. »Wir wollen gehört werden mit unseren Sorgen«, waren sich die Demonstranten einig. Carla Meierl, Kirchenälteste und Bürgermeisterin von Thierschneck (Frauenprießnitz), hat keine Mühe gescheut, um nach Erfurt zu reisen. Die amtliche Fleischkontrolleurin war schon früh um ein Uhr zum Dienst gewesen und stand 10.30 Uhr vor dem Kirchenamt. Vor allem die Seelsorge bliebe auf der Strecke. »Hier werden überregionale Stellen geschaffen und Paläste gebaut. Die Leute fühlen sich im Stich gelassen«, machte sie ihrem Herzen Luft. Manche im Ort würden sogar an den Austritt aus der Kirche denken.

Die Botschaft kam an. Und was Präsidentin Brigitte Andrae vor den Festgästen im Foyer des Kirchenamtes versprach: »Dieses Haus soll nicht bürokratisch sein«, wurde umgesetzt. Personaldezernent Christian Frühwald und Finanzdezernent Stefan Große boten ein Gespräch im Anschluss an den Gottesdienst an. Und auch Landesbischöfin Ilse Junkermann nahm die Sorgen der Basis in ihrer Predigt auf. »Es braucht den Diskurs und die Kontroverse und die Nachsicht miteinander«, sagte sie. Dabei dürfe es nicht um Besserwisserei gehen. Mit Ängsten und Verzagtheit anderer müsse respektvoll umgegangen werden.

Im großen Saal des Landeskirchenamtes versammelten sich die Gäste am 24. Juni zum Festgottesdienst. Zuvor hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann im Foyer das neue Gebäude in den Dienst Gottes gestellt.  Foto: Jens-Ulrich Koch

Im großen Saal des Landeskirchenamtes versammelten sich die Gäste am 24. Juni zum Festgottesdienst. Zuvor hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann im Foyer das neue Gebäude in den Dienst Gottes gestellt. Foto: Jens-Ulrich Koch

Während die Gäste nach dem Gottesdienst plauderten, wurden in einem Tagungsraum des Amtes klare Worte gesprochen. »Wir sind ratlos und haben wenig Mut, uns dieser ­Sache zu stellen«, fasste Magdalena Seifert ihr Anliegen noch einmal zusammen. Alte, Schwache, Kranke blieben auf der Strecke, ergänzte Pfarrer Greßler. Oberkirchenrat Frühwald ­erläuterte noch einmal die neuen Rahmenbedingungen. Bisher habe es in Thüringen ein Kriterium gegeben: 1200 Gemeindeglieder pro Pfarrer. Jetzt sind noch zwei weitere Kriterien dazugekommen, sodass der Stellenabbau in den meisten Kirchenkreisen langsamer vonstatten gehe. »Eisenberg profitiere davon leider nicht«, räumte der Personaldezernent ein. Stefan Große hingegen rechnete vor, dass durch die Zusammenlegung des Amtes viel Geld gespart würde, nicht nur durch die wegfallenden Fahrten zwischen Magdeburg und Eisenach, sondern auch Stellen seien abgebaut worden. 77,4 Prozent der Haushaltsmittel flössen 2011 in die Arbeit vor Ort. Vor allem müsse der Kirchenkreis seine Hausaufgaben machen, da hier die Spielräume lägen, mahnte er.

Wirklich verstanden fühlten sich die Ostthüringer nicht. Die Kluft sei eher größer geworden, meinte Magdalena Seifert enttäuscht. Immerhin war Christian Fuhrmann vom Dezernat Gemeinde am Dienstag in Frauenprießnitz, und der Personaldezernent hat ebenfalls Gespräche vor Ort angeboten. »Das nehmen wir auf jeden Fall an«, sagt die Pfarrerin. Jedoch befürchtet sie, dass damit nicht die zukünftigen Probleme gelöst würden.

Dietlind Steinhöfel

Landpfarrer gefragt

8. April 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ein sanierte Dorfkirche allein macht es noch nicht, dass Pfarrerinnen und Pfarrer gern aufs Land gehen. Foto: Mario S./Fotolia.com

Ein sanierte Dorfkirche allein macht es noch nicht, dass Pfarrerinnen und Pfarrer gern aufs Land gehen. Foto: Mario S./Fotolia.com

Gemeinde: Kirche sucht nach Wegen, den Dienst auf dem Land attraktiver zu gestalten.

Rund 900 Pfarrerinnen und Pfarrer versehen derzeit ihren Dienst in den Gemeinden der EKM, zumeist auf dem Land. Mittelfristig muss sich die Kirche auf einen Pfarrermangel einstellen.

Der Stendaler Superintendent Michael Kleemann scheint ein bisschen ratlos. »Woran liegt es nur, dass wir als ganze Region ein so schlechtes Image haben, dass niemand herkommen will?«, fragt er. Eigentlich ist der Kirchenkreis Stendal keine schlechte Gegend mit vielen engagierten Gemeinden und teilweise volkskirchlichen Strukturen. Die meisten Kirchen sind saniert und auch der Ruf, in der Altmark gebe es nur Pfarrbereiche mit 18 Dörfern, ist nach seiner Ansicht eine »Mär«. Dennoch bleibe es schwierig, Pfarrerinnen und Pfarrer aus der eigenen Landeskirche für diese Region zu gewinnen, klagt der Superintendent.

Zwar hat sich die Situation inzwischen etwas entspannt, tatsächlich sind es nicht mehr sieben Vakanzen wie noch vor wenigen Monaten. Doch ohne auswärtige Bewerber oder Pfarrer im Entsendungsdienst (Berufsanfänger in den ersten drei Amtsjahren) sähe es im Kirchenkreis nach wie vor mau aus. Als »Alarmzeichen« wertet es Kleemann zudem, dass sich auch beim letzten Ausschreibungsverfahren für die Pfarrstelle in Bismark kein einziger Bewerber aus der mitteldeutschen Kirche gefunden hat.

Für den EKM-Personaldezernenten Christian Frühwald ist das jedoch kein Grund zur Sorge. Nach seiner Ansicht hat sich die Lage normalisiert. »Wir haben im Moment keine sehr hohe Vakanzquote«, unterstreicht er. Nach seinen Angaben gibt es augenblicklich nur noch drei seit längerer Zeit unbesetzte Stellen, die allerdings alle in ländlichen Regionen liegen. Unterschiede zwischen Nord und Süd hat der Personaldezernent dabei nicht ausgemacht, eher zwischen volkskirchlich geprägten und stark säkularisierten Regionen.

Gleichwohl weiß Frühwald, dass die Kirche etwas für die Rahmenbedingungen tun muss, damit der Dienst auf dem Land anziehend bleibt oder wird. Denn die meisten der rund 900 Gemeindepfarrer in der EKM versehen ihre Arbeit in den Dörfern und Kleinstädten. Zudem wird mittelfristig ein Pfarrermangel erwartet. Der Pfarrerverband hat jüngst Alarm geschlagen, weil er wegen einer Welle von Pensionierungen ab 2020 von einer gravierenden Lücke ausgeht.

Diese Gefahr sieht der Personaldezernent indes noch nicht. Gegenwärtig gebe es in der EKM mit 150 Theologiestudenten so viele wie lange nicht mehr, verweist er auf die Nachwuchssituation. Dennoch dürfe das kein Grund sein, sich zufrieden zurückzulehnen. Wichtig für die Entscheidung von jungen Theologen, aufs Land zu gehen, seien vielfach die Bedingungen vor Ort. Ein saniertes Pfarrhaus gehöre ebenso dazu wie die Möglichkeiten des Partners, Arbeit zu finden, oder eine gute Schule in der näheren Umgebung.

In der Ausbildung spielt das Thema inzwischen ebenfalls eine Rolle. »Wir versuchen, die Vikare schon frühzeitig auf die Situation vorzubereiten«, sagt Tobias Schüfer von der regionalen Studienleitung für die Vikarsausbildung in Neudietendorf. Den Nachwuchstheologen soll Mut gemacht werden, den Dienst auf dem Land anzutreten. Dazu wird im Mai wieder eine Kurseinheit angeboten, bei der die angehenden Pfarrer die Situation in einer Gemeinde im Altenburger Land kennenlernen. Hier sollen sie etwas von den Problemen, aber auch von den Herausforderungen und Chancen im ländlichen Raum erfahren. Dennoch ließen sich damit nicht alle Strukturprobleme lösen, weiß Schüfer. Es sei letztlich auch eine Frage, wie attraktiv der Pfarrberuf insgesamt erscheint.

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat das Thema »Kirche in der Fläche« für sich entdeckt. Nachdem es im vergangenen Jahr eine Konsultation dazu gab, soll im Juni die erste Land-Kirchen-Konfe-renz folgen. Ziel sei es, dass diese künftig anlog zu den Citykirchen arbeitet und ihre Belange vertritt, sagt Jürgen Schilling. Der frühere Gothaer Pfarrer ist im Projektbüro der EKD für das Thema zuständig. Die zentrale Frage laute, so Schilling, wie in sich ausdünnenden ländlichen Räumen eine Beheimatung in der Kirche und durch die Kirche erfolgen kann. Doch dafür braucht es motivierte Pfarrer.

Martin Hanusch

Emotionale Aussprache

14. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Wie geht es weiter in der Magdeburger Domgemeinde?

Giselher Quast bleibt Pfarrer am Magdeburger Dom (im Hintergrund eine Skulptur des Dom-Schutzheiligen Mauritius), doch die Gemeinde kommt nicht zur Ruhe. (Foto: Klaus-Peter Voigt)

Giselher Quast bleibt Pfarrer am Magdeburger Dom (im Hintergrund eine Skulptur des Dom-Schutzheiligen Mauritius), doch die Gemeinde kommt nicht zur Ruhe. (Foto: Klaus-Peter Voigt)

Karsten Müller und Matthias Ansorg vom Gemeindedienst der mitteldeutschen Kirche hatten am 6. Oktober in Magdeburg eine schwierige Aufgabe übernommen. Sie moderierten die Versammlung der Domgemeinde.

Anlass war die Frage, wie es weitergehen soll nach der Entscheidung des Kollegiums des Landeskirchenamtes,  Domprediger Giselher Quast von seinen bisherigen geschäftsführenden Aufgaben zu entbinden und ihm eine  landeskirchliche Pfarrstelle mit ausschließlich pastoralen Aufgaben am Dom anzubieten. Der Vorgang – eine außerordentliche Visitation im Frühjahr und das Bekanntwerden der möglichen Abberufung des Dompredigers, der seit 1979 an der Kathedrale Dienst tut, aus seiner bisherigen Stelle – hatte über die Landeshauptstadt hinaus für Aufsehen und Negativschlagzeilen gesorgt.

Karsten Müller stellte den Visitationsbericht vor: Demnach habe das Kollegium des Landeskirchenamtes Anfang Februar Propst Christoph Hackbeil den Auftrag erteilt, in der Domgemeinde eine außerordentliche Visitation einzuleiten. Es sei der Eindruck entstanden, dass das Vertrauensverhältnis zwischen den Kirchenältesten und dem Domprediger »erheblich gestört« sei. Geklärt werden sollte, wie der begonnene Prozess der Weiterentwicklung der Gemeinde »auf eine verlässliche Basis der Gedeihlichkeit gestellt« werden könne.

Die Visitatoren sprachen mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Gemeinde, und sie fanden sehr unterschiedliche Ergebnisse vor: Auf der einen Seite eine wachsende Gemeinde, rund 200 Ehrenamtliche und einen Domprediger, dessen Predigten viele Menschen ansprechen. Auf der anderen Seite vom Arbeitsumfang überforderte Mitarbeiter, ungeklärte Zuständigkeiten, mangelnde Kommunikation und ein ins Stocken geratener Prozess der Gemeindeentwicklung, auf den manche zudem eine überhöhte »Heilserwartung« gerichtet hätten.

Die Arbeitsgruppe »Kernorganisation« (Gemeindeleben) sei in eine Krise geraten, während die AG »Dienstleistungsbetrieb« zügig und zielführend gearbeitet und ein Konzept vorgelegt habe.

Im Visitationsbericht wird der Gemeinde empfohlen, Konflikte zu gewichten und abzuarbeiten, und dem Domprediger, sich aus seinem Gefühl der »Rundumverantwortung« zu lösen. Eine Neuorientierung sei auch möglich, wenn Quast am Dom bliebe, jedoch mit anderem Arbeitsfeld. Landeskirche und Domgemeinde sollten einen Vertrag über die Nutzungsbedingungen des Domes für übergemeindliche Aufgaben schließen.

Die sehr emotional geführte Aussprache – begleitet von Beifall, Buhrufen und Gejohle – zeigte, dass viele Gemeindeglieder so empört über den Umgang mit ihrem Domprediger sind, dass sie den Rücktritt des GKR forderten. Andere mahnten, den Konflikt nicht zu personalisieren. Man solle einander zugestehen, dass jeder für die Gemeinde handeln wolle. Alle sollten sich an einen Tisch setzen. Der Direktor des Ökumenischen Domgymnasiums, Dietrich Lührs, vermisste die Angabe der Gründe für das »drastische Verfahren«.

»Pfarrer Quast steht jetzt als der einzige da, der Fehler gemacht hat.« Personaldezernent Christian Frühwald erwiderte, dass zum Schutz der Person in Personalangelegenheiten grundsätzlich keine Gründe öffentlich gemacht würden. »Das Schweigen über die Gründe«, sagte später eine Diskussionsteilnehmerin, »führt dazu, dass Herrn Quast Dinge unterstellt werden, die nicht zutreffen.«

»Wir wollten die Persönlichkeit von Pfarrer Quast nicht ankratzen«, beteuerte Propst Hackbeil. Die GKR-Vorsitzende Bettina Büttner sagte, wie froh das Gremium gewesen sei, als Giselher Quast den Kompromissvorschlag angenommen habe. Der Domprediger dankte an diesem Abend allen, die in den vergangenen beiden Jahren für ihn gebetet und ihm beigestanden hätten. Der Bericht sehe für alle Beteiligten Veränderungen vor. »Es ist bitter für mich, dass meine Bereitschaft zur Veränderung nicht anerkannt wurde, ja angezweifelt worden ist.« Er werde sich treu bleiben und sich nicht verbiegen lassen – auch in dem Jahr bis zur Überprüfung nicht.

Angela Stoye

Drohende Abberufung ist vom Tisch

17. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Giselher Quast bläst derzeit ein scharfer Wind ins Gesicht (Foto: Klaus-Peter Voigt)

Giselher Quast bläst derzeit ein scharfer Wind ins Gesicht (Foto: Klaus-Peter Voigt)

Magdeburger Domprediger Giselher Quast kann weiter am Dom bleiben.


Der Magdeburger Domprediger Giselher Quast bleibt weiter im Amt, wird aber seine bisherigen geschäftsführenden Aufgaben abgeben. Um die »schwierige Situation in der Domgemeinde zu entspannen«, werde der 59-jährige Theologe laut Beschluss des Landeskirchenamtes für die nächsten fünf Jahre eine neu einzurichtende landeskirchliche Pfarrstelle im Dom übernehmen, teilte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland am 17. September in Magdeburg mit.

Mit der Entscheidung, die den Angaben zufolge »im Einvernehmen« getroffen wurde, ist die drohende Abberufung Quasts vom Tisch, über die seit Tagen aufgrund schwerer Konflikte mit der Gemeinde spekuliert worden war. Die mit den geschäftsführenden Aufgaben verbundene Pfarrstelle soll neu besetzt werden. Die zusätzliche Stelle für Quast wird von der Landeskirche finanziert. Die Probleme in der Domgemeinde seien damit nicht gelöst, vielmehr müssten sie in der kommenden Zeit »weiter bearbeitet« werden, so Personaldezernent Christian Frühwald..

Der Entscheidung des Kollegiums war ein seit Monaten schwelender Konflikt zwischen Quast und Teilen der Domgemeinde über inhaltliche Fragen vorausgegangen, der sich in jüngster Zeit noch verschärft hatte. Noch am Montag hatte es am Dom eine Demonstration für Quast gegeben.

»Ich kenne Giselher Quast seit seinem zehnten Lebensjahr«, sagte Rotraud Bense. Die frühere Leiterin der Domsingschule hatte ihn vor Jahrzehnten für den Magdeburger Domchor geworben. »Er hat noch sechs Jahre bis zum Ruhestand. Ich hoffe, dass er bis dahin an seinem geliebten Dom, in dem er aufgewachsen ist, bleiben darf.« Nicht nur ihre Worte für den bekannten Domprediger fanden den Beifall der rund 350 Zuhörer, die am Montagabend auf dem Domplatz protestierten.

Arbeiter und Biker, Gemeindenachwuchs, Professoren, Ruheständler, Umweltschützer und Weggefährten aus Wendezeiten sagten ihre Meinung ins Megafon: Giselher Quast (59) muss bleiben. Zur Demonstration aufgerufen hatte die Bürgerinitiative »Pro Elbe«, deren Schirmherr Quast ist. Angela Stephan von »Pro Elbe« betonte, dass er Engagement und Nächstenliebe nicht nur gepredigt, sondern vorgelebt und dadurch viele Menschen erreicht habe. »Seine Suspendierung wäre ein verheerendes Signal für die Öffentlichkeit.«

Am 8. September hatte die »Volksstimme« darüber berichtet, dass Domprediger Giselher Quast die Abberufung drohe. Das Kollegium der Landeskirche wollte am 14. September »ergebnisoffen« über einen lange im Verborgenen schwelenden »Konflikt« zwischen ihm und Teilen der Domgemeinde beraten.

Im März hatte es eine Visitation unter der Leitung von Propst Christoph Hackbeil gegeben. Wie Hackbeil sagt, habe sich seit dem Jahr 2009 ein »Problemstau« gebildet. Das Kollegium befasse sich mit dem Thema, weil Wege zu  einer Konfliktlösung zwischen Quast und der Domgemeinde nicht zum Erfolg geführt hätten. Personaldezernent Frühwald erklärte, die Probleme lägen in unterschiedlichen Auffassungen über die künftige Struktur und die Arbeitsschwerpunkte der Gemeinde, deren Pfarrer Quast seit 1979 ist. Zudem gebe es Auseinandersetzungen über Fragen des Leitungsverhaltens und der Amtsführung Giselher Quasts.

Am vergangenen Dienstag war dann bekanntgeworden, dass die Entscheidung über eine mögliche Abberufung auf den 17. September vertagt ist. Bis dahin sollte der Personaldezernent Gespräche mit dem Gemeindekirchenrat und dem Pfarrer führen.

(mkz/epd)

»Es darf in der Kirche kein Klima des Vertuschens geben«

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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EKM-Personaldezernent Christian Frühwald über den Umgang mit Missbrauchsfällen

9-fruehwald-christianHerr Frühwald, die katholische Kirche wird derzeit durch das Bekanntwerden immer neuer Missbrauchsfälle erschüttert. Sind Sie überrascht, wie viel da jetzt an die Öffentlichkeit gelangt?
Frühwald:
Erst mal bin ich froh, dass es überhaupt ans Licht kommt. Bei aller ökumenischen Verbundenheit, darf es keine Räume in unserer Schwesterkirche geben, in denen dieses schwere Verbrechen geduldet wird. Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen.
Zweitens zeigt die große Anzahl von Fällen, dass nicht nur Aufklärung, sondern vor allem eine offene Debatte in der Römisch-Katholischen Kirche Not tut. Die Ausbildung, die Rolle und die Lebensweise der Priester muss ebenso zur Diskussion gestellt werden wie das scheinbar in bestimmten katholischen Einrichtungen herrschende Klima der Angst, Fehler und Nöte zu offenbaren.

Gab oder gibt es aktuell in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Missbrauchsfälle? Wie viele sind Ihnen bekannt?
Frühwald:
Es gab in der Vergangenheit vereinzelte Fälle in der EKM, allerdings sind mir aus den letzten sieben Jahren nur zwei bekannt. In diesen Fällen haben wir klar und konsequent gehandelt und die Täter aus dem kirchlichen Dienst entfernt. Häufiger sind leider in den letzten Jahren Straftaten im Kontext der Kinderpornografie entdeckt worden, die ich für genauso menschenverachtend und bestrafenswert halte.

Ist die evangelische Kirche eher vor sexuellen Übergriffen auf Schutzbefohlene gefeit?
Frühwald:
Auch wir sind nur ein Querschnitt der Gesellschaft, das heißt es kann auch uns passieren. Gerade in den Bereichen, wo Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam leben und arbeiten, müssen wir aufmerksam sein und für Aufklärung und Stärkung der Kinder sorgen. Unsere Konferenz der Mitarbeitenden in der Jugendarbeit hat dazu gerade eine Handreichung beschlossen, die wir als Kirchenamt in den nächsten Monaten jetzt in Handlungen, also Fortbildungen und Schulungen umsetzen werden.

In der katholischen Kirche sind in der Vergangenheit die Fälle unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt worden. Jetzt versucht der Jesuitenorden dem Verdacht entgegenzuwirken, hier werde etwas vertuscht. Wie muss Kirche angemessen reagieren, wenn ein Verdacht aufkommt?
Frühwald:
Da gibt es nur eine Antwort: in Klarheit und Konsequenz. Die Beschuldigten müssen sofort suspendiert werden, um auch sie und ihre Familien zu schützen. Denn auch in diesem Bereich gilt die Unschuldsvermutung bis zum Beweis der Schuld. Es muss alles getan werden, um den Opfern den Raum zu eröffnen, den sie brauchen. Vor allem aber müssen kompetente und geschulte Juristen, wenn nötig sogar der Staatsanwalt, die Untersuchungen durchführen. Es darf kein Klima des Vertuschens durch die Führungskräfte erzeugt werden.

Die Opfer geraten bei der Diskussion schnell aus dem Blick. Was kann die Kirche für sie tun?
Frühwald:
Wir müssen Ansprechpartner benennen. Mit unserer Gleichstellungsbeauftragten Katja Albrecht haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie öffnet Männern wie Frauen einen geschützten Raum, in dem sie erzählen können. Sie kann sie gezielt unterstützen, die Vorwürfe überprüfen zu lassen. Durch ihre Stellung außerhalb der kirchlichen Hierarchie ist diese Funktion der Gleichstellungsbeauftragten unersetzlich für ein offenes und vertrauensvolles Klima in unserer Kirche. Darüber hinaus müssen auch die Leitenden aus Kirchenamt und Bischofskonvent offen sein für Gespräche mit den Betroffenen. Ihre Geschichte und die Bearbeitung muss uns ein Anliegen sein und von uns unterstützt werden.

Die Fragen stellte Martin Hanusch.