Macht es wie die Schafe – Vertrauen braucht kein Verständnis

29. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, Verse 11.27.28

Es ist schon mal gut zu wissen, dass Jesus kein Präsident ist, kein Bundeskanzler oder Minister für Soziales. Aber es wird nicht verständlicher, wenn er sich als Hirte vorstellt. Es ist schon mal gut zu wissen, dass diejenigen, die zu ihm gehören, nicht wegen ihrer besonderen Gelehrsamkeit bekannt sind. Aber es macht es nicht einfacher, wenn er die Seinen als Schafe vorstellt. Denn nun bleibt, was er sagt, unverstanden, eine gebrabbelte Melodie. Und die, die die Stimme hören, bleiben im Unwissen darüber, was er sagt. Das Eigentümliche des Verhältnisses zwischen Hirten und Schafen ist, dass er spricht und sie nur hören. Die Worte entfalten für die Schafe keinen Sinn. »Sag es doch, wenn du der Messias bist.« »Ich bin der Hirte«, sagt Jesus, »ihr seid die Schafe.« Er kennt sie, sie aber kennen ihn nicht. Sie hören ein Rauschen von Stimme. Der Hirte ruft die Schafe mit Namen. Sie hören, aber verstehen nicht und folgen doch. Vertrauen braucht kein Verständnis.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Es ist nicht viel. Es ist keine Wortgewalt, keine Predigt, keine gelehrte Tiefsinnigkeit, keine theologische Extravaganz. Ich weiß nicht, was es ist, was die Schafe in der Stimme wiedererkennen. Vielleicht die Erinnerung an eine Melodie. Vielleicht bloß ein Rauschen, ein Säuseln, ein Klang, ein Pfeifen. Die Schafe erinnern sich jedenfalls und gewinnen die Ewigkeit. Die Schafe verstehen die Stimme des Hirten nicht. Was er ruft, bleibt unverstanden. Die Schafe folgen aber, wenn seine Stimme erklingt. Vertrauen braucht kein Verstehen. Die Schafe haben Erinnerung genug, einer Stimme zu folgen. Was Jesus dem Einzelnen zuruft, bleibt ein Geheimnis. Es verstehen zu wollen, bleibt aussichtslos. Dass er uns ruft, bedeutet alles. Es bedeutet ewiges Leben. Wer will da nicht gemacht sein zu Schafen seiner Herde und unverständig aus der Wolle schauen. Der Hirte ist ihr Herr, wovor sollten sie sich fürchten und wozu sollten sie die Stimme verstehen? Sein Stab führt sie zum frischen Wasser und zu saftigen Auen. Mehr braucht es nicht.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Die Schlüsselfrage ist geklärt: Der Himmel steht offen

16. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Der Schlüssel ist übergroß, sein geschmiedeter Bart wird durch ein Kreuz geziert. Wer den Schlüssel in die Hand bekommt, weiß sofort: Hiermit kann nur eine Kirchentür geöffnet werden. Die mächtige Holztür knarzt beim Schließen. Ich lausche auf das Geräusch des Schlüssels im altertümlichen Schloss. »Ach, wie schön«, sage ich zum neben mir stehenden Küster, »noch keine Schließanlage, deren Schlüssel sich an meinem Bund von keinem einer Bürotür unterscheidet!« Der Mann schmunzelt »Braucht es auch nicht, Frau Pfarrer, solch ein Schloss ist schwerer zu knacken als ein Sicherheitsschloss. Die Alten haben gewusst, was sie taten!« Er hält mir die Tür auf und vergräbt den Schlüssel wieder tief in seiner Manteltasche. Sicher ist sicher.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Die Schlüsselfrage ist eine Machtfrage. Wer den Schlüssel hat, erhält ungehindert Eintritt, muss nicht andere um Erlaubnis fragen. Wer den Schlüssel hat, bestimmt, wer drin ist und wer draußen bleiben muss. Wer den Schlüssel hat, kann einsperren und befreien.

Zu Ostern wird die Schlüsselfrage ein für alle Mal geklärt: Er, der Christus Gottes, überlebt den Tod und geht durch die Hölle. Den Schlüssel hält er fest in seiner Hand. »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?« singt uns das Brahms’sche Requiem aus der vagen Hoffnung der Totenmesse in die feste Gewissheit der Osternacht hinüber.

Im Buch der Heilpflanzen von Hildegard von Bingen wird die Schlüsselblume beschrieben. Sie blüht als eine der ersten Frühlingsblumen und ergießt ihr Sonnengelb zu Ostern in Wälder und über Wiesen. Hildegard beschreibt die wohltuende Wirkung der Pflanze, von der man alle Teile nutzen kann. Sie preist die Blume als Wunder der guten Schöpfung Gottes und tauft sie »Himmelschlüssel«. Mit ihren Blüten, in deren Anordnung man einen Schlüsselbund erkennen kann, erinnert sie uns daran:

Seit Ostern steht uns der Himmel offen. Die Schlüsselfrage ist geklärt!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Christus kommt zu uns

14. April 2017 von redaktionguh  
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Das Wunder von Ostern: Eine Geschichte über engagierte Kirchenretter, ein entstaubtes Fundstück und glückliche Fügungen.

Karsamstag im Jahr 1993. Geschafft! Ich atme durch. Dicht gedrängt stehe ich mit unzähligen Menschen in der Jerusalemer Grabeskirche. Die orthodoxe Lichtfeier beginnt jeden Augenblick. In ihr geschieht das »Wunder des heiligen Feuers«. Der Patriarch betritt das Heilige Grab. Überall ein Rumoren, keine wirkliche Stille, aber auch kein Lärm. Vielmehr ein Jubel, der nur noch mühsam zurückgehalten werden kann. Als dann der Patriarch mit dem Licht erscheint, bricht der Jubel los. Und in Windeseile wird das Feuer, die Flamme, das Licht weitergegeben. Alle haben eine Kerze – auch ich. Die Luft wird dünn. Das Atmen fällt schwer. Ein Flammenmeer. Auch das Herz ist entflammt. Glückseligkeit. Auferstehung!

Im selben Jahr an einem ganz anderen Ort feiert ein Dorf – Rösa in der Dübener Heide. Die romanische Kirche war einst dem Verfall preisgegeben, da im Schoß der Erde Braunkohle schlummert. Überbaggerungsgebiet! Eine Baugenehmigung für die marode Kirche wurde nicht erteilt. Doch die Gemeinde reichte Antrag um Antrag ein. Dann endlich die frohe Botschaft: ihr dürft sanieren – aber auf eigene Kosten. 1988 ging es in Feierabendarbeit los. Viele aus dem Dorf halfen mit. Und auch die Wende kam zur rechten Zeit. 1993 ist das Ziel erreicht, die Kirche gerettet. Ein ruinöses Gotteshaus erstrahlt in neuem Glanz und erzählt durch seine bloße Präsenz vom Glauben. Auferstehung!

Er hat keine Arme mehr. Überall Beschädigungen. Und dennoch diese Kraft! Diese emporstrebende Wucht! Lange verborgen im Gestrüpp des Vergessens, unter dem Staub eines Pfarrhausbodens: ein spätgotischer Christus-Torso (um 1510) – lebensgroß.

Weg mit dem Staub! Ihm wurden die Wangen gestreichelt, der Mund getupft, die Augenlider berührt. Konservierung als Akt des Glaubens. Die Restauratorin durfte tun, was den Frauen einst am Morgen des dritten Tages verwehrt worden war. Nicht einbalsamiert, aber gereinigt und berührt kam dieser Christus-Torso 2009 in unsere Kirche, belebt sie und uns. Auferstehung!

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Gegenüber der Kirche ein Künstler – was für eine Fügung! Den Grafiker und Bildhauer beauftragten wir, für und mit uns zu denken und zu gestalten. Zuerst das Fenster in der Apsis. Gen Osten. Von dort das Licht. Von dort das Leben. Ostern. Ein Geflecht aus dunklen Linien erzählt vom Scheitern im Leben, von der Zerrissenheit der menschlichen Existenz, vom Tod. Das haben wir immer vor Augen, wenn wir zum Altar schauen. In der Mitte des Fensters jedoch ein Lichtspalt. Die Stricke des Todes zerreißend tritt er in unsere Mitte – Christus. Jede Andacht, jeder Gottesdienst, jeder Blick nach vorn lässt uns nicht ohne diese Kraftquelle sein.

Und die Erzählung geht weiter. Denn da steht ja das bronzene Kreuz auf dem Altar. Der Künstler des Fensters ist auch hier am Werk. Wir sehen den Spalt, der das Kreuz bersten lässt. Christus tritt siegreich als Lichtgestalt hindurch. In den beiden Spaltteilen entdecken wir möglicherweise zwei Menschen, die sich begegnen, einander zuwenden und trösten (Christus und Maria?). Und wir sehen die beiden dazugehörigen Leuchter. Stilisierte Hände halten, tragen das Licht. Auferstehung!

An irgendeinem Tag. Unsere Küsterin hat in der Kirche zu tun, macht sauber, steckt eine Blumenpracht zusammen, gönnt sich eine Pause. Sie setzt sich auf eine Bank und schaut nach vorn. Ganz still ist es.

Und sie ist allein hier. Wirklich? Neulich, auf die Frage hin, was für sie Auferstehung bedeutet, überlegt sie eine ganze Weile und erzählt sinngemäß: »Wenn ich dann so sitze und schaue, habe ich das Gefühl, dass Jesus von dort vorn in die Kirche eintritt und da ist. Bei allen Sorgen, die so auf einem lasten, ist das sehr tröstlich. Und es gibt Hoffnung.« Auferstehung!

Am 15. April um 22.30 Uhr beginnt unsere Osternacht. Vor der Kirche das Feuer. Die Kirche im Dunkel. Wir gehen hinein. Später das Licht der Osterkerze – auch bei uns das »Wunder des heiligen Feuers«. Wir hören die Worte der Schrift, taufen zwei kleine Kinder, feiern das Heilige Mahl und empfangen den Segen. Und noch etwas geschieht: wir geben unserer Kirche einen Namen. Mit dieser Nacht heißt sie »Auferstehungskirche«. So wie die Kirche in Jerusalem, die zwar nach westlichem Verständnis »Grabeskirche« heißt, in der östlichen Tradition (orthodoxen Kirche) aber als »Auferstehungskirche« bezeichnet wird. Anastasis! Auferstehung!

Albrecht Henning

Der Autor ist Pfarrer in Krina (Kirchenkreis Wittenberg), zu dem auch die Gemeinde Rösa gehört.

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Klar. Verständlich. Hörbar. – Der stille Übersetzer

28. Mai 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht zu seinen Jüngern: »Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.«

Lukas 10, Vers 16

Kennen Sie das Spiel »Stille Post«, bei dem einer dem anderen ein Wort ins Ohr flüstert und das dann in einem Kreis von der einen Person zur nächsten immer weitergegeben wird? Kleine Kinder können herzhaft darüber lachen, wenn aus einem Wort am Ende ein ganz anderes geworden ist.

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Und wir Großen können dabei erkennen, wie schwierig es um das gegenseitige Verstehen bestellt ist. Hören und Verstehen ist eben kein Kinderspiel. Nicht alles, was ich sage, kommt beim anderen auch so an, wie ich es meine. Eine alltägliche Erfahrung.

Was aber heißt das für unsere Rede von Gott? Im Spruch für diese Woche sendet Christus seine Jünger, sendet er uns in die Welt, in alle Welt, wie es am Ende des Matthäusevangeliums heißt: Wer euch hört, der hört mich. Ein Zuspruch, aber auch ein Anspruch. Wie bei der Stillen Post gilt es, seine Botschaft von der Liebe Gottes weiterzugeben. Christus traut uns eine Menge zu.

Wie muss mein Reden beschaffen sein, damit mich die Menschen in einem weitgehend säkularisierten Umfeld verstehen können? Worin liegt meine Verantwortung für ihr Hören? Meine Rede von Christus muss hörbar sein. Sie muss verständlich sein und ausgehen von den Fragen und Nöten der Menschen in ihren verschiedenen Lebenslagen. Keine Fremdsprache, keine Antworten auf Fragen, die keiner stellt.In Christus ist Gott in unsere Welt gekommen. Er will hörbar sein. Um unseretwillen. Er hat sich nicht abgegrenzt, sondern ist zu den Zöllnern und Sündern und Ungläubigen gegangen. Hat ihre Sprache gesprochen, um gehört zu werden. Christi Auftrag ist Zuspruch und Anspruch. Als Christ habe ich einen Auftrag in dieser Welt: den Menschen die Liebe Gottes zu verkündigen. Klar. Verständlich. Hörbar. Dafür braucht es als stillen Übersetzer den Heiligen Geist und manchmal auch den Mut, sich nicht mit dem eigenen Reden zu begnügen, sondern auf das Hören und Verstehen des Gegenübers zu achten. Damit, wer uns hört, Christus hört.

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Ein ganz besonderes Geschenk

9. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Johannes 10, Vers 11.27.28

Eine Schachtel steht vor dir. Sie glänzt golden und sieht alt aus – auch ein wenig geheimnisvoll. Wie ein Geschenk. Bist du neugierig? Nimm den Deckel ab und schau hinein! Darin ist das ganze Leben: Groß und weit liegt es vor dir. Grün und frisch wie der Frühling. Saftiges Gras, blühende Bäume und duftende Blumen. Wege, die du gehst und Arbeit, die du tust. Kühles Wasser zum Ausruhen und Kraft schöpfen. Auch holprige Steine sind da und dunkle Schluchten, durch die du hindurchmusst. Und schließlich: ein sicherer Ort, an dem du geborgen bist. All dies ist in deiner goldenen Schachtel.

Felicitas Kühn, Pfarrerin der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda

Felicitas Kühn, Pfarrerin der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda

Es lebt ein Mensch, der so besondere Dinge tut, dass die anderen ihn fragen: Wer bist du? Und einmal antwortet er ihnen: Ich bin der gute Hirte. Ich kümmere mich um die Schafe. Ich führe sie aus dem Stall auf die Weide und zeige ihnen das frische Wasser. Und ich führe sie nach Hause und bringe sie in Sicherheit. Ich kenne meine Schafe und sie hören meine Stimme und folgen mir nach.

Auch dieser besondere Mensch gehört zu deiner goldenen Schachtel. Und wenn du dich manchmal fragst, warum das alles so sein muss, dann frag ihn! Frag den Menschen, der so besonders ist, dass wir immer wieder fragen: Wer bist du? Und dann antwortet er: Ich bin dein guter Hirte. Wenn eines meiner Schafe verloren geht, wenn es sich verirrt zwischen den Steinen oder in den Schluchten, dann suche ich es. Ich gehe los und suche dich solange, bis ich dich gefunden habe. Und dann bringe ich dich nach Hause.

Steht die goldene Schachtel noch vor dir? Nimm sie mit und räum ihr einen Ehrenplatz ein in deinem Herzen. Sie ist ein Geschenk! Ein ganz besonderes, denn du kannst es nicht einfach im Laden kaufen. Es hat schon auf dich gewartet. Es war schon immer da. Schon bevor du geboren wurdest. Für dich. Und der Deckel steht offen.

Felicitas Kühn, Pfarrerin der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa –
heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Prinzip Hoffnung

9. November 2015 von redaktionguh  
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Da kann einem himmelangst und bange werden. Die Autoren der jüngsten Shell-Jugendstudie stellen fest: »Während die Jugend langsam wieder ein Verhältnis zur Tradition gewinnt, kann Religion, eigentlich der stärkste Pfeiler der Tradition, davon nicht profitieren«. Seit 2002 ist bei jungen evangelischen Christen die Zustimmung zur Aussage, der Glaube an Gott sei für die Lebensführung wichtig, gesunken. Für 44 Prozent ist der Glaube völlig unwichtig. Der Vergleich zwischen West- und Ostdeutschland bestätigt erschreckend die Grundtendenz. Im Osten sagen mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen, der Glaube sei unwichtig.

Von den 63 Prozent konfessionslosen Jugendlichen im Osten hätte man das ja vielleicht nicht anders erwartet. Aber auch zwischen 15 und 20 Prozent der Getauften glauben gar nicht an Gott. Interessanterweise finden immer noch zwei Drittel der jungen Leute die Institution Kirche gut. Dabei geht es weniger um die religiöse Bedeutung als um das soziale Engagement von Kirche und Diakonie. Knapp drei Viertel der Jugendlichen meinen, dass sich ihre Glaubensgemeinschaft verändern muss, um zukunftsfähig zu sein.

Bezeichnend, wie wenig heute christliche Werte im Elternhaus eine Rolle spielen. In den letzten Jahren ist die Gruppe derer stetig gewachsen, die ihr Elternhaus als wenig religiös einstufen. Wenn man der Shell-Studie folgt, dann sieht die Zukunft düster aus. Angesichts dessen kann eigentlich nur der Glaube helfen. Die grundlegende Hoffnung des Christusglaubens trägt die Kirche und die zu ihr gehörenden Christen schon seit über 2 000 Jahren. Glaube, Liebe, Hoffnung lassen sich zwar nicht verordnen, aber vorleben. Deshalb statt himmelangst lieber himmelan – dem Himmel entgegen.

Willi Wild

Fragen an die Zeit

7. November 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

2. Korinther 6, Vers 2

Vor fünfzig Jahren, am 22. Oktober 1965, starb in Chicago Paul Tillich. 1933 war er in die USA emigriert und dort zu einem der bedeutendsten Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts avanciert. Tillich erfuhr eine breite öffentliche Resonanz, die weit über engere Fachzusammenhänge hinausreichte und ihn 1959 gar auf das Titelblatt des »Time Magazine« brachte. Wie Thomas Mann und Albert Einstein war Tillich einer der einflussreichsten und bekanntesten deutschsprachigen Exil-Intellektuellen. 1919 hatte er mit gleichgesinnten Freunden wie Günther Dehn, Carl Mennicke, Alexander Rüstow und Adolf Löwe in Berlin den sogenannten »Kairos-Kreis« gegründet und hier die Tragfähigkeit seines religiös-sozialistischen Programms erprobt. Der Kairos, der rechte Augenblick, wurde zum zentralen Begriff für die Theologie Tillichs.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Schon Pausanias berichtet von einem Altar, der am Eingang des Stadions von Olympia für den Kairos – Zeus’ jüngstes Kind – errichtet war. Seiner Grundbedeutung nach bezeichnet er das Entscheidende, den wesentlichen Punkt. Tillich wollte mit ihm ausdrücken, dass in der Weimarer Republik die Stunde gekommen war, um das Reich Gottes im Religiösen Sozialismus zu realisieren. Dabei greift Tillich vor allem auf das Markusevangelium zurück, in dem Jesus zur Umkehr und zum Glauben an das Evangelium im Kairos aufruft, aber auch auf Paulus. In 2. Korinther 6,2 lässt der Apostel einen Argumentationsgang münden, der mit dem 14. Vers des Kapitels 5 einsetzt, in dem es um die Liebe Christi und seinen Tod geht. Die Welt ist in der jeweiligen Gegenwart erlöst und nicht erst in ferner Zeit: »Jetzt ist der Kairos der Gnade«, jetzt, in diesem Moment, »ist der Tag des Heils.« Gott hat als Ausdruck seiner Gerechtigkeit in Christus die Welt mit sich selbst versöhnt. Das Neue Sein, deutet es dann Paul Tillich, ereignet sich. Es ist nun am Menschen, diese Versöhnung auch aufzunehmen. Genau dazu ruft Paulus »an Christi Statt« auf: »Lasst euch versöhnen mit Gott!«

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Offenheit ist die beste Werbung

28. Oktober 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Der Weg nach Lauscha (Kirchenkreis Sonneberg) führt durch dichte, dunkle Wälder. Der Autoverkehr ist spärlich. Wer in die Glasbläserstadt fährt, fühlt sich wie in eine Märchenlandschaft versetzt. Hinter den Bergen, »bei den sieben Zwergen« könnte Schneewittchen zu finden sein. Vor der Kirche am Berghang bietet sich ein traumhaft schöner Blick in das Lauschatal, das bis heute Heimat des Glasmacher- und Glasbläserhandwerks ist. Es blickt auf eine lange Tradition zurück. Seit am 10. Januar 1597 die Glasmacher Hans Greiner und Christoph Müller von Herzog Johann Casimir zu Sachsen-Coburg die erbliche Konzession zum Betreiben einer Glashütte erhielten, wird hier ununterbrochen Glas hergestellt und verarbeitet.

2018: Zusammenschluss zur Rennsteiggemeinde

Die Pfarrstelle in Lauscha ist seit einiger Zeit nicht besetzt. Verwaist ist die Kirchengemeinde aber deshalb keineswegs. Vakanzvertreterin ist Denise Müller-Blech, Jahrgang 1976. Ehrenamtlich! Halbtags arbeitet sie in der Sonneberger Superintendentur als Sekretärin des Kirchenkreises. In ihrer Freizeit absolviert sie eine Ausbildung beim Kirchlichen Fernunterricht zur Prädikantin und kümmert sich um die Kirchengemeinde. Ein Vollzeitjob? »Das kann man so sagen«, antwortet sie: »Gefühlt 100 Prozent.«

Gemeinsam für Lauschas Kirche: Denise Müller-Blech leitet ehrenamtlich die Kirchengemeinde Lauscha als Vakanz- verwalterin, Konrad Dorst ist Vorsitzender des Fördervereins der Jugendstilkirche. Fotos: Sabine Kuschel

Gemeinsam für Lauschas Kirche: Denise Müller-Blech leitet ehrenamtlich die Kirchengemeinde Lauscha als Vakanz- verwalterin, Konrad Dorst ist Vorsitzender des Fördervereins der Jugendstilkirche. Fotos: Sabine Kuschel

Gottesdienste, Bibel- und Seniorenkreise, Geburtstagsbesuche, Andachten im Altersheim sind nur einige ihrer Aufgaben. Etwa 870 Mitglieder gehören derzeit zur Gemeinde. Doch das wird sich künftig ändern. Das nächste große Ziel: 2018 sollen sich die Kirchengemeinden Lauscha und Ernstthal, Neuhaus am Rennweg mit Lichtenhain, Steinheid mit Scheibe-Alsbach und Goldisthal zu einer Rennsteiggemeinde zusammenschließen.

Kirche und Förderverein: Ein starkes Team

Seitdem sich der Gemeindekirchenrat im Herbst 2013 neu konstituiert hat, arbeitet er eng zusammen mit dem Förderverein der denkmalgeschützten Jugendstilkirche zu Lauscha. Dessen Vorsitzender ist Konrad Dorst, Jahrgang 1952. Kirchenälteste und Verein wollen gemeinsam ein starkes Team sein, dem die Weiterentwicklung des Gemeindelebens und die Erhaltung des Gotteshauses am Herzen liegt. Sie sind davon überzeugt, dass ein offenes Haus die beste Werbung für die Kirche ist. »Die Kirche ist immer offen«, betont Müller-Blech. Ihr einen Besuch abzustatten ist ein lohnendes Erlebnis, umso mehr, wenn Konrad Dorst seine Führung anbietet. Auf Schritt und Tritt ist seine Verbundenheit mit dem Gotteshaus zu spüren. Kenntnisreich erläutert er die Details, Geschichte und Hintergründe.

Die 1911 eingeweihte Kirche von Lauscha gehört zu den seltenen Gotteshäusern im Jugendstil.

Die 1911 eingeweihte Kirche von Lauscha gehört zu den seltenen Gotteshäusern im Jugendstil.

Die 1911 eingeweihte Glasbläserkirche weist architektonische Besonderheiten auf. Eine Saalkirche, gestaltet nach dem sogenannten Wiesbadener Programm, das eine Einheit von Altar, Kanzel und Orgel in der Mittelachse des Kirchenraumes vorsieht. Die bleiverglasten farbigen Fenster prägen das Gesicht des Gotteshauses. Auf den Emporenfenstern sind Szenen aus dem Neuen Testament dargestellt. Konrad Dorst erklärt die Bildmotive, deutet ihre Aussagen für den Glauben. Und er schildert, dass die Erhaltung dieses Gotteshauses Kraft und Geld kostet. Seit 1991 hat sich viel getan. Umfangreiche Sanierungsarbeiten an und in der Kirche wurden in Angriff genommen.

Glas spielt in der Kirche natürlich eine große Rolle

Stolz präsentiert Dorst die Sakristei. Vor etwa einem Jahr wurde sie nach der Restaurierung wiedereröffnet. Ein Schmuckstück. Sie soll nicht nur als Umkleideraum für die Pfarrer fungieren und erst recht keine Abstellkammer sein, sondern als Raum der Besinnung dienen. Das tut sie nun. In den Raum fällt das Licht durch ein besonderes – ebenfalls restauriertes – Weißglasfenster. Das Motiv – Christus im Garten Gethsemane – wurde ins Glas geätzt. An der Decke hängt der Leuchter aus böhmischem Glas, der ursprünglich in dem alten »Kirchlein am Berg«, das von 1732 bis 1910 in Lauscha stand, seinen Platz hatte.

Bild der Zuversicht: die Darstellung des Auferstanden über dem Hauptportal der Kirche

Bild der Zuversicht: die Darstellung des Auferstanden über dem Hauptportal der Kirche

Die von Johannes Strebel erbaute Orgel wurde 2001 überholt. Wie Dorst betont, handelt es sich bei diesem Ins­trument um die drittgrößte Strebelorgel Europas.
Die Kirche habe sich zu einem geistlichen und kulturellen Zentrum in Lauscha entwickelt, heißt es im Konzept des Fördervereins. Um die Jugendstilkirche erhalten zu können, geht die Gemeinde gemeinsam mit dem Verein neue Wege. Sie öffnet das Gotteshaus so oft wie möglich für verschiedene Veranstaltungen. Neben den Führungen sind das Kirchenkonzerte besonderer Art, wie zum Beispiel das mit den »Rock Tigers« aus Neuhaus/Rennweg. Ein Höhepunkt ist jedes Jahr das Kirchweihfest im September, das die Gemeinden der Region zusammen feiern und so bereits den Zusammenschluss zur Rennsteiggemeinde 2018 proben.

Von der Kanzel aus den Auferstandenen im Blick

Konrad Dorst ist mit seiner Kirchenführung an dem großen Fenster über dem Hauptportal angekommen. Es zeigt den auferstandenen Christus, umgeben von gelbem Licht. Für Denise Müller-Blech ein besonderes Fenster. Wenn sie dem Fenster gegenüber auf der Kanzel steht, hat sie als Predigerin den Auferstandenen, hell und strahlend, im Blick.

Sabine Kuschel

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