Vertrauen in die Menschlichkeit des Anderen

17. Juni 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, Vers 10

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Bekannten über die Zunahme des Populismus in Europa, die in Deutschland vor allem als Stärkung des rechten Rands erfahren wird. Bei jenem Gespräch lag die letzte Bundestagswahl, bei der die AfD den Einzug ins Bundesparlament geschafft hatte, kurz hinter uns. Mein Bekannter – ein gelernter Jurist, der Firmen in Unternehmensfragen berät – erzählte mir von zwei Kunden aus Sachsen, die er bis vor kurzem betreut hatte. Zwischen ihnen und ihm habe eigentlich eine ganz gute Atmosphäre geherrscht und die regel­mäßigen Treffen seien eine angenehme Sache gewesen – bis sie eines Tages auf Politik zu sprechen gekommen waren.

Wohl ohne sich viel dabei zu denken, hatten ihm jene beiden mitgeteilt, bei der letzten Wahl für die AfD gestimmt zu haben. Womit sie nicht gerechnet hatten: Mein Bekannter brach von diesem Moment an alle Beziehungen mit ihnen ab. Er verzichtete damit aus moralischen Gründen auf gute Geschäfte. Aber was wäre passiert, wenn er nicht so rigoros gehandelt hätte? Er hätte zum Beispiel fragen können, was sie zu jener Option bewog und welche Erfahrungen und Erwartungen dabei im Hintergrund standen. Vielleicht hätte es sogar die Chance zu einem kritisch-konstruktiven Dialog gegeben?

Der Spruch für diese Woche steht am Ende der Zachäus-Geschichte. Sven Petry schreibt dazu in seinem Buch »Fürchtet euch nicht«: »In der Erzählung vom Zöllner Zachäus empört sich die Menge darüber, dass Jesus … sich einem zuwendet, mit dem sonst niemand etwas zu tun haben möchte. Jesus heißt in der Geschichte von Zachäus nicht gut, was der Zöllner getan hat. Aber er traut ihm zu, dass er sich ändern kann. Es braucht auch heute Menschen, die solches Vertrauen in die Menschlichkeit des Anderen aufbringen. Und die selbst dort die Türen offenhalten, wo die Gespräche als sinnlos gelten.« Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Constantin Plaul, Halle

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Wenn die Kirche den Stress unterbricht

10. Juni 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Matthäus 11, Vers 28

Herr K. hatte einen Tag, den anstrengend zu nennen untertrieben gewesen wäre. Er war unterwegs auf Dienstreise in einer fremden Stadt. Sein Terminkalender war prall gefüllt. Allesamt wichtige Angelegenheiten. Jede mit Bedeutung für seine zukünftige Karriere. In seinem Inneren erzeugte dies ein gewisses Gefühl von Druck, das kurz davor war, in der Herzgegend spürbar zu werden. Er konnte es nicht ganz vertreiben, auch dadurch nicht, dass er seine Aufmerksamkeit auf Punkte lenkte, die bereits erfolgreich absolviert waren.

Constantin Plaul, Dipl.-Theol., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Constantin Plaul, Dipl.-Theol., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Um die Mittagszeit, als Herr K. gerade quer über den Marktplatz lief, fiel sein Blick auf eine nahe gelegene Kirche, deren Tür offenstand. Unwillkürlich verlangsamte er seine Schritte. Er hatte leichten Hunger und wollte sich eigentlich gerade etwas zu Essen holen. Stattdessen entschied er sich, in das Gotteshaus hineinzugehen.

Im Inneren empfing ihn eine gewisse Stille. Zunächst wollte sie nicht so recht zu Herrn K.s eigenem Inneren passen. Er setzte sich in eine der hölzernen Bankreihen. Seine Augen schweiften durch den dämmrigen Raum. An einer der hohen Säulen des Mittelschiffs blieben sie hängen und wanderten nach oben, bis an den Deckenrand und von dort in das Kreuzrippengewölbe hinein, ehe sie an einem von dessen Schlusssteinen schließlich zur Ruhe fanden. Herr K. bemerkte eine gewisse Spannung in seinem Nacken und senkte den Kopf wieder. Der Eindruck von Höhe blieb wie ein Nachbild in ihm zurück und schien ihn und die Dinge um ihn herum irgendwie schweben zu lassen.

Ihm kam sein nächstes Treffen in den Sinn. Er sprang aber nicht sogleich auf, sondern blieb kurz weiter sitzen. Jenes eigentümliche Gefühl von Höhe wirkte immer noch in ihm nach. Ihm wurde auf einmal bewusst, wie lange es her gewesen war, dass er so etwas das letzte Mal empfunden hatte. Dann stand Herr K. auf und ging zu seinem Termin.

Constantin Plaul

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Wie Kinder fromm und fröhlich – Macht euch keine Sorgen

3. September 2016 von redaktionguh  
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Alle Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, Vers 7

Mein Leben ist an vielen Stellen von Sorgen erfüllt. So sorge ich mich etwa um die Zukunft unserer Welt und unseres Landes angesichts von Populismus und Zwietracht. Ich habe Sorgen im Blick auf meine eigene berufliche Arbeit und die vielen Herausforderungen, die sie bringen wird. Am meisten sorge ich mich wahrscheinlich um das Wohl meiner Kinder: Geht es ihnen gut? Werden sie ihren Weg finden? Wie vielen unterschiedlichen Gefahren sind sie bei alldem ausgesetzt. Werden sie die Fallstricke des Lebens meistern? So viele Sorgen. Und jede so zutiefst berechtigt.

Jesus hat die Sorge als eine der größten Gefährdungen menschlichen Seelenheils betrachtet. In der Bergpredigt ruft er seine Zuhörer darum entschieden dazu auf, sich keine Sorgen zu machen. Die Sorge »ist ihm ein Attentat Gott gegenüber, der die Sperlinge auf dem Dache erhält; sie zerstört die Grundbeziehung zum himmlischen Vater, das kindliche Vertrauen, und vernichtet so unser inneres Wesen«, so der Theologe Adolf von Harnack. Meine eigene Daseinszuversicht ist leider nicht von der gleichen Stärke.

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Aber die Lebenshaltung dieses Menschen beeindruckt mich und gibt mir zu denken. Sie gibt das Bild eines Lebens, das von einem tiefen Gefühl der Geborgenheit begleitet ist. Mir selbst rutscht dieses Gefühl manchmal – oder oft – weg. Aber irgendwie empfinde ich es schon als eine Stärkung, dass dieser so maßgebende Mensch der Weltgeschichte sich seine Leichtigkeit des Daseins zu bewahren wusste. Und indirekt ruft er auch mir zu: »Sorge dich nicht!«

Natürlich verschwinden meine Sorgen dadurch nicht einfach. Aber es erinnert mich daran, dass ich kein furchtsamer Sklave des Tages sein soll. Dass ich an einem höheren Leben Anteil habe, das allen weltlichen Dingen und Nöten gegenüber erhaben ist. Und abends singe ich gerne mit Matthias Claudius für meine Kinder und für mich: »Lass uns einfältig werden, und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein!«

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Loben und danken, weil wir beschenkt werden

27. August 2016 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Nicht geschimpft ist genug gelobt – für manche Menschen bildet dies die einzige Maxime, das Tun ihrer Mitmenschen zu beurteilen und zu behandeln. Und zu viel des Lobes kann mitunter sicherlich problematisch sein. Aber die Anerkennung dessen, was andere geschafft oder geschaffen haben, dürfte doch auch nicht unwichtig sein. Dabei ist es keinesfalls so, dass solches Lob immer nur aus päda­gogischem Kalkül ausgesprochen würde. Es kann auch aus einem Bedürfnis des Lobenden selbst hervorgehen. Man lobt dann nicht, weil man muss, sondern weil man will. Vielleicht geht es auch mit einem Gefühl der Dankbarkeit einher. So loben wir beispielsweise einen guten Gastgeber für ein gelungenes Fest und danken damit zugleich für den erfüllten Lebensmoment, den er uns bereitet hat.

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Bietet nicht auch unser Leben als Ganzes Aspekte, die uns erfüllen und die in uns ein Bedürfnis hervorrufen, lobenden Dank auszusprechen? Mir selbst geht es etwa so im Blick auf die guten Zufälle meines Lebens: Welche Kette von Unwahrscheinlichkeiten hat eigentlich dazu geführt, dass es mich überhaupt gibt. Was musste nicht alles zusammenstimmen, damit mir die Menschen begegnen konnten, die mir im Leben so wichtig sind. Wie unvorstellbar für mich, dass sich nur ein Rädchen im Universum anders gedreht hätte – und meine Kinder wären heute nicht auf der Welt. Wo angesichts solcher oder auch anderer Dinge dankendes Loben in uns anhebt, wo sollten wir damit hin und an wen könnten wir es adressieren?

»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.« So beginnt Joachim Neanders bekannte Lieddichtung. Er bringt damit wunderbar auf den Punkt, warum wir Gott loben: Nicht, weil es uns eine religiöse Pflicht wäre oder ein gesetzliches Gebot, das wir erfüllen müssten. Es ist umgekehrt: Gotteslob hebt dort an, wo uns bewusst wird, was – trotz aller Schwierigkeiten und Krisen – gut ist in unserem Leben und wie viel uns davon geschenkt worden ist.

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle