Verfolgt

24. März 2018 von redaktionguh  
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Im aktuellen Bericht der Thüringer Landesregierung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur findet sich auch eine Arbeitsgemeinschaft mit unaussprechlichem Namen – kurz: AG Christen. Diese AG habe festgelegt, steht da zu lesen, wegen der historischen Dimension des Begriffs »Christenverfolgung«, davon Abstand zu nehmen, im Zusammenhang mit den Erfahrungen in der DDR allgemein von »verfolgten Christen« zu sprechen.

Das verlangt, meines Erachtens, unbedingt eine Begriffsklärung. Natürlich kann man eine Christenverfolgung wie im alten Rom nicht mit der in der DDR vergleichen. Aber dennoch betrachten sich Menschen, die damals in der jungen Gemeinde aktiv waren, durchaus als Opfer, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Auch Pfarrer, die sich in den späten 50er-Jahren und Anfang der 60er aktiv für die Konfirmation und gegen die Jugendweihe starkmachten, wurden so lange schikaniert, bis sie aufgaben, in den Westen gingen oder inhaftiert wurden.

Markus Anhalt schreibt in seinem Buch »Die Macht der Kirchen brechen«, welchen starken Anteil die Staatssicherheit an der Durchsetzung der Jugendweihe hatte und wie sie diejenigen schikanierte, die sich kirchlich engagierten. Das Leid und die Repressalien von Jugendlichen, die sich für Konfirmation und gegen die Jugendweihe entschieden, lassen die untersuchten Aktentexte erahnen. Unter Tränen haben Betroffene (ehemalige Firmlinge und Konfirmanden) bei einer Diskussion über das Thema »Jugendweihe und Christen« beim Katholikentag in Leipzig geschildert, wie sie drangsaliert wurden. Ihr Leben, so sind sie sich heute sicher, wäre anders verlaufen, wenn sie sich anders entschieden hätten.

Da gibt es große Verwundungen, über die bis heute nicht gesprochen wird – auch nicht in der interministeriellen Arbeitsgruppe.

Diana Steinbauer

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»Das letzte Wort wird Christus sprechen«

26. Februar 2018 von redaktionguh  
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Lieblingsfeind der Stasi: Ludwig Große erinnert sich an seine Zeit als Superintendent in Saalfeld

Vorsichtiges Taktieren und lauwarmes Gerede sind Ludwig Großes Sache nie gewesen – schon als junger Pfarrer in Tannroda nicht, als Superintendent in Saalfeld von 1970 bis 1988 schon gar nicht. Das hat ihn zum Lieblingsfeind der Stasi gemacht. Als er sich vor 30 Jahren überzeugen ließ, als Oberkirchenrat und Ausbildungsdezernent in den Eisenacher Landeskirchenrat zu wechseln, hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit allerdings die Zähne an ihm ausgebissen. Dabei ist nichts unversucht gelassen worden, um ihn zu disziplinieren.

Mittlerweile ist Ludwig Große alt geworden, fast 85. Wir sitzen mit seiner Frau im Wohnzimmer des Bad Blankenburger Hauses, das ihr Großvater gebaut hat. Der Blick geht ins Weite und in die Vergangenheit. »Nur gut, dass wir uns damals der Gefahren nicht so bewusst gewesen sind«, sagt Ursula Große, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin immer berufstätig war.

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Seine Stasiakten haben im Nachhinein gezeigt, dass an ihm und seiner Familie die ganze Klaviatur geheimdienstlicher Maßnahmen angewendet wurde, um den Superintendenten auszuschalten, der Jugendliche in Scharen anzog, der wortgewaltig predigen konnte, sich tatkräftig vor seine Gemeindeglieder stellte, der sich mit seinen Pfarrern einig war, mit allen Mitarbeitern bestens zusammenarbeitete und als Synodaler der Landeskirche, des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und als Mitglied in der Konferenz der Kirchenleitungen Einfluss und Informationen aus erster Hand hatte.

Drei »Operative Vorgänge mit dem Ziel der Zersetzung«, wie die ungeschminkte Formulierung hieß, bedeuteten permanente Beobachtung. Auf persönliche Anweisung Erich Mielkes durften die vier Kinder kein Abitur machen, streckenweise Telefonterror Tag und Nacht, Briefaktionen an die Kollegen mit der Unterstellung moralischer Verfehlungen, kompromittierende Fotomontagen – alles anonym natürlich.

Und immer wieder der Versuch, ihn durch Drohungen einzuschüchtern oder aber mit Versprechungen zu ködern, als Druckmittel die Arbeit im Grenzgebiet zu erschweren oder die Veranstaltungsordnung restriktiv zu handhaben und ihn bei der Kirchenleitung anzuschwärzen. Alles erfolglos.Für den Ernstfall war vorgesehen, ihn mit anderen missliebigen Bürgern auf der Leuchtenburg zu internieren.

»Der Schutzengel war immer da«, sagt Ludwig Große. Wenn er wieder einmal zum Rat des Kreises musste, haben die Gemeindeschwestern für ihn gebetet. Und nicht nur die. Nach der Wende schlug ihn die Saalfelder Kirchengemeinde für das Bundesverdienstkreuz vor. »Das letzte Wort über das Leben eines Menschen wird Christus sprechen«, weiß er. Aber er hat die Würdigung angenommen für alle Christen, die widerständig waren um ihres Glaubens willen.

Christine Lässig

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Von »Milchglasnost« und anderen Wundern

26. Februar 2018 von redaktionguh  
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Kirchenpresse: Es ist überaus spannend, im Jahrgang 1988 der evangelischen Wochenzeitungen »Glaube und Heimat« und »Die Kirche« zu blättern.

Während die eine für die Leser der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen bestimmt war, erschien die andere in der Landeskirche Berlin-Brandenburg und verfügte unter anderem über eine Magdeburger Ausgabe für die Kirchenprovinz Sachsen. Bei der Lektüre fällt auf, dass sich die Chefredakteure Gottfried Müller und Gerhard Thomas oftmals an der Grenze des Machbaren bewegten – und diese gelegentlich überschritten. Immer im Bestreben, brennende gesellschaftliche Themen anzusprechen, die in der offiziellen SED-Presse und den Zeitungen der Blockparteien nicht vorkamen, aber die Menschen bewegten.

So findet sich im gebundenen Jahrgang 1988 der Magdeburger Ausgabe die Eintragung, dass fünf Nummern nicht erscheinen konnten. »Glaube und Heimat« war davon zweimal betroffen.

Chefredakteur Gerhard Thomas (li.) und Superintendent Christof Ziemer während des Abschlußgottesdienstes der 3. Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Dresdner Kreuzkirche am 30. April 1989. Fotos (2): epd-bild

Chefredakteur Gerhard Thomas (li.) und Superintendent Christof Ziemer während des Abschlußgottesdienstes der 3. Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Dresdner Kreuzkirche am 30. April 1989. Foto: epd-bild

Deutlich zu erkennen ist das Bestreben, an Diskussionsprozessen teilzunehmen und eigene Positionen einzubringen. So beklagt sich beispielsweise im Dezember 1987 Gottfried Müller, dass beim DDR-Schriftstellerkongress die Kirchenpresse nicht akkreditiert wurde und nur die »volkseigenen Medien« sowie Funk- und Presseleute westlicher Redaktionen vertreten waren. Dabei habe sich gezeigt, dass auf östlicher und westlicher Seite spezifische Formen von »Milchglasnost« gepflegt wurden. »Auf diese Weise«, so der Kommentator, »ereignete sich das physikalische Wunder, dass erst die Addition von Milchglasnost und Milchglasnost die volle Glasnost ergab.« Und er spricht die Hoffnung aus, »dass wir uns in einem halben Jahrzehnt, wenn man zum nächsten Kongress rüstet, auf solches Zusammenfügen von publizistischen Halbheiten nicht mehr einzulassen brauchen«.

In Nr. 1/1988 verweist er darauf, dass Volksbildungsministerin Margot Honecker in einem Interview mit der »Jungen Welt« Verständnis für junge Leute bekundet hat, »wenn sie unausgewogene, ja zugespitzte Fragen stellen«. Sie habe damit ein Problem berührt, das weit über den Schulbereich hinaus reiche. »Auch im Betrieb, in den gesellschaftlichen Organisationen, in den Massenmedien und nicht zuletzt in der Kirche sollte jederzeit Raum für Fragen sein, selbst wenn diese von den Verantwortungsträgern nicht immer als angenehm empfunden werden. Fragen dürfen ist so etwas wie ein Menschenrecht.«

Gottfried Müller, Chefredakteur »Glaube und Heimat« von 1981 bis 1990. Foto: Willi Wild

Gottfried Müller, Chefredakteur »Glaube und Heimat« von 1981 bis 1990. Foto: Willi Wild

»Die Kirche« bringt in Nr. 4 auf Seite 2 einen Beitrag von Bausoldaten, die einen »Zusatzmonat« im Umweltschutz und Sozial- und Gesundheitswesen leisteten, um ein Zeichen für zivilen Wehrersatzdienst zu setzen.

In Nr. 6 berichtet »Glaube und Heimat« von einer Fürbittandacht am 30. Januar, in der sich die Berliner Kirchenleitung für die Freilassung der am Rande der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration Festgenommenen einsetzte. Ab Nr. 7 wird der Boden für die »Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« bereitet, die vom 12. bis 15. Februar in Dresden tagt und an deren Vorbereitung sich engagierte Christen mit über 10 000 Vorschlägen beteiligten.

Michael von Hintzenstern

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Wegbereiter der Revolution

23. Februar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988: Das Reformprogramm von Gorbatschow stieß in der DDR auf Widerstände. Die greisenhaft versteinerte SED-Führung witterte Gefahr, ihr Machtanspruch könnte infrage gestellt werden.

Chefideologe Kurt Hager beantwortete eine Reporterfrage nach dem Reformvorbild Sowjetunion mit der Gegenfrage: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Collage: Adrienne Uebbing

Collage: Adrienne Uebbing

Die einige Monate später im Oktober 1987 in Görlitz tagende Synode des DDR-Kirchenbundes glaubte allerdings, Hager sei inzwischen überholt und der Reformzug habe auch in der DDR an Fahrt gewonnen. Man dachte vor allem an zwei Ereignisse, die im September stattgefunden hatten: die Reise Erich Honeckers nach Westdeutschland und die Veröffentlichung eines Dokumentes unter dem Titel »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«. Der Text war aus einem Dialog zwischen Vertretern der SED und der SPD hervorgegangen und enthielt Aussagen wie: »Die offene Diskussion über den Wettbewerb der Systeme, ihre Erfolge und Misserfolge, Vorzüge und Nachteile, muss innerhalb jeden Systems möglich sein.«

Als die Synode, dadurch ermutigt, eine couragierte Entschließung zur Friedensfrage verabschiedete, sah die SED jedoch eine rote Linie überschritten und Hager durfte die Reformbremse wieder anziehen. Die Hoffnungen des Herbstes erwiesen sich als Illusionen. Den Kirchen und dem ganzen Land stand mit dem Übergang in das Jahr 1988 ein Winter des Missvergnügens bevor.

Alle Befürchtungen wurden Realität in den sogenannten Berliner Ereignissen. Dazu gehörte eine Stasiaktion gegen die Umweltbibliothek der Zionsgemeinde und im Januar 1988 der Einsatz von Gewalt, als Regimekritiker sich am offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch beteiligen wollten mit Plakaten, die das Luxemburgzitat variierten: »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!« In beiden Fällen kam es zu Mahnwachen und Solidaritätsaktionen mit den Gefangenen und Ausgewiesenen.

Jetzt zeigte sich, dass im Umfeld der Kirchen zwei schon länger bestehende Bewegungen immer mehr in die Öffentlichkeit drängten: einerseits Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, andererseits die Antragsteller auf ständige Ausreise aus der DDR. Für die Kirchenorganisationen, ihre Gemeinden und Leitungen bedeutete das, für alle da sein zu müssen, die ihrer Hilfe bedurften. Allerdings verstand nicht jeder das Bestreben, als Helfer das kirchliche Profil wahren zu wollen.

Einen überaus wichtigen Beitrag für das Gelingen der am Horizont heraufziehenden Revolution haben 19 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften in Gestalt der »Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« geleistet, deren erster Abschnitt im Februar 1988 in Dresden begann.

In den Beratungsergebnissen, in denen sich das Versammlungsmotto spiegelte, erblickten die Aufpasser von SED und Stasi jedoch den Versuch »bestimmter Kräfte«, die »Kirche im Sozialismus« zu einer Opposition gegen den Sozialismus umzugestalten. Für den Gegenschlag wurde das staatliche Presseamt in Stellung gebracht. Das hatte der Kirchenpresse verboten, über die Ökumenische Versammlung zu berichten. Dieses Verbot war gegen den Widerstand auf Seiten der Kirchen nicht vollständig durchsetzbar.

Umso stärker wütete die Zensur in den folgenden Monaten, als in der DDR mehrere Kirchentage stattfanden, darunter ein Treffen in Erfurt. »Glaube und Heimat« erlitt sieben Eingriffe, zweimal durfte sie nicht erscheinen. Auf den Kirchentagen selbst konnte jedoch frei über die immer notwendiger werdende Umgestaltung der DDR gesprochen werden. »Umkehr führt weiter« hieß es in Erfurt.

Die SED-Oberen blieben auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1988 bei ihrer Politik der Verweigerung. In ihrer Ablehnung jeglicher Veränderungen riskierten sie sogar den Konflikt mit dem Reformer Gorbatschow. Sowjetische Filme und Publikationen wie das beliebte Magazin »Sputnik« wurden aus dem Vertrieb in der DDR herausgenommen. Die Revolution näherte sich mit großen Schritten.

Gottfried Müller

Der Autor war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube und Heimat«.

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Helau! Und: Amen

9. Februar 2018 von redaktionguh  
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Vor Aschermittwoch kommt der Karneval. Karneval polarisiert. Wo er gefeiert wird, gibt es in der Regel nur: Mitfeiern oder Rückzug. Gebt dem Karneval eine Chance, meint unser närrisch-frommer Gastautor.

Der Bürgermeister von Rio, eines der beiden Weltzentren dieser tollen Tage, weigert sich, den Karneval mitzufeiern oder ihn auch nur zu unterstützen. Er selbst nennt sich evangelikal. So steht er in einer Traditionslinie, die man salopp so formulieren kann: Evangelische sind Karnevalsmuffel.

Da wären wir beim anderen Weltzentrum des Karnevals, in Wasungen, wo noch kein Bürgermeister so eine Distanz wagte. Selbstverständlich hat sich die lutherische Geistlichkeit der kleinen, evangelisch geprägten Stadt von Anfang an gegen die Fastnacht (so der ursprüngliche Name) als katholisches Relikt gestellt, nicht nur wegen der befürchteten Exzesse, sondern wegen der Passionszeit, die, als Fastenzeit verstanden, lediglich ein Ausdruck papistischer Werkgerechtigkeit sein konnte. Der große Wasunger Dichter und Komponist Johann Steurlein, ein treuer und frommer Lutheraner, schrieb hingegen Fastnachtsstücke und schaffte es dennoch in das Evangelische Gesangbuch.

Karneval in Wasungen erfasst und verbindet, über die Generationen, ja, über die Zeiten hinweg, auch die Reformation konnte dem nichts anhaben. Aschermittwoch war damit aber Schluss. Konsequent, aber auch schmerzhaft. Das zeigt den Geist wahrer Tradition – in den umliegenden Dörfern werden dagegen die einstigen LPG-Narreteien, die in der DDR ins Leben gerufen wurden, oft bis kurz vor der Karwoche veranstaltet. Das schmerzt nicht nur den Christen, sondern auch den Karnevalisten.

Seit elf Jahren feiern die Wasunger wieder Aschermittwoch in der Kirche. Jeder Karneval steht unter einem Motto in fränkischer Mundart. So auch der Aschermittwoch. Heißt das Karnevalsmotto in diesem 483. Jahr (so die Geschichtsschreibung): »Ganz Woasinge stätt Koopf«, so lautet das Motto für den Aschermittwochsgottesdienst: »Fass dir ein Herz on komm uff die Föss!« Am Sonntag Sexagesimä sind nach dem Gottesdienst die Palmzweige verbrannt worden, die am letzten Palmsonntag feierlich in die Kirche getragen worden waren; so wird die Asche gewonnen, mit denen die Stirn der Gottesdienstbesucher gezeichnet wird, verbunden mit Jesu Ruf: Kehr um und glaube an das Evangelium!

Im Gottesdienst können die Feiernden in einer Zeit der Besinnung auf Zettel schreiben (oder auch nur auf ihr Herz): Wie kann ich die Tage bis zum Osterfest nutzen? Man mag das als Abkopieren katholischer Bräuche abtun, das wegen des Eventcharakters an der Oberfläche bleibt. Man mag das als ein Mitschwimmen auf der Modewelle »Fasten« misstrauisch beäugen.

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Die Wasunger Kirche hat sich aber nicht in eine Eventkirche verwandelt. Der Gottesdienst ist stets getragen von großer Andacht und Ernsthaftigkeit derjenigen, die noch vor kurzem ganz im Ruf »Ahoi« aufgegangen sind. Merkwürdigerweise hat das von Anfang an funktioniert, ohne den Anschluss an Fastenkampagnen aus Hannover. Ganz leicht verstehen die Menschen, gerade auch die jungen unter ihnen, welche Chance diese Zeit der Umkehr bietet. Ihnen fällt meist spontan ein, worum es ihnen gehen könnte: den Verzicht auf den Abgott elektronische Verfügbarkeit.

Allen Skeptikern sei recht gegeben: Das Ziel echten Fastens ist nicht Selbstoptimierung, ob nun gesellschaftlicher, leiblicher oder intellektueller Art; es ist die Chance, sich selbst auf den Grund zu gehen und dabei zu erfahren, dass dieser Grund nicht in uns liegt: Christus trägt uns. Im Verzicht auf das, was uns unnötigerweise bindet – was das ist, kann nur jeder selbst wissen –, stoßen wir auf manchmal sogar schmerzhafte Art an unsere Grenzen und gewinnen doch neue Möglichkeiten, uns für den zu öffnen, in dessen Opfer am Kreuz unsere Freiheit liegt.

Wird die bunte Gesellschaft, die zu Aschermittwoch in die Kirche kommt, werden alle Fastenden hinter der Fastenzeit auch die Passionszeit für sich wahrnehmen? Legen wir diesen Maßstab an, dürften wir wohl auch nicht Weihnachten oder Ostern feiern. Und nun: Ahoi! Und: Amen.

Stefan Kunze

Der Autor ist Pfarrer in Wasungen und steigt dort regelmäßig in die Bütt.

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Der Bibelwochen-Pfarrer von Dröbischau

29. Januar 2018 von redaktionguh  
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Von Januar bis März: Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist Karl-Helmut Hassenstein zu Gemeindeabenden unterwegs

Karl-Helmut Hassenstein, Oberpfarrer im Ruhestand, sitzt auf der Couch in seinem Wohnzimmer in Dröbischau (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) und liest im aktuellen Bibelwochenheft. Eine Lektüre, die ihn bereits seit 50 Jahren begleitet. Hassenstein ist ein Pfarrer vom »alten Schlag«. Auch mit 76 Jahren springt er noch vertretungsweise ein, wenn die Kollegen aus der Umgebung im Urlaub oder krank sind. Dabei kann er auf seine Erfahrungen aus der aktiven Zeit im kirchlichen Dienst bauen.

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50 Jahre Bibelwoche: Karl-Helmut Hassenstein mit dem aktuellen Begleitheft zur Ökumenischen Bibelwoche. Foto: Andreas Abendroth

Nach seinem Theologiestudium in Jena wurde ihm seine erste Pfarrstelle in Probstzella – also im damaligen Sperrgebiet an der Grenze – zugeteilt. Hier leitete er mit Unterstützung seiner Frau Gesine als Katechetin die Geschicke und die Menschen der Kirchengemeinde.

»Nicht immer eine einfache Aufgabe«, erinnert sich der Pfarrer. 1976 dann der Wechsel raus aus dem Sperrgebiet in das rund 40 Kilometer entfernte Allendorf. Die Pfarrstelle hier sollte für drei Jahrzehnte – bis zum Eintritt in den Ruhestand – die Heimat für Familie Hassenstein werden. Neben der Arbeit als Gemeindepfarrer brachte sich Karl-Helmut Hassenstein seit den 70er-Jahren aktiv als Vertreter der Thüringer Landeskirche bei der Bibelwochenarbeit ein. »Sehr interessant waren immer die alljährlichen Bibelwochenkonferenzen.

Diese fanden bis zur Wende als gesamtdeutsche Arbeitsgemeinschaft in Ostberlin, danach an wechselnden Orten in Deutschland und im benachbarten Ausland statt«, so Hassenstein. Rund 50 Mal nahm er daran teil, half bei der Ausarbeitung der sieben Texte aus der Bibel. »Die Bibelwoche erwies sich immer wieder als ein Band der Einheit im Rahmen der Ökumene.«

Früher konnten die Thüringer Bibelwochenhefte nur mit einer Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration gedruckt werden. Sie enthielten die biblischen Texte. Später kamen noch die Auslegungen der Bibelwochenkonferenz dazu. »Der DDR-Staat versuchte immer wieder einen Keil in die Vorbereitungsarbeiten zu den Bibelwochen zu treiben. Wir hatten uns bereits eine Liste mit Wörtern und Begriffen angelegt, die man meiden sollte«, erinnert sich Hassenstein. Das Bibelwochenheft war damals sehr begehrt und erschien in einer Auflage von 80 000 Exemplaren.

Die Bibelabende haben unterschiedliche Gesellschaftsformen überlebt. Die erste Bibelwoche dieser Art gab es übrigens 1935 in Karlsruhe. Bis heute hat sich an der Ausrichtung nichts geändert: »Die Vorgabe ist, dass alle biblischen Bücher behandelt werden. Jedes Jahr erschließen sieben Texte aus der Bibel ein eigenes Themenfeld. Sie laden dazu ein, in die Welt der Bibel einzutauchen, sich mit dem Reichtum der Bibeltexte zu beschäftigen, Verborgenes zu entdecken«, so Hassenstein.

Und so ist der pensionierte Oberpfarrer auch in diesem Jahr wieder anlässlich der Bibelwoche in der Region unterwegs.

Andreas Abendroth

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Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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Zeugnisse vom aufrechten Gang im Untergrund

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Neuerscheinung: »’89 Geschichten der Friedlichen Revolution« in der DDR

Wir hatten uns nicht wirklich damit abgefunden, dass unser Freund Matthias ›Matz‹ Domaschk im Alter von 23 Jahren im April 1981 in der Geraer Stasi-U-Haft ums Leben gekommen war«, erinnert sich Roland Jahn, der heutige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, in einem Beitrag für das Lesebuch »Interieur Under­ground«. Es vereint »’89 Geschichten der Friedlichen Revolution«, die in sehr persönlicher Weise von Ausgrenzung und Verfolgung erzählen. »Wir, das war eine Gruppe von jungen Menschen aus Jena, die sich außerhalb der staatlichen Strukturen gefunden hatte, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir hatten alle schon Erfahrungen mit den Grenzen der Freiheit im SED-Staat gemacht. Einige waren nicht zum Abitur zugelassen worden, andere von der Uni geflogen, dritte in kirchlichen Kreisen aktiv. Aber gemeinsam fanden wir unsere Stärke und nahmen uns die Freiheit, so zu leben, wie wir wollten.« Dieses Lebensgefühl eint die unterschiedlichen Texte, zu denen jeweils ein Bild gestellt ist. Zu sehen sind Alltagsgegenstände, Formulare, Kunstwerke, Fotos oder Collagen. Dem Thema ist seit Dezember zugleich ein neuer Ausstellungsraum im Lügenmuseum Radebeul gewidmet.

Ein letztes Foto: Peter Rösch von der Jungen Gemeinde Jena vor der Ausreise nach Westberlin über den »Tränenpalast« am Bahnhof Friedrichstraße. Foto: Lesebuch  »Interieur Underground«/Katharina Lenski

Ein letztes Foto: Peter Rösch von der Jungen Gemeinde Jena vor der Ausreise nach Westberlin über den »Tränenpalast« am Bahnhof Friedrichstraße. Foto: Lesebuch »Interieur Underground«/Katharina Lenski

Roland Jahn, der nach seiner Verhaftung 1982 die Jenaer Friedensgemeinschaft gegründet hatte und im Juni 1983 gegen seinen Willen in die BRD abgeschoben wurde, berichtet über jene Reise, die für Matthias Domaschk und seinen Freund Peter Rösch in Jüterbog jäh endete. Auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier in Berlin, wo die SED ihren X. Parteitag feiert, werden sie am 11. April 1981 in Jüterbog aus dem Zug geholt und ohne Grund in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera gebracht. Fast pausenlose Verhöre folgen. Am 12. April 1981 ist Matthias Domaschk tot. Die Stasi spricht von Selbstmord.

»Bereits am Gründonnerstag, dem 16. April, findet die Trauerfeier statt, bei der die Stasi demonstrativ den Jenaer Nordfriedhof überwacht«, erinnert sich Katharina Lenski in ihrem Beitrag. »Noch am Tag der Trauerfeier wird der Leichnam eingeäschert. Vorher hat die Stasi dafür gesorgt, dass ihn keine ›unbefugte Person‹ genau anschaut. Peter Rösch darf sich nicht von seinem Freund verabschieden, sondern wird erneut zugeführt und verhört. Er wird von Stasi-Männern observiert und muss sich mit einem stigmatisierenden Ersatzausweis legitimieren.« Trotz alledem engagiert er sich bis zu seiner Ausbürgerung 1982 weiter in der Jungen Gemeinde von Jena. Auch ihm ist eine Erinnerung gewidmet.
Michael von Hintzenstern

Bezug über Lügenmuseum, Kunst der Lüge e.V., Kötzschenbrodaer Straße 39, 01445 Radebeul, Telefon (03 51) 33 45 58 48, E-Mail <luegenmuseum@gmail.com>, 8 Euro

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Spielball der Mächtigen

19. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988 ist für Stephan Krawczyk ein denkwürdiges Jahr. Im Januar wurde der Liedermacher verhaftet, im Febuar in die Bundesrepublik abgeschoben.

Heute, mit der zeitlichen Distanz von 30 Jahren, ordnet er das Unrecht und Leid, das ihm in der DDR widerfahren ist, als eine Bereicherung ein. Es seien Erlebnisse, Erfahrungen, sagt er, über die er immer wieder aufgefordert werde zu berichten. Der Liedermacher Stephan Krawczyk, 1955 in Weida (Kirchenkreis Gera) geboren, war in der DDR ein erfolgreicher, beliebter Künstler. Nachdem er 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb gewonnen hatte, stieg er in eine Künstlerriege auf, die viele Vorteile genoss. Der Künstler nutzte seine privilegierte Position, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen.

Wegen seiner kritischen Texte wurde ihm die Zulassung als Berufsmusiker entzogen. Seine Heimat, die DDR, wo er sein Publikum hatte, wollte er jedoch nicht verlassen. Auftreten konnte der Künstler nur noch in Kirchen. Mit seinen Liedern wurde er Ende der 1980er-Jahre zu einer prominenten Persönlichkeit der DDR-Opposition.

1988 ist für ihn ein denkwürdiges Jahr. Am 17. Januar wurde er verhaftet, am 2. Februar in die Bundesrepublik abgeschoben.

»Vom DDR-Knast auf die Titelseite des Spiegels«, kommentiert er seine unfreiwillige Ankunft in der Bundesrepublik. Es sei für ihn persönlich und künstlerisch nicht leicht gewesen, sich zurechtzufinden. Gestört habe ihn, dass dem Geld eine so große Bedeutung beigemessen wurde, während in der DDR die Frage nach einem sinnerfüllten Leben wichtiger gewesen sei.

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Die Rolle der Kirche in der DDR sieht der Künstler heute kritisch. Als Symbolfigur des Widerstands gegen die Diktatur sei er damals als Spielball benutzt worden. »Es muss geklärt werden, was damals gewesen ist, welche Absprachen es zwischen Staat und Kirche gegeben hat.« Denn solange die Geschehnisse aus der Vergangenheit »nicht aufgeklärt werden«, kämen sie aller fünf oder zehn Jahre, jedes Mal, wenn ein Jubiläum ansteht, wieder hoch. Er ist mit der Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit sehr unzufrieden.

Das Verhältnis der Kirche zum Staat in der DDR sei bis heute nicht geklärt worden. Es habe Ungereimtheiten gegeben, die aus seiner Sicht nach der Wende zu schnell bereinigt worden seien. Wie er sagt, gibt es noch vieles, über das bislang nicht gesprochen wurde. »Das ist eine Botschaft an die Oberen.« Krawczyk war froh und dankbar, dass er trotz seines Berufsverbots in Kirchen auftreten durfte und hier ein Forum und dankbares Publikum fand. »Kirche ist für mich ein Ort, an dem über die wesentlichen Dinge im Leben der Menschen gesprochen werden sollte. »Aber es wird heute immer so dargestellt, als hätten uns alle mit offenen Armen empfangen.« Es seien nur wenige gewesen, die ihm die Kirchentüren öffneten. »Die Kirche wird so hingestellt, als hätte sie auf der Seite der Revolution gestanden. Davon war bei vielen nichts zu spüren, die waren angepasst wie alle anderen.«

Krawczyk hat es geschafft, sich nach der Wende als Liedermacher und Schriftsteller zu etablieren. Von ihm sind etliche Bücher und CDs auf dem Markt. Nach wie vor begleitet er die gesellschaftliche Situation kritisch und ärgert sich über manche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung, die sich negativ auf die Sprache auswirke.

Im März erscheint von ihm eine neue CD. Einen Gedichtband hat er soeben abgeschlossen, für den er noch einen Verlag sucht. Außerdem liegen einige Manuskripte in der Schublade und warten auf ihre Veröffentlichung.

Sabine Kuschel

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Ein Ort zum Kraft tanken

9. Januar 2018 von redaktionguh  
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»Polizeigemeinde«: In der Kirche von Dessau-Großkühnau hat sie einen Raum gefunden

Der mediale Hype im März 2014 war groß, als im Dessauer Ortsteil Großkühnau die bundesweit erste und bisher einzige Polizeikirche eingeweiht wurde. Längst ist diese Aufmerksamkeit verflogen und der Alltag eingekehrt. Michael Bertling, der Polizeipfarrer der Landeskirche Anhalts, kann hier in Ruhe seinen Dienst verrichten. Obwohl er im Berufsalltag eher selten in Großkühnau anzutreffen ist. In der Zentrale der Polizeidirektion Ost in Dessau hat der Pfarrer ein Dienstzimmer. Den allergrößten Teil seines Dienstes verbringt er aber draußen. Die Polizeidienststellen in der Doppelstadt Dessau-Roßlau sowie in den angrenzenden Landkreisen Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg besucht Michael Bertling regelmäßig. So hält er am besten Kontakt zu den Polizeibediensteten. Er führt Gespräche, hat ein Ohr für die Sorgen und Nöte der Männer und Frauen in Uniform und kommt bei Bedarf auch zu den Beamten nach Hause.

In die Kirche nach Großkühnau kommen in Relation dann doch eher wenige. Michael Bertling spricht zwar von seiner »großen Gemeinde«, wenn er über die spricht, für die er da ist. Doch nur wenige in seiner »Polizeigemeinde« haben direkten Zugang zu Glauben und Religion. »Nur rund sechs Prozent der Polizeibediensteten in der Region Anhalt sind konfessionell gebunden«, erzählt der Pfarrer. In der Gesamtbevölkerung sind es immerhin rund 17 Prozent. Die Kirchenferne von Polizisten ist eine Erblast aus der Zeit vor 1990. Wer in der DDR eine Laufbahn bei der Polizei einschlagen wollte, der musste sich von Kirche fernhalten. »Ein bisschen waren wir Pfarrer für die Ordnungshüter auch immer die Vertreter einer fremden Macht«, erzählt Michael Bertling.

Bundesweit einzige Polizeikirche: Polizeipfarrer Michael Bertling an einem seiner Arbeitsplätze, der knapp 190 Jahre alten, neoromanischen Kirche in Dessau-Großkühnau. Foto: Lutz Sebastian

Bundesweit einzige Polizeikirche: Polizeipfarrer Michael Bertling an einem seiner Arbeitsplätze, der knapp 190 Jahre alten, neoromanischen Kirche in Dessau-Großkühnau. Foto: Lutz Sebastian

Wie schafft es da jemand wie er, in Polizeikreisen Respekt und Anerkennung zu finden? Die Antwort liegt in der Biografie des 56-Jährigen. In Halle geboren, an der Ostsee aufgewachsen, zieht es ihn zunächst zur DDR-Marine. Doch irgendwann wollte er nicht mehr kaserniert sein und entschloss sich, etwas völlig anderes zu machen. In einem Elternaus aufgewachsen, das der Institution Kirche durchaus wohlgesonnen, dort aber nicht aktiv war, fand er nach der Zeit bei der Marine das, was er suchte: Dienst am Menschen und Freiheit im Denken. Ein Theologiestudium folgte. 1992 dann die Ordination zum Pfarrer mit der Übernahme der Kirchengemeinde Osternienburg bei Köthen. Als Dorfpfarrer wollte sich Michael Bertling in die Dorfgemeinschaft mit noch mehr als seinem Glauben einbringen und wurde aktiver Kamerad bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Die Zeit bei der Marine und die Erfahrung bei der Feuerwehr verleihen ihm bei der Polizei so etwas wie Stallgeruch. Die Beamten wissen, dass ihnen keiner gegenübersitzt, der aus einem Elfenbeinturm heraus denkt, sondern einer, der aus eigener Erfahrung weiß, wie mit seelisch belastenden Situationen umzugehen ist.

2006 bekommt Michael Bertling eine halbe Stelle als Polizeipfarrer. Seit 2012 arbeitet er Vollzeit in dieser Funktion. Der Polizeiseelsorgebeirat, dem Vertreter der anhaltischen Landeskirche und der Polizeidirektion Ost angehören, forcierte das Projekt Polizeikirche. Mit ihm als Polizeipfarrer ist die Schwellenangst für viele Polizeibedienstete gering, die Kirche zu betreten. »Es soll ein Schutzraum sein, wo jenseits aller Hierarchien Kraft getankt und Gedanken geordnet werden können«, beschreibt Michael Bertling die wichtigste Funktion der Kirche.

Auch Familientage für Polizeibedienstete und ihre Angehörigen, Segnungen zu Ehejubiläen von Polizisten und Trauerfeiern für im Dienst verstorbene Polizeibedienstete finden hier statt. Zudem gibt es regelmäßig Schulungen zur polizeilichen Berufsethik in der Kirche und im benachbarten Pfarrhaus.

Der Begriff Polizeikirche füllt sich immer mehr mit Leben. Auch über Anhalt hinaus wird das Projekt wahrgenommen. Andere Polizeidirektionen und die Bundespolizei informierten sich schon vor Ort über das Konzept. Wenngleich eine Polizeikirche nicht bedeutet, dass dort die Polizei dominiert. Das altehrwürdige Gemäuer in Großkühnau ist zugleich Gemeinde- und Radfahrerkirche.

Danny Gitter

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