Der singende Küster

10. September 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Thomas Nürnberg hält die Petruskapelle offen und regelmäßig Andachten

Der dänische Dichter Hans Christian Andersen war ebenso in Alexisbad wie Carl Maria von Weber oder Bach«, weiß Thomas Nürnberg, der fast täglich vom Heimatort Harzgerode in dessen Ortsteil fährt.

Den 48-Jährigen verbindet viel mit der Kapelle, die erst seit 2008 nach Petrus benannt ist. »Dessen Bild hängt heute über dem Altar«, erzählt Nürnberg. Das hatte Luise, die Tochter der Herzogin von Anhalt-Bernburg, Friederike von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, in Ballenstedt als Hochzeitsgeschenk erhalten. Sie war es auch, die im 1815 errichteten Teepavillon Gottesdienste ermöglichte. »Erst 1933 kaufte die Ortskirche Harzgerode den Pavillon«, sagt Thomas Nürnberg. Er kennt auch die traurige Geschichte der Kapelle in den vergangenen Jahrzehnten. Der Kurort, in dem Karl Friedrich Schinkel seine architektonischen Spuren hinterließ, begrüßte zur DDR-Zeiten besonders viele Urlauber von Staatssicherheit, Polizei und SED. »Keine typischen Gottesdienstbesucher«, meint Nürnberg lakonisch. So verfiel die kleine Kapelle, der Schwamm hatte Einzug gehalten, das Petrusbild befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Nach der Wende wurde alles aus Fördermitteln und Spenden saniert.

Offene Kirche: Thomas Nürnberg hält freitags in der Petruskapelle in Alexisbad musikalische Andachten. Foto: Uwe Kraus

Offene Kirche: Thomas Nürnberg hält freitags in der Petruskapelle in Alexisbad musikalische Andachten. Foto: Uwe Kraus

Da erfüllte Thomas Nürnberg bereits seine Aufgabe als ehrenamtlicher Küster. »Weil ich mit den Harzgeröder Pfarrerskindern befreundet war, hatte ich schon vorher in St. Marien mitgeholfen.« Er erinnert sich an den ruinösen Zustand dort, der mit Unterstützung der Partnergemeinde Hohenhausen aus Detmold-Lippe beseitigt wurde.

Und er erinnert sich daran, dass er mit acht Jahren begann, bei den Gottesdiensten die Liturgien zu singen. Der kleine Junge war Autodidakt, seine Tante holte ihn in die Volkstanzgruppe. »Später erhielt ich an der Musikschule Quedlinburg Gesangsunterricht und machte meinen Abschluss dort.« Er gewann einen Wettbewerb, hatte Glück und erhielt seine Vorimmatrikulation an der Musikhochschule Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Doch davor hatte der Staat den Armeedienst gesetzt. Der fiel in die Wendezeit, die für ihn alles veränderte. Statt zum Studium ging er zurück in den Harz, arbeitete auf dem Friedhof, organisierte in Ballenstedt Konzerte und nimmt bis heute Gesangsunterricht.

In der als Teehäuschen für Herzog Alexius und Herzogin Marie Friederike von Anhalt-Bernburg errichteten Petruskapelle singt er nun jeden Donnerstag und hält freitags eine musikalische Andacht. Schließlich ist er ehrenamtlicher Lektor in der Landeskirche Anhalts. Die Touristen in den umliegenden Hotels werden dazu mit Handzetteln und Aufstellern eingeladen. Wenn Bariton Nürnberg die kleine Kapelle mit seiner Stimme erfüllt, dann erklingt ganz besondere Musik: Sie erinnert an die Geschichte Anhalts und des exponierten Ortes.

Carl Christian Agthes Musik erklingt, Werke von Mendelssohn Bartholdy und von Albrecht Lortzing, dessen »Undine« in Anhalt uraufgeführt wurde, werden ebenso gesungen wie das »Opferlied« oder »Adelaide«, die Ludwig van Beethoven nach Gedichten des anhaltischen Dichters Friedrich von Matthisson komponierte. Anhalt habe musikhistorisch einiges vorzuweisen, so Thomas Nürnberg, der den Besuchern die tiefe Verbundenheit der Komponisten mit der Region vermitteln möchte.

Er weiß, all das geht weit über das Gemäuer der Petruskapelle und die Ortsgrenzen von Alexisbad hinaus und gehört zur Historie Anhalts. Doch der ehemalige Teepavillon bietet seit 17 Jahren auch Platz für die evangelische Osternacht ebenso wie für die drei Gottesdienste zu Weihnachten und für die Lichterfeste. Thomas Nürnberg ist immer dabei und fühlt sich darum der Petruskapelle auch nach über einem Vierteljahrhundert eng verbunden.

Uwe Kraus

Eine sichere Bank

6. August 2017 von redaktionguh  
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Mikrokredite: Siglinde Enzmann hilft seit 26 Jahren über Oikocredit anderen Menschen

Mit der Wiedervereinigung 1990 schien alles möglich. Für das Geld, was in der DDR mangels Angeboten nicht ausgegeben werden konnte, gab es fast unbegrenzte Konsummöglichkeiten. Für Glücksritter waren auch schnelle Gewinne an den Börsen oder durch andere Investitionen möglich. Zur Sicherheit gab es noch das alte gute Sparbuch. Das alles interessierte Siglinde Enzmann nur wenig. Die Dessauerin ging damit nicht einkaufen, legte es nicht aufs Sparbuch und investierte auch nicht in Unternehmen. »Ich investierte lieber in Menschen«, sagt die ehemalige Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts.

Ihr Geld kam und kommt Näherinnen in Indien, Kaffeebauern in Guatemala oder Alpaka- und Vikunjawolle-Produzenten im Hochland von Peru zugute. Siglinde Enzmann ist Mitglied bei Oikocredit, einer ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft, die weltweit Mikrokredite vergibt. Geistiger Vater dieses Finanzinstruments ist der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesh. Ende der 1970er-Jahre gründete er die Grameen Bank. Seine Idee war es, Menschen, die wegen zu geringen Kapitalbedarfs und/oder durch fehlende Sicherheiten für klassische Banken als Kreditnehmer nicht infrage kommen, trotzdem einen Kredit zu fairen Bedingungen zu gewähren und ihnen so den Aufbau einer wirtschaftlich gesicherten Existenz zu ermöglichen.

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Manchmal sind es umgerechnet nur einige hundert Euro, zum Beispiel für den Kauf einer Nähmaschine und etwas Stoff dazu. Diese ermöglichen es, besondere Kleidungsstücke herzustellen und zu verkaufen. Von dem Erlös wird die Anfangsinvestition beglichen, und es wird in neue Stoffe investiert, um mehr zu verkaufen. Damit haben Menschen die Chance, bitterster Armut und Ausbeutung zu entkommen sowie die eigene oder sogar die Existenz der ganzen Familie zu sichern. Zahlreiche solcher Beispiele gibt es Dank Mikrokrediten etwa in Indien und Bangladesch.

Für seine Idee, auf diese Weise Armut zu bekämpfen und den Frieden in schwach entwickelten Regionen zu sichern, bekam Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis. Entwicklungsgenossenschaften wie Oikocredit nahmen und nehmen den Gedanken der Mikrokredite auf und unterstützen damit weltweit dieses Finanzinstrument. 1975 hat sich die Organisation in den Niederlanden gegründet – und mittlerweile weltweit über 35 Länderbüros mit 160 hauptamtlichen Mitarbeitern, über 340 Millionen Euro an vergebenen Krediten und über 30 000 Genossenschaftsmitglieder.

Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Sie investierte einst 3 000 D-Mark. Inzwischen hat sie ihre Anteile auf 5 000 Euro aufgestockt. Durch ihre Arbeit als Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts, die sie bis zu ihrem Ruhestand 1995 ausübte, habe sie »schon immer über den Tellerrand geschaut«, sagt Siglinde Enzmann. Da war es für die heute 82-Jährige nur folgerichtig, sich bei Projekten wie Oikocredit zu engagieren.

Für sie und die anderen Mitglieder ist das in mehrerer Hinsicht eine sichere Bank. Das Ausfallrisiko der Kredite ist sehr gering. Jedes Jahr gibt es eine Zinsgutschrift von zwei Prozent. Auf jährlichen Mitgliederversammlungen wird Rechenschaft abgelegt. Da geht sie immer mit einem guten Gefühl heraus, wenn sie hört, wie einfach und effektiv es sein kann, Menschen zu helfen. »Damit alleine können wir sicherlich nicht die Welt retten. Aber wir sind oft schon einen Schritt weiter als die Politik«, stellt Siglinde Enzmann zufrieden fest.

Danny Gitter

Einfach vom Glauben sprechen

14. Juli 2017 von redaktionguh  
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Sprachfähig: Wer sich in der DDR als Christ zu erkennen gab, musste damit rechnen, verspottet, schlimmstenfalls diskriminiert zu werden. Obwohl das hier und heute niemand mehr befürchten muss, fällt es vielen Christen schwer, über ihren Glauben zu reden.

Warum Christen so oft stumm in Glaubensdingen sind, hat viele Ursachen: vermutetes Desinteresse, der Wille, unbedingt Mission vermeiden zu wollen und last, but not least, Gott in Worte zu fassen ist nicht leicht. Wie soll ich in einer säkularen Umgebung einem Menschen, der selbstverständlich von der Nichtexistenz Gottes ausgeht, klarmachen, dass ich einen Draht zum Himmel habe?

»Es fällt uns schwer, über den Glauben zu reden«, unterstreicht Propst Christian Stawenow, Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt. Christen glauben an das ewige Leben – dass Christus auferstanden ist von den Toten. Aber »man redet nicht mehr darüber, dass dieses schöne Leben, wenn man es denn schön getroffen hat, irgendwann einmal zu Ende geht«, so der Theologe. Darüber müsse die Kirche mehr reden, schlussfolgernd ebenso darüber, wie die Menschen zur Auferstehung der Toten kommen. Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen Tod, Gericht, Himmel und Hölle, ist in der Theologie heute kaum Thema. Selbst Pfarrerinnen und Pfarrern, den Profis in Sachen Glauben, fällt es nicht leicht, über diese Fragen zu sprechen.

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Was trägt das Studium an der Universität zur Sprachfähigkeit des Theologennachwuchses bei? »Der akademische Diskurs hat alle Chancen, sprachfähig zu machen. Er trägt dazu bei, dass ich den Glauben verständlich machen kann«, erklärt Manuel Vogel, Dekan der theologischen Fakultät an der Universität Jena. Doch so hoch der Professor für Neues Testament den Stellenwert theologisch-wissenschaftlicher Arbeit ansetzt, weiß er auch um die Gefahr, sprachlich zu verarmen. Neben der Bibel sieht er deshalb in der Literatur eine große Fundgrube für Bilder, Geschichten, für Sprache. Sie sei ein Raum großartiger Sprache, in dem sich Theologen bedienen könnten. Wie Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Predigten die Menschen erreichen, berühren können, »daran arbeiten wir«, sagt Kathrin Oxen, Leiterin des Wittenberger Zen­trums für Predigtkultur. Gefragt seien nicht die großen Worte und Gedanken, sondern es sei wichtig, über Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Über die eigene Glaubensgewissheit, aber nicht nur das. »Wir müssen uns trauen, mehr zu sagen, als wir glauben.« Wie ist das möglich? Wir sind nicht allein. Die Bibeltexte helfen uns mit ihren Bildern, Geschichten, Verheißungen.

»Ich weiß nicht, wie Schwerter zu Pflugscharen werden«, sagt Oxen. Aber sie lese beim Propheten Micha, dass dies geschehen kann. So spreche die Bibel von einer Hoffnung, die noch nicht die ihre sei, jedoch zu dieser werden könne. Die Bibel ist reich an Bildern und Geschichten. Sie überliefert vielfältige Gotteserfahrungen. Kein Mensch kann Gott in seiner ganzen Größe begreifen. Wie jeder Bibeltext eine andere Facette des Glaubens zum Ausdruck bringt, so vermag jeder Christ nur die eine oder andere Seite von Gott zu entdecken. Bekommt sozusagen jeweils nur einen winzigen Zipfel zu fassen. Aber sich mit diesem zu zeigen, ist spannend für andere.

Was glauben Christen? Welche Gewissheiten haben sie? In Gesprächen höre sie oft, dass Menschen sich von Gott getragen fühlen, erzählt Beate Marwede, Superintendentin im Kirchenkreis Meiningen. Sie denke an ein Ehepaar, das voller Dankbarkeit auf das lange gemeinsame Leben zurückblicke. Manche berichteten, wie ihnen das Gebet helfe. Und sie sprechen von ihrer Hoffnung – über den Tod hinaus.

»Ich glaube an Gott, den Schöpfer«, sagt Manuel Vogel. Wenn er diesen Satz des Glaubensbekenntnisses spreche, bezeuge er sein Einverständnis mit der Welt, wie sie ist, also fehlbar. Das Leben verwundbar und anfällig für Schuld und Versagen. Er bringe damit zugleich seine Gewissheit zum Ausdruck, so der Professor, dass Gott dieser Welt trotz all ihres Versagens und ihrer Schuld seinen guten Willen nicht aufkündigt.

Sabine Kuschel

Boheme in der DDR

12. März 2017 von redaktionguh  
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Neues Standardwerk: Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus

Es ist die bisher ausführlichste Darstellung von Kunst und Gegenkultur in der DDR und kann auf Grund ihrer minutiösen Quellenkenntnis als wegweisendes Standardwerk bezeichnet werden: die fast 500 Seiten umfassende und reich bebilderte Monografie: »Boheme in der DDR« von Paul Kaiser. Es handelt sich hierbei um die aktualisierte Fassung der 2007 vom Autor an der Humboldt-Universität in Berlin eingereichten Dissertationsschrift, die mit höchstem Expertenlob bedacht wurde. Das Begleitbuch zu der von ihm und Claudia Petzold konzipierten Ausstellung »Boheme und Diktatur in der DDR« im Deutschen Historischen Museum in Berlin (1997/1998) ist seit Jahren vergriffen. Nun liegt ein Prachtband vor, der tiefe Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Situation jener »Kulturschaffenden« gewährt, die sich kritisch gegenüber dem »real existierenden Sozialismus« verhielten und eigene Entwürfe einbrachten.

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Neben 15 Hauptkapiteln, in denen unter anderem die »Boheme als Gegenkultur« und Versuche ihrer »Zersetzung« beleuchtet werden, sind es vor allem die »Fallbeispiele«, die ein lebendiges Bild der speziellen Situation einzelner Protagonisten vermitteln. So musste sich der Leiter der »Klaus Renft Combo« zum Beispiel am 22. September 1975 folgendes vernichtende Urteil der Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig anhören, das er heimlich aufzeichnete: »Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission mitteilen, dass wir nicht der Auffassung sind, dass dieses Vorspiel heute stattfindet. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Texte, die Sie mir übergeben haben …, haben mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. … Wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen ist.« (Seite 92)

Im Blick auf die künstlerische Gegenkultur nennt der Autor zwei »institutionelle Schutzmächte innerhalb der DDR – die bundesdeutsche Diplomatie und die Evangelische Kirche«. Die seit 1974 bestehende Ständige Vertretung der BRD in der DDR firmierte diplomatische Empfänge zu künstlerischen Veranstaltungen um, zu denen nicht nur die DDR-Prominenz, sondern auch Verfemte und Ausgegrenzte eingeladen wurden. Hierdurch wurden zahlreiche Begegnungen ermöglicht. Kaiser würdigt aber auch die Rolle der »Offenen Arbeit« der evangelischen Landeskirchen, die seit Ende der 1960er-Jahre »unangepasste Jugendliche und Sondergruppen« sammelte und aktivierte. »In den 1970er-Jahren öffnete sie sich auch für die konfessionslosen Akteure und Gruppen der künstlerischen Boheme und fungierte für diese als Podium, Schutzraum und ›Konfliktregulierungsinstanz‹, auch wenn dieses Engagement innerkirchlich stark umstritten blieb«, heißt es da weiter. Zur inhaltlichen Vertiefung gibt es eine Reihe von Anmerkungen, in denen auch der thüringische Pfarrer Walter Schilling (Braunsdorf) als eine der »Zentralfiguren der Offenen Arbeit« genannt wird. (Seite 392)
Michael von Hintzenstern

Kaiser, Paul: Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, 480 Seiten, Dresdner Institut für Kulturstudien, ISBN 978-3-9816461-5-3, 48 Euro

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von redaktionguh  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Erlittenes Unrecht prägt

5. März 2017 von redaktionguh  
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Aufarbeitung: Wie steht es darum? Wer sich dem gesellschaftlichen System in der DDR nicht widerspruchslos beugte, wurde bespitzelt, verfolgt, verhaftet. Die Folgen für den Lebensweg spüren die Betroffenen bis in die Gegenwart.

»Es ist zukunftsweisend, sich einer schuldbeladenen Vergangenheit zu stellen und Verantwortung für die Opfer zu übernehmen«, sagte Hildigund Neubert am 13. Februar in Magdeburg. Deutschlands Ansehen in der Welt beruhe auch auf der Aufarbeitung seiner Vergangenheit, so die frühere Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Neubert zog bei der Eröffnung eines Forums der Konrad-Adenauer-Stiftung unter dem Thema »Die Aufarbeitung des SED-Unrechts in der Gegenwart« eine gemischte Bilanz. Es habe eine sehr breite politische Aufarbeitung gegeben. »Aber wie viel kommt bei den Menschen an? Zum Beispiel in der Lehrer-Ausbildung?« Neubert plädierte für ein Fortbestehen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. »Wir brauchen sie weiterhin, denn es gibt noch viel zu tun.«

In der Haftanstalt »Roter Ochse« (heute JVA Halle) befindet sich eine Gedenkstätte. Hier wird an Opfer politischer Verfolgung und Strafjustiz von 1933 bis zum Ende der DDR im Jahr 1989 erinnert. – Foto: epd-bild

In der Haftanstalt »Roter Ochse« (heute JVA Halle) befindet sich eine Gedenkstätte. Hier wird an Opfer politischer Verfolgung und Strafjustiz von 1933 bis zum Ende der DDR im Jahr 1989 erinnert. – Foto: epd-bild

Johannes Rink, Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt des Bundes der stalinistisch Verfolgten und der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, sprach von großer Enttäuschung auf Seiten der Opfer des DDR-Regimes. »Was die DDR gemacht hat, war ein Verbrechen.« Die Benachteiligungen und Haftfolgeschäden hielten ein Leben lang an. Die monatliche Zuwendung gleiche das nicht aus. »Ich würde auf die 300 Euro verzichten, wenn ich dafür die vier Jahre nicht hätte sitzen müssen«, sagte der ehemalige Hochseefischer, dem seine Kritik am Mauerbau zum Verhängnis wurde. 65 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und IM in seiner Umgebung bespitzelten ihn im Lauf der Jahre. Hinzu kamen Verleumdungen in dem Betrieb, in dem er nach der Haftentlassung arbeitete: zum Beispiel die Behauptung, er sei wegen Diebstahls im Gefängnis gewesen.

Rink sprach auch davon, dass es immer schwieriger werde, Schülern heute Wissen über die DDR zu vermitteln. Die Eltern der heutigen Schüler seien 1989 selber noch sehr jung gewesen. Es staune immer wieder über das Nichtwissen über eine Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Der promovierte Historiker Stefan Wolle wird als wissenschaftlicher Leiter des in Berlin ansässigen DDR-Museums öfter von Besuchern kritisiert. Die Spanne reichte von »so finster, wie dargestellt, war die DDR nicht« bis zu »das geht gar nicht, die Ausstellung ist viel zu normal«. »Normales Leben konnte auch in der DDR glücklich sein«, so Wolle, »aber es war ein Leben in der Diktatur.« Es werde von Jahr zu Jahr schwieriger, das zu vermitteln.

Birgit Neumann-Becker, Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (bis Ende 2016 Beauftragte für die Stasi-Unterlagen), verwies darauf, dass Opfer nicht nur rechtlich, sondern auch psychosozial beraten werden. »Wir merken dabei, dass das Unrecht aus DDR-Zeiten prägend bleibt«, so die Theologin. Zur Rolle der inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi (IM) sagte sie, dass diese mit dazu beigetragen hätten, dass Menschen strafrechtlich verfolgt wurden und es schwierig sei, aus solchen Verwicklungen einen Ausweg zu finden.

Deutliche Worte fand auch der Politikwissenschaftler Helmut Müller-Enbergs. »Die, die unter die Räder gekommen sind, erhalten weniger Aufmerksamkeit als die IM.« Auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts habe es über 23 700 IM gegeben. Der Bezirk Magdeburg verfügte über den drittgrößten »Durchdringungsgrad« mit IM in der DDR. Das Handeln von IM sei sehr unterschiedlich zu bewerten. »Man sollte sich eher mit denen befassen, die gezielt die Nähe bestimmter, vom MfS als Feinde deklarierter Menschen suchten, um ihnen zu schaden.« Von diesen IMB genannten Stasi-Mitarbeitern seien die wenigsten einem großen Publikum bekannt geworden, weil deren Unterlagen 1989 zuerst vernichtet wurden. Die Inhalte der Akten der IM seien deutlich niedriger zu veranschlagen als die der IMB.

Hildigund Neubert verwies da­rauf, dass das gesellschaftliche Klima heute zu einer Wiederbelebung des Leides der Opfer führe. Dazu trügen auch die Reha-Gesetze und die teilweise sehr langen Verfahren bei, in denen die Opfer beweisen müssten, dass ihnen Unrecht getan wurde. Sie würden es oft nicht oder nur sehr schwer verkraften, wieder vor Gericht zu müssen. »Es fehlt ein klares Urteil über die DDR«, so Neubert. »Das ist in der Gesellschaft noch immer nicht Konsens. Das belastet die Opfer noch immer. Und auch in der evangelischen Kirche ist nicht alles richtig gemacht worden.«

Johannes Rink sprach davon, dass viele Opfer sich auch heute noch nicht trauten, über ihr Leben in der DDR zu sprechen. Sie seien damals isoliert gewesen und seien es heute wieder. »Ich habe bis 1990 meiner Tochter nicht erzählen können, dass ich im Zuchthaus war«, sagte er. »Erst als ich rehabilitiert war, ging das.«

Angela Stoye

Bleibende Erinnerungen

4. März 2017 von redaktionguh  
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Es war ein scheinbar feierlicher Moment, als ich im dritten Schuljahr von meiner Klassenlehrerin nach vorne gebeten wurde, wo sie mich »ehrenhalber« in den Kreis der Jungen Pioniere aufnahm – ohne Rücksprache mit meinen Eltern! Mitschüler, die auf dem Heimweg zufällig meiner Mutter begegneten, erzählten ihr, dass ich »vor Freude geweint« habe – doch in Wirklichkeit waren es Tränen der Verzweiflung. Das ist eine von vielen Geschichten, die mir einfallen, wenn ich mich an mein Leben in der DDR und vor allem an Repressalien in der straff organisierten »Volksbildung« erinnere.

Oft waren es nur zwei oder drei Schüler, die sich in einer Schulklasse zu ihrem evangelischen oder katholischen Glauben bekannten. Bei mir war es nicht nur der Beruf des Vaters (Pfarrer), sondern auch der adlige Name, der Misstrauen und Hänseleien auslöste. Meine Entscheidung, nicht an der Jugendweihe teilzunehmen, verschärfte die Situation. Die Zulassung zum Abitur erfolgte erst im zweiten Anlauf und nach einer Eingabe bei Margot Honecker. Der ersehnte Studienplatz in Musikwissenschaft wurde mir verwehrt. Förderung und Schutz fand ich in der Thüringer Kirchenmusikschule in Eisenach.

Von hier aus beteiligte ich mich 1976 an einem internationalen Kompositionswettbewerb in der Schweiz und wurde mit einem vierteljährlichen Studienaufenthalt in Boswil ausgezeichnet. Nach monatelangen Disputen mit dem Staatssekretariat für Kirchenfragen durfte ich reisen. In der Schweiz angekommen, tauschte ich im westdeutschen Konsulat in Genf meinen DDR-Pass gegen einen der BRD ein. Auf einmal stand mir die Welt offen, was ich bei Exkursionen nach Köln, Brüssel und Paris kräftig nutzte, um dann reich an Eindrücken heimzukehren.

Michael von Hintzenstern

Zu früh für einen Schlussstrich

3. März 2017 von redaktionguh  
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Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR: Endlich Schlussstrich, fordern die einen, endlich intensive Beschäftigung mit diesem Kapitel die anderen.

Bis Ende der 1980er-Jahre hatte es mehrere Phasen im Umgang der SED-Führung mit den Kirchen gegeben; harter Kirchenkampf in den 1950er-Jahren und später zeitweise Annäherung und relative Ruhe. Dennoch waren die Christen bis zuletzt die größte Gruppe Verfolgter in der DDR. Ein Umstand, der bis heute nachwirkt.

Wie konnte es passieren, dass zu Beginn der DDR 95 Prozent der Menschen einer der beiden Kirchen angehörten und es 1989 kaum mehr 30 Prozent waren? Diese Frage erforscht unter anderen Christopher Spehr, Kirchenhistoriker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er fordert, ein universitäres Zentrum zur kirchlichen Zeitgeschichte einzurichten. Nachdem es Kritik am ersten Bericht der Thüringer Landesregierung gegeben hatte und diese Versäumnisse in der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR einräumen musste, geht die Aufarbeitung nun in eine neue Phase. »Es tut sich vieles«, meint der Kirchenhistoriker. Und das nicht nur im Leserforum der Kirchenzeitung.

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Auch die Landesregierung will den Ankündigungen Taten folgen lassen. Ihr zweiter Bericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen hat gerade das Kabinett passiert. Offenbar soll die Rolle der Kirchen und Christen erstmals Erwähnung finden. Ein Signal, dass die Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR keineswegs am Ende ist, sondern eher noch an ihrem Anfang steht. Das beurteilt auch Spehr so. Für ihn kann es, mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, keinen Schlussstrich geben. Ganz im Gegenteil: »Die Generation der Zeitzeugen wird älter und eine neue Generation fragt kritisch nach: Wie war das damals?« Der Abstand zum Geschehen sei eine Chance, dieses Kapitel der DDR-Geschichte objektiv und interdisziplinär aufzuarbeiten, vor allem, da es emotional bisher hoch aufgeladen war.

Die EKM widmet sich ebenfalls der Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte. »25 Jahre nach der friedlichen Revolution hat sich der Landeskirchenrat 2014 mit der Frage nach der Rolle der Christen in der DDR beschäftigt«, erklärt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann. Daraus sei der »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« entstanden. Bestehend aus Mitgliedern der Kirche, Theologen, Historikern und Juristen, ermittelt er Themen, spricht mit Institutionen und bündelt Ergebnisse.

»Drei Themengebiete haben wir vor Augen. Da sind zum einen die Menschen, die als Mitarbeiter der Vorgängerkirchen der EKM in der DDR-Zeit als Christen verfolgt wurden. Wir wollen sie zu Wort kommen lassen und schauen, wie sich die Landeskirchen zu diesen Menschen verhalten haben. Wo sind Fälle auszumachen, wo Kirchenleitungen ihrer Schutzfunktion nicht entsprochen haben?«, so Fuhrmann.

Zum anderen will man der Frage nachgehen, wie theologisch und kirchenrechtlich mit Pfarrerinnen und Pfarrern umgegangen wurde, die nach ihrer Ausreise ihre Ordinationsrechte verloren hatten. Auch die Gruppe der »verfolgten Schüler« nimmt der Beirat in den Blick. Entscheidend sei, so Fuhrmann, der selbstkritische Blick der Institution Kirche. Dass Landesregierung und Kirchen Ende 2016 eine Arbeitsgruppe gebildet haben und gemeinsam an diesem Themenkomplex arbeiten wollen, begrüßt er, macht aber klar, dass dies unabhängig vom »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« geschieht, der sei ausschließlich in der Kirche beheimatet.

Das Thema sollte aber nicht nur innerhalb der Kirchen diskutiert werden. Denn die Christenfeindlichkeit der DDR beschäftige auch Menschen, die keiner Konfession angehörten, meint Christian Dietrich, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung des SED-Unrechts. Er sieht die Religionsfreiheit als Herausforderung für die Verantwortlichen in der Politik. »Ein Weg dazu ist die Aufklärung und Verurteilung der Verletzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der SED-Diktatur.«

Ein anderer Aspekt sei die individuelle Rehabilitierung der Opfer. Hier gebe es eine evidente Gerechtigkeitslücke. Die Kirchen stünden vor einer ganz eigenen Herausforderung. Und, so Dietrich weiter: »Sie sollten den Menschen, die Gottvertrauen über Menschenfurcht gestellt haben und dabei oft auch in Konflikt mit ihrer Kirche kamen, wenigstens Anerkennung zollen.«

Diana Steinbauer

Es bleibt ein Experiment

12. Februar 2017 von redaktionguh  
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Gibt es in Deutschland genug engagierte Protestanten, um neben dem Berliner Kirchentag auch die sechs mitteldeutschen Kirchentage auf dem Weg zu einem Erfolg werden zu lassen? Mit den Posaunenchören in Leipzig, den Friedensthemen in Magdeburg oder den Umweltthemen in Dessau könnte das klappen.

Freilich – der Begriff »Erfolg« ist wie bei vielen anderen Themen auch an dieser Stelle relativ. Wer die Kirchentage auf dem Weg mit den Kirchentagen der DDR vergleicht, wird ebenso scheitern müssen wie bei einem Vergleich mit dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag. Die Kirchentage auf dem Weg werden anders sein. Sie werden eine neue Veranstaltungsform sein, die es so im deutschen Protestantismus noch nicht gab.

Es werden Treffen sein für Engagierte, für Spezialisten, die sich abseits des großen Trubels in Berlin einem bestimmten Thema widmen wollen. Für Menschen, die vor dem großen Festgottesdienst in Wittenberg nicht die Menschenmassen der Großstadt, sondern die historischen Wirkungsstätten Luthers besuchen wollen. Für Christen aus Mitteldeutschland, die einen Kirchentag vor der Haustüre erleben.

Aber lohnt sich für so etwas der große Aufwand, wenn doch nur 5 000 Menschen nach Halle oder Dessau kommen werden? Auch das hängt davon ab, wo man den Maßstab setzt.

Wenn die 5 000 hinterher sagen, dass sie eine schöne Zeit in Halle und Eisleben hatten, und sich an diese Reise im Jahr 2017 ganz besonders gern zurückerinnern, wäre das jedenfalls ein besseres Ergebnis, als wenn 20 000 kommen, die am Ende typisch protestantisch, also grummeld unzufrieden sind. Und ansonsten dürfte es so sein wie bei allen Experimenten: Mehr wird man erst an deren Ende wissen.

Benjamin Lassiwe

Ein kleines Licht überstrahlt die Mächtigen

4. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60,2

Geht es nicht auch ein bisschen niedriger? Oben das Licht, fern in Himmelshöhen, und hier unten das Chaos, das uns in den letzten Jahren mehr und mehr umtreibt? Wo ist das Licht unter uns, die Herrlichkeit Gottes erlebbar auf Erden?

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Über uns sind schon so viele Sonnen aufgegangen – sie haben immer mehr versprochen, als sie gehalten haben: der Strahlenkranz der FDJ zu DDR-Zeiten, Hammer und Sichel auf der Sowjetflagge im Licht der aufgehenden Sonne, die Sonnen-Rune des Dritten Reiches und der Neonazis; selbst im letzten Actionfilm Hollywoods triumphiert der einsame Held noch im Licht eines neuen Morgens. Und doch scheint es immer dunkler zu werden, treiben uns die politischen Ereignisse immer mehr um, hat sich der ersehnte Frieden nach dem Ende der Weltenteilung, nach dem Ende des Eisernen Vorhangs niemals eingestellt.

Hat auch der dritte Jesaja, der Heilsprophet, am Ende so eine Siegergeste verkündet? Er hat das Ende des großen babylonischen Exils erlebt, den Wiederaufbau Jerusalems und die Tempelweihe – große Hoffnungen, eine leuchtende Zukunft. Aber den Mühen der Berge folgten die Mühen der Ebenen, den politischen Höhenflügen immer die Ernüchterung!

Die Epiphaniaszeit mit ihrer Lichtthematik geht jetzt zu Ende. Noch drei Wochen Übergang, dann beginnt die Passionszeit, die Zeit des Gottes, der nicht als Siegergestalt gekommen ist. Vom Kind in der Krippe, verfolgt von den Mächtigen, über den einfachen Handwerker in Nazareth bis zum Märtyrer am Kreuz zeigt er uns ein anderes Gottesbild: ein Gottesbild, das Donald Trump ebenso wenig gefallen kann wie Wladimir Putin oder den Deutschen, die ihren Wohlstand abschotten wollen und nach einem starken Staat rufen.

Das Licht ist anders über uns aufgegangen, als viele es erhofft haben. Und es gibt nur eine Möglichkeit, die Herrlichkeit aus der Höhe auf das Dunkel Erde zu holen: indem wir Spiegel sind und das Licht einfangen, das Licht des anderen Gottes, in unzähligen kleinen Lichtern der Welt.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

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