Spielball der Mächtigen

19. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988 ist für Stephan Krawczyk ein denkwürdiges Jahr. Im Januar wurde der Liedermacher verhaftet, im Febuar in die Bundesrepublik abgeschoben.

Heute, mit der zeitlichen Distanz von 30 Jahren, ordnet er das Unrecht und Leid, das ihm in der DDR widerfahren ist, als eine Bereicherung ein. Es seien Erlebnisse, Erfahrungen, sagt er, über die er immer wieder aufgefordert werde zu berichten. Der Liedermacher Stephan Krawczyk, 1955 in Weida (Kirchenkreis Gera) geboren, war in der DDR ein erfolgreicher, beliebter Künstler. Nachdem er 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb gewonnen hatte, stieg er in eine Künstlerriege auf, die viele Vorteile genoss. Der Künstler nutzte seine privilegierte Position, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen.

Wegen seiner kritischen Texte wurde ihm die Zulassung als Berufsmusiker entzogen. Seine Heimat, die DDR, wo er sein Publikum hatte, wollte er jedoch nicht verlassen. Auftreten konnte der Künstler nur noch in Kirchen. Mit seinen Liedern wurde er Ende der 1980er-Jahre zu einer prominenten Persönlichkeit der DDR-Opposition.

1988 ist für ihn ein denkwürdiges Jahr. Am 17. Januar wurde er verhaftet, am 2. Februar in die Bundesrepublik abgeschoben.

»Vom DDR-Knast auf die Titelseite des Spiegels«, kommentiert er seine unfreiwillige Ankunft in der Bundesrepublik. Es sei für ihn persönlich und künstlerisch nicht leicht gewesen, sich zurechtzufinden. Gestört habe ihn, dass dem Geld eine so große Bedeutung beigemessen wurde, während in der DDR die Frage nach einem sinnerfüllten Leben wichtiger gewesen sei.

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Die Rolle der Kirche in der DDR sieht der Künstler heute kritisch. Als Symbolfigur des Widerstands gegen die Diktatur sei er damals als Spielball benutzt worden. »Es muss geklärt werden, was damals gewesen ist, welche Absprachen es zwischen Staat und Kirche gegeben hat.« Denn solange die Geschehnisse aus der Vergangenheit »nicht aufgeklärt werden«, kämen sie aller fünf oder zehn Jahre, jedes Mal, wenn ein Jubiläum ansteht, wieder hoch. Er ist mit der Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit sehr unzufrieden.

Das Verhältnis der Kirche zum Staat in der DDR sei bis heute nicht geklärt worden. Es habe Ungereimtheiten gegeben, die aus seiner Sicht nach der Wende zu schnell bereinigt worden seien. Wie er sagt, gibt es noch vieles, über das bislang nicht gesprochen wurde. »Das ist eine Botschaft an die Oberen.« Krawczyk war froh und dankbar, dass er trotz seines Berufsverbots in Kirchen auftreten durfte und hier ein Forum und dankbares Publikum fand. »Kirche ist für mich ein Ort, an dem über die wesentlichen Dinge im Leben der Menschen gesprochen werden sollte. »Aber es wird heute immer so dargestellt, als hätten uns alle mit offenen Armen empfangen.« Es seien nur wenige gewesen, die ihm die Kirchentüren öffneten. »Die Kirche wird so hingestellt, als hätte sie auf der Seite der Revolution gestanden. Davon war bei vielen nichts zu spüren, die waren angepasst wie alle anderen.«

Krawczyk hat es geschafft, sich nach der Wende als Liedermacher und Schriftsteller zu etablieren. Von ihm sind etliche Bücher und CDs auf dem Markt. Nach wie vor begleitet er die gesellschaftliche Situation kritisch und ärgert sich über manche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung, die sich negativ auf die Sprache auswirke.

Im März erscheint von ihm eine neue CD. Einen Gedichtband hat er soeben abgeschlossen, für den er noch einen Verlag sucht. Außerdem liegen einige Manuskripte in der Schublade und warten auf ihre Veröffentlichung.

Sabine Kuschel

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Ein Ort zum Kraft tanken

9. Januar 2018 von redaktionguh  
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»Polizeigemeinde«: In der Kirche von Dessau-Großkühnau hat sie einen Raum gefunden

Der mediale Hype im März 2014 war groß, als im Dessauer Ortsteil Großkühnau die bundesweit erste und bisher einzige Polizeikirche eingeweiht wurde. Längst ist diese Aufmerksamkeit verflogen und der Alltag eingekehrt. Michael Bertling, der Polizeipfarrer der Landeskirche Anhalts, kann hier in Ruhe seinen Dienst verrichten. Obwohl er im Berufsalltag eher selten in Großkühnau anzutreffen ist. In der Zentrale der Polizeidirektion Ost in Dessau hat der Pfarrer ein Dienstzimmer. Den allergrößten Teil seines Dienstes verbringt er aber draußen. Die Polizeidienststellen in der Doppelstadt Dessau-Roßlau sowie in den angrenzenden Landkreisen Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg besucht Michael Bertling regelmäßig. So hält er am besten Kontakt zu den Polizeibediensteten. Er führt Gespräche, hat ein Ohr für die Sorgen und Nöte der Männer und Frauen in Uniform und kommt bei Bedarf auch zu den Beamten nach Hause.

In die Kirche nach Großkühnau kommen in Relation dann doch eher wenige. Michael Bertling spricht zwar von seiner »großen Gemeinde«, wenn er über die spricht, für die er da ist. Doch nur wenige in seiner »Polizeigemeinde« haben direkten Zugang zu Glauben und Religion. »Nur rund sechs Prozent der Polizeibediensteten in der Region Anhalt sind konfessionell gebunden«, erzählt der Pfarrer. In der Gesamtbevölkerung sind es immerhin rund 17 Prozent. Die Kirchenferne von Polizisten ist eine Erblast aus der Zeit vor 1990. Wer in der DDR eine Laufbahn bei der Polizei einschlagen wollte, der musste sich von Kirche fernhalten. »Ein bisschen waren wir Pfarrer für die Ordnungshüter auch immer die Vertreter einer fremden Macht«, erzählt Michael Bertling.

Bundesweit einzige Polizeikirche: Polizeipfarrer Michael Bertling an einem seiner Arbeitsplätze, der knapp 190 Jahre alten, neoromanischen Kirche in Dessau-Großkühnau. Foto: Lutz Sebastian

Bundesweit einzige Polizeikirche: Polizeipfarrer Michael Bertling an einem seiner Arbeitsplätze, der knapp 190 Jahre alten, neoromanischen Kirche in Dessau-Großkühnau. Foto: Lutz Sebastian

Wie schafft es da jemand wie er, in Polizeikreisen Respekt und Anerkennung zu finden? Die Antwort liegt in der Biografie des 56-Jährigen. In Halle geboren, an der Ostsee aufgewachsen, zieht es ihn zunächst zur DDR-Marine. Doch irgendwann wollte er nicht mehr kaserniert sein und entschloss sich, etwas völlig anderes zu machen. In einem Elternaus aufgewachsen, das der Institution Kirche durchaus wohlgesonnen, dort aber nicht aktiv war, fand er nach der Zeit bei der Marine das, was er suchte: Dienst am Menschen und Freiheit im Denken. Ein Theologiestudium folgte. 1992 dann die Ordination zum Pfarrer mit der Übernahme der Kirchengemeinde Osternienburg bei Köthen. Als Dorfpfarrer wollte sich Michael Bertling in die Dorfgemeinschaft mit noch mehr als seinem Glauben einbringen und wurde aktiver Kamerad bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Die Zeit bei der Marine und die Erfahrung bei der Feuerwehr verleihen ihm bei der Polizei so etwas wie Stallgeruch. Die Beamten wissen, dass ihnen keiner gegenübersitzt, der aus einem Elfenbeinturm heraus denkt, sondern einer, der aus eigener Erfahrung weiß, wie mit seelisch belastenden Situationen umzugehen ist.

2006 bekommt Michael Bertling eine halbe Stelle als Polizeipfarrer. Seit 2012 arbeitet er Vollzeit in dieser Funktion. Der Polizeiseelsorgebeirat, dem Vertreter der anhaltischen Landeskirche und der Polizeidirektion Ost angehören, forcierte das Projekt Polizeikirche. Mit ihm als Polizeipfarrer ist die Schwellenangst für viele Polizeibedienstete gering, die Kirche zu betreten. »Es soll ein Schutzraum sein, wo jenseits aller Hierarchien Kraft getankt und Gedanken geordnet werden können«, beschreibt Michael Bertling die wichtigste Funktion der Kirche.

Auch Familientage für Polizeibedienstete und ihre Angehörigen, Segnungen zu Ehejubiläen von Polizisten und Trauerfeiern für im Dienst verstorbene Polizeibedienstete finden hier statt. Zudem gibt es regelmäßig Schulungen zur polizeilichen Berufsethik in der Kirche und im benachbarten Pfarrhaus.

Der Begriff Polizeikirche füllt sich immer mehr mit Leben. Auch über Anhalt hinaus wird das Projekt wahrgenommen. Andere Polizeidirektionen und die Bundespolizei informierten sich schon vor Ort über das Konzept. Wenngleich eine Polizeikirche nicht bedeutet, dass dort die Polizei dominiert. Das altehrwürdige Gemäuer in Großkühnau ist zugleich Gemeinde- und Radfahrerkirche.

Danny Gitter

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Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

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Ihr gedachtet es böse zu machen

25. September 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Elly Lange gerät in der DDR als Schuldirektorin in Konflikt mit der SED-Ideologie. Ihr beruflicher Weg bricht abrupt ab. Die Folgen begleiten die 92-Jährige bis heute.

Wenn Elly Lange (Jahrgang 1925) auf ihr Leben zurückblickt und sich dabei an das erlittene Unrecht in der DDR erinnert, greift sie immer wieder auf ihre schriftlichen Ausführungen zurück. Sie helfen ihr, Gedächtnislücken zu schließen. In der Vergangenheit hat sie im Schreiben ein Ventil gefunden. Dramatische Situationen, einschneidende Ereignisse hat sie schriftlich festgehalten und sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben, die Erschütterungen abgefangen.

Der berufliche Weg der 92-Jährigen ist in der DDR abrupt abgebrochen. Die Folgen begleiten sie bis heute. Elly Langes berufliche Laufbahn beginnt mit der Lehrerausbildung von 1942–1944. »Die ganze Klasse wurde – wir waren 18 Jahre alt – in die NSDAP überführt.« Als sie nach dem Kriegsende in den Schuldienst eintreten will, wird ihr nahegelegt, dass dies nur möglich sei, wenn sie einer antifaschistischen Partei beitritt. Sie wird Mitglied der SED, überzeugt von deren Idealen. »Ich glaubte an einen humanistischen Sozialismus.« Mit dieser Einstellung steht ihr in der DDR eine berufliche Karriere an der Schule offen. 1952 bekommt sie einen Vertrag als Schuldirektorin – und schon gerät sie in den ersten schweren Konflikt. Bei einer Festveranstaltung soll sie auf der Bühne verlesen, »dass wir auch mit der Waffe unseren Aufbau in der DDR verteidigen würden«. Das will sie nicht, sie gibt die Schulleitung ab, arbeitet als Lehrerin.

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Der nächste Konflikt folgt einige Jahre später. 1958 wird sie kommissarisch zur Parteisekretärin ernannt. Es ist die Zeit, in der die DDR-Regierung mit der Einführung der Jugendweihe einen harten Kampf gegen die Kirche führt. Eine Kollegin – Genossin – soll fristlos entlassen werden, weil sie sich auf die Seite der christlichen Schüler gestellt hatte. Elly Lange soll als Parteisekretärin diesen Vorgang leiten. »Die Stunde meiner Entscheidung.« Sie solidarisiert sich als Christin mit ihrer Kollegin und verkündet: »Ich erkenne, dass ich nicht in die Partei gehöre.« Die Mitgliedschaft ist damit noch nicht beendet, aber: »Das war ein Durchbruch zu innerer Freiheit, den ich als Hochgefühl erlebte. Ich konnte nach Depressionen und schlaflosen Nächten wunderbar schlafen, erkannte aber, dass ich keinen Boden mehr hatte in dem, was mich bislang trug.«

Sie kündigt und will der Familie Priorität geben. Eine ganz private Entscheidung, forciert durch persönliche Schicksalsschläge: Zwei Fehlgeburten, eines der Kinder lebte einige Stunden und starb. Sie will Abstand gewinnen und sie wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Mann adoptieren einen kleinen Jungen, anderthalb Jahre alt. Als dieser fünf Jahre alt ist, reicht ihr Mann die Scheidung ein. Sie kehrt zurück in den Schuldienst.

Ihr Sohn kommt in die Schule, wo sich zeigt, dass er trotz normaler Intelligenz Schwierigkeiten hat. Sie will eine gute Mutter sein, fühlt sich aber alleinerziehend überfordert, sucht nach einem Ausweg. »Menschenskind«, denkt sie eines Abends, »es muss doch nicht der Lehrerberuf sein!« Sie entdeckt ein Inserat, das ihr wie ein Lichtblitz erscheint, und folgt ihm: Sie erlernt die Fußpflege. Sie scheidet aus dem Schuldienst und löst ihre Mitgliedschaft zur SED wegen ihres christlichen Glaubens – eine folgenschwere Entscheidung. Eigentlich wollte sie nach der Ausbildung teilweise als Fußpflegerin arbeiten und daneben Vertretungsdienste in der Schule übernehmen. Doch die Tür zur Schule ist verschlossen. Auf dem Schulamt wird ihr ein Papier gezeigt, in dem zu lesen ist, dass sie wegen ihrer »psychopathischen Konstitution« im gesamten Bereich der Volksbildung von einer Anstellung ausgeschlossen sei.

Sie beginnt in einem Kinderheim als Küchenhilfe. »Es war gut für mich, vom Obergeschoss runterzukommen«, schätzt sie heute selbstkritisch ein. Ehemalige Lehrerkollegen fragen: Wo bist du hingeraten? Von der Schuldirektorin zur Küchenhilfe! Eine Kollegin empfiehlt sie als Fürsorgerin im Gesundheitswesen. Bei einer Vorstellung sagt man ihr, sie müsse zuvor einen mittleren medizinischen Beruf erlernen. Die Frage, ob sie auch zu alten Menschen gehen würde, bejaht sie. So landet sie in einem Pflegeheim mit katastrophalen Zuständen. »Der 1. August 1968 ist für mich ein Schicksalstag. Er führte in ein anderes Leben«, hält sie in ihren Aufzeichnungen fest.

Die Schuldirektorin, hochqualifiziert, der nach dem Parteiaustritt und ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben eine psychopathische Konstitution angehängt wird, verschlägt es in ein abbruchreifes Pflegeheim mit schockierenden Missständen!

»Die größte Herausforderung meines Lebens!« Sie stellt sich ihr. Packt kräftig zu, stemmt sich gegen den Schlendrian, will die Not der hilfsbedürftigen alten Menschen lindern. Sie eckt an. Doch sie verbucht auch Erfolge. Nach einer Eingabe an den Staatsrat der DDR, in der sie menschenwürdige Bedingungen für Heimbewohner und Personal einklagt, wird das Pflegeheim abgerissen. Sie kommt auf eine andere Station, wo sie unter besseren Bedingungen arbeiten kann. Ein Ende des Unrechts, der Demütigungen und der Schikanen? Dazu ist ein Obergutachten nötig, welches die psychopathische Konstitution als nichtig erklären und ihr damit die Fähigkeit für den Schuldienst bescheinigen soll.

Sie bekommt dieses Obergutachten, das ihr die Tür zur Schule wieder öffnen soll. Sie tut es bedingt. Ihr wird eine Anstellung als Erzieherin für stationär betreute Kinder in der Nervenklinik mit einem Gehalt von 1 000 DDR-Mark angeboten. Ihr bisheriger Verdienst auf der Pflegestation beträgt 250 Mark. Dennoch: Sie lehnt ab.

Hier in etwa endet die böse Phase ihrer Verfolgung in der DDR. Nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz wird ihr die Zeit vom 1. März 1968 bis 31. Dezember 1970 als Verfolgungszeit angerechnet.

Die DDR ist indes noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Elly Lange bezeichnet ihre Entscheidung, weiterhin sozial tätig zu bleiben, als eine Sternstunde ihres Lebens. Sie glaubt, ihre Berufung erkannt und Gottes Wille befolgt zu haben. Und nach dem erlittenen Unrecht kann sie sagen: Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Nichtsdestotrotz bekommt sie mit dieser gebrochenen Berufsbiografie nur eine geringe Rente. Wäre sie Lehrerin oder Schuldirektorin geblieben, würde diese vermutlich höher ausfallen.

2011 soll die Miete um zehn Euro erhöht werden. Bei einer Rente in Höhe von 661 Euro ist das für sie viel Geld. Doch es geschieht etwas Überraschendes. Ein Pfarrer im Westen – er hatte den 2010 im MDR gezeigten Film »Der Mut der Anständigen« gesehen, in dem auch Elly Lange auftrat, meldet sich. Der Theologe ist von dem Schicksal dieser resoluten Frau so berührt, dass er ihr helfen will. Monatlich bekommt sie eine finanzielle Unterstützung von ihm – über seinen Tod hinaus. »Das große Wunder meines Lebens.«

Sabine Kuschel

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Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

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Der singende Küster

10. September 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Thomas Nürnberg hält die Petruskapelle offen und regelmäßig Andachten

Der dänische Dichter Hans Christian Andersen war ebenso in Alexisbad wie Carl Maria von Weber oder Bach«, weiß Thomas Nürnberg, der fast täglich vom Heimatort Harzgerode in dessen Ortsteil fährt.

Den 48-Jährigen verbindet viel mit der Kapelle, die erst seit 2008 nach Petrus benannt ist. »Dessen Bild hängt heute über dem Altar«, erzählt Nürnberg. Das hatte Luise, die Tochter der Herzogin von Anhalt-Bernburg, Friederike von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, in Ballenstedt als Hochzeitsgeschenk erhalten. Sie war es auch, die im 1815 errichteten Teepavillon Gottesdienste ermöglichte. »Erst 1933 kaufte die Ortskirche Harzgerode den Pavillon«, sagt Thomas Nürnberg. Er kennt auch die traurige Geschichte der Kapelle in den vergangenen Jahrzehnten. Der Kurort, in dem Karl Friedrich Schinkel seine architektonischen Spuren hinterließ, begrüßte zur DDR-Zeiten besonders viele Urlauber von Staatssicherheit, Polizei und SED. »Keine typischen Gottesdienstbesucher«, meint Nürnberg lakonisch. So verfiel die kleine Kapelle, der Schwamm hatte Einzug gehalten, das Petrusbild befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Nach der Wende wurde alles aus Fördermitteln und Spenden saniert.

Offene Kirche: Thomas Nürnberg hält freitags in der Petruskapelle in Alexisbad musikalische Andachten. Foto: Uwe Kraus

Offene Kirche: Thomas Nürnberg hält freitags in der Petruskapelle in Alexisbad musikalische Andachten. Foto: Uwe Kraus

Da erfüllte Thomas Nürnberg bereits seine Aufgabe als ehrenamtlicher Küster. »Weil ich mit den Harzgeröder Pfarrerskindern befreundet war, hatte ich schon vorher in St. Marien mitgeholfen.« Er erinnert sich an den ruinösen Zustand dort, der mit Unterstützung der Partnergemeinde Hohenhausen aus Detmold-Lippe beseitigt wurde.

Und er erinnert sich daran, dass er mit acht Jahren begann, bei den Gottesdiensten die Liturgien zu singen. Der kleine Junge war Autodidakt, seine Tante holte ihn in die Volkstanzgruppe. »Später erhielt ich an der Musikschule Quedlinburg Gesangsunterricht und machte meinen Abschluss dort.« Er gewann einen Wettbewerb, hatte Glück und erhielt seine Vorimmatrikulation an der Musikhochschule Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Doch davor hatte der Staat den Armeedienst gesetzt. Der fiel in die Wendezeit, die für ihn alles veränderte. Statt zum Studium ging er zurück in den Harz, arbeitete auf dem Friedhof, organisierte in Ballenstedt Konzerte und nimmt bis heute Gesangsunterricht.

In der als Teehäuschen für Herzog Alexius und Herzogin Marie Friederike von Anhalt-Bernburg errichteten Petruskapelle singt er nun jeden Donnerstag und hält freitags eine musikalische Andacht. Schließlich ist er ehrenamtlicher Lektor in der Landeskirche Anhalts. Die Touristen in den umliegenden Hotels werden dazu mit Handzetteln und Aufstellern eingeladen. Wenn Bariton Nürnberg die kleine Kapelle mit seiner Stimme erfüllt, dann erklingt ganz besondere Musik: Sie erinnert an die Geschichte Anhalts und des exponierten Ortes.

Carl Christian Agthes Musik erklingt, Werke von Mendelssohn Bartholdy und von Albrecht Lortzing, dessen »Undine« in Anhalt uraufgeführt wurde, werden ebenso gesungen wie das »Opferlied« oder »Adelaide«, die Ludwig van Beethoven nach Gedichten des anhaltischen Dichters Friedrich von Matthisson komponierte. Anhalt habe musikhistorisch einiges vorzuweisen, so Thomas Nürnberg, der den Besuchern die tiefe Verbundenheit der Komponisten mit der Region vermitteln möchte.

Er weiß, all das geht weit über das Gemäuer der Petruskapelle und die Ortsgrenzen von Alexisbad hinaus und gehört zur Historie Anhalts. Doch der ehemalige Teepavillon bietet seit 17 Jahren auch Platz für die evangelische Osternacht ebenso wie für die drei Gottesdienste zu Weihnachten und für die Lichterfeste. Thomas Nürnberg ist immer dabei und fühlt sich darum der Petruskapelle auch nach über einem Vierteljahrhundert eng verbunden.

Uwe Kraus

Eine sichere Bank

6. August 2017 von redaktionguh  
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Mikrokredite: Siglinde Enzmann hilft seit 26 Jahren über Oikocredit anderen Menschen

Mit der Wiedervereinigung 1990 schien alles möglich. Für das Geld, was in der DDR mangels Angeboten nicht ausgegeben werden konnte, gab es fast unbegrenzte Konsummöglichkeiten. Für Glücksritter waren auch schnelle Gewinne an den Börsen oder durch andere Investitionen möglich. Zur Sicherheit gab es noch das alte gute Sparbuch. Das alles interessierte Siglinde Enzmann nur wenig. Die Dessauerin ging damit nicht einkaufen, legte es nicht aufs Sparbuch und investierte auch nicht in Unternehmen. »Ich investierte lieber in Menschen«, sagt die ehemalige Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts.

Ihr Geld kam und kommt Näherinnen in Indien, Kaffeebauern in Guatemala oder Alpaka- und Vikunjawolle-Produzenten im Hochland von Peru zugute. Siglinde Enzmann ist Mitglied bei Oikocredit, einer ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft, die weltweit Mikrokredite vergibt. Geistiger Vater dieses Finanzinstruments ist der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesh. Ende der 1970er-Jahre gründete er die Grameen Bank. Seine Idee war es, Menschen, die wegen zu geringen Kapitalbedarfs und/oder durch fehlende Sicherheiten für klassische Banken als Kreditnehmer nicht infrage kommen, trotzdem einen Kredit zu fairen Bedingungen zu gewähren und ihnen so den Aufbau einer wirtschaftlich gesicherten Existenz zu ermöglichen.

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Manchmal sind es umgerechnet nur einige hundert Euro, zum Beispiel für den Kauf einer Nähmaschine und etwas Stoff dazu. Diese ermöglichen es, besondere Kleidungsstücke herzustellen und zu verkaufen. Von dem Erlös wird die Anfangsinvestition beglichen, und es wird in neue Stoffe investiert, um mehr zu verkaufen. Damit haben Menschen die Chance, bitterster Armut und Ausbeutung zu entkommen sowie die eigene oder sogar die Existenz der ganzen Familie zu sichern. Zahlreiche solcher Beispiele gibt es Dank Mikrokrediten etwa in Indien und Bangladesch.

Für seine Idee, auf diese Weise Armut zu bekämpfen und den Frieden in schwach entwickelten Regionen zu sichern, bekam Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis. Entwicklungsgenossenschaften wie Oikocredit nahmen und nehmen den Gedanken der Mikrokredite auf und unterstützen damit weltweit dieses Finanzinstrument. 1975 hat sich die Organisation in den Niederlanden gegründet – und mittlerweile weltweit über 35 Länderbüros mit 160 hauptamtlichen Mitarbeitern, über 340 Millionen Euro an vergebenen Krediten und über 30 000 Genossenschaftsmitglieder.

Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Sie investierte einst 3 000 D-Mark. Inzwischen hat sie ihre Anteile auf 5 000 Euro aufgestockt. Durch ihre Arbeit als Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts, die sie bis zu ihrem Ruhestand 1995 ausübte, habe sie »schon immer über den Tellerrand geschaut«, sagt Siglinde Enzmann. Da war es für die heute 82-Jährige nur folgerichtig, sich bei Projekten wie Oikocredit zu engagieren.

Für sie und die anderen Mitglieder ist das in mehrerer Hinsicht eine sichere Bank. Das Ausfallrisiko der Kredite ist sehr gering. Jedes Jahr gibt es eine Zinsgutschrift von zwei Prozent. Auf jährlichen Mitgliederversammlungen wird Rechenschaft abgelegt. Da geht sie immer mit einem guten Gefühl heraus, wenn sie hört, wie einfach und effektiv es sein kann, Menschen zu helfen. »Damit alleine können wir sicherlich nicht die Welt retten. Aber wir sind oft schon einen Schritt weiter als die Politik«, stellt Siglinde Enzmann zufrieden fest.

Danny Gitter

Einfach vom Glauben sprechen

14. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Sprachfähig: Wer sich in der DDR als Christ zu erkennen gab, musste damit rechnen, verspottet, schlimmstenfalls diskriminiert zu werden. Obwohl das hier und heute niemand mehr befürchten muss, fällt es vielen Christen schwer, über ihren Glauben zu reden.

Warum Christen so oft stumm in Glaubensdingen sind, hat viele Ursachen: vermutetes Desinteresse, der Wille, unbedingt Mission vermeiden zu wollen und last, but not least, Gott in Worte zu fassen ist nicht leicht. Wie soll ich in einer säkularen Umgebung einem Menschen, der selbstverständlich von der Nichtexistenz Gottes ausgeht, klarmachen, dass ich einen Draht zum Himmel habe?

»Es fällt uns schwer, über den Glauben zu reden«, unterstreicht Propst Christian Stawenow, Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt. Christen glauben an das ewige Leben – dass Christus auferstanden ist von den Toten. Aber »man redet nicht mehr darüber, dass dieses schöne Leben, wenn man es denn schön getroffen hat, irgendwann einmal zu Ende geht«, so der Theologe. Darüber müsse die Kirche mehr reden, schlussfolgernd ebenso darüber, wie die Menschen zur Auferstehung der Toten kommen. Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen Tod, Gericht, Himmel und Hölle, ist in der Theologie heute kaum Thema. Selbst Pfarrerinnen und Pfarrern, den Profis in Sachen Glauben, fällt es nicht leicht, über diese Fragen zu sprechen.

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Was trägt das Studium an der Universität zur Sprachfähigkeit des Theologennachwuchses bei? »Der akademische Diskurs hat alle Chancen, sprachfähig zu machen. Er trägt dazu bei, dass ich den Glauben verständlich machen kann«, erklärt Manuel Vogel, Dekan der theologischen Fakultät an der Universität Jena. Doch so hoch der Professor für Neues Testament den Stellenwert theologisch-wissenschaftlicher Arbeit ansetzt, weiß er auch um die Gefahr, sprachlich zu verarmen. Neben der Bibel sieht er deshalb in der Literatur eine große Fundgrube für Bilder, Geschichten, für Sprache. Sie sei ein Raum großartiger Sprache, in dem sich Theologen bedienen könnten. Wie Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Predigten die Menschen erreichen, berühren können, »daran arbeiten wir«, sagt Kathrin Oxen, Leiterin des Wittenberger Zen­trums für Predigtkultur. Gefragt seien nicht die großen Worte und Gedanken, sondern es sei wichtig, über Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Über die eigene Glaubensgewissheit, aber nicht nur das. »Wir müssen uns trauen, mehr zu sagen, als wir glauben.« Wie ist das möglich? Wir sind nicht allein. Die Bibeltexte helfen uns mit ihren Bildern, Geschichten, Verheißungen.

»Ich weiß nicht, wie Schwerter zu Pflugscharen werden«, sagt Oxen. Aber sie lese beim Propheten Micha, dass dies geschehen kann. So spreche die Bibel von einer Hoffnung, die noch nicht die ihre sei, jedoch zu dieser werden könne. Die Bibel ist reich an Bildern und Geschichten. Sie überliefert vielfältige Gotteserfahrungen. Kein Mensch kann Gott in seiner ganzen Größe begreifen. Wie jeder Bibeltext eine andere Facette des Glaubens zum Ausdruck bringt, so vermag jeder Christ nur die eine oder andere Seite von Gott zu entdecken. Bekommt sozusagen jeweils nur einen winzigen Zipfel zu fassen. Aber sich mit diesem zu zeigen, ist spannend für andere.

Was glauben Christen? Welche Gewissheiten haben sie? In Gesprächen höre sie oft, dass Menschen sich von Gott getragen fühlen, erzählt Beate Marwede, Superintendentin im Kirchenkreis Meiningen. Sie denke an ein Ehepaar, das voller Dankbarkeit auf das lange gemeinsame Leben zurückblicke. Manche berichteten, wie ihnen das Gebet helfe. Und sie sprechen von ihrer Hoffnung – über den Tod hinaus.

»Ich glaube an Gott, den Schöpfer«, sagt Manuel Vogel. Wenn er diesen Satz des Glaubensbekenntnisses spreche, bezeuge er sein Einverständnis mit der Welt, wie sie ist, also fehlbar. Das Leben verwundbar und anfällig für Schuld und Versagen. Er bringe damit zugleich seine Gewissheit zum Ausdruck, so der Professor, dass Gott dieser Welt trotz all ihres Versagens und ihrer Schuld seinen guten Willen nicht aufkündigt.

Sabine Kuschel

Boheme in der DDR

12. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Neues Standardwerk: Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus

Es ist die bisher ausführlichste Darstellung von Kunst und Gegenkultur in der DDR und kann auf Grund ihrer minutiösen Quellenkenntnis als wegweisendes Standardwerk bezeichnet werden: die fast 500 Seiten umfassende und reich bebilderte Monografie: »Boheme in der DDR« von Paul Kaiser. Es handelt sich hierbei um die aktualisierte Fassung der 2007 vom Autor an der Humboldt-Universität in Berlin eingereichten Dissertationsschrift, die mit höchstem Expertenlob bedacht wurde. Das Begleitbuch zu der von ihm und Claudia Petzold konzipierten Ausstellung »Boheme und Diktatur in der DDR« im Deutschen Historischen Museum in Berlin (1997/1998) ist seit Jahren vergriffen. Nun liegt ein Prachtband vor, der tiefe Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Situation jener »Kulturschaffenden« gewährt, die sich kritisch gegenüber dem »real existierenden Sozialismus« verhielten und eigene Entwürfe einbrachten.

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Neben 15 Hauptkapiteln, in denen unter anderem die »Boheme als Gegenkultur« und Versuche ihrer »Zersetzung« beleuchtet werden, sind es vor allem die »Fallbeispiele«, die ein lebendiges Bild der speziellen Situation einzelner Protagonisten vermitteln. So musste sich der Leiter der »Klaus Renft Combo« zum Beispiel am 22. September 1975 folgendes vernichtende Urteil der Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig anhören, das er heimlich aufzeichnete: »Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission mitteilen, dass wir nicht der Auffassung sind, dass dieses Vorspiel heute stattfindet. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Texte, die Sie mir übergeben haben …, haben mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. … Wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen ist.« (Seite 92)

Im Blick auf die künstlerische Gegenkultur nennt der Autor zwei »institutionelle Schutzmächte innerhalb der DDR – die bundesdeutsche Diplomatie und die Evangelische Kirche«. Die seit 1974 bestehende Ständige Vertretung der BRD in der DDR firmierte diplomatische Empfänge zu künstlerischen Veranstaltungen um, zu denen nicht nur die DDR-Prominenz, sondern auch Verfemte und Ausgegrenzte eingeladen wurden. Hierdurch wurden zahlreiche Begegnungen ermöglicht. Kaiser würdigt aber auch die Rolle der »Offenen Arbeit« der evangelischen Landeskirchen, die seit Ende der 1960er-Jahre »unangepasste Jugendliche und Sondergruppen« sammelte und aktivierte. »In den 1970er-Jahren öffnete sie sich auch für die konfessionslosen Akteure und Gruppen der künstlerischen Boheme und fungierte für diese als Podium, Schutzraum und ›Konfliktregulierungsinstanz‹, auch wenn dieses Engagement innerkirchlich stark umstritten blieb«, heißt es da weiter. Zur inhaltlichen Vertiefung gibt es eine Reihe von Anmerkungen, in denen auch der thüringische Pfarrer Walter Schilling (Braunsdorf) als eine der »Zentralfiguren der Offenen Arbeit« genannt wird. (Seite 392)
Michael von Hintzenstern

Kaiser, Paul: Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, 480 Seiten, Dresdner Institut für Kulturstudien, ISBN 978-3-9816461-5-3, 48 Euro

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von redaktionguh  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

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