Boheme in der DDR

12. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Neues Standardwerk: Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus

Es ist die bisher ausführlichste Darstellung von Kunst und Gegenkultur in der DDR und kann auf Grund ihrer minutiösen Quellenkenntnis als wegweisendes Standardwerk bezeichnet werden: die fast 500 Seiten umfassende und reich bebilderte Monografie: »Boheme in der DDR« von Paul Kaiser. Es handelt sich hierbei um die aktualisierte Fassung der 2007 vom Autor an der Humboldt-Universität in Berlin eingereichten Dissertationsschrift, die mit höchstem Expertenlob bedacht wurde. Das Begleitbuch zu der von ihm und Claudia Petzold konzipierten Ausstellung »Boheme und Diktatur in der DDR« im Deutschen Historischen Museum in Berlin (1997/1998) ist seit Jahren vergriffen. Nun liegt ein Prachtband vor, der tiefe Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Situation jener »Kulturschaffenden« gewährt, die sich kritisch gegenüber dem »real existierenden Sozialismus« verhielten und eigene Entwürfe einbrachten.

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Neben 15 Hauptkapiteln, in denen unter anderem die »Boheme als Gegenkultur« und Versuche ihrer »Zersetzung« beleuchtet werden, sind es vor allem die »Fallbeispiele«, die ein lebendiges Bild der speziellen Situation einzelner Protagonisten vermitteln. So musste sich der Leiter der »Klaus Renft Combo« zum Beispiel am 22. September 1975 folgendes vernichtende Urteil der Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig anhören, das er heimlich aufzeichnete: »Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission mitteilen, dass wir nicht der Auffassung sind, dass dieses Vorspiel heute stattfindet. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Texte, die Sie mir übergeben haben …, haben mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. … Wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen ist.« (Seite 92)

Im Blick auf die künstlerische Gegenkultur nennt der Autor zwei »institutionelle Schutzmächte innerhalb der DDR – die bundesdeutsche Diplomatie und die Evangelische Kirche«. Die seit 1974 bestehende Ständige Vertretung der BRD in der DDR firmierte diplomatische Empfänge zu künstlerischen Veranstaltungen um, zu denen nicht nur die DDR-Prominenz, sondern auch Verfemte und Ausgegrenzte eingeladen wurden. Hierdurch wurden zahlreiche Begegnungen ermöglicht. Kaiser würdigt aber auch die Rolle der »Offenen Arbeit« der evangelischen Landeskirchen, die seit Ende der 1960er-Jahre »unangepasste Jugendliche und Sondergruppen« sammelte und aktivierte. »In den 1970er-Jahren öffnete sie sich auch für die konfessionslosen Akteure und Gruppen der künstlerischen Boheme und fungierte für diese als Podium, Schutzraum und ›Konfliktregulierungsinstanz‹, auch wenn dieses Engagement innerkirchlich stark umstritten blieb«, heißt es da weiter. Zur inhaltlichen Vertiefung gibt es eine Reihe von Anmerkungen, in denen auch der thüringische Pfarrer Walter Schilling (Braunsdorf) als eine der »Zentralfiguren der Offenen Arbeit« genannt wird. (Seite 392)
Michael von Hintzenstern

Kaiser, Paul: Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, 480 Seiten, Dresdner Institut für Kulturstudien, ISBN 978-3-9816461-5-3, 48 Euro

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Erlittenes Unrecht prägt

5. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Aufarbeitung: Wie steht es darum? Wer sich dem gesellschaftlichen System in der DDR nicht widerspruchslos beugte, wurde bespitzelt, verfolgt, verhaftet. Die Folgen für den Lebensweg spüren die Betroffenen bis in die Gegenwart.

»Es ist zukunftsweisend, sich einer schuldbeladenen Vergangenheit zu stellen und Verantwortung für die Opfer zu übernehmen«, sagte Hildigund Neubert am 13. Februar in Magdeburg. Deutschlands Ansehen in der Welt beruhe auch auf der Aufarbeitung seiner Vergangenheit, so die frühere Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Neubert zog bei der Eröffnung eines Forums der Konrad-Adenauer-Stiftung unter dem Thema »Die Aufarbeitung des SED-Unrechts in der Gegenwart« eine gemischte Bilanz. Es habe eine sehr breite politische Aufarbeitung gegeben. »Aber wie viel kommt bei den Menschen an? Zum Beispiel in der Lehrer-Ausbildung?« Neubert plädierte für ein Fortbestehen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. »Wir brauchen sie weiterhin, denn es gibt noch viel zu tun.«

In der Haftanstalt »Roter Ochse« (heute JVA Halle) befindet sich eine Gedenkstätte. Hier wird an Opfer politischer Verfolgung und Strafjustiz von 1933 bis zum Ende der DDR im Jahr 1989 erinnert. – Foto: epd-bild

In der Haftanstalt »Roter Ochse« (heute JVA Halle) befindet sich eine Gedenkstätte. Hier wird an Opfer politischer Verfolgung und Strafjustiz von 1933 bis zum Ende der DDR im Jahr 1989 erinnert. – Foto: epd-bild

Johannes Rink, Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt des Bundes der stalinistisch Verfolgten und der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, sprach von großer Enttäuschung auf Seiten der Opfer des DDR-Regimes. »Was die DDR gemacht hat, war ein Verbrechen.« Die Benachteiligungen und Haftfolgeschäden hielten ein Leben lang an. Die monatliche Zuwendung gleiche das nicht aus. »Ich würde auf die 300 Euro verzichten, wenn ich dafür die vier Jahre nicht hätte sitzen müssen«, sagte der ehemalige Hochseefischer, dem seine Kritik am Mauerbau zum Verhängnis wurde. 65 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und IM in seiner Umgebung bespitzelten ihn im Lauf der Jahre. Hinzu kamen Verleumdungen in dem Betrieb, in dem er nach der Haftentlassung arbeitete: zum Beispiel die Behauptung, er sei wegen Diebstahls im Gefängnis gewesen.

Rink sprach auch davon, dass es immer schwieriger werde, Schülern heute Wissen über die DDR zu vermitteln. Die Eltern der heutigen Schüler seien 1989 selber noch sehr jung gewesen. Es staune immer wieder über das Nichtwissen über eine Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Der promovierte Historiker Stefan Wolle wird als wissenschaftlicher Leiter des in Berlin ansässigen DDR-Museums öfter von Besuchern kritisiert. Die Spanne reichte von »so finster, wie dargestellt, war die DDR nicht« bis zu »das geht gar nicht, die Ausstellung ist viel zu normal«. »Normales Leben konnte auch in der DDR glücklich sein«, so Wolle, »aber es war ein Leben in der Diktatur.« Es werde von Jahr zu Jahr schwieriger, das zu vermitteln.

Birgit Neumann-Becker, Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (bis Ende 2016 Beauftragte für die Stasi-Unterlagen), verwies darauf, dass Opfer nicht nur rechtlich, sondern auch psychosozial beraten werden. »Wir merken dabei, dass das Unrecht aus DDR-Zeiten prägend bleibt«, so die Theologin. Zur Rolle der inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi (IM) sagte sie, dass diese mit dazu beigetragen hätten, dass Menschen strafrechtlich verfolgt wurden und es schwierig sei, aus solchen Verwicklungen einen Ausweg zu finden.

Deutliche Worte fand auch der Politikwissenschaftler Helmut Müller-Enbergs. »Die, die unter die Räder gekommen sind, erhalten weniger Aufmerksamkeit als die IM.« Auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts habe es über 23 700 IM gegeben. Der Bezirk Magdeburg verfügte über den drittgrößten »Durchdringungsgrad« mit IM in der DDR. Das Handeln von IM sei sehr unterschiedlich zu bewerten. »Man sollte sich eher mit denen befassen, die gezielt die Nähe bestimmter, vom MfS als Feinde deklarierter Menschen suchten, um ihnen zu schaden.« Von diesen IMB genannten Stasi-Mitarbeitern seien die wenigsten einem großen Publikum bekannt geworden, weil deren Unterlagen 1989 zuerst vernichtet wurden. Die Inhalte der Akten der IM seien deutlich niedriger zu veranschlagen als die der IMB.

Hildigund Neubert verwies da­rauf, dass das gesellschaftliche Klima heute zu einer Wiederbelebung des Leides der Opfer führe. Dazu trügen auch die Reha-Gesetze und die teilweise sehr langen Verfahren bei, in denen die Opfer beweisen müssten, dass ihnen Unrecht getan wurde. Sie würden es oft nicht oder nur sehr schwer verkraften, wieder vor Gericht zu müssen. »Es fehlt ein klares Urteil über die DDR«, so Neubert. »Das ist in der Gesellschaft noch immer nicht Konsens. Das belastet die Opfer noch immer. Und auch in der evangelischen Kirche ist nicht alles richtig gemacht worden.«

Johannes Rink sprach davon, dass viele Opfer sich auch heute noch nicht trauten, über ihr Leben in der DDR zu sprechen. Sie seien damals isoliert gewesen und seien es heute wieder. »Ich habe bis 1990 meiner Tochter nicht erzählen können, dass ich im Zuchthaus war«, sagte er. »Erst als ich rehabilitiert war, ging das.«

Angela Stoye

Bleibende Erinnerungen

4. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Es war ein scheinbar feierlicher Moment, als ich im dritten Schuljahr von meiner Klassenlehrerin nach vorne gebeten wurde, wo sie mich »ehrenhalber« in den Kreis der Jungen Pioniere aufnahm – ohne Rücksprache mit meinen Eltern! Mitschüler, die auf dem Heimweg zufällig meiner Mutter begegneten, erzählten ihr, dass ich »vor Freude geweint« habe – doch in Wirklichkeit waren es Tränen der Verzweiflung. Das ist eine von vielen Geschichten, die mir einfallen, wenn ich mich an mein Leben in der DDR und vor allem an Repressalien in der straff organisierten »Volksbildung« erinnere.

Oft waren es nur zwei oder drei Schüler, die sich in einer Schulklasse zu ihrem evangelischen oder katholischen Glauben bekannten. Bei mir war es nicht nur der Beruf des Vaters (Pfarrer), sondern auch der adlige Name, der Misstrauen und Hänseleien auslöste. Meine Entscheidung, nicht an der Jugendweihe teilzunehmen, verschärfte die Situation. Die Zulassung zum Abitur erfolgte erst im zweiten Anlauf und nach einer Eingabe bei Margot Honecker. Der ersehnte Studienplatz in Musikwissenschaft wurde mir verwehrt. Förderung und Schutz fand ich in der Thüringer Kirchenmusikschule in Eisenach.

Von hier aus beteiligte ich mich 1976 an einem internationalen Kompositionswettbewerb in der Schweiz und wurde mit einem vierteljährlichen Studienaufenthalt in Boswil ausgezeichnet. Nach monatelangen Disputen mit dem Staatssekretariat für Kirchenfragen durfte ich reisen. In der Schweiz angekommen, tauschte ich im westdeutschen Konsulat in Genf meinen DDR-Pass gegen einen der BRD ein. Auf einmal stand mir die Welt offen, was ich bei Exkursionen nach Köln, Brüssel und Paris kräftig nutzte, um dann reich an Eindrücken heimzukehren.

Michael von Hintzenstern

Zu früh für einen Schlussstrich

3. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR: Endlich Schlussstrich, fordern die einen, endlich intensive Beschäftigung mit diesem Kapitel die anderen.

Bis Ende der 1980er-Jahre hatte es mehrere Phasen im Umgang der SED-Führung mit den Kirchen gegeben; harter Kirchenkampf in den 1950er-Jahren und später zeitweise Annäherung und relative Ruhe. Dennoch waren die Christen bis zuletzt die größte Gruppe Verfolgter in der DDR. Ein Umstand, der bis heute nachwirkt.

Wie konnte es passieren, dass zu Beginn der DDR 95 Prozent der Menschen einer der beiden Kirchen angehörten und es 1989 kaum mehr 30 Prozent waren? Diese Frage erforscht unter anderen Christopher Spehr, Kirchenhistoriker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er fordert, ein universitäres Zentrum zur kirchlichen Zeitgeschichte einzurichten. Nachdem es Kritik am ersten Bericht der Thüringer Landesregierung gegeben hatte und diese Versäumnisse in der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR einräumen musste, geht die Aufarbeitung nun in eine neue Phase. »Es tut sich vieles«, meint der Kirchenhistoriker. Und das nicht nur im Leserforum der Kirchenzeitung.

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Auch die Landesregierung will den Ankündigungen Taten folgen lassen. Ihr zweiter Bericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen hat gerade das Kabinett passiert. Offenbar soll die Rolle der Kirchen und Christen erstmals Erwähnung finden. Ein Signal, dass die Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR keineswegs am Ende ist, sondern eher noch an ihrem Anfang steht. Das beurteilt auch Spehr so. Für ihn kann es, mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, keinen Schlussstrich geben. Ganz im Gegenteil: »Die Generation der Zeitzeugen wird älter und eine neue Generation fragt kritisch nach: Wie war das damals?« Der Abstand zum Geschehen sei eine Chance, dieses Kapitel der DDR-Geschichte objektiv und interdisziplinär aufzuarbeiten, vor allem, da es emotional bisher hoch aufgeladen war.

Die EKM widmet sich ebenfalls der Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte. »25 Jahre nach der friedlichen Revolution hat sich der Landeskirchenrat 2014 mit der Frage nach der Rolle der Christen in der DDR beschäftigt«, erklärt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann. Daraus sei der »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« entstanden. Bestehend aus Mitgliedern der Kirche, Theologen, Historikern und Juristen, ermittelt er Themen, spricht mit Institutionen und bündelt Ergebnisse.

»Drei Themengebiete haben wir vor Augen. Da sind zum einen die Menschen, die als Mitarbeiter der Vorgängerkirchen der EKM in der DDR-Zeit als Christen verfolgt wurden. Wir wollen sie zu Wort kommen lassen und schauen, wie sich die Landeskirchen zu diesen Menschen verhalten haben. Wo sind Fälle auszumachen, wo Kirchenleitungen ihrer Schutzfunktion nicht entsprochen haben?«, so Fuhrmann.

Zum anderen will man der Frage nachgehen, wie theologisch und kirchenrechtlich mit Pfarrerinnen und Pfarrern umgegangen wurde, die nach ihrer Ausreise ihre Ordinationsrechte verloren hatten. Auch die Gruppe der »verfolgten Schüler« nimmt der Beirat in den Blick. Entscheidend sei, so Fuhrmann, der selbstkritische Blick der Institution Kirche. Dass Landesregierung und Kirchen Ende 2016 eine Arbeitsgruppe gebildet haben und gemeinsam an diesem Themenkomplex arbeiten wollen, begrüßt er, macht aber klar, dass dies unabhängig vom »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« geschieht, der sei ausschließlich in der Kirche beheimatet.

Das Thema sollte aber nicht nur innerhalb der Kirchen diskutiert werden. Denn die Christenfeindlichkeit der DDR beschäftige auch Menschen, die keiner Konfession angehörten, meint Christian Dietrich, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung des SED-Unrechts. Er sieht die Religionsfreiheit als Herausforderung für die Verantwortlichen in der Politik. »Ein Weg dazu ist die Aufklärung und Verurteilung der Verletzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der SED-Diktatur.«

Ein anderer Aspekt sei die individuelle Rehabilitierung der Opfer. Hier gebe es eine evidente Gerechtigkeitslücke. Die Kirchen stünden vor einer ganz eigenen Herausforderung. Und, so Dietrich weiter: »Sie sollten den Menschen, die Gottvertrauen über Menschenfurcht gestellt haben und dabei oft auch in Konflikt mit ihrer Kirche kamen, wenigstens Anerkennung zollen.«

Diana Steinbauer

Es bleibt ein Experiment

12. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Gibt es in Deutschland genug engagierte Protestanten, um neben dem Berliner Kirchentag auch die sechs mitteldeutschen Kirchentage auf dem Weg zu einem Erfolg werden zu lassen? Mit den Posaunenchören in Leipzig, den Friedensthemen in Magdeburg oder den Umweltthemen in Dessau könnte das klappen.

Freilich – der Begriff »Erfolg« ist wie bei vielen anderen Themen auch an dieser Stelle relativ. Wer die Kirchentage auf dem Weg mit den Kirchentagen der DDR vergleicht, wird ebenso scheitern müssen wie bei einem Vergleich mit dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag. Die Kirchentage auf dem Weg werden anders sein. Sie werden eine neue Veranstaltungsform sein, die es so im deutschen Protestantismus noch nicht gab.

Es werden Treffen sein für Engagierte, für Spezialisten, die sich abseits des großen Trubels in Berlin einem bestimmten Thema widmen wollen. Für Menschen, die vor dem großen Festgottesdienst in Wittenberg nicht die Menschenmassen der Großstadt, sondern die historischen Wirkungsstätten Luthers besuchen wollen. Für Christen aus Mitteldeutschland, die einen Kirchentag vor der Haustüre erleben.

Aber lohnt sich für so etwas der große Aufwand, wenn doch nur 5 000 Menschen nach Halle oder Dessau kommen werden? Auch das hängt davon ab, wo man den Maßstab setzt.

Wenn die 5 000 hinterher sagen, dass sie eine schöne Zeit in Halle und Eisleben hatten, und sich an diese Reise im Jahr 2017 ganz besonders gern zurückerinnern, wäre das jedenfalls ein besseres Ergebnis, als wenn 20 000 kommen, die am Ende typisch protestantisch, also grummeld unzufrieden sind. Und ansonsten dürfte es so sein wie bei allen Experimenten: Mehr wird man erst an deren Ende wissen.

Benjamin Lassiwe

Ein kleines Licht überstrahlt die Mächtigen

4. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60,2

Geht es nicht auch ein bisschen niedriger? Oben das Licht, fern in Himmelshöhen, und hier unten das Chaos, das uns in den letzten Jahren mehr und mehr umtreibt? Wo ist das Licht unter uns, die Herrlichkeit Gottes erlebbar auf Erden?

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Über uns sind schon so viele Sonnen aufgegangen – sie haben immer mehr versprochen, als sie gehalten haben: der Strahlenkranz der FDJ zu DDR-Zeiten, Hammer und Sichel auf der Sowjetflagge im Licht der aufgehenden Sonne, die Sonnen-Rune des Dritten Reiches und der Neonazis; selbst im letzten Actionfilm Hollywoods triumphiert der einsame Held noch im Licht eines neuen Morgens. Und doch scheint es immer dunkler zu werden, treiben uns die politischen Ereignisse immer mehr um, hat sich der ersehnte Frieden nach dem Ende der Weltenteilung, nach dem Ende des Eisernen Vorhangs niemals eingestellt.

Hat auch der dritte Jesaja, der Heilsprophet, am Ende so eine Siegergeste verkündet? Er hat das Ende des großen babylonischen Exils erlebt, den Wiederaufbau Jerusalems und die Tempelweihe – große Hoffnungen, eine leuchtende Zukunft. Aber den Mühen der Berge folgten die Mühen der Ebenen, den politischen Höhenflügen immer die Ernüchterung!

Die Epiphaniaszeit mit ihrer Lichtthematik geht jetzt zu Ende. Noch drei Wochen Übergang, dann beginnt die Passionszeit, die Zeit des Gottes, der nicht als Siegergestalt gekommen ist. Vom Kind in der Krippe, verfolgt von den Mächtigen, über den einfachen Handwerker in Nazareth bis zum Märtyrer am Kreuz zeigt er uns ein anderes Gottesbild: ein Gottesbild, das Donald Trump ebenso wenig gefallen kann wie Wladimir Putin oder den Deutschen, die ihren Wohlstand abschotten wollen und nach einem starken Staat rufen.

Das Licht ist anders über uns aufgegangen, als viele es erhofft haben. Und es gibt nur eine Möglichkeit, die Herrlichkeit aus der Höhe auf das Dunkel Erde zu holen: indem wir Spiegel sind und das Licht einfangen, das Licht des anderen Gottes, in unzähligen kleinen Lichtern der Welt.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Volksmusik und -kirche

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Er war der unbestrittene »King of the Kings« der DDR-Volksmusikszene: Herbert Roth wäre am 14. Dezember 90 Jahre alt geworden. Dank der Schallplatte und des DDR-Fernsehens bin ich mit ihm und seinen Liedern quasi aufgewachsen. Mein Vater war absoluter Volksmusik-Fan und der heute noch in meinem Besitz befindliche Stapel seiner Vinylscheiben bringt etliche Kilo auf die Waage. Für mich als 14-, 15-Jährigen war es vor allem peinlich, wenn aus unseren Fenstern wieder und wieder das »Rennsteiglied« oder »Kleines Haus am Wald« auf die Straße drang. Inzwischen kann ich die Lieder auf der Basis der »versöhnten Verschiedenheit« tolerieren.
Was freilich kaum jemand weiß: Der gefeierte Suhler Barde, der nicht nur Volkslieder komponierte und sang, sondern unter Pseudonym auch so manchen DDR-Schlager schuf, der Träger der »Ehrenmedaille der Nationalen Front« und des »Vaterländischen Verdienstordens der DDR« in Gold, war und blieb Zeit seines Lebens Mitglied der evangelischen Kirche, wie mir seine Tochter Karin Roth bestätigte. Und zahlte damit bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1983 auch so manches nette Sümmchen an Kirchensteuern.
Die Familie von Herbert Roth verließ allerdings nach seiner Beerdigung die Kirche. Der Anlass ist aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar: Weil die offizielle Trauerfeier in Anwesenheit von DDR-Oberen als »weltliche« Feier firmierte, verweigerte die Kirchengemeinde damals das von Roth ausdrücklich gewünschte Glockengeläut.
Wie sich manche Menschen an Musikstilen reiben, reiben sich andere an der Kirche. Das ist leider bis heute so. So erklärte erst jüngst ein prominentes Mitglied der EKM gegenüber der Landesbischöfin seinen Austritt (siehe Seite 5).

Harald Krille

Dauerbrenner ist die Bibel

21. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

Altenburg: Christliche Buchhandlung mit Deutschem Buchhandlungspreis geehrt

Unter den 118 Preisträgern, die in Heidelberg mit dem Deutschen Buchhandlungspreis 2016 des Bundesministeriums für Kultur und Medien ausgezeichnet worden sind, befindet sich die Christliche Buchhandlung »Buch und Kunst« in Altenburg. Ihr Inhaber Andreas Hessler konnte die Jury mit seiner individuellen Geschäftsphilosophie überzeugen und darf sich fortan mit dem Titel »Hervorragende Buchhandlung« schmücken, verbunden mit einem dotierten Gütesiegel und einem Preisgeld.

Wer das gegenüber der Brüderkirche gelegene Geschäft betritt, findet neben christlicher und theologischer Literatur Fach- und Sachbücher, Biografien, Belletristik und Lyrik in den Regalen. Lehrreiche Kinderbücher, regionale Publikationen und Devotio­nalien runden das Angebot ab. Die sogenannten aktuellen Bestseller sucht man allerdings vergebens, wobei die Nachfrage auch nicht vorhanden sei, so der Inhaber, der seine eigene Bestsellerliste hat. Dauerbrenner seien unter anderem die neuen Bibelausgaben für beide Konfessionen, das evangelische und katholische Gesangbuch und im Hinblick auf das Reformationsjubiläum viele Neuerscheinungen. Zur Stammkundschaft gehören Pfarrer, die schon in der DDR hier ihre theologische Literatur erwarben. »Als Christ und Buchhändler bin ich dankbar, das Evangelium so verbreiten zu können«, betont der 69-Jährige.

Zur Stammkundschaft von Andreas Hessler gehört auch Claudia Kupsch, die auf der Suche nach einem Geschenk ist. Foto: Ilka Jost

Zur Stammkundschaft von Andreas Hessler gehört auch Claudia Kupsch, die auf der Suche nach einem Geschenk ist. Foto: Ilka Jost

1982 übernahmen Christine und Andreas Hessler das Geschäft von Siegfried Reischel, der dieses 1948 als christliche Versandbuchhandlung eröffnet hatte. »Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie schwierig es damals war, einen Gewerbeschein zu bekommen. Die örtlichen Organe und der Kreistag waren fest entschlossen, die Christliche Buchhandlung zu schließen. Letztendlich konnte dies durch die Fürsprache unseres damaligen Landesbischofs verhindert werden«, blickt er auf die schwierige Anfangszeit zurück. In den 1990er-Jahren bildete das Buchhändlerehepaar zwei Lehrlinge aus, darunter die eigene Tochter. Da der Vorgängerbau am Standort sehr klein und bereits einsturzgefährdet war, entschloss sich die Familie zum Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses, das 1994 eröffnet wurde.

Heute bietet die Christliche Buchhandlung »Buch und Kunst« 160 Quadratmeter Verkaufsfläche auf zwei Etagen. Oben befindet sich eine gemütliche Kinderbuchabteilung mit Leseecke, wo gern mal über Gott und die Welt sinniert und diskutiert wird. Seine Buchhandlung sei schließlich auch ein Ort der Kommunikation und kultureller Treffpunkt in schwierigen Zeiten, so Hessler, für den nicht ausschließlich der ökonomische Erfolg, sondern vor allem Herzlichkeit und familiäre Atmosphäre im Mittelpunkt stehen.

Dass eines der beiden Kinder das Geschäft übernehmen wird, ist unwahrscheinlich, denn diese haben ihren Lebensmittelpunkt fernab Altenburgs gefunden. Vielleicht kann sich aber einer der fünf Enkel dafür begeistern. Schon jetzt sind diese bei Besuchen in Altenburg am liebsten zwischen den Regalen anzutreffen, um beim Auspacken der Bücher zu helfen oder darin zu stöbern.

Ilka Jost

www.andreas-hessler.com

nächste Seite »