Simsons Kraft kehrt zurück

5. August 2018 von redaktionguh  
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Das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland steht bei Pfarrer Gunter Barthel in Heyerode im Kirchenkreis Mühlhausen.

Dass es für zwei Oldtimer des Suhler Simson Werkes im Eichsfeld eine unverhofftes Wiedererstarken und somit ein zweites Leben auf den Landstraßen geben konnte, haben diese sinnigerweise einem Geistlichen zu verdanken. Und dies durch wahrhaft himmlische Fügungen und in ökumenischer Eintracht. Dem inzwischen in den Ruhestand gegangenen evangelischen Pfarrer Gunter Barthel aus Heyerode hatte über viele Jahre ein Moped SR 1 zu Diensten gestanden, bis es eines Tages jedoch den Geist aufgegeben hatte und dem Verschrotten nahe war.

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Vor etwa zehn Jahren begegnete dem Pfarrer dann ein Engel, ein sachkundiger Oldtimerfan und Experte des SR 1 aus Falken, der ihm das Moped vom Baujahr 1956 wieder aufgebaut und ihm frisches Leben eingehaucht hatte. Für Gunter Barthel ein Geschenk und Glück zugleich. »Mit meiner ersten Dienststelle in Frankenroda und Ebenshausen habe ich 1988 auch das Dienstmoped meines Amtsvorgängers übernommen«, erinnert sich der 66-Jährige an die Anfänge seines Wirkens im benachbarten Wartburgkreis. Damit verbunden ist die Liebe zu dem ans Herz gewachsenen alten Zweirad.

So kann Gunter Barthel nun behaupten, dass es sich bei dem einst von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen angeschafften Moped mit jetzt 62 Jahren vermutlich um das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland handelt. Denn ab und an wird der Heyeröder Pfarrer zu einem Gottesdienst oder einer Hochzeit gerufen. »Das Schöne an dem SR 1 ist das Motorgeknatter«, schwärmt er von seinem Zweirad in Originalpatina und mit Zweitakt-Duft.

Falls das Moped einmal nicht fahrbereit sein sollte, steht ihm mit einem »Spatz« noch ein weiterer Simson-Oldtimer bereit. Dieser wurde der Familie einst durch einen katholischen Priester überlassen. Nachdem jenes Moped jahrelang in der Garage gestanden hatte, konnte Gunter Barthel »den Schrotthaufen nicht mehr sehen«. Da kam ihm schließlich ein Fachmann wie gerufen. Nämlich der Kfz-Handwerksmeister Georg Mühr aus Faulungen, der sich auf die Reparatur und Restaurierung der legendären Simson-Zweiräder aus Suhl spezialisiert hat. Er hat den »Spatz« grundhaft restauriert und in diesem Frühjahr in einstiger Schönheit erstrahlen lassen.

Und sollte es plötzlich einmal gravierende Probleme mit einem seiner beiden Zweirad-Oldtimer geben, kann Pfarrer Barthel auf einen weiteren »Schrauber« zählen. Denn als gelernter Landmaschinenschlosser und Tischler steht ihm quasi als Nothelfer Ronny Döring zur Seite. Auch für ihn gilt das verlässliche Handwerkermotto »Geht nicht, gibt’s nicht!«.

Das SR 1 war das erste Moped der DDR. Das S stand für Suhl und das R für Rheinmetall.

Reiner Schmalzl

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Gesprengte Hoffnung

9. Juli 2018 von redaktionguh  
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Die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hat Magdeburg für immer verändert. Damit nicht genug. Nach 1945 wurden Bauwerke, die nicht in den Zeitgeist passten, einfach beseitigt.

Pfingsten 1951 muss für die Magdeburger Christen voller Hoffnung gewesen sein: Hoffnung darauf, dass wieder etwas gut würde in der Stadt, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stark zerstört worden war. Ein altes Foto zeigt: Dicht gedrängt saßen die Magdeburger in der Heilig-Geist-Kirche und feierten den Gottesdienst zu deren Wiedereinweihung mit. Die mittelalterliche Kirche, Taufkirche des Barockkomponisten Georg Philipp Telemann, war ebenso zur Ruine geworden wie die anderen Kirchen im Zentrum. Doch mit Hilfe aus dem Ausland konnte sie als erste evangelische Kirche wieder aufgebaut, ab 1950 genutzt und im Jahr darauf eingeweiht werden. Der Dom zum Beispiel wurde erst 1955 mit der Amtseinführung von Bischof Johannes Jänicke eröffnet. Hoffnung auf wiedererstehende Kirchen also, die sich in den nächsten Jahren zerschlagen sollte.

Einsatz: Jugendliche beim Enttrümmern einer Kirchenruine (vermutlich die Katharinenkirche) beim ersten Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der DDR vom 15. bis 30. Juli 1962 in Magdeburg. Foto: epd-bild

Einsatz: Jugendliche beim Enttrümmern einer Kirchenruine (vermutlich die Katharinenkirche) beim ersten Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der DDR vom 15. bis 30. Juli 1962 in Magdeburg. Foto: epd-bild

Dass in der DDR fast 60 Kirchen dem sozialistischen Stadtumbau weichen mussten, war Thema eines Gesprächsabends der Landeszentrale für politische Bildung Ende Juni in Magdeburg. Nicht ohne Grund, denn in der Elbestadt wurden zehn kriegsbeschädigte Kirchen »Einfach weggesprengt«, so das Motto des Abends. Außer der Heilig-Geist-Kirche wurden bis 1964 gesprengt oder abgerissen: St. Ulrich und Levin, St. Katharinen, St. Jakobi, die Martinskirche, die Lutherkirche, die Deutsch-Reformierte und die Französisch-Reformierte Kirche sowie zwei säkularisierte Kirchen: das Zeughaus (ehemals St. Nikolai) und die Evangelische Schule (ehemals Franziskanerkloster).

»Die meisten Kirchen hätten gerettet werden können«, sagte Christian Halbrock, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Berlin. Doch das sei bei der sozialistischen Umgestaltung der Städte nach dem Vorbild der Sowjetunion – zum Beispiel mit Magistralen für Aufmärsche – nicht vorgesehen gewesen. »Die Kirchengebäude und das Wächteramt der Kirchen störten bei der Umerziehung zum ›neuen Menschen‹«, so Halbrock. Der Historiker sagte, dass im Fall, dass eine Stadt zur Bezirksstadt wurde, dies oft nichts Gutes für historische Bauten bedeutete. Und: »Verfall und Abriss von Dorfkirchen sind überhaupt noch nicht aufgearbeitet.«

Der Magdeburger Architekt Michael Sußmann verwies in seinem Vortrag »Vom Vergehen der Gotteshäuser in der Stadt Magdeburg« auf die Schwierigkeit, über eine Zeit zu urteilen, die man selber nicht miterlebt habe. Die Ergebnisse der beiden Architekturwettbewerbe, die noch in den 1940er Jahren für den Wiederaufbau Magdeburgs ausgeschrieben wurden, verzeichneten noch alle Kirchen. Erst ab 1950 und mit den »16 Grundsätzen des Städtebaus« habe sich das geändert. »In den Wiederaufbauplänen, die die Tageszeitung Volksstimme am 1. Mai 1953 veröffentlichte, fehlten die Kirchen.« Und ein im Zentrum geplantes, aber nie gebautes »Haus des Schwermaschinenbaus« sollte mit seinem 110 Meter hohen Turm den Dom überragen. Zwar war laut Beschluss der Evangelischen Kirche in Deutschland Magdeburg 1956 zur Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus erklärt worden. Aber das habe nichts genützt. Ebenso wenig wie Verhandlungen der Kirchenvertreter mit der Stadt und Proteste, zuletzt 1964 durch Bischof Johannes Jänicke, gegen die Beseitigung der Ruine der Katharinenkirche, deren Erhalt nach dem Abriss der Heilig-Geist-Kirche 1959 zugesagt worden war.

Mit Kirchen gingen auch ihre Kunstschätze verloren. Einige gerettete Steinmetzarbeiten fanden Platz in und an der wieder aufgebauten Wallonerkirche. Sie lassen ahnen, was da verloren ging.

Angela Stoye

Zum Weiterlesen: Berichte der Magdeburger Kirchenleitung zu den Tagungen der Provinzialsynode 1946–1989, herausgegeben von Harald Schultze. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, Seite 133 und Seiten 206/207

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Das stimmt mich hoffnungsvoll

19. Mai 2018 von redaktionguh  
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Jubilar: Roland Hoffmann war von 1992 bis 2001 Landesbischof in Thüringen. Der Altbischof feierte am Montag seinen 80. Geburtstag. Willi Wild hat den Jubilar in seinem Garten in Jena getroffen.

Wie verbringen Sie Ihren Ruhestand?
Hoffmann:
Das Schönste im Rentnerdasein ist der Vormittagsschlaf. Wenn da mal jemand klingelt, kann mich keiner einen »faulen Hund« schimpfen. Ich bin Rentner, ich darf vormittags schlafen. Ansonsten haben wir, meine Frau und ich, Arbeitsteilung. Im Garten ist meine Frau für das Anlegen und Pflanzen zuständig, da ich schlecht Gänseblümchen von Pfingstrosen unterscheiden kann. Ich gieße, schneide die Hecke oder zimmere das Hochbeet zusammen.

Daneben werden Sie regelmäßig
zu Gottesdiensten und Veranstaltungen eingeladen. Wie oft ist das der Fall?
Hoffmann:
Im vergangenen Jahr waren es über 50 Gottesdienste. Aber seit diesem Jahr trete ich deutlich kürzer. Mit 80 Jahren muss und kann ich nicht mehr alles annehmen, auch wenn es mir nach wie vor Freude macht.

»Wenn der weiße Flieder wieder blüht« ist der Geburtstag von Altbischof Hoffmann nicht mehr weit. Seit 55 Jahren sind Brigitte und Roland Hoffmann verheiratet. Foto: Willi Wild

»Wenn der weiße Flieder wieder blüht« ist der Geburtstag von Altbischof Hoffmann nicht mehr weit. Seit 55 Jahren sind Brigitte und Roland Hoffmann verheiratet. Foto: Willi Wild

Wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie damals als Bischof vorstanden?
Hoffmann:
Ich erlebe unsere Kirche vorwiegend in den Gemeinden und kann mich da bloß freuen. Kürzlich war ich im Thüringer Wald im Pfarramt Oberhain zu einem Abend für die Ehrenamtlichen. Der Pfarrer hat 13 Kirchen in seinem Kirchspiel. Ins Dorfgemeinschaftshaus kamen etwa 90 Frauen und Männer. Das hat mich sehr erstaunt. In Zeiten, in denen das Ein-Mann-System des Pfarrerseins zusammenbricht, kommen Jung und Alt, um ehrenamtlich in ihrer Gemeinde mitzuarbeiten. Das ist doch ein Aufbruch! Das stimmt mich hoffnungsvoll. Das hat mir gezeigt, dass auf der Gemeindeebene Kirche nicht am Ende ist.

Vor zehn Jahren gab es die Fusion der Thüringer Landeskirche mit der Kirchenprovinz Sachsen zur EKM. Wie sehen Sie heute den Zusammenschluss?
Hoffmann:
Meine Absicht war schon damals, die Kirchengebiete in Thüringen zu einigen und die Propsteien Nordhausen, Erfurt und Suhl in unsere Landeskirche einzubinden. Daraus ist dann die Fusion geworden.

Das Bußwort des Landeskirchenrates schlägt hohe Wellen. Wie sollte Ihrer Meinung nach die Aufarbeitung und Versöhnung im Bezug auf die DDR-Zeit aussehen?
Hoffmann:
Das Wenn und Aber zum Bußwort zeigt doch, dass der Weg zur Versöhnung zu schmal angelegt ist, wenn man ihn nur auf die Stasi bezieht. Man kann unsere Vergangenheit aber nicht nur darauf beschränken. Mein Vorschlag war damals, ein Trauerjahr in unserer Landeskirche einzulegen. Aber das wurde weitgehend abgelehnt. Man wollte nicht mehr rückwärts, sondern nur noch nach vorne schauen. Ich bereue es bis heute, dass ich mich damals nicht durchgesetzt habe.

Was sollte da betrauert werden?
Hoffmann:
Zum einen das, was wir in der alten Ära verloren haben, nicht nur 40 Jahre unseres Lebens und Arbeitens, sondern auch das, was wir gewollt haben. Aber auch anzuschauen, was wir nicht geschafft haben. Wir haben gearbeitet bis zum Umfallen und trotzdem sind unsere Gemeinden kleiner geworden. Oder aber die Frage zu stellen, was wir in der geistlichen Arbeit verpasst und falsch gemacht haben. Ich rede nicht von Schuldzuweisung, sondern davon, einfach zu analysieren, was wir jetzt vorfinden. Damit hätten wir die gesamte Breite des Erinnerns gehabt und nicht nur die Engführung, diese Schmalspur-Verarbeitung in Sachen Stasi. Wir kommen bis heute nicht vorwärts, weil uns die Vergangenheit zurückzieht, denke ich.

Sie haben einmal gesagt, dass unserer Landeskirche eine Erweckung gefehlt habe. Ist das ein Grund, warum es mit der Vergangenheitsbewältigung nicht so richtig vorwärtsgeht?
Hoffmann:
Wir hatten in Thüringen nie eine Erweckung. Der erste Schritt bei einer Erweckung ist immer die Buße, also die Änderung der inneren Haltung, eine Bekehrung. Wir haben es nie gelernt, Buße zu tun und Buße zu leben. Vielleicht ist das ein Manko in der Geschichte unserer Kirche, dass wir so eine Stelle der Umkehr nicht benennen können. Dafür braucht es eine geistliche Qualifikation, die man nicht aus Büchern hat.

Was wünschen Sie sich im Bezug auf die Landeskirche?
Hoffmann:
Ich wünsche mir, dass wir bei allem, was wir tun und tun müssen, fröhlicher sind, weniger klagen und hoffnungsvoller das tun, was jeden Tag nötig ist.

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Etappenziel Radfahrerkirche

11. Mai 2018 von redaktionguh  
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Festtag: Steckby, die erste Radfahrerkirche in Anhalt, feiert ihr zehnjähriges Jubiläum. Für Reinhard Hillig doppelter Grund zum Rückblick, denn zwei Wochen später wird der Gemeindepfarrer in den Ruhestand verabschiedet.

Wenn sich am 13. Mai die Besucher zum Gottesdienst in der Kirche in Steckby im Kirchenkreis Zerbst versammeln, loben sie Gott und feiern auch eine Erfolgsgeschichte. Vor zehn Jahren nämlich wurde das kurz zuvor fertig sanierte Gotteshaus in dem Dorf am Elberadweg feierlich als erste Radfahrerkirche in der Landeskirche Anhalts in Dienst gestellt. Die Landeskirche folgte damit einem Trend, der mit der Eröffnung der ersten Radfahrerkirche im Juli 2003 in Weßnig bei Torgau in der Kirchenprovinz Sachsen begann. Inzwischen gibt es hunderte Radwegekirchen in Deutschland. Auch in Anhalt sind seit dem 4. Mai 2008 weitere hinzugekommen, zum Beispiel die Kirchen in Dessau-Großkühnau oder in Opperode, einem Stadtteil von Ballenstedt im Harz.

»Wir sind wohl die bedeutendste«, schätzt Pfarrer Reinhard Hillig ein. Und das sei der Lage am Elberadweg zu verdanken. Diese sei auch damals der Beweggrund für den Gemeindekirchenrat gewesen, die Kirche dem besonderen Zweck zu widmen. Insgesamt kamen in den vergangenen zehn Jahren rund 13 500 Besucher in die Kirche. Darunter war mit 2013 auch ein Jahr, in dem wegen des Elbe-Hochwassers kaum Gäste zu verzeichnen waren. 2017 kamen etwa 700 Besucher nach Steckby. Unter den »Inländern« führen die Sachsen die Statistik an, gefolgt von Radlern aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. »Schlusslichter« sind Bremen, die Region Hamburg und das Saarland.

Rund elf Prozent aller Besucher kamen 2017 aus dem Ausland, und damit etwas weniger als bisher. In der Länderwertung verzeichnet die Statistik jedoch starke Unterschiede. Die meisten Radler, nämlich 30 Prozent, kamen 2017 aus den Niederlanden, gefolgt von Tschechien und der Schweiz (je 21 Prozent). Über die Jahre jedoch stellen Radler aus der Schweiz die größte Gruppe. 2017 legten Finnland und Italien zu (14 und 10 Prozent). Alle Besucher werden gebeten, auf einer großen Karte im Vorraum der Kirche ihren Heimatort einzutragen. Und die Eintragungen im Anliegenbuch zeigen, dass die Besucher ihre Freude an der bis zum Reformationstag täglich für zwölf Stunden geöffneten Kirche haben.

Manchmal tragen sie auch ihren Dank ein, wie »ein gläubiger Mensch aus Bernburg«, der bei einer Tour zusammen mit einer Gruppe auf dem nicht abgesperrten Radweg in eine Jagd geriet und das Erlebnis im Buch festhielt: Er beschrieb seine Angst und dankte »Gott und seinen Engeln«, dass sie vor Schaden bewahrt wurden. »Das ist nicht erfunden«, versichert der Pfarrer. Ein Jäger aus dem Ort habe ihm später den Jagdtermin bestätigt.

Abschied aus dem Pfarrdienst

Ebenfalls nicht erfunden, sondern wahr: Nach gut zwölf Jahren im Kirchenkreis Zerbst wird Reinhard Hillig am 27. Mai in den Ruhestand verabschiedet. Seine Frau Angela, die zuletzt als Kreisbeauftragte für Gemeindepädagogik im Kirchenkreis Zerbst tätig war, ist seit Oktober 2017 in der Freistellungsphase ihrer Altersteilzeit.

Für kurze Rast und die ewige Ruhe: Wie an so viele Dorfkirchen grenzt auch an die Radfahrerkirche in Steckby ein Friedhof. Foto: Touristinformation Zerbst

Für kurze Rast und die ewige Ruhe: Wie an so viele Dorfkirchen grenzt auch an die Radfahrerkirche in Steckby ein Friedhof. Foto: Touristinformation Zerbst

Das (Berufs-)Leben des Ehepaares lässt sich durchaus mit einer Radfahrt vergleichen, die mal über anstrengende Steigungen, mal über gerade Strecken führte. Beide stammen aus christlichen Elternhäusern in Sachsen – sie aus Lauter, er aus Aue im Erzgebirge. Beide mussten wegen ihrer Herkunft und ihres Bekenntnisses Nachteile in Kauf nehmen.

Trotz sehr guter Leistungen durfte Angela Hillig nicht studieren. Als in der DDR wegen ihres Glaubens verfolgte Schülerin ist sie heute anerkannt. Sie wurde medizinisch-technische Assistentin, begann 1995 nebenberuflich als Katechetin zu arbeiten und ließ sich zur Gemeindepädagogin ausbilden.

Reinhard Hillig ist ehemaliger Bausoldat, gelernter Zimmermann und begann nach sechs Jahren in diesem Beruf eine Predigerausbildung am (nicht mehr bestehenden) Theologischen Seminar des Gnadauer Verbandes in Falkenberg/Mark.

Das Ehepaar Hillig arbeitete unter anderem im Diakonissenhaus im brandenburgischen Teltow. Sechs Jahre nach einem Ausreiseantrag durfte es mit seinen Kindern die DDR in Richtung Baden-Württemberg verlassen. 1991 kehrten Hilligs in den Osten zurück – und zwar nach Anhalt.

Die erste Station war Hoym im Kirchenkreis Ballenstedt, wo Reinhard Hillig ins Vikariat ging und 1993 ordiniert wurde. 2006 wechselte das Paar in den Kirchenkreis Zerbst, wo Reinhard Hillig Pfarrer in Steutz und weiteren Orten wurde. Ab 2009 kamen Pfarrdienst in der Trinitatisgemeinde Zerbst und ab Herst 2011 in der dazugehörigen Parochie hinzu. Angela Hillig arbeitete als Gemeindepädagogin zum Teil auch im Kirchenkreis Dessau.

Und nun der Ruhestand, der für das Ehepaar Hillig im Juni den Umzug ins Erzgebirge in die Nähe des Fichtelberges bringt. In der dortigen Kirchengemeinde werden beide sicher Aufgaben übernehmen. Sie freuen sich schon darauf, mehr Zeit für ihre vier Kinder und deren Familien mit den inzwischen sieben Enkelkindern zu haben. Und eine große Reise rückt in greifbare Nähe: nach Südafrika, in die Heimat eines Schwiegersohnes.

Angela Stoye

13. Mai, Steckby, Kirche, 14 Uhr: Jubiläumsgottesdienst mit Kirchenpräsident Joachim Liebig, danach kurze Radpartie durch den Ort; 27. Mai, Steutz, St. Marien, 16 Uhr: Verabschiedung von Pfarrer Hillig

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Das Traditionsheim in Köthen wird 70

22. April 2018 von redaktionguh  
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Jugendhilfe: Die »Arche« gibt Mädchen und Jungen ein neues Zuhause

Im Foyer der Jugendstilvilla hängt ein aus Holz gesägter Schlüssel. Vor fast 25 Jahren gelangte er in das stattliche Haus an der Köthener Bärteichpromenade, das seit Jahrzehnten als Kinder- und Jugendheim dient. Der damalige Köthener Pfarrer Albrecht Lepetit, ein gelernter Tischler, fertigte ihn an und übergab ihn 1994, als das Heim von der Trägerschaft des Landkreises in die der Jakobsgemeinde wechselte. Seit 1998 trägt es den Namen »Arche«. Anfang Mai feiert das Heim sein 70-jähriges Bestehen mit einem Festakt und einem Ehemaligentreffen auf dem Heimgelände sowie einem Gottesdienst in der Jakobskirche. Unabhängig von diesem festlichen Höhepunkt schaut Pfarrer Wolfram Hädicke als Mitglied des Heimkuratoriums mehrmals in der Woche im Haus vorbei.

Die »Arche«, eine über 100 Jahre alte, sanierte Villa, umgibt ein großes Freigelände. Foto: Heiko Rebsch

Die »Arche«, eine über 100 Jahre alte, sanierte Villa, umgibt ein großes Freigelände. Foto: Heiko Rebsch

»Wir sind das Traditionsheim in Köthen«, sagt Martin Dreffke. Der promovierte Pädagoge leitet das Haus seit 1992. Als es am 30. April 1948 in der ehemaligen Bürgermeistervilla eröffnet wurde, zogen als erstes 25 Kriegswaisen hier ein. Ab Mitte der 1950er Jahre wurden dann Kinder aufgenommen, für die der Staat Erziehungshilfe leisten musste.

Kollektiverziehung und strenge Regeln prägten ihr Leben, so Dreffke, aber nie habe ihm einer der Ehemaligen etwas von Schikanen berichtet. In den DDR-Jahrzehnten lebten im Heim bis zu 50 Kinder, heute wohnen hier 20 in zwei alters- und geschlechtsgemischten Gruppen, für die jeweils vier Erzieher zuständig sind. Die Tatsache, dass der Bedarf höher ist als die vorhandenen Heimplätze, findet der Pädagoge bedenklich. Aufgenommen werden Kinder von drei bis 18 Jahren, zurzeit ist das jüngste Kind acht, das älteste 17.

In den vergangenen Jahrzehnten ist das Haus nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich den neuen Erfordernissen angepasst worden. Neben der Umstellung auf Wohngruppen gehört seit 1996 das betreute Jugendwohnen in der Stadt dazu, um junge Menschen gut vorbereitet ins selbstständige Leben als Erwachsene entlassen zu können, wenn eine Rückkehr ins Elternhaus nicht möglich ist. Zudem ist die »Arche« heilpädagogisch-integrativ ausgerichtet. Inzwischen bietet das Heim auch »Flexible Elternhilfe« für alleinstehende junge Mütter an, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. »So wird vermieden, dass Kinder von ihrer Mutter getrennt werden müssen«, sagt Martin Dreffke. Und in der Not gibt es im Heim eine Schutzstelle für den Fall, dass ein Kind sehr schnell aus seiner Familie in die Obhut des Jugendamtes übernommen werden muss. Seit 2015 sind Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit heute insgesamt 14 Plätzen hinzugekommen. Aktuell plane man, die Zahl der Mitarbeiter aufzustocken. Insgesamt ist die »Arche« Arbeitgeber für 23 Frauen und Männer auf den Gebieten Erziehung, Hauswirtschaft und Verwaltung.

»Bei uns gibt es keinen Stillstand«, sagt Martin Dreffke. »Es wird immer wieder neu geschaut, was aktuell gebraucht wird, und ein klassisches Kinderheim wird immer gebraucht.«

Angela Stoye

5. Mai, Arche, 15 Uhr: Treffen ehemaliger Bewohner und Mitarbeiter

6. Mai, St. Jakob

11 Uhr: Fest- und Familiengottesdienst

www.arche-kh.de

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Verfolgt

24. März 2018 von redaktionguh  
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Im aktuellen Bericht der Thüringer Landesregierung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur findet sich auch eine Arbeitsgemeinschaft mit unaussprechlichem Namen – kurz: AG Christen. Diese AG habe festgelegt, steht da zu lesen, wegen der historischen Dimension des Begriffs »Christenverfolgung«, davon Abstand zu nehmen, im Zusammenhang mit den Erfahrungen in der DDR allgemein von »verfolgten Christen« zu sprechen.

Das verlangt, meines Erachtens, unbedingt eine Begriffsklärung. Natürlich kann man eine Christenverfolgung wie im alten Rom nicht mit der in der DDR vergleichen. Aber dennoch betrachten sich Menschen, die damals in der jungen Gemeinde aktiv waren, durchaus als Opfer, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Auch Pfarrer, die sich in den späten 50er-Jahren und Anfang der 60er aktiv für die Konfirmation und gegen die Jugendweihe starkmachten, wurden so lange schikaniert, bis sie aufgaben, in den Westen gingen oder inhaftiert wurden.

Markus Anhalt schreibt in seinem Buch »Die Macht der Kirchen brechen«, welchen starken Anteil die Staatssicherheit an der Durchsetzung der Jugendweihe hatte und wie sie diejenigen schikanierte, die sich kirchlich engagierten. Das Leid und die Repressalien von Jugendlichen, die sich für Konfirmation und gegen die Jugendweihe entschieden, lassen die untersuchten Aktentexte erahnen. Unter Tränen haben Betroffene (ehemalige Firmlinge und Konfirmanden) bei einer Diskussion über das Thema »Jugendweihe und Christen« beim Katholikentag in Leipzig geschildert, wie sie drangsaliert wurden. Ihr Leben, so sind sie sich heute sicher, wäre anders verlaufen, wenn sie sich anders entschieden hätten.

Da gibt es große Verwundungen, über die bis heute nicht gesprochen wird – auch nicht in der interministeriellen Arbeitsgruppe.

Diana Steinbauer

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»Das letzte Wort wird Christus sprechen«

26. Februar 2018 von redaktionguh  
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Lieblingsfeind der Stasi: Ludwig Große erinnert sich an seine Zeit als Superintendent in Saalfeld

Vorsichtiges Taktieren und lauwarmes Gerede sind Ludwig Großes Sache nie gewesen – schon als junger Pfarrer in Tannroda nicht, als Superintendent in Saalfeld von 1970 bis 1988 schon gar nicht. Das hat ihn zum Lieblingsfeind der Stasi gemacht. Als er sich vor 30 Jahren überzeugen ließ, als Oberkirchenrat und Ausbildungsdezernent in den Eisenacher Landeskirchenrat zu wechseln, hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit allerdings die Zähne an ihm ausgebissen. Dabei ist nichts unversucht gelassen worden, um ihn zu disziplinieren.

Mittlerweile ist Ludwig Große alt geworden, fast 85. Wir sitzen mit seiner Frau im Wohnzimmer des Bad Blankenburger Hauses, das ihr Großvater gebaut hat. Der Blick geht ins Weite und in die Vergangenheit. »Nur gut, dass wir uns damals der Gefahren nicht so bewusst gewesen sind«, sagt Ursula Große, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin immer berufstätig war.

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Seine Stasiakten haben im Nachhinein gezeigt, dass an ihm und seiner Familie die ganze Klaviatur geheimdienstlicher Maßnahmen angewendet wurde, um den Superintendenten auszuschalten, der Jugendliche in Scharen anzog, der wortgewaltig predigen konnte, sich tatkräftig vor seine Gemeindeglieder stellte, der sich mit seinen Pfarrern einig war, mit allen Mitarbeitern bestens zusammenarbeitete und als Synodaler der Landeskirche, des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und als Mitglied in der Konferenz der Kirchenleitungen Einfluss und Informationen aus erster Hand hatte.

Drei »Operative Vorgänge mit dem Ziel der Zersetzung«, wie die ungeschminkte Formulierung hieß, bedeuteten permanente Beobachtung. Auf persönliche Anweisung Erich Mielkes durften die vier Kinder kein Abitur machen, streckenweise Telefonterror Tag und Nacht, Briefaktionen an die Kollegen mit der Unterstellung moralischer Verfehlungen, kompromittierende Fotomontagen – alles anonym natürlich.

Und immer wieder der Versuch, ihn durch Drohungen einzuschüchtern oder aber mit Versprechungen zu ködern, als Druckmittel die Arbeit im Grenzgebiet zu erschweren oder die Veranstaltungsordnung restriktiv zu handhaben und ihn bei der Kirchenleitung anzuschwärzen. Alles erfolglos.Für den Ernstfall war vorgesehen, ihn mit anderen missliebigen Bürgern auf der Leuchtenburg zu internieren.

»Der Schutzengel war immer da«, sagt Ludwig Große. Wenn er wieder einmal zum Rat des Kreises musste, haben die Gemeindeschwestern für ihn gebetet. Und nicht nur die. Nach der Wende schlug ihn die Saalfelder Kirchengemeinde für das Bundesverdienstkreuz vor. »Das letzte Wort über das Leben eines Menschen wird Christus sprechen«, weiß er. Aber er hat die Würdigung angenommen für alle Christen, die widerständig waren um ihres Glaubens willen.

Christine Lässig

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Von »Milchglasnost« und anderen Wundern

26. Februar 2018 von redaktionguh  
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Kirchenpresse: Es ist überaus spannend, im Jahrgang 1988 der evangelischen Wochenzeitungen »Glaube und Heimat« und »Die Kirche« zu blättern.

Während die eine für die Leser der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen bestimmt war, erschien die andere in der Landeskirche Berlin-Brandenburg und verfügte unter anderem über eine Magdeburger Ausgabe für die Kirchenprovinz Sachsen. Bei der Lektüre fällt auf, dass sich die Chefredakteure Gottfried Müller und Gerhard Thomas oftmals an der Grenze des Machbaren bewegten – und diese gelegentlich überschritten. Immer im Bestreben, brennende gesellschaftliche Themen anzusprechen, die in der offiziellen SED-Presse und den Zeitungen der Blockparteien nicht vorkamen, aber die Menschen bewegten.

So findet sich im gebundenen Jahrgang 1988 der Magdeburger Ausgabe die Eintragung, dass fünf Nummern nicht erscheinen konnten. »Glaube und Heimat« war davon zweimal betroffen.

Chefredakteur Gerhard Thomas (li.) und Superintendent Christof Ziemer während des Abschlußgottesdienstes der 3. Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Dresdner Kreuzkirche am 30. April 1989. Fotos (2): epd-bild

Chefredakteur Gerhard Thomas (li.) und Superintendent Christof Ziemer während des Abschlußgottesdienstes der 3. Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Dresdner Kreuzkirche am 30. April 1989. Foto: epd-bild

Deutlich zu erkennen ist das Bestreben, an Diskussionsprozessen teilzunehmen und eigene Positionen einzubringen. So beklagt sich beispielsweise im Dezember 1987 Gottfried Müller, dass beim DDR-Schriftstellerkongress die Kirchenpresse nicht akkreditiert wurde und nur die »volkseigenen Medien« sowie Funk- und Presseleute westlicher Redaktionen vertreten waren. Dabei habe sich gezeigt, dass auf östlicher und westlicher Seite spezifische Formen von »Milchglasnost« gepflegt wurden. »Auf diese Weise«, so der Kommentator, »ereignete sich das physikalische Wunder, dass erst die Addition von Milchglasnost und Milchglasnost die volle Glasnost ergab.« Und er spricht die Hoffnung aus, »dass wir uns in einem halben Jahrzehnt, wenn man zum nächsten Kongress rüstet, auf solches Zusammenfügen von publizistischen Halbheiten nicht mehr einzulassen brauchen«.

In Nr. 1/1988 verweist er darauf, dass Volksbildungsministerin Margot Honecker in einem Interview mit der »Jungen Welt« Verständnis für junge Leute bekundet hat, »wenn sie unausgewogene, ja zugespitzte Fragen stellen«. Sie habe damit ein Problem berührt, das weit über den Schulbereich hinaus reiche. »Auch im Betrieb, in den gesellschaftlichen Organisationen, in den Massenmedien und nicht zuletzt in der Kirche sollte jederzeit Raum für Fragen sein, selbst wenn diese von den Verantwortungsträgern nicht immer als angenehm empfunden werden. Fragen dürfen ist so etwas wie ein Menschenrecht.«

Gottfried Müller, Chefredakteur »Glaube und Heimat« von 1981 bis 1990. Foto: Willi Wild

Gottfried Müller, Chefredakteur »Glaube und Heimat« von 1981 bis 1990. Foto: Willi Wild

»Die Kirche« bringt in Nr. 4 auf Seite 2 einen Beitrag von Bausoldaten, die einen »Zusatzmonat« im Umweltschutz und Sozial- und Gesundheitswesen leisteten, um ein Zeichen für zivilen Wehrersatzdienst zu setzen.

In Nr. 6 berichtet »Glaube und Heimat« von einer Fürbittandacht am 30. Januar, in der sich die Berliner Kirchenleitung für die Freilassung der am Rande der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration Festgenommenen einsetzte. Ab Nr. 7 wird der Boden für die »Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« bereitet, die vom 12. bis 15. Februar in Dresden tagt und an deren Vorbereitung sich engagierte Christen mit über 10 000 Vorschlägen beteiligten.

Michael von Hintzenstern

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Wegbereiter der Revolution

23. Februar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988: Das Reformprogramm von Gorbatschow stieß in der DDR auf Widerstände. Die greisenhaft versteinerte SED-Führung witterte Gefahr, ihr Machtanspruch könnte infrage gestellt werden.

Chefideologe Kurt Hager beantwortete eine Reporterfrage nach dem Reformvorbild Sowjetunion mit der Gegenfrage: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Collage: Adrienne Uebbing

Collage: Adrienne Uebbing

Die einige Monate später im Oktober 1987 in Görlitz tagende Synode des DDR-Kirchenbundes glaubte allerdings, Hager sei inzwischen überholt und der Reformzug habe auch in der DDR an Fahrt gewonnen. Man dachte vor allem an zwei Ereignisse, die im September stattgefunden hatten: die Reise Erich Honeckers nach Westdeutschland und die Veröffentlichung eines Dokumentes unter dem Titel »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«. Der Text war aus einem Dialog zwischen Vertretern der SED und der SPD hervorgegangen und enthielt Aussagen wie: »Die offene Diskussion über den Wettbewerb der Systeme, ihre Erfolge und Misserfolge, Vorzüge und Nachteile, muss innerhalb jeden Systems möglich sein.«

Als die Synode, dadurch ermutigt, eine couragierte Entschließung zur Friedensfrage verabschiedete, sah die SED jedoch eine rote Linie überschritten und Hager durfte die Reformbremse wieder anziehen. Die Hoffnungen des Herbstes erwiesen sich als Illusionen. Den Kirchen und dem ganzen Land stand mit dem Übergang in das Jahr 1988 ein Winter des Missvergnügens bevor.

Alle Befürchtungen wurden Realität in den sogenannten Berliner Ereignissen. Dazu gehörte eine Stasiaktion gegen die Umweltbibliothek der Zionsgemeinde und im Januar 1988 der Einsatz von Gewalt, als Regimekritiker sich am offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch beteiligen wollten mit Plakaten, die das Luxemburgzitat variierten: »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!« In beiden Fällen kam es zu Mahnwachen und Solidaritätsaktionen mit den Gefangenen und Ausgewiesenen.

Jetzt zeigte sich, dass im Umfeld der Kirchen zwei schon länger bestehende Bewegungen immer mehr in die Öffentlichkeit drängten: einerseits Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, andererseits die Antragsteller auf ständige Ausreise aus der DDR. Für die Kirchenorganisationen, ihre Gemeinden und Leitungen bedeutete das, für alle da sein zu müssen, die ihrer Hilfe bedurften. Allerdings verstand nicht jeder das Bestreben, als Helfer das kirchliche Profil wahren zu wollen.

Einen überaus wichtigen Beitrag für das Gelingen der am Horizont heraufziehenden Revolution haben 19 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften in Gestalt der »Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« geleistet, deren erster Abschnitt im Februar 1988 in Dresden begann.

In den Beratungsergebnissen, in denen sich das Versammlungsmotto spiegelte, erblickten die Aufpasser von SED und Stasi jedoch den Versuch »bestimmter Kräfte«, die »Kirche im Sozialismus« zu einer Opposition gegen den Sozialismus umzugestalten. Für den Gegenschlag wurde das staatliche Presseamt in Stellung gebracht. Das hatte der Kirchenpresse verboten, über die Ökumenische Versammlung zu berichten. Dieses Verbot war gegen den Widerstand auf Seiten der Kirchen nicht vollständig durchsetzbar.

Umso stärker wütete die Zensur in den folgenden Monaten, als in der DDR mehrere Kirchentage stattfanden, darunter ein Treffen in Erfurt. »Glaube und Heimat« erlitt sieben Eingriffe, zweimal durfte sie nicht erscheinen. Auf den Kirchentagen selbst konnte jedoch frei über die immer notwendiger werdende Umgestaltung der DDR gesprochen werden. »Umkehr führt weiter« hieß es in Erfurt.

Die SED-Oberen blieben auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1988 bei ihrer Politik der Verweigerung. In ihrer Ablehnung jeglicher Veränderungen riskierten sie sogar den Konflikt mit dem Reformer Gorbatschow. Sowjetische Filme und Publikationen wie das beliebte Magazin »Sputnik« wurden aus dem Vertrieb in der DDR herausgenommen. Die Revolution näherte sich mit großen Schritten.

Gottfried Müller

Der Autor war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube und Heimat«.

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Helau! Und: Amen

9. Februar 2018 von redaktionguh  
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Vor Aschermittwoch kommt der Karneval. Karneval polarisiert. Wo er gefeiert wird, gibt es in der Regel nur: Mitfeiern oder Rückzug. Gebt dem Karneval eine Chance, meint unser närrisch-frommer Gastautor.

Der Bürgermeister von Rio, eines der beiden Weltzentren dieser tollen Tage, weigert sich, den Karneval mitzufeiern oder ihn auch nur zu unterstützen. Er selbst nennt sich evangelikal. So steht er in einer Traditionslinie, die man salopp so formulieren kann: Evangelische sind Karnevalsmuffel.

Da wären wir beim anderen Weltzentrum des Karnevals, in Wasungen, wo noch kein Bürgermeister so eine Distanz wagte. Selbstverständlich hat sich die lutherische Geistlichkeit der kleinen, evangelisch geprägten Stadt von Anfang an gegen die Fastnacht (so der ursprüngliche Name) als katholisches Relikt gestellt, nicht nur wegen der befürchteten Exzesse, sondern wegen der Passionszeit, die, als Fastenzeit verstanden, lediglich ein Ausdruck papistischer Werkgerechtigkeit sein konnte. Der große Wasunger Dichter und Komponist Johann Steurlein, ein treuer und frommer Lutheraner, schrieb hingegen Fastnachtsstücke und schaffte es dennoch in das Evangelische Gesangbuch.

Karneval in Wasungen erfasst und verbindet, über die Generationen, ja, über die Zeiten hinweg, auch die Reformation konnte dem nichts anhaben. Aschermittwoch war damit aber Schluss. Konsequent, aber auch schmerzhaft. Das zeigt den Geist wahrer Tradition – in den umliegenden Dörfern werden dagegen die einstigen LPG-Narreteien, die in der DDR ins Leben gerufen wurden, oft bis kurz vor der Karwoche veranstaltet. Das schmerzt nicht nur den Christen, sondern auch den Karnevalisten.

Seit elf Jahren feiern die Wasunger wieder Aschermittwoch in der Kirche. Jeder Karneval steht unter einem Motto in fränkischer Mundart. So auch der Aschermittwoch. Heißt das Karnevalsmotto in diesem 483. Jahr (so die Geschichtsschreibung): »Ganz Woasinge stätt Koopf«, so lautet das Motto für den Aschermittwochsgottesdienst: »Fass dir ein Herz on komm uff die Föss!« Am Sonntag Sexagesimä sind nach dem Gottesdienst die Palmzweige verbrannt worden, die am letzten Palmsonntag feierlich in die Kirche getragen worden waren; so wird die Asche gewonnen, mit denen die Stirn der Gottesdienstbesucher gezeichnet wird, verbunden mit Jesu Ruf: Kehr um und glaube an das Evangelium!

Im Gottesdienst können die Feiernden in einer Zeit der Besinnung auf Zettel schreiben (oder auch nur auf ihr Herz): Wie kann ich die Tage bis zum Osterfest nutzen? Man mag das als Abkopieren katholischer Bräuche abtun, das wegen des Eventcharakters an der Oberfläche bleibt. Man mag das als ein Mitschwimmen auf der Modewelle »Fasten« misstrauisch beäugen.

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Die Wasunger Kirche hat sich aber nicht in eine Eventkirche verwandelt. Der Gottesdienst ist stets getragen von großer Andacht und Ernsthaftigkeit derjenigen, die noch vor kurzem ganz im Ruf »Ahoi« aufgegangen sind. Merkwürdigerweise hat das von Anfang an funktioniert, ohne den Anschluss an Fastenkampagnen aus Hannover. Ganz leicht verstehen die Menschen, gerade auch die jungen unter ihnen, welche Chance diese Zeit der Umkehr bietet. Ihnen fällt meist spontan ein, worum es ihnen gehen könnte: den Verzicht auf den Abgott elektronische Verfügbarkeit.

Allen Skeptikern sei recht gegeben: Das Ziel echten Fastens ist nicht Selbstoptimierung, ob nun gesellschaftlicher, leiblicher oder intellektueller Art; es ist die Chance, sich selbst auf den Grund zu gehen und dabei zu erfahren, dass dieser Grund nicht in uns liegt: Christus trägt uns. Im Verzicht auf das, was uns unnötigerweise bindet – was das ist, kann nur jeder selbst wissen –, stoßen wir auf manchmal sogar schmerzhafte Art an unsere Grenzen und gewinnen doch neue Möglichkeiten, uns für den zu öffnen, in dessen Opfer am Kreuz unsere Freiheit liegt.

Wird die bunte Gesellschaft, die zu Aschermittwoch in die Kirche kommt, werden alle Fastenden hinter der Fastenzeit auch die Passionszeit für sich wahrnehmen? Legen wir diesen Maßstab an, dürften wir wohl auch nicht Weihnachten oder Ostern feiern. Und nun: Ahoi! Und: Amen.

Stefan Kunze

Der Autor ist Pfarrer in Wasungen und steigt dort regelmäßig in die Bütt.

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