Mehr Platz, mehr Licht und neue Pläne

17. April 2017 von redaktionguh  
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Die Auferstehungskirche in Dessau ist für 250 000 Euro umgestaltet worden. Und die Gemeinde hat bereits weitere Umbau-Ideen.

Einmal links oder rechtsrum oder doch geradeaus? Die zweite oder dritte Tür links? Und wo noch mal war jetzt das Gemeindebüro? Die vergangenen sechs Monate waren für die beiden Pfarrerinnen, die Mitarbeiter und für die rund 800 Mitglieder der Auferstehungsgemeinde im Dessauer Stadtteil Siedlung keine leichte Zeit. Da konnte man schon einmal die Orientierung verlieren. Schließlich hat man es nicht alle Tage, dass eine Kirche einer Großbaustelle gleicht.

Seit dem vergangenen Oktober wurde am Ende der 1920er-Jahre errichteten Gotteshaus gehämmert, gebohrt, Betonwände herausgerissen, Glaswände eingesetzt und ein Anbau gezimmert. Am Palmsonntag konnte die umgebaute Kirche dann offiziell in Betrieb genommen werden. Ein lautes »Ah« und »Oh« schallte durchs Gotteshaus, als die Gäste des Festgottesdienstes erste Blicke in das neue Innenleben nach dem Umbau werfen konnten.

Wo früher ein langer dunkler Flur zum Altarraum führte, ist es jetzt lichtdurchflutet hell. Eine Glasfront lässt Sonne durch und weist den Weg. Dafür verschwanden der dunkle Flur und die angrenzenden Gemeinderäume. Als Winterkirche soll der Bereich hinter dem Haupteingang zukünftig genutzt werden. Das Gemeindebüro wurde in einen neuen Anbau an der Vorderfront der Kirche verlegt.

Für das Gemeindebüro wurde ein neuer Anbau geschaffen: Der Gemeindevorstand freut sich darüber mit Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch (2. v. l.) und Pfarrerin Ina Killyen (3. v. r.). Foto: Lutz Sebastian

Für das Gemeindebüro wurde ein neuer Anbau geschaffen: Der Gemeindevorstand freut sich darüber mit Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch (2. v. l.) und Pfarrerin Ina Killyen (3. v. r.). Foto: Lutz Sebastian

»Es hat sich definitiv gelohnt, diesen Weg zu gehen«, stellt Ina Killyen, eine der Gemeindepfarrerinnen, fest. Fünf Jahre ist es her, dass der hohe Grundwasserspiegel wieder einmal das Wasser in die Kellerräume der Gemeinde drückte. Wieder den Dreck beseitigen. Wieder die Räume sanieren. Die Kirchengemeinde war dessen müde.

Die Räume im Kellergeschoss wurden zunächst gesperrt. Doch im Erdgeschoss wurde es recht schnell eng. Ein regelrechtes Jonglieren, um alle Gemeindeaktivitäten unter ein Dach zu bekommen.

Ein Umbau musste her. »Wir haben viel diskutiert, geplant, wieder verworfen, neu diskutiert und geplant«, erinnert sich Ina Killyen an eine aufreibende Zeit. Es war der Denkmalschutz, der mehr als einmal einen Strich durch die Rechnung machte. Manche architektonischen Pläne waren danach noch nicht einmal das Papier wert, auf dem sie standen.

Die Wende leitete vor drei Jahren das Magdeburger Architekturbüro »Dr. Ribbert Saalmann Dehmel« ein. Die Architekten haben schon einige Kirchen umgebaut. Auch die Dessauer Auferstehungskirche gehört seit Kurzem zu diesem Portfolio. »Wir haben mit allen Beteiligten hart gerungen«, blickt der ausführende Architekt Friedhelm Ribbert zurück. Der Denkmalschutz gab grünes Licht. Der Bauausschuss der Gemeinde stimmte den Plänen zum Büroanbau und zur neuen Winterkirche zu. Damit konnten auch die nötigen Umbaukosten aufgetrieben werden. Aus Spenden, Eigenmitteln der Gemeinde, Zuschüssen der Landeskirche Anhalts und durch Fördermittel, unter anderem von Lotto Toto und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, wurden die nötigen 250 000 Euro zusammengetragen und innerhalb eines halben Jahres verbaut.

Doch ist das nur eine Etappe. Nach Möglichkeit innerhalb eines Jahres sollen die Außenhülle und das Dachgebälk der Kirche saniert, der Küchentrakt erneuert und hinter dem Altar mit einer Glasfront ein Durchbruch geschaffen werden. Dahinter befindet sich der »Garten Eden« der Gemeinde. »Wir würden vom Eingang über den Altar eine neue Sichtachse zum Kirchgarten freilegen«, erklärt Friedhelm Ribbert. Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal in der Region. Insgesamt noch einmal rund 250 000 Euro würden die geplanten weiteren Maßnahmen kosten. Spendenaktionen und Fördermittelanträge laufen bereits.

Die Verschnaufpause zwischen den Baustellen will die Gemeinde intensiv auskosten. »Platzprobleme dürften jetzt der Vergangenheit angehören. Problemlos können mehrere Veranstaltungen parallel laufen«, freut sich die Dessauer Kreisoberpfarrerin und zweite Pfarrerin der Auferstehungsgemeinde, Annegret Friedrich-Berenbruch, über die neue Freiheit. Der Gemeindekalender für die nächsten Monate ist gut gefüllt.

Danny Gitter

Cranach unter der Lupe

3. April 2017 von redaktionguh  
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Auch berühmte Gemälde brauchen gelegentlich eine Durchsicht: Die drei Bildtafeln von Lucas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren in der Dessauer Kirche St. Johannis werden alle zwei bis drei Jahre von einer Fachfrau unter die Lupe genommen. Von Gerüsten aus untersucht Angela Günther jeden Millimeter des Rahmens und der Bilder, die beinahe 500 Jahre alt sind. »Die Oberfläche wird kontrolliert, wenn nötig mit Fischleim gefestigt, dann ganz sanft abgesaugt und mit einem Pinsel abgestrichen«, sagt die Restauratorin. »Dadurch werden die Bilder nicht nur leicht gesäubert, man sieht auch, wo kleine Farbteile abgeplatzt sind oder die Farbe Blasen wirft. Dazu muss man ganz nahe an die Bilder herangehen.« Schadhafte Stellen werden auf Fotokopien eingezeichnet und in einem zweiten Schritt ausgebessert. Wo Farbe fehlt, wird vorsichtig retuschiert. »Die Maltechnik der Cranachs war so gut, dass wir hier nur wenige Farbschichten haben, die sich gegeneinander verschieben und dabei Risse und Abplatzungen verursachen.«

Foto: Johannes Killyen

Foto: Johannes Killyen

Humanitäre Hilfe unter eigenem Dach

13. März 2017 von redaktionguh  
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Familie Nahlik hat einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufgenommen

Sie konnten es damals, im Sommer 2015, noch nicht ahnen, dass die Bilder von den verzweifelten Menschen auf dem Mittelmeer auch ihr Leben stark beeinflussen würde. In ihrem heimischen Wohnzimmer im Dessauer Stadtteil Siedlung saßen Constanze und Tobias Nahlik mit ihren Kindern vor dem Fernseher und verfolgten die allabendlichen Nachrichten. »Über all die Unglücke und Katastrophen, die regelmäßig über den Bildschirm flimmerten, konnten wir mit unseren Kindern reden«, sagt Constanze Nahlik. »Doch als wir die Bilder von den überfüllten Booten auf dem Mittelmeer sahen, fehlten uns die Worte«, ergänzt Tobias Nahlik. Kollektiv haben sie mit vier ihrer fünf Kinder, vom Kleinkind bis zum fast erwachsenen Jugendlichen geweint, erinnert sich das Ehepaar. Die älteste Tochter war zu diesem Zeitpunkt nach dem Abitur gerade in Buenos Aires für ein soziales Jahr.

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Die Tränen waren kaum getrocknet, da beschlossen die Psychiaterin und der Pädagoge, der beim Eine-Welt-Netzwerk Sachsen-Anhalt arbeitet, zusammen mit ihren Kindern gegen das Elend, was sie da täglich in den Nachrichten sahen, etwas zu tun. Die ersten Aktionen liefen auch in Dessau-Roßlau an. In seiner katholischen Gemeinde genauso wie in ihrer evangelischen. In der Ökumene vereint haben sie dennoch beschlossen, sonntäglich als Familie komplett in den katholischen Gottesdienst zu gehen. Der Propst predigte es eindringlich von der Kanzel, angesichts dieser humanitären Katastrophe aktiv zu unterstützen, wo es einem persönlich möglich ist. Geld- und Kleiderspenden, Deutschunterricht und Ausflüge mit den Geflüchteten kamen der Familie im ersten Moment in den Sinn. Das alles machte sie nicht wirklich glücklich.

Ein stärkeres Zeichen wollten sie setzen. Einem unbegleiteten Minderjährigen wollten sie in ihren eigenen vier Wänden ein Obdach geben. Die älteste Tochter, die gerade in Argentinien weilte und deren Zimmer frei war, gab nach einem Anruf sofort grünes Licht dafür. Auch Bekannte in Berlin ermutigten die Familie, das zu tun. Schließlich gab es in der Bundeshauptstadt schon einige Menschen, die einem unbegleiteten Minderjährigen ein Zuhause statt einer Massenunterbringung in einem Heim oder einer Wohngruppe gaben. Doch Dessau ist nicht Berlin. Das spürte Familie Nahlik schnell. Zwar unterstützten die Mitarbeiter des Jugendamtes ihr Begehren nach Kräften. Doch viele bürokratische und rechtliche Hürden mussten überwunden werden. Fast neun Monate dauerte es, bis sie den Anruf vom Jugendamt bekamen, dass möglicherweise ein Kind für die Pflegschaft gefunden wurde.

Seit Pfingsten 2016 lebt ein 15-jähriger Junge aus Äthiopien bei ihnen. Er geht in eine Willkommensklasse. In einem Fußballverein trainiert er regelmäßig. Seit Neuestem lernt er Klavier. Er ist der Einzige von 38 Unbegleiteten in Dessau, der eine Pflegefamilie gefunden hat. Ob ihn das glücklich macht, wissen sie nicht. Wohin die Reise mit ihm geht, auch nicht. Nur eins wissen sie ganz bestimmt. »Wir würden es wieder tun«, sagt Constanze Nahlik voller Überzeugung.

Danny Gitter

Tolle Tage im Namen Luthers

8. März 2017 von redaktionguh  
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Mit über 150 Veranstaltungen wird die Dessauer Innenstadt ab dem Himmelfahrtstag zur Festmeile


Stell dir vor, es ist Reformationsjubiläum und keiner geht hin. Diese Sorge machen sich die Organisatoren des Dessau-Roßlauer Kirchentages auf dem Weg nicht. Mögen über 80 Prozent der Bewohner der Doppelstadt zwischen Elbe und Mulde auch keiner christlichen Kirche angehören, dass die drei tollen Tage von Christi Himmelfahrt bis Samstagabend und mit dem großen zentralen Abschluss am Sonntag in der Lutherstadt Wittenberg ein großer Erfolg werden, daran zweifelt niemand. 5 000 Gäste aus nah und fern erwartet die Bauhausstadt zu ihrem Kirchentag auf dem Weg. Ein amerikanischer Studentenchor hat bereits seinen Besuch angekündigt. Die Kirchengemeinden der Stadt haben Mitglieder ihrer Partnerkirchen, unter anderem aus den Niederlanden und Tschechien, eingeladen. Aber auch viele Einheimische und Individualtouristen aus allen Teilen der Welt werden in Dessau-Roßlau erwartet.

Die Organisatoren des Kirchentages auf dem Weg in Dessau- Roßlau mit dem Vorstand der Anhaltischen Philharmonie Dessau (von links): Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Bernbruch, Orchestermusiker Ekkehard Neumann, Generalintendant Johannes Weigand, Reformationsbeauftragter Andreas Janßen, Maren Springer-Hoffmann (Verein Reformationsjubiläum 2017), Orchestermusiker Jens Uhlig, Kulturamtsleiter Steffen Kuras und Orchestermusiker Lukas Fichtner. Foto: Landeskirche Anhalts/Johannes Killyen

Die Organisatoren des Kirchentages auf dem Weg in Dessau- Roßlau mit dem Vorstand der Anhaltischen Philharmonie Dessau (von links): Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Bernbruch, Orchestermusiker Ekkehard Neumann, Generalintendant Johannes Weigand, Reformationsbeauftragter Andreas Janßen, Maren Springer-Hoffmann (Verein Reformationsjubiläum 2017), Orchestermusiker Jens Uhlig, Kulturamtsleiter Steffen Kuras und Orchestermusiker Lukas Fichtner. Foto: Landeskirche Anhalts/Johannes Killyen

Sie alle wollen und sollen auf über 150 Veranstaltungen die Reformation feiern. Gemäß dem Motto »Forschen.Lieben.Wollen.Tun.« des in Dessau geborenen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, der Lessing zu »Nathan der Weise« inspiriert haben soll, zeigt die Stadt sich von ihrer besten Seite. »Wir haben durchaus Gastgeberqualitäten«, ist Steffen Kuras, Kulturamtsleiter von Dessau-Roßlau, fest überzeugt. Bereits vor fünf Jahren bewies die Stadt, dass sie große Formate erfolgreich stemmen kann. Der Sachsen-Anhalt-Tag machte 2012 zum Jubiläum »Anhalt 800« Station in der Dessauer Innenstadt. Jetzt ist es das Reformationsjubiläum, das einiges an logistischer Herausforderung, Einfallsreichtum und Organisationsgeschick verlangt. Doch die Mission ist auf dem Weg, eine ziemlich erfolgreiche zu werden.

»Da ist für wirklich jeden was dabei, unabhängig von Konfession und Glaube«, sagt Andreas Janßen, der Reformationsbeauftragte der Landeskirche Anhalts. Bibelarbeiten, wie es sich für einen Kirchentag gehört, wird es geben, auch mit Prominenten, wie dem ehemaligen sachsen-anhaltischen Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz, einem studierten Erziehungswissenschaftler, im Audimax der Hochschule Anhalt. Zahlreiche Gottesdienste, Andachten, Ausstellungen, Vorträge und Gesprächsrunden werden geboten. Aber auch Formate, die es unter den acht mitteldeutschen Städten mit ihrem Kirchentag auf dem Weg nur in Dessau-Roßlau gibt. Nach dem Eröffnungsgottesdienst am 25. Mai wird das Anhaltmahl, eine 500 Meter lange Tafel in der Zerbster Straße, zum gemeinsamen Speisen, Gedankenaustausch und Verweilen einladen. Die Hälfte der rund 250 geplanten Tische hat schon Paten gefunden, die als Gastgeber Speis und Trank reichen.

Zeitgleich haben alle städtischen Museen bis Mitternacht geöffnet. Es sind zahlreiche Angebote, die am Freitag und Samstag entdeckt werden wollen. Der Dessauer Marktplatz wird zur Freiluft-Bibliothek mit Bücherregalen, diversen Lesungen und Leseecken. Im Anhaltdorf kann in Kultur und Geschichte der Region abgetaucht werden. Die Auferstehungskirche lädt dazu ein, sich im Hochseilgarten getragen zu fühlen. Zum krönenden Abschluss am Abend des 27. Mai setzt die Anhaltische Philharmonie mit Dessauer Chören mit »Preisen.Singen.Jubilieren« auf dem Marktplatz einen musikalischen Höhepunkt.

»Es ist schön, wenn auch die Musik Vertreter aller Religionen und Nichtchristen zusammenbringt«, erläutert Johannes Weigand, der Generalintendant des Anhaltischen Theaters, was für ihn den Kirchentag ausmacht.

Danny Gitter

www.r2017.org

Anhalt schrieb Reformationsgeschichte

27. Februar 2017 von redaktionguh  
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Die Welt blickt 2017 zumeist auf Wittenberg. Aber auch andernorts wurde evangelische Kirchengeschichte geschrieben. In Anhalt-Bernburg zum Beispiel, wo Reformierte und Lutheraner schiedlich-friedlich zusammenlebten.

Zwar war das kleine und immer wieder erbgeteilte Fürstentum Anhalt eines der ersten, das sich der Wittenberger Reformation anschloss. Aber im Laufe der Jahrhunderte ging es eigene Wege und leistete sich zwei Konfessionen im Land. Bei einer Tagung unter dem Thema »Von der Reformation zur Union« am 18. Februar in Bernburg stand diese besondere evangelische Kirchengeschichte vom 16. bis 19. Jahrhundert in Mittelpunkt.

Der Historiker Justus Vesting (Halle) zeigte am Beispiel des Fürsten Wolfgang von Anhalt-Köthen (1492–1566) auf, dass Anhalt durchaus Weltpolitik mitschrieb. So war der Fürst überall vertreten, wo in Sachen Reformation Bedeutsames geschah: von 1521 beim Reichstag in Worms bis 1547 bei der Schlacht von Mühlberg, die ihm die Reichsacht einbrachte. 1525 führte Wolfgang mit Luthers Hilfe in Anhalt-Köthen und 1526 in Anhalt-Bernburg die Reformation ein.

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

In Anhalt-Dessau nahmen die Fürsten 1534 erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Der gebildete und geschickte Georg III. (1507–1553) war mit Luther befreundet, aber eher Melanchthons Lehren verbunden. »Das Dessauer Abendmahlsbild von 1666 enthält dazu deutliche politische und theologische Aussagen«, so Vesting. In der nachfolgenden Generation, als ganz Anhalt vom Fürsten Joachim Ernst (1536–1596) regiert wurde, war die Spaltung des evangelischen Lagers in Deutschland in Genesiolutheraner (Bewahrer von Luthers Erbe) und Philippisten (Anhänger Philipp Melanchthons) in vollem Gange. Anhalt öffnete sich der reformierten Tradition aus der Kurpfalz. Durch Ämter – Fürst Christian I. wurde 1595 kurpfälzischer Statthalter – und Eheschließungen kam die sogenannte Zweite Reformation mit den Lehren Johannes Calvins auch nach Anhalt. In der Folge wurden Bilder aus den Kirchen entfernt, im Abendmahl gab es Brot statt Oblaten, 1589 fiel der Exorzismus bei der Taufe weg. Gegen die Veränderungen regte sich vor allem in kleinen Orten Widerstand. Am 14. Dezember 1599 legte eine theologische Kommission unter dem Zerbster Theologen Wolfgang Amling dem Herrscherhaus eine neue Kirchenordnung vor. Eindeutig legte sie fest: Brot und Wein beim Abendmahl zeugen nicht von der Realpräsenz Christi, sondern beim Mahl würde – nach dem Verständnis Calvins – der Heilige Geist die Christen untereinander und mit Christus im Himmel verbinden. Zwar trat diese Ordnung nicht in Kraft, aber der Calvinismus setzte sich in Anhalt durch.

Die anderthalb Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg beleuchtete der Historiker Jan Brademann (Dessau-Roßlau) in seinem Vortrag über die Unterschiede von Lutheranern und Reformierten im 17. und 18. Jahrhundert. Der Landesherr hatte weiterhin das Recht, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen. Die Zerbster Linie des Fürstenhauses kehrte 1642 zum Luthertum zurück. In Anhalt-Bernburg hatten sich »lutherische Inseln« um die Patronatskirchen Rathmannsdorf und Hohenerxleben gebildet. Auch in anderen Orten bekannten sich viele Menschen zum Luthertum. »Die konfessionelle Spaltung zog sich durch jedes Kirchspiel und viele Familien«, so Brademann. Es habe zwar Toleranz gegeben, aber keine Gleichberechtigung. Lutheraner mussten mit ihren Anliegen entweder zum reformierten Ortspfarrer oder weite Wege in Kauf nehmen. So wurde das »Auslaufen« zum lutherischen Abendmahl in Gemeinden außerhalb Anhalts üblich, was die Lutheraner zusammenschweißte. »Obwohl sie keine eigenen Pfarrer und keine Organisationsstrukturen hatten, verschwand die konfessionelle Zuordnung nicht«, so Brademann.

Zwar vereinte ab 1728 das Bernburgische Gesangbuch reformierte und lutherische Lieder, doch erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts durften lutherische Einwohner in ihren reformierten Ortskirchen das Abendmahl auf lutherische Weise empfangen. Die »Scheidewand«, wie es der Theologe und ab 1812 Generalsuperintendent von Anhalt-Bernburg, Friedrich Adolf Krummacher (1767–1843), bezeichnete, war dünner geworden.

Die Theologin Claudia Drese (Halle) sprach über die »Reconstruction des Protestantismus« in Anhalt-Bernburg unter dem regierenden Herzog Alexius Friedrich Christian. Nachdem er 1812 die Union angeregt hatte, bat Hofprediger Krummacher die Pfarrer um ihre Meinung. Nach einigem Hin und Her und Bedenken tagte am 26. September 1820 in Bernburg die Unionssynode mit Krummacher als Präses, bei der 46 Prediger die Kirchenunion für Anhalt-Bernburg beschlossen.

Die Trennpunkte Abendmahlsverständnis und Prädestination seien, so Friedrich Adolf Krummacher, dem Glauben und der Erkenntnis des Einzelnen zu überlassen. Die Bezeichnungen »lutherisch« und »reformiert« wurden abgeschafft und durch »evangelisch-christlich« ersetzt. Die Teilnahme an der Kommunion nach dem neuen Ritus blieb für die Erwachsenen weiterhin freiwillig, für Konfirmanden war sie verpflichtend. Warum der Herzog zu diesem Zeitpunkt die Kirchenunion wollte, habe sich ihr leider nicht erschlossen, so Claudia Drese. Ob aus persönlichen Gründen oder ob er Preußen entgegenkommen wollte, »darüber findet sich nichts in der schriftlichen Hinterlassenschaft«.

Angela Stoye

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Es bleibt ein Experiment

12. Februar 2017 von redaktionguh  
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Gibt es in Deutschland genug engagierte Protestanten, um neben dem Berliner Kirchentag auch die sechs mitteldeutschen Kirchentage auf dem Weg zu einem Erfolg werden zu lassen? Mit den Posaunenchören in Leipzig, den Friedensthemen in Magdeburg oder den Umweltthemen in Dessau könnte das klappen.

Freilich – der Begriff »Erfolg« ist wie bei vielen anderen Themen auch an dieser Stelle relativ. Wer die Kirchentage auf dem Weg mit den Kirchentagen der DDR vergleicht, wird ebenso scheitern müssen wie bei einem Vergleich mit dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag. Die Kirchentage auf dem Weg werden anders sein. Sie werden eine neue Veranstaltungsform sein, die es so im deutschen Protestantismus noch nicht gab.

Es werden Treffen sein für Engagierte, für Spezialisten, die sich abseits des großen Trubels in Berlin einem bestimmten Thema widmen wollen. Für Menschen, die vor dem großen Festgottesdienst in Wittenberg nicht die Menschenmassen der Großstadt, sondern die historischen Wirkungsstätten Luthers besuchen wollen. Für Christen aus Mitteldeutschland, die einen Kirchentag vor der Haustüre erleben.

Aber lohnt sich für so etwas der große Aufwand, wenn doch nur 5 000 Menschen nach Halle oder Dessau kommen werden? Auch das hängt davon ab, wo man den Maßstab setzt.

Wenn die 5 000 hinterher sagen, dass sie eine schöne Zeit in Halle und Eisleben hatten, und sich an diese Reise im Jahr 2017 ganz besonders gern zurückerinnern, wäre das jedenfalls ein besseres Ergebnis, als wenn 20 000 kommen, die am Ende typisch protestantisch, also grummeld unzufrieden sind. Und ansonsten dürfte es so sein wie bei allen Experimenten: Mehr wird man erst an deren Ende wissen.

Benjamin Lassiwe

Unterwegs nach Wittenberg

10. Februar 2017 von redaktionguh  
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In Mitteldeutschland gibt es zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die Kirchentage auf dem Weg.

Die Bläser treffen sich in Leipzig. Wer gerne Schiff fährt, kommt nach Magdeburg. Und für Gospelfans sind Halle und Eisleben eine gute Wahl. Bis zu 100000 Menschen werden erwartet, wenn parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 25. bis 28. Mai in den acht Städten Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena und Weimar, Dessau-Roßlau sowie Halle und Eisleben insgesamt sechs Kirchentage auf dem Weg stattfinden sollen. In der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin wurde jüngst das rund 2000 Veranstaltungen umfassende Programm dieser Treffen vorgestellt.

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

»Kirchentage auf dem Weg gibt es nur im Jahr des Reformationsjubiläums«, sagte der Abteilungsleiter Marketing des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Christof Vetter. Im Unterschied zu dem zeitgleich stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Potsdam böten sie etwas intimere Veranstaltungen, »wer nicht zum großen Kirchentag nach Berlin fährt, weil ihm das zu groß ist, fährt vielleicht nach Mitteldeutschland«.

Dabei werden die Kirchentage auf dem Weg schon von der Teilnehmerzahl her höchst unterschiedlich aussehen: In Halle und Dessau werden von den Veranstaltern jeweils nur 5000 Menschen erwartet. Leipzig dagegen, wo im vergangenen Jahr der Katholikentag stattfand, wird mit 50000 erwarteten Besuchern in die Nähe eines klassischen Kirchentags kommen. Denn dort treffen sich schwerpunktmäßig die Posaunenchöre, proben für den großen Festgottesdienst in Wittenberg und veranstalten am Tag zuvor ein großes Festkonzert auf dem Marktplatz.

In Magdeburg wird das Zentrum Frieden angesiedelt sein, in Jena und Weimar finden sich Samba-, Capoeira- und Folk-Bands aus allen Teilen Deutschlands ein, darunter auch Musiker von Rio Reisers Protestband »Ton, Steine, Scherben«.

Und in Dessau steht wegen des dort ansässigen Umweltbundesamtes die Bewahrung der Schöpfung ganz oben auf dem Kirchentagsprogramm. »Wir streiten und fragen, feiern und singen, beten und schweigen nicht allein in Berlin beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag«, sagt Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Man veranstalte Kirchentage auch dort, »wo die reformatorischen Ideen groß wurden, von wo aus sie verbreitet und weitergedacht wurden«. Dabei wolle man auch nicht verkennen, in welchem Umfeld die Veranstaltungen stattfänden: »Nichts, was mit Religion und Glauben zu tun hat, ist in Berlin und Mitteldeutschland selbstverständlich.«

Selbstverständlich bei einem Kirchentag ist dagegen der Auftritt der EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann. Während sie am Donnerstag auf dem Berliner Kirchentag zu Gast ist, wird sie am Freitag und Samstag der Kirchentagswoche vor allem bei den »Kirchentagen auf dem Weg« präsent sein. »Die Kirchentage auf dem Weg nehmen auf, dass die Region Mitteldeutschland für die Reformationszeit prägend war«, sagt Käßmann. »Sie laden ein, Orte der Reformation kennenzulernen und den Menschen in diesen Orten zu begegnen.« Weil die Veranstaltungen kleiner sind als die des großen Kirchentags in Berlin, sind auch die Eintrittskarten etwas günstiger: Die Dauerkarte in Dessau oder Leipzig kostet 59 Euro, während sie in Berlin mit 99 Euro zu Buche schlägt. Für das gesamte Projekt der Kirchentage auf dem Weg, das wie der Berliner Kirchentag auch in den großen Festgottesdienst in Wittenberg mündet, haben die Veranstalter Kosten von 12,5 Millionen Euro kalkuliert: Zwei Millionen Euro werden dabei von den gastgebenden Kommunen aufgebracht – entweder als Bargeld oder als geldwerter Vorteil. »Die Stadt Dessau hat uns beispielsweise angeboten, dass ihr Bauamt unsere Bühne gleich selbst konstruiert«, sagt der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums, Hartwig Bodmann. »So brauchen wir keinen Architekten mehr, und die Bühne ist auch gleich genehmigt.«

Und die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterstützen die Veranstaltungsreihe mit 4,8 Millionen Euro. Den Rest will der Kirchentag über Teilnehmerbeiträge, Spenden, Sponsoring und die Unterstützung der beteiligten Landeskirchen selbst aufbringen.

Benjamin Lassiwe

Advent heißt Ankunft

27. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Kirche am Gleis: Die Bahnofsmission in Halle wird 25 Jahre

Die Bahnhofsmission in Halle feierte in diesen Tagen ihren 25. Gründungstag. Seit 1991 haben die Haupt- und Ehrenamtlichen über 900 000 Mal Menschen geholfen.
Der Wind pfeift eisig durch die Bahnsteighalle. Bellal zieht die schwarze Mütze weiter über die Ohren, strafft die Handschuhe. Es ist ein kalter Dienst an jenem trüben, diesigen Sonntagvormittag im Dezember auf dem Hauptbahnhof von Halle.

»Wir schauen, wer Hilfe braucht«

Bellal ist seit drei Monaten immer wieder hier – er ist ehrenamtlicher Helfer bei der Bahnhofsmission. Der junge Afghane ist an diesem Tag mit Steffen Hoehl, dem stellvertretenden Leiter der Mission, auf den Bahnsteigen, der Kuppelhalle und der Unterführung unterwegs. »Wir schauen, wer Hilfe braucht«, sagt Steffen Hoehl. Als die S-Bahn aus Leipzig mit Verspätung einfährt, ist es zum Beispiel eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Schweres Gepäck aus dem Zug wuchten, bei den Fernzügen älterer Modelle den Reisenden helfen, die Stufen unfallfrei herunterzukommen, alleinreisende Kinder und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen begleiten, Wege weisen, Orientierung geben, ein Lächeln schenken, aufmerksam sein. Das ist ein Aufgabenfeld der Bahnhofsmission, die vor 25 Jahren gegründet worden ist.

Mehr als 900 000 Mal im Einsatz für Menschen

Die Einrichtung zählt damit zu den ältesten ihrer Art in Sachsen-Anhalt. Sie wurde am 20. Dezember 1991 von der katholischen und evangelischen Kirche ins Leben gerufen. Seitdem wurden mehr als 900 000 Kontakte gezählt. Inzwischen ist der evangelische Kirchenkreis Halle-Saalkreis der alleinige Träger. Er finanziert zwei Stellen: Heike Müller als Leiterin und Steffen Hoehl als ihr Stellvertreter sind zwei Hauptamtliche unter rund 20 Ehrenamtlichen. Unterstützung kommt auch von der Stadt Halle, sie finanziert die Frühstücksversorgung – das zweite Aufgabenfeld der Bahnhofsmission.

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Denn die Räumlichkeiten im hinteren Seitenflügel des Bahnhofs sind auch Anlaufpunkt für sozial benachteiligte und einsame Menschen. Draußen auf der Fensterbank stehen Blumenkästen mit Heidekraut, im Fenster hängt weihnachtlicher Schmuck, drinnen sind die Tische sauber und liebevoll eingedeckt, mit Blumen und Deckchen, die Kaffeemaschine blubbert, es ist gemütlich warm. »Wir sind bemüht, hier mit jedem verantwortungsbewusst und respektvoll umzugehen. Das fängt bei einem ordentlich gedeckten Tisch an«, sagt Heike Müller. Sie leitet die Bahnhofsmission seit 17 Jahren.

Was hat sich in dieser Zeit verändert? Es kommen viel mehr psychisch kranke Menschen, bilanziert die ausgebildete Sozialarbeiterin. Lange Arbeitslosigkeit, aber auch der Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen mache die Menschen krank. Es sind hauptsächlich Männer. Die meisten müssen mit einer schmalen Rente auskommen, aber es gibt auch andere Fälle. Bedürftigkeit ist heute ein vielschichtiges Problem, es betrifft längst nicht nur alte oder obdachlose Menschen. »Im Moment kommen auch viele junge Erwachsene, die haben oft schon abgeschlossen, können nicht, wollen nicht. Das macht nachdenklich«, sagt Heike Müller. Ihr Team will den Besuchern mehr als eine Stulle und einen heißen Kaffee mitgeben. Es soll hier auch um Mitmenschlichkeit gehen, um Höflichkeit, Respekt, um Regeln und Rituale. Hilfe zur Selbsthilfe. »Aber ohne Zeigefinger.«

Jeder Tag beginnt mit einer Geschichte aus dem immerwährenden Kalender »Blätter, die uns durch den Tag begleiten«. Das kann ein Gleichnis sein, ein Vers oder eine Geschichte aus der Bibel. Einmal im Monat bietet Pfarrer Karsten Müller aus der nahen Johannesgemeinde ein Bibelgespräch für die Ehrenamtlichen an. Nicht alle Helfer indes sind konfessionell gebunden oder gläubig. Dass auch zwei, die dem Glauben fernstehen, dennoch regelmäßig zum Bibelkreis kommen, empfindet Heike Müller als wohltuend und anregend. Einmal im Jahr wird, wie am 20. Dezember zur Jubiläumsfeier, in der Bahnhofshalle ein Gottesdienst gefeiert, meist im Frühling. Zudem hält Pfarrer Müller am Heiligen Abend, 13.30 Uhr, eine Andacht.

Zwei Flüchtlinge unter den ehrenamtlichen Helfern

Die Bahnhofsmission lebt von und mit ihren Ehrenamtlichen. Unter ihnen sind viele Rentner, neuestens auch zwei Flüchtlinge: neben dem jungen Mann aus Afghanistan eine aus dem Irak geflohene Christin. Beiden wolle man ein Stück Heimat geben. Heike Müller und ihr Kollege Steffen Hoehl sind zudem immer auf der Suche nach Menschen, die sich engagieren wollen, die ein bisschen Zeit schenken und die Arbeit unterstützen möchten und können. Interessenten durchlaufen fünf Probedienste, sie sollten körperlich und seelisch fit sein, eine gute Kondition bei Hitze und Kälte, treppauf, treppab mitbringen und eine schnelle Auffassungsgabe haben.

Die Bahnhofsmission Halle, die schon einmal von 1946 bis 1956 existierte, ist eine von 103 Einrichtungen deutschlandweit. In Sachsen-Anhalt existiert die »Kirche am Gleis« neben Halle auch in Magdeburg, Halberstadt, Stendal, Bitterfeld und Dessau. In Thüringen gibt es keine Bahnhofsmission. Erst vor wenigen Wochen ist ein Verein zur Förderung der Bahnhofsmissionen in Deutschland gegründet worden.

Katja Schmidtke

www.bahnhofsmission.de

In der Rolle seines Lebens

5. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Als Nikolaus macht Gerd Norgel aus Vockerode jeden 6. Dezember zu einem besonderen Tag für Dessauer Kinder

Als Kind, in den 1950er-Jahren, war es für Gerd Norgel noch ganz einfach. Stiefel putzen, eine Nacht schlafen und sich am nächsten Morgen über eine kleine Gabe freuen. »Der Nikolaus muss ein guter Mann sein«, dachte er sich damals. Aus dem kleinen Jungen, Jahrgang 1945, ist ein Mann mit viel Lebenserfahrung geworden, der vor Jahrzehnten freilich noch nicht ahnen konnte, dass er als Nikolaus selbst einmal Kindern eine Freude bereiten wird. Schon seit 14 Jahren schlüpft der Ruheständler aus Vockerode jeden 6. Dezember in sein Kostüm und bringt den Kindern der »Alexandraschule«, dem Evangelischen Kindergarten der Dessauer Innenstadtgemeinde St. Johannis und St. Marien, die historische Figur des Nikolaus näher. »Mit einem Baumarkt-Nikolaus habe ich nichts gemein«, betont er.

Jedes Jahr im Dezember ist Gerd Norgel der Nikolaus. – Foto: Danny Gitter

Jedes Jahr im Dezember ist Gerd Norgel der Nikolaus. – Foto: Danny Gitter

Mitten in der Kinderschar gibt der Vockeroder dann den Bischof von Myra, jenen großzügigen Mann, der im dritten und vierten Jahrhundert im Gebiet der heutigen Türkei lebte und der Legende nach sein ganzes Vermögen an die Armen weitergab. »Er hätte ein komfortables Leben haben können, hat sich aber aufopferungsvoll um andere gekümmert«, erzählt der 71-Jährige darüber, was ihn so an dieser Figur fasziniert. Als guter Mann des Glaubens, in seinem historischen Bischofsgewand mit der Mitra auf dem Kopf und dem Bischofsstab in der Hand, hilft er dann noch die im Kindergarten gebackenen Nikolausstiefel zu verteilen, ehe in der »Marienschule«, einem evangelischen Kindergarten im Süden Dessaus, sein zweiter Auftritt wartet.

Von den Legenden des heiligen Nikolaus erzählt der Vockeroder dann. Derlei gibt es viele. Einst soll er einem verarmten Mann geholfen haben, wegen der fehlenden Mitgift für eine standesgemäße Heirat seiner drei jungfräulichen Töchter, diese vor der Prostitution zu bewahren. In drei Nächten hintereinander warf er Goldklumpen durchs Fenster. Auch in Not geratenen Seeleuten soll er durch stürmische See geholfen und eine Hungersnot in seiner Heimat abgewendet haben. »Ich will das nicht zu Wundern verklären. Der Mann war einfach sehr klug und seiner Zeit sehr weit voraus«, sieht es Gerd Norgel nüchtern. Doch die Rolle des Nikolaus, die er seit 14 Jahren in der Alexandraschule, seit fünf Jahren in der Marienschule und seit elf Jahren noch an jedem 7. Dezember im Kindergarten in Vockerode spielt, die gefällt ihm außerordentlich. Auch bei einer Adventsfeier für Flüchtlingskinder im Dessauer Georgenzentrum 2015 war er als Nikolaus dabei.

Als er bei einer ABM-Maßnahme in der Johanniskirche 2002 gefragt wurde, ob er für die Kinder der Alexandraschule den Heiligen aus Myra spielen könnte, zögerte Gerd Norgel keine Sekunde. »Reden liegt mir, und Dinge vermitteln, das mache ich auch gerne«, sagt er. Jahrzehntelang war das Kraftwerk Vockerode seine berufliche Heimat. Nach der Stilllegung qualifizierte er sich auch zum Gästeführer.

Jetzt, im Ruhestand, lässt er es aber keineswegs ruhig angehen. Seit elf Jahren leitet Gerd Norgel den Gemeindekirchenrat in Vockerode. »So Gott will, soll es so mit allem weitergehen«, blickt er zufrieden in die Zukunft.

Danny Gitter

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