Ausgezeichnet: Religion macht Geschichte

2. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Archiv der Landeskirche unterstützte Schüler bei Wettbewerb des Bundespräsidenten

Vier der diesjährigen Landessieger aus Sachsen-Anhalt im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten kommen aus Dessau und wurden vom Archiv der Evangelischen Landeskirche Anhalts unterstützt.

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten stand 2016/17 unter dem Motto »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«. Auf Initiative von Renate Schulze, Geschichtslehrerin im Philanthropinum, beteiligten sich sechs Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 a und 10 c daran.

»Als Frau Dr. Schulze auf uns zukam, zögerten Landeskirchenarchivar Günter Preckel und ich keine Sekunde«, sagt Jan Brademann vom Kirchenarchiv. Gemeinsam habe man ein Thema gesucht, das zum Motto passt, auf neue Erkenntnisse abzielt und dabei für Schüler zu bewältigen ist. Zwischen Oktober 2016 und Februar 2017 haben die Kollegen des kirchlichen Archivs die Schüler intensiv betreut.

Junge Geschichtsforscherin: Paula Eichler vom Gymnasium Philantropinum Dessau wird von Ministerpräsident Reiner Haseloff ausgezeichnet. Foto: Körber-Stiftung

Junge Geschichtsforscherin: Paula Eichler vom Gymnasium Philantropinum Dessau wird von Ministerpräsident Reiner Haseloff ausgezeichnet. Foto: Körber-Stiftung

»Wir lasen uns gemeinsam ein, sichteten Quellen und überlegten eine passende Fragestellung. Regelmäßig kamen die drei Arbeitsgruppen zu uns ins Archiv. Dort arbeiteten sie sich durch Literatur und vor allem Quellen, wie Akten, Kirchenboten, Zeitungsartikel und manches mehr.«

Aus Scheu wird Faszination

Die anfängliche Scheu vor der merkwürdigen Sprache und der noch schwierigeren Schrift sei bald der Faszination gewichen. Religion war sehr präsent im Leben der Menschen, und die Kirche war aufs Engste mit Gesellschaft und Politik verwoben – im 17. wie auch noch im 20. Jahrhundert. Unter verschiedenen Perspektiven beleuchteten die jungen Leute aktuelle Fragen historisch: etwa die nach der Toleranz gegenüber Lutheranern im reformierten Anhalt-Dessau im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert; nach der vermögensrechtlichen Trennung von Staat und Kirche in der Weimarer Republik und nach dem Verhältnis von Religion und Politik in der Dessauer Paulusgemeinde zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Arbeiten von Kim Kamenik und Moritz Gärtner »Vom schwierigen Weg in ein säkulares Deutschland: Der Prozess der Evangelischen Landeskirche Anhalts gegen den Freistaat Anhalt 1924 bis 1930« sowie von Paula Eichler und Jasmin Sahit »Toleranz schafft eine Kirche – die Entstehung der Johanniskirche zu Dessau« wurden Landessieger in Sachsen-Anhalt. Die Preise wurden im September im Kulturhistorischen Museum Magdeburg von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verliehen.

Gottes Weg durch die Zeit

Aus Sicht eines Historikers sei der Wert dieses Wettbewerbs als sehr hoch einzuschätzen, so Jan Brademann. Der Wettbewerb helfe jungen Menschen, sich zu befähigen, sie umgebende Erinnerungsorte zu erschließen und mit Sinn zu versehen; sie lernen, einen kritischen Blick auf bestehende Geschichtsbilder zu entwickeln und schließlich üben sie, überhaupt Argumente aus Tatsachen zu entwickeln. »Für uns Christen ist die Beschäftigung mit der Kirchengeschichte immer auch eine Möglichkeit, den Weg Gottes durch die Zeit nachzuvollziehen und so für die eigene Glaubenssuche Impulse zu bekommen«, so Brademann weiter.

Der Wettbewerb wird von der Körber-Stiftung ausgeschrieben, die 550 Geldpreise auf Landes- und Bundes­ebene auslobt, und fand zum 25. Mal statt. Bundesweit beteiligten sich dieses Mal 5 064 Kinder und Jugendliche, von Erstklässlern bis zu jungen Studierenden und Berufsschulabsolventen, mit insgesamt 1 639 Beiträgen. Die Vielfalt der Arbeiten und Projekte ist groß. Rund 700 Tutoren begleiteten die jungen Spurensucher bei ihrer Forschungsarbeit.

Die Landessieger haben jetzt noch Chancen auf eine Auszeichnung auf Bundesebene.

(G+H)

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Mit »Paulus« schließt sich der Kreis

25. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Zum Reformationsfest 1917 gründete sich der Dessauer Lutherchor. Er gewährte Sängern und Zuhörern Zuflucht vor den Härten des Alltags.

Was vom Reformationsjubiläum 2017 in Dessau über dieses Jahr hinaus bleibt, wird die Geschichte zeigen. Das Reformationsjubiläum 1917 jedenfalls hat bis heute seine Spuren in der Stadt hinterlassen. Vor 100 Jahren gründete sich in der damaligen Residenzstadt des Herzogtums Anhalt ein Reformationschor, der seit 1946 über die Grenzen Dessaus hinaus als Lutherchor bekannt ist.

Als Reformationschor gegründet, als Lutherchor heute bekannt: Die Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Matthias Pfund beim Konzert in der Dessauer Johanniskirche. Foto: Doreen Ritzau

Als Reformationschor gegründet, als Lutherchor heute bekannt: Die Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Matthias Pfund beim Konzert in der Dessauer Johanniskirche. Foto: Doreen Ritzau

Mit aktuell 82 Sängerinnen und Sängern, vom jungen Erwachsenen bis zum Senior, ist er einer der größten Laienchöre der Stadt. Jeden Dienstagabend wird in der Petruskirche geprobt. Aktuell für die drei Jubiläumsaufführungen. Am 24. September, 17 Uhr, erklingt in der Dessauer Johanniskirche ein A-cappella-Konzert. Am 29. Oktober kommt um 10 Uhr im Festgottesdienst am selben Ort die Kantate »Schmücke dich, o liebe Seele« von Johann Sebastian Bach zu Aufführung. Passend zum Reformationstag erfüllt akustisch, um 17 Uhr, das Oratorium »Paulus« von Felix Mendelssohn Bartholdy die Räume der Johanniskirche. Damit schließt sich ein Kreis.

Denn mit »Paulus« von Mendelssohn Bartholdy hat vor 100 Jahren alles angefangen. Der Dessauer Landeskirchenmusikdirektor Gerhard Preitz suchte zum 400-jährigen Reformationsjubiläum 300 Sänger, die in einem Reformationschor den »Paulus« zum Besten gaben. 600 hatten sich beworben. »Das ist angesichts der damaligen Umstände erstaunlich«, resümiert Matthias Pfund, der aktuelle Landeskirchenmusikdirektor der Anhaltischen Landeskirche und Leiter des Lutherchors. 1917 war ein schweres Jahr. Der »Hurra-Patriotismus«, mit dem 1914 und 1915 unter jubelndem Beifall der Bevölkerung junge Männer verabschiedet wurden, um an den Fronten des Ersten Weltkrieges für das Kaiserreich zu kämpfen, wich einem ernüchternden Realismus. Der Kaiser und seine Untertanen standen kurz davor, den Krieg zu verlieren. Immer mehr Versehrte und Traumatisierte kehrten heim. Der Kriegsalltag war von harten Entbehrungen geprägt. Feierlaune mag bei den wenigsten aufgekommen sein.

Und doch war das bevorstehende Konzert zum 400-jährigen Reformationsjubiläum so etwas wie ein kleines Aufbäumen gegen die Umstände, ein Licht in der Tristesse, mag der Beobachter anno 2017 vermuten. So probten die Laiensänger intensiv für die öffentliche Aufführung des »Paulus« und sollten nach dem Konzert eigentlich wieder auseinandergehen. Doch die Mitstreiter fanden so viel Gefallen daran, dass das Jubiläum zwar verging, aber der Reformationschor blieb. Viele gesellschaftliche Umbrüche hat er in seinen 100 Jahren miterlebt.

Seine Funktion als Zufluchtsort vor den Härten des Alltags zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Stets war er seinen Mitstreitern und Zuhörern ein persönlicher Halt. Die unruhigen Zeiten in der jungen Demokratie der Weimarer Republik, inklusive Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, ließ er bei Proben und Konzerten wenigstens für ein paar Stunden vergessen. In der NS-Zeit pausierte er von 1939 bis Kriegsende. 1946 wurde seine Neugründung, diesmal unter dem Namen »Lutherchor«, förmlich herbeigesehnt. Hier konnte man sich mittels der Musik gegen die Unfreiheit in der Sowjetzone und später der DDR ein wenig auflehnen.

Seit der Wende ist der Lutherchor »ein Brückenbauer zwischen der Kirche und der säkularen Gesellschaft«, wie Matthias Pfund betont. Was sich am besten beim jährlichen Weihnachtsoratorium beobachten lässt, wenn Nichtchristen und Christen in trauter Eintracht lauschen.

Danny Gitter

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Alle Töne der Register

28. August 2017 von redaktionguh  
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Der Experte: Eckhart Rittweger hat neben seinem Engagement als Kirchenmusiker in Gernrode in der Landeskirche Anhalts eine Zusatzaufgabe. Als Orgelsachverständiger bekommt er es aber eher mit den maroden unter den 180 Orgeln zu tun.

Einen besseren Arbeitsplatz kann man sich gar nicht wünschen«, sagt Eckhart Rittweger und schaut an der Schuster-Orgel in der Cyriakuskirche in Gernrode hinauf. Oben scheint sein Instrument wie von Dachziegeln gekrönt. »Manche nennen es himmlisches Jerusalem.« 640 Pfeifen hat seine Orgel, von denen aber nur 40 gespielt werden, der Rest ist Zierrat. Rittweger ist Kreiskirchenmusikwart, Kantor und quasi »nebenbei« zu seinem normalen Kirchenmusiker-Dasein Orgelsachverständiger der anhaltischen Landeskirche. Damit hat er in der »Landeskirche der kurzen Wege« rund 180 Orgeln zu betreuen, von denen 150 spielbar seien.

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Als er einst als Sachverständiger antrat, hatte er den frommen Wunsch, einmal quer durchzukommen, also alle Instrumente mal kennenzulernen. »Im Normalbetrieb völlig unmöglich«, musste er erfahren. So sind es in erster Linie die maroden Orgeln, mit denen er es zu tun bekommt. »Die Gemeinden fragen mich, wenn sie ihre Instrumente restaurieren oder reparieren wollen, ob ich vorbeikommen kann. Dann werden Kostenvoranschläge eingeholt, ich erläutere die Fachbegriffe und empfehle Orgelbaufirmen.« In geringem Maße können zudem Fördermittel angefordert werden. Doch der Etat ist klein und die Gemeinden sind gefordert, kreativ Geld zusammenzukratzen. Wenn die Handwerker ihren Auftrag erfüllt haben, schaut Eckhart Rittweger wieder vorbei, um die Orgel abzunehmen. Als Orgelsachverständiger kriegt er mehr mit, als die meisten Gemeindeglieder, er merkt, wenn der Tastengang etwas seltsam ist, spielt alle Töne jedes Registers durch. Dem Sachverständigen ist wichtig, dass nicht nur die Orgel restauriert, sondern auch, »dass sie genutzt wird und nicht nur in der Kirche steht«.

Dass Eckhart Rittweger sein Amt liegt, hat auch etwas mit seiner Lebensgeschichte zu tun. Zu seiner durch die DDR gebrochenen Biografie gehört, dass er aus politischen Gründen von der Erweiterten Oberschule verwiesen wurde und dann Tischler lernte. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Restaurator am Kunstgewerbemuseum Berlin-Köpenick. Auf Schloss Burgk im thüringischen Vogtland, wo er im Museum tätig war, kam er mit der dortigen Silbermann-Orgel in Berührung. Später studierte er Kirchenmusik in Halle und trat nach zwei Jahren dort 1989 seine Stelle in Gernrode an.

Zu einer Zeit, in der im Kirchenkreis Ballenstedt noch mehrere Kirchenmusiker tätig waren. Heute ist Eckhart Rittweger der einzige. Und ein sehr rühriger dazu. Im Juni und September lädt er zu »16 2/3«, einer wöchentlichen Orgelmusik dienstags um genau diese Zeit – 16.40 Uhr – ein. Zur Gernröder Gemeinde gehört der Gospelchor »Rainbowsingers«, der Posaunenchor mit 18 Mitspielern und die 60-stimmige Kantorei. So erklingt hier das Weihnachtsoratorium und im September der »Lobgesang« von Mendelssohn Bartholdy, zu dem die Kantoreien Aschersleben und Neinstedt als Unterstützung kommen. Doch der Kantor vergisst nicht, all die Ehrenamtlichen zu würdigen, die in den Gottesdiensten Orgel spielen oder in den Gemeinden Chöre leiten.

Wenn man mit dem Orgelsachverständigen redet, spürt der Musikfreund, der Mann kennt seine Orgeln in der Landeskirche und deren Erbauer; die unscheinbaren und nicht minder klangschönen, aber auch die spektakulären. Die größte Orgel, sie wurde gerade aufwendig gereinigt, steht seit 1990 in der Johanniskirche in Dessau. Sie hat 48 Register. Eines mehr als die Köthener Ladegast-Orgel von 1872. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Die älteste spielbare Orgel steht in Klieken: ein eher kleines Instrument mit acht Registern von 1768 aus der Zuberbier-Werkstatt.

Doch ein Superlativ bewegt ihn derzeit besonders: das größte Orgelprojekt. Von der Röver-Orgel in der Marienkirche in Bernburg war nicht mehr viel Pfeifenmaterial vorhanden, einige Windladen gibt es noch. Die Gemeinde hat eine kaputte Orgel aus Alsleben an der Saale erworben und will aus den beiden eine spielfähige machen. Sie soll begehbar sein, sodass der Besucher dann durch Plexiglas die pneumatische Orgel sieht.

Uwe Kraus

Eine sichere Bank

6. August 2017 von redaktionguh  
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Mikrokredite: Siglinde Enzmann hilft seit 26 Jahren über Oikocredit anderen Menschen

Mit der Wiedervereinigung 1990 schien alles möglich. Für das Geld, was in der DDR mangels Angeboten nicht ausgegeben werden konnte, gab es fast unbegrenzte Konsummöglichkeiten. Für Glücksritter waren auch schnelle Gewinne an den Börsen oder durch andere Investitionen möglich. Zur Sicherheit gab es noch das alte gute Sparbuch. Das alles interessierte Siglinde Enzmann nur wenig. Die Dessauerin ging damit nicht einkaufen, legte es nicht aufs Sparbuch und investierte auch nicht in Unternehmen. »Ich investierte lieber in Menschen«, sagt die ehemalige Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts.

Ihr Geld kam und kommt Näherinnen in Indien, Kaffeebauern in Guatemala oder Alpaka- und Vikunjawolle-Produzenten im Hochland von Peru zugute. Siglinde Enzmann ist Mitglied bei Oikocredit, einer ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft, die weltweit Mikrokredite vergibt. Geistiger Vater dieses Finanzinstruments ist der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesh. Ende der 1970er-Jahre gründete er die Grameen Bank. Seine Idee war es, Menschen, die wegen zu geringen Kapitalbedarfs und/oder durch fehlende Sicherheiten für klassische Banken als Kreditnehmer nicht infrage kommen, trotzdem einen Kredit zu fairen Bedingungen zu gewähren und ihnen so den Aufbau einer wirtschaftlich gesicherten Existenz zu ermöglichen.

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Manchmal sind es umgerechnet nur einige hundert Euro, zum Beispiel für den Kauf einer Nähmaschine und etwas Stoff dazu. Diese ermöglichen es, besondere Kleidungsstücke herzustellen und zu verkaufen. Von dem Erlös wird die Anfangsinvestition beglichen, und es wird in neue Stoffe investiert, um mehr zu verkaufen. Damit haben Menschen die Chance, bitterster Armut und Ausbeutung zu entkommen sowie die eigene oder sogar die Existenz der ganzen Familie zu sichern. Zahlreiche solcher Beispiele gibt es Dank Mikrokrediten etwa in Indien und Bangladesch.

Für seine Idee, auf diese Weise Armut zu bekämpfen und den Frieden in schwach entwickelten Regionen zu sichern, bekam Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis. Entwicklungsgenossenschaften wie Oikocredit nahmen und nehmen den Gedanken der Mikrokredite auf und unterstützen damit weltweit dieses Finanzinstrument. 1975 hat sich die Organisation in den Niederlanden gegründet – und mittlerweile weltweit über 35 Länderbüros mit 160 hauptamtlichen Mitarbeitern, über 340 Millionen Euro an vergebenen Krediten und über 30 000 Genossenschaftsmitglieder.

Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Sie investierte einst 3 000 D-Mark. Inzwischen hat sie ihre Anteile auf 5 000 Euro aufgestockt. Durch ihre Arbeit als Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts, die sie bis zu ihrem Ruhestand 1995 ausübte, habe sie »schon immer über den Tellerrand geschaut«, sagt Siglinde Enzmann. Da war es für die heute 82-Jährige nur folgerichtig, sich bei Projekten wie Oikocredit zu engagieren.

Für sie und die anderen Mitglieder ist das in mehrerer Hinsicht eine sichere Bank. Das Ausfallrisiko der Kredite ist sehr gering. Jedes Jahr gibt es eine Zinsgutschrift von zwei Prozent. Auf jährlichen Mitgliederversammlungen wird Rechenschaft abgelegt. Da geht sie immer mit einem guten Gefühl heraus, wenn sie hört, wie einfach und effektiv es sein kann, Menschen zu helfen. »Damit alleine können wir sicherlich nicht die Welt retten. Aber wir sind oft schon einen Schritt weiter als die Politik«, stellt Siglinde Enzmann zufrieden fest.

Danny Gitter

Betriebswirtschaft an den Nagel gehängt

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Tamara Jakubietz leitet einen Treffpunkt für Jugendliche

Keine Entscheidung muss von Dauer sein. Man kann immer wieder neue Wege gehen. Diese prägende Erfahrung hat Tamara Jakubietz schon zwei Mal in ihrem Leben gemacht. »Kurz nach der Geburt wurde ich aus Familientradition katholisch getauft. Mit 14 Jahren habe ich aber dann die evangelische Konfirmation mitgemacht, weil meine Familie mittlerweile zu diesem Glauben gewechselt ist«, erzählt die 27-Jährige. Nach dem Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium entschied sich die Magdeburgerin zunächst, Betriebswirtschaft zu studieren. »Das habe ich aber dann abgebrochen, weil ich merkte, dass es doch nichts für mich ist«, erinnert sich Tamara Jakubietz. Die Betreuung eines evangelischen Kinderferiencamps dagegen ließ sie förmlich aufblühen. »Da wusste ich, was ich beruflich machen wollte«, erzählt sie. Die Magdeburgerin studierte dann Religionspädagogik in Berlin.

Mit ihrem Abschluss Ende des vorigen Jahres kam auch prompt der erste Job. Seit Dezember ist die Religionspädagogin Mitarbeiterin der Evangelischen Jugend Anhalts und Betreuerin des Jugendkellers im Dessauer Georgenzentrum. Ob das jetzt von Dauer ist? »Das kann man natürlich so noch nicht sagen. Jugendmitarbeiter werden älter, gründen irgendwann auch mal eine Familie und arbeiten dann vielleicht lieber dort, wo sich Beruf und Privates besser vereinbaren lassen«, beginnt sie über die noch ferne Zukunft nachzudenken.

Nach der Betreuung von Kindern in einem Feriencamp wusste Tamara Jakubietz (hier im Dessauer Jugendkeller), was sie beruflich machen wollte. Foto: Danny Gitter

Nach der Betreuung von Kindern in einem Feriencamp wusste Tamara Jakubietz (hier im Dessauer Jugendkeller), was sie beruflich machen wollte. Foto: Danny Gitter

Im Hier und Jetzt ist sie erst einmal angekommen und hat mit dem Jugendkeller noch viel vor. Um in einem märchenhaften Bild zu sprechen, hat die 27-Jährige das Objekt in der untersten Etage des Georgenzentrums in der Dessauer Innenstadt aus einem Dornröschenschlaf geholt. Eineinhalb Jahre, so ist es ihr in Erinnerung, war vor ihrem Amtsantritt im Dezember der Jugendkeller geschlossen und ihre Stelle vakant. »Ich habe quasi bei Null angefangen«, sagt Tamara Jakubietz. Als Berufsanfängerin hatte sie gleich zu Beginn einen schweren Job zu erledigen. Denn mit der langen Schließung blieben die Jugendlichen weg. Sie rührte die Werbetrommel im Internet und besuchte Konfirmandengruppen. Stück für Stück kehrte wieder Leben in den Jugendkeller ein. 17 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren aus ganz Dessau und der näheren Umgebung treffen sich mittlerweile regelmäßig, mindestens einmal wöchentlich, zum Erzählen, Kochen und Kickern. Über Themen, die Jugendliche bewegen, kommt Tamara Jakubietz regelmäßig mit ihnen ins Gespräch. Zum Neustart wurde auch renoviert.

»Mein oberstes Ziel ist es, den Jugendkeller wieder bekannter zu machen und für noch mehr Jugendliche einen Anlaufpunkt außerhalb ihrer Gemeinden zu bieten, vielleicht auch mehrmals pro Woche zu öffnen«, erläutert sie. Wenn die Religionspädagogin nicht im Jugendkeller arbeitet, betreut sie Jugendfahrten oder bereitet zum Teil von ihrem Zuhause in Magdeburg aus Jugendprojekte der anhaltischen Landeskirche vor, unter anderem einen Druckkunst-Workshop zu Luther und den Hochseilgarten in der Dessauer Auferstehungskirche, der dort vom 10. bis zum 30. Mai zu erleben war.

Danny Gitter

»Es war eine unglaubliche Atmosphäre«

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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Vom Anhalt-Mahl bis zur »Nacht der Religionen«: Mit seinem Programm hatte der Kirchentag in Dessau offenbar den Nerv getroffen und zog mit rund 12 500 Menschen mehr Besucher an als erwartet.

Das gute Wetter, das haben sie natürlich extra für den Dessauer Kirchentag auf dem Weg so bestellt, scherzten diverse Vertreter der Landeskirche Anhalts. Zumindest war das ein guter Rahmen für den Auftakt am Donnerstagabend mit dem ökumenischen Gottesdienst auf dem Marktplatz und dem anschließenden Anhalt-Mahl in der Zerbster Straße. Ganz im Sinne der Ökumene zogen sich auf rund 500 Metern 220 Tische von der Marienkirche bis zur katholischen Kirche St. Peter und Paul. 130 Privatpersonen, Vereine, Gewerbetreibende und Kirchengemeinden wollten als Tischpaten gute Gastgeber sein. Bei Brot, Obst, Kuchen, Salaten und Trank kamen die Gastgeber mit zahlreichen Gästen aus ganz Deutschland im Lauf des Abends ins Gespräch, begleitet von Musik und Theater am Rande. Rund 2 000 Teilnehmer zählte die Polizei im Laufe des Abends. So viel gute Stimmung war selten im Dessauer Zentrum. »Nehmen wir diese positiven Eindrücke mit in den Alltag nach dem Kirchentag«, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Auch für den Dessauer Oberbürgermeister Peter Kuras (FDP) war der Abend etwas Besonderes. »Es war eine unglaubliche Atmosphäre, und man hat die Liebe zwischen den Menschen gespürt«, schwärmte er noch am Sonnabend. Da nahm Kuras an einem Podiumsgespräch zu der Frage »Was bedeutet Religion in meinem Leben?« im Audimax der Hochschule Anhalt teil. Für den Kommunalpolitiker ist Religion ein guter Kompass für das Leben. Er schätzt im Buch Jeremia besonders die Stelle, wo es heißt: »Suchet der Stadt Bestes.« Zudem hat es ihm eine Abschrift von Luthers Römerbrief-Vorlesung angetan, die in der Anhaltischen Landesbücherei in Dessau-Roßlau aufbewahrt wird und die die Unesco als Welt-Dokumentenerbe anerkannt hat. Diese Vorlesung ist für Kuras sehr aktuell, weil Luther in ihr Gedanken artikuliert habe, die sich heute wie »Grundsätze für Führungskräfte« lesen würden. Luther mahne darin, auch sich immer wieder kritisch zu hinterfragen.

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

Für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm sind es Psalm 23 und die anderen, die »wunderbaren Bilder in der Bibel, ohne die ich nicht leben könnte, wie ›Siehe, ich mache alles neu‹ oder ›Er wird abwischen alle Tränen‹«. Die biblischen Bilder und Geschichten hätten immer stärker sein Leben geprägt. Der Theologe erinnerte an die 95 Thesen Martin Luthers und an die Begriffe Buße und Sühne, die heute wieder hochaktuell seien. Luther habe die Buße als positive Kraft verstanden, zu sich selbst in eine kritische Distanz zu gehen. Was könne das auch für das politische Leben bedeuten, wenn man Fehler eingestehen könnte, »ohne von den Medien geschlachtet zu werden«.

Die Dessauer Grünen-Bundestags­abgeordnete Steffi Lemke ist Atheistin, doch Spiritualität und Meditation spielen in ihrem Leben und in ihrer Arbeit als Politikerin eine große Rolle. »Wenn ich nicht daran glauben würde, die Welt verbessern zu können, könnte ich keine Politik machen«, sagte sie vor zahlreichen Zuhörern. Bei den vielen Brandherden in der Welt benötige man auch als Politiker eine Kraftquelle. Die Kirchen sieht Lemke als starke politische Kraft an und als Akteure im Zusammenhalt gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit. »Ich habe kein Verständnis für Forderungen, dass Kirche sich aus der Politik zurückzuhalten habe, sagte sie. »Die Kirchen stehen für Werte ein, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind.«

Wichtig für die Gesellschaft seiner Zeit war Moses Mendelssohn (1729 bis 1786), in Dessau geborener Philosoph und Wegbereiter der jüdischen Aufklärung. An einen seiner Sätze lehnte sich das Motto des Kirchentages – »Forschen.Lieben.Wollen.Tun« – an: »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun. Dies ist die Bestimmung des Menschen.« Zu einem der Angebote, die das Verhältnis der Religionen thematisierten, gehörte ein interreligiöses Gespräch am 26. Mai. Der Muslim Ahmed Abdelemam A. Ali vom Orientalischen Institut der Universität Leipzig, der Rabbiner Alexander Nachama aus Dresden und Kirchenpräsident Joachim Liebig nahmen daran teil. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie man beim Reden über den eigenen Glauben Verstehenshürden beim Gesprächspartner überwinden kann. Diese Gefahr bestünde auch bei der innerkirchlichen Ökumene, so Joachim Liebig. Es gelte, zuerst die Gemeinsamkeiten zu betonen, zuzuhören und immer wieder nachzufragen. »Das ist für unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren von zentraler Bedeutung.« Auch Rabbiner Nachama findet es sehr wichtig, zuzuhören und nicht abzuschalten bei Punkten, die schwierig sind. Ahmed Ali sagte: »Für mich als Moslem ist die Vielfalt in der Religion verankert. Gott habe die Menschen verschieden gemacht und es gebe verschiedene Wege zu Gott: »Ich kann die Wahrheit haben, aber ein anderer kann sie auch haben.« Alexander Nachama sagte: »Ich habe bei einem Besuch der Dresdner Kreuzkirche viele Dinge nicht mitsprechen können, weil sie gegen meinen Glauben sind, aber sie haben mir beim Verstehen geholfen.«

In der schwierigen Wahrheitsfrage warnte Kirchenpräsident Liebig vor »Wohlfühltoleranz«. Jeder sollte wissen, was seine Wahrheit ist und diese auch begründen können. Es bleibe die Frage: »Wie schaffen wir es, mit den verschiedenen Wahrheitsansprüchen umzugehen, ohne intolerant zu werden?«

Angela Stoye und Danny Gitter

Mit Herzblut bei der Sache

22. Mai 2017 von redaktionguh  
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Reformationsjubiläum: Mancher fragt sich, ob die Beteiligung für Anhalt nicht eine Nummer zu groß ist. Zwar ist manches offen, aber dass etliche Hürden genommen sind, macht Mut.

Wenn am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg die Weltausstellung Reformation eröffnet wird, ist die Landeskirche Anhalts mit ihrem Übersee-Container-Projekt mitten im Geschehen. Im Vorfeld tauchte mehrfach die Frage auf, ob die kleinste Landeskirche in der EKD die Anforderungen des Reformationssommers überhaupt bewältigen könne. »Das ist sicher eine Bürde für unsere Landeskirche«, sagt Andreas Janßen, Leiter der anhaltischen Arbeitsstelle »Luther 2017«, »aber keine untragbare Last.« Anhalt habe sich durch seine Vorbereitung auf das Jubiläum 2017 in der EKD »ein Standing geschaffen, das uns als Kirche zurzeit nicht in Frage stellt«. Anhalt sei im Gespräch, werde aber manchmal sehr kritisch hinterfragt.

Mit Blick auf den Europäischen Stationenweg am 18. Mai in Bernburg sagte Janßen, dass sich das Programm mit dem großer Städte messen könne. »Man merkt sehr deutlich, dass der Kirchenkreis über die Erfahrungen aus zwei anhaltischen Kirchentagen verfügt.«

In der Ausstellung »Frauen(er)leben in Anhalt«, die am 14. Mai in der Dessauer Marienkirche eröffnet wurde und die auch zum Kirchentag auf dem Weg gezeigt wird, steckt viel zusätzlicher Einsatz einer Autorinnengruppe (mehr in der nächsten Ausgabe). Zur Eröffnung musizierten ein Projektchor und das Broken Consort Dessau.n Foto: Johannes Killyen

In der Ausstellung »Frauen(er)leben in Anhalt«, die am 14. Mai in der Dessauer Marienkirche eröffnet wurde und die auch zum Kirchentag auf dem Weg gezeigt wird, steckt viel zusätzlicher Einsatz einer Autorinnengruppe (mehr in der nächsten Ausgabe). Zur Eröffnung musizierten ein Projektchor und das Broken Consort Dessau.n Foto: Johannes Killyen

Für den Kirchentag auf dem Weg in Dessau sei es schwierig gewesen, Gastgeber für das Anhalt-Mahl zu finden. Deshalb habe es lange Zeit auf der Kippe gestanden. Aber: »Bei der letzten Infoveranstaltung wurden wir dann plötzlich so überrannt, dass wir Bierzeltgarnituren nachordern mussten.« Solche Begebenheiten machten Mut und ließen hoffen, dass der gesamte Kirchentag die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Zudem sei die Programmvielfalt nur möglich, weil Haupt- und Ehrenamtliche unermüdlich daran mitgearbeitet hätten. »Darin steckt viel anhaltisches Herzblut.« Grundsätzlich sei zum Thema »Ehrenamt« zu sagen, dass es immer schwieriger werde, die benötigten Helfer zu finden. »Wir merken, dass die Kirchengemeinden mit ihren älter werdenden Gemeindegliedern an ihre Grenzen stoßen.« Darin, dass nicht nur Anhalt, sondern auch dem Deutschen Evangelischen Kirchentag Helfer fehlten, sieht Janßen ein gesellschaftliches Problem, »dass uns in den nächsten Jahren noch zu beschäftigen hat«.

Die Vorbereitung der Weltausstellung Reformation vom 20. Mai bis 10. September stelle Anhalt jeden Tag vor neue Herausforderungen. Viele habe man vor einigen Monaten nicht absehen können.

Zum Beispiel den Standortwechsel der drei Übersee-Container, die nun im Luthergarten in der Nähe des Wittenberger Altstadtbahnhofes zu finden seien. »Der Standortwechsel führte dazu, dass wir einen neuen umfangreichen Bauantrag bei der Stadt Wittenberg stellen mussten, der mit Kosten verbunden ist.« Zudem habe sich herausgestellt, dass Verabredungen, die zu Beginn der zweijährigen Vorbereitung auf die Weltausstellung getroffen wurden, nicht mehr einzuhalten seien. So habe der Café-Betreiber auf dem Container-Sonnendeck abgesagt. Mit der Bernburger Kanzlerstiftung sei aber eine Alternative gefunden worden. Zudem habe ein Gewerbetreibender, der die Übersee-Container nach der Weltausstellung kaufen wollte, abgesagt. Sollten die Container nicht bis September verkauft werden, müssten sie nach Dessau zurück. Das sei mit hohen Kosten verbunden. Auch die Suche nach Sponsoren und Teamern für das Containerprojekt verlaufe nicht ohne Probleme. Gut ist, dass der obere der drei Container (die beiden unteren enthalten eine Ausstellung) fast durchgehend an Interessenten habe vermietet werden können. So sei vom 20. Mai bis Mitte Juni die Landeskirche Baden zu Gast, danach die Kirche der Pfalz. Von Juli bis September kommen unter anderen anhaltische Städte und die Tourismusregion Harz.

»Die Präsenz Anhalts in Wittenberg«, so Andreas Janßen, »wird sicherlich an manchen Stellen zur Herausforderung.« Trotzdem gibt er sich optimistisch. »Ich kann nicht im Geringsten sagen, wie dieser Sommer zu Ende gehen wird. Ich weiß aber, dass es immer einen Weg gibt.«

Angela Stoye

Mehr Platz, mehr Licht und neue Pläne

17. April 2017 von redaktionguh  
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Die Auferstehungskirche in Dessau ist für 250 000 Euro umgestaltet worden. Und die Gemeinde hat bereits weitere Umbau-Ideen.

Einmal links oder rechtsrum oder doch geradeaus? Die zweite oder dritte Tür links? Und wo noch mal war jetzt das Gemeindebüro? Die vergangenen sechs Monate waren für die beiden Pfarrerinnen, die Mitarbeiter und für die rund 800 Mitglieder der Auferstehungsgemeinde im Dessauer Stadtteil Siedlung keine leichte Zeit. Da konnte man schon einmal die Orientierung verlieren. Schließlich hat man es nicht alle Tage, dass eine Kirche einer Großbaustelle gleicht.

Seit dem vergangenen Oktober wurde am Ende der 1920er-Jahre errichteten Gotteshaus gehämmert, gebohrt, Betonwände herausgerissen, Glaswände eingesetzt und ein Anbau gezimmert. Am Palmsonntag konnte die umgebaute Kirche dann offiziell in Betrieb genommen werden. Ein lautes »Ah« und »Oh« schallte durchs Gotteshaus, als die Gäste des Festgottesdienstes erste Blicke in das neue Innenleben nach dem Umbau werfen konnten.

Wo früher ein langer dunkler Flur zum Altarraum führte, ist es jetzt lichtdurchflutet hell. Eine Glasfront lässt Sonne durch und weist den Weg. Dafür verschwanden der dunkle Flur und die angrenzenden Gemeinderäume. Als Winterkirche soll der Bereich hinter dem Haupteingang zukünftig genutzt werden. Das Gemeindebüro wurde in einen neuen Anbau an der Vorderfront der Kirche verlegt.

Für das Gemeindebüro wurde ein neuer Anbau geschaffen: Der Gemeindevorstand freut sich darüber mit Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch (2. v. l.) und Pfarrerin Ina Killyen (3. v. r.). Foto: Lutz Sebastian

Für das Gemeindebüro wurde ein neuer Anbau geschaffen: Der Gemeindevorstand freut sich darüber mit Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch (2. v. l.) und Pfarrerin Ina Killyen (3. v. r.). Foto: Lutz Sebastian

»Es hat sich definitiv gelohnt, diesen Weg zu gehen«, stellt Ina Killyen, eine der Gemeindepfarrerinnen, fest. Fünf Jahre ist es her, dass der hohe Grundwasserspiegel wieder einmal das Wasser in die Kellerräume der Gemeinde drückte. Wieder den Dreck beseitigen. Wieder die Räume sanieren. Die Kirchengemeinde war dessen müde.

Die Räume im Kellergeschoss wurden zunächst gesperrt. Doch im Erdgeschoss wurde es recht schnell eng. Ein regelrechtes Jonglieren, um alle Gemeindeaktivitäten unter ein Dach zu bekommen.

Ein Umbau musste her. »Wir haben viel diskutiert, geplant, wieder verworfen, neu diskutiert und geplant«, erinnert sich Ina Killyen an eine aufreibende Zeit. Es war der Denkmalschutz, der mehr als einmal einen Strich durch die Rechnung machte. Manche architektonischen Pläne waren danach noch nicht einmal das Papier wert, auf dem sie standen.

Die Wende leitete vor drei Jahren das Magdeburger Architekturbüro »Dr. Ribbert Saalmann Dehmel« ein. Die Architekten haben schon einige Kirchen umgebaut. Auch die Dessauer Auferstehungskirche gehört seit Kurzem zu diesem Portfolio. »Wir haben mit allen Beteiligten hart gerungen«, blickt der ausführende Architekt Friedhelm Ribbert zurück. Der Denkmalschutz gab grünes Licht. Der Bauausschuss der Gemeinde stimmte den Plänen zum Büroanbau und zur neuen Winterkirche zu. Damit konnten auch die nötigen Umbaukosten aufgetrieben werden. Aus Spenden, Eigenmitteln der Gemeinde, Zuschüssen der Landeskirche Anhalts und durch Fördermittel, unter anderem von Lotto Toto und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, wurden die nötigen 250 000 Euro zusammengetragen und innerhalb eines halben Jahres verbaut.

Doch ist das nur eine Etappe. Nach Möglichkeit innerhalb eines Jahres sollen die Außenhülle und das Dachgebälk der Kirche saniert, der Küchentrakt erneuert und hinter dem Altar mit einer Glasfront ein Durchbruch geschaffen werden. Dahinter befindet sich der »Garten Eden« der Gemeinde. »Wir würden vom Eingang über den Altar eine neue Sichtachse zum Kirchgarten freilegen«, erklärt Friedhelm Ribbert. Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal in der Region. Insgesamt noch einmal rund 250 000 Euro würden die geplanten weiteren Maßnahmen kosten. Spendenaktionen und Fördermittelanträge laufen bereits.

Die Verschnaufpause zwischen den Baustellen will die Gemeinde intensiv auskosten. »Platzprobleme dürften jetzt der Vergangenheit angehören. Problemlos können mehrere Veranstaltungen parallel laufen«, freut sich die Dessauer Kreisoberpfarrerin und zweite Pfarrerin der Auferstehungsgemeinde, Annegret Friedrich-Berenbruch, über die neue Freiheit. Der Gemeindekalender für die nächsten Monate ist gut gefüllt.

Danny Gitter

Cranach unter der Lupe

3. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Auch berühmte Gemälde brauchen gelegentlich eine Durchsicht: Die drei Bildtafeln von Lucas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren in der Dessauer Kirche St. Johannis werden alle zwei bis drei Jahre von einer Fachfrau unter die Lupe genommen. Von Gerüsten aus untersucht Angela Günther jeden Millimeter des Rahmens und der Bilder, die beinahe 500 Jahre alt sind. »Die Oberfläche wird kontrolliert, wenn nötig mit Fischleim gefestigt, dann ganz sanft abgesaugt und mit einem Pinsel abgestrichen«, sagt die Restauratorin. »Dadurch werden die Bilder nicht nur leicht gesäubert, man sieht auch, wo kleine Farbteile abgeplatzt sind oder die Farbe Blasen wirft. Dazu muss man ganz nahe an die Bilder herangehen.« Schadhafte Stellen werden auf Fotokopien eingezeichnet und in einem zweiten Schritt ausgebessert. Wo Farbe fehlt, wird vorsichtig retuschiert. »Die Maltechnik der Cranachs war so gut, dass wir hier nur wenige Farbschichten haben, die sich gegeneinander verschieben und dabei Risse und Abplatzungen verursachen.«

Foto: Johannes Killyen

Foto: Johannes Killyen

Humanitäre Hilfe unter eigenem Dach

13. März 2017 von redaktionguh  
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Familie Nahlik hat einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufgenommen

Sie konnten es damals, im Sommer 2015, noch nicht ahnen, dass die Bilder von den verzweifelten Menschen auf dem Mittelmeer auch ihr Leben stark beeinflussen würde. In ihrem heimischen Wohnzimmer im Dessauer Stadtteil Siedlung saßen Constanze und Tobias Nahlik mit ihren Kindern vor dem Fernseher und verfolgten die allabendlichen Nachrichten. »Über all die Unglücke und Katastrophen, die regelmäßig über den Bildschirm flimmerten, konnten wir mit unseren Kindern reden«, sagt Constanze Nahlik. »Doch als wir die Bilder von den überfüllten Booten auf dem Mittelmeer sahen, fehlten uns die Worte«, ergänzt Tobias Nahlik. Kollektiv haben sie mit vier ihrer fünf Kinder, vom Kleinkind bis zum fast erwachsenen Jugendlichen geweint, erinnert sich das Ehepaar. Die älteste Tochter war zu diesem Zeitpunkt nach dem Abitur gerade in Buenos Aires für ein soziales Jahr.

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Die Tränen waren kaum getrocknet, da beschlossen die Psychiaterin und der Pädagoge, der beim Eine-Welt-Netzwerk Sachsen-Anhalt arbeitet, zusammen mit ihren Kindern gegen das Elend, was sie da täglich in den Nachrichten sahen, etwas zu tun. Die ersten Aktionen liefen auch in Dessau-Roßlau an. In seiner katholischen Gemeinde genauso wie in ihrer evangelischen. In der Ökumene vereint haben sie dennoch beschlossen, sonntäglich als Familie komplett in den katholischen Gottesdienst zu gehen. Der Propst predigte es eindringlich von der Kanzel, angesichts dieser humanitären Katastrophe aktiv zu unterstützen, wo es einem persönlich möglich ist. Geld- und Kleiderspenden, Deutschunterricht und Ausflüge mit den Geflüchteten kamen der Familie im ersten Moment in den Sinn. Das alles machte sie nicht wirklich glücklich.

Ein stärkeres Zeichen wollten sie setzen. Einem unbegleiteten Minderjährigen wollten sie in ihren eigenen vier Wänden ein Obdach geben. Die älteste Tochter, die gerade in Argentinien weilte und deren Zimmer frei war, gab nach einem Anruf sofort grünes Licht dafür. Auch Bekannte in Berlin ermutigten die Familie, das zu tun. Schließlich gab es in der Bundeshauptstadt schon einige Menschen, die einem unbegleiteten Minderjährigen ein Zuhause statt einer Massenunterbringung in einem Heim oder einer Wohngruppe gaben. Doch Dessau ist nicht Berlin. Das spürte Familie Nahlik schnell. Zwar unterstützten die Mitarbeiter des Jugendamtes ihr Begehren nach Kräften. Doch viele bürokratische und rechtliche Hürden mussten überwunden werden. Fast neun Monate dauerte es, bis sie den Anruf vom Jugendamt bekamen, dass möglicherweise ein Kind für die Pflegschaft gefunden wurde.

Seit Pfingsten 2016 lebt ein 15-jähriger Junge aus Äthiopien bei ihnen. Er geht in eine Willkommensklasse. In einem Fußballverein trainiert er regelmäßig. Seit Neuestem lernt er Klavier. Er ist der Einzige von 38 Unbegleiteten in Dessau, der eine Pflegefamilie gefunden hat. Ob ihn das glücklich macht, wissen sie nicht. Wohin die Reise mit ihm geht, auch nicht. Nur eins wissen sie ganz bestimmt. »Wir würden es wieder tun«, sagt Constanze Nahlik voller Überzeugung.

Danny Gitter

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