Der unermüdliche Sämann

27. Februar 2018 von redaktionguh  
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Kirche des Jahres: Von insgesamt zwölf zur Wahl stehenden Kirchen in Deutschland erhielt zwar ein Gebäude in Rheinland-Pfalz die meisten Stimmen. Dahinter kam aber ein Gotteshaus in Südthüringen.

Uns ergeht es mit der Kirche wie dem Sämann da«, sagt Gerd Heim und deutet auf das rund 100 Jahre alte farbige Glasfenster im Altarraum der St. Bartholomäuskirche von Stressenhausen. Die Dorfkirche nahe Hildburghausen belegt den zweiten Platz im Jahresranking der Stiftung zur Bewahrung Kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa).
Natürlich weiß der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, dass mit dem Gleichnis im Lukas-Evangelium, Kapitel 8, der ausgestreute Samen für das Wort Gottes steht, das von den Menschen unterschiedlich angenommen wird. Gerd Heim sieht im unermüdlichen Handeln des Sämanns Parallelen zu den Anstrengungen für den Erhalt der Kirche.

Die Bartholomäuskirche überrascht mit ihrem prächtigen Innenraum. Um seine Pflege und Herrichtung für die Gottesdienste kümmert sich seit langem Küsterin Hiltrud Sillmann. Beim jährlichen Großputz kämen aber viele fleißige Hände noch hinzu, betont die 80-Jährige. Dass sei auch in den 1980er-Jahren so gewesen, als die Innenrestaurierung Dank vieler Spenden ermöglicht wurde.

»1720 hatten Herzog Ernst Friedrich I. von Sachsen-Hildburghausen und seine Gattin Albertine dem Ort eine neue Kirche geschenkt, nachdem im 30-jährigen Krieg Wallensteins Truppen während der Belagerung Coburgs das Dorf brandschatzten und auch die Kirche zerstörten«, berichtet Gerd Heim aus der Geschichte. Nur die Mauern des viel älteren, mächtigen Turmes blieben erhalten. Der bekam mit der Errichtung des Langhauses vor fast 300 Jahren ein Obergeschoß mit schön geschweifter Kuppel und Turmknopf.

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Voll Stolz zeigen Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner (links) und Kirchenältester Gerd Heim den fast fertigen Kirchturm. Foto: Thomas Schäfer

»In all den Jahren haben wir Geld gesammelt und angespart, um kleinere Reparaturen durchführen zu können. Damit kamen wir aber im Herbst 2008 an unsere Grenzen. Immer häufiger fielen Dachziegel vom Schiffdach und gefährdeten die Besucher der Kirche und des unmittelbar anschließenden Friedhofs. Wir wandten uns an das Kreiskirchenamt Meiningen mit der Bitte um Unterstützung«, so der Kirchenälteste. Die Kostenschätzung bildete die Grundlage für weitere Schritte zur Finanzierung: viele Anträge und weitere Bitten um Spenden, zumal das Schiffdach als einsturzgefährdet eingestuft wurde.

»Als wir 2008 mit der Planung begannen, gingen alle davon aus, dass der Turm in Ordnung sei. Weihnachten 2010 lag dann so viel Schnee auf dem Kirchendach, das es sich senkte. Am Turmanschluss entstand ein breiter Spalt. Ein Jahr später half der Kirchenkreis mit einer Notsicherung des Kirchendaches.«

Wiederholte Finanzierungsanträge blieben ohne positiven Bescheid. Die Saat ging nicht auf. Der Zustand des Turmes allerdings verschlechterte sich. Bald fielen auch dort Schiefer- und Sandsteinplatten ab. »Neun Jahre wurde beharrlich gesammelt und immer wieder von Haus zu Haus gegangen, denn nicht nur die 40 Prozent Kirchenmitglieder sollten sich angesprochen fühlen«, so Heim. Viel Geduld war nötig. Im 450 Einwohner zählenden Dorf kamen so 33 000 Euro zusammen. 2016 die Entscheidung: zuerst der Turm. Der Finanzierungsplan, den Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner vorlegte, wies 355 000 Euro aus. Eine gewaltige Bausumme, die nur durch Städtebauförderung, Lottomitteln, kirchlicher sowie kommunaler Zuschüsse und der Hilfe von Stiftungen wie der Kiba getragen werden konnte. Bedingt durch die Witterung musste die Baustelle leider 2017 geschlossen werden, obwohl der Außenputz des Turmes noch nicht fertig war. Das bedeutet wiederum Mehrkosten, zumal das Kirchendach mit geschätzten 90 000 Euro noch aussteht.«

Der zweite Platz im deutschlandweiten Wettbewerb der KiBa ist für Gerd Heim ein Zeichen, »dass wir auf dem richtigen Weg sind«. Pfarrer Zeidner fügt hinzu: »Und die Menschen ziehen mit.« Immerhin hat das kleine Dorf 787 Stimmen für ihr Projekt akquirie­ren können.

»Wie der Sämann werde ich unermüdlich weiter für den Erhalt unserer Kirche in geistlicher und weltlicher Beziehung ackern«, hat sich Gerd Heim vorgenommen. Und das große Ziel sei das 300-jährige Jubiläum 2020.

Uta Schäfer

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Konzentration auf den Kern der Kirche

Gemeindeporträt: Bitterfeld hat sich gewandelt, das stellt auch die Kirche vor neue Herausforderungen

Bitterfeld – rauchende Schornsteine, Gestank, zerstörte Natur. Die Bilder halten sich hartnäckig, auch wenn der Chemiepark modernisiert ist und der Braunkohlentagebau sich in einen See verwandelt hat. Bleibend scheint auch die bittere Erfahrung der Bewohner ob des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Stadt nach der Wende: Fast die Hälfte seiner Einwohner und Tausende Arbeitsplätze hat Bitterfeld verloren. Inzwischen pendeln mehr Menschen zum Arbeiten ein als aus und die rund 300 Firmen im Chemiepark haben 12 000 Beschäftigte.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel prägt auch das Leben der evangelischen Christen. 1 000 Glieder zählt die Stadtgemeinde, deren Pfarrer seit fünf Jahren Johannes Toaspern ist. Sein Büro liegt im Lutherhaus, einem großen Ziegelbau an den Binnengärten. »Eigentlich ein Traumhaus«, sagt Pfarrer Toaspern. Denn es bietet Platz für ein reges Gemeindeleben mit Saal, Büro-, Sozial- und Gruppenräumen. In den oberen Etagen gibt es die Pfarr- und Mietwohnungen. Gebaut wurde das Lutherhaus auch damit die Gemeinde ihrer christlichen Verantwortung gerecht wird. Der Sozialbau wurde 1928 errichtet, um Kinder zu betreuen: Hier konnten sie essen, ausruhen, spielen und Hausausgaben erledigen.

All dies, das Gemeindeleben und die Verantwortung für Mitmenschen, gibt es auch heute noch, wenn auch in kleineren Umfang. Den Kindergarten der Gemeinde gibt es nicht mehr, die Wohnungen sind immer schwerer zu vermieten. »Wenn Gott die Stadt nicht erweckt, werden wir uns verschlanken«, sagt Johannes Toaspern. Langfristig soll daher die Idee von einer Gemeinde unter einem Dach umgesetzt werden.

Aktuell lebt die Gemeinde unter zwei Dächern: Neben dem Lutherhaus gibt es die 1910 eingeweihte, neogotische Kirche am Markt. Sie soll als Gemeindezentrum aus- und umgebaut werden. Dazu gibt es einen Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Kleine Gemeindegruppen sollen ebenso ihren Platz finden wie hunderte Menschen zu Gottesdiensten an hohen Feiertagen. »Solange wir selbst gestalten können, sollten wir dies mit Verantwortung und Optimismus tun«, sagt der Pfarrer. Erfahrungen bringt Toaspern mit: Er war zuvor Pfarrer an der Leipziger Peterskirche, die auch als Gemeindekirche konzipiert ist.

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Das Innere des gewaltigen Sakralbaus mit seinen ursprünglich 1 000 Plätzen wurde vor gut 60 Jahren letztmalig umfassend saniert. Dabei fiel die florale Ausmalung einem nüchternen Zeitgeist zum Opfer. Inzwischen tun sich viele Baustellen auf. Sie bieten die Chance, nicht nur zu reparieren, sondern neu zu gestalten. »Chöre und alle anderen Gruppen könnten sich spirituell verankern mit und in der Kirche, wir schaffen einen neuen Bezug zu diesem geistlichen Ort«, meint Toaspern.

Gemeinschaft und Kontemplation betrachtet der Theologe als das Kerngeschäft von Kirche. Wo sich der Glaube in Stille, Gesang und Bibelworten entfaltet, ist Raum für Begegnungen, etwa beim gemeinsamen Essen. Die Gemeinde zelebriert dies bei der Einführung von Prädikanten oder Taufen.

In den vergangenen beiden Jahren hat Toaspern auch immer wieder Flüchtlinge getauft. Sie stellen inzwischen ein Drittel bis die Hälfte der Gottesdienstbesucher.

Um unter den Bitterfeldern Hemmschwellen abzubauen und sich einzubringen in die Stadtgemeinschaft, hat die Kirchengemeinde im Advent 2017 erstmals zu einem Lebendigen Adventskalender aufgerufen und im September des Reformationsjahres zum Lutherfest eingeladen. »Das war ein unglaubliches Fest. Was wir tun, wird wahrgenommen«, blickt Toaspern froh zurück. Kantorin Konstanze Topfstedt verstand es, Kinder in das Musizieren einzubinden. Die Aufführung des Luther-Musicals verschaffte allen ein Erfolgserlebnis. Vor einem Jahr hat sich die Gemeinde weiterhin im öffentlichen Bewusstsein verankert: Am 15. Februar 2017 öffnete zum ersten Mal die Suppenküche für Kinder und Jugendliche. Sechs ehrenamtliche Köche bereiten jeden Mittwoch ein warmes Mittagessen für die Besucher des Kinder- und Jugendtreffs unter Leitung von Thomas Bork zu.

Das offene Angebot nutzen vor allem Kinder, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben und setzen damit die Tradition des Lutherhauses fort, »Stunden echter Jugendfröhlichkeit (…) erleben zu können«, wie es in einem historischen Dokument heißt.

Bis zu 20 Portionen kochen die Helfer und stehen danach nicht allein in der Küche. Hilfe bekommen Gabi Köhler, Edith Reiche und Christel Schneider an diesem Mittwochmittag von vielen kleinen Händen, die Tische abwischen, die Küche aufräumen, dankbar und fröhlich sind. Das sei, sagen sie alle, viel besser als allein zu Hause zu sein.

Katja Schmidtke

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Komprimierte Darstellung eines Großereignisses

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Neuerscheinung: »Thüringen. Lutherland 2008–2017« im Wartburg Verlag veröffentlicht

Es liegt gut in der Hand, das überaus reich bebilderte Buch »Thüringen. Lutherland 2008–2017«, das auf 180 Seiten beleuchtet, mit welch thematischer Vielfalt die Reformationsdekade im Freistaat begangen wurde. In einem einleitenden Kapitel erinnert der Landesbeauftragte und promovierte Theologe Thomas A. Seidel daran, dass die erste Anregung zu einer zeitlich gestaffelten Vorbereitung des 500. Jubiläums im Jahre 2006 vom Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, ausging und vom damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prof. Dr. Wolfgang Huber, freudig aufgenommen wurde. Dabei erwies es sich als kluge und tragfähige Entscheidung, in Themenjahren inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, die das Ereignis für Menschen heute erlebbar und erfahrbar machen. Dafür geschaffene Fördermöglichkeiten beflügelten – über die umfänglichen baulichen Maßnahmen hinaus – die Kreativität der Akteure. Thomas Seidel ist es gemeinsam mit dem Journalisten Heinz Stade gelungen, die Veranstaltungen rückblickend komprimiert zu dokumentieren (S. 4–91). In der Mitte der Publikation gibt es ein auch für die praktische Nutzung hilfreiches Kapitel »Die wichtigsten Reformationsorte in Thüringen im Überblick« (S. 92–107). Von faszinierender Farbigkeit zeugen die Lichtinstallationen (S. 108–112).

Thomas A. Seidel/Heinz Stade (Hrsg.): Thüringen. Lutherland 2008–2017, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-552-2, 10 Euro

Thomas A. Seidel/Heinz Stade (Hrsg.): Thüringen. Lutherland 2008–2017, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-552-2, 10 Euro

Einblicke in die Aktivitäten gewähren Interviews und Beiträge zum Lutherweg, zu den Petersberger Luther-Disputen oder zur Weimarer Kinderbibel (S. 114–156). Dass die Reformation weiter geht, bezeugt das Kapitel »Ausblicke«. Die nächsten Jubiläen zwischen 2021 (500 Jahre Übersetzung des Neuen Testaments auf der Wartburg) und 2046 (500. Todestag Luthers) werden genannt. Zum Schluss ziehen maßgeblich Beteiligte ihr persönliches Fazit.

Michael von Hintzenstern

Thomas A. Seidel/Heinz Stade (Hrsg.): Thüringen. Lutherland 2008–2017, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-552-2, 10 Euro

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Chance für mehr Gerechtigkeit – Risiko für größere soziale Spaltung

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Pro

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

Allgemeiner Konsens ist wohl, dass unsere Gesellschaft eines Systems der sozialen Sicherung bedarf, welches dafür sorgt, allen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die Frage ist, ob das bestehende System unseren Ansprüchen und Möglichkeiten (noch) genügt.

Trotz wachsender Wirtschaftsleistung werden Reiche immer reicher und Arme immer ärmer. Die Wahrscheinlichkeit, in Altersarmut, Kinderarmut oder prekären Arbeitsverhältnissen zu landen, wächst. Existenzsorgen lösen bei vielen Menschen Unsicherheit und Ängste aus. Eine Fortschreibung dieser Entwicklung gefährdet den sozialen Frieden und letztlich die Demokratie.

Die klassischen Instrumente der Armutsbekämpfung (»Hartz 4«-Gesetze) haben es in den letzten 14 Jahren nicht geschafft, diese Entwicklung aufzuhalten. Vielleicht kann die visionäre, also zukunftsweisende und über herkömmliche Denkmuster hinausragende Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – existenzsichernd, Teilhabe ermöglichend, ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Zwang zu Gegenleistung, individueller Rechtsanspruch – genau hier ansetzen. Es gibt Studien und Experten, die unterschiedliche Modelle des BGE für finanzierbar und umsetzbar halten, und solche, die das widerlegen. Die Realpolitik hält sich noch weitestgehend zurück, man möchte sich nicht zu früh festlegen. Ich bin mir sicher: wenn wir die Idee des BGE in einer sich rasant ändernden Arbeitswelt als relevant erachten, finden wir eine Umsetzungsmöglichkeit.

Es geht in der Debatte BGE um einen Paradigmenwechsel, um das Menschenbild, um Vorurteile, um Erfahrungen, um Gefühle und nicht zuletzt um Wertvorstellungen und Glauben. Was kann ich als Christ einbringen?

Im Jahr 2017 feierten wir unter anderem Luthers große Erkenntnis, dass wir uns das Himmelreich nicht verdienen können – weder durch Geld, noch durch Taten. Wir sind bereits angenommen als bedingungslos geliebte Kinder des Vaters. Was für ein Bild! Wir müssen und können uns Gottes Liebe, Gnade und Anerkennung nicht verdienen. Wir erhalten sie ohne Vorleistung, Zwang und Bedürftigkeitsprüfung. Sie wird jedem als Voraussetzung für ein gelingendes Leben geschenkt, um daraus folgend in Freiheit das Richtige zu tun. Darüber hinaus nimmt der Vater selbst den zunächst »faulen«, verlorenen Sohn wieder an (Lukas 15,24).

Übertragen wir diese Bilder in unseren familiären Alltag und unsere gesellschaftliche Realität: Welchen Kräften vertrauen wir wirklich: Druck und Sanktionen oder Freiheit und Liebe? Ich glaube, Jesus wäre ein Befürworter des BGE.

Kontra

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Seit der Einführung der Krankenversicherung im Jahr 1883 in Deutschland bildet der Wohlfahrtsstaat die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolges und des sozialen Friedens. Wollen wir diese historische Errungenschaft, für die wir weltweit beneidet werden, durch ein gesellschaftliches Experiment ernsthaft gefährden?

Bisher leben wir in einer Gemeinschaft, die auf dem Grundprinzip der Solidarität beruht. Darunter verstehe ich eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der durch gegenseitige Hilfsbereitschaft individuelle Nöte solidarisch aufgefangen werden. Eine solidarische Haltung setzt voraus, dass sozialrechtliche Regelungen, wie zum Beispiel Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung, als gerecht empfunden werden. Auch das Prinzip »Fordern und Fördern« bringt zum Ausdruck, dass niemand bedingungslos, das heißt ohne einen Beitrag zum Gemeinwesen, Leistungen empfangen kann. Dieses Grundprinzip halte ich für gerecht.

Wie soll ich erklären, dass Menschen Leistungen beziehen, aber nicht zum Volkseinkommen beitragen, obwohl sie es könnten? Ein bedingungsloses Grundeinkommen gefährdet aus diesem Grund den sozialen Zusammenhalt in Deutschland.

In den vergangenen 135 Jahren hat sich unser Wohlfahrtsstaat kontinuierlich weiterentwickelt. Unsere soziale Absicherung ist heute in den insgesamt zwölf Sozialgesetzbüchern festgehalten, deren Ausgestaltung regelmäßig diskutiert und überarbeitet wird. Zuletzt im Rahmen des Koalitionsvertrages, an dem ich selbst, als Mitglied der verhandelnden Arbeitsgruppe, mitgewirkt habe. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens hätte die vollständige Auflösung unseres Sozialsystems zur Folge. Über die resultierenden Auswirkungen gibt es bis heute keine zuverlässlichen Fakten. Dieses Risiko kann und möchte ich als Mitglied des Deutschen Bundestages, der zuletzt über eine endgültige Einführung zu entscheiden hätte, nicht verantworten.

Da sich unser Leben gegenwärtig in nie dagewesener Geschwindigkeit verändert, werden wir auch unser Sozialsystem weiter überarbeiten müssen. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, flexiblere Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem eine Fokussierung auf lebenslanges Lernen. Diese Herausforderungen können alle im Rahmen der bereits bestehenden Sozialgesetzbücher gemeistert werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Arbeit auch in Zukunft lohnen muss.

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Nicht ganz zeitgemäß

17. Februar 2018 von redaktionguh  
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Es sind schöne Bilder, die wir derzeit täglich aus Südkorea sehen. Das liegt neben Sonne und schneebedeckten Bergen vor allem an den tollen Ergebnissen, die die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der olympischen Winterspiele in diesem Jahr erzielen und Deutschland im Medaillenspiegel ganz oben mitspielen lassen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland unterstützt die Sportler. So hat sie gemeinsam mit der katholischen Kirche ein geistliches Büchlein erarbeitet – ein Mini-Trainingsbuch mit biblischen Texten, Gebeten und Meditationen, was sich jeder in die Tasche stecken kann. Hier finden sich auch Kontakte zu drei Seelsorgern. Sie stehen den Athleten vor Ort in Pyeongchang zur Seite – ein evangelischer Pfarrer, ein katholischer und einer für die nachfolgenden Paralympics. Drei Männer für 154 deutsche Sportlerinnen und Sportler? Ist das zeitgemäß?

Frauen sind seit 1900 bei Olympia dabei, seit 1908 starten sie auch für Deutschland. Vor allem sie stehen im Focus der aktuellen Spiele und profitieren von neuen Disziplinen. Das Internationale Olympische Komitee hat das Programm der Winterspiele 2018 neu sortiert und setzt so stark wie nie auf das weibliche Geschlecht. 2018 gibt es nach Auskunft von IOC-Präsident Thomas Bach eine Rekordzahl an Frauen-Wettbewerben und Starterinnen. Ziel ist, den olympischen Sport wieder populärer zu machen.

Über 50 Jahre nach der ersten Ordination von Frauen in Deutschland muss auch die Kirche ein wenig schneller im 21. Jahrhundert ankommen. Die Teilnahme einer Pfarrerin als Seelsorgerin wäre für die deutschen Sportlerinnen ein wichtiges Signal und würde ganz sicher auch der Kirche zu Popularität verhelfen.

Mandy Weigel

Die Autorin ist Redakteurin bei der sächsischen Kirchenzeitung »Der Sonntag«.

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Bildung und Versöhnung

29. Januar 2018 von redaktionguh  
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Gera: Startschuss für Ökumenische Akademie

Ein neues ökumenisches Projekt geht in diesen Tagen in Gera an den Start: An diesem Sonntag, 28. Januar, wird in der Kirche St. Marien um 17 Uhr Pfarrer Frank Hiddemann als Leiter der »Ökumenischen Akademie Gera« eingeführt. Beginn für die praktische Arbeit des neuen Bildungsprojekts ist Anfang Februar. Zu seiner Realisierung haben sich insgesamt fünf Träger zusammengeschlossen: Die Diako Thüringen gGmbH, die Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen, die evangelischen Kirchenkreise Altenburger Land und Gera sowie das katholische Dekanat Gera tragen gemeinsam die halbe Stelle für Hiddemann, der daneben als Gemeindepfarrer in Gera tätig bleibt.

Ebenso ambitioniert wie die Trägerschaft ist das Programm der neuen Akademie. So will Hiddemann ab April in einer siebenteiligen Reihe unter dem Titel »Deutschland zuerst?« Fachleute und Politiker, darunter auch Vertreter der AfD, zu drängenden gesellschaftlichen Problemen befragen. »Wir können nicht auf Dauer rund ein Drittel der Bevölkerung ausgrenzen, wir müssen miteinander ins Gespräch kommen«, betont Hiddemann gegenüber der Kirchenzeitung. Dazu sei es auch notwendig, sich in Grauzonen zu begeben. Wichtig sei, dass diese Gespräche im kirchlichen Raum stattfinden und Argumente dabei einem Faktencheck unterzogen werden. »Versöhnung braucht zur Zeit riskante politische Debatten«, schreibt Hiddemann im Veranstaltungsprogramm.

Ein ganz anderes Format soll sich dem Thema »Christen in Nahost« widmen. Im Rahmen von »kulinarisch-liturgischen Nachmittagen« sind dabei Begegnungen mit Christinnen und Christen aus dem Orient geplant. Und in einer »Akademie am Vormittag« stehen Rentnerinnen und Rentner und ihre Erfahrungen mit dem Ruhestand im Mittelpunkt. Im ersten Vortrag im Februar geht es beispielsweise um die Frage »How to survive the Ruhestand? (Wie überlebe ich den Ruhestand – d. Red.) Vom Chefarzt zum Kulturmanager«.

Glaubenskurse und Angebote zu geführten Radtouren und Wanderungen gehören ebenso zum Programm der Akademie.

(G+H)

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Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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Ein Tag der Gemeinschaft

5. Januar 2018 von redaktionguh  
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Eine Kulturfrage: Was verteidigen wir als Christen eigentlich beim Kampf gegen die allgemeine Sonn- und Feiertagsarbeit?

Es gibt die eine Sonntagsarbeit, die Kaufhäuser und Konzerne einfach weiterlaufen lassen wollen – so, als sei gar kein Sonntag, sondern ein Werktag wie jeder andere. Und es gibt eine Sonn- und Feiertagsarbeit, die den Sonn- und Feiertag als Tag von Ruhe und Erbauung, von Gemeinsamkeit überhaupt erst ermöglicht, indem sie Restaurants offen und Ausflugsziele erreichbar hält.

Es gibt Arbeiten an Sonn- und Feiertagen, die dienen gerade der Möglichkeit, dass ein Tag der Woche zu einem Sonn- oder Feiertag werden kann. Dabei meine ich nicht die immer präsent zu haltenden Dienste einer Gesellschaft zur Gefahrenabwehr oder Rettung – von Polizei über Feuerwehr bis zu Krankenhaus und Notarzt. Sondern gemeint sind hier all die Arbeiten, die einen Sonntag zum Sonntag machen: Auch in unserer säkularen Gesellschaft gehören dazu natürlich die Angebote der Kirchen, aber längst ergänzt um die Arbeit der Kulturinstitutionen.

Ein Sonn- oder Feiertag mit Besuch im Zoo, im Konzerthaus oder Lokal setzt voraus, dass Tierpfleger und Kassenfrau, Opernsänger und Beleuchterin, Koch und Straßenbahnfahrerin bereit sind, anderen einen guten oder feierlichen Tag zu bereiten. Insofern geht es gar nicht um die Frage »Sonntagsarbeit – Ja oder Nein?«, sondern um die Frage »Welche Arbeit am Sonntag will eine Gesellschaft und welche nicht?«.

Auszeit: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt« – dieser Satz steht so im Grundgesetz (Art. 140 GG) und war vorher schon Teil der Weimarer Verfassung. Foto: Adrienne Uebbing

Auszeit: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt« – dieser Satz steht so im Grundgesetz (Art. 140 GG) und war vorher schon Teil der Weimarer Verfassung. Foto: Adrienne Uebbing

Im Kern dürfte es daher diese Unterscheidungen der Sonntagsarbeit sein, deren Grenzziehung strittig ist: Ist Einkaufen die Basis einer heutigen Sonn- und Feiertagskultur als »seelische Erhebung«? Gehört zu einem Feiertag das gemeinsame Schlendern durch Einkaufzeilen? Und gibt es einen kategorialen Unterschied zwischen Schlendern vor Ort oder im Internet? Man wird dies nicht einfach beantworten können, will man nicht unreflektiert ein bildungsbürgerliches Ideal zur allgemeinen Norm machen. Aber es muss allen klar sein, dass es hier letztlich allein um eine Kulturfrage geht: Denn mehr (Öffnungs-)Zeit zum Einkaufen bedeutet ja nicht mehr Einkaufsgeld. Es gehört meines Erachtens zu den »Fake News« dieser Debatte die oft angeführte These, dass mit einer Öffnung des Sonn- und Feiertagsverbotes die Nachfrage erhöht werde. Es mag kurzfristige Effekte geben, aber die Nachfrage erhöht sich durch eine gute wirtschaftliche Lage, nicht durch Öffnungszeiten.

Aber warum wehren sich dann die Kirchen gegen die Abschaffung der Sonn- und Feiertagsregelungen? Sind sie die (konservativen) Moralisten der Nation, die vorschreiben wollen, was für die anderen gut und richtig sei? Oder wollen sie gar den Kirchgang stabilisieren, indem Konkurrenz durch kommerzielle Möglichkeiten begrenzt wird?

Im Kern geht es – zusammen mit vielen anderen gesellschaftlichen Kräften – darum, den »Wert« der Sonn- und Feiertage aufrecht und sichtbar zu halten, wohl wissend, dass sich keineswegs alle daran halten werden. Denn dies entspricht nicht nur der geltenden Verfassung (der Schutz der Sonn- und Feiertage als Tage der »Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung« ist im Artikel 140 GG definiert), sondern erinnert an eine alternative Tagesgestaltung, für die der Kirchgang symbolisch stehen kann. Diente der Kirchgang früher immer auch der sozialen Gemeinschaftsstärkung in Stadt und Land, so scheint heute die Frage nach der Gemeinschaftsstärkung weitgehend der Arbeits- und Dienstleistungsgesellschaft nachgeordnet.

Wer sich aber den durchschnittlichen Familienrhythmus an einem Sonntag anschaut oder die »Brunch-Kultur«, der kann getrost feststellen: Der Sonntag ist noch immer der Tag der Gemeinschaft – Gott sei Dank, denn der Sonntag ist die Erfindung des Christentums für eine Welt, die Unterbrechung und Arbeitsfreiheit, Muße und Innehalten nur für eine kleine reiche Oberschicht kannte. Wollen wir da wieder hin? Geben wir damit nicht für das Linsengericht eines vermeintlich kommerziellen Wachsens den Segen des Erstgeburtsrechtes auf, einen Tag der Woche langsamer, gemeinschaftlicher und vielleicht sogar nachdenklicher zu gestalten? Ich wüsste keinen Grund, warum uns das schaden könnte.

Thies Gundlach

Der Autor ist Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland

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Seife der Hoffnung

27. November 2017 von redaktionguh  
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Träume, keine Schäume: Mit einem ungewöhlichen Projekt unterstützt die Kirchen­gemeinde Rüdersdorf eine Manufaktur in Syrien.

Syrien ist für kostbare Seifen in aller Welt bekannt und die Seifenmanufaktur hat eine lange Tradition. Avedis Titizian stellt seine Seife nach alten Rezepten aus reinem Lorbeer- und Olivenöl her. Sie ist frei von künstlichen Duft- und Farbstoffen und enthält keine tierischen Fette. Diese Seife gehört im Jahre 2017 zu den Aktionen innerhalb des Projektes »Hilfe für Nahost«. Seit 2014 hilft Pfarrer Christian Kurzke aus Rüdersdorf im Kirchenkreis Gera mit verschiedenen Aktionen den geflohenen Menschen, die direkt in den Gebieten Nordirak, Syrien und Libanon leben. Auf große Unterstützung konnte und kann der Organisator dabei von der Landeskirche, kirchlichen Organisationen und vielen privaten Spendern zählen. 2017 sind 80 000 Euro von der Landeskirche in das Programm von Christian Kurzke geflossen. Die Mittel wurden im Rahmen des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der EKM (KED) vom Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum zur Verfügung gestellt. Diese Gelder gingen an die christlichen Organisationen CAPNI (Christian Aid Program Northern Iraq) und an NESSL (The National Evangelical Synod of Syria and Lebanon). Damit werden Schülertransporte unterstützt. Diese bringen die Schüler aus entlegenen Dörfern zu den Bildungseinrichtungen der Hilfsorganisationen.

Versand: Pfarrer Christian Kurzke und Konfirmandin Lea Voigt sind fleißig dabei, die Bestellungen der »Seife der Hoffnung« einzupacken. Foto: Wolfgang Hesse

Versand: Pfarrer Christian Kurzke und Konfirmandin Lea Voigt sind fleißig dabei, die Bestellungen der »Seife der Hoffnung« einzupacken. Foto: Wolfgang Hesse

Pfarrer Christian Kurzke zeigt stolz die 2017 zusammengekommene Spendensumme in Höhe von 130 000 Euro. »Unser Hilfsprojekt ist mittlerweile so bekannt, dass Spenden aus allen Teilen Deutschlands auf unserem Konto eintreffen«, sagt der Gemeindepfarrer. »Eine größere Summe ging an die Poliklinik einer Kirchengemeinde in Minyara im Nordlibanon und an die Frauenarbeit von Pfarrer Abuna Jihad Nassif aus Homs, den wir in diesem Jahr persönlich hier in Rüdersdorf begrüßen durften.«

Die Hilfe ist ganz konkret für Menschen vor Ort bestimmt, wie etwa für den Manufakturbetrieb von Avedis Titizian. Der 34-Jährige gehört zu den Kriegsflüchtlingen aus Kessab, am Fuße des Musa Dagh, unweit von Aleppo. Er ist armenischer Christ und zählt zu den Nachkommen, die den Genozid 1915 überlebten. Drei Monate plünderten dschihadistische Truppen im Frühjahr 2014 systematisch die Stadt Kessab, zerstörten Häuser und Kirchen, bevor sie vertrieben wurden. Nur wenige ehemalige Bewohner kehrten nach Kessab zurück. Zwei Drittel der vormals 6 000 Einwohner gingen ins Ausland.

Neuanfang mit Hilfe aus dem Kirchenkreis Gera

Avedis Titizian stand nach seiner Rückkehr vor dem Nichts. Seine Manufaktur gab es praktisch nicht mehr, alles war zerstört oder gestohlen und es gab keine Entschädigung vom syrischen Staat. »Mit dem Bisschen, was mir geblieben ist, habe ich wieder angefangen Seife herzustellen«, berichtet Avedis Titizian. Niemand im Bürgerkriegsland kann jedoch heute seine hochwertige Seife kaufen. Deshalb unterstützt die Hilfe für Nahost Avedis Titizian, seine Seife in Deutschland zu verkaufen. Für 500 Kilogramm Seife werden ca. 10 000 Euro an die Manufaktur zurückgehen. »Wir hatten hier 3 500 Stück Seife und in den ersten 14 Tagen haben wir über 2 000 Stück davon verkauft«, freut sich Pfarrer Christian Kurzke.

»Das gelingt uns nur durch ein feinmaschiges Vertriebsnetz und den Online-Netzwerken von Diakonie, Kirchen und Gemeinden.« Die komplette Logistik von Verpackung bis hin zum Versand liegt im Gemeindebüro Rüdersdorf. »Ohne die Hilfe der Konfirmanden, den Kindern vom Chor und deren Eltern könnte ich das alleine nicht stemmen«, bemerkt Christian Kurzke.

Die »Seife der Hoffnung« ist, wie alle Aktionen von Pfarrer Christian Kurze, eine Hilfe für Flüchtlinge und Christen vor Ort, die in ihrer Heimat bleiben. Auch Avedis Titizian wollte nach Armenien auswandern. »Syrien ist meine Heimat. Ich liebe dieses Land und meine Eltern brauchen mich«, sagt er. »Mein größter Wunsch ist Frieden für Syrien. Mit dem Geld möchte ich meine Seifenmanufaktur erweitern und möglicherweise Arbeitsplätze schaffen. So kann ich meinem Land am besten helfen und auf Frieden hoffen.«

Wolfgang Hesse

Nähere Informationen unter E-Mail
<christiankurzke@web.de>

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Sonntag ist Sonntag

10. November 2017 von redaktionguh  
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Das Leben könnte so einfach sein. Der Sonntag ist arbeitsfrei. Sonntags arbeiten nur diejenigen, deren Leistung unverzichtbar ist. Also Menschen in Krankenhäusern, bei Feuerwehr und Polizei, bei den Ver- und Entsorgungsunternehmen, bei der Bahn, in Betrieben mit kontinuierlichen Produktionsprozessen. Und, ja bitte! Künstler und Beschäftigte in der Gastronomie sowie natürlich die Pfarrer. Denn deren Arbeit macht für die vielen anderen den arbeitsfreien Sonntag erst richtig zum Sonntag.

Die Länder haben indes mit ihren Ladenöffnungsgesetzen Regelungen geschaffen, wonach auch die Geschäfte – ausnahmsweise – sonntags öffnen dürfen. Die Händler, vorwiegend die großen Ketten und Einkaufszentren, schöpfen diese Möglichkeiten zumeist voll aus. Und nun sorgen Handelsriesen wie Aldi und Rewe für einen Paukenschlag im Zusammenhang mit dem Fakt, dass Heiligabend auf einen Sonntag fällt: Obwohl die meisten Ladenöffnungsgesetze unter diesem besonderen Umstand eine Öffnung erlauben würden, bleiben die Filialen mit Rücksicht auf das Familienleben der Beschäftigten geschlossen.

Bravo! Die Entscheidung könnte ein Zeichen setzen hin zum Verzicht auf noch mehr verkaufsoffene Sonntage, die in der Diskussion sind. Kirchen und Gewerkschaften sollten sich dieses Statement der Handelsriesen gut merken für die nächsten Verteidigungsrunden des arbeitsfreien Sonntags. Denn nicht nur Heiligabend freuen sich die Beschäftigten – zumeist Mütter und Hausfrauen – über Zeit, die sie mit ihrer Familie verbringen können.

Und was die Versorgung zu Weihnachten 2017 angeht: Es muss in Deutschland niemand darben, wenn die Läden drei Tage lang zu haben. Nur ein bisschen vorausschauend einkaufen.

Renate Wähnelt

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Die Zugewinngemeinschaft

10. November 2017 von redaktionguh  
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Positiver Trend: Erstmals seit 15 Jahren wurden im vorvergangenen Jahr in Deutschland wieder mehr als 400000 Ehen geschlossen. Im Gegenzug dazu ließen sich seit 2008 jährlich weniger Paare scheiden.

Die Zahlen und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Juli dieses Jahres durch den Bundestag könnte als Indiz gelten, dass die Ehe gerade eine enorme Aufwertung erfährt. Dass sie eine erstrebenswerte Verbindung sei, die es wert ist, allen ermöglicht zu werden.

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Doch schließen Paare mit Anfang 20 den Bund fürs Leben, werden sie nicht selten in ihren Familien oder ihrer Umgebung belächelt und als unwissend und blauäugig bezeichnet. Dies zeigt die fundamentale Veränderung der Ehe als Wert deutlich. War sie einst Grundlage des Zusammenlebens und Ausgangspunkt der Familiengründung, ist sie nun häufig zum Sahnehäubchen geworden, das eventuell dazu kommt, wenn das Haus gebaut ist und die Kinder bereits da sind.

Fast über Nacht wurde der Begriff »Ehe« im deutschen Recht umgedeutet, sodass nicht mehr Mann und Frau der Stand der Ehe vorbehalten ist, sondern ebenso Mann und Mann und Frau und Frau eine Ehe eingehen können. Was im staatlichen Bereich Realität ist, soll es nun auch im kirchlichen werden. In den einzelnen Landeskirchen sehen die Regelungen sehr unterschiedlich aus.

In der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz oder der badischen Landeskirche beispielsweise ist die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare der traditionellen gleichgestellt. In den Landeskirchen in Bayern, Braunschweig und Oldenburg sind lediglich Segnungen möglich, die teilweise nicht öffentlich sein sollen und in jedem Fall von einer Trauung zu unterscheiden sein müssen.

In der Landeskirche Anhalts entscheiden Gemeinde und Pfarrer gemeinsam über eine Segnung homosexueller Paare. Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist es seit 2012 möglich, dass Paare, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben, in einem Gottesdienst gesegnet werden können. Bereits im Frühjahr forderte jedoch die Evangelische Jugend der EKM die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Trauung von Mann und Frau gleichzustellen. Für sie ist die Unterscheidung diskriminierend und die Aufrechterhaltung eines Zwei-Klassen-Segens. Aktuell liegt die Thematik dem Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau zur Beratung vor.

Langes Ringen um eine Erklärung zum Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren gab es auch innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie veröffentlichte dazu Ende September ein Positionspapier. Das Fazit: Nach Ansicht der Evangelischen Allianz können »homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden«.

Von der Bibel, als »verbindlicher Maßstab in allen Fragen des christlichen Glaubens und der Lebensführung« ausgehend, werde die Ehe »als eine gute Stiftung Gottes« betrachtet, »in der Mann und Frau einander ganzheitlich – inklusive der geschlechtlichen Gemeinschaft – zugeordnet sind«. Weiter heißt es: »Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar.« Abschließend wird aber auf die »vorbehaltlose Annahme aller Menschen« im Evangelium verwiesen und darauf, dass jeder genauso anzunehmen ist, »wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre«. (Römer 15,7)

Den Status der »Ehe« in unseren Gemeinden und der Gesellschaft zu erfassen, ist eine Herausforderung. Dabei ist die Problematik der Begrifflichkeit genauso schwierig, wie die Frage nach der Relevanz und dem gesellschaftlichen Ansehen dieser verbindlichen Art des Zusammenlebens. »Warum Ehen mit Gott länger halten« betitelte »Die Zeit« in diesem Sommer einen Artikel, der verschiedene Studien vorstellte, die nachwiesen, dass »religiöse Paare ein deutlich geringeres Scheidungsrisiko als Verheiratete ohne Bezug zur Kirche haben«.

Eine Ehe mit Gott zu führen, ist kein Garant für lebenslanges Zusammensein. Aber Gott gibt der Ehe mit seinem Segen einen anderen Stellenwert, der über das bloße Gestalten des gemeinsamen Lebens hinausgeht.

Mirjam Petermann

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