Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von redaktionguh  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Damenprogramm

11. August 2017 von redaktionguh  
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Grande Dame der Diakonie: Brigitte Schröder, Gründerin und langjähriger Motor der Grünen Damen und Herren, eine der größten Organisa­tionen für Ehrenamtliche, der Kranken- und Alten-Hilfe.

Alles fing damit an, dass sich in den 60er-Jahren eine deutsche Außenministergattin auf Reisen im üblichen Damenprogramm langweilte: Brigitte Schröder (1917–2000) schlug vor, in Washington Krankenhäuser zu besichtigen. Sie war die Frau des damaligen Chefdiplomaten Gerhard Schröder (CDU) – nicht zu verwechseln mit dem späteren SPD-Bundeskanzler – und hatte bereits als engagierte Lokalpolitikerin in Düsseldorf ein Herz für soziale Themen gezeigt.

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nun also inspizierte sie US-Kliniken und lernte die »Pink Ladies« kennen. Die Ehrenamtlichen in rosa Kitteln besuchten die Patienten. »Und da sah ich die Lücke in Deutschland«, erinnerte sich Schröder später. »So kam es zu den Grünen Damen bei uns.«

Seit 1969 besuchen auch in Deutschland Ehrenamtliche Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern, machen kleine Besorgungen, haben Zeit für ein Gespräch, trösten und hören zu. Ihr Erkennungszeichen sind Kittel in Lindgrün – denn das Rosa der Washingtoner Ideengeberinnen missfiel Schröder, nüchtern, wie sie war. Derzeit sind mehr als 8 000 Grüne Damen und rund 700 Grüne Herren für die Evangelische Kranken- und Alten-Hilfe (eKH) im Einsatz.

Schröder wurde vor 100 Jahren, am 28. Juli 1917, in Breslau als Tochter eines Bankiers geboren. Die Ehe mit Gerhard Schröder im Jahr 1941 konnte nur mit einer Sondergenehmigung geschlossen werden, da sie zwei jüdische Großelternteile hatte. Die Mutter von drei Kindern galt als energisch und organisationsbegabt und knüpfte auch bei der Gründung der Grünen Damen und Herren schnell die entscheidenden Fäden. Alles begann im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, in dessen Kuratorium sie saß und wo sie eine Gruppe Einsatzbereiter um sich versammelt hatte. »Am Anfang bin ich schon von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, habe Klinken geputzt«, erinnerte sie sich später. Jede Stationsschwester musste überzeugt, jedes Haus musste Stück für Stück erobert werden, bis das »Lieblingskind« der zupackenden Frau zum unverzichtbaren Dienst an heute mehr als 750 Krankenhäusern und Altenheimen im gesamten Bundesgebiet werden konnte. Fast im Alleingang organisierte Schröder von Bonn aus, dass Ehrenamtliche auf Station vorlasen, zu Spaziergängen luden und kleinere Dienste erledigten. Erst 1992 kam in der Zentrale ein Geschäftsführer hinzu. Die eKH wuchs. Die Mitarbeiterschaft ist keineswegs nur evangelisch, die Arbeit ökumenisch.

Der gemeinsame Nenner heißt: christliche Nächstenliebe. 1979 fand sich der erste Grüne Herr. Heute sind rund zehn Prozent Männer. Krankenhäuser und Altenheime beteiligten sich an der Finanzierung der Nebenkosten.

Schröders Nachfolgerinnen im Vorstand, Gabriele Trull und inzwischen Käte Roos, haben die eKH in einen eingetragenen, gemeinnützig anerkannten Verein überführt und nach dem Tod der Gründerin die Brigitte-Schröder-Stiftung gegründet. Die Geschäftsstelle ist in Berlin. Immer noch finanziert sich die eKH hauptsächlich durch Spenden. Man steht nach eigenen Angaben in freundschaftlichem Austausch mit der 1971 gegründeten Katholischen Krankenhaus-Hilfe. Und immer stehen neue Aufgaben an: etwa die Begleitung von Menschen mit Demenz oder mit Migrationshintergrund.

Brigitte Schröder starb im Jahr 2000 in Bonn. »Meine schönsten Momente sind natürlich immer die, wenn neue eKH-Gruppen zu uns stoßen«, sagte sie 1996. »Ich habe ja schon immer auf der positiven Seite gelebt. Das ist mein Lebensprinzip.« (epd)

Ebba Hagenberg-Miliu

ekh-deutschland.de

Rast an der Radwegekirche

7. August 2017 von redaktionguh  
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Elberadweg: Teilstück in der Altmark wieder befahrbar

Mehr als 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen stehen in Mitteldeutschland. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Derzeit laden 64 davon, sogenannte Radwegekirchen, zu einer besonderen Rast ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie in Sachsen und sind auf Hinweisschildern am Weg und an den Kirchen als Radwegekirchen gekennzeichnet. Die Kirchen bieten noch bis zum Reformationstag am 31. Oktober an mindestens fünf Tagen in der Woche tagsüber einen Ort der Ruhe und Besinnung. An manchen Orten gilt diese Regelung auch für das Winterhalbjahr.

Foto: Screenshot G+H

Foto: Screenshot G+H

In einigen Kirchengemeinden gibt es zudem Kirchenführungen und Seelsorgegespräche. Zertifizierte Radwegekirchen sollten neben Informationen möglichst auch einen Rastplatz oder Bänke im Garten sowie Zugang zu Toi­letten und Trinkwasser bereitstellen.

Ein Teilstück des Elberadweges in der Altmark zwischen Billberge und Arneburg im Kirchenkreis Stendal ist jetzt wieder ohne Einschränkungen befahrbar, so das Wirtschaftsministerium in Magdeburg.

Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen findet sich auf einer Internetseite (Foto).

Dort gibt es detaillierte Informationen zu Öffnungszeiten oder der Geschichte der Kirche. Ein grünes Signet mit Kirche und Radfahrer kennzeichnet vor Ort die Kirchen.
(G+H/epd)

www.radwegekirchen.de

Alles nach Plan?

31. Juli 2017 von redaktionguh  
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Zwischenbilanz: Veranstalter in Wittenberg zufrieden – Besucherzahlen hinter den Erwartungen

Das Reformationsjubiläum wartet weiter auf den großen Durchbruch. Für die »Weltausstellung Reformation« in Wittenberg, zu der rund 500 000 Besucher erwartet worden waren, sind bislang erst 70 000 Eintrittskarten verkauft worden. Sie läuft noch bis zum 10. September.

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Die Ausstellung in den Grünanlagen rund um die Wittenberger Altstadt sollte einer der Höhepunkte im Jahr der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag sein. Insgesamt kostet die Weltausstellung rund 20 Millionen Euro, neben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählen auch das Land Sachsen-Anhalt und der Bund zu den Geldgebern. Die Veranstalter zeigten sich dennoch zufrieden: »Die Weltausstellung hat an Fahrt aufgenommen«, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. »Die Teilnehmerzahlen werden zunehmend stärker.« Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagte, sie »schätze besonders die Qualität der Begegnung von vielen Menschen, die Zuwendung zu existenziellen Fragen«. Die Weltausstellung zeige, dass 500 Jahre Reformation nicht eine Schau der Historie seien. »Wer bisher dabei ist, ist begeistert.«

Im Unterschied zum Millionenprojekt Weltausstellung kann die Stadt Wittenberg selbst im Lutherjahr nicht über fehlende Gäste klagen: Allein die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, zählte seit Jahresanfang rund 280 000 Besucher. Und das Luther-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, ein begehbares Kunstwerk, das Besucher in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wurde seit Oktober 2016 von rund 250 000 Menschen besucht. Die genuin kirchlichen Angebote werden dagegen deutlich schwächer wahrgenommen. Der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgestellte Segensroboter, der als eines der Highlights der Weltausstellung gilt, hat nach Angaben von Standleiter Christian Ferber seit Beginn der Weltausstellung 3 800 Mal den Segen gespendet. Pro Woche würden etwa 380 bis 400 Menschen den Roboter nutzen – was zeigt, dass die Besucher zwar in Wittenberg sind, die teure Weltausstellung aber wohl weitgehend ignorieren.

Benjamin Lassiwe

Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von redaktionguh  
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Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

Luther geht immer

21. Juli 2017 von redaktionguh  
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Wandern auf Luthers Spuren: Unter diesem Motto treffen sich vom 26. bis 31. Juli in der Wartburgregion mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Mit dem Reformator hat der 117. Deutsche Wandertag aber wenig am Hut.

Über 20 Kilometer lang ist die Strecke, die Luther bei seiner Entführung auf die Wartburg gegangen sein soll. »Ob es genau auf diesem Weg war, sei mal dahingestellt«, sagt Wanderführer Andreas Matz. Aber denkbar wäre es in jedem Fall. Die Strecke ist die längste der 95 Wanderrouten, die zum Deutschen Wandertag zur Auswahl stehen – die Zahl erinnert nicht zufällig an die 95 Thesen.

Titel-Schuhe-29-2017Von Schweina führt sie über Steinbach zum Luthergrund, dem vermeintlichen Ausgangspunkt der Entführung. Durch den Nordwesten des Thüringer Waldes geht es weiter zur Wartburg. Andreas Matz ist einer von 270 Wanderführern, die das Großevent Wandertag ermöglichen. Er führt sechs der insgesamt 292 Touren, darunter zwei Mal die Strecke von Luthers Entführung. »Man wird nicht umhinkommen, Luther zu erwähnen«, sagt er. Aber: »Es geht vor allem um das Wandern.«

Dem stimmt auch der Superintendent des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen, Ralf-Peter Fuchs, zu. Das Motto bot sich an, »weil in diesem Jahr alles mit Luther sein muss«, meint er. Viele der Touren folgen tatsächlich den Spuren des Reformators, beispielsweise auf verschiedenen Etappen entlang des Lutherwegs. Von Eisenach nach Möhra, dem Heimatort von Luthers Vater etwa, oder eine kulturgeschichtliche Wanderung von Hörschel zum Eisenacher Lutherhaus. Doch die Mehrzahl der Wanderungen verbindet nicht viel mit dem Reformator.

Eisenach ist nach 1888 und 1936 zum dritten Mal Gastgeber des Deutschen Wandertages. Für die Veranstaltung übernahm die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin und Präsidentin des Thüringer Verbandes der Gebirgs- und Wandervereine, Christine Lieberknecht, die Schirmherrschaft. Obwohl der Titel der Veranstaltung durchaus einen christlichen Bezug vermuten lässt, fehlt der im Grußwort der Theologin im Programmheft. Nicht einmal um »Gottes Segen« für diese sechs Tage wird gebeten.

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Apropos Segen: Den haben die Kirchen vor Ort angeboten. Doch ein solcher Wandersegen zu Beginn der Touren wurde abgelehnt. »Damit konnten sie nichts anfangen«, sagt Superintendent Ralf-Peter Fuchs. Im über 200-seitigen Veranstaltungsheft fällt der Abschnitt der Kirchenveranstaltungen mit knapp drei Seiten recht dünn aus. Umso überraschender ist der Verweis auf das Buddhistische Dharmazentrum Möhra an dieser Stelle. Einige, seitens der Gemeinden rechtzeitig gemeldete Veranstaltungen fehlen dagegen. Darunter auch der speziell angebotene Abendsegen für Wanderer, Mittwoch bis Freitag um 19 Uhr in der Annenkirche.

Inhaltliche Akzente will Fuchs vor allem in den zwei ökumenischen Gottesdiensten, am Samstag im Kurpark in Bad Liebenstein und am Sonntag in Eisenach auf dem Elisabethplan, setzen. »Wenn die Wanderer einen inhaltlichen Bezug wollen, werden sie diese Veranstaltungen aufsuchen«, sagt Fuchs. »Und die werden gut«, ist er sich sicher.

Der Superintendent räumt ein, dass im Vorfeld nicht alles ideal lief. Er selbst kam erst nach Eisenach, als fast alle Planungen abgeschlossen waren. Auch für die Kirchengemeinden sei es schwer, über ein Jahr im Voraus zu planen – zudem noch für einen Termin in den Ferien. Deshalb war es Stephan Köhler, Pfarrer der Eisenacher Georgenkirche, wichtig, während der Wandertage auf die Angebote hinzuweisen, die sowieso schon bestehen. Die täglichen Marktkonzerte um 11 Uhr in der Georgenkirche und das anschließende Mittagsgebet um 12 Uhr beispielsweise.

Doch daraus folgt, dass deutliche Spuren lutherischer Theologie und Luthers Wirken für die Wanderer allenfalls in den Museen oder dem Musical »Luther! Rebell wider Willen« des Eisenacher Landestheaters zu finden sein werden.

Mirjam Petermann

Land ohne Glauben?

9. Juni 2017 von redaktionguh  
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Die ARD-Themenwoche widmet sich dem Glauben und Nichtglauben. Fernseh- und Hörfunkprogramme begeben sich auf Spurensuche nach der religiösen Vielfalt in Deutschland und nach dem, was den Menschen Halt gibt.

Mit einer Themenwoche »Woran glaubst du?« will die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) zwischen dem 11. und 17. Juni in ihren Fernseh- und Hörfunkprogrammen »der Frage nach dem Sinn des Lebens« nachgehen. Religion und Weltanschauungen und die Frage nach Halt und Orientierung seien in Zeiten der Verunsicherung hochaktuelle gesellschaftlich relevante Themen, sagte MDR-Intendantin und ARD-Vorsitzende Karola Wille.

Die ARD-Themenwoche unter Federführung des MDR werde viele Gesichter haben und »nicht nur in religiösen Dingen unterwegs sein«, sagte Wille. Gezeigt würden Vielfalt und Facetten des Glaubens. Dabei reicht das Spektrum vom besonders in Ostdeutschland verbreiteten Atheismus bis zum religiösen Fundamentalismus.

Ausgerechnet in einer der »gottlosesten Regionen der Welt« fragt der Mitteldeutsche Rundfunk nach dem Glauben. Foto: Ingo Wagner/picture alliance

Ausgerechnet in einer der »gottlosesten Regionen der Welt« fragt der Mitteldeutsche Rundfunk nach dem Glauben. Foto: Ingo Wagner/picture alliance

Ein breit gefächertes Programm­angebot will den Blick auf die vielen Spielarten des Glaubens öffnen. So soll im Ersten das Thema in Dokumentationen, Reportagen und Fernsehfilmen behandelt werden. Geplant sind unter anderem die Fernsehfilme »Atempause« (MDR/SWR) über den plötzlichen Hirntod eines Neunjährigen oder »Die Konfirmation« (siehe Seite 12) über einen Jugendlichen, der seine nicht gläubigen Eltern mit dem Wunsch nach einer Taufe überrumpelt.

Dazu kommen Serien, Dokumentationen und Talkrunden, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema beschäftigen. So wird sich das MDR-Magazin »Fakt« mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen, das Wirtschaftsmagazin »Plusminus« mit dem Esoterik-Markt und die »Sendung mit der Maus« mit Religion. »Auf dieses Spektrum sind wir sehr stolz«, sagte der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres. Die Dritten Programme steuern nach Angaben von MDR-Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi weitere mehr als 100 Sendestunden bei. Zum Beispiel fragt der RBB nach »Yoga als Religionsersatz« und der SWR zeigt eine Dokumentation über einen früheren Priester, der heute verheiratet ist und acht Kinder hat.

Der MDR wird sich am 12. Juni um 22.45 Uhr im Ersten mit »Land ohne Glauben« auf Spurensuche nach dem Leben ohne Religion im eigenen Sendegebiet begeben. Darin wird auch die engagierte EKM-Pfarrerin Esther Maria Fauß aus Greußen (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) porträtiert.

Religionssoziologen sprechen von Ostdeutschland als einer der »gottlosesten Regionen der Welt«. So gehören in Sachsen-Anhalt 83 Prozent der Einwohner keiner christlichen Kirche mehr an. Das sind im Schnitt acht von zehn Menschen, die nicht an eine der großen Kirchen gebunden sind. In Bayern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sind es nur zwei bis drei von zehn.

Ergänzt wird der MDR-Beitrag durch ein Datendossier. Dafür wurden den Angaben zufolge alle großen Sozialstudien und insgesamt 1 250 Datensätze ausgewertet, die regionale Vergleiche auch auf kleinräumlicher Ebene erlauben. Herausgekommen seien interessante Ergebnisse wie jenes, dass die Lebenserwartung in Deutschland dort am höchsten ist, wo es die meisten Kirchenmitglieder gibt, sagte Jacobi.

Die Themenwoche wird inhaltlich im Internet begleitet. Dort werden alle Aktionen und Schwerpunkte vor und während der Woche gebündelt. Für das ARD-weite Multimedia-Projekt »Woran glaubt Deutschland?« erklären Menschen aus ganz Deutschland ihre persönliche Einstellung zu Glaubensfragen (siehe Seite 2 »Namen«). Daraus entsteht eine Deutschland-Karte, die mit Videos, Fotos sowie Audios ergänzt wird und einen emotionalen Zugang zum Thema schaffen soll. Darüber hinaus können sich die Nutzer über die Sozialen Netzwerke an der Diskussion beteiligen.

Ziel der seit 2006 jährlich stattfindenden Themenwochen ist, gesellschaftlich relevante Sachverhalte zu behandeln und eine öffentliche Diskussion anzustoßen.

Markus Geiler  (epd/G+H)

www.themenwoche.ard.de

Was 2017 gefeiert wird

7. Mai 2017 von redaktionguh  
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Pünktlich zur Halbzeit des Reformationsjubiläums will die EKD mit einer Broschüre für Kirchengemeinden, Presbyterien und engagierte Christen noch einmal an dessen Grundlagen erinnern. »Uns geht es darum, zu zeigen, was eine protestantische Lebenshaltung eigentlich heute heißen kann: Innere Freiheit und Hinwendung zum Nächsten, aus Gottvertrauen leben und Orientierung aus der Bibel schöpfen – demütig und wo nötig, auch kämpferisch«, sagte die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus bei der Vorstellung. Das Büchlein ist in die Abschnitte »Erinnern«, »Vergewissern« und »Verantworten« gegliedert. Passend zu den binnenkirchlichen Reformprozessen der EKD spricht es stets von einer »reformatorisch geprägten Lebenshaltung« und von »protestantischer Theologie«.

Martin Luther kommt im Text nur im Zusammenhang mit Johannes Calvin vor. Stattdessen heißt es im Text: »Lebendige Gottesdienste und engagierte Bibellektüre, regelmäßige Gebete und Meditationen, Zeiten der Stille und des Rückzugs sind Quellen einer evangelischen Freiheit, die sich im Alltag bewährt.« Immer wieder betont der Text ferner die gesellschaftliche Bedeutung des Protestantismus. »Wir sind überzeugt: Reformatorisch geprägte Stimmen können der (Welt-)gesellschaft guttun«, heißt es darin etwa.
Die praktischen Wirkungen dieses Textes allerdings dürften wohl begrenzt bleiben. Denn das bekanntlich am 31. Oktober 2016 eröffnete Festjahr zum 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag ist schon in vollem Gange. Und eine Druckauflage von lediglich 15 000 Exemplaren führt dazu, dass – rein statistisch – für jede der rund 14 000 Kirchengemeinden in Deutschland gerade einmal ein Exemplar zur Verfügung steht.

Benjamin Lassiwe

Wittenberger Schlosskirche gehört jetzt EK

13. März 2017 von redaktionguh  
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Eigentumsübergang: Kritik der AfD-Fraktion am Vorgehen der Landesregierung

Am 30. Januar ist die Wittenberger Schlosskirche nun auch rechtlich in das Eigentum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) übergegangen. Die Gestaltung des Schlosskirchenensembles war Gegenstand einer Rahmenvereinbarung aus dem Jahr 2009 zwischen dem Land Sachsen-Anhalt, der Lutherstadt Wittenberg, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Predigerseminar Wittenberg und der EKD.

Ziel dieser Rahmenvereinbarung sei es, die historisch gewachsene Nutzungssituation an reformatorischen Gebäuden in Wittenberg einer zukunftsfähigen Strukturierung zuzuführen, erläuterte der Leiter der Rechtsabteilung der EKD, Oberkirchenrat Christoph Thiele, den Vorgang. Im Zuge der Umsetzung der Rahmenvereinbarung geht die Schlosskirche auf die EKD über, wodurch Stadt und Land künftig von den Unterhaltskosten entlastet würden. Die Eigentumsübertragungen erfolgten unentgeltlich, so Thiele gegenüber dem Deutschlandfunk. Faktisch handele es sich um einen Ablösevorgang im Sinne der Trennung von Staat und Kirche.

Die AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt hat die Eigentumsübertragung kritisiert. Nach Ansicht des AfD-Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider hätte das Land die Kirche behalten, verkaufen oder vermieten sollen, nachdem zuvor acht Millionen Euro für die Sanierung geflossen seien.

Der Antrag der AfD-Fraktion, die Übertragung rückgängig zu machen, wurde abgelehnt. Für den Beauftragten der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt, Oberkirchenrat Albrecht Steinhäuser, ist die aufwändige Sanierung der Schlosskirche ein deutlich sichtbarer Beitrag des Landes zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums. »Mit dem Eigentumsübergang dieser reformationsgeschichtlich bedeutsamen Kirche an die EKD geht auch die künftige Unterhaltungslast an die evangelische Kirche über, die vorher beim Land Sachsen-Anhalt lag. Aus Sicht des Landes ist dieser Vorgang deswegen nicht nur eine Investition in die kulturelle Substanz unseres Landes.«

(G+H)

Anhalt schrieb Reformationsgeschichte

27. Februar 2017 von redaktionguh  
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Die Welt blickt 2017 zumeist auf Wittenberg. Aber auch andernorts wurde evangelische Kirchengeschichte geschrieben. In Anhalt-Bernburg zum Beispiel, wo Reformierte und Lutheraner schiedlich-friedlich zusammenlebten.

Zwar war das kleine und immer wieder erbgeteilte Fürstentum Anhalt eines der ersten, das sich der Wittenberger Reformation anschloss. Aber im Laufe der Jahrhunderte ging es eigene Wege und leistete sich zwei Konfessionen im Land. Bei einer Tagung unter dem Thema »Von der Reformation zur Union« am 18. Februar in Bernburg stand diese besondere evangelische Kirchengeschichte vom 16. bis 19. Jahrhundert in Mittelpunkt.

Der Historiker Justus Vesting (Halle) zeigte am Beispiel des Fürsten Wolfgang von Anhalt-Köthen (1492–1566) auf, dass Anhalt durchaus Weltpolitik mitschrieb. So war der Fürst überall vertreten, wo in Sachen Reformation Bedeutsames geschah: von 1521 beim Reichstag in Worms bis 1547 bei der Schlacht von Mühlberg, die ihm die Reichsacht einbrachte. 1525 führte Wolfgang mit Luthers Hilfe in Anhalt-Köthen und 1526 in Anhalt-Bernburg die Reformation ein.

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

In Anhalt-Dessau nahmen die Fürsten 1534 erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Der gebildete und geschickte Georg III. (1507–1553) war mit Luther befreundet, aber eher Melanchthons Lehren verbunden. »Das Dessauer Abendmahlsbild von 1666 enthält dazu deutliche politische und theologische Aussagen«, so Vesting. In der nachfolgenden Generation, als ganz Anhalt vom Fürsten Joachim Ernst (1536–1596) regiert wurde, war die Spaltung des evangelischen Lagers in Deutschland in Genesiolutheraner (Bewahrer von Luthers Erbe) und Philippisten (Anhänger Philipp Melanchthons) in vollem Gange. Anhalt öffnete sich der reformierten Tradition aus der Kurpfalz. Durch Ämter – Fürst Christian I. wurde 1595 kurpfälzischer Statthalter – und Eheschließungen kam die sogenannte Zweite Reformation mit den Lehren Johannes Calvins auch nach Anhalt. In der Folge wurden Bilder aus den Kirchen entfernt, im Abendmahl gab es Brot statt Oblaten, 1589 fiel der Exorzismus bei der Taufe weg. Gegen die Veränderungen regte sich vor allem in kleinen Orten Widerstand. Am 14. Dezember 1599 legte eine theologische Kommission unter dem Zerbster Theologen Wolfgang Amling dem Herrscherhaus eine neue Kirchenordnung vor. Eindeutig legte sie fest: Brot und Wein beim Abendmahl zeugen nicht von der Realpräsenz Christi, sondern beim Mahl würde – nach dem Verständnis Calvins – der Heilige Geist die Christen untereinander und mit Christus im Himmel verbinden. Zwar trat diese Ordnung nicht in Kraft, aber der Calvinismus setzte sich in Anhalt durch.

Die anderthalb Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg beleuchtete der Historiker Jan Brademann (Dessau-Roßlau) in seinem Vortrag über die Unterschiede von Lutheranern und Reformierten im 17. und 18. Jahrhundert. Der Landesherr hatte weiterhin das Recht, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen. Die Zerbster Linie des Fürstenhauses kehrte 1642 zum Luthertum zurück. In Anhalt-Bernburg hatten sich »lutherische Inseln« um die Patronatskirchen Rathmannsdorf und Hohenerxleben gebildet. Auch in anderen Orten bekannten sich viele Menschen zum Luthertum. »Die konfessionelle Spaltung zog sich durch jedes Kirchspiel und viele Familien«, so Brademann. Es habe zwar Toleranz gegeben, aber keine Gleichberechtigung. Lutheraner mussten mit ihren Anliegen entweder zum reformierten Ortspfarrer oder weite Wege in Kauf nehmen. So wurde das »Auslaufen« zum lutherischen Abendmahl in Gemeinden außerhalb Anhalts üblich, was die Lutheraner zusammenschweißte. »Obwohl sie keine eigenen Pfarrer und keine Organisationsstrukturen hatten, verschwand die konfessionelle Zuordnung nicht«, so Brademann.

Zwar vereinte ab 1728 das Bernburgische Gesangbuch reformierte und lutherische Lieder, doch erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts durften lutherische Einwohner in ihren reformierten Ortskirchen das Abendmahl auf lutherische Weise empfangen. Die »Scheidewand«, wie es der Theologe und ab 1812 Generalsuperintendent von Anhalt-Bernburg, Friedrich Adolf Krummacher (1767–1843), bezeichnete, war dünner geworden.

Die Theologin Claudia Drese (Halle) sprach über die »Reconstruction des Protestantismus« in Anhalt-Bernburg unter dem regierenden Herzog Alexius Friedrich Christian. Nachdem er 1812 die Union angeregt hatte, bat Hofprediger Krummacher die Pfarrer um ihre Meinung. Nach einigem Hin und Her und Bedenken tagte am 26. September 1820 in Bernburg die Unionssynode mit Krummacher als Präses, bei der 46 Prediger die Kirchenunion für Anhalt-Bernburg beschlossen.

Die Trennpunkte Abendmahlsverständnis und Prädestination seien, so Friedrich Adolf Krummacher, dem Glauben und der Erkenntnis des Einzelnen zu überlassen. Die Bezeichnungen »lutherisch« und »reformiert« wurden abgeschafft und durch »evangelisch-christlich« ersetzt. Die Teilnahme an der Kommunion nach dem neuen Ritus blieb für die Erwachsenen weiterhin freiwillig, für Konfirmanden war sie verpflichtend. Warum der Herzog zu diesem Zeitpunkt die Kirchenunion wollte, habe sich ihr leider nicht erschlossen, so Claudia Drese. Ob aus persönlichen Gründen oder ob er Preußen entgegenkommen wollte, »darüber findet sich nichts in der schriftlichen Hinterlassenschaft«.

Angela Stoye

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