Am Montag war nichts wie früher

3. September 2018 von redaktionguh  
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Mattstedt: Hunderte demonstrierten friedlich nach Verbot des Rechtsrock-Konzerts

Seit diesem Wochenende gilt Mattstedt als »das Dorf, das die Neonazis vertrieb«, wie die Lokalzeitung titelte. Das als politische Versammlung angemeldete Rechtsrock-Festival wurde abgesagt. Grund war ein gerichtlich bestätigtes Betretungsverbot für das Festivalgelände. 3 000 Rechtsextreme aus Deutschland und Europa wurden im Weimarer Land erwartet.

Von Erleichterung zu sprechen, fällt Diana Schuchardt dennoch schwer. Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas, Bürgermeister des 500-Seelen-Ortes, organisierte sie den Protest. »In den letzten Wochen haben wir gebetet und gesungen ›Heiland, reiß die Himmel auf‹. Als uns die Nachricht vom Verbot erreichte, haben wir uns gefreut, aber gejubelt haben wir nicht«, erinnert sich die Gemeindepädagogin. Denn was dem Dorf jetzt bevorsteht, ist, was Diana Schuchardt diplomatisch einen »langen Prozess« nennt.

Bunte Meile: Aus dem Protest gegen die Neonazi-Veranstaltung machte das Bürgerbündnis ein Fest für die Demokratie. Foto: Maik Schuck

Bunte Meile: Aus dem Protest gegen die Neonazi-Veranstaltung machte das Bürgerbündnis ein Fest für die Demokratie. Foto: Maik Schuck

Der begann schon mit Bekanntwerden des angemeldeten Rechtsrock-Konzerts. »Nach einer kurzen Schockstarre sind wir aktiv geworden und haben in Mattstedt alle Familien besucht, mit ihnen gesprochen, mit jedem einzelnen.« Vier Familien aus dem Dorf organisierten schließlich den Protest, über 30 Bewohner sagten dem Bürgermeister und seiner Frau ihre Unterstützung zu. Beistand und Solidarität erfuhren die Mattstedter auch von den Bürgerbündnissen aus Themar und Kloster Veßra.

In den Gesprächen mit den Dorfbewohnern sei ihr viel Frust und Enttäuschung entgegengeschlagen, erinnert sich Diana Schuchardt. »Wir haben den Menschen versichert, dass wir ihre Meinung akzeptieren. Aber viele haben gefragt: Warum lasst ihr euch so davon aufreiben? Das ist doch die Sache der Politik. Und warum lassen die uns damit allein?« Nicht jedem hätten sie begreiflich machen können, erzählt sie, dass es wichtig sei, sich dagegen zu stellen.

Und da wird sichtbar, welcher Gestalt dieser »lange Prozess« ist, von dem Diana Schuchardt spricht. »Solch eine Situation bedeutet eine eindeutige Positionierung – egal, ob man sich engagiert oder zu Hause bleibt.« Es verlange den Menschen viel ab, ihre Meinung in Handeln umzusetzen. Zudem, meint sie, sei die Beteiligung an einem zivilgesellschaftlichen Protest für viele neu gewesen. »Ich vermute, es gibt nur wenige Mattstedter, die schon mal bei einer Demo waren. Und dann ist da noch die Angst.« Diana Schuchardt berichtet, dass viele Familien entschieden hätten, über das Wochenende zu verreisen.

Trotz der Absage fanden in Mattstedt die Proteste gegen das angekündigte Neonazi-Treffen statt. Etwa 500 Menschen beteiligten sich laut Polizei, die mit Kontrollen und Straßensperren Mattstedt für anreisende Rechtsextremisten gesperrt hatte. Zum Friedensgottesdienst und dem anschließenden Demonstrationszug durch den Ort waren auch der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und andere Politiker angereist.

Inzwischen haben die Einsatzkräfte, die Politiker und Journalisten das Dorf längst verlassen. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Normalität – und ein Streifenwagen, der in Mattstedt seine Runden dreht. Vor der Unsicherheit, der Frage, wie man jetzt dem Nachbarn begegnet, wie mit ihm redet, biete das keinen Schutz. »Es wird Risse geben«, sagt Diana Schuchardt. Sie wisse von Mattstedtern, bei denen die unterschiedliche Positionierung zu diesem Wochenende die eigene Familie spalte. »Einige meinten: Wenn es erst Montag ist, wird alles wie früher. Aber so einfach ist das nicht«, sagt Diana Schuchardt.

Mit Unterstützung der Mobilen Beratung in Thüringen (MOBIT) will sie weiter aufklären, vor allem die ländliche Jugend. »Schauen Sie nach Themar, nach Kloster Veßra oder jetzt ganz aktuell nach Chemnitz. Es geht gar nicht um Mattstedt. Es geht um die Verharmlosung solcher Situationen, wie wir sie hier hatten. Dadurch wird das Gefahrenpotenzial der rechten Szene, der Konzerte und Aufmärsche, mit denen sie den ländlichen Raum unterwandern, völlig außer Acht gelassen.«

Beatrix Heinrichs

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Prosit Deutschland!

17. August 2018 von redaktionguh  
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Drogen: Deutschland, das Land der Säufer und Kiffer? Fast scheint es so.

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2016 konsumierte im Durchschnitt jeder Bürger, also vom Säugling bis zum Greis, knapp 105 Liter Bier, 20,6 Liter Wein, 3,7 Liter Schaumwein und 5,4 Liter Spirituosen. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schlug erst kürzlich Alarm: Nach ihren Umfragen gaben 2016 16,8 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. 2008 waren es noch 11,6 Prozent. Besonders bedenklich: Bei den 12- bis 17-jährigen männlichen Jugendlichen stieg die Zahl zwischen 2011 und 2016 von 6,2 auf 9,5 Prozent.

Der Grundtenor sei seit Jahren gleich: »Es gibt in Deutschland eine große Zahl an Menschen mit Suchtproblematik«, bilanziert Jürgen Naundorff, Bundessekretär des Blauen Kreuzes. Und auch wenn die illegalen Drogen oft im Fokus der Wahrnehmung stehen: (Volks)Droge Nummer eins ist und bleibt der Alkohol. Etwa 3,38 Millionen Erwachsene sind jährlich von einer »alkoholbezogenen Störung« betroffen.

Zu den Forderungen des Blauen Kreuzes, einem Fachverband im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Deutschland, gehört deshalb, neben der persönlichen Verhaltensprävention, eine stärkere Verhältnisprävention. Gemeint ist, dass der Staat in Sachen Verfügbarkeit und Preis regulierend in den Alkoholmarkt eingreift. Naundorff verweist auf eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, nach der in Norwegen auf Grund der stärkeren Verhältnisprävention die suchtbedingten Krankheitstage um ein Drittel geringer als in Deutschland seien.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Doch der Staat zeigt sich in der Suchtprävention ausgesprochen zwiespältig: Während die sogenannten weichen Drogen, wie Hasch und Cannabis, verboten und nur auf dem bis in die Gefängnisse hinein blühenden Schwarzmarkt erhältlich sind, stehen Wodka und Co. in jedem Supermarktregal. Und der Staat verdient – wie ein Drogendealer – an jeder Flasche kräftig mit. Auf 3,165 Milliarden Euro beziffert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen die Einnahmen aus der Alkoholsteuer allein für das Jahr 2016.

Ein lohnendes Geschäft also? »Eine Milchmädchenrechnung!«, sagt Naundorff und hält entgegen, dass sich nach aktuellen Untersuchungen die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums auf rund 40 Milliarden Euro pro Jahr summieren.

Auch Katharina Schoett, Chefärztin der Suchtklinik im Ökumenischen Hainich Klinikum, spricht davon, dass in Deutschland alle sieben Minuten ein Mensch an den Folgen von Alkoholmissbrauch stirbt (siehe das Sommerinterview auf Seite 3). Das passe dann »nicht mehr zur fröhlichen Bierwerbung«. Und sie konstatiert, dass in der gesellschaftlich-politischen Debatte medizinischer Sachverstand nicht immer gefragt sei. Dafür sorgen nicht zuletzt Lobbyisten aus dem Bereich der Wirtschaft, die nicht müde werden, Bier und Wein als »deutsches Kulturgut« zu preisen. 557 Millionen Euro wurde 2016 allein für Alkoholwerbung in TV und Rundfunk, auf Plakaten und in der Presse ausgegeben.

Warum also nicht auch weitere weiche Drogen wie Cannabis freigeben? Für »kontraproduktiv« hält diese Diskussion die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler. Denn sie suggeriere gerade Jüngeren, Cannabis sei eine ungefährliche Substanz. »Das ist schlicht falsch«, so die CDU-Politikerin.

Auf der anderen Seite fragen auch die Suchtexperten des Blauen Kreuzes, ob es richtig ist, die Konsumenten von Cannabis zu kriminalisieren. Immerhin steigt trotz Repression die Zahl der Erstkonsumenten ständig. Gemeinsam mit anderen Akteuren fordert man deshalb schon länger die Einsetzung einer Enquete-Kommission in Sachen Cannabis.

Zudem scheuten sich mitunter Lehrkräfte und Präventionsmitarbeiter, mit Jugendlichen offen über das Konsumverhalten zu sprechen: Aus Furcht, selbst als potentielle Mitwisser in Konflikt mit den Gesetzen zu kommen. Doch Verhaltensprävention ist wichtig: Für Schulen und Jugendeinrichtungen hat das Blaue Kreuz deshalb die »blu:app for school« entwickelt. Sie steht gemeinsam mit einem Handbuch für Lehrer im Internet zur Verfügung.

Harald Krille

https://school.bluprevent.de/

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Ich habe es so satt!

4. August 2018 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Psalm 33, Vers 12

Ich habe es so satt. Ich habe es satt zu hören, dass Juden verachtet und verprügelt werden, weil sie ihre Kippa tragen. Ich habe es satt, dass in der Öffentlichkeit des Internets totgeglaubte antisemitische Verschwörungstheorien wieder aus ihren Löchern kriechen wie Maden aus verdorbenem Fleisch.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Ich habe es satt zu lesen, dass arabischstämmige Jugendliche einem anderen zusetzen, weil dieser einen Davidsstern trägt. Und ich habe es satt, wie die vermeintlichen Verteidiger eines christlichen Abendlandes mit dem Zeigefinger auf ebendiese zeigen, sie zu Sündenböcken machen und vom Antisemitismus in den eigenen Reihen abzulenken versuchen. Ich habe es satt, dass sich die alte Losung »Kauft nicht beim Juden« unter dem Deckmantel einer Boykottbewegung wieder Bahn bricht. Und ich habe es satt, dass »Jude« noch immer ein Schimpfwort ist und dass es mich fast nicht wundert, wenn ich lese, dass gut die Hälfte aller Deutschen unter die Shoah einen »Schlussstrich« ziehen will oder hierzulande
gut 20 Prozent antisemitischen Verschwörungstheo­rien anhängen.

Ich habe es satt, wie sich rechte Extremisten, denen im öffentlichen Diskurs ein kalter Wind ins Gesicht weht, als neue Juden stilisieren, die verfolgt und ausgegrenzt würden. Damit lügen sie nicht nur schamlos, sondern bespucken all die Opfer. Ich habe es satt zu lesen, dass die Anhänger einer Partei, die für sich selbst reklamiert, jüdisches Leben in Deutschland besonders schützen zu wollen, mit 55 Prozent überproportional oft der These zustimmen, Juden hätten zu viel Einfluss. Ich habe es satt, dass sich die Lüge als Wahrheit verkleidet. Immer und immer wieder.

Aber ich habe es nicht satt – und werde es hoffentlich nie satt haben – zu glauben, dass Gottes Wahrheit wahr ist und bleibt. Dass Gott ein besonderes Augenmerk auf sein Volk hat, das er sich erwählte. Ich habe es nicht satt zu glauben, dass Gottes Verheißung und Versprechen zuverlässig sind. So lange, bis all das ein Ende hat und endlich Frieden ist zwischen Völkern, Religionen, Ländern.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

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Gesprengte Hoffnung

9. Juli 2018 von redaktionguh  
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Die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hat Magdeburg für immer verändert. Damit nicht genug. Nach 1945 wurden Bauwerke, die nicht in den Zeitgeist passten, einfach beseitigt.

Pfingsten 1951 muss für die Magdeburger Christen voller Hoffnung gewesen sein: Hoffnung darauf, dass wieder etwas gut würde in der Stadt, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stark zerstört worden war. Ein altes Foto zeigt: Dicht gedrängt saßen die Magdeburger in der Heilig-Geist-Kirche und feierten den Gottesdienst zu deren Wiedereinweihung mit. Die mittelalterliche Kirche, Taufkirche des Barockkomponisten Georg Philipp Telemann, war ebenso zur Ruine geworden wie die anderen Kirchen im Zentrum. Doch mit Hilfe aus dem Ausland konnte sie als erste evangelische Kirche wieder aufgebaut, ab 1950 genutzt und im Jahr darauf eingeweiht werden. Der Dom zum Beispiel wurde erst 1955 mit der Amtseinführung von Bischof Johannes Jänicke eröffnet. Hoffnung auf wiedererstehende Kirchen also, die sich in den nächsten Jahren zerschlagen sollte.

Einsatz: Jugendliche beim Enttrümmern einer Kirchenruine (vermutlich die Katharinenkirche) beim ersten Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der DDR vom 15. bis 30. Juli 1962 in Magdeburg. Foto: epd-bild

Einsatz: Jugendliche beim Enttrümmern einer Kirchenruine (vermutlich die Katharinenkirche) beim ersten Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der DDR vom 15. bis 30. Juli 1962 in Magdeburg. Foto: epd-bild

Dass in der DDR fast 60 Kirchen dem sozialistischen Stadtumbau weichen mussten, war Thema eines Gesprächsabends der Landeszentrale für politische Bildung Ende Juni in Magdeburg. Nicht ohne Grund, denn in der Elbestadt wurden zehn kriegsbeschädigte Kirchen »Einfach weggesprengt«, so das Motto des Abends. Außer der Heilig-Geist-Kirche wurden bis 1964 gesprengt oder abgerissen: St. Ulrich und Levin, St. Katharinen, St. Jakobi, die Martinskirche, die Lutherkirche, die Deutsch-Reformierte und die Französisch-Reformierte Kirche sowie zwei säkularisierte Kirchen: das Zeughaus (ehemals St. Nikolai) und die Evangelische Schule (ehemals Franziskanerkloster).

»Die meisten Kirchen hätten gerettet werden können«, sagte Christian Halbrock, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Berlin. Doch das sei bei der sozialistischen Umgestaltung der Städte nach dem Vorbild der Sowjetunion – zum Beispiel mit Magistralen für Aufmärsche – nicht vorgesehen gewesen. »Die Kirchengebäude und das Wächteramt der Kirchen störten bei der Umerziehung zum ›neuen Menschen‹«, so Halbrock. Der Historiker sagte, dass im Fall, dass eine Stadt zur Bezirksstadt wurde, dies oft nichts Gutes für historische Bauten bedeutete. Und: »Verfall und Abriss von Dorfkirchen sind überhaupt noch nicht aufgearbeitet.«

Der Magdeburger Architekt Michael Sußmann verwies in seinem Vortrag »Vom Vergehen der Gotteshäuser in der Stadt Magdeburg« auf die Schwierigkeit, über eine Zeit zu urteilen, die man selber nicht miterlebt habe. Die Ergebnisse der beiden Architekturwettbewerbe, die noch in den 1940er Jahren für den Wiederaufbau Magdeburgs ausgeschrieben wurden, verzeichneten noch alle Kirchen. Erst ab 1950 und mit den »16 Grundsätzen des Städtebaus« habe sich das geändert. »In den Wiederaufbauplänen, die die Tageszeitung Volksstimme am 1. Mai 1953 veröffentlichte, fehlten die Kirchen.« Und ein im Zentrum geplantes, aber nie gebautes »Haus des Schwermaschinenbaus« sollte mit seinem 110 Meter hohen Turm den Dom überragen. Zwar war laut Beschluss der Evangelischen Kirche in Deutschland Magdeburg 1956 zur Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus erklärt worden. Aber das habe nichts genützt. Ebenso wenig wie Verhandlungen der Kirchenvertreter mit der Stadt und Proteste, zuletzt 1964 durch Bischof Johannes Jänicke, gegen die Beseitigung der Ruine der Katharinenkirche, deren Erhalt nach dem Abriss der Heilig-Geist-Kirche 1959 zugesagt worden war.

Mit Kirchen gingen auch ihre Kunstschätze verloren. Einige gerettete Steinmetzarbeiten fanden Platz in und an der wieder aufgebauten Wallonerkirche. Sie lassen ahnen, was da verloren ging.

Angela Stoye

Zum Weiterlesen: Berichte der Magdeburger Kirchenleitung zu den Tagungen der Provinzialsynode 1946–1989, herausgegeben von Harald Schultze. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, Seite 133 und Seiten 206/207

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Der unermüdliche Sämann

27. Februar 2018 von redaktionguh  
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Kirche des Jahres: Von insgesamt zwölf zur Wahl stehenden Kirchen in Deutschland erhielt zwar ein Gebäude in Rheinland-Pfalz die meisten Stimmen. Dahinter kam aber ein Gotteshaus in Südthüringen.

Uns ergeht es mit der Kirche wie dem Sämann da«, sagt Gerd Heim und deutet auf das rund 100 Jahre alte farbige Glasfenster im Altarraum der St. Bartholomäuskirche von Stressenhausen. Die Dorfkirche nahe Hildburghausen belegt den zweiten Platz im Jahresranking der Stiftung zur Bewahrung Kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa).
Natürlich weiß der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, dass mit dem Gleichnis im Lukas-Evangelium, Kapitel 8, der ausgestreute Samen für das Wort Gottes steht, das von den Menschen unterschiedlich angenommen wird. Gerd Heim sieht im unermüdlichen Handeln des Sämanns Parallelen zu den Anstrengungen für den Erhalt der Kirche.

Die Bartholomäuskirche überrascht mit ihrem prächtigen Innenraum. Um seine Pflege und Herrichtung für die Gottesdienste kümmert sich seit langem Küsterin Hiltrud Sillmann. Beim jährlichen Großputz kämen aber viele fleißige Hände noch hinzu, betont die 80-Jährige. Dass sei auch in den 1980er-Jahren so gewesen, als die Innenrestaurierung Dank vieler Spenden ermöglicht wurde.

»1720 hatten Herzog Ernst Friedrich I. von Sachsen-Hildburghausen und seine Gattin Albertine dem Ort eine neue Kirche geschenkt, nachdem im 30-jährigen Krieg Wallensteins Truppen während der Belagerung Coburgs das Dorf brandschatzten und auch die Kirche zerstörten«, berichtet Gerd Heim aus der Geschichte. Nur die Mauern des viel älteren, mächtigen Turmes blieben erhalten. Der bekam mit der Errichtung des Langhauses vor fast 300 Jahren ein Obergeschoß mit schön geschweifter Kuppel und Turmknopf.

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Voll Stolz zeigen Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner (links) und Kirchenältester Gerd Heim den fast fertigen Kirchturm. Foto: Thomas Schäfer

»In all den Jahren haben wir Geld gesammelt und angespart, um kleinere Reparaturen durchführen zu können. Damit kamen wir aber im Herbst 2008 an unsere Grenzen. Immer häufiger fielen Dachziegel vom Schiffdach und gefährdeten die Besucher der Kirche und des unmittelbar anschließenden Friedhofs. Wir wandten uns an das Kreiskirchenamt Meiningen mit der Bitte um Unterstützung«, so der Kirchenälteste. Die Kostenschätzung bildete die Grundlage für weitere Schritte zur Finanzierung: viele Anträge und weitere Bitten um Spenden, zumal das Schiffdach als einsturzgefährdet eingestuft wurde.

»Als wir 2008 mit der Planung begannen, gingen alle davon aus, dass der Turm in Ordnung sei. Weihnachten 2010 lag dann so viel Schnee auf dem Kirchendach, das es sich senkte. Am Turmanschluss entstand ein breiter Spalt. Ein Jahr später half der Kirchenkreis mit einer Notsicherung des Kirchendaches.«

Wiederholte Finanzierungsanträge blieben ohne positiven Bescheid. Die Saat ging nicht auf. Der Zustand des Turmes allerdings verschlechterte sich. Bald fielen auch dort Schiefer- und Sandsteinplatten ab. »Neun Jahre wurde beharrlich gesammelt und immer wieder von Haus zu Haus gegangen, denn nicht nur die 40 Prozent Kirchenmitglieder sollten sich angesprochen fühlen«, so Heim. Viel Geduld war nötig. Im 450 Einwohner zählenden Dorf kamen so 33 000 Euro zusammen. 2016 die Entscheidung: zuerst der Turm. Der Finanzierungsplan, den Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner vorlegte, wies 355 000 Euro aus. Eine gewaltige Bausumme, die nur durch Städtebauförderung, Lottomitteln, kirchlicher sowie kommunaler Zuschüsse und der Hilfe von Stiftungen wie der Kiba getragen werden konnte. Bedingt durch die Witterung musste die Baustelle leider 2017 geschlossen werden, obwohl der Außenputz des Turmes noch nicht fertig war. Das bedeutet wiederum Mehrkosten, zumal das Kirchendach mit geschätzten 90 000 Euro noch aussteht.«

Der zweite Platz im deutschlandweiten Wettbewerb der KiBa ist für Gerd Heim ein Zeichen, »dass wir auf dem richtigen Weg sind«. Pfarrer Zeidner fügt hinzu: »Und die Menschen ziehen mit.« Immerhin hat das kleine Dorf 787 Stimmen für ihr Projekt akquirie­ren können.

»Wie der Sämann werde ich unermüdlich weiter für den Erhalt unserer Kirche in geistlicher und weltlicher Beziehung ackern«, hat sich Gerd Heim vorgenommen. Und das große Ziel sei das 300-jährige Jubiläum 2020.

Uta Schäfer

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Konzentration auf den Kern der Kirche

Gemeindeporträt: Bitterfeld hat sich gewandelt, das stellt auch die Kirche vor neue Herausforderungen

Bitterfeld – rauchende Schornsteine, Gestank, zerstörte Natur. Die Bilder halten sich hartnäckig, auch wenn der Chemiepark modernisiert ist und der Braunkohlentagebau sich in einen See verwandelt hat. Bleibend scheint auch die bittere Erfahrung der Bewohner ob des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Stadt nach der Wende: Fast die Hälfte seiner Einwohner und Tausende Arbeitsplätze hat Bitterfeld verloren. Inzwischen pendeln mehr Menschen zum Arbeiten ein als aus und die rund 300 Firmen im Chemiepark haben 12 000 Beschäftigte.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel prägt auch das Leben der evangelischen Christen. 1 000 Glieder zählt die Stadtgemeinde, deren Pfarrer seit fünf Jahren Johannes Toaspern ist. Sein Büro liegt im Lutherhaus, einem großen Ziegelbau an den Binnengärten. »Eigentlich ein Traumhaus«, sagt Pfarrer Toaspern. Denn es bietet Platz für ein reges Gemeindeleben mit Saal, Büro-, Sozial- und Gruppenräumen. In den oberen Etagen gibt es die Pfarr- und Mietwohnungen. Gebaut wurde das Lutherhaus auch damit die Gemeinde ihrer christlichen Verantwortung gerecht wird. Der Sozialbau wurde 1928 errichtet, um Kinder zu betreuen: Hier konnten sie essen, ausruhen, spielen und Hausausgaben erledigen.

All dies, das Gemeindeleben und die Verantwortung für Mitmenschen, gibt es auch heute noch, wenn auch in kleineren Umfang. Den Kindergarten der Gemeinde gibt es nicht mehr, die Wohnungen sind immer schwerer zu vermieten. »Wenn Gott die Stadt nicht erweckt, werden wir uns verschlanken«, sagt Johannes Toaspern. Langfristig soll daher die Idee von einer Gemeinde unter einem Dach umgesetzt werden.

Aktuell lebt die Gemeinde unter zwei Dächern: Neben dem Lutherhaus gibt es die 1910 eingeweihte, neogotische Kirche am Markt. Sie soll als Gemeindezentrum aus- und umgebaut werden. Dazu gibt es einen Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Kleine Gemeindegruppen sollen ebenso ihren Platz finden wie hunderte Menschen zu Gottesdiensten an hohen Feiertagen. »Solange wir selbst gestalten können, sollten wir dies mit Verantwortung und Optimismus tun«, sagt der Pfarrer. Erfahrungen bringt Toaspern mit: Er war zuvor Pfarrer an der Leipziger Peterskirche, die auch als Gemeindekirche konzipiert ist.

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Das Innere des gewaltigen Sakralbaus mit seinen ursprünglich 1 000 Plätzen wurde vor gut 60 Jahren letztmalig umfassend saniert. Dabei fiel die florale Ausmalung einem nüchternen Zeitgeist zum Opfer. Inzwischen tun sich viele Baustellen auf. Sie bieten die Chance, nicht nur zu reparieren, sondern neu zu gestalten. »Chöre und alle anderen Gruppen könnten sich spirituell verankern mit und in der Kirche, wir schaffen einen neuen Bezug zu diesem geistlichen Ort«, meint Toaspern.

Gemeinschaft und Kontemplation betrachtet der Theologe als das Kerngeschäft von Kirche. Wo sich der Glaube in Stille, Gesang und Bibelworten entfaltet, ist Raum für Begegnungen, etwa beim gemeinsamen Essen. Die Gemeinde zelebriert dies bei der Einführung von Prädikanten oder Taufen.

In den vergangenen beiden Jahren hat Toaspern auch immer wieder Flüchtlinge getauft. Sie stellen inzwischen ein Drittel bis die Hälfte der Gottesdienstbesucher.

Um unter den Bitterfeldern Hemmschwellen abzubauen und sich einzubringen in die Stadtgemeinschaft, hat die Kirchengemeinde im Advent 2017 erstmals zu einem Lebendigen Adventskalender aufgerufen und im September des Reformationsjahres zum Lutherfest eingeladen. »Das war ein unglaubliches Fest. Was wir tun, wird wahrgenommen«, blickt Toaspern froh zurück. Kantorin Konstanze Topfstedt verstand es, Kinder in das Musizieren einzubinden. Die Aufführung des Luther-Musicals verschaffte allen ein Erfolgserlebnis. Vor einem Jahr hat sich die Gemeinde weiterhin im öffentlichen Bewusstsein verankert: Am 15. Februar 2017 öffnete zum ersten Mal die Suppenküche für Kinder und Jugendliche. Sechs ehrenamtliche Köche bereiten jeden Mittwoch ein warmes Mittagessen für die Besucher des Kinder- und Jugendtreffs unter Leitung von Thomas Bork zu.

Das offene Angebot nutzen vor allem Kinder, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben und setzen damit die Tradition des Lutherhauses fort, »Stunden echter Jugendfröhlichkeit (…) erleben zu können«, wie es in einem historischen Dokument heißt.

Bis zu 20 Portionen kochen die Helfer und stehen danach nicht allein in der Küche. Hilfe bekommen Gabi Köhler, Edith Reiche und Christel Schneider an diesem Mittwochmittag von vielen kleinen Händen, die Tische abwischen, die Küche aufräumen, dankbar und fröhlich sind. Das sei, sagen sie alle, viel besser als allein zu Hause zu sein.

Katja Schmidtke

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Komprimierte Darstellung eines Großereignisses

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Neuerscheinung: »Thüringen. Lutherland 2008–2017« im Wartburg Verlag veröffentlicht

Es liegt gut in der Hand, das überaus reich bebilderte Buch »Thüringen. Lutherland 2008–2017«, das auf 180 Seiten beleuchtet, mit welch thematischer Vielfalt die Reformationsdekade im Freistaat begangen wurde. In einem einleitenden Kapitel erinnert der Landesbeauftragte und promovierte Theologe Thomas A. Seidel daran, dass die erste Anregung zu einer zeitlich gestaffelten Vorbereitung des 500. Jubiläums im Jahre 2006 vom Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, ausging und vom damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prof. Dr. Wolfgang Huber, freudig aufgenommen wurde. Dabei erwies es sich als kluge und tragfähige Entscheidung, in Themenjahren inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, die das Ereignis für Menschen heute erlebbar und erfahrbar machen. Dafür geschaffene Fördermöglichkeiten beflügelten – über die umfänglichen baulichen Maßnahmen hinaus – die Kreativität der Akteure. Thomas Seidel ist es gemeinsam mit dem Journalisten Heinz Stade gelungen, die Veranstaltungen rückblickend komprimiert zu dokumentieren (S. 4–91). In der Mitte der Publikation gibt es ein auch für die praktische Nutzung hilfreiches Kapitel »Die wichtigsten Reformationsorte in Thüringen im Überblick« (S. 92–107). Von faszinierender Farbigkeit zeugen die Lichtinstallationen (S. 108–112).

Thomas A. Seidel/Heinz Stade (Hrsg.): Thüringen. Lutherland 2008–2017, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-552-2, 10 Euro

Thomas A. Seidel/Heinz Stade (Hrsg.): Thüringen. Lutherland 2008–2017, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-552-2, 10 Euro

Einblicke in die Aktivitäten gewähren Interviews und Beiträge zum Lutherweg, zu den Petersberger Luther-Disputen oder zur Weimarer Kinderbibel (S. 114–156). Dass die Reformation weiter geht, bezeugt das Kapitel »Ausblicke«. Die nächsten Jubiläen zwischen 2021 (500 Jahre Übersetzung des Neuen Testaments auf der Wartburg) und 2046 (500. Todestag Luthers) werden genannt. Zum Schluss ziehen maßgeblich Beteiligte ihr persönliches Fazit.

Michael von Hintzenstern

Thomas A. Seidel/Heinz Stade (Hrsg.): Thüringen. Lutherland 2008–2017, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-552-2, 10 Euro

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Chance für mehr Gerechtigkeit – Risiko für größere soziale Spaltung

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Pro

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

Allgemeiner Konsens ist wohl, dass unsere Gesellschaft eines Systems der sozialen Sicherung bedarf, welches dafür sorgt, allen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die Frage ist, ob das bestehende System unseren Ansprüchen und Möglichkeiten (noch) genügt.

Trotz wachsender Wirtschaftsleistung werden Reiche immer reicher und Arme immer ärmer. Die Wahrscheinlichkeit, in Altersarmut, Kinderarmut oder prekären Arbeitsverhältnissen zu landen, wächst. Existenzsorgen lösen bei vielen Menschen Unsicherheit und Ängste aus. Eine Fortschreibung dieser Entwicklung gefährdet den sozialen Frieden und letztlich die Demokratie.

Die klassischen Instrumente der Armutsbekämpfung (»Hartz 4«-Gesetze) haben es in den letzten 14 Jahren nicht geschafft, diese Entwicklung aufzuhalten. Vielleicht kann die visionäre, also zukunftsweisende und über herkömmliche Denkmuster hinausragende Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – existenzsichernd, Teilhabe ermöglichend, ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Zwang zu Gegenleistung, individueller Rechtsanspruch – genau hier ansetzen. Es gibt Studien und Experten, die unterschiedliche Modelle des BGE für finanzierbar und umsetzbar halten, und solche, die das widerlegen. Die Realpolitik hält sich noch weitestgehend zurück, man möchte sich nicht zu früh festlegen. Ich bin mir sicher: wenn wir die Idee des BGE in einer sich rasant ändernden Arbeitswelt als relevant erachten, finden wir eine Umsetzungsmöglichkeit.

Es geht in der Debatte BGE um einen Paradigmenwechsel, um das Menschenbild, um Vorurteile, um Erfahrungen, um Gefühle und nicht zuletzt um Wertvorstellungen und Glauben. Was kann ich als Christ einbringen?

Im Jahr 2017 feierten wir unter anderem Luthers große Erkenntnis, dass wir uns das Himmelreich nicht verdienen können – weder durch Geld, noch durch Taten. Wir sind bereits angenommen als bedingungslos geliebte Kinder des Vaters. Was für ein Bild! Wir müssen und können uns Gottes Liebe, Gnade und Anerkennung nicht verdienen. Wir erhalten sie ohne Vorleistung, Zwang und Bedürftigkeitsprüfung. Sie wird jedem als Voraussetzung für ein gelingendes Leben geschenkt, um daraus folgend in Freiheit das Richtige zu tun. Darüber hinaus nimmt der Vater selbst den zunächst »faulen«, verlorenen Sohn wieder an (Lukas 15,24).

Übertragen wir diese Bilder in unseren familiären Alltag und unsere gesellschaftliche Realität: Welchen Kräften vertrauen wir wirklich: Druck und Sanktionen oder Freiheit und Liebe? Ich glaube, Jesus wäre ein Befürworter des BGE.

Kontra

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Seit der Einführung der Krankenversicherung im Jahr 1883 in Deutschland bildet der Wohlfahrtsstaat die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolges und des sozialen Friedens. Wollen wir diese historische Errungenschaft, für die wir weltweit beneidet werden, durch ein gesellschaftliches Experiment ernsthaft gefährden?

Bisher leben wir in einer Gemeinschaft, die auf dem Grundprinzip der Solidarität beruht. Darunter verstehe ich eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der durch gegenseitige Hilfsbereitschaft individuelle Nöte solidarisch aufgefangen werden. Eine solidarische Haltung setzt voraus, dass sozialrechtliche Regelungen, wie zum Beispiel Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung, als gerecht empfunden werden. Auch das Prinzip »Fordern und Fördern« bringt zum Ausdruck, dass niemand bedingungslos, das heißt ohne einen Beitrag zum Gemeinwesen, Leistungen empfangen kann. Dieses Grundprinzip halte ich für gerecht.

Wie soll ich erklären, dass Menschen Leistungen beziehen, aber nicht zum Volkseinkommen beitragen, obwohl sie es könnten? Ein bedingungsloses Grundeinkommen gefährdet aus diesem Grund den sozialen Zusammenhalt in Deutschland.

In den vergangenen 135 Jahren hat sich unser Wohlfahrtsstaat kontinuierlich weiterentwickelt. Unsere soziale Absicherung ist heute in den insgesamt zwölf Sozialgesetzbüchern festgehalten, deren Ausgestaltung regelmäßig diskutiert und überarbeitet wird. Zuletzt im Rahmen des Koalitionsvertrages, an dem ich selbst, als Mitglied der verhandelnden Arbeitsgruppe, mitgewirkt habe. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens hätte die vollständige Auflösung unseres Sozialsystems zur Folge. Über die resultierenden Auswirkungen gibt es bis heute keine zuverlässlichen Fakten. Dieses Risiko kann und möchte ich als Mitglied des Deutschen Bundestages, der zuletzt über eine endgültige Einführung zu entscheiden hätte, nicht verantworten.

Da sich unser Leben gegenwärtig in nie dagewesener Geschwindigkeit verändert, werden wir auch unser Sozialsystem weiter überarbeiten müssen. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, flexiblere Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem eine Fokussierung auf lebenslanges Lernen. Diese Herausforderungen können alle im Rahmen der bereits bestehenden Sozialgesetzbücher gemeistert werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Arbeit auch in Zukunft lohnen muss.

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Nicht ganz zeitgemäß

17. Februar 2018 von redaktionguh  
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Es sind schöne Bilder, die wir derzeit täglich aus Südkorea sehen. Das liegt neben Sonne und schneebedeckten Bergen vor allem an den tollen Ergebnissen, die die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der olympischen Winterspiele in diesem Jahr erzielen und Deutschland im Medaillenspiegel ganz oben mitspielen lassen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland unterstützt die Sportler. So hat sie gemeinsam mit der katholischen Kirche ein geistliches Büchlein erarbeitet – ein Mini-Trainingsbuch mit biblischen Texten, Gebeten und Meditationen, was sich jeder in die Tasche stecken kann. Hier finden sich auch Kontakte zu drei Seelsorgern. Sie stehen den Athleten vor Ort in Pyeongchang zur Seite – ein evangelischer Pfarrer, ein katholischer und einer für die nachfolgenden Paralympics. Drei Männer für 154 deutsche Sportlerinnen und Sportler? Ist das zeitgemäß?

Frauen sind seit 1900 bei Olympia dabei, seit 1908 starten sie auch für Deutschland. Vor allem sie stehen im Focus der aktuellen Spiele und profitieren von neuen Disziplinen. Das Internationale Olympische Komitee hat das Programm der Winterspiele 2018 neu sortiert und setzt so stark wie nie auf das weibliche Geschlecht. 2018 gibt es nach Auskunft von IOC-Präsident Thomas Bach eine Rekordzahl an Frauen-Wettbewerben und Starterinnen. Ziel ist, den olympischen Sport wieder populärer zu machen.

Über 50 Jahre nach der ersten Ordination von Frauen in Deutschland muss auch die Kirche ein wenig schneller im 21. Jahrhundert ankommen. Die Teilnahme einer Pfarrerin als Seelsorgerin wäre für die deutschen Sportlerinnen ein wichtiges Signal und würde ganz sicher auch der Kirche zu Popularität verhelfen.

Mandy Weigel

Die Autorin ist Redakteurin bei der sächsischen Kirchenzeitung »Der Sonntag«.

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Bildung und Versöhnung

29. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Gera: Startschuss für Ökumenische Akademie

Ein neues ökumenisches Projekt geht in diesen Tagen in Gera an den Start: An diesem Sonntag, 28. Januar, wird in der Kirche St. Marien um 17 Uhr Pfarrer Frank Hiddemann als Leiter der »Ökumenischen Akademie Gera« eingeführt. Beginn für die praktische Arbeit des neuen Bildungsprojekts ist Anfang Februar. Zu seiner Realisierung haben sich insgesamt fünf Träger zusammengeschlossen: Die Diako Thüringen gGmbH, die Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen, die evangelischen Kirchenkreise Altenburger Land und Gera sowie das katholische Dekanat Gera tragen gemeinsam die halbe Stelle für Hiddemann, der daneben als Gemeindepfarrer in Gera tätig bleibt.

Ebenso ambitioniert wie die Trägerschaft ist das Programm der neuen Akademie. So will Hiddemann ab April in einer siebenteiligen Reihe unter dem Titel »Deutschland zuerst?« Fachleute und Politiker, darunter auch Vertreter der AfD, zu drängenden gesellschaftlichen Problemen befragen. »Wir können nicht auf Dauer rund ein Drittel der Bevölkerung ausgrenzen, wir müssen miteinander ins Gespräch kommen«, betont Hiddemann gegenüber der Kirchenzeitung. Dazu sei es auch notwendig, sich in Grauzonen zu begeben. Wichtig sei, dass diese Gespräche im kirchlichen Raum stattfinden und Argumente dabei einem Faktencheck unterzogen werden. »Versöhnung braucht zur Zeit riskante politische Debatten«, schreibt Hiddemann im Veranstaltungsprogramm.

Ein ganz anderes Format soll sich dem Thema »Christen in Nahost« widmen. Im Rahmen von »kulinarisch-liturgischen Nachmittagen« sind dabei Begegnungen mit Christinnen und Christen aus dem Orient geplant. Und in einer »Akademie am Vormittag« stehen Rentnerinnen und Rentner und ihre Erfahrungen mit dem Ruhestand im Mittelpunkt. Im ersten Vortrag im Februar geht es beispielsweise um die Frage »How to survive the Ruhestand? (Wie überlebe ich den Ruhestand – d. Red.) Vom Chefarzt zum Kulturmanager«.

Glaubenskurse und Angebote zu geführten Radtouren und Wanderungen gehören ebenso zum Programm der Akademie.

(G+H)

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Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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