Sonntag ist Sonntag

10. November 2017 von redaktionguh  
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Das Leben könnte so einfach sein. Der Sonntag ist arbeitsfrei. Sonntags arbeiten nur diejenigen, deren Leistung unverzichtbar ist. Also Menschen in Krankenhäusern, bei Feuerwehr und Polizei, bei den Ver- und Entsorgungsunternehmen, bei der Bahn, in Betrieben mit kontinuierlichen Produktionsprozessen. Und, ja bitte! Künstler und Beschäftigte in der Gastronomie sowie natürlich die Pfarrer. Denn deren Arbeit macht für die vielen anderen den arbeitsfreien Sonntag erst richtig zum Sonntag.

Die Länder haben indes mit ihren Ladenöffnungsgesetzen Regelungen geschaffen, wonach auch die Geschäfte – ausnahmsweise – sonntags öffnen dürfen. Die Händler, vorwiegend die großen Ketten und Einkaufszentren, schöpfen diese Möglichkeiten zumeist voll aus. Und nun sorgen Handelsriesen wie Aldi und Rewe für einen Paukenschlag im Zusammenhang mit dem Fakt, dass Heiligabend auf einen Sonntag fällt: Obwohl die meisten Ladenöffnungsgesetze unter diesem besonderen Umstand eine Öffnung erlauben würden, bleiben die Filialen mit Rücksicht auf das Familienleben der Beschäftigten geschlossen.

Bravo! Die Entscheidung könnte ein Zeichen setzen hin zum Verzicht auf noch mehr verkaufsoffene Sonntage, die in der Diskussion sind. Kirchen und Gewerkschaften sollten sich dieses Statement der Handelsriesen gut merken für die nächsten Verteidigungsrunden des arbeitsfreien Sonntags. Denn nicht nur Heiligabend freuen sich die Beschäftigten – zumeist Mütter und Hausfrauen – über Zeit, die sie mit ihrer Familie verbringen können.

Und was die Versorgung zu Weihnachten 2017 angeht: Es muss in Deutschland niemand darben, wenn die Läden drei Tage lang zu haben. Nur ein bisschen vorausschauend einkaufen.

Renate Wähnelt

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Die Zugewinngemeinschaft

10. November 2017 von redaktionguh  
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Positiver Trend: Erstmals seit 15 Jahren wurden im vorvergangenen Jahr in Deutschland wieder mehr als 400000 Ehen geschlossen. Im Gegenzug dazu ließen sich seit 2008 jährlich weniger Paare scheiden.

Die Zahlen und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Juli dieses Jahres durch den Bundestag könnte als Indiz gelten, dass die Ehe gerade eine enorme Aufwertung erfährt. Dass sie eine erstrebenswerte Verbindung sei, die es wert ist, allen ermöglicht zu werden.

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Doch schließen Paare mit Anfang 20 den Bund fürs Leben, werden sie nicht selten in ihren Familien oder ihrer Umgebung belächelt und als unwissend und blauäugig bezeichnet. Dies zeigt die fundamentale Veränderung der Ehe als Wert deutlich. War sie einst Grundlage des Zusammenlebens und Ausgangspunkt der Familiengründung, ist sie nun häufig zum Sahnehäubchen geworden, das eventuell dazu kommt, wenn das Haus gebaut ist und die Kinder bereits da sind.

Fast über Nacht wurde der Begriff »Ehe« im deutschen Recht umgedeutet, sodass nicht mehr Mann und Frau der Stand der Ehe vorbehalten ist, sondern ebenso Mann und Mann und Frau und Frau eine Ehe eingehen können. Was im staatlichen Bereich Realität ist, soll es nun auch im kirchlichen werden. In den einzelnen Landeskirchen sehen die Regelungen sehr unterschiedlich aus.

In der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz oder der badischen Landeskirche beispielsweise ist die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare der traditionellen gleichgestellt. In den Landeskirchen in Bayern, Braunschweig und Oldenburg sind lediglich Segnungen möglich, die teilweise nicht öffentlich sein sollen und in jedem Fall von einer Trauung zu unterscheiden sein müssen.

In der Landeskirche Anhalts entscheiden Gemeinde und Pfarrer gemeinsam über eine Segnung homosexueller Paare. Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist es seit 2012 möglich, dass Paare, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben, in einem Gottesdienst gesegnet werden können. Bereits im Frühjahr forderte jedoch die Evangelische Jugend der EKM die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Trauung von Mann und Frau gleichzustellen. Für sie ist die Unterscheidung diskriminierend und die Aufrechterhaltung eines Zwei-Klassen-Segens. Aktuell liegt die Thematik dem Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau zur Beratung vor.

Langes Ringen um eine Erklärung zum Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren gab es auch innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie veröffentlichte dazu Ende September ein Positionspapier. Das Fazit: Nach Ansicht der Evangelischen Allianz können »homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden«.

Von der Bibel, als »verbindlicher Maßstab in allen Fragen des christlichen Glaubens und der Lebensführung« ausgehend, werde die Ehe »als eine gute Stiftung Gottes« betrachtet, »in der Mann und Frau einander ganzheitlich – inklusive der geschlechtlichen Gemeinschaft – zugeordnet sind«. Weiter heißt es: »Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar.« Abschließend wird aber auf die »vorbehaltlose Annahme aller Menschen« im Evangelium verwiesen und darauf, dass jeder genauso anzunehmen ist, »wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre«. (Römer 15,7)

Den Status der »Ehe« in unseren Gemeinden und der Gesellschaft zu erfassen, ist eine Herausforderung. Dabei ist die Problematik der Begrifflichkeit genauso schwierig, wie die Frage nach der Relevanz und dem gesellschaftlichen Ansehen dieser verbindlichen Art des Zusammenlebens. »Warum Ehen mit Gott länger halten« betitelte »Die Zeit« in diesem Sommer einen Artikel, der verschiedene Studien vorstellte, die nachwiesen, dass »religiöse Paare ein deutlich geringeres Scheidungsrisiko als Verheiratete ohne Bezug zur Kirche haben«.

Eine Ehe mit Gott zu führen, ist kein Garant für lebenslanges Zusammensein. Aber Gott gibt der Ehe mit seinem Segen einen anderen Stellenwert, der über das bloße Gestalten des gemeinsamen Lebens hinausgeht.

Mirjam Petermann

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Lebensmut am Sterbebett

15. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Vor 35 Jahren wurde in der Schweiz der Verein Exit gegründet. Sein Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen dürfen. Ein Jahr später, es war 1983, wurde in Deutschland an der Uniklinik Köln die erste Palliativstation gegründet. Ihr Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) am Lebensende selbstbestimmt und ohne Schmerzen auf ihren Tod warten dürfen.

Aus den zarten Anfängen hat sich ein immer dichteres Netz von Hospizarbeit entwickelt. Deren Verdienst: Tod und Sterben sind nicht mehr die gesellschaftlichen Tabuthemen, die sie einmal waren. Zwei Drittel der Deutschen wissen, worum es bei der Hospizarbeit geht. Immer häufiger können Sterbenskranke ihre letzten Tage im Hospiz verbringen.

In Ruhe in einer vertrauten Umgebung sterben zu dürfen, ist ein Segen – 66 Prozent der Deutschen wünschen sich das. Doch nur für jeden Vierten geht dieser Wunsch in Erfüllung. 40 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus, 30 Prozent im Pflegeheim. Die Wartelisten der Hospize sind oft lang. Es ist dringend nötig, dass Hospizarbeit gestärkt wird.

Doch genauso wichtig ist, dass Pflegeteams in Altenheimen und Krankenhäusern mehr Zeit bekommen für die Begleitung Sterbender. Eine Nachtschwester, die im Schnitt für 52 Heimbewohner zuständig ist, hat keine Zeit, um am Bett eines Sterbenden zu sitzen.

Der Tod ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Der Hospizarbeit ist es gelungen, dem Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen zu verschaffen. Er wird deshalb nicht zum Freund. Aber so wird für manche aus Todesangst am Ende vielleicht sogar: Lebensmut.

Susanne Schröder

Die Autorin ist Redakteurin beim Bayerischen Sonntagsblatt

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Ausgezeichnet: Religion macht Geschichte

2. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Archiv der Landeskirche unterstützte Schüler bei Wettbewerb des Bundespräsidenten

Vier der diesjährigen Landessieger aus Sachsen-Anhalt im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten kommen aus Dessau und wurden vom Archiv der Evangelischen Landeskirche Anhalts unterstützt.

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten stand 2016/17 unter dem Motto »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«. Auf Initiative von Renate Schulze, Geschichtslehrerin im Philanthropinum, beteiligten sich sechs Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 a und 10 c daran.

»Als Frau Dr. Schulze auf uns zukam, zögerten Landeskirchenarchivar Günter Preckel und ich keine Sekunde«, sagt Jan Brademann vom Kirchenarchiv. Gemeinsam habe man ein Thema gesucht, das zum Motto passt, auf neue Erkenntnisse abzielt und dabei für Schüler zu bewältigen ist. Zwischen Oktober 2016 und Februar 2017 haben die Kollegen des kirchlichen Archivs die Schüler intensiv betreut.

Junge Geschichtsforscherin: Paula Eichler vom Gymnasium Philantropinum Dessau wird von Ministerpräsident Reiner Haseloff ausgezeichnet. Foto: Körber-Stiftung

Junge Geschichtsforscherin: Paula Eichler vom Gymnasium Philantropinum Dessau wird von Ministerpräsident Reiner Haseloff ausgezeichnet. Foto: Körber-Stiftung

»Wir lasen uns gemeinsam ein, sichteten Quellen und überlegten eine passende Fragestellung. Regelmäßig kamen die drei Arbeitsgruppen zu uns ins Archiv. Dort arbeiteten sie sich durch Literatur und vor allem Quellen, wie Akten, Kirchenboten, Zeitungsartikel und manches mehr.«

Aus Scheu wird Faszination

Die anfängliche Scheu vor der merkwürdigen Sprache und der noch schwierigeren Schrift sei bald der Faszination gewichen. Religion war sehr präsent im Leben der Menschen, und die Kirche war aufs Engste mit Gesellschaft und Politik verwoben – im 17. wie auch noch im 20. Jahrhundert. Unter verschiedenen Perspektiven beleuchteten die jungen Leute aktuelle Fragen historisch: etwa die nach der Toleranz gegenüber Lutheranern im reformierten Anhalt-Dessau im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert; nach der vermögensrechtlichen Trennung von Staat und Kirche in der Weimarer Republik und nach dem Verhältnis von Religion und Politik in der Dessauer Paulusgemeinde zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Arbeiten von Kim Kamenik und Moritz Gärtner »Vom schwierigen Weg in ein säkulares Deutschland: Der Prozess der Evangelischen Landeskirche Anhalts gegen den Freistaat Anhalt 1924 bis 1930« sowie von Paula Eichler und Jasmin Sahit »Toleranz schafft eine Kirche – die Entstehung der Johanniskirche zu Dessau« wurden Landessieger in Sachsen-Anhalt. Die Preise wurden im September im Kulturhistorischen Museum Magdeburg von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verliehen.

Gottes Weg durch die Zeit

Aus Sicht eines Historikers sei der Wert dieses Wettbewerbs als sehr hoch einzuschätzen, so Jan Brademann. Der Wettbewerb helfe jungen Menschen, sich zu befähigen, sie umgebende Erinnerungsorte zu erschließen und mit Sinn zu versehen; sie lernen, einen kritischen Blick auf bestehende Geschichtsbilder zu entwickeln und schließlich üben sie, überhaupt Argumente aus Tatsachen zu entwickeln. »Für uns Christen ist die Beschäftigung mit der Kirchengeschichte immer auch eine Möglichkeit, den Weg Gottes durch die Zeit nachzuvollziehen und so für die eigene Glaubenssuche Impulse zu bekommen«, so Brademann weiter.

Der Wettbewerb wird von der Körber-Stiftung ausgeschrieben, die 550 Geldpreise auf Landes- und Bundes­ebene auslobt, und fand zum 25. Mal statt. Bundesweit beteiligten sich dieses Mal 5 064 Kinder und Jugendliche, von Erstklässlern bis zu jungen Studierenden und Berufsschulabsolventen, mit insgesamt 1 639 Beiträgen. Die Vielfalt der Arbeiten und Projekte ist groß. Rund 700 Tutoren begleiteten die jungen Spurensucher bei ihrer Forschungsarbeit.

Die Landessieger haben jetzt noch Chancen auf eine Auszeichnung auf Bundesebene.

(G+H)

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Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von redaktionguh  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

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Damenprogramm

11. August 2017 von redaktionguh  
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Grande Dame der Diakonie: Brigitte Schröder, Gründerin und langjähriger Motor der Grünen Damen und Herren, eine der größten Organisa­tionen für Ehrenamtliche, der Kranken- und Alten-Hilfe.

Alles fing damit an, dass sich in den 60er-Jahren eine deutsche Außenministergattin auf Reisen im üblichen Damenprogramm langweilte: Brigitte Schröder (1917–2000) schlug vor, in Washington Krankenhäuser zu besichtigen. Sie war die Frau des damaligen Chefdiplomaten Gerhard Schröder (CDU) – nicht zu verwechseln mit dem späteren SPD-Bundeskanzler – und hatte bereits als engagierte Lokalpolitikerin in Düsseldorf ein Herz für soziale Themen gezeigt.

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nun also inspizierte sie US-Kliniken und lernte die »Pink Ladies« kennen. Die Ehrenamtlichen in rosa Kitteln besuchten die Patienten. »Und da sah ich die Lücke in Deutschland«, erinnerte sich Schröder später. »So kam es zu den Grünen Damen bei uns.«

Seit 1969 besuchen auch in Deutschland Ehrenamtliche Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern, machen kleine Besorgungen, haben Zeit für ein Gespräch, trösten und hören zu. Ihr Erkennungszeichen sind Kittel in Lindgrün – denn das Rosa der Washingtoner Ideengeberinnen missfiel Schröder, nüchtern, wie sie war. Derzeit sind mehr als 8 000 Grüne Damen und rund 700 Grüne Herren für die Evangelische Kranken- und Alten-Hilfe (eKH) im Einsatz.

Schröder wurde vor 100 Jahren, am 28. Juli 1917, in Breslau als Tochter eines Bankiers geboren. Die Ehe mit Gerhard Schröder im Jahr 1941 konnte nur mit einer Sondergenehmigung geschlossen werden, da sie zwei jüdische Großelternteile hatte. Die Mutter von drei Kindern galt als energisch und organisationsbegabt und knüpfte auch bei der Gründung der Grünen Damen und Herren schnell die entscheidenden Fäden. Alles begann im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, in dessen Kuratorium sie saß und wo sie eine Gruppe Einsatzbereiter um sich versammelt hatte. »Am Anfang bin ich schon von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, habe Klinken geputzt«, erinnerte sie sich später. Jede Stationsschwester musste überzeugt, jedes Haus musste Stück für Stück erobert werden, bis das »Lieblingskind« der zupackenden Frau zum unverzichtbaren Dienst an heute mehr als 750 Krankenhäusern und Altenheimen im gesamten Bundesgebiet werden konnte. Fast im Alleingang organisierte Schröder von Bonn aus, dass Ehrenamtliche auf Station vorlasen, zu Spaziergängen luden und kleinere Dienste erledigten. Erst 1992 kam in der Zentrale ein Geschäftsführer hinzu. Die eKH wuchs. Die Mitarbeiterschaft ist keineswegs nur evangelisch, die Arbeit ökumenisch.

Der gemeinsame Nenner heißt: christliche Nächstenliebe. 1979 fand sich der erste Grüne Herr. Heute sind rund zehn Prozent Männer. Krankenhäuser und Altenheime beteiligten sich an der Finanzierung der Nebenkosten.

Schröders Nachfolgerinnen im Vorstand, Gabriele Trull und inzwischen Käte Roos, haben die eKH in einen eingetragenen, gemeinnützig anerkannten Verein überführt und nach dem Tod der Gründerin die Brigitte-Schröder-Stiftung gegründet. Die Geschäftsstelle ist in Berlin. Immer noch finanziert sich die eKH hauptsächlich durch Spenden. Man steht nach eigenen Angaben in freundschaftlichem Austausch mit der 1971 gegründeten Katholischen Krankenhaus-Hilfe. Und immer stehen neue Aufgaben an: etwa die Begleitung von Menschen mit Demenz oder mit Migrationshintergrund.

Brigitte Schröder starb im Jahr 2000 in Bonn. »Meine schönsten Momente sind natürlich immer die, wenn neue eKH-Gruppen zu uns stoßen«, sagte sie 1996. »Ich habe ja schon immer auf der positiven Seite gelebt. Das ist mein Lebensprinzip.« (epd)

Ebba Hagenberg-Miliu

ekh-deutschland.de

Rast an der Radwegekirche

7. August 2017 von redaktionguh  
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Elberadweg: Teilstück in der Altmark wieder befahrbar

Mehr als 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen stehen in Mitteldeutschland. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Derzeit laden 64 davon, sogenannte Radwegekirchen, zu einer besonderen Rast ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie in Sachsen und sind auf Hinweisschildern am Weg und an den Kirchen als Radwegekirchen gekennzeichnet. Die Kirchen bieten noch bis zum Reformationstag am 31. Oktober an mindestens fünf Tagen in der Woche tagsüber einen Ort der Ruhe und Besinnung. An manchen Orten gilt diese Regelung auch für das Winterhalbjahr.

Foto: Screenshot G+H

Foto: Screenshot G+H

In einigen Kirchengemeinden gibt es zudem Kirchenführungen und Seelsorgegespräche. Zertifizierte Radwegekirchen sollten neben Informationen möglichst auch einen Rastplatz oder Bänke im Garten sowie Zugang zu Toi­letten und Trinkwasser bereitstellen.

Ein Teilstück des Elberadweges in der Altmark zwischen Billberge und Arneburg im Kirchenkreis Stendal ist jetzt wieder ohne Einschränkungen befahrbar, so das Wirtschaftsministerium in Magdeburg.

Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen findet sich auf einer Internetseite (Foto).

Dort gibt es detaillierte Informationen zu Öffnungszeiten oder der Geschichte der Kirche. Ein grünes Signet mit Kirche und Radfahrer kennzeichnet vor Ort die Kirchen.
(G+H/epd)

www.radwegekirchen.de

Alles nach Plan?

31. Juli 2017 von redaktionguh  
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Zwischenbilanz: Veranstalter in Wittenberg zufrieden – Besucherzahlen hinter den Erwartungen

Das Reformationsjubiläum wartet weiter auf den großen Durchbruch. Für die »Weltausstellung Reformation« in Wittenberg, zu der rund 500 000 Besucher erwartet worden waren, sind bislang erst 70 000 Eintrittskarten verkauft worden. Sie läuft noch bis zum 10. September.

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Die Ausstellung in den Grünanlagen rund um die Wittenberger Altstadt sollte einer der Höhepunkte im Jahr der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag sein. Insgesamt kostet die Weltausstellung rund 20 Millionen Euro, neben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählen auch das Land Sachsen-Anhalt und der Bund zu den Geldgebern. Die Veranstalter zeigten sich dennoch zufrieden: »Die Weltausstellung hat an Fahrt aufgenommen«, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. »Die Teilnehmerzahlen werden zunehmend stärker.« Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagte, sie »schätze besonders die Qualität der Begegnung von vielen Menschen, die Zuwendung zu existenziellen Fragen«. Die Weltausstellung zeige, dass 500 Jahre Reformation nicht eine Schau der Historie seien. »Wer bisher dabei ist, ist begeistert.«

Im Unterschied zum Millionenprojekt Weltausstellung kann die Stadt Wittenberg selbst im Lutherjahr nicht über fehlende Gäste klagen: Allein die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, zählte seit Jahresanfang rund 280 000 Besucher. Und das Luther-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, ein begehbares Kunstwerk, das Besucher in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wurde seit Oktober 2016 von rund 250 000 Menschen besucht. Die genuin kirchlichen Angebote werden dagegen deutlich schwächer wahrgenommen. Der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgestellte Segensroboter, der als eines der Highlights der Weltausstellung gilt, hat nach Angaben von Standleiter Christian Ferber seit Beginn der Weltausstellung 3 800 Mal den Segen gespendet. Pro Woche würden etwa 380 bis 400 Menschen den Roboter nutzen – was zeigt, dass die Besucher zwar in Wittenberg sind, die teure Weltausstellung aber wohl weitgehend ignorieren.

Benjamin Lassiwe

Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von redaktionguh  
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Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

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