Über die Verhältnisse

10. Juni 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Der Gang zu einer Schuldnerberatungsstelle ist für viele Betroffene die einzige Chance, um aus dem Teufelskreis immer neuer Schulden herauszukommen. Foto: epd-bild

Der Gang zu einer Schuldnerberatungsstelle ist für viele Betroffene die einzige Chance, um aus dem Teufelskreis immer neuer Schulden herauszukommen. Foto: epd-bild


Soziales: Beratungsstellen der Diakonie helfen Menschen, die in Geldnot geraten sind.

Immer mehr Menschen in Sachsen-Anhalt und Thüringen sind hoch verschuldet und müssen Insolvenz
anmelden. Für sie ist der Gang zur Schuldnerberatung häufig der letzte Ausweg.

Ein Sprichwort sagt: »Am Ende vom Geld ist noch zu viel Monat übrig.« Wie viel Wahrheit hinter diesen amüsanten Worten steckt, erleben die Mitarbeiter in den Schuldnerberatungsstellen der Diakonie Mitteldeutschland jeden Tag. Menschen in der Krise, ohne Geld und ohne Aussicht auf Besserung. Manche sind froh, dass ihnen geholfen wird, andere erweisen sich als beratungsresistent oder kommen erst, wenn es zu spät ist. Mit der aktuellen Finanzkrise haben die Geldprobleme aber wenig zu tun. Sie haben vielfältige Ursachen.

Johannes Spenn ist Referent für Gesellschaftliche Integration in Halle und für die Schuldnerberatung zuständig. 13 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen mit einzelnen Außenstellen arbeiten in Sachsen-Anhalt und Thüringen unter dem Dach der Diakonie Mitteldeutschland. Die Zahl ist seit Jahren konstant, obwohl der Bedarf stetig steigt. Spenn hat in der jüngsten Vergangenheit einen Trend beobachtet. »Es kommen immer mehr Jugendliche zu uns«, sagt er. »Sie haben meist keinen Schulabschluss und keine Ausbildung. Sie sind Menschen ohne Zukunft.« Sie plagen sich mit Handyrechnungen und der Tatsache, täglich über ihre Verhältnisse zu leben. »Sie sind jung und wollen sich alles leisten«, erklärt Spenn. »Aber die Realität holt sie irgendwann ein.«

Neben den Jugendlichen ist es die Generation 50 plus, die immer häufiger mit Geldsorgen kämpft. Ihr Einkommen kann die laufenden Kosten wie Miete, Energie oder Telefon nicht decken. Auch Langzeitarbeitslose kommen in die Beratung. Aussichten auf eine feste Arbeit und damit auf eine Chance, den Schuldenstrudel hinter sich zu lassen, haben die wenigsten. Doch auch wer das offizielle Rentenalter erreicht hat, kann nicht immer durchatmen. »Auch hier stehen Einkommen und Ausgaben oft in keinem gesunden Verhältnis«, weiß der 58-Jährige. »Hier rächen sich die gebrochenen Erwerbsbiografien.«

Der Einstieg zum Dasein als Schuldner ist meist klassisch. Über Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge, Trennungen oder Scheidungen führen die Wege der in Not geratenen Menschen in die Schuldnerberatung. Die Privatinsolvenz ist oft die einzige Lösung. Seit 1999 können Privatpersonen (keine Unternehmer) Insolvenz anmelden und müssen dabei sechs Jahre lang so viele Schulden abbezahlen wie möglich. In dieser Zeit darf der Schuldner von seinem monatlichen Einkommen 990 Euro behalten. Nach den sechs Jahren kann bei Gericht ein Antrag auf Restschuldbefreiung gestellt werden. »Viele geraten aber auch in finanzielle Not, weil sie sich Dinge leisten, die sie nicht bezahlen können«, sagt Spenn. Auch der Anstieg der Lebenshaltungskosten ist ein entscheidender Faktor. »Es ist wie in einem Hamsterrad.«

Dafür sprechen auch die Zahlen der Statistiker. Die Thüringer Amtsgerichte zählten allein im ersten Quartal dieses Jahres 699 Verbraucherinsolvenzen. Das entspricht einem Anstieg von 8,5 Prozent (oder 55 Verfahren) gemessen am Vorjahreszeitraum. Die renommierte Wirtschaftsauskunftei Bürgel gibt für Sachsen-Anhalt 1171 Privatinsolvenzen im selben Zeitraum an, was einem Zuwachs von mehr als 14 Prozent entspricht. Bundesweit wurden im ersten Quartal 34710 Privatinsolvenzen und damit knapp 14 Prozent mehr als vor einem Jahr gezählt. Für das gesamte Jahr prognostiziert Bürgel bis zu 140.000 Verbraucherinsolvenzen.

Der Erfolg der Schuldnerberatung hängt von der Komplexität des Problems ab. Als Anbieter von Beratungsdiensten erwartet die Diakonie Mitteldeutschland auch weiterhin eine entsprechende finanzielle Förderung, um die Angebote möglichst qualitätsgerecht anbieten zu können. Ganz wichtig: Die Beratungsleistungen müssen für die Nutzer kostenfrei bleiben, denn gerade dadurch zeichnet sich Beratung in freier Trägerschaft aus. »Wir kämpfen mit der Politik um den Leistungserhalt, um den Status quo«, bringt es Diakonie-Sprecher Frieder Weigmann auf den Punkt. Er glaubt: »Trotz der Zunahme von privater Überschuldung wünschen Kommunen und Gebietskörperschaften nicht mehr Beratungsstellen.« Denn auch bei ihnen ist am Ende vom Geld noch zu viel Monat übrig.

Sabrina Gorges

Jeder ist willkommen

5. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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In Greiz erwartet die Diakonie Gäste und Ratsuchende im »Café O. K.«.

Einfach mal entspannen und  miteinander sprechen – im Greizer  »Café O. K.« ist das gut und preiswert möglich. Foto: Irmengart Müller-Uri

Einfach mal entspannen und miteinander sprechen – im Greizer »Café O. K.« ist das gut und preiswert möglich. Foto: Irmengart Müller-Uri

Es ist ein Café, das aus dem Rahmen fällt. Im alten Greizer Diakonat am Kirchplatz, in dem jetzt der Diakonieverein Carolinenfeld mit seinen Beratungsstellen untergebracht ist, befindet sich auch das »Café O. K.«. Der ungewöhnliche Beiname »okay« ist nicht nur als »in Ordnung« zu verstehen, er bedeutet vielmehr: Hier ist jeder willkommen, unabhängig vom Alter, vom Geldbeutel oder der sozialen Lebenssituation. Man muss nicht gut gekleidet sein und man muss auch nichts verzehren. Aber: Jeder wird angenommen und kann sich mit seinen Fragen und Problemen an die Mitarbeiter des Diakonievereins wenden.

Auf der Basis des christlichen ­Menschenbildes bemüht sich hier seit Jahren Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Ursula Rudorf Kinder, Jugendliche und Erwachsene vor dem Verlust ihres Selbstwertgefühls zu ­bewahren. Darüber hinaus lernen Kinder sich gegenseitig zu akzeptieren, ohne irgendwelche Leistungen vorzuweisen. Der Gefahr einer Ausgrenzung wird somit entgegengewirkt. Mehr noch: Die Mitarbeiter versuchen, Begabungen unauffällig auf-­zuspüren und sie zu fördern. Dazu ­gehört auch das Angebot von Ferienausflügen.

Das Café wird zu den Öffnungszeiten gut angenommen. Eine Tasse Tee steht für jeden bereit. Wer möchte, kann auch ein preiswertes Mittag­essen einnehmen. Die Räume sind barrierefrei angelegt und können mit Kinderwagen oder mit Rollstühlen gut erreicht werden. Das Café muss sich im Wesentlichen selbst tragen, erhält aber jährlich eine Förderung durch die Stadt Greiz und findet auch in den Gemeinden tatkräftige Unterstützung. Staatliche Mittel in Form von Arbeitsfördermaßnahmen ermöglichen einigen Mitarbeitern, kontinuierlich im Café tätig zu sein.

Das »Café O. K.« ist praktischer Ausdruck christlicher Nächstenliebe. Hier wird sich unmittelbar dem Bedürftigen zugewandt, und vielleicht wird dieser oder jener letzten Endes sogar vor der Gefahr bewahrt, als ­Ergebnis seiner vielen Verletzungen eines Tages gewalttätig zu werden.

Irmengart Müller-Uri

Das »Café O. K.« ist von Montag bis Freitag von 9.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet und am Sonnabend heißt es von 10 bis 15 Uhr: »Kinder tafeln in Greiz«

»Ganz unten angekommen«

7. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Bei der gegenwärtigen Kälte greifen Obdachlose noch häufiger zur verhängnisvollen Flasche. 	Foto: Maik Schuck

Bei der gegenwärtigen Kälte greifen Obdachlose noch häufiger zur verhängnisvollen Flasche. Foto: Maik Schuck

Hilfsangebot: Diakonie Mitteldeutschland bietet Notunterkünfte und Beratungsdienste für Obdachlose

Rund 20.000 Menschen leben bundesweit auf der Straße. Im Winter bleiben ihnen oft nur die Notunterkünfte. Die Einrichtungen der Diakonie verzeichnen hierzulande allerdings noch keine gestiegene Nachfrage.

»Es ist ein Stigma, wenn man ›Ettersburger Straße 74‹ im Ausweis stehen hat, da wird jedes Gespräch sofort abgebrochen«, erzählt Ronald St. von seinen Erlebnissen beim Blutspenden, bei der Suche nach einer Wohnung oder nach Arbeit. Hinter der Ettersburger Straße 74 in Weimar verbirgt sich das Obdachlosenheim der Stadt. Ronald St. ist 29 und Alkoholiker, saß schon im Knast, weil er im Suff handgreiflich wurde. Die Schule, mehrere Ausbildungen und Entzugstherapien hat er abgebrochen. Seit etwa vier Monaten wohnt er im Obdachlosenheim, seine Freundin ebenfalls. »Man wird für doof gehalten« – diese Erfahrung musste er, einmal ganz unten angekommen, immer wieder machen.

Die Sozialbetreuung des Heims in Weimar verantworten Diakonie und Caritas gemeinsam. Vier Sozialarbeiter stehen bereit, sie teilen sich das Kontingent von 55 Wochenstunden. »Eigentliche Sozialarbeit und Einzelfallhilfe können wir unter diesen Bedingungen gar nicht leisten«, so Tonio Manser, Leiter der Einrichtung. In den Notwohnungen kommen bis zu 80 Personen unter, 27 finden im Übernachtungsheim einen Schlafplatz. Aber nur etwa die Hälfte der Plätze ist belegt, mit sinkender Tendenz.

Das ist laut Manser eine der erfreulicheren Folgen von Hartz IV, da seitdem die Mieten direkt über das Arbeitsamt bezahlt werden können, wodurch viele Schulden wegfallen. Die meisten der Bewohner sind in Arbeitsmaßnahmen beschäftigt. So gibt es enge Verbindungen zur »Neuen Arbeit«. In dieser Einrichtung der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein bekommen schwer Vermittelbare wie Obdachlose in verschiedenen Projekten vom Fahrradrecycling über gesunde Ernährung bis zur Denkmalpflege befristete Ein-Euro-Jobs und werden dabei sozial betreut. Eine Wiedereingliederung auf dem offenen Arbeitsmarkt sei aber für die meisten der Beschäftigten utopisch, so die stellvertretende Bereichsleiterin Christiane Englert.

Die Magdeburger Stadtmission kümmert sich besonders darum, Obdachlosigkeit mit umfangreichen Beratungsangeboten vorzubeugen. »Die Ursachen sind komplex, und wenn man Schulden hat, ist die Gefahr sehr groß, obdachlos zu werden«, sagt Schwester Erika Tietze, 1. Vorstand der Magdeburger Stadtmission. Das Projekt »Prävention Obdachlosigkeit«, eine unabhängige Schuldenberatung, finanziert sich ausschließlich über Spenden. Der Bedarf ist groß: »Wir könnten unendlich beraten, aber wir haben nur Geld für eine Stelle«, so Tietze. Bis zum 6. Januar wurden dafür während der Advents- und Weihnachtszeit mit der »Aktion Bäckercent« in knapp 30 Bäckereien Spenden gesammelt. In den letzten Jahren lag der Erlös zwischen 300 und 500 Euro.

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind in Deutschland insgesamt etwa 227.000 Menschen wohnungslos, rund 20.000 leben ohne Unterkunft auf der Straße. Für Betroffene bietet auch die Diakonie Mitteldeutschland in Erfurt, Weimar, Genthin, Sangerhausen, Wittenberg und Saalfeld Übernachtungsmöglichkeiten an. Darüber hinaus können Obdachlose oder Gefährdete in zahlreichen Einrichtungen wie Wärme- und Teestuben sowie Beratungsstellen Hilfe finden. Allerdings gibt es im Winter nicht mehr Anfragen als sonst auch.

In der Wärmestube Mühlhausen, wo sich Obdachlose und andere Hilfsbedürftige treffen, um sich aufzuwärmen und bei einem Kaffee miteinander zu plaudern, sind das ganze Jahr über zwischen 15 und 20 Besucher da. Auch die Übernachtungsangebote der Diakonie in Wittenberg sind im Winter nicht besonders ausgelastet. Sylvia Voigt, Leiterin des »Hauses Zuflucht« der Stadtmission Erfurt, kann das bestätigen: »Das habe ich in den ganzen Jahren noch nicht erlebt, dass der Zulauf im Winter größer ist. Wann und warum die Leute kommen, da gibt es kein System.« In Erfurt werden die Bewohner des Hauses auch von den anderen Bürgern gut versorgt: mit Handschuhen, gestrickten Mützen und dicken Socken.

Der freie Verein Streetwork Gera öffnet schon seit zehn Jahren von November bis April ein Nachtasyl mit neun Plätzen für obdachlose Jugendliche. In den vergangenen beiden Monaten gab es 28 Übernachtungen, etwas mehr als in den letzten Jahren. Vereinsvorsitzender Andreas Heimerdinger erklärt: »Prinzipiell kommen sie immer irgendwo unter. Im Winter gibt es nicht mehr Obdachlose als sonst, aber es wird stärker bewusst.«

Jonathan Steinert