Baubeginn mit Ben und Lilli

20. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Comments Off

Spatenstich für die Andreasgärten der Johanniter am Petersberg

Es war mehr ein symbolischer Spatenstich. Am 2. November endete offiziell die planerische Phase für die Andreasgärten der Johanniter in Erfurt. Nun geht es Stein für Stein an die bauliche Umsetzung.

Eine Wohnlandschaft schaffen, die sich an die wandelnden Bedürfnisse des Lebens anpasst: Das ist die Idee der Andreasgärten. Das Quartier, das die Johanniter am Erfurter Petersberg planen, ist ein ehrgeiziges Projekt. 95 Wohnungen, 300 Autostellplätze und 140 Kindergartenplätze sollen auf dem Areal in bester Lage und an historischem Ort entstehen. Seit Februar wurden die alten Gebäude auf dem Brachland abgerissen, seit Juni stehen nur noch die denkmalgeschützten Gebäude.

Spatenstich für die Andreasgärten der Johanniter am Petersberg     Es war mehr ein symbolischer Spatenstich. Am 2. November endete offiziell die planerische Phase für die Andreasgärten der Johanniter in Erfurt. Nun geht es Stein für Stein an die bauliche Umsetzung. Eine Wohnlandschaft schaffen, die sich an die wandelnden Bedürfnisse des Lebens anpasst: Das ist die Idee der Andreasgärten. Das Quartier, das die Johanniter am Erfurter Petersberg planen, ist ein ehrgeiziges Projekt. 95 Wohnungen, 300 Autostellplätze und 140 Kindergartenplätze sollen auf dem Areal in bester Lage und an historischem Ort entstehen. Seit Februar wurden die alten Gebäude auf dem Brachland abgerissen, seit Juni stehen nur noch die denkmalgeschützten Gebäude.  Schon innerhalb eines Jahres soll die Kindertagesstätte fertig sein. Zeitgleich wird an einer eingeschossigen Tiefgarage gebaut, anschließend soll das Wohnquartier errichtet werden. Für den ehrenamtlichen Landesvorstand Christian Meyer-Landrut ist das Projekt zukunftsweisend. Und nicht nur das: »Hier können christliche Werte gelebt werden und damit gesellschaftliche Relevanz erlangen«, ist er sich sicher.  Familien mit Kindern finden hier Raum, doch wenn die Kinder aus dem Haus sind, habe man als Mieter die Möglichkeit, sich zu verkleinern und doch im gewohnten Areal zu bleiben. Dort, wo man beheimatet sei und wo alle nötigen Dienstleistungen vor Ort seien. Gemeinsam leben, für einander da sein, das ist der Sinn des Projektes. Was die Johanniter planen ist so einfach wie herausragend: Einen ganzen »Blumenstrauß des Lebens« – von der Kindertagesstätte bis zur altersgerechten Wohnung. Dafür werden 30,5 Millionen Euro investiert. Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein lobte das Konzept und zeigte sich begeistert davon, dass mit dem Bauprojekt der Petersberg im Herzen der Stadt wieder belebt werde. Interessenten gibt es viele – vor allem für das generationsübergreifende Wohnen. Darum waren auch zahlreiche ältere Interessenten gekommen, die den Festakt erleben und sich über die Möglichkeiten der Andreasgärten informieren wollten. Ben und Lilli und die Kinder der Johanniter-Kindertagesstätte »Riethspatzen« untermalten die Veranstaltung mit fröhlichen Liedern. Auch sie wollen hier bald einziehen. Der Erstbezug ist für 2020 geplant.  Diana Steinbauer

Erste Schippen Sand für das Projekt: Ben und Lilli mit OB Andreas Bausewein (li.) und Andreas Weigel und Christian Meyer-Landrut vom Landesvorstand der Johanniter. Foto: Diana Steinbauer

Schon innerhalb eines Jahres soll die Kindertagesstätte fertig sein. Zeitgleich wird an einer eingeschossigen Tiefgarage gebaut, anschließend soll das Wohnquartier errichtet werden. Für den ehrenamtlichen Landesvorstand Christian Meyer-Landrut ist das Projekt zukunftsweisend. Und nicht nur das: »Hier können christliche Werte gelebt werden und damit gesellschaftliche Relevanz erlangen«, ist er sich sicher.

Familien mit Kindern finden hier Raum, doch wenn die Kinder aus dem Haus sind, habe man als Mieter die Möglichkeit, sich zu verkleinern und doch im gewohnten Areal zu bleiben. Dort, wo man beheimatet sei und wo alle nötigen Dienstleistungen vor Ort seien. Gemeinsam leben, für einander da sein, das ist der Sinn des Projektes. Was die Johanniter planen ist so einfach wie herausragend: Einen ganzen »Blumenstrauß des Lebens« – von der Kindertagesstätte bis zur altersgerechten Wohnung. Dafür werden 30,5 Millionen Euro investiert. Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein lobte das Konzept und zeigte sich begeistert davon, dass mit dem Bauprojekt der Petersberg im Herzen der Stadt wieder belebt werde.

Interessenten gibt es viele – vor allem für das generationsübergreifende Wohnen. Darum waren auch zahlreiche ältere Interessenten gekommen, die den Festakt erleben und sich über die Möglichkeiten der Andreasgärten informieren wollten. Ben und Lilli und die Kinder der Johanniter-Kindertagesstätte »Riethspatzen« untermalten die Veranstaltung mit fröhlichen Liedern. Auch sie wollen hier bald einziehen. Der Erstbezug ist für 2020 geplant.

Diana Steinbauer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Erlebnis für Auge und Hand

14. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

Neue Paramente für Erfurts Augustinerklosterkirche entstanden an der Burg Giebichenstein

Die neuen Paramente auf dem Altar und der Kanzel der Augustinerklosterkirche in Erfurt strahlen mit den Farben der prächtigen Fenster um die Wette. Sie leuchten rot, in verschiedenen Schattierungen, die man aus der Ferne als Faltenwurf wahrnimmt. Tritt man näher und berührt den Stoff, dann kann man Vieles ertasten: erhabene feste Stoffe, weiche Wolle, straffe Webfäden. Ein Erlebnis für die Wahrnehmung mit Auge und Hand.

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Zum Reformationstag wurden die ersten neuen Paramente an die Augustinerkirche in Erfurt übergeben. Studentinnen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle haben sie gemeinsam mit Professor Ulrich Reimkasten gestaltet. »Nachdem 2014 die restaurierten mittelalterlichen Fenster in der Kirche eingebaut wurden, entstand die Idee eines neuen Schmuckes des Altares und damit der Wunsch nach neuen Paramenten«, erklärt Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger.

Die Idee, gemeinsam mit der Burg Giebichenstein zu arbeiten, wurde geboren und vom Freundeskreis des Augustinerklosters unterstützt – ideell und finanziell.

Die beiden roten Paramente tragen den Titel »Anfang« und schmückten beim Gottesdienst am 31. Oktober zum ersten Mal die Kirche.

»Wir wollten mit den Paramenten Kraft ausdrücken. Die Kraft der eigenen Überzeugung«, erklärt Margarita Wenzel. Sie und ihre Mitstreiterinnen haben sich lange und intensiv mit der Geschichte des Ortes und der Bedeutung liturgischer Farben auseinandergesetzt. »Rot, das ist der Glaube, der Heilige Geist, das Bekenntnis. Wir wollten der Haltung und dem Stadtpunkt Martin Luthers und dem gesprochenen Wort damit Ausdruck verleihen«, ergänzt Kommilitonin Inka Schottdorf.

70 Prozent der Garne färbten die Studenten selbst

Dazu beschäftigten sich die Studenten mit Klanggrafiken und ließen sich von diesen inspirieren. Solche Klanggrafik wurde interpretiert und malerisch so lang weiter ausgeformt, bis sich schließlich eine ganz eigene Bildsprache fand. Vom malerischen Entwurf wurde das Bild in der Technik der Jacquardweberei umgesetzt.

Eine extreme Farbenkraft sollte die Textilien prägen. Dafür haben die Studentinnen im Laufe der Arbeit fast 70 Prozent der Garne, die sie benutzten, selbst gefärbt. Alpaca-Mohair-Wolle oder Viskose-Seide sind nur ein Teil all der verschiedenen Garne, die hier zum Einsatz kamen. Flauschig, fest, hoch und tief, zeichnen sie sich als zusammengewobenes Textil ab.

Professor Ulrich Reimkasten spricht von einer großen Ehre, ein solches Projekt umsetzen zu dürfen. »Zur Ehre kam aber auch Angst, etwas zu schaffen, was der Kraft und Qualität des Ortes und der Fenster in der Kirche nicht entspricht«, erläutert er. Er hat die Hoffnung, dass mit den neuen Paramenten der religiöse Charakter des Ortes bei den vielen Besuchern, die das Augustiner­kloster vorrangig aus touristischem Interesse besuchen, noch stärkeren Eindruck macht. »Über die ästhetische Begeisterung soll die Begeisterung für die religiöse Bedeutung des Ortes geweckt werden«, so Reimkasten. Er sieht die Paramente als Antwort auf die Bildgewaltigkeit und Farbigkeit der Fenster der Augustinerkirche.

Kunsthochschule entwirft weitere Altarbehänge

Pünktlich zum Reformationsjubiläum haben die neuen rotfarbenen Paramente den Anfang gemacht und schmücken nun den Altar der Klosterkirche. Im Laufe des Kirchenjahres werden drei weitere Paramente in den Farben Weiß, Grün und Violett dazu kommen. Die Entwürfe existieren bereits.

Diana Steinbauer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Chaotisch, kreativ und spannend für Jung und Alt

9. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Gemeindewerkstatt: Wenn Kirchengemeinden ungewöhnliche neue Wege gehen

Etwas ausprobieren, was es sonst nicht gibt. Das versuchen seit 2016 immer mehr Gemeinden in der EKM. Sie machen sich Gedanken darüber, was Kirche und Gemeinde heute für Menschen attraktiv machen könnte.

»Es gibt überall Menschen, die schon lange versuchen, etwas in Bewegung zu setzen, das in Verbindung mit Gott steht«, erklärt Andreas Möller, Referent für die sogenannten Erprobungsräume in der EKM. Möller weiß, dass oft Menschen, die sich für Glauben interessieren, der Weg in eine klassische Gemeinde zu weit oder die Hürden zu hoch sind. »Diese Menschen müssen ihre Angst davor aufgeben, irgendwie kompatibel für die Kirche zu sein«, erklärt er. Für sie seien Modellprojekte wichtig, die ihnen Kirche eröffnen, ohne dass sie sich dazu überwinden müssten. Es gehe auch darum, den Verhaltenskodex im Gottesdienst zu umgehen, der Außenstehenden fremd sei. Genau hier würden die Ideen aus den Erprobungsräumen ansetzen.

Schulgemeinde Hettstedt: Christen, Nichtchristen, Schüler, Lehrer und Eltern bilden die Gemeinde. Sie treffen sich, z. B. zur Morgenandacht im Raum der Stille (Foto). Foto: ekm  Erprobungsräume

Schulgemeinde Hettstedt: Christen, Nichtchristen, Schüler, Lehrer und Eltern bilden die Gemeinde. Sie treffen sich, z. B. zur Morgenandacht im Raum der Stille (Foto). Foto: ekm Erprobungsräume

Unterstützung finden die Ideengeber seit 2014 mit und in den Erprobungsräumen. Von Dezember 2016 bis zum Juni dieses Jahres lief die zweite Ausschreibungswelle. 31 Gemeinden stellten in Anträgen ihre Ideen vor. Daraus wurden 14 Projekte ausgewählt. Fünf davon, wie der Mehrgenerationenhof Burtschütz in der Region Nördliches Zeitz, die virtuelle Online-Kirche oder »Wir sind Nachbarn …« der Kirchengemeinde Nöbdenitz im Altenburger Land werden als Modellprojekte umfangreich beraten, bekommen finanzielle Unterstützung und eine dauerhafte Begleitung durch die Fachabteilung im Landeskirchenamt.

Andreas Möller freut sich über den Ideenreichtum, der auch in der zweiten Ausschreibungsphase zum Ausdruck gekommen sei. »Die Anträge kommen nun aus allen Regionen der EKM und auch der ländliche Bereich ist stärker vertreten als bisher«, erklärt Möller. Thomas Schlegel, Leiter des Referats Gemeinde im Landeskirchenamt, stellt fest: »Alles ist bunter geworden. Stadt- und Landgemeinden, verschiedene Generationen, Gründerzentren für Künstler, verschiedene Andachtsformen und –räume sind dabei.« Mit der »Messy-Church« gibt es eine ganz freie Form von Kirche. Kirchliche Gemeinschaft soll bei diesen Angeboten anders als gewöhnlich erlebbar sein. Chaotisch, kreativ und spannend, für Jung und Alt, heißt es in der Beschreibung. Diese Form scheint für größere Städte geeignet. Im ländlichen Bereich gehe man eher der Frage nach, mit welchen Ideen man Orte wieder beleben könnte. »Gemeinden machen sich heute schon mutiger darüber Gedanken, wie sie ihr Profil schärfen«, so Schlegel.

Möller und Schlegel wissen, viele Antragsteller haben sich schon vor Beginn der Erprobungsräume damit beschäftigt, individuelle Ideen für ihre Kirchengemeinde zu entwickeln. Die Erprobungsräume seien vielfach nur das Dach, unter das sie geschlüpft sind. Schlegel hofft nun, dass aus den Erprobungsräumen eine Bewegung entsteht. Andreas Möller betont: »Bei dem, was wir bisher erlebt haben, bin ich optimistisch für die Zukunft der Kirche, die mancherorts wirklich sehr ungewöhnliche Wege geht.«

Diana Steinbauer

www.erprobungsraeume-ekm.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Kirche ist spannend

25. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Porträt: Julia Braband – Studentin und Mitglied der Kirchenleitung

Für einen Urlaub fehlt Julia Braband im Reformationsjubiläumsjahr 2017 die Zeit; aber stillsitzen und dem süßen Nichtstun nachhängen – das ist eh nichts für sie. Bereits als Schülerin des Erfurter Ratsgymnasiums begann sie, sich ehrenamtlich zu engagieren, heute hat sie für ihr junges Alter erstaunlich viele Ämter inne. Im Mai wurde sie sogar in den Rat des Lutherischen Weltbundes gewählt.

Engagement für andere, die Arbeit in Gremien und Synodensitzungen: all das klingt wenig attraktiv und nicht sonderlich spannend für Jugendliche – nicht so für Julia Braband: »Es ist natürlich schwer, alles unter einen Hut zu bekommen, aber es macht mir unheimlich viel Spaß, mich zu engagieren. Ansonsten könnte ich es nicht machen und hätte auch keine Lust, wieder
nach Magdeburg zu fahren oder nach Halle oder mal eben nach Namibia. Man braucht Freude an dem, was man tut.«

Julia Braband bei der Tagung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia. Seit Mai gehört die Theologiestudentin dem Rat des LWB an. Foto: privat

Julia Braband bei der Tagung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia. Seit Mai gehört die Theologiestudentin dem Rat des LWB an. Foto: privat

Alles begann mit der Vakanzvertretung in der Elxleber Gemeinde. »Der Stadtjugendpfarrer von Erfurt war bei uns und fragte, ob ich nicht mitkommen wolle zum Stadtjugendrat? Ich hab es mir mal angesehen.« Dann ging es gleich weiter in den Landesjugendkonvent, dem sie mittlerweile vorsteht.

Heute ist sie aus dem Kreis derer, die in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) präsent sind, nicht mehr wegzudenken. »Klar sind Sitzungen einerseits echt langweilig, aber man lernt so viele Menschen kennen und das ist unheimlich wertvoll, gerade auch international. Das ist besser als jedes Auslandsstudium für mich, weil ich so viele verschiedene Kulturen erlebe. Das ist sozusagen der positive Mehrwert der ganzen Arbeit.«

Der Glaube gibt ihrem Leben seit jeher ein festes Fundament. Trotzdem war der Weg zur Theologie alles andere als vorprogrammiert. »Eigentlich wollte ich immer Medizin studieren«, sagt sie und lächelt. »Ich hatte schon einen Studienplatz«, so die 24-Jährige. Doch zunächst entschied sie sich für eine Ausbildung zur Krankenschwester. Bei ihr wuchs jedoch das Interesse für Theologie und irgendwann stand sie am Scheideweg. Theologie oder Medizin. Sie entschied sich für Theologie.

Die Praxis, für die Menschen vor Ort und ganz konkret da zu sein, das ist es, was sie will. In diesem Zusammenhang kritisiert sie, dass das Theologiestudium ein rein wissenschaftliches Studium sei und es nur ein verpflichtendes Praktikum gebe. Darum plädiert sie dafür, vor dem Studium eine Ausbildung zu absolvieren. »Ich finde, man sollte mal in das ganz normale Leben reingeschnuppert haben, sonst studiert man fernab der Realität und vergisst, wofür man die Ausbildung macht.«

Julia Braband will etwas bewegen. Das heißt aber nicht, dass sie alles Althergebrachte umschmeißen möchte. Gerade die Liturgie empfindet sie als wertvoll. Es fehle ihr oftmals aber der Mittelweg zwischen klassischen Elementen und modernen Formen: »Einerseits loslassen von alten Dingen, die überhaupt keiner versteht, und andererseits neue Dinge einbringen.«

Was sie schätzt und bewundert ist, dass anderswo die Christen ihren Glauben sehr offen leben, sich nicht des Evangeliums schämen. »Der eigene Glaube ist kein populäres Thema. Manchmal wird man sogar ausgelacht. Gerade Jugendliche erleben das ja, wenn sie sagen, ich bin getauft und glaube an Gott. Das ist ein Problem unserer Gesellschaft«, sagt sie.

Ein Bibelvers trägt Julia Braband seit zehn Jahren. Es ist ihr Konfirmationsspruch aus Psalm 73: »Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.« Diesen Vers hat sie sich damals selbst ausgesucht. »Es ist interessant zu sehen, was der Spruch in meinem Leben bedeutet«, sagt sie.

Julia Braband hat einen klaren Fahrplan. Noch vor dem 30. Geburtstag möchte sie ordiniert werden. Wohin es sie verschlagen wird, das weiß sie nicht, aber in der EKM möchte sie bleiben.

Diana Steinbauer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Zugang mit Hindernissen

4. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Offene Kirchen: Wenn die Suche nach dem Kirchenschlüssel zur Odyssee wird

Die Klinke gedrückt, aber die Tür gibt nicht nach. Das ist immer noch die Realität vor mitteldeutschen Kirchentüren. Nicht hineinkönnen, ausgesperrt sein, dieses Gefühl begleitet Gabriele Schwarz seit Juni dieses Jahres bis heute. Sie lebt in Lützen im Kirchenkreis Merseburg, war aber zuvor mehr als 30 Jahre in Eisenach zu Hause. Gern besucht sie die Thüringer Heimat, trifft sich mit ehemaligen Klassenkameraden. Wie auch im Juni. Sie waren im Thüringer Wald unterwegs, gemeinsam wollten sie die historische Kirche von Cabarz, einem Ortsteil von Bad Tabarz, besuchen. Doch die Besichtigung wurde ihnen, laut Frau Schwarz, durch den dortigen Pfarrer verwehrt. Sie seien keine christliche Pilgergruppe und auch nicht alle Kirchenmitglieder, sei die Begründung gewesen. Pfarrer Kai-Philipp Kunze will das so nicht stehen lassen. Er habe mit Frau Schwarz nie gesprochen, doch ein Herr (ein ehemaliger Schulkamerad von Frau Schwarz, Anm. d. Red.) hätte in einem eher groben Ton angefragt und Kunze habe aufgrund von Terminschwierigkeiten leider absagen müssen. Dann habe ein Wort das andere gegeben. Alles Missverständnisse, die bei den Beteiligten jedoch noch nachwirken.

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Wie sich das alles ergeben hat, kann heute nicht mehr vollständig geklärt werden. Der Fall zeigt jedoch, dass es in einigen Regionen der EKM auch im Reformationsjubiläumsjahr immer noch schwer zu sein scheint, in eine verschlossene Kirche zu kommen. Pfarrer Kunze betont, man halte die Kirche in den Sommermonaten drei Tage pro Woche offen. Großen Zuspruch hätte dies aber bisher nicht erfahren. Der Seelsorger macht deutlich, dass eine Besichtigung der Kirche möglich sei. Besucher müssten aber flexibel sein.

»Wir halten die Kirchen offen, aber nicht unbeaufsichtigt«, erläutert der Superintendent des Kirchenkreises Waltershausen-Ohrdruf, Wolfram Kummer. Denn man habe in den Kirchen der Umgebung schon hässliche und
übelriechende Erfahrungen gemacht.

In Dorfkirchen, wo die Identifikation der Bewohner mit der Kirche groß sei, klappe die Öffnung der Kirchen gut. Anderswo hätten sich Kirchenälteste dafür entschieden, gar nicht oder nur an bestimmten Tagen zu öffnen. Die Sorge für die Kirche liege bei den Gemeindemitgliedern, betont Superintendent Kummer. Ihre Anstrengungen müsse man würdigen und die Kraft, die das Engagement fordere.

Das gehe nur behutsam. Und, man müsse die ernst nehmen, die die Last der Verantwortung und der Logistik einer offenen Kirche tragen. Das könnten dann auch immer nur individuelle Lösungen sein.

Der Besuchergruppe um Gabriele Schwarz gelang es dann doch noch, die Kirche von Cabarz zu besuchen. Eine Mitarbeiterin des Heimatmuseums Tabarz vermittelte den Kontakt zu einem Kirchenältesten, der den Besuchern die Besichtigung letztlich ermöglichte. Trotz des guten Ausgangs der Geschichte zeigt das Beispiel Cabarz, dass es mitunter einiger Anstrengungen bedarf, um Einlass zu finden. Und der Fall offenbart die Schwierigkeiten und Hinderungsgründe für eine Öffnung.

Diana Steinbauer

Gott »Hallo« sagen

3. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Meine Freundin Anja hat mit Gott nicht viel am Hut. Als wir einmal gemeinsam in Prag waren und den Hradschin besichtigten, fragte sie mich plötzlich mit Blick auf den Veitsdom: »Na, willst du Gott nicht schnell ›Hallo‹ sagen?« Ich wollte tatsächlich und nahm mir eine stille Zeit, während Anja weiter das Gelände erkundete. Sie hatte mein Bedürfnis gespürt, mir eine kurze Auszeit zu gönnen und Gott nahe zu sein, zur Ruhe zu kommen und zu beten.

Viele Menschen haben dieses Bedürfnis, doch oft ist hierzulande an der Kirchentüre Endstation. Wer einen längeren Atem hat, der kommt am Sonntag wieder, doch der, der sich erst hat überwinden müssen, der wird sicher kaum einen zweiten Versuch wagen. Das hat Landesbischöfin Ilse Junkermann klar erkannt. Innerhalb eines Jahres eine fast vollständige Kirchenöffnung für die EKM zu schaffen, das war wohl sehr ambitioniert.

Kirchentüren sperren sich nicht von allein auf. Es sind engagierte Gemeindemitglieder, die für ihre Kirchen und sich auch um sie sorgen. Natürlich könnte man 24 Stunden offen lassen oder aber Beschallungstechnik zurückbauen, liturgische Gefäße, Kunstschätze oder kostbare Kruzifixe wegsperren. Doch gerade bei Letzterem muss man sich im Klaren sein, dass Kirchen dann zwar offen und für jedermann begehbar sind, jedoch das Wesentliche von ihrer Bestimmung verlieren würden.

Nichtsdestotrotz, die Initiative »Offene Kirchen« ist und bleibt eine gute Idee, die es weiter zu verfolgen gilt. Und mit der Zeit und wachsenden Erfahrungen könnte aus der Idee ein echtes Erfolgsmodell werden, das die Kirche im 21. Jahrhundert in unseren Breiten stärker verankert. Vielleicht klappt es ja mit den 95 Prozent bis zum nächsten Reformationsjubiläum.

Diana Steinbauer

Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

7. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Reformation ging nicht alleine

31. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Luthers ungeliebte Brüder: Mitteldeutschland hat mehr zu bieten als Martin Luther. Zahlreiche Theologen mit ihren alternativen Reformationsideen will eine Ausstellung in Mühlhausen ins rechte Licht setzen.

Die Reformation – das ist Martin Luther, aber eben nicht nur. »Wir feiern kein Lutherjubiläum, wir feiern ein Reformationsjubiläum«, betont deshalb der Direktor der Mühlhäuser Museen, der Historiker Thomas T. Müller. »Man muss schauen, wer war damals noch unterwegs? Was haben die anderen frühen Reformatoren gedacht und geschrieben? Was hatten sie für Ideen?«

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

Müller hat darum mit seinen Mitstreitern die Ausstellung »Ungeliebte Brüder« in der Kornmarktkirche in Mühlhausen konzipiert. Sie lenkt den Blick auf jene Theologen, die von der reinen lutherischen Lehre abwichen und eigene, teilweise radikale reformatorische Ideen verfolgten. »Ungeliebte Brüder«, so hat Luther die anderen Reformatoren nie bezeichnet. »Der Titel drückt aus, dass diese Menschen damals auf dem gleichen Weg waren, wobei der eine oder andere einen anderen Abzweig nahm«, so Müller. Wie in so mancher Familie, wo man nicht immer der gleichen Ansicht, aber dennoch miteinander verbunden ist.

Theologen, wie Luthers Doktorvater Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, der einer der produktivsten Flugschriftenautoren der frühen Reformation war, werden in der Ausstellung ebenso gewürdigt wie der ehemalige Benediktiner Matthäus Hisolidus, der in Mühlhausen und Creuzburg wirkte. Karlstadt verließ Wittenberg nach den Unruhen von 1521 und 1522 und nachdem er sich öffentlich für die Entfernung aller Heiligenbilder aus den Kirchen eingesetzt hatte. Dadurch war es bereits zum Bruch mit Luther gekommen. In Orlamünde, wo er ab 1523 als Pfarrer wirkte, setzte er seine reformatorischen Ideen um. Den Gottesdienst hielt er in deutscher Sprache. Altäre, Bildnisse und Heiligenfiguren verschwanden aus der Kirche. Auf Betreiben Luthers erhielt Karlstadt in Kursachsen ein Predigt- und Schreibverbot, 1529 ging er nach Zürich und Basel, wo er 1541 starb.

Über das Schicksal von Hisolidus ist gar nichts bekannt. Der unbequeme Reformator, der 1525 aus Creuburg ausgewiesen wurde, verschwindet spurlos. Auch andere bedeutende Reformatoren dieser Zeit verlieren sich im Nebel der Zeit: von Heinrich Pfeiffer, dem Reformator in Mühlhausen, ist ebenso wenig die Rede wie von Jakob Strauß. Letzterer gilt als Reformator Eisenachs. Denn auch, wenn Luther auf der Wartburg war und einige Predigten in der Stadt hielt, die protestantische Bewegung hatte in der Wartburgstadt der ehemalige Dominikaner Strauß umgesetzt.

Strauß, der aus Basel stammte, erlangte überregionale Bedeutung. Seine Schriften wurden zahlreich nachgedruckt. Seine Schrift wider die Wucherzinsen, in der er nicht nur die verurteilt, die Wucherzinsen erheben, sondern auch jene, die diese zahlen, wurde zum Politikum. Die Herrschenden waren rasend, und auch Luther sah sich in der Pflicht zu handeln und ging gegen den »Irrlehrer« vor.

Thomas Müntzer ist wohl der berühmteste der »anderen« Reformatoren und als Widersacher Luthers bekannt. Darum fehlt auch er nicht in der Reihe der »ungeliebten Brüder«. Der Historiker Müller betrachtet Müntzer als das erste innerprotestantische Opfer der Reformation. »Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, Müntzer wird zum Synonym für die Aufständischen des Bauernkrieges und wird damit zum ersten innerprotestantischen Ketzer gemacht. Strauss ergeht es ähnlich.«

Wer damals nicht der reinen lutherischen Lehre folgte, verschwand, wie etwa Fritz Erbe im Turm der Wartburg oder Hisolidus im Nebel der Zeit. Die grausame Polemik, mit der Luther und seine Anhänger zum Beispiel Thomas Müntzer straften, hält bis heute an. Ein Umstand, den die Ausstellung in der Kornmarktkirche in Mühlhausen zu ändern versucht.

Diana Steinbauer

Die Ausstellung »Luthers ungeliebte Brüder« ist noch bis zum 31. Oktober im Bauern­kriegsmuseum Kornmarktkirche in Mühlhausen zu sehen. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

www.mhl-museen.de

nächste Seite »