Seelsorger für Mitarbeitende

21. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Keine Zeit zum Ausruhen, auch wenn der Ruhestand naht: Mit Propst Diethard Kamm, dem Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar, sprach Michael von Hintzenstern unter anderem über die Aufgaben der Kirche in der Gesellschaft.

Herr Kamm, was hat Sie in den letzten fünf Jahren als Regionalbischof ermutigt, was erscheint Ihnen verbesserungswürdig?
Kamm:
Ich möchte zuerst sagen, dass mir dieser Dienst als Regionalbischof in unserer Landeskirche ausgesprochen viel Freude macht. Ich tue den Dienst gerne, weil es möglich ist, Gemeinden zu besuchen, als Seelsorger unterwegs zu sein für Gemeindekirchenräte, für Pfarrerinnen, Pfarrer, für Mitarbeitende in unserer Region. Es ist ein ganz anderer Blick als in der Zeit vorher, als ich Superintendent war. Das ist die Möglichkeit, Seelsorger für Mitarbeitende zu sein. Nicht als Dienstvorgesetzter zu kommen, ist für mich wichtig. Ich habe den Eindruck, es ist gut, dass es diesen seelsorgerlichen Dienst und dieses Amt in unserer Landeskirche gibt.

Bei meinen Besuchen erlebe ich die große Unterschiedlichkeit unserer Gemeinden, von ganz kleinen Gemeinden im Schleizer oder Greizer Oberland oder auch im Kirchenkreis Eisenberg, die zum Teil zwischen 50 und 100 Gemeindeglieder umfassen, bis hin zu einer ganz großen Kirchengemeinde in Jena mit 12 000 Gemeindegliedern.

Auch den Unterschied zwischen Stadt und Land erlebe ich sehr deutlich. Auf der einen Seite erlebe ich die Kulturstadt Weimar, die Universitätsstadt Jena, in der es viel Industrie und Innovation gibt. Daneben liegt die ehemalige Bezirksstadt Gera, die im SPIEGEL als »Stadt im Niedergang« bezeichnet wurde, mit ihren Schönheiten. Wenige wissen, dass es in Gera das einzige Fünf-Sparten-Theater in Thüringen gibt, den Hofwiesenpark, das Otto-Dix-Haus oder die Schulenburgvilla von van der Velde. Zugleich erlebe ich eine Mentalität, die mit den Veränderungen nach 1990 nur schwer umgehen kann: dem Einwohnerverlust, dem Wegfall von Industrie und einem gefühlten Bedeutungsverlust. In Gera arbeitet aber auch ein »Kulturpfarrer«, der mit spannenden Projekten kirchenfernere Menschen erreicht.

Im stärker ländlich geprägten Bereich gehören oft 30 bis 35 Prozent der Bevölkerung zur evangelischen Kirche, in Gera keine zehn Prozent. Es ist spannend, das zu erleben und dabei auch zu sehen, wie unterschiedlich die Erwartungen sind, ohne zu vergessen, dass wir an alle Menschen gesandt sind. Mit ihnen zu suchen, was zum Leben hilft, könnte heute hier eine Aufgabe von Kirche sein. Die Ungleichzeitigkeit in unserer Landeskirche kann man hier hautnah erleben.

Gera wird immer als besonders entkirchlicht bezeichnet. Ist das ein Resultat aus 40 Jahren DDR?
Kamm:
Die Entkirchlichung in Gera hat noch tiefere Ursachen. Sie begann schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Das hat viel mit der Industrialisierung zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass die evangelische Kirche nicht unschuldig an dieser Entkirchlichung ist. Sie hatte meist auf die Fragen und Probleme der Arbeiter in einer Arbeiterstadt keine Antworten. Auch auf die sozialen Fragen hatte die Kirche kaum Antworten. Aber es hat auch mit den Entwicklungen in der Zeit des Nationalsozialismus und danach in den Zeiten der DDR zu tun. Damals ist es einer forcierten antikirchlichen Politik, ja man muss es wohl so sagen, gelungen, Menschen mit Druck und Lockungen dazu zu führen, aus der Kirche auszutreten.

Gerade in Gera ist die Staatssicherheit sehr zielgerichtet vorgegangen, um kirchliche Strukturen zu unterwandern oder anzugreifen …
Kamm:
Ja, es ist so und ich habe das zum Teil miterlebt. Ich bin ja nicht erst 2012 nach Gera gekommen, sondern ich war von 1987 bis 1999 zuerst als Stadtjugendpfarrer und dann als Gemeindepfarrer in Gera-Lusan tätig. In der Zeit als Stadtjugendpfarrer habe ich diese Erfahrung deutlich machen müssen. Es wurde versucht, Einfluss auf kirchliche Jugendarbeit zu nehmen oder sie zu unterbinden. So erlebte ich, dass ein Anruf kam, dass drei NVA-Soldaten sich durch einen Aushang in meinem Schaukasten diskriminiert fühlten. Ich konnte darauf antworten: Ich weiß gar nicht, was Sie stört? Es ist ein Kalenderblatt, das in der DDR gedruckt worden ist. Ich hänge es nicht ab. Die Erkenntnis, wie stark die Unterwanderung kirchlicher Strukturen war, ist bis heute erschreckend.

Sie waren immer auch gesellschaftlich engagiert: Als Organisator der Friedensgebete in Gera wie als Mitbegründer des Runden Tisches gegen rechts in Jena. Welche Aufgabe hat die Kirche heute in der Gesellschaft?
Kamm:
Ich denke, die erste Aufgabe von Kirche ist es, und zwar auf allen Ebenen und zu aller Zeit, das Evangelium weiterzusagen. Das heißt auch zu fragen: Wie sehen wir gesellschaftliche Entwicklungen in diesem Land und inwieweit sind es für Christen Entwicklungen, die wir begrüßen können, die wir kritisieren müssen? Dies müssen wir klar und eindeutig tun.
Wir müssen erkennbar sein und müssen deutlich machen, wofür wir stehen. Wir sind nicht dazu da, Parteipolitik zu machen. Ich wünsche mir aber eine politische Kirche.

Sie hatten in Jena mehrfach mit rechtsextremen Auswüchsen zu tun. Wie kann man neonazistischen Aufmärschen angemessen begegnen?
Kamm:
Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist ein wichtiges Gut in unserem Land. Das ist unbestritten, gerade, wenn man wie ich aus der DDR kommt. Aber, wie können wir Menschen motivieren, sich zu engagieren, dafür einzustehen, was ich mit demokratischer Gesellschaft, mit Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit, Einsatz für Frieden und gegen Gewalt beschreiben möchte? Da haben wir noch viel zu tun. Auch in unseren Gemeinden ist das nötig.

Vielleicht muss man manchmal einfach deutlich erinnern: Kirche ist weltumspannend und nicht national. Jedenfalls hat Kirche, hat das Evangelium sehr schnell den Weg in einen größeren weltweiten Zusammenhang gefunden. Es heißt im Neuen Testament: Hier ist nicht Jude noch Grieche. Das heißt, wir haben den Auftrag, jeden Menschen als Ebenbild Gottes zu sehen, zu erkennen und dies auch weiterzusagen. Ist das nicht unser politischer und theologisch seelsorgerlicher Auftrag?

Zu den Herausforderungen gehören seit 2015 viele Flüchtlinge, die auch in Ihrer Region aufgenommen werden mussten. Wie waren Ihre Erfahrungen in den Gemeinden?
Kamm:
Manche haben sich überfordert gefühlt. Aber zuallererst darf ich sagen, es hat in unseren Gemeinden ein ausgesprochen großes Engagement für Flüchtlinge gegeben, oft in Zusammenarbeit mit der Diakonie. Hier in Gera gibt es ganz hervorragende Beispiele: Es gibt einen Flüchtlingskreis, der ökumenisch arbeitet und sehr viel bewegt hat und bewegt.

Ich habe natürlich auch Ablehnung erlebt, nicht zuerst in Gemeinden, sondern weit darüber hinaus. Als in Gera-Liebschwitz eine Erstaufnahmeeinrichtung eingerichtet werden sollte, wurden sowohl der Justiz- und Migrationsminister als auch ich von 2 000 Leuten für unsere Position ausgepfiffen. Das gehört zum Bemühen um Klarheit dazu.

Es ist eben in einer Demokratie so, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. In unseren Gemeinden gibt es beides. Es gibt die Menschen, die ganz engagiert sind und jene, die voller Sorge sind oder einfach Fremde nicht in ihrer Nähe haben wollen, weil sie es nicht gewohnt sind. Beides begegnet mir immer wieder.

Sie haben das Amt des Regionalbischofs nur zögerlich angetreten, weil Sie sich als Superintendent in Jena sehr wohl und angenommen gefühlt haben. Werden Sie im Ruhestand von der Elster wieder an die Saale zurückkehren?
Kamm:
Ja, das werden wir. Wir haben eine Ruhestandswohnung in Jena. Jetzt fühlen wir uns hier in Gera-Untermhaus sehr wohl. Im Ruhestand werden wir dann in Jena wohnen. Meine Frau und ich haben in Jena studiert und haben dort viele Freunde. Wir haben also ein soziales Umfeld, in dem wir gerne leben wollen.

Diethard Kamm: Mit dem Ruhestand in Sicht, absolviert er derzeit eine Ausbildung zum Coach. Foto: Wolfgang Hesse

Diethard Kamm: Mit dem Ruhestand in Sicht, absolviert er derzeit eine Ausbildung zum Coach. Foto: Wolfgang Hesse

Als Regionalbischof und Stellvertreter der Landesbischöfin müssen Sie viele Termine wahrnehmen. Was machen Sie zum Ausgleich?
Kamm:
Ich fahre Fahrrad. Meine Frau und ich wandern gerne. Wenn wir es schaffen und das Wetter es hergibt, gehen wir schwimmen. Ich setz mich auch gerne mal auf meinen Balkon und lese ein Buch.

Und gibt es auch schon Pläne für die Zeit danach in Jena und der Welt?
Kamm:
Es gibt vielleicht keine Pläne, aber es gibt Überlegungen. Da sind ein paar Dinge, die ich schon heute tue und gerne weitermachen möchte. Ich bin z. B. im Kuratorium der Evangelischen Akademie in Neudietendorf. Da würde ich sehen, ob ich noch etwas mittun kann. Ich mache derzeit noch eine Ausbildung zum Coach. Damit will ich dann auch der Landeskirche, wenn sie mich braucht, zur Verfügung stehen. Bis 2021 bin ich zudem im Hochschulrat der Ernst-Abbe-Hochschule, der Fachhochschule in Jena.

Und dann möchte ich einfach auch Zeit haben, meine Kinder und ihre Familien zu besuchen, die relativ weit entfernt in Niederbayern und in Schleswig-Holstein leben.

Diethard Kamm wurde in Meiningen geboren und hat zunächst Physik und dann Theologie studiert. Danach arbeitete er als Vikar in Jena und Creuzburg sowie als Pfarrer in Creuzburg, Scherbda und Gera. 1999 bis 2012 war er Superintendent des Kirchenkreises Jena sowie seit Januar 2012 amtierender Regionalbischof für den Propstsprengel Gera-Weimar.
Die Synode wählte ihn 2013 in dieses Amt. Er war Mitbegründer der ökumenischen Umwelt­bibliothek Gera, Organisator der Friedensgebete in Gera, Vor­sitzender der Jugendkammer in Thüringen und Mitbegründer des »Runden Tisches gegen rechts« in Jena.
Kamm ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Offenheit und Gelassenheit

5. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Um den Glauben in einer vielfältigen Welt ging es beim Propsteitag in Apolda

Wir wissen längst, dass sich unser Glaube inmitten unzähliger anderer Weltkonstruktionen bewegt. Und die sinkenden Kirchenmitgliederzahlen sagen uns, dass wir – vor allem im Osten – zu einer Minderheit gehören. Wie können wir damit umgehen? Hierüber diskutierten gut 140 Haupt- und Ehrenamtliche des Propstsprengels Gera-Weimar am 23. November in Apolda. Zum Thema »Religiöser Glaube und (a)religiöse Vielfalt in einer säkularen Gesellschaft« referierten Manuel Vogel, Professor für Neues Testament in Jena, und Gert Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie in Leipzig.

Gut besucht: Etwa 150 Mitarbeitende kamen in die Stadthalle Apolda zum Propsteitag des Sprengels Gera-Weimar. – Foto: Dietlind Steinhöfel

Gut besucht: Etwa 150 Mitarbeitende kamen in die Stadthalle Apolda zum Propsteitag des Sprengels Gera-Weimar. – Foto: Dietlind Steinhöfel

Manuel Vogel beschrieb den Glauben als das Zu-Hause-Sein in einer Geschichte; für uns Christen sei dieses Zuhause die Bibel. »Wir müssen die Bibeltexte lesen und uns darin wiederfinden«, so der Referent. Das bedeute jedoch nicht, die anderen Welten zu ignorieren. Er selbst begebe sich experimentell auf Exkursion über Youtube, Facebook und Google, wo er sich anderen erzählten und extremen Welten aussetze – wie Rechtsextremismus. In der Auseinandersetzung erarbeite er sich seine eigene Gewissheit. Diese andere Welt lasse uns nicht fassungslos zurück, sondern fordere uns heraus, auch zur Selbstprüfung. »Wenn wir als Christen die Wahrheit sagen und niemand stört sich daran, dann haben wir nicht die Wahrheit gesagt«, warnte Vogel vor einer falsch verstandenen Rücksichtnahme.

Der Religionssoziologe Gert Pickel analysierte anhand von Statistiken die Bedeutung von Glauben und Kirche. Zwei Kernprobleme nannte er als Grund für den Traditionsabbruch der Religion: Es wird zu selten über religiöse Themen geredet, allenfalls im Familienkreis, kaum in der Öffentlichkeit. Zudem seien viele Eltern der Ansicht, die Kinder sollten sich selbst aussuchen, ob sie Glauben annehmen. Das aber sei keine religiöse Erziehung.

Im Podiumsgespräch zum Abschluss des Propsteitages plädierte Propst Diethard Kamm für mehr Offenheit. »Entscheidend ist, dass Kirche Räume öffnet, wo sich die Leute zu Hause fühlen.« Solche Offenheit, so Manuel Vogel, sei auch eine Frage des Lebensstils. Und man dürfe dabei keine Erwartungshaltung einnehmen, sondern gelassen sein. Dort, wo man mit Menschen zusammenlebe, ergebe sich das Gespräch auch über Religion von allein.

Ein Tag, angefüllt mit Impulsen und Informationen. Doch genauso wichtig war die Begegnung zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Propstsprengels. So konnten Pfarrer, Kirchenmusiker, Gemeindepädagogen und Ehrenamtliche ihre Erfahrungen austauschen und Kraft für den Alltag schöpfen.

Dietlind Steinhöfel

Daumen hoch in Greiz

30. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

»Vielfalt Leben«: Ein kunterbunt gestreiftes Daumen-Hoch-Piktogramm ist das Logo der »Initiative für die Stärkung der Demokratie und die Förderung von Toleranz und Weltoffenheit im Landkreis Greiz«.

Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich ein Projekt, das am ostthüringischen Kirchenkreis Greiz angedockt ist – und das seit nunmehr zweieinhalb Jahren gemeinsam mit lokalen Partnern genau das tut, was im zweiten Namensteil beschrieben wird. »Wir haben viel erreicht, aber viel ist auch noch machbar«, schaut Jugendwart Christian Mende, einer der Initiatoren, auf die Zeit seit der Gründung im Juli 2014 zurück.

Insgesamt 16 gesellschaftliche wie kirchliche Projekte, unter anderem von Vereinen, Schulen, Initiativen, aber auch eigene, hat »Vielfalt Leben« allein in diesem Jahr finanziell wie ideell unterstützt. Im vergangenen Jahr waren es 22, im Gründungsjahr 10. 43 000 Euro stellte das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport über das Landesprogramm »Denk Bunt« 2016 der Initiative zur Verfügung. Gelder, die nach Antragstellung der Projektträger und anschließender Prüfung im Begleitausschuss ausgeschüttet werden konnten.

Engagieren sich für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit: Projektkoordinatorin Steffi Weber und Jugendwart Christian Mende von der Greizer Initiative »Vielfalt Leben«. – Foto: Karsten Schaarschmidt

Engagieren sich für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit: Projektkoordinatorin Steffi Weber und Jugendwart Christian Mende von der Greizer Initiative »Vielfalt Leben«. – Foto: Karsten Schaarschmidt

Gefördert wurden so unterschiedliche Aktionen wie ein Jugendfeuerwehr-Tag, das »Festival für ein buntes Vogtland«, ein Fotoprojekt des Greizer Theaterherbstes, die Greizer Bildungs- und Begegnungsstätte »Aufandhalt«, eine Berlin-Reise von Ronneburger Jugendlichen vor dem Hintergrund von Nationalsozialismus und Holocaust oder ein Songprojekt von Jugendlichen aus Zeulenroda-Triebes.

Und mitunter ist die Förderung Ini­tialzündung für mehr. »Bei den am Songprojekt beteiligten Jugendlichen formt sich aktuell der Wille zum Aufbau eines Kinder- und Jugendparlaments, getreu dem Motto ›Gemeckert ist schnell, aber wie können wir uns einbringen, etwas verändern‹«, sagt Steffi Weber, Projektkoordinatorin von »Vielfalt Leben«.

Noch mehr gemeinsame Projekte mit Schulen im Landkreis Greiz entwickeln, verstärkt auf Sportvereine zugehen, darin sieht Mende das Potenzial für die nahe Zukunft. Gearbeitet wird bei den Projekten oft »unterschwellig«. Was bedeutet, altersgerecht und situationsbezogen demokratische Werte, Toleranz und eigenes Denken zu vermitteln.

Seinen Ursprung hat »Vielfalt Leben« übrigens im schwierigen Verhältnis der Greizer Landrätin Martina Schweinsburg (CDU) gegenüber der Errichtung eines sogenannten »lokalen Aktionsplanes«. Der Landkreis Greiz ist der einzige thüringenweit, der einen solchen Plan nicht hat. Die vorhandenen Strukturen würden ausreichen, um gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Intoleranz vorzugehen, so die Politikerin, während andernorts Verwaltungen längst gezielter aktiv waren.

Und trotz der Erfolge von »Vielfalt Leben« sei bis dato das Verhältnis zum Greizer Landratsamt kein einfaches, so Mende. Entmutigen lässt er sich davon nicht. Dass die Initiative unter dem Dach der Kirche wirkt und somit weder Parteien noch einer Administration verpflichtet ist, sieht er durchaus als Vorteil.

»Kirche hat eine andere Stimme, ist nicht parteipolitisch, kann also auch nicht an den linken politischen Rand gedrängt werden, sondern steht für die Mitte der Gesellschaft«, sagt Mende und ist dankbar für die Unterstützung vom Kirchenkreis Greiz.

Und nebenbei: Schirmherr von »Vielfalt Leben« ist Propst Diethard Kamm, Regionalbischof von Gera-Weimar, der ebenso wie Oberkirchenrat Christhard Wagner vor wenigen Tagen Gast der »Vielfalt Leben«-Gala in der »Neu Schenke« bei Greiz war. Bei der Gala wurden unter anderem die diesjährigen Projekte nochmals vorgestellt und teils prämiert.

Und die Vorhaben fürs nächste Jahr? »Wir haben unser Handlungskonzept überarbeitet, konkretisiert und geliftet, um ›Vielfalt Leben‹ weiter zu etablieren, aber auch, um den Projektträgern die Zusammenarbeit zu erleichtern«, blickt Mende nach vorn.

Auf Projektkoordinatorin Steffi Weber hingegen wartet ein neuer Lebensabschnitt. Sie verlässt aus privaten und beruflichen Gründen das Vogtland. Ihre Stelle, für die eine Bachelor-Graduierung erforderlich ist, ist noch bis 15. Dezember ausgeschrieben.

Karsten Schaarschmidt

www.vielfalt-leben.eu

»Es gibt keine Kampagne«

14. August 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Offene Kirchen: Workshops geplant

Kirchen öffnen – das ist der Appell von Landesbischöfin Ilse Junkermann. Ihm zu folgen, dazu ermutigt eine eigens gegründete Arbeitsgruppe, die nun auch Workshops anbietet. Was es damit auf sich hat, erklärt Regionalbischof Diethard Kamm (Gera).

Mutmacher, dieses Wort lässt der Propst gelten. Er und die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe »Initiative Offene Kirchen« wollen Mut dafür machen, die Kirchentüren aufzuschließen. Oder zumindest einmal darüber nachzudenken. Mit einer zwölfseitigen Handreichung informieren sie die Kirchengemeinden der EKM. Seit Monaten fahren sie für Gespräche übers Land. Nun bieten sie in den Propsteien auch Workshops zum Thema an. Den Auftakt der Reihe wird es am 16. August, 18 Uhr, im Gemeindehaus in Gera geben.

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

»Erste Anmeldungen sind eingegangen«, sagt Diethard Kamm, der die Arbeitsgruppe leitet. Sehr viele Ehrenamtliche seien darunter, wobei sich das Angebot ebenso an Pfarrer und Mitarbeiter richtet. Wer spontan dazukommen möchte, ist eingeladen. Zwei bis drei Stunden wird der Workshop dauern. Zunächst wird die Arbeitsgruppe in einer Präsentation das Anliegen »Offene Kirchen« vorstellen, anschließend sollen gemeisam Chancen und Möglichkeiten sowie Ängste und Sorgen formuliert werden.

»Es ist die Entscheidung jeder Kirchengemeinde, die Kirche zu öffnen oder eben nicht«, erklärt Diethard Kamm. Keine Kampagne also und auch kein Patentrezept für die angemessene Form der Öffnung. »Geöffnet kann heißen: ständig, in den Sommermonaten, an den Wochenenden oder auch nur der Hinweis, wer die Tür öffnen kann.« Solche Varianten sind bereits jetzt vielerorts üblich, wie Kamm bei seinen Besuchen in den Gemeinden erfuhr. Und zwar längst nicht nur bei jenen 140 Kirchen, von denen der EKM in ihrem Gebiet eine verlässliche Öffnung offiziell bekannt ist.

Wie viele Kirchen tatsächlich außerhalb der Gottesdienste zugänglich sind, das ermittelt aktuell eine Umfrage bei den Gemeinden. Diese Angebote sollen sichtbar werden, zum Beispiel auf der Internetseite »Kirchenlandkarte Mitteldeutschland« oder über die Kirchen-App der EKD. »Noch wird die Chance, die landeskirchliche Ebene als Multiplikator einzusetzen, zu wenig genutzt«, sagt Diethard Kamm. Die Landeskirche ist aber auch gefragt, wenn es um den Umgang mit Vandalismus und Diebstahl geht. Wie hier eine Unterstützung für die Gemeinden aussehen könnte, werde derzeit überlegt.

Noch eines ist Kamm wichtig: Natürlich verwies der Appell der Landesbischöfin, die Kirchen zu öffnen, auf das 500. Reformationsjubiläum. Aber die Idee der offenen Kirchen soll über den 31. Oktober 2017 hinaus getragen werden. Mit Mut geht das leichter.

Susann Winkel

Workshop-Termine: 31. August in Weimar; 10. September in Meiningen und 13. September in Halle

www.gemeindedienst-ekm.de

»Asante« heißt danke

3. Februar 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Partnerschaft: Delegation aus Thüringen war Gast bei Bischofseinführung in der Partner-Diözese Arusha in Tansania


Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit ihren Vorgängerkirchen pflegt seit Jahrzehnten Partnerschaften zur lutherischen Kirche Tansanias. Traditionell sind die Thüringer Gemeinden mit der Arusha-Diözese im Maasai-Gebiet im Norden verbunden. Dort wurde am 10. Januar ein neuer Bischof eingeführt.

Singend und tanzend begrüßten etwa 300 Maasai ihren neuen Bischof und seine Gäste aus Deutschland in Orkesumet, einem Dorf in der Maasai-Steppe. Ein eindrucksvolles und farbenfrohes Bild bot sich der kleinen Delegation aus Thüringen, die zur Einführung von Solomon Jakob Massangwa als Bischof der evangelisch-lutherischen Arusha-Diözese nach Tansania gereist war. »Die Maasai schenkten ihrem Bischof ein Kalb. Die Hälfte davon hätte er gern unserem Regionalbischof weitergeschenkt«, sagt Superintendentin Bärbel Hertel (Apolda) verschmitzt. Propst Diethard Kamm (Gera) hätte das Präsent allerdings nicht auf die Flugreise mitnehmen können.

Maasai in ihrer traditionellen Kleidung begrüßten den neuen Bischof der Arusha-Diözese und seine Gäste aus Deutschland in ihrem Dorf Orkesumet. – Foto: EKM-Pressefoto

Maasai in ihrer traditionellen Kleidung begrüßten den neuen Bischof der Arusha-Diözese und seine Gäste aus Deutschland in ihrem Dorf Orkesumet. – Foto: EKM-Pressefoto

Farbenprächtig sei zuvor auch der Einführungsgottesdienst in der Hauptstadt Arusha gewesen, berichten die Thüringer Vertreter, zu denen neben Hertel und Kamm auch Pfarrer Gerhard Richter und die Theologiestudentin Sara Hönsch gehörten. Richter, der einige Zeit in Tansania gelebt hat, war als Dolmetscher gefragt. Der Gottesdienst begann mit einer Prozession von Kirchenältesten, Chorsängern, Blechbläsern, Pfarrern und Bischöfen durch die Straßen der Stadt. Nicht alle Gläubigen fanden anschließend Platz in der großen Kirche. Und so wurde der sechsstündige Gottesdienst nach draußen übertragen. Die 20 tansanischen Bischöfe trugen je andersfarbige Bischofsornate, so Bärbel Hertel. Die Schwarzröcke aus Deutschland stachen da heraus. »Man hat uns sofort erkannt.«

Die Gäste aus der EKM überreichten dem neuen Bischof ein Unikat aus der Glockenstadt Apolda: eine kleine Glocke, die als eine der letzten in der Glockengießerei Schilling in Apolda gegossen worden war. Superintendentin Hertel hatte sich für dieses Zeichen der Verbundenheit starkgemacht, denn in vielen Gemeinden des afrikanischen Landes wird noch immer mit dem Klang von Autofelgen oder Eisenbahnschienen zum Gottesdienst gerufen. Deshalb löste der klingende Gruß aus der Partnerkirche großen Beifall aus.

Für die Thüringer war es wichtig, auch das Krankenhaus in Orkesumet in der südlichen Maasai-Steppe zu besuchen. Die freudige Begrüßung – oben – inbegriffen. Für das Krankenhaus hatte die damalige Thüringer Kirche im Elisabethjahr 2007 gesammelt. Es besteht aus mehreren kleinen Häusern, die durch überdachte Wege verbunden sind. Die Patienten warten in den Fluren auf langen Bänken. Muss ein Patient im Krankenhaus stationär behandelt werden, bleiben die Angehörigen in der Nähe und kochen für ihn das Essen. Es ist alles sehr viel anders, als es Europäer gewohnt sind. Doch die Klinik, die für etwa 178000 Menschen auf einer Fläche von 21000 Quadratkilometern zuständig ist, ist dennoch eine Erfolgsgeschichte. Der leitende Arzt, Richard Mkambi, zeigt den Gästen alle Stationen des Krankenhauses. Froh sind sie über einen neuen aseptischen Operationssaal, der im Oktober vorigen Jahres in Betrieb genommen wurde. Seitdem hätten hier schon mehr als 20 Frauen ihre Kinder durch Kaiserschnitte entbunden. Kurz vor dem Besuch hat eine Frau Zwillinge bekommen. Die Babys liegen bei der Mutter im Bett. Eigene Kinderbettchen gibt es nicht.

Doch nicht nur die medizinische Versorgung gehört in die Klinik. Als Einrichtung der Diözese ist sie ein Teil der christlichen Verkündigung. Mitarbeiter und Ärzte beginnen jeden Arbeitstag mit einer Morgenandacht und jede Operation mit einem Gebet und bitten Gott für ihre Arbeit, das Personal und die Patienten um seinen Segen.

Die Gäste aus der EKM gewannen den Eindruck: Die Spendengelder sind gut angelegt. Das Krankenhaus sei ein »Meileinstein für die Entwicklung der Gesundheitsversorgung«, auch wenn noch manches zu tun bleibt – wie zum Beispiel ein Anästhesiegerät und die Einrichtung einer Küche.

Für die Gastfreundschaft, die herz­lichen Begegnungen bedankten sich die deutschen Gäste mit einem tansanischen »Asante« – einem Danke.

(mkz)

Nicht in Tagespolitik verheddern

25. März 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Propsteitag zum Thema »Kirche, Politik und Öffentlichkeit« lockte 250 Teilnehmer in die Wisentahalle Schleiz

Gegenseitige Herausforderungen und Erwartungen an Kirche und Gesellschaft standen im Mittelpunkt des Propsteitages der Region Gera-Weimar, zu dem am 12. März 250 haupt- und ehrenamtlich in der Verkündigung Mitarbeitende in die Wisentahalle nach Schleiz kamen. In einem dicht gedrängten Programm konnten die Teilnehmer das Thema »Kirche, Politik und Öffentlichkeit« vertiefen und diskutieren. Damit sollte die Aufmerksamkeit »auf das spannungsreiche Mit- und Ineinander von Religion und Kirche einerseits und Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit andererseits« gelenkt werden, erläuterte ­Propst Diethard Kamm, Regionalbischof von Gera-Weimar, das Anliegen.

Propst Diethard Kamm ist Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar

Propst Diethard Kamm ist Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar

Landesbischöfin Ilse Junkermann betonte in ihrem einleitenden Vortrag, dass es »die einzige und vornehmste Aufgabe« der Kirche sei, »Zeugin des Reiches Gottes zu sein, das in Jesus Christus schon angebrochen ist«. Wenn sie dies tue, sei sie ganz bei ihrer Sache und bei ihrem Auftrag. »Und wenn sie so ganz bei sich ist, ist sie politisch«, führte die Referentin aus. Daraus leite sich konkret »die politische Mitverantwortung jedes Christenmenschen und der ganzen Kirche« ab. Zudem seien die Kirchen »eine wichtige Stimme in der Zivilgesellschaft«. Es gelte, für Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten und dann die Stimme zu erheben, »wenn grundlegende Werte der Gemeinschaft auf Dauer verletzt werden«. Zu ihren Erwartungen an die Gesellschaft gehöre der Schutz der Religionsfreiheit und die Unterstützung der zahlreichen öffentlichen Arbeitsfelder der Kirche.

»Mit der Energiewende werden Sie keine Kirchen füllen, aber mit der Behandlung von Sinnfragen«, sagte Bernd Hilder, Chefredakteur der »Thüringischen Landeszeitung«, in seinem Impulsreferat. Er ermahnte die Kirchen, sich wieder mehr ihrer »Kernbotschaft« zu widmen und Themen wie Geburt oder Tod zu erörtern. Auch wenn sie in erster Linie für die Armen und die Schwachen da sei, dürfe sie »die Menschen in der Mitte der Gesellschaft mit ihren Alltagsmühen« nicht vernachlässigen. Der Chefredakteur warnte die Kirchen davor, sich in tagespolitischen Debatten zu »verheddern«, auch wenn es gut sei, unbequeme Fragen zur Sprache zu bringen. Der Glaube sei das »bindende Glied«, nicht die Tagesgeschehen.

In einer Podiumsdiskussion forderte Moderatorin Ulrike Greim die Teilnehmer mit der Schreckensfrage heraus: Was wäre, wenn die Kirche nur noch zehn Prozent ihrer Mitglieder hätte? Landrat Thomas Fügmann sagte, dass dies im Saale-Orla-Kreis, wo es momentan noch 30 Pfarrstellen und zahlreiche diakonische Einrichtungen gebe, »das gesellschaftliche Gefüge ins Wanken bringen« würde. Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter befürchtete einen zunehmenden kulturellen Verfall, hielten doch bereits jetzt Jugendliche den Karfreitag für den Termin eines Car-Rennens. Er empfinde es aber auch als spürbaren Segen, wenn Menschen für ihre Stadt beten. Glaubhaft vorzuleben, »was Christsein heißt«, könne die Kirche auch in der Zukunft stärken, war sich Propst Kamm sicher. Dazu gehöre es, für Flüchtlinge und Asylbewerber einzutreten. Am Rande des Propsteitages blieb Zeit für per­sönliche Begegnungen und Gespräche, die von einem herzlichen Miteinander geprägt waren.

Zur Propstei Gera-Weimar gehören die Kirchenkreise Apolda-Buttstädt, Weimar, Jena, Eisenberg, Schleiz, Greiz, Gera und Altenburger Land.

Michael von Hintzenstern

Ostern verändert und befreit

31. März 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

In den letzten Tagen und Wochen habe ich immer wieder Menschen gesprochen, die gerade nach diesem langen Winter, der nicht enden wollenden Kälte, mit Ostern die Hoffnung auf Frühling verbinden. Sie hoffen einfach auf Wärme und Sonnenschein. Ich will aber nicht über das Wetter spekulieren, ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen:

Es ist noch früh am Morgen, kurz vor fünf Uhr. In dieser kleinen Kirche auf dem Berg ist es kalt. Die Menschen, die heute gekommen sind, frösteln. Sie ziehen den Mantelkragen höher und vergraben die Hände in den Taschen. Überhaupt wirkt alles wie vergraben. Noch brennt keine Kerze, kein Licht. Die ­Dunkelheit beherrscht scheinbar alles. Diese Finsternis passt zum Empfinden vieler Menschen, zu ihren Ängsten und Sorgen oder auch zu ihrer Wut, überall die Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit.

Auch um die beiden Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus ist es wohl sehr dunkel gewesen. Wie eine große Finsternis lag die Trauer auf ­ihnen. Deshalb waren sie unfähig, denjenigen, der mit ihnen ging, wirklich zu erkennen, so erzählt es Lukas in seinem Evangelium. Sie waren nicht frei, ihn zu sehen.

In der kleinen Bergkirche spielt noch kein Musiker, keine Orgel erklingt. Da fragt ein Kind: »Warum sind wir heute so früh in die Kirche gekommen?« In diesem Augenblick fällt der erste Sonnenstrahl durch das Fenster im Chorraum. Die Dunkelheit verschwindet geradezu schlagartig. Es wird hell. Die Menschen erkennen ­einander, schauen dem Nachbarn ins Gesicht. Es ist, als hätten sie sich vorher nie gesehen. Ein Mann entzündet die große Osterkerze und ruft: »Der Herr ist auferstanden!« Und alle antworten: »Er ist wahrhaftig auferstanden!«

Die Auferstehungsszene des Allendorfer Altars, der zwischen 1390 und 1420 in einer Erfurter Werkstatt entstanden ist. Er steht auf der Heidecksburg in Rudolstadt. Foto: Constantin Beyer

Die Auferstehungsszene des Allendorfer Altars, der zwischen 1390 und 1420 in einer Erfurter Werkstatt entstanden ist. Er steht auf der Heidecksburg in Rudolstadt. Foto: Constantin Beyer

Immer mehr Kerzen werden angezündet. Die ganze Kirche erstrahlt. Alles, auch die Menschen, wirken verändert. Sie gehen aufeinander zu, nehmen sich in die Arme und hören die alten Texte von Jesu Auferstehung, von den Frauen am Grab, von den zweifelnden Freunden, die es nicht glauben können. »Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis«, singen sie. Dann teilen sie Brot und Wein. Wie ein helles Licht liegt eine Ahnung von Gottes neuer Welt über ihnen, einer Welt, in der jede und jeder bekommt, was er und sie zum Leben brauchen: Brot, Wein, Zuwendung und Achtung. Die Menschen werden auf Gewalt verzichten und die Würde der anderen wahren. Wenn sie über eine Blumenwiese gehen, spüren sie etwas von der Vollkommenheit der Schöpfung und von deren Gefährdung. Es ist Ostern.

Ich weiß nicht, ob es nur ein kurzer Sonnenstrahl zwischen tief hängenden Wolken war, der da in die Kirche strahlte und alles, vor allem die Menschen, erhellte. Aber ich vertraue darauf, dass sie verändert, vielleicht sogar verwandelt, aus diesem Gottesdienst herausgehen.

Die beiden Männer auf dem Weg nach ­Emmaus wurden verändert. Als der Auferstandene ihnen die Schrift auslegte und das Brot für sie brach, erkannten sie ihn. Da war die Welt immer noch so dunkel wie zuvor, aber sie waren andere geworden. Sie hatten erfahren, dass der Tod nicht das letzte Wort haben muss. Nicht die Macht der Herrschenden schafft mit Gewalt endgültige Fakten, sondern Gott steht für das Leben. Diese Erfahrung hat die beiden Männer und viele nach ihnen verändert, ermutigt, auch gegen den Augenschein, dem ­Auferstanden und seiner Botschaft zu trauen. Sie sind Befreite und das wandelt ihr Leben.
Sie gehen los und erzählen ihren Freunden von ihrer Befreiung.

Am Ausgang der kleinen Bergkirche drückt ein Mann dem kleinen Jungen ein Schokoladenosterei in die Hand. Ein kleiner süßer Gruß für dieses Kind. Ein wenig verwundert, aber strahlend nimmt er dieses Geschenk vorsichtig in seine Hand, wickelt es aus und beißt ein kleines Stück davon ab. Deshalb sind sie heute so früh zur Kirche gekommen – um zu hören und zu ­erleben, dass auch in diesem Jahr Ostern wird und sie als Befreite in dieser Welt verändert und verändernd leben können.

Ich fände es auch schön, wenn endlich Frühling wird und die Sonne mit ihrer wärmenden Kraft scheint. Goethe möchte ich zitieren können: »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick …« Vor allem möchte ich aber mit vielen anderen die Befreiung feiern, die uns Ostern geschenkt wird. »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« Und das hat Folgen für uns und für unsere Welt.

Diethard Kamm

Der Autor ist Regionalbischof im Propstsprengel Gera-Weimar.

Ermutigen, das Christ-Sein in der Welt zu leben

7. Januar 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Diethard Kamm ist seit dem 1. Januar Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar

Ich habe nicht gedacht, dass ich mit 59 Jahren noch einmal zur ›Generation Praktikum‹ gehöre«, sagt der bisherige Jenaer Superintendent Diethard Kamm, der das Amt des Regionalbischofs im Propstsprengel Gera-Weimar ein Jahr lang kommissarisch wahrnahm. Nach der Wahl durch die mitteldeutsche Landessynode im November 2012 ist er nun seit dem 1. Januar offiziell Regionalbischof. Bei der Entscheidung hierfür hätten ihn »viele gute Erfahrungen« bestärkt. »Ich habe gemerkt, dass mir dieser Dienst entgegenkommt, gemeinsam unterwegs zu sein – als Seelsorger«, sagt er.

Vorgänger Propst Hans Mikosch (r.) gratuliert Diethard Kamm zur Wahl. Foto: Gerhard Seifert/EKM

Vorgänger Propst Hans Mikosch (r.) gratuliert Diethard Kamm zur Wahl. Foto: Gerhard Seifert/EKM

Nachdem Diethard Kamm in den vergangenen 25 Jahren vorrangig im städtischen Bereich tätig war, will er sich jetzt besonders im ländlichen Raum engagieren. »Zunächst sind viele Besuche in den Kirchengemeinden geplant, um mich über die Situation vor Ort zu informieren«, führt er aus. Dabei möchte er »Seelsorge ermöglichen und Seelsorge für Pfarrerinnen und Pfarrer selbst anbieten«. Zudem will er gemeinsam mit den Mitarbeitenden »nach Wegen für unsere Kirche zu suchen«. Er nehme ­dabei ernst, »dass immer auch Ungleichzeitigkeit« herrsche. Was im Ort A gehe, müsse noch lange nicht im Ort B funktionieren.

Diethard Kamm möchte »mit Gemeinden unterwegs sein, die das Evangelium öffentlich leben, Kirche im öffentlichen Raum vertreten und erkennbar werden lassen, wofür sie steht: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«.

Er komme aus einem kirchlichen Elternhaus, »aber nicht aus einem Pfarrhaus«, berichtet der in Meiningen geborene Theologe, der nach dem Abitur zunächst vier Semester Physik studierte. Nach einer ersten Prägung durch die Junge Gemeinde in Meiningen seien in Jena »wohl Theologiestudenten und das Theologenkonvikt daran schuld gewesen«, dass er sich zum Fachrichtungswechsel entschloss. Nach dem Theologiestudium war er Vikar in Jena und Creuzburg sowie Pfarrer in Creuzburg und Scherbda, anschließend im Neubaugebiet in Gera und seit 1999 Superintendent des Kirchenkreises Jena.

Der Theologe war immer auch gesellschaftlich engagiert, beispielsweise als Mitbegründer der ökumenischen Umweltbibliothek Gera, Organisator der Friedensgebete in Gera ab Herbst 1988, Vorsitzender der Jugendkammer der Evangelischen Jugend in Thüringen und Mitbegründer des »Runden Tisches gegen Rechts« in Jena. Er ist verheiratet und hat zwei ­erwachsene Kinder.

Schon als Student sei er durch die »Theologie der Hoffnung« geprägt worden, erinnert er sich. »Wir haben uns gegen die Meinung der Marxismus-Leninismus-Dozenten gewehrt, dass Glaube Privatsache sei. Uns bewegte die Frage, welche Bedeutung die Bibel für das Zusammenleben der Menschen hat.« Für ihn sei es bei der friedlichen Revolution »ganz wichtig« gewesen, »nicht nur innerhalb der Kirche aktiv zu sein, sondern auch in der Gesellschaft«. Und deshalb bekennt er: »Ich möchte Hoffnung weitersagen und Menschen ermutigen, ihr Christ-Sein in der Welt zu leben!«
Michael von Hintzenstern