Eine der aktivsten Kirchen

11. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Prominentes Mitglied: Barack Obama gehörte einer UCC-Gemeinde in Chicago an

Bei Kundgebungen in den USA gegen Maßnahmen und Vorhaben des republikanischen Präsidenten Donald Trump stehen die Chancen gut, dass man früher oder später auf Mitglieder einer UCC-Gemeinde trifft. Die 1957 durch den Zusammenschluss evangelisch-reformierter und kongregationalistischer Kirchen gegründete United Church of Christ (UCC), die Vereinigte Kirche Christi, gilt als eine der politisch und bürgerrechtlich »aktivsten« Kirchen der USA.

Die Kirche habe den Auftrag, »Leben zu verändern – im individuellen Bereich, in Systemen und weltweit«, heißt es in einem kirchlichen Grundsatzpapier. »Wir verpflichten uns zur Arbeit für Gerechtigkeit.« Bereits 1972 hat eine UCC-Gemeinde einen sich offen zu seiner Homosexualität bekennenden Pastor geweiht. 2005 sprach sich die Kirche für gleichgeschlechtliche Ehen aus.

Mitteldt-2017-27Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, war zu Gast bei der UCC-Generalsynode in Baltimore im Bundesstaat Maryland. Die UCC ist seit 1980 Partnerkirche der Evangelischen Kirche der Union in Deutschland. Partnerkonferenz der EKM in der UCC ist die Central Atlantic Conference an der US-Ostküste im Raum Baltimore.

Auf der Tagesordnung stand ein Resolutionsentwurf, die UCC zu einer Willkommenskirche für Flüchtlinge und Migranten zu erklären. Ein weiterer Entwurf betonte das Engagement zur Bewahrung der Schöpfung. Noch nie hätten sich der Planet und das Klima so rapide verändert. Gläubige müssten »kühn und mutig« handeln, um die »größte moralische Herausforderung« der Weltgeschichte anzugehen.

Rückblick zur Generalsynode von Juni 2007, damals in Hartford in Connecticut: Ein Synodenredner sagte, Glaube sei für ihn eine »mächtige Motivationskraft«. Die Kirche sei auf dem »Weg, Werte ins politische Leben einzubringen«. Der Mann am Mikrofon hieß Barack Obama; er war ein junger Senator aus Illinois, der mehrere Monate zuvor angekündigt hatte, er kandidiere für das Amt des Präsidenten der USA.

Obama war Mitglied der Dreifaltigkeits-UCC-Gemeinde in Chicago. Zuvor sei er bei der Glaubensfrage Skeptiker gewesen, doch diese Gemeinde und deren Pastor hätten ihn zu Jesus Christus geführt. »Als ich unter dem Kreuz kniete, hörte ich, wie mich der Geist Gottes ansprach. Ich habe mich seinem Willen ausgeliefert.« So hat Barack Obama seine Glaubensentscheidung beschrieben.

Protestantische Kirchen in den USA kämpfen seit Jahrzehnten mit sinkenden Mitgliedszahlen. 1960 hatte die UCC 8 184 Gemeinden und 2,2 Millionen Mitglieder. Im Jahr 2016 waren es nach Kirchenangaben 5 032 Gemeinden und 914 000 Mitglieder. Mitgliedsschwund betrifft liberal eingestellte Kirchen, aber auch konservative. So verliert der konservative Südliche Baptistenverband, die größte protestantische Kirche, seit zehn Jahren kontinuierlich Mitglieder.

Stark gewachsen hingegen ist nach Angaben des Public Religion Research Institute in Washington der Anteil der Menschen ohne religiöse Bindung – von 7 Prozent im Jahr 1974 auf 25 Prozent im Jahr 2016. 39 Prozent der 18- bis 29-Jährigen hätten keine religiösen Bindungen.

Konrad Ege

www.ucc.org

Haben Sie Reformationsbedarf?

8. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Die Städtische »galerie ada« in Meiningen nimmt in einer dreigeteilten Ausstellung das Wort Reformation ganz wörtlich und fragt, was es im Jahr 2017 bedeutet.

»RE:FORMATION« lautet der Titel der aktuellen Ausstellung in der Meininger »galerie ada«. In ihr geht es etwas anders zu als bei den vielen ähnlich benannten, in denen es landauf, landab im Jubiläumsjahr »luthert«. Das liegt am Präsentationskonzept: Bis Ende September werden die Galerieräume dreimal komplett unterschiedlich bestückt. Galerist Ralf-Michael Seele und Co-Kurator Klaus Nicolai fanden hierfür einen neuen Ansatz.

Der Galerist wollte das Thema Reformation zunächst gar nicht aufgreifen. Nicht auch noch in der »ada«! Doch dann überlegte er: »Gibt es etwas, das andere nicht machen?« Und: »Was ist heute am Begriff Reformation noch aktuell?« Ja und ja. Wenn er das Wort nur ganz wörtlich nimmt und »Reformation« eben nicht auf jene religiöse Erneuerungsbewegung unter Führung Martin Luthers im 16. Jahrhundert reduziert. Auch nicht ihre sämtlichen Nebenwirkungen und Spätfolgen zum Thema macht. In seiner originären, weiter gefassten Bedeutung meint »Reformation« eine Erneuerung oder auch geistige Umgestaltung.

Suppenkasper in Endlosschleife: Medienkünstler Klaus Nicolai projiziert das Gesicht und die Hände von US-Präsident Donald Trump auf drei Teller. – Foto: Städtische »galerie ada«

Suppenkasper in Endlosschleife: Medienkünstler Klaus Nicolai projiziert das Gesicht und die Hände von US-Präsident Donald Trump auf drei Teller. – Foto: Städtische »galerie ada«

An dieser Stelle begann das kulturtouristisch etwas erschöpfte Thema »Reformation« für den Galeristen wieder spannend zu werden. Er überlegte: Wo besteht heute Reformationsbedarf? In der Gesellschaft, selbstredend. Aber auch bei jedem Einzelnen. Und so lautet die unausgesprochene Frage der Schau: »Wo ist Reformationsbedarf bei mir?« Das soll sich der Besucher fragen. Wäre es an der Zeit, die eigene Reset-Taste zu drücken? So wie Luther sie damals für seine Kirche drücken wollte – freilich ohne letztere gleich zu spalten.

Wer hier eine Art Lebensratgeber-Ausstellung erwartet, der irrt. Ralf-Michael Seele und Klaus Nicolai erklären nicht die Welt. Sie zeigen Kunst – Installationen, Objekte, Malerei, Video und Klangspiele –, über die sich nachdenken lässt. Länger, als ein Galerie-Besuch dauert. Das Heimgehen mit Fragezeichen im Kopf ist erwünscht. Das Eintreten und Schauen mit eigenen Assoziationen ebenso.

Die sind besonders gefragt beim Beitrag des Medienkünstlers Nicolai. Der serviert den US-Präsidenten Donald Trump auf Tellern. Nun ja, nicht direkt. Er projiziert die TV-Aufzeichnung einer seiner Reden auf einen quadratischen Plexiglastisch. Das Bild fällt hindurch, nur auf den Tellern verfängt es sich. Ein Teller für sein Gesicht, je einer für die Hände. Und Trump redet und redet. Ein Suppenkasper in Endlosschleife. Es hat etwas anrührend Albernes, wie er da aus dem Teller spricht.

Dieses Eingefangen-Werden funk­tioniert nicht bei jeder gezeigten Arbeit. Zumindest nicht bei allen Betrachtern. Es gilt, wie letztlich bei jeder Ausstellung, die Werke für sich zu erkunden, die den Besucher in ein stummes Gespräch verwickeln. Tatsächlich will die Schau vor allem dreierlei: erstaunen, amüsieren, verwirren. Das gelingt ihr unbedingt. Etwa mit dem Streubild von Eva Warmuth.

Sie hat verschiedenfarbige Getreide und Samen in arabesken Formen auf den Galerieboden gestreut. Ein höchst empfindliches Kunstwerk, dazwischen Brotlaibe, sicher steinhart, und Gesichter, geformt aus Erde aus dem angrenzenden Englischen Garten. Da schlagen die Assoziationen beim Betrachter Purzelbäume. Und das ist genau so gewollt. »Die Vollendung der Werke geschieht im Kopf der Betrachter«, erklärt Ralf-Michael Seele.

Auch die Ausstellung selbst ist nicht im klassischen Sinne fertig. Wer die »ada« bis zum 16. Juli besucht, wird die hier beschriebenen Installationen sehen und noch viel mehr. Wer zwischen dem 22. Juli und dem 27. August vorbeischaut, den erwarten interaktive Arbeiten. Im September geht es dann wieder etwas klassischer zu, mit Malerei, Grafik, Plastik und Objekten, einem bildkünstlerischen Blick auf die Reformation, an dem sich auch die evangelische Kirchengemeinde und der Kirchenkreis Meiningen beteiligen werden.

Susann Winkel

Bis 24. September, galerie ada, Bernhardstraße 3, Meiningen: Mi. bis So., 15 bis 20 Uhr