Miteinander reden

17. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Der Gesprächsbedarf ist groß, die Unsicherheit wächst. Mit der Diskussion über den Umgang mit der AfD waren die Frühjahrssynoden der EKM und der Landeskirche Anhalts in Drübeck und Zerbst nah dran am gesellschaftlichen Diskurs. Argumentieren oder ausgrenzen? – Darüber wurde bis spät in die Nacht trefflich debattiert. Von der generellen Ächtung der Rechtspopulisten bis zur Dialogbereitschaft mit AfD-Mitgliedern und -Wählern reichte die Bandbreite.

Das Thema ist längst in den Kirchengemeinden angekommen, und deshalb ist es gut, dass sich das Kirchenparlament damit beschäftigt. Wenn Regionalbischof Propst Christian Stawenow den Glauben, der durch die Liebe tätig wird, als Maßstab christlichen Handelns vorgibt, hat er recht. Das gilt nicht nur in der Einschätzung von Parteien, sondern sollte auch die Richtschnur im Umgang mit Andersdenkenden sein.

Als Christen wollen und müssen wir uns deutlich abgrenzen und Menschenverachtung sowie undemokratisches Handeln öffentlich anprangern. Kirche hat dabei ein Wächteramt inne. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und dürfen nicht schweigen. Das Liebesgebot gilt aber auch gegenüber denen, die die AfD gewählt haben. Die zunehmende Spaltung in der Gesellschaft macht nicht vor den Kirchengemeinden halt. Doch wo, wenn nicht dort, sollten Gräben überwunden werden können?

Wo versucht wird, die Einheit der Christen zu leben, kann es nicht um Ausgrenzung gehen. Die Grundlage unseres gemeinsamen Lebens ist die Verständigung. Die Synoden haben den Anfang gemacht. Jetzt muss es in den Kirchenkreisen und vor Ort in den Kirchengemeinden weitergehen. Ich bin gespannt.

Willi Wild

Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten
auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Ein Beruf in der Zerreißprobe

18. Februar 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Für die Arbeit der Gemeindepädagogen ist eine gute Kommunikation wichtig

Lachende Kinder, die mit fröhlichen Gemeindepädagogen unsere Gemeinderäume erobern, sind ein ausgesprochen gern gesehenes Beispiel, wie die Kirche ihren Bildungsauftrag wahrnimmt. So manche berufstätige Eltern sehen das eher mit einem Seufzer: »Ist ja toll, was die so alles auf die Beine stellen – Bibelolympiade für die Kleinen, Konfirmanden-Projekte mit echtem Erlebniswert, mitreißende Jugendkirche, Familienfreizeiten, sogar Tanzen, Kochen, Diskutieren für Mütter und Väter sowie Seniorenarbeit wird angeboten – aber immer müssen wir die Kinder fahren.« Doch wer auf dem Land lebt, kommt um die Fahrerei nicht herum. Zu gern hätten Eltern die Veranstaltungen im eigenen Ort.

Ein voller Dienstauftrag – also auch 100 Prozent Bezahlung – bringt volle Leistung vor Ort, könnte man denken. Das wird dem Arbeitsfeld eines Gemeindepädagogen von heute jedoch nicht mehr gerecht. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Region, nicht auf einzelne Gemeinden. Dies erhöht zwar die Möglichkeiten, innovative Projekte gemeinsam mit Kantoren, Pfarrern und Ehrenamtlichen zu ­entwickeln. Erhöht jedoch auch die Gefahr des Unverständnisses der örtlichen Gemeindekirchenräte und weckt den Unmut von Pfarrern, die nun zusätzlich Fahrdienste für Kinder stellen sollen.

Spaß bei der Bibelolympiade im Kirchenkreis Südharz braucht eine gute Team-Vorbereitung. Foto: Kirchenkreis Südharz

Spaß bei der Bibelolympiade im Kirchenkreis Südharz braucht eine gute Team-Vorbereitung. Foto: Kirchenkreis Südharz

»Manchmal denken die Betroffenen zu wenig an die Kinder. Erwachsene befinden, dass dies oder jenes so nicht gehen kann«, ärgert sich Marit Krafcick, Referentin für die Arbeit mit Kindern und Familien des Kirchenkreises Südharz. Erlebnisse in großer Runde mit tollem Programm seien nun einmal nur zentral zu verwirklichen. Da müssten halt alle an einem Strang ziehen. Leider erhält sie dabei nicht immer die erhoffte Unterstützung. Traurig berichtet sie von Pfarrern, die ihre Pfründe verteidigen und glauben, über die Arbeit der Gemeindepädagogen bestimmen zu können. Doch Pfarrer und Gemeindepädagogen sollten sich auf Augenhöhe begegnen. Denn die Fachaufsicht über die Pädagogen obliegt den Referenten der Kirchenkreise und die Dienstaufsicht dem jeweiligen Superintendenten, nicht den Ortspfarrern.

Um eine selbstständige Arbeit zu gewährleisten, wird für jeden pädagogischen Mitarbeiter eine ausführliche Dienstanweisung erstellt. »Sie schützt mich vor den Ansprüchen Einzelner«, betont Marcus Bornschein, Jugendmitarbeiter der Region Eichsfeld des Kirchenkreises Mühlhausen. »Ohne sie sowie die echte Wertschätzung meiner Arbeit im Kirchenkreis und die Unterstützung durch Kollegen wäre die Arbeit in der Region, inmitten der verschiedenartigen Ansprüche, nur schwer möglich«, ist er überzeugt.

Wie viele seiner Kollegen wählte er seinen Beruf aus tiefster, über lange Jahre gewachsener Überzeugung. Ja, auch mit ihm müsse die Fachaufsicht manchmal in die Sitzungen der Gemeindekirchenräte gehen, um die Struktur seiner Arbeit zu erklären. Doch dies sieht er positiv, es stärkt ihm den Rücken. »Wünschenswert zur Bewältigung solcher Situationen wäre nur, dass sich die Ausbildung stärker auf die kommunikative Kompetenz der Pädagogen konzentriert«, fordert Marit Krafcick.

»Unser Beruf ist wunderbar. Wir können auf kreative Art Appetit machen auf den christlichen Glauben, das ist eine so schöne Herausforderung«, berichtet Ingrid Piontek begeistert, früher selbst Gemeindepä­dagogin, heute Dozentin am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck. »Es ist ein Beruf, der einem viel Freiraum lässt, seine eigenen Begabungen einzubringen«, betont sie. Diese Talente könne man jedoch nur sinnvoll einsetzen, wenn die Anstellung es ermöglicht, neue Arbeitsansätze auszuprobieren und weiterzuentwickeln.

»Das Berufsbild ist generationsübergreifend. Wenn sich der persönliche Schwerpunkt zum Beispiel zur Seniorenarbeit verlagert, liegt es am Kirchenkreis, das sinnvoll einzubinden. Die Vorgesetzten sollten alle Ressourcen wohlwollend im Blick behalten. So etwas motiviert die Mitarbeiter auch eher, neue Projekte zu erarbeiten.« Mehr Flexibilität wäre, perspektivisch gesehen, ein Lösungsansatz für Kirchenkreis, Kirchenälteste und Pfarrer, die Gemeinde und immer wieder auch für Gemeindepädagogen.

Regina Englert

Die Ausbildung zum Gemeindepädagogen ist auf vielfältige Weise möglich, vom Hochschulstudium bis zur berufsbegleitenden Ausbildung.

www.gemeindepädagogik.de
www.pti-mitteldeutschland.de


Mut zur Lücke

28. April 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Landesbischöfin fordert auf, neue Wege zu gehen

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, hat sich für eine Neuausrichtung der kirchlichen Arbeit ausgesprochen. Angesichts der demografischen Veränderungen und einer fortschreitenden Säkularisierung sei ein weiterer Rückbau nicht mehr verkraftbar, stattdessen sei ein »richtiger Umbau« erforderlich, sagte sie am 20. April zum Auftakt der in Drübeck tagenden Landessynode. Wenn die Strukturen auf lange Sicht nicht verändert würden, »dann überfordern wir uns und alle Mitarbeitenden auf Dauer«. Es brauche deshalb neue Konzepte und auch den Mut zur Lücke. »Wer keinen Mut zur Lücke hat, der braucht Lückenbüßer.«

    Landesbischöfin Junkermann fordert, Gemeinde neu zu denken. Foto: Matthias Bein

Landesbischöfin Junkermann fordert, Gemeinde neu zu denken. Foto: Matthias Bein

Die Strukturveränderungen der letzten Jahre hätten in den Gemeinden den Eindruck verfestigt, das letzte Glied in einer Kette von oben nach unten zu sein, räumte sie ein. Nun müsse es gelingen, Kirche wieder bewusst als gegenseitige und wechselseitige Verantwortungsgemeinschaft zu gestalten.
Als Beispiele für einen bereits begonnenen Umbau nannte sie die neu konzipierte Konfirmandenarbeit sowie neue Gottesdienst- und Gemeindeformen. Auch die Verantwortung der Kirchenkreise im neuen Finanzgesetz sei ein wichtiger und richtiger Schritt in diese Richtung. Allerdings bräuchten die Gemeinden, Regionen und Kirchenkreise mehr Entscheidungsräume, mehr Freiheiten und Rechte. Deshalb sollten nach der vollzogenen Rechtsangleichung der früheren Landeskirchen von 2014 an gezielt Gesetze und Regelungen daraufhin überprüft werden, wie Verwaltung vereinfacht und Entscheidungsspielräume erweitert werden könnten.
Notwendig sei es außerdem, die Gemeinde neu zu denken – »von allen Getauften her und nicht vom besonderen Amt her«. Eine Grundeinsicht der Reformation sei es gewesen, dass alle durch die Taufe berufen seien, unterstrich die Landesbischöfin. Mit dieser Ansicht habe die Reformation eine ganze Kultur und Gesellschaft verändert. Allerdings sei das »Priestertum aller Gläubigen« von den Reforma­toren selbst nicht ganz durchge­halten worden. Ansätze, die es im Kirchenbund der DDR gegeben habe, wie die Kirche als Lerngemeinschaft und als Beteiligungskirche zu verstehen, seien mit der friedlichen Revolution zu schnell und zu stark abgebrochen worden, so Ilse Junkermann.
Heute werde immer deutlicher, dass der strukturelle Rückbau neue Einstellungen brauche und zwar bei den Hauptberuflichen genauso wie bei den Neben- und Nichtberuflichen, den ehrenamtlich Engagierten. Allen Tendenzen der Gemeinde, sich selbst genug zu sein oder für sich bleiben zu wollen, müsse dabei entschieden widersprochen werden. »Die Gemeinde und Kirche ist nicht für sich selbst da«, betonte die Landesbischöfin.

Martin Hanusch