Er ist wieder da

14. September 2018 von redaktionguh  
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Antisemitismus: Oder war er vielleicht nie wirklich weg? Seit etwa 2 500 Jahren gibt es Judenfeindlichkeit. Schon fast überwunden geglaubt, tritt der Judenhass heute wieder offen zutage.

Vor wenigen Wochen sorgte eine Veranstaltungsrezension in den Thüringer Tageszeitungen für große Aufregung. Offensichtlich ohne Prüfung und Korrektur konnte ein Text erscheinen, in dem die Autorin behauptete, das Festival »Yiddish Summer Weimar« könne froh sein, von Stadt, Land und privaten Förderern am Leben erhalten zu werden. Der künstlerische Leiter würde nur noch in Deutschland, und nicht seiner Heimat USA, tätig sein, weil »alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten« und »hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt.« Kunstkritik hin oder her, die Wortwahl der Autorin entspricht eindeutig Formulierungen und Vorstellungen nationalistischer Gruppierungen. Die uralte Annahme, Juden besäßen unverdient mehr als ihnen zustünde, wird hier ganz selbstverständlich in die moderne Zeit, in den kulturellen Kontext übertragen.

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Antisemitismus ist in Deutschland auch 85 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wieder ein Thema. Oder immer noch. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, nimmt ihn jedoch als gegenwärtiges Problem im Alltag kaum wahr. Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wie die Echo-Preisverleihung oder der Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin zeugen jedoch von der Aktualität.

Für den israelischen Schriftsteller Amos Oz ist »die Geschichte von Judas in den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus.« Juden stünden seitdem synonym für Judas: »Verräter, Gottesmörder, habgierige Betrüger«. Die Ablehnung gegenüber Juden hat in der Vergangenheit immer wieder neue Formen angenommen. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland und in Europa der Antisemitismus, der während der Zeit des Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Genozid an den europäischen Juden seinen Höhepunkt erreichte.

Trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust werden heute immer noch antijüdische Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung. Eine aktuelle Studie des Londoner Pears Institute for the Study of Antisemitism vom Juli dieses Jahres untersuchte den Zusammenhang zwischen der Entwicklung aller erfassten antisemitischen Vorfälle und der verstärkten Zuwanderung von Migranten aus Nordafrika und Nahost. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in keinem der untersuchten Länder, zu denen Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien und die Niederlande gehörten, ein direkter Zusammenhang besteht. Antisemitismus sei ein Problem, das der Mehrheitsbevölkerung entspringe und nicht ausschließlich oder sogar überwiegend von Minderheiten herrühre.

Dass das so ist und warum, darüber muss man reden: sich mit der Problematik beschäftigen und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ist es wichtig zu wissen, worüber gesprochen und auch gestritten wird. Entrüstet in einen Kanon der Mehrheit einzustimmen ist einfach. Der Grundstein für eine differenzierte Betrachtung, für das Wissen um die Juden, das Judentum und ihre Geschichte muss indes frühzeit gelegt werden: in Kindergärten und Schulen. Nur so können Vorurteile gar nicht erst an kommende Generationen ungehindert weitergegeben werden.

Das ist wichtiger denn je, auch angesichts der zunehmenden Zahl von Migrantenkindern. Denn die Londoner Studie zeigte auch, dass die antisemitische Einstellung in allen fünf Ländern bei den Angehörigen muslimischer Minderheiten weiter verbreitet ist als in der Allgemeinbevölkerung. Auch in der Haltung zum Staat Israel würden Jugendliche mit muslimischem Hintergrund ein höheres Maß an israelbezogenem Antisemitismus aufweisen als die deutsche Bevölkerung, hieß es.

Mirjam Petermann

Die Co-Autoren, Axel Große und Jan Grooten, bieten vom 9. bis 11. November den Workshop »Antisemitismus heute« in Eisenach an.

www.ev-akademie-thueringen.de

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Niemals langweilig

10. September 2018 von redaktionguh  
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Umgestiegen: Ursprünglich wollte Christin Bärwald Lehrerin werden. Jetzt ist die Eisenacherin Vikarin in Apolda. Mit der angehenden Pfarrerin sprach Diana Steinbauer.

Was hat Sie dazu bewogen, Pfarrerin werden zu wollen?
Bärwald:
Der Entschluss, Pfarrerin zu werden, kam bei mir relativ spät. Genauer gesagt, erst mit 26 Jahren. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Und so habe ich nach dem Abitur Latein, Religion und Erziehungswissenschaft studiert.

Schon immer gehörte die Kirchengemeinde zu meinem Leben dazu. Zunächst Religionsunterricht und Christenlehre. Meine Uroma hat mich regelmäßig mit in die Kirche genommen. Mit 14 Jahren habe ich mich taufen lassen und war seitdem immer im Gemeindekirchenrat tätig. Dann wurde ich Lektorin. Im Grunde genommen bin ich in diesen Berufswunsch langsam hineingewachsen.

Wie hat man Sie auf den Pfarrberuf und den Gemeindealltag vorbereitet?
Bärwald:
Ich glaube, dass das Studium nicht wirklich auf den Pfarrberuf und den Gemeindealltag vorbereiten kann. Dazu ist es auch nicht gedacht. Es handelt sich hierbei also um die notwendige fachwissenschaftliche Grundlage des Pfarrberufs. Aber der Pfarr- bzw. Gemeindealltag beinhaltet natürlich noch mehr. Und dafür gibt es ja dann das Vikariat. Sozusagen die Schnittstelle zwischen Studium und späterem Pfarrberuf.

Christin Bärwald. Foto: privat

Christin Bärwald. Foto: privat

Im Vikariat habe ich ziemlich schnell gemerkt, wie gut es ist, auf theologisches Wissen zurückgreifen zu können. Aber es ist schwierig, dieses Wissen in der Praxis anzuwenden. Da bin ich froh, eine Mentorin an der Seite zu haben. Ansonsten gibt es im Vikariat immer wieder Dinge, auf die auch das Predigerseminar nicht vorbereiten kann. Ich denke hier an Verwaltungsabläufe, persönliches Zeitmanagement oder an Sitzungsdynamiken.

Entspricht der Beruf Ihren Vorstellungen?
Bärwald:
Ich habe in Apolda eine aufgeschlossene Kirchengemeinde angetroffen, die es mir leicht gemacht hat, anzukommen. Ansonsten habe ich einen gut gefüllten Terminkalender und immer wieder die Möglichkeit, kreativ zu sein und neue Dinge auszuprobieren. Vor dem Vikariat hätte ich mir nicht vorstellen können, Gottesdienste mit geistig behinderten Menschen zu feiern, mich intensiv mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen, Gemeindeabende und Glaubenskurse vorzubereiten oder in einem »Bündnis gegen rechts« so intensiv wie momentan mitzuarbeiten.

Das klingt nach Erfüllung. Was ist an Ihrem Beruf Berufung?
Bärwald:
Das mag jetzt abgedroschen klingen, aber es ist der intensive Kontakt mit den Menschen – sie in jeglichen Lebenssituationen zu begleiten und vor allem im Glauben mit ihnen verbunden zu sein. Ich liebe es, mit den Gemeinden Gottesdienste zu feiern und mit ihnen über Gott und die Welt zu reden. Auch wenn es manchmal schwierige Themen sind. Und es sind die vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten, die mich dabei bleiben lassen. Es wird auf alle Fälle niemals langweilig.

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Das Leben ist wundervoll

6. August 2018 von redaktionguh  
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Sie gibt die Lutherin, ist verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit und Museumspädagogik im Lutherhaus und man trifft sie als Stadtführerin unter anderem in Weimar, Erfurt und Eisenach: Alexandra Husemeyer. Was sie geprägt hat und bewegt, darüber sprach sie mit Sabine Kuschel.

Frau Husemeyer, Sie arbeiten für die Stiftung Lutherhaus Eisenach und verschiedene andere Projekte, sind Stadtführerin, Künstlerin, Vorsitzende des Kunstvereins, vielseitig interessiert und engagiert. Besteht nicht die Gefahr, sich zu verlieren?
Husemeyer:
Die Gefahr besteht natürlich immer. Es ist manchmal schwer, die Balance zu finden. Ich gebe sehr gerne und merke relativ spät, dass ich selbst zu kurz komme. Dann muss ich die Notbremse ziehen und Stopp sagen, um drei Tage mal allein zu sein. Bei mir laufen immer mehrere Projekte gleichzeitig. Ich liebe das aber auch so. Ich arbeite gerne schnell und auf vielen Baustellen gleichzeitig.

Wie und wo kommen Sie wieder zur Ruhe?
Husemeyer:
Ich kann am besten entspannen, wenn ich reise. Im Sommer nehme ich mir immer drei Wochen Zeit und bin dann weg. Allerdings mache ich unterwegs jeden zweiten Tag eine Stunde Büro. Als Freiberufler muss ich E-Mails checken, Anfragen beantworten. Aber ich genieße das trotzdem. Alle wissen, ich bin im Urlaub, aber ich sitze im Café und schaue aufs Meer. Ich beschränke das Arbeiten auf eine Stunde. Dann bin ich wieder frei. Das ist sogar schön. Man denkt, was für ein Luxus, ich kann jetzt hier arbeiten am Meer.

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Wohin werden Sie diesmal im Urlaub verreisen?
Husemeyer:
Ich bin ein Campertyp, liebe die Freiheit, unterwegs zu sein und schlafe im umgebauten Berlingo. Dadurch habe ich nur zwei Sitze, aber ich brauche die Fläche sowieso für Auftrittskostüme, Instrumente, Bücher usw. Ich reise gerne gemächlich, besuche eine Freundin in Freiburg, einen Freund in Zürich. Der Weg soll dann weiter durch Ligurien nach Genua führen. Ich entdecke gerne abseits der großen Straßen Kultur und Geschichten einer Region. Wo es schön ist, halte ich an. Wenn ich Lust habe oder wenn das Geld zur Neige geht, fahre ich wieder nach Hause.

Und wenn Sie zurück sind, welche Pläne und Ideen wollen Sie verwirklichen?
Husemeyer:
Im Lutherhaus steht die Vorbereitung auf die neue Sonderausstellung und das ACHAVA-Festwochenende September 2019 auf dem Plan. Privat habe ich viele Träume und wenig Zeit. Ich möchte so viel lernen: ein Instrument, Französisch, Paragliding. Ich möchte lernen, meine Zeit noch besser zu strukturieren. Im Kalender streiche ich einfach Tage durch. Am Telefon muss ich dann sagen, ich bin ausgebucht. Sonst gibt es nie ein freies Wochenende mit Familie und Freunden.

So viele Aufgaben – wofür brennen Sie?
Husemeyer:
Ohne Unterschied für alles. Für eine Sache zu brennen, das ist für mich die Form des Arbeitens. Wenn Menschen halbherzig irgendetwas hinschludern, regt mich dies persönlich auf.

Sie sind Paramentikerin. Wie sind Sie denn zu den anderen Jobs gekommen?
Husemeyer:
Nach dem Abitur in Hermannswerder habe ich Mitte der 1990er-Jahre Ausbildungen zur Handstickerin und Handweberin in Helmstedt gemacht und zwei Gesellenprüfungen abgelegt.

Die Paramentik-Ausbildung sowie der Kirchliche Fernunterricht liefen parallel. Als bester Azubi Niedersachsens habe ich meine Auszeichnung von Gerhard Schröder bekommen, der damals noch Ministerpräsident war. Damit war ein Stipendium von 10 000 DM verbunden, mit dem ich die Meisterschule als Handweberin finanzierte. Zehn Jahre habe ich als Paramentikerin freiberuflich gearbeitet und Aufträge für München, Berlin oder Bremen gewebt.

Nach und nach musste ich einsehen, dass ich davon nicht leben kann. Wenn ich der Kirchengemeinde einen Preis von 3 000 Euro für ein Parament nannte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen. Das war dann trotzdem nur ein Stundenlohn von 5 bis 8 Euro. Ich habe jahrelang in keine Rentenversicherung eingezahlt, war teilweise nicht krankenversichert, weil ich es einfach nicht konnte.

Ich kehrte in meine Heimatstadt Eisenach zurück und wurde Stadtführerin, weil ich mich für Geschichte und Kunstgeschichte interessiere. Als die Stelle für Museumspädagogik im Lutherhaus ausgeschrieben war, habe ich mich beworben. Zudem habe ich mich fortgebildet, pädagogische Seminare sowie Rhetorikkurse belegt. Seit zehn Jahren arbeite ich nun schon halbtags im Lutherhaus. Eine ganz spannende Zeit mit Umbau, neuer Ausstellung, neuen pädagogischen Konzepten, die ich aktiv und kreativ begleiten durfte.

Paramentik ist eine sehr stille Tätigkeit, ganz anders als das, was Sie jetzt tun …
Husemeyer:
Man ändert sich im Leben. Die Paramentik hat nicht mehr richtig zu mir gepasst. Ich lebe jetzt das ganze Gegenteil, sehr extrovertiert als Künstlerin und Moderatorin.

Wie haben Sie zum Glauben gefunden?
Husemeyer:
In der Christenlehre. Meine Katechetin war Ilse Weißenborn, eine Katechetin alten Schlages. Unverheiratet und streng. Immer mit dunkelblauem Faltenrock und Lutherrose an der weißen Stehkragenbluse. Ich habe diese Frau geliebt. Weil sie genau das Gegenteil von dem verkörperte, was ich zuhause erlebte: Alkoholsucht und Ablehnung des Stiefvaters. Bei ihr war alles klar strukturiert und zuverlässig. Sie war sehr autoritär, aber hat mir zugehört wie kaum jemand.

Die Christenlehre gab Ihnen im Gegensatz zu ihrem Elternhaus Halt?
Husemeyer:
Ja, absolut. Ich habe die Bibel ganz durchgelesen. Die alttestamentarischen Geschichten, beispielsweise die Josefsgeschichte kann natürlich ein Kind verstehen, das sich ausgestoßen fühlt. Dazu haben wir Bilder mit West-Filzstiften gemalt – damals etwas ganz Besonderes.

Die Katechetin hat pädagogisch sehr gut gearbeitet. Noch heute habe ich ihre Sätze im Ohr. Als sie über die Taufe sprach, wollte ich auch getauft werden. Damals war ich neun Jahre alt. Meine Eltern lehnten dies ab. Meine Mutter war Kirchenmitglied, aber lebte das nicht mehr. Mein Stiefvater war Parteisekretär in der SED.

Ich habe lange gedrängelt. Irgendwann hat meine Mutter eingewilligt. Weil ich aber keine Paten hatte, hat sich die Katechetin darum gekümmert.

Obwohl Sie Ihre Kindheit als belastend beschreiben, sind Sie ein fröhlicher Mensch …
Husemeyer:
Da habe ich Glück. Ich empfinde die Gabe immer wieder nach vorne schauen zu können als Gottes Geschenk und bin dafür dankbar. Ich habe sehr viel Kraft, weiß aber, sie ist ein Geschenk.

Sie spielen Katharina von Bora. Wie stehen Sie zu Luthers Frau?
Husemeyer:
Voller Respekt. Mein Bild von ihr beruht auf historischen Quellen. Von ihr sind nur wenige Briefe erhalten, viele jedoch ihres berühmten Ehemannes. Sie muss sehr selbstbewusst und couragiert gewesen sein.

Als der Schmalkaldische Krieg ausbrach, sie verwitwet war und keinen Rechtsbeistand hatte, wandte sie sich an das ranghöchste Oberhaupt der evangelischen Fürsten in Europa und schrieb dem dänischen König. Sie war gebildet und konnte sicher mit Luther ebenbürtig disputieren. Bei den berühmten Tischgesprächen durfte sie als einzige Frau anwesend sein.

Von Christine Brückner gibt es einen Text über Katharina, den ich nicht mag. Denn diese Katharina rechnet hart mit Luther ab. Ein solches Bild lässt sich meiner Meinung nach nicht belegen. Katharina von Bora war eine starke und fröhliche Frau. Sie war ein Arbeitstier und hat teilweise nur vier Stunden geschlafen, um das Pensum zu schaffen. Nach den Briefen Luthers an sie zu urteilen, haben sich die beiden oft geneckt. Das muss neben allen alltäglichen Sorgen sehr fröhlich gewesen sein. So vermittle ich sie.

Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit am Herzen?
Husemeyer:
Heute bin ich glücklich. Weil ich auch andere Zeiten erlebte, versuche ich mit meiner Arbeit etwas Fröhliches und Mutmachendes nach außen zu tragen.
Ich würde gern anderen Menschen helfen, ihren Platz, ihren Sinn im Leben zu finden. Ich möchte Menschen ermutigen, ihren eigenen Ideen zu folgen. Ich sehe meine Arbeit auch als Baustein der Versöhnung zwischen Religionen und Kulturen. Ich teile gern mit anderen, weil ich im Leben auch so viel geschenkt bekam.

Früher war ich unsicher und suchte immer den Sinn meines Daseins. Jetzt ist das Leben so wundervoll! Das ist schön.

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»Wer singt, betet doppelt«

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ursprung aller Musik ist die Anbetung Gottes in Tönen

Dieser Satz wird dem alten Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, aber auch Martin Luther soll ihn geäußert haben. Es ist zu vermuten, dass dieser ihn bereits als Augustinermönch verinnerlicht hat. Der Reformator wusste genau, was er tat, als er seine wichtigsten Botschaften in Lieder verpackte. »Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich«, beschreibt er ihre Bedeutung für Glaube und Gemüt.

Luther war ein geübter Sänger und Lautenspieler. In seinem Werk als Lieddichter und Tonschöpfer hat er die reformatorischen Glaubenssätze in einer mitreißenden Musiksprache verbreitet. Dafür sprechen »Ohrwürmer« wie der zündende Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«. Seine Lieder sowie die seiner Wegbegleiter entfalteten große Wirkung bei der Ausbreitung der Reformation.

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Die Bibel ist voll von Gesang und Musik. Ganze Bücher sind in Form von Liedern geschrieben – so etwa die Psalmen oder das Hohelied Salomos. Aus dem synagogalen Gottesdienst des Judentums stammt die Tradition, biblische Gebetstexte nicht einfach sprechend zu deklamieren, sondern singend vorzutragen. In der christlichen Praxis entstanden aus Gebetstexten immer kunstvollere Melodien. Stand am Anfang zunächst der Sprechgesang auf einem einzelnen Ton, ergaben sich in der Folgezeit aus der Betonung bestimmter Silben Melodiefloskeln, die zu ausgefeilten Melodiefolgen weiterentwickelt wurden. Ein schönes Beispiel dafür ist die im neunten Jahrhundert entstandene gregorianische Antiphon »Da pacem, Domine«, die Luther 1529 nachdichtete. Unter der Nr. 421 ist die deutsche Nachdichtung des Reformators bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG) zu finden: »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

So entstanden Hunderte von Gebetsmelodien. Über einen langen Zeitraum wurden diese mündlich überliefert. Die Kantoren kannten sie auswendig und brachten sie jeweils ihren Gemeinden und Nachfolgern bei. Um ihren Fortbestand zu sichern, begann man, sie aufzuzeichnen. So entstanden die sogenannten »Neumen«. Das griechische Wort »Neuma« (deutsch: »Wink«) umschreibt, dass der melodische Verlauf mit Symbolen bzw. Handzeichen angezeigt wurde.

Mit der Entwicklung des Notenliniensystems wurde es möglich, genaue Tonhöhen zu notieren. Aus dem freien Fluss des am Sprechrhythmus orientierten gregorianischen Chorals entwickelten sich nun feste Rhythmen. So war es möglich, den Gesang einzelner Stimmgruppen oder Instrumente zu koordinieren! Damit war die Basis für mehrstimmige Musikwerke geschaffen, von denen bis heute unzählige geschaffen wurden. Dabei sollte nicht verdrängt werden: Der Ursprung aller Musik ist das gesungene Gebet.

Michael von Hintzenstern

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Wertvolle Leihgabe für Eisenacher Lutherhaus

20. November 2017 von redaktionguh  
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Foto: Jensen Zlotowicz

Foto: Jensen Zlotowicz

Das Lutherhaus in Eisenach freut sich über ein neues seltenes Exponat. Thomas Wurzel (li.) von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen übergab dem Museum eine anti-lutherische Streitschrift von Thomas Murner aus dem Jahr 1520 als Dauerleihgabe. »Von Doctor Martin Luthers lere[n] vnd predigen Das sie argwenig seint, vn[d] nit gentzlich glaubwirdig zuhalten« sei eine wertvolle Ergänzung der reformationsgeschichtlichen Sammlung des Lutherhauses, erklärte Museumsdirektor Jochen Birkenmeier (Mitte). Thomas Murner (1475–1537) gehört zu Luthers prominentesten katholischen Kritikern.

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Etwas, das bleibt, dauerhaft verbindet und einfach schön ist

6. November 2017 von redaktionguh  
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Paramente als Geschenk für alle Gemeinden des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen – ein Gemeinschaftswerk von 15 ehrenamtlichen Schneiderinnen

Am Reformationstag wurde in jeder noch so kleinen Gemeinde des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen in der eigenen Kirche um 10 Uhr ein Gottesdienst gefeiert, vornehmlich von Ehrenamtlichen gehalten. Für den Superintendenten Ralf-Peter Fuchs ist klar: »Wir machen damit mit einem der großen Programmpunkte der Reformation Ernst: nämlich dem Priestertum aller Gläubigen.«

Darüber hinaus sollte in den einzelnen Gemeinden durch verschiedene Elemente im Gottesdienst die Verbundenheit mit den über 60 anderen Gemeinden sichtbar und erfahrbar werden. Zentral ausgearbeitet und vorgeschlagen waren dabei Gebete, Lieder, Lesungen, die Predigt und Liturgie. Außerdem konnten die Gemeinden die Gottesdienstform an ihre jeweiligen Gegebenheiten vor Ort anpassen. Die Liturgie konnte auch ohne Orgelunterstützung und große Vorbereitungszeiten geleitet werden. Alle vorgeschlagenen Lieder und Musikstücke standen den Gemeinden auf CD zur Verfügung, sodass auch bei wenig Singstimmen oder fehlender Begleitung nicht auf die musikalische Gestaltung verzichtet werden musste. Variable Elemente waren zudem beispielsweise die Feier eines Kindergottesdienstes oder eines Agapemahls.

Verbindendes Element: Den Gemeinden des Kirchenkreises wurden am Vortag des Reformations­tages in der Eisenacher Georgenkirche die Paramente und Brot für die Feier des Agapemahls am Reformationstag überreicht. Fotos: Mirjam Petermann

Verbindendes Element: Den Gemeinden des Kirchenkreises wurden am Vortag des Reformations­tages in der Eisenacher Georgenkirche die Paramente und Brot für die Feier des Agapemahls am Reformationstag überreicht. Fotos: Mirjam Petermann

Eine Besonderheit der Gottesdienste: Anstelle der biblischen Epistellesung wurde jeweils ein Briefgruß einer anderen Kirchengemeinde des Kirchenkreises verlesen. »Die Gemeinden haben sich gegenseitig Briefe geschrieben, in denen sie ein bisschen von sich erzählen, aber auch sagen, was ihnen am Glauben heute wichtig ist, verbunden mit einem kleinen Segensgruß«, erläuterte Superintendent Fuchs. Die Idee fand auch über die Gemeinden hinaus großes Interesse. »In Gerstungen haben die Katholiken gesagt: ›Das ist eine schöne Idee. Wir schreiben euch auch einen Brief zum Gottesdienst zum Reformationsjubiläum‹«, berichtete Fuchs.

Ein besonderes Zeichen der Verbundenheit und etwas, das die Kirchengemeinden über den Reformationstag hinaus an das Jubiläumsjahr 2017 erinnert, ist ein neues Parament für ihre Gotteshäuser: 15 ehrenamtliche Schneiderinnen haben die über 70 identischen Schmucktextilien in den vergangenen Monaten genäht, gebügelt und transportsicher verpackt. Unterstützung erhielten sie dabei von den Mitarbeiterinnen und dem Förderverein der Eisenacher Paramentenwerkstatt. »In einigen Kirchen wird das ein Parament zum Wechseln sein. Aber für manche kleine Kirche, die sich seit vielen Jahren kein neues leisten konnte, wird das Parament etwas sein, was wirklich schmückt«, sagt Fuchs über das besondere Geschenk: »Es ist etwas, das einfach schön ist, das Herzen, Seele und Geist zu etwas anrühren soll.« Besonders ist das Parament auch, weil es in Anlehnung an das Wartburg-Parament gestaltet wurde und das Motto der Eisenacher Feierlichkeiten lautete »Von der Wartburg in die Welt«. »Die Gemeinden haben eine Geschichte dazu, die sie erzählen können, die sie mit der Wartburg und mit der Geschichte des Reformationsjubiläums verbindet«, sagt Fuchs über den ideellen Wert.

Mirjam Petermann

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Es fängt gerade erst an

6. November 2017 von redaktionguh  
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Die Lutherdekade ist vorbei, die Erinnerung an die Zeit der Reformation noch lange nicht. Im Kurtheater Bad Liebenstein zeigen sie »Luthers Entführung«.

Zehn Themenjahre lang hat es allerorts und in aller Weise geluthert. Nun ist es gut mit der Lutherei. »Keineswegs!«, sagen sie in Bad Liebenstein (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Denn sie haben gerade erst angefangen mit der Erinnerung an Reformation und Kirchenspaltung.

Wer Christian Storch, dem Intendanten des Bad Liebensteiner Kurtheaters, zuhört, der glaubt zunächst einmal, sich verhört zu haben. Er spricht von der Mitte der Luther-Dekade, von vier verbleibenden Jahren, für die sie etwas Besonderes suchten für die Stadt. Aber man hat ganz richtig gehört. Mögen die anderen des Thesenanschlags in Wittenberg anno 1517 gedenken, der mehr Legende als Fakt ist. In dieser Region haben sie ihr eigenes Reformations-Ereignis – die Entführung Martin Luthers im Jahr 1521.

Es war am späten Nachmittag des 4. Mai 1521. Nach einem Aufenthalt in Möhra, dem Stammort der Familie Luther, hat sich die Reisegruppe um den Reformator wieder auf den Weg gemacht. Von Worms sind sie zurückgekehrt, vom Reichstag, wo man Luther für vogelfrei erklärt hat. Sein Leben ist in Gefahr – und es scheint ernst zu werden, als die Gruppe im Glasbachgrund bei Steinbach nahe Bad Liebenstein von vermummten Reitern überfallen wird. Schreie sind zu hören; was folgt, ist Geschichte.

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther wird im geheimen Auftrag seines Landesherrn, Friedrich dem Weisen, auf die Wartburg gebracht. Dort übersetzt er inkognito als Junker Jörg in nur elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Der neue Glaube erstarkt, zehn Jahre später wird sich in Schmalkalden ein Bund aus neugläubigen Fürsten und Reichsstädten gründen, um ihn zu verteidigen. Die Entführung als Schlüsselereignis für die Sache der Reformation – davon wollen sie in Bad Liebenstein erzählen; im Jahr 2017 und in den folgenden Jahren bis 2021. Dafür wurde eigens ein Theaterstück in Auftrag gegeben, das die hiesige Historie in den Mittelpunkt stellt, dem Verbürgten aber noch Liebe und Humor als Zutaten beigibt.

So war es gewünscht und so hat es Jethro D. Gründer für das Kurtheater geschrieben. Der Titel des Schauspiels: »Luthers Entführung«. Ende September war die Uraufführung zu sehen. Nun gibt es zwei weitere Vorstellungen.
Gründer, der sich mit seiner Idee erst in einem Wettbewerb durchsetzen musste, ist mit der Luther-Thematik bestens vertraut. Zunächst war er am Landestheater Eisenach als Schauspieler engagiert, dann rief er mit Oliver Nedelmann das »freie eisenacher burgtheater« ins Leben. Für die Eigenproduktion des Kurtheaters dramatisierte er jetzt nicht nur den bekannten Stoff, sondern verantwortet auch die Regie und übernahm die Hauptrolle, Martin Luther also.

Dem wiederfährt auf der Theaterbühne so einiges, das nicht in den Geschichtsbüchern nachzulesen ist.

Histörchen mit schwer zu bestimmendem Wahrheitsgehalt wurden aufgenommen, vor allem aber eine frei erfundene Liebelei. Diese hat Luther mit einer gewissen Katharina, aber nicht jener von Bora, die er heiraten wird, sondern einer gleichnamigen entfernten Cousine aus Möhra. Die spendet dem Reformator zärtlich Trost, der auf der Wartburg von hartem Stuhlgang und Einsamkeit gleichermaßen gequält wird.

Friederike Ziegler hat die Partie der Cousine Katharina übernommen, der dritte Hauptdarsteller ist Lutz Schwarze. Er ist als Luthers Vater und in weiteren Rollen zu sehen. Mit den drei Profis stehen noch 38 weitere Akteure auf der Bühne – der Kinderchor aus Barchfeld, etliche Statisten und viele spielfreudige Bürger aus Bad Liebenstein und Bad Salzungen, aus Möhra, Steinbach und anderen nahen Orten.

Es ist eine aufwendige Schauspiel-Produktion. Das Bühnenbild haben sie schlicht gehalten, die Kostüme – teils vom Theater Eisenach geliehen – dafür prächtig gewählt. Und es gibt viel zu lachen, sagt Intendant Christian Storch.

Susann Winkel

17./18. November, 19.30 Uhr, Kurtheater Bad Liebenstein. Karten: Bad Liebenstein Information, Telefon (03 69 61) 6 93 20, oder online: www.luthers-entführung.de

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Rückblick und Ausblick

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Vorbei: Ein Jahr lang hat die evangelische Kirche an ihre Wurzeln erinnert. Der Reformationstag soll kein Schluss-, sondern ein Doppelpunkt sein. Was bleibt? Was kommt?

Die Aktion »Offene Kirchen« soll weitergehen. Auch wenn das ambitionierte Ziel, alle 4 000 evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland im Reformationsjahr zu öffnen, deutlich verfehlt wurde, hält Landesbischöfin Ilse Junkermann daran fest. Gutes brauche Zeit, meint sie.

Ein Anfang ist immerhin gemacht. Im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen freut man sich über unerwartet positive Erfahrungen. In der hochfrequentierten Eisenacher Georgenkirche finden sich seit Mai Hinweise und Informationen zu 70 Kirchen im Wartburgland.

Auf zehn Themenwegen können die Besucher von Eisenach aus die Kirchen erkunden. Die Resonanz sei überraschend gut, so Ralf-Peter Fuchs, der Superintendent des Kirchenkreises.

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Das Wittenberger Konfi-Camp war ein Erfolgsschlager. Es gab mehr Interessenten als Plätze. Die Idee, dass junge Christen mit den Konfirmanden geistliche Gemeinschaft einüben, hat auf den Elbauen vor den Toren der Lutherstadt bestens funktioniert. Dieses Modell soll in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) fortgesetzt werden.

Das hätte so niemand erwartet: Viele Menschen sind der Einladung zum Anhaltmahl in Dessau gefolgt. Die lange Tafel mitten durch die Stadt war voll besetzt. Für manche war es die erste Berührung mit Kirche und Gemeinde. Schon häufig wurde seitdem Kirchenpräsident Joachim Liebig angesprochen: »Wann macht ihr das wieder?« In der anhaltischen Landeskirche überlegt man deshalb, in welcher Form dieses Format der Begegnung fortgesetzt werden kann.

Drei Beispiele, die – allen Unkenrufen zum Trotz – zeigen: Ecclesia semper reformanda – Reformation geht weiter – der Slogan ist mehr als eine Durchhalteparole. Die Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gelten bereits jetzt als historischer Schritt auf dem Weg der Kirchen zu größerer Einheit.

Das Reformationsjubiläum ist das erste im Zeitalter der Ökumene. In den Bilanzen herrscht große Einigkeit: Das 500. Reformationsjubiläum war international von konfessioneller Offenheit, Freiheit und Ökumene geprägt – vor allem in Deutschland, wo es fast gleichviele katholische wie evangelische Christen gibt. Laut dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ist es gelungen, das Jubiläum ohne nationalistische und anti-katholische Stoßrichtung zu feiern. Das Vertrauen zwischen Protestanten und Katholiken sei gewachsen.

Auf der Haben-Seite stehen für den Repräsentanten von rund 21,9 Millionen Protestanten in Deutschland unter anderem prall gefüllte Massenveranstaltungen wie auf der Tour des Pop-Oratoriums »Luther«; der schnelle Ausverkauf der ersten Auflage der revidierten Luther-Bibel, der Erfolg der Luther-Figur von Playmobil, der Kirchentag in Berlin mit Stargast Barack Obama und viele Kontakte zu Menschen, die bis zu diesem Jahr wenig bis keine Kontakte zur Kirche hatten.

Nicht zufrieden ist man auch an der Spitze dagegen mit den Besuchszahlen der Weltausstellung Reformation in Wittenberg sowie den parallel zum zentralen Christentreffen in Berlin abgehaltenen Kirchentagen auf dem Weg, parallel zum zentralen Christentreffen. Einiges habe nicht funktioniert, sagte Irmgard Schwaetzer, die Präses der EKD-Synode, kürzlich im MDR-Fernsehen.

Das EKD-Kirchenparlament kommt Mitte November zusammen. Dort werde dann Bilanz gezogen, kündigte Bedford-Strohm an. Die Mitglieder der Synode erhoffen sich auch Erkenntnisse von den von ihnen ernannten Scouts. 32 Experten aus Kirche und Gesellschaft, darunter eine Vertreterin der EKM, haben im vergangenen Jahr auch medial weniger beachtete Veranstaltungen besucht.

Auch wenn in diesem Jahr viel von Versöhnung und Einheit im Bezug auf die vor 500 Jahren begründete Kirchenspaltung die Rede war. Konkrete Schritte etwa hin zu einem gemeinsamen Abendmahl gab es nicht. Hoffnung darauf, wenn auch nicht allzu große, hatte es durchaus gegeben. Dafür brauche es Geduld, einen »langen Atem«, appellierte Bedford-Strohm.

(Willi Wild/epd)

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Denkwege zu Luther

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Jugendbildungsprojekt der Reformationsdekade beendet


Sie sollten eine Verbindung schaffen zwischen den Problemstellungen der Reformationszeit und dem, was junge Menschen heute umtreibt. Die »Denkwege zu Luther« waren das einzige Jugendbildungsprojekt der Lutherdekade in ganz Deutschland. Am vergangenen Freitag fand die letzte Präsentation in der Eisenacher Nikolaikirche statt.

Dafür kamen Gymnasiasten aus Bayern und Thüringen in den Tagen zuvor in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg zusammen, um sich gemeinsam dem Motto »Entscheide dich! Die Qual der Wahl – Schwierigkeiten mit der Freiheit« zu stellen. Ihnen wurde Zeit und Raum gegeben um über ihre Lebenserfahrungen zu reden, die der anderen zu verstehen und eigene Texte zu verfassen.

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Die Resultate ihrer Gedankengänge präsentierten die Schülerinnen und Schüler vor einem kleinem Publikum – ihren Mitschülern und ausgewählten Gästen, die allesamt Unterstützer und Verbündete des Projekts waren. »Wer bin ich?«, »Wer will ich sein?«, »Bin ich frei?«; das waren Einstiegsfragen einer Gruppe von Elf- und Zwölf-Klässlern, die sie zu Martin Luthers Zitat »Nur wer sich entscheidet, existiert« führte. Weiter gingen ihre philosophischen Betrachtungen mit der Frage, was unsere Entscheidungen prägt, wie es um Luthers Entscheidungen stand und wie sie persönlich überhaupt sinnvoll Entscheidungen treffen können – beispielsweise die Berufswahl – ohne überhaupt alle Folgen erahnen zu können. Die Quintessenz ihres gedanklichen Diskurses lautete schließlich: »Wir sind frei in Entscheidungen, aber gezwungen sie zu treffen.«

Bereits seit drei Jahren kooperieren das Ernestinum Gotha und das Casimirianum Coburg im Rahmen der Denkwege als »Ost-West-Tandem-Projekt«, um gemeinsam voneinander zu lernen. Dreimal trafen sich dabei, zumeist wechselnde, Schülerinnen und Schüler zu einer Projektwoche. Das bundesweite Jugendbildungsprojekt »Denkwege zu Luther« wurde von den Evangelischen Akademien Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums in der Lutherdekade 2009 gestartet. In philosophischen und theologischen Gesprächen, durch kulturell-künstlerische Themenzugänge, beim thematischen Geocaching oder in Musik- und Schreibwerkstätten erschlossen sich Jugendliche Grundfragen der religiösen Dimension menschlichen Daseins und erarbeiten sich ein Grundverständnis für den bis heute wirkungsvollen historischen Aufbruch der Reformationszeit. Seit dem Projektbeginn wurden 430 Seminartage mit insgesamt 3 400 Jugendlichen und 2 100 Multi­plikatoren realisiert. Ab 2011 konnte das Projekt in größeren Dimensionen umgesetzt werden, da es seitdem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde.

»Es war ein Leuchtturmprojekt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), mit dem wir uns oft geschmückt haben«, sagte die Projektleiterin der Lutherdekade Christiane Schulz nach den Projektvorstellungen der Schüler am Freitag in Eisenach. Da die Förderung im Dezember 2017 endet, wird das Projekt seine Arbeit einstellen. Ähnliche Jugendbildungsprojekte soll es dennoch auch in Zukunft in der EKM geben.

Mirjam Petermann

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Mit Gott und Sonnenschein

29. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Siehe, wie fein und lieblich ist’s, dass Schwestern und Brüder einträchtig beieinander wohnen! (Psalm 133) Es war Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig wichtig, dass wir bei der Berichterstattung über das erste gemeinsame Interview der beiden mitteldeutschen evangelischen Bischöfe die herzliche Atmosphäre und das gute Miteinander nicht unerwähnt lassen. Landesbischöfin Ilse Junkermann schob nach, dass das natürlich auch für das Verhältnis mit den katholischen Bischöfen in Erfurt und Magdeburg gelte. Und das nicht erst im Reformationsjahr.

Die gute, fast schon geschwisterliche Zusammenarbeit zwischen Kommune und Kirche wird in Eisenach sowie in Wittenberg von beiden Seiten hervorgehoben. Nicht nur das. Die Oberbürgermeister beider Lutherstädte betonen freudig, dass in diesem Jahr das Interesse an Reformation und Kirche unter den kirchenfernen Teilen der Bevölkerung stark zugenommen habe.

Sicher, nicht alle hochgesteckten Erwartungen erfüllten sich. Aber es ist Neues entstanden und das Reformationsjahr hat Menschen zusammengebracht. Die Marktplätze und Fußgängerzonen wurden zu Begegnungsorten. Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte, dass sich die Kirche als »gute Gastgeberin« präsentiert. Das ist an vielen Orten gelungen.

Der positive Eindruck wird nachwirken. Zu danken ist er einmal mehr den vielen engagierten ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden und letztlich dem gütigen Gott, der nicht nur schönes Wetter schenkte, sondern auch, wie es am Ende des Psalms 133 heißt, der verträglichen Gemeinschaft seinen Segen und Leben bis in Ewigkeit verheißt. Das ist ein fester Grund auch für die nächsten 500 Jahre. Reformation geht weiter.

Willi Wild

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