Labsal für die Menschen

6. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Lutherdekade: Eisenach steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des Themenjahres »Reformation und Musik«

Gründe zum Singen gibt es viele, in diesem Musik-Themenjahr vielleicht besonders zahlreiche – auch bei den Konzerten in Eisenach und anderswo. Foto: epd-bild

Gründe zum Singen gibt es viele, in diesem Musik-Themenjahr vielleicht besonders zahlreiche – auch bei den Konzerten in Eisenach und anderswo. Foto: epd-bild


Das Thema »Reformation und Musik« ist nicht nur eine klingende Hommage an den Reformator. Es rückt zugleich auch den reichen Schatz der protestantischen Kirchenmusik neu ins Bewusstsein.

»Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes, sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich.« So sah Luther die Bedeutung der Musik für die Menschen, für ihr Gemüt, ihren Glauben. Der Reformator war selbst ein Musizierender, hat viel Wert auf die Musik während der Gottesdienste gelegt. Das einfache Volk sollte nicht nur die Worte der Kirche, sondern auch die Musik im Gotteshaus verstehen und mit dem Glauben verbinden.

In der Sonderausstellung »Luthers Bilderbiografie« auf der Wartburg, die am 4. Mai eröffnet wird, werden die Stationen des Reformators auf Leinwandbildern gezeigt. Diese hatte Großherzog Carl Alexander 1872 in Auftrag gegeben und damit drei einstige Wohngemächer des Reformators herrichten lassen. Die Ausstattungen wurden nach 1952 zerstört, die aus 18 Leinwandbildern bestehende Luther-Bilderbiografie konnte jedoch gerettet werden und wird nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Ansonsten steht Eisenach ganz im Zeichen des Themenjahres »Reformation und Musik«. Bereits am Reformationstag des vergangenen Jahres war es in der Georgenkirche – in der Kirche, wo einst Martin Luther predigte und Johann Sebastian Bach getauft wurde – eröffnet worden. »Reformation und Musik« ist nicht nur eine klingende Hommage an den Reformator, sondern erinnert an den reichen Schatz der protestantischen Kirchenmusik und rückt ihn ins Bewusstsein.

Mit einer Fülle an Musikveranstaltungen, Kantaten-Gottesdiensten, Ausstellungen, Konzerten, Workshops wird man in Eisenach dem Themenjahr mehr als gerecht. Bis heute ist die Stadt am Fuße der Wartburg eng mit Musik und bedeutenden Komponisten verbunden. Im Mittelpunkt des musikalisch geprägten Themenjahres stehen neben Martin Luther auch Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann, die ebenso wie der Reformator eng mit der Wartburgstadt verbunden waren.

So schöpfte Johann Sebastian Bach, der 1685 in Eisenach geboren wurde, beim Komponieren tief aus seinem protestantisch geprägten Glauben. Mit zahlreichen Konzerten und Gottesdiensten im Rahmen der Thüringer Bachwochen (30. März bis 22. April) rückt das Schaffen des Komponisten in den Mittelpunkt.

Bach selbst vertonte 30 der 38 Kirchenlieder, die von Luther verfasst wurden, er beschäftigte sich auch mit theologischen Schriften Luthers. »Bach als Lutheraner« heißt deshalb ein Symposium mit Vorträgen, Konzerten, Gottesdiensten und Ausstellungen vom 24. bis zum 28. Februar, zu dem die mitteldeutsche Landeskirche und die Friedrich-Schiller-Universität Jena einladen.

Eisenach verfügt mit Wartburg, Lutherhaus, Bachhaus und Georgenkirche über bedeutende historische Stätten, die Reformation und Musik verflechten. Gerade die Georgenkirche – das bedeutende geistliche Zentrum der Stadt – wird immer wieder Veranstaltungsort sein. Hier werden unter anderen Kantaten zu Gehör gebracht, die Georg Philipp Telemann in seiner Eisenacher Zeit geschrieben hat.

Im Rahmen des Symposiums im Februar werden im Lutherhaus unter anderem Telemanns Kantaten-Textbücher ausgestellt. Der Komponist weilte von 1708 bis 1712 in der Stadt und schrieb während dieser Zeit ganze Zyklen von Kantaten, die in der Georgenkirche uraufgeführt wurden. Mit zahlreichen Veranstaltungen werden die 15. Eisenacher Telemann-Tage vom 7. bis 15. Juli in das Themenjahr der Lutherdekade eingebettet sein. Kantatengottesdieste, Telemann für Kinder, Konzerte, Literarisches zu Telemann werden in dieser besonderen Woche geboten.

Zu den hochkarätigen Veranstaltungen im Themenjahr »Reformation und Musik« gehören aber auch Aufführungen des Südthüringer Staatstheaters auf der Wartburg und im Landestheater Eisenach, Gottesdienste auf der Burg und die Wartburgkonzerte von Deutschlandradio Kultur.

Silvia Rost

www.eisenach.de

Mit Scherben auf den Weg

15. Mai 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

In Magdeburg und Eisenach werden die Kirchenamtsstandorte aufgelöst.
 

Der strahlende Sonnenschein in Magdeburg und Eisenach konnte nicht über den Schmerz hinwegtäuschen. Am 5. Mai nahmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kirchenamtes in Magdeburg mit einem Gottesdienst Abschied aus dem alten Gemäuer am 800-jährigen Dom; am Tag darauf sagten die Eisenacher dem Haus auf dem Pflugensberg ade. Da flossen schon mal ein paar Tränen.

Beide Gebäude haben ihre Tradition: Im Mai 1816 wurde das Magdeburger Amt als oberste Kirchenverwaltung für die preußische Provinz Sachsen eingerichtet. Die einstige Fabrikantenvilla in Eisenach wurde zwar erst 1921 Thüringer Landeskirchenamt, galt jedoch als schönster Bischofssitz Deutschlands.
 

Die bisherigen Kirchenamtsstandorte in Magdeburg und Eisenach.

Die bisherigen Kirchenamtsstandorte in Magdeburg und Eisenach.


 
Bald kommen die Umzugswagen. In der 20. Kalenderwoche nach Eisenach, in der Woche darauf rollen sie aus Magdeburg in die Thüringer Landeshauptstadt.

»Als die Entscheidung ­damals bekannt wurde, haben wir erst einmal geschluckt«, erinnern sich Annegret und Gotthard Anger. Die Mitarbeiterin der Finanzabteilung und der IT-Fachmann, der seit 1990 im Konsistorium in Magdeburg angestellt ist, nahmen den Beschluss der Föderationssynode, die Kirchenverwaltungen von Eisenach und Magdeburg in Erfurt zusammenzuführen, als »Fingerzeig« für etwas Neues. »Es wäre uns sicher schwerer gefallen, ­wären die Kinder noch klein«, sagen beide.

Da sie inzwischen erwachsen sind, wurde das Haus in Burg verkauft und eine Wohnung in Thüringen gesucht. Schmerzhafter ist da schon der ­Abschied aus der Kirchengemeinde, in der beide seit zwei Jahrzehnten verwurzelt sind. Auch wenn Angers es positiv nehmen, sehen sie klar, dass anderen der Wechsel schwerfällt.

Die Eisenacherin Rosemarie Nennstiel (62) arbeitete 35 Jahre auf dem Pflugensberg. Schon ihre Eltern waren 1966 als Hausmeister ins Landeskirchenamt gezogen. »Es schmerzt mich besonders«, bekennt sie. Nun wird die Verwaltungssekretärin noch ein Jahr nach Erfurt fahren, dann greift ihre ­Altersteilzeit. »Magdeburger und Eisenacher sind zwei Welten«, meint sie.

Angela Knötig (46) ist zuversichtlicher. »Ich kenne ja auch schon einige«, sagt die Leiterin der Schriftgutverwaltung. Und für Edward Schuchardt (38) von der Finanzabteilung ist es sogar eine Erleichterung. Er wohnt in der Nähe Erfurts. So sind die Gefühle trotz allem recht unterschiedlich.

Zudem ziehen nicht alle mit. Aus Magdeburg sind es nur 26, aus Eisenach 86. Manche gehen in den Ruhestand oder haben in anderen kirchlichen Einrichtungen Arbeit gefunden. Andere sind in den Archiven an den alten Standorten beschäftigt. Zu den insgesamt 41 Mitarbeitern, die in Magdeburg bleiben, gehören u.a. die im Büro der Landesbischöfin, im Kinder- und Jugendpfarramt und Ökumenezentrum.

Alle wurden in den Gottesdiensten einzeln gesegnet. Präsidentin Brigitte Andrae überreichte eine kleine Tonscherbe. Die kommt nicht von ungefähr: Als ­Erfurt als künftiger Standort feststand, lag wenig später ein Scherbenhaufen vor dem Haus in Magdeburg. Die ­Eisenacher bedauern, dass »Luthers liebe Stadt« den Bischofssitz verloren hat, wie die ehemalige Mitarbeiterin Anita Herrmann (74) beklagt.

Ob sich so viele Scherben kitten lassen?

Bischöfin Ilse Junkermann beantwortete die Frage in ihrer Predigt mit einem vorsichtigen Ja. Keiner sei nur ängstlich oder nur zuversichtlich. Sie erinnerte an das Psalmwort: Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Es könne Frieden werden zwischen einander widerstreitenden Gefühlen. Denn der Gott der Hoffnung sei auch ein Gott der Geduld und des Trostes. So steht die Zuversicht im Raum, dass eine gute Gemeinschaft im neuen Landeskirchenamt wachsen wird.

Dietlind Steinhöfel/Angela Stoye

»Seepferdchen« und »Delfine« trinken Leitungswasser

9. April 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Mineralwasser ist tabu. Jetzt gibt’s Wasser aus der Leitung. Foto: EKM/Seifert

Mineralwasser ist tabu. Jetzt gibt’s Wasser aus der Leitung. Foto: EKM/Seifert

Mit einem Wasserwechsel beteiligt sich die Evangelische Grundschule Eisenach an der EKM-Klimakampagne.

Die zehnjährige Kristin schenkt Wasser aus, Leitungswasser. Auch wenn es ihr nicht besonders gut schmeckt: Für die Bewahrung der Schöpfung nimmt sie das schon mal in Kauf. Außerdem: »Wir müssen das ja nicht trinken. Ich bringe mir meistens was von zu Hause mit.« Kimberly (8) schmeckt das Leitungswasser jedoch »ganz gut«. Die beiden Mädchen gehören zum Schülerparlament der Evangelischen Grundschule in Eise­nach und stellten am 31. März Pressevertretern ihr Schulprojekt »Wasserwechsel« vor. Angestoßen wurde die Initiative von der Kampagne der mitteldeutschen Kirche (EKM) »Klimawandel – Lebenswandel«.

»Wir verbrauchen in einer Schulwoche 118 Liter Wasser«, erklärt Angelina (10) von der Delfingruppe. Bei Mineralwasser bedeutet das 23,6 Kilogramm Kohlendioxyd und Kosten von 37,50 Euro. Maria (9) weiß, was bei der Mineralwasserherstellung alles eine Rolle spielt: die Aufbereitung des Wassers, die Herstellung der Flaschen, der Transport zu den Geschäften und nicht zuletzt die Autofahrt zum Einkauf.
»Wir wollen eine Umweltschule sein«, sagt Kristin.

Deshalb hat die Schule noch weitere Vorhaben: Kontrolle, dass PC und Bildschirm ausgeschaltet werden, Recyclingpapier verwenden, einen Kompost anlegen und anderes. Eine Lehrerin fährt sogar täglich mit dem Fahrrad von Ruhla nach Eisenach. Sandra Baumbach (26), Lehrerin der »Seepferdchen«, berichtet vom Entstehen der Aktion. Die Schule hat eine Umweltgruppe aus Lehrern und Erziehern. Die sprach zuerst über die Kampagne und hat das Thema ans Schülerparlament herangetragen. Das setzt sich aus den Klassensprechern der acht altersgemischten Stammgruppen zusammen. Pro Schuljahr will die Schule durch den Wasserwechsel 826 Kilogramm Kohlendioxyd einsparen und somit rund 1.400 Euro. Diese Summe allerdings war zuvor in einen Wasserfilter investiert worden, damit die Kinder Wasser ohne Rückstände trinken können. Aber nach einem Jahr hat sich die Investition bereits amortisiert.

Die Kampagnenorganisatoren der EKM freuen sich über die Schulinitiative und wollen anhand des Beispiels auch andere Schulen zum Mitmachen animieren. Die Kampagne sei auch in den Kirchengemeinden auf große Resonanz gestoßen, informiert Susanne Sobko, Pressesprecherin der EKM. Am 2. Januar war sie gestartet. Bis zum ­Abschluss am 31. Oktober soll eine Million Kilogramm C02 eingespart werden. Einen kleinen Wermutstropfen hat Sandra Baumbach noch: Sie haben auch Elternabende zum Thema durchgeführt. Die Eltern fänden zwar gut, was die Schule hier initiiert, ließen sich aber nicht anstecken.

Dietlind Steinhöfel

»Diese Diskussion ist ein Geschenk des Himmels«

26. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen

Comments Off

In Eisenach wurde zu einem Podiumsgespräch zum Luther-Schauspiel eingeladen.

Darf Luther mit einem Teufel zusammenarbeiten? Darf über seine Schwächen spekuliert werden? Darf er Hauptfigur eines Theaterstücks sein? Über solche Fragen wurde 2009 nach der Premiere des Schauspiels »Luthers Teufel« bei den Festspielen »Luther – Das Fest« in ­Eisenach heftig gestritten.

In diesem Jahr kam das Stück geändert und ­unter dem Titel »Der Reformator ­zwischen Liebe und Hass« auf die Bühne sowie in der Annenkirche für den 21. August eine Podiumsdiskussion aufs Programm. Hier, wo erstmals zum Lutherfest in ein »Geistliches Zentrum« eingeladen wurde, diskutierten Vertreter von Kirche und Stadt mit Jethro D. Gründer, Regisseur und Autor des Schauspiels.

Auf der einen Seite gab es viel Lob. Zum Beispiel von Katrin Göring-Eckardt (Präses der Synode der EKD): Im Vergleich der Lutherstädte habe Eisenach klar gewonnen, denn über das Stück zu diskutieren, finde sie viel wichtiger als Lutherzwerge anzuschauen. Zudem werde Luther endlich mal nicht nur als historische Figur gesehen, die gut für den Tourismus sei und uns die übersetzte Bibel gebracht habe, sondern hier werde ein wichtiges Problem angesprochen: Dass mit bestem Gewissen gefällte Entscheidungen zerstörerische Folgen haben können.

Im Schauspiel »Der Reformator zwischen Liebe und Hass« segnet ­Luther (Marcus Coenen) die kleine ­Sophie. Das Stück war in Eisenach zu »Luther – Das Fest« am letzten Wochenende zu sehen.	(Foto: Susanne Sobko)

Im Schauspiel »Der Reformator zwischen Liebe und Hass« segnet ­Luther (Marcus Coenen) die kleine ­Sophie. Das Stück war in Eisenach zu »Luther – Das Fest« am letzten Wochenende zu sehen. (Foto: Susanne Sobko)

Christoph Martin Neumann (Vorsitzender des Luthervereins) hob ebenfalls diesen Aspekt hervor: Es habe ihn zutiefst berührt, als Luther in dem Stück seine Abgründe erkennt und seine Schuld bekennt. »Das ist unglaublich wichtig«, so der Pfarrer im Ruhestand. Das Schauspiel sei ein wertvolles Gesprächsangebot für Christen und Nichtchristen. Thomas A. Seidel (designierter Lutherbeauftragter der Landesregierung) sieht ­einen Gewinn in der »frischen Inszenierung« allein schon darin, dass sie offen legt, »wie viel Reibungsfläche Religion und Kirche bieten«. Eisenachs Superintendentin Martina Berlich lobte die Idee, die Wartburg mit dem Pkw Wartburg zu verquicken. Ohne Luther hätte Eisenach nicht die weltweite Popularität, hier wäre dann nicht der Wartburg gebaut und die Wartburg saniert worden.

Es gab aber auch die andere Seite, wonach Luther im Stück »zu dualistisch dargestellt« werde, obwohl »beide Seiten ineinander laufen«, so Berlich. Seidel fand das DDR-Geschichtsbild wieder, beispielsweise wenn »Luther als konservativer Fürstenknecht und Müntzer als Revolutionär« gezeigt werden. Von einem differenzierteren Vergleich der beiden erwartet er wichtige Denkanstöße für die heutige Zeit, insbesondere Politikmodelle betreffend.

Zudem fand Seidel zu plakativ, Luther für den Tod ­eines kleinen Mädchens infolge des Bauernkrieges verantwortlich zu machen, und ihm fehlte das genauere Darstellen von Luthers Gottesbild. Göring-Eckardt hätte das Thema Freiheit gern noch näher beleuchtet gesehen, verdienstvoll aber sah sie: »Dass sich hier Christen und Nichtchristen über einen Text streiten, ähnelt der Zeit der Reformation.« Das hob auch eine Besucherin lobend hervor: »Diese Diskussion ist ein Geschenk des Himmels.«

Mehrfach kritisiert wurde der Autor für den Schluss des Stückes – er ließ es mit dem Verweis auf sinkende Mitgliederzahlen der Kirchen enden. »Eine Tatsache«, so Gründer, und die wolle er unkommentiert lassen.

Susanne Sobko

Eheversprechen unter freiem Himmel nach Martin Luther

13. August 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen

Comments Off

Vom 20. bis 22. August feiert Eisenach sein Luthervolksfest, auch die evangelische Kirche beteiligt sich daran.

lutherfest06

Der Blick auf das Programm für »Luther – Das Fest« vermittelt den Eindruck, als müsse 2017 unmittelbar vor der Tür stehen, gedrängt in eine Spanne von nur drei Tagen. Eine Fülle an kulturellen, bildenden, religionsgeschichtlichen, kirchlichen aber auch geselligen Höhepunkten zu Ehren des Reformators ballt sich am Wochenende 20. bis 22. August in der Wartburgstadt Eisenach.

Der kommerzielle Erfolg des Lutherfestes steht bei den Mitstreitern des kleinen Luthervereins nicht im Vordergrund – Kostendeckung ist das Ziel. In diesem Jahr hat sich auch die Zusammenarbeit mit der Kirche intensiviert. Nicht zuletzt ist das ein Verdienst von Christoph Martin Neumann aus dem Lutherstammort Möhra. Der Pfarrer im Ruhestand übernahm den Vereinsvorsitz von Lutherfest-Erfinder Udo Winkels. Die neue Qualität der Zusammenarbeit wird auch durch Landesbischöfin Ilse Junkermann deutlich, die die Schirmherrschaft über die diesjährigen Historienspiele übernimmt.

»Wir wagen den Spagat zwischen Volkfest und inhaltlicher Tiefgründigkeit«, verdeutlicht Sandra Blume vom Organisationsteam diese Entwicklung zwischen Lutherverein und Kirche. Eisenachs Superintendentin Martina Berlich freut sich über den engen Kontakt. Bisher habe man die Annenkirche dem Veranstalter mit zur Verfügung gestellt, informiert sie. In diesem Jahr gäbe es ein eigenes Programm der Kirchengemeinde. Die Annenkirche soll zum »Geistlichen Zentrum« werden mit Konzerten, Austellungen, Kinderprogramm, aber auch mit meditativen Angeboten und Andachten.

Über das Theaterstück »Luther zwischen Liebe und Hass«, das im letzten Jahr für Zündstoff gesorgt hatte, soll es eine Podiumsdiskussion geben, unter anderem mit EKD-Präses Katrin Göring-Eckart und dem ­Autor des Stücks. »Wir wollen, dass die kontroversen Meinungen ausgetauscht werden«, sagt Martina Berlich.

Zum zweiten Mal wird sich auch ein Paar auf dem Fest das Ja-Wort geben. Hochzeitsgesellschaft wie Gäste erleben eine evangelische Trauung, wie sie im späten Mittelalter üblich war. Pfarrer Manfred Hilsemer von St. Annen nimmt nach Luthers »Traubüchlein« den Brautleuten unter freiem Himmel das Eheversprechen ab. Den Segen erhalten die Frischvermählten im Anschluss in einem feierlichen Gottesdienst in der Annen­kirche.

Norman Meißner

Satirische Luftschlachten

6. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Jutta Krauß, wissenschaftliche Leiterin der Wartburg-Stiftung und Kuratorin der Sonderausstellung, präsentiert den Druck »Eine Frage an einen Müntzer«. Im Hintergrund das Gemälde von Paul Thumann »Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle«. 	Foto: Norman Meißner

Jutta Krauß, wissenschaftliche Leiterin der Wartburg-Stiftung und Kuratorin der Sonderausstellung, präsentiert den Druck »Eine Frage an einen Müntzer«. Im Hintergrund das Gemälde von Paul Thumann »Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle«. Foto: Norman Meißner


Lutherdekade: Eine Ausstellung auf der Eisenacher Wartburg zeigt Flugschriften der Reformation.

Je gemeiner und schärfer, desto größer die Aufmerksamkeit. Das war vor 500 Jahren nicht anders als heute. Für Polemik zählt der Erfolg. Bis zu ökumenischer Offenheit und Achtung mussten leider Jahrhunderte ins Land gehen.

Oh nein, Behutsamkeit gehörte nicht zu den Waffen, mit denen man zu reformatorischer Zeit gegeneinander antrat. Es ging um den publizistischen Erfolg, die Meinungsvorherrschaft. Und dazu waren nahezu alle Mittel recht. Wer heute so ungeschützt in die Öffentlichkeit ginge, der wäre ein willkommener Fall für die eifrige Zunft der Verleumdungskläger. Damals ließ sich noch ungestraft öffentlich fechten.

Gutenberg hatte es möglich gemacht: Überzeugung ließ sich plötzlich vervielfältigen, als Text und als Bild. Und damit haben wir die beiden Meinungsmacher einer sich ankündigenden Medienepoche: Die Flugschrift, textorientiert, eher für die Gebildeten, denn es gab ja nur etwa 15 Prozent Alphabeten. Und das Flugblatt, bildorientiert, wirksam unter den kleinen Leuten, die plötzlich groß wurden, weil man gezielt auf ihre Meinung einwirken konnte. Also trat die Karikatur ihren ersten Triumphzug an. Der Papst als Esel, mit Brüsten und blödem Angesicht, und die Gegenseite nahm sich Luther vor, dessen breites Gesicht sich so gut für den Saustall eignete. Was sich heute wie eine wüste Orgie von Beleidigungen liest, war damals wohl kalkuliert. Es ging um Wirkung, um publizistischen Landgewinn in großem Stil. Und die fliegenden Schriften der Reformationszeit haben den Erfolg wesentlich beeinflusst. Luther vermochte auf der Klaviatur beißender Satire trefflich zu spielen. Seine Flugschriften waren publizistische Besteller.

Besonders gern nutzte man damals das Schwarzpulver der Schmähschriften und Satireblätter, hochbeliebt im Volk, mit deftigen Texten und Bildern ausgerüstet. Da sieht man auf dem Flugblatt Luthers »Wider Hans Worst« die Papstkirche als zügellosen Teufel am siedenden Kessel hocken und die armen Gläubigen kochen. Dazu heißt es, die Papstkirche sei eine »abtrünnige und läufige Ehehure, eine Haushure, eine Betthure, eine Schlüsselhure … so böse, dass dagegen die gewöhnlichen freien Huren, Buschhuren, Feldhuren, Landhuren und Heerhuren fast noch heilig sind.« Na, das hat dann ja wohl gesessen! Abgesehen von der kleinen Unterweisung über die Farbpalette damaliger Prostitution, klingt das wie starker Tobak, ist aber keineswegs aus der Norm. So keck wurde gefochten, und wer austeilte, musste auch einstecken können, besonders Luther natürlich.

Zimperlich war man auf beiden Seiten nicht und Mimosen völlig ungeeignet für die satirischen Luftschlachten der Zeit, wenn da zu lesen ist: »… das wilde Eberschwein (Luther) hat den Weingarten (Kirche) verdorben und die (sture) eigenhirnige Bestie ihn abgeweidet und verwüstet.«

Von solcherlei Schlägen musste man sich schnell erholen, wollte man das Feld gewinnen. Luther konnte man mit Schmähungen nicht beeindrucken. Seine Gegenangriffe waren wohl überlegt und genau platziert: So schreibt er genüsslich: »… wie der Papst ein so meisterlicher Gaukler ist, der den albernen Leuten Goldstücke ins Maul gaukelt, aber wenn sie es auftun, so haben sie Pferdedreck drin.« Daneben sieht man eine Karikatur des Papstes, auf einer Sau reitend. »Dem Volk aufs Maul schauen und es fleißig füttern«, so hieß die Formel zum öffentlichen Erfolg. Die Satire der Reformationszeit hatte durchaus großen Geist. Nur war sie eben auf breite Öffentlichkeit hin berechnet und damit dicht an den Quotenschlachten unserer Tage.

Dankenswerter Weise nimmt sich in diesem Jahr die Wartburg in Eise­nach des brisanten Themas in einer Sonderausstellung an. Den Großteil des Materials schöpft sie aus dem eigenen Fundus. Die Ausstellung bietet einen vielfältigen Einblick in die Streitkultur der Reformationszeit. Sie dürfte nicht nur für Theologen, sondern auch für Journalisten von großem Interesse sein. Und alle, die an scharfer Zunge und geistreichem Humor ihre helle Freude haben, kommen ohnehin auf ihre Kosten.

Thomas Perlick

Die Ausstellung »Beißig sein ist nutz und not« ist vom 6. August bis zum 31. Oktober jeweils von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet.

Immer wieder Mut machen

29. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen

Das evangelische Jugendzentrum »Nordlicht« in Eisenach hilft bei Bewerbungen

Lucy und Petro sind wieder ­optimistisch. Foto: Susanne Sobko

Lucy und Petro sind wieder ­optimistisch. Foto: Susanne Sobko

Man kann neudeutsch Haare stylen oder Autos. In Eisenach ist seit kurzem das Stylen einer beruflichen Laufbahn möglich – mit dem Programm »Jobstyler« des Kinder- und Jugendzentrums »Nordlicht«. »Wir wollen für Jugendliche einen Anreiz schaffen, sich intensiver mit ihrer Bewerbung auseinanderzusetzen«, sagt Martin Hahn, Leiter der Einrichtung der Diako Kinder und Jugendhilfe. Er hatte festgestellt, dass der Beratungsbedarf zum Thema zunimmt und die Bedeutung ansprechender Unterlagen oft unterschätzt wird. Deshalb kam ihm die Idee, mit einer langfristigen Aktion zu helfen. Der Friseur Cutman gehört zu den Kooperationspartnern. Hier können sich die Jugendlichen vergünstigt für ihre Bewerbungsfotos frisieren lassen. Außerdem ist das Fotostudio Salzmann beteiligt. Die professionellen Bilder gibt es auf einer CD, sodass auch Online-Bewerbungen möglich sind.

Beide Angebote können die Jugendlichen mit dem acht Euro teuren »Jobstyler-Pass« nutzen. Den erhalten sie jedoch erst nach der Teilnahme an einem Bewerbungs-Check. Dabei wird über ihren Bewerbungsstand geredet. Sie können ihren Berufswunsch gemäß ihrer Interessen und Möglichkeiten diskutieren und erhalten Tipps zum Erstellen der Bewerbungsunterlagen sowie für die Stellensuche. Petro Harder freut sich sehr über diese Hilfe, »allein schafft man das nicht«. Besonders dankbar ist er, dass ihm hier »immer wieder Mut gemacht wird«. Den hat er nach neun erfolglosen Bewerbungen nötig.

»Ich finde die Aktion übelst gut«

»Die Absagen sind schlimm, man fühlt sich so klein«, sagt der 16-Jährige. Doch im Jugendzentrum wird er motiviert und erhält neue Tipps für die Suche. In der Tasche trägt er einen ganzen Packen ausgedruckter Angebote. Meist schaut er mehrmals am Tag im Internet nach Lehrstellen. Sein Antrieb: »Hartz-IV-Empfänger zu sein, ist das Schlimmste, was es gibt.« Er weiß, wovon er spricht: Seine Mutter sucht schon lange einen neuen Job.

Neben Petro sitzt Lucy Gebhardt am Computer. Auch sie hat bisher nur Absagen auf ihre Bewerbungen erhalten. Sie ist wieder optimistisch, seit sie am Programm »Jobstyler« teilnimmt. In der Schule wurde das Thema zwar behandelt, doch das Gelernte reicht ihr nicht aus. »Es ist doch zum Beispiel was ganz anderes, ob ich mich bei einem Laden für Lebensmittel oder einem für Klamotten bewerbe«, sagt die 15-Jährige. Im Jugendzentrum wird sie beraten. Zudem freut sie sich über den Gutschein für Friseur und Fotostudio sowie über drei Bewerbungsmappen, gesponsert vom Eisenacher Club Soroptimist International.

»Vielen Jugendlichen ist gar nicht bewusst, wie wichtig allein die äußere Form der Bewerbung ist«, sagt Martin Hahn. »Sie holen sich Passbilder vom Automaten und legen wenig Wert auf ihre Mappen. Dabei zählt der erste Eindruck. Viele Bewerbungen landen dadurch gleich im Papierkorb.« Ihm liegt daran, nach Tiefschlägen immer wieder zu ermutigen sowie die Zusammenarbeit mit Arbeitsagentur und Berufsberatung zu intensivieren. Auf der Jobstyler-Internetseite finden die Jugendlichen zudem viele wichtige Tipps. Nach Hahns Recherche ist das Angebot bisher einmalig, und den Reaktionen der Jugendlichen nach zu urteilen genau richtig. Petro Harder: »Ich finde die Aktion übelst gut.«

Susanne Sobko

www.jobstyler.de