Die Türen weit öffnen

29. November 2014 von redaktionguh  
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Ein wirklich adventliches Zeichen hat die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) auf ihrer Tagung vergangene Woche gesetzt. Indem sie eine halbe Million Euro für die Flüchtlingsarbeit im In- und Ausland bereitstellt, öffnet sie im wahrsten Sinne des Wortes Türen für Menschen in Not. Denn sowohl die Flüchtlinge an den Grenzen der Krisenregionen als auch jene, die hier nach Europa kommen und in unserer Nachbarschaft Schutz suchen, sind auf unsere Solidarität und eine Willkommenskultur angewiesen. Gut, wenn wir deshalb nicht nur Türen, sondern auch die Herzen öffnen und den hilfesuchenden Menschen vorurteilsfrei und freundlich entgegensehen.

Lebendige Adventskalender, Kirchenmusiken und Laientheater bestimmen die vier Wochen bis Weihnachten. Wir sind erfüllt von der Vorfreude auf das Kommen des Heilands und damit verbunden ist die Hoffnung auf Frieden. Zu einem Weihnachtskonzert kommen auch der Kirche Fernstehende. Vielleicht spüren sie etwas von dieser Frohen Botschaft. Das liegt nicht allein in unserer Hand. Doch wir können den Weg bereiten für den Herrn und hin zu ihm, gerade in dieser Zeit.

Die EKM-Synode hat sich auch über solche Fragen Gedanken gemacht, diskutiert und zugehört. Wie können wir mit dem, was wir an Schätzen haben, eine einladende Kirche sein? »Erprobungsräume« sollen unterstützt werden, wo Kirchengemeinden die Türen nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit öffnen. Kinder und Jugendliche, auch die aus nichtreligiösen Elternhäusern kommen, sollen uns willkommen sein und mitgestalten dürfen. Damit dies auf einer guten Grundlage steht, hat die Synode ein Gesetz für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verabschiedet und damit eine Tür weit aufgestoßen. Es gibt gewiss noch andere Türen, die wir öffnen können. Wie wäre es, wenn wir in der Adventszeit unsere Kirchentür nicht abschließen?

Dietlind Steinhöfel

Ernst machen mit dem Priestertum aller Glaubenden

25. November 2014 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Was erlebt ein Mensch, der als »Quereinsteiger« in kirchliche Leitungsstrukturen kommt? – Ronald Jost zieht eine ernüchternde Bilanz


Er ist ein gestandener Mann, Finanzexperte, Bankdirektor, vielfach gesellschaftlich aktiv. Und er ist Christ. Deshalb engagierte sich Ronald Jost auch in kirchenleitenden Ämtern. Doch jetzt wirft er das Handtuch.
Harald Krille sprach mit ihm.

Was hat Sie bewogen, sich in den Gremien der Kirche zu engagieren, sozusagen ein ehrenamtlicher Funktionär dieser Kirche zu werden?
Jost:
Ich war etliche Jahre in Bayern und bin seit 1993 wieder in Mitteldeutschland. Für mich war es schwer erträglich wahrzunehmen, wie säkular und entkirchlicht das Kernland der Reformation geworden ist. Ich hatte die Illusion, wenn mehr Ehrenamtliche sich so richtig hineinbegeben würden in diese Kirche, dann werden wir auch im kirchlichen Bereich die Wende schaffen. Also Jost, die Kinder sind aus dem Haus und beruflich bist du auch etabliert, jetzt pack mal an! So bin ich eingestiegen und sehr schnell dann bis hinein in die erste EKM-Synode gewählt worden.

Ronald Jost leitet den Bereich Kundencenter bei der Thüringer Aufbaubank in Erfurt. Seit der Bildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland im Jahr 2009 gehört er der Landessynode an. Der in Jena wohnende Diplomkaufmann wurde 1955 im Delitzsch geboren, absolvierte unter anderem eine Prädikantenausbildung und ist zertifizierter ehrenamtlicher Gemeindeberater im Gemeindedienst der EKM. Für die oft so ganz andere Arbeitskultur in kirchlichen Gremien findet er deutliche Worte. Foto: Harald Krille

Ronald Jost leitet den Bereich Kundencenter bei der Thüringer Aufbaubank in Erfurt. Seit der Bildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland im Jahr 2009 gehört er der Landessynode an. Der in Jena wohnende Diplomkaufmann wurde 1955 im Delitzsch geboren, absolvierte unter anderem eine Prädikantenausbildung und ist zertifizierter ehrenamtlicher Gemeindeberater im Gemeindedienst der EKM. Für die oft so ganz andere Arbeitskultur in kirchlichen Gremien findet er deutliche Worte. Foto: Harald Krille

Sie sprechen von einer Illusion, warum?
Jost:
In meinen ehrenamtlichen kirchlichen Funktionen traf ich auf sehr viele liebenswerte Menschen. Aber die Arbeitskultur, in der ich mich wiederfand, das war schon ein Kontrastprogramm zu dem, was ich aus meinem bisherigen, breit gefächerten beruflichen Leben kannte. Und das sage ich ohne Wertung.

Woran macht sich das fest?
Jost:
Zum einen an den zum Teil sehr großzügig bemessenen Strukturen, die im Grunde überhaupt nicht mehr passfähig sind für das, was hier Kirche tatsächlich ist. Wir haben die Strukturen einer großen Volkskirche. Die Realität ist eine völlig andere. Der Mantel ist also viel zu groß. Er überfordert die wenigen, die sich in die Pflicht nehmen lassen.

Das nächste ist der Umgang mit Verantwortung in dieser Kirche. Wer trägt eigentlich wirklich Verantwortung? Da habe ich im Grunde keine Klarheit gefunden. Ich habe in meiner ganzen Amtszeit nie gesehen, dass irgendjemand zur Verantwortung gezogen wurde.

Und ich hatte in der Kirche, namentlich in den Kerngemeinden, eine stärkere spirituelle Kraft vermutet. Aber ich merkte schnell, dass wir uns in allen Gremien im Grunde nur mit Baufragen, mit Geld und Besitzstandsfragen beschäftigen. Doch die geistliche Dimension, wo wollen wir geistlich hin, was sind unsere Ziele als Kirchengemeinde, unsere spirituellen Bedürfnisse und Erwartungen, unsere Träume? Das habe ich verdammt wenig mitbekommen. Meine geistlichen Kraftquellen fand ich im Wesentlichen außerhalb meiner Kirche.

Was muss nach Ihrer Meinung geschehen?
Jost:
Wir müssten mal langsam Ernst machen mit dem Priestertum aller Glaubenden. Die geistlichen Funktionen haben wir doch weitgehend an die Profis delegiert. Wir haben immer noch viel zu wenig Lektoren und Prädikanten. Und in meiner eigenen Prädikantenausbildung habe ich erlebt, dass Kursteilnehmer das Handtuch geworfen haben, weil sie von ihrer Gemeinde und von ihrem Pfarrer keine Unterstützung hatten. Sie wurden als Konkurrenz wahrgenommen und nicht als wichtige Mitglieder in der geistlichen Leitung der Gemeinde.

Das ist letztlich aber kein Frage der Struktur, sondern der Haltung.
Jost:
Richtig. Statt an Strukturen herumzudoktern müssen wir uns ernsthaft fragen, welches Kirchenverständnis wir leben wollen. Nach meinen Erfahrungen empfinde ich unsere Kirche als eine lediglich synodal bemäntelte Amts- und Pastorenkirche.

»Nach meinen Erfahrungen empfinde ich unsere Kirche als eine lediglich synodal bemäntelte Amts- und Pastorenkirche«

Aber in den Gemeindekirchenräten, in den Synoden, tragen doch die sogenannten Laien Verantwortung?
Jost:
Ja, laut Verfassung hat der Vorsitzende eines Gemeindekirchenrates die Geschäftsführung. Aber wenn er wirklich Geschäftsführung wahrnehmen möchte, dann wird er sehr schnell merken, mit welchen Freiheitsrechten die Ordinierten ausgestattet sind und was es bedeutet mit Menschen zu arbeiten, die sich ihrer beamtenrechtlichen und dienstrechtlichen hohen Privilegien bewusst sind. Und er wird feststellen, dass viele seiner ehrenamtlichen Geschwister eigentlich gern in der tradierten Pastorenkirche weiterleben möchten.

Was wäre denn Ihre Erwartung an das Verhältnis von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in der Kirche?
Jost:
Mein Traum ist, dass Kirche ein Ort christlicher Lebensschule ist, in dem die Hauptamtlichen nicht alles selbst machen, sondern sich als Lehrer, Trainer, als Begleiter der Ehrenamtlichen verstehen. Kein Fußballverein beschäftigt Trainer und Co-Trainer, damit die an jedem Wochenende der A- und B-Jugend wunderbare Dribblings vormachen. Trainer werden daran gemessen, dass sie den Jugendlichen das Fußballspielen beibringen. Die sollen spielen, der Trainer sitzt am Rande. Und bei uns ist es genau umgekehrt. Bei uns spielen die Pfarrer auf dem Feld.

Für mich ist es zum Beispiel unerträglich und beschämend, wenn ein Pfarrer in Alten- und Pflegeheimen und zu Geburtstagen sehr, sehr viele Besuche macht. Dafür ist er schlicht zu teuer. Alten, teilweise dementen Menschen zuzuhören, ihnen die Hand zu halten, sie beim Spaziergang zu begleiten, das ist doch eine christliche Grundpflicht von uns allen. Sein Job ist: Die Menschen seiner Gemeinde zu ermutigen, die Alten und die Kranken zu besuchen, sie dabei zu begleiten und zu stärken.

Warum jammern wir, wenn wieder eine Pfarrstelle eingespart werden muss? Warum sagen wir nicht, dann übernehmen wir das eben selbst? Wir haben doch Menschen, die Andachten halten und predigen können. Pfarrer sollen sie begleiten und ermutigen. Hier müsste auch verantwortungsbewusste Dienstaufsicht und Erfolgskontrolle einsetzen.

Und woran wollen Sie den »Erfolg« von Gemeindearbeit messen?
Jost:
Ich habe doch als normales Mitglied meiner Kirchengemeinde im Grunde nur zwei Möglichkeiten, auf meinen Pfarrer und die Gemeinde zu reagieren: mit Zeit und/oder Geld. Mit Zeit, indem ich die Veranstaltungen besuche, indem ich Ehrenamtsarbeit leiste, je nach meinen Begabungen. Mit Geld, indem ich spende, je nach meinem Vermögen. Wenn der Gottesdienst- und Veranstaltungsbesuch konstant bei wenigen Personen ist, wenn Kollekten nur spärlich fließen und deutlich mehr Menschen aus der Gemeinde austreten als dazukommen, dann muss ich doch den Pfarrer auch mal fragen: Was können wir hier tun? Wie kann ich Ihnen helfen? Das nenne ich Dienstaufsicht. Nicht knallhart nach dem Motto »Zahlen nicht erreicht, Stelle weg«.

Aber wir müssen uns auch fragen: Sind die Boten eigentlich gut vorbereitet und ausgewählt für ihre Aufgabe, mit der zeitlosen Botschaft des Evangeliums die Seelen der Menschen zu erreichen, sie zum Schwingen zu bringen? Und ich wage die Behauptung, wenn uns das gelänge, hätten wir geringere finanziellen Sorgen und auch weniger Engpässe im Ehrenamt.

Sie sind nicht mehr im Gemeindekirchenrat tätig und werden in der nächsten Legislaturperiode auch der EKM-Synode nicht mehr zur Verfügung stehen. Sind Sie frustiert?
Jost:
Ich bin für die laufende Legislatur nicht mehr bei den Kirchenältestenwahlen angetreten. Nicht aus Enttäuschung, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen, sondern aus einer sehr nüchternen Bestandsaufnahme meiner kirchlichen Funktionärstätigkeit. Wenn ich mich engagiere, dann ist klar, ich stecke Energie in diese Aufgaben. Aber das ist nur nachhaltig möglich, wenn ich aus meiner Tätigkeit wiederum Kraft und Motivation schöpfe. Was ich gemacht habe, war viele Jahre lang eine energetische Quersubventionierung. Ich habe in meine Funktionärsarbeit viel Kraft reingesteckt, aber wenig Energie daraus gewinnen können. Und das ist ein ungesundes Verhältnis. Ich stehe meiner Gemeinde oder auch anderen Gemeinden gern im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter zur Verfügung, aber derzeit nicht mehr als gewählter Funktionär.

Was würden Sie denjenigen, die im kommenden Jahr die neue Synode bilden, mit auf den Weg geben?
Jost:
Ich würde allen, vor allem den Ehrenamtlichen, die so wie ich aus einer anderen Kultur, aus einem anderen Milieu kommen, sagen: Ordnet euch nicht ein, sondern tragt ganz selbstbewusst eure Lebensrealität, eure beruflichen Erfahrungen und eure Sozialisation in die Synode hinein. Die euch gewählt haben sind Kirche! Ihr seid Kirche!

Auf dem Weg des Zusammenwachsens

25. November 2014 von redaktionguh  
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Nachgefragt: Drei Mitglieder der ersten EKM-Synode ziehen am Ende der Legislatur Bilanz

Vom 19. bis 22. November kommt die erste Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zu ihrer letzten Tagung zusammen. »Glaube + Heimat« befragte drei Synodale, was sie vor sechs Jahren motivierte, Mitglied des gemeinsamen »Kirchenparlaments« zu werden, auf welche Entwicklungen und Erfahrungen sie zurückblicken und worauf die Landeskirche künftig ihre Kraft und ihr Engagement richten sollte.

Ich bin seit 23 Jahren Pfarrerin in der Altmark. Als die Anfrage für die Mitarbeit in der Landessynode kam, habe ich mich gern zur Wahl gestellt und bin als Vertreterin des pfarramtlichen Dienstes gewählt worden. Ich habe meine Erfahrungen aus der Gemeindearbeit und auch aus kreiskirchlichen Verantwortungen in die Landessynode eingebracht.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Sehr gespannt war ich auf die Synodalen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen und aus den doch ganz verschiedenen Regionen unserer Landeskirche von Arendsee bis Sonneberg. Der Dialog mit ihnen hat auch meine Arbeit vor Ort bereichert. Ich denke, wir sind in den vergangenen sechs Jahren ein gutes Stück zusammengewachsen, auch wenn es ganz unterschiedliche Traditionen gibt. »Als Gemeinde unterwegs« zog sich wie ein Leitgedanke durch unsere Tagungen. Auf diesem Weg haben wir ermutigende, manchmal auch enttäuschende Erfahrungen gemacht. Manche Entscheidungen wurden mühsam errungen, andere einstimmig getroffen. Besonders die Tätigkeit im Theologischen Ausschuss war mir wichtig. Mit unseren unterschiedlichen Hintergründen haben wir miteinander diskutiert und einen gemeinsamen Weg gesucht. Das war trotz aller Geschwisterlichkeit nicht immer einfach.

Die Arbeit der Gemeinden vor Ort im Blick zu behalten, sehe ich als eine besonders wichtige Aufgabe auch für die neue Landessynode, der ich allerdings nicht mehr angehören werde. Die gemeinsame Zeit war für mich eine sehr stärkende Erfahrung.

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Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Das war damals keine leichte Entscheidung, und ich habe mich im Vorfeld mit Freunden, Kollegen und sogar mit einigen meiner Studierenden beraten. Sie haben mir alle zugeredet, mich auf diese Weise zu engagieren. Und für mich war es in erster Linie ein Gefühl von Verantwortlichkeit für »meine Kirche«, in die ich mich trotz sehr knapper Freizeit nach Kräften einbringen wollte. Als Professorin der Musikhochschule schlägt natürlich mein Herz in besonderem Maße für die Kirchenmusik in unserer Landeskirche.

Ich zolle den vielen ehrenamtlichen Gemeindegliedern meinen besonderen Respekt für ihr großes und un­eigennütziges Engagement, ohne das Gemeindeleben gar nicht zu denken wäre. Und ich habe allerdings auch erfahren, dass für mich selbstverständliche Dinge »bei Kirchens« manchmal länger dauern.

Worauf die Landeskirche ihre Kraft und ihr Engagement setzen sollte, lässt sich schwer so verkürzt darstellen. Die Basis ist erst einmal eine gute, es beginnen die früheren Landeskirchen Thüringen und die Kirchenprovinz Sachsen in einer gemeinsamen mitteldeutschen Kirche zusammenzuwachsen. Es wird weiter der Anpassung bedürfen, ohne zu sehr zu vereinheitlichen. Qualitätvolle Kirchenmusik in unterschiedlichster Form, Jugendarbeit, Ökumene, die Thematik der Gleichstellung, die Darstellung oder besser noch die deutliche Positionierung unserer Kirche in der Gesellschaft, das wären einige der Zielrichtungen, die ich mir denken könnte.

Als ich 2002 in die zehnte und letzte Thüringer Landessynode gewählt und nach meiner Motivation gefragt wurde, nannte ich gegenüber »Glaube + Heimat« – schon mit Blick auf eine Föderation mit der damaligen Kirchenprovinz Sachsen – drei mir wichtige Schwerpunkte: die Gemeindesicht, das Bekenntnis und die Ökumene. Alle drei Themen sind mir weiter wichtig geblieben, und es gab Zeiten, da war mal mehr das eine, mehr das andere dran. Für mich gehören die drei Felder aber zusammen.

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Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Wirklich zufrieden wäre ich, wenn es uns gelungen wäre, den Gemeinden die Notwendigkeit und die Vorteile der Fusion zur EKM besser zu verdeutlichen. Leider wird sie dort mehr als Sparrunde und Bürokratie wahrgenommen, denn als Chance, mit weniger Gemeindegliedern und weniger Mitteln Neues zu gestalten. Der Gemeindekongress in Halle, der aus unserem Synodenthema »Als Gemeinde unterwegs« erwachsen ist, hat dazu ermutigende, kreative Möglichkeiten gezeigt.

Als Gemeindeglied aus dem Süden der EKM wünsche ich mir, dass es weiter solche Begegnungsmöglichkeiten für die gesamte Landeskirche wie zum Gemeindekongress gibt. Auch Bildung sollte unser ureigenes protestantisches Thema bleiben – mit einem klaren Profil. Außerdem halte ich es für unser christliches, ökumenisches Gebot, uns bei der Betreuung der Flüchtlinge zu engagieren, uns für Frieden ohne Waffen einzusetzen, unseren Reichtum nicht auf Kosten unserer Nachkommen und nicht so wohlhabenden Nachbarn zu mehren, sondern zu teilen.

Kirche im Umbau

30. April 2012 von redaktionguh  
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Tagung: Mitteldeutsches Kirchenparlament beriet am 20. und 21. April in Drübeck


Die EKM-Synode befasste sich auf ihrer Tagung mit dem Thema Gemeinde und der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren.

Ich bin schon ein bisschen gerührt.« Der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Wolf von Marschall, gab sich ungewohnt emotional. Grund für seine Freude auf der Frühjahrstagung des Kirchenparlamentes in Drübeck war die Aussicht auf den Gemeindekongress, der am 13. Oktober in Halle geplant ist. Er habe schon seine Zweifel gehabt, ob es gelingen könne, so ein Projekt auf die Beine zu stellen, räumte der Präses ein.
Doch nach dem Bericht der Mitarbeiter des Gemeindedienstes der EKM laufen die Vorbereitungen bestens. Auch die bisherige Resonanz kann sich sehen lassen. So hätten 36 von 37 Kirchenkreisen ihre Teilnahme bereits zugesagt, berichtete Gemeindedienst-Mitarbeiter René Thumser. Ingesamt rechnen die Verantwortlichen mit rund 1000 Teilnehmern. Es kam nicht von ungefähr, dass das Projekt vor der Synode vorgestellt wurde. Wie schon auf den Tagungen zuvor ging es auch in Drübeck um das Thema »Gemeinde unterwegs«.

Foto: Kleinigersheim/elk-wue

Foto: Kleinigersheim/elk-wue

Bereits Landesbischöfin Ilse Junkermann war in ihrem Bericht (siehe Randspalte) darauf eingegangen. Die Synode nahm den Ball auf und forderte die Gemeinden und Kirchenkreise auf, hier neue Wege zu beschreiten. So solle das Amt der Ordinierten als Amt verstanden werden, das dem allgemeinen Priestertum dient. Zudem müssten die verschiedenen Gaben neu entdeckt und gefördert werden. Um Gemeinden neu zu denken und vom »Rückbau zum Umbau« zu kommen, gehe es auch darum, nach neuen Bildern von Gemeinde zu suchen.
Einen Beitrag dazu will der Gemeindekongress leisten. Dessen Ziel sei es, nach den ganzen Ordnungsfragen ein »inhaltliches Bild von Kirche« entstehen zu lassen, unterstrich Pfarrer Karsten Müller vom Gemeindedienst. »Wir wollen die EKM in Halle sichtbar werden lassen.« So könnten gelungene, aber auch weniger erfolgreiche Projekte in der Händel-Halle vorgestellt werden. Die Teilnehmenden sollten zudem neugierig auf andere werden und Anregungen für die eigene Gemeinde bekommen. Ganz neu ist die Idee nicht: Bereits in den Jahren 2001 bis 2009 gab es in der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen solche Treffen. In Thüringen lud der damalige Landesbischof Christoph Kähler 2009 zu einem Kirchenältestentag ein, der einen ähnlichen Ansatz verfolgte. Nun sollen diese Traditionen wieder fruchtbar gemacht werden.
Ein weiterer Schwerpunkt der zweitägigen Beratungen in Drübeck war die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Diese ist in der EKM nicht ausdrücklich geregelt, wird vor Ort aber bereits praktiziert. Nach wie vor gebe es in dieser Frage aufgrund des unterschiedlichen Schriftverständnisses einen Dissens, erklärte die Arnstädter Superintendentin Angelika Greim-Harland für den Ausschuss Gottesdienst, Gemeindeaufbau und Theologie. Der Ausschuss hatte sich noch einmal intensiv mit dem Thema befasst und die Arbeitsergebnisse aus den beiden früheren Landeskirchen gesichtet. Trotz unterschiedlicher Ansätze sei es möglich, zu einer Lösung zu kommen, betonte die Superintendentin. Auch bestehe Einigkeit darüber, dass die unterschiedlichen Antworten keine kirchentrennende Bedeutung hätten.
Der von der Synode beauftragte Ausschuss regte an, die Segnung grundsätzlich zu ermöglichen. Zugleich müsse es aber auch möglich sein, dass ein Pfarrer dies aus Gewissensgründen ablehnen könne. Die Diskussion sollte hier nicht unnötig verschärft werden, empfahl Christian Fuhrmann vom Gemeindedezernat. Der Sicht des Ausschusses folgten letztlich auch die Synodalen. In einem mit großer Mehrheit verabschiedeten Votum wurde Zustimmung zu dem Bericht signalisiert. Bis zur Herbsttagung soll nun eine Beschlussvorlage für die Segnung erarbeitet werden.

Martin Hanusch

Mut zur Lücke

28. April 2012 von redaktionguh  
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Landesbischöfin fordert auf, neue Wege zu gehen

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, hat sich für eine Neuausrichtung der kirchlichen Arbeit ausgesprochen. Angesichts der demografischen Veränderungen und einer fortschreitenden Säkularisierung sei ein weiterer Rückbau nicht mehr verkraftbar, stattdessen sei ein »richtiger Umbau« erforderlich, sagte sie am 20. April zum Auftakt der in Drübeck tagenden Landessynode. Wenn die Strukturen auf lange Sicht nicht verändert würden, »dann überfordern wir uns und alle Mitarbeitenden auf Dauer«. Es brauche deshalb neue Konzepte und auch den Mut zur Lücke. »Wer keinen Mut zur Lücke hat, der braucht Lückenbüßer.«

    Landesbischöfin Junkermann fordert, Gemeinde neu zu denken. Foto: Matthias Bein

Landesbischöfin Junkermann fordert, Gemeinde neu zu denken. Foto: Matthias Bein

Die Strukturveränderungen der letzten Jahre hätten in den Gemeinden den Eindruck verfestigt, das letzte Glied in einer Kette von oben nach unten zu sein, räumte sie ein. Nun müsse es gelingen, Kirche wieder bewusst als gegenseitige und wechselseitige Verantwortungsgemeinschaft zu gestalten.
Als Beispiele für einen bereits begonnenen Umbau nannte sie die neu konzipierte Konfirmandenarbeit sowie neue Gottesdienst- und Gemeindeformen. Auch die Verantwortung der Kirchenkreise im neuen Finanzgesetz sei ein wichtiger und richtiger Schritt in diese Richtung. Allerdings bräuchten die Gemeinden, Regionen und Kirchenkreise mehr Entscheidungsräume, mehr Freiheiten und Rechte. Deshalb sollten nach der vollzogenen Rechtsangleichung der früheren Landeskirchen von 2014 an gezielt Gesetze und Regelungen daraufhin überprüft werden, wie Verwaltung vereinfacht und Entscheidungsspielräume erweitert werden könnten.
Notwendig sei es außerdem, die Gemeinde neu zu denken – »von allen Getauften her und nicht vom besonderen Amt her«. Eine Grundeinsicht der Reformation sei es gewesen, dass alle durch die Taufe berufen seien, unterstrich die Landesbischöfin. Mit dieser Ansicht habe die Reformation eine ganze Kultur und Gesellschaft verändert. Allerdings sei das »Priestertum aller Gläubigen« von den Reforma­toren selbst nicht ganz durchge­halten worden. Ansätze, die es im Kirchenbund der DDR gegeben habe, wie die Kirche als Lerngemeinschaft und als Beteiligungskirche zu verstehen, seien mit der friedlichen Revolution zu schnell und zu stark abgebrochen worden, so Ilse Junkermann.
Heute werde immer deutlicher, dass der strukturelle Rückbau neue Einstellungen brauche und zwar bei den Hauptberuflichen genauso wie bei den Neben- und Nichtberuflichen, den ehrenamtlich Engagierten. Allen Tendenzen der Gemeinde, sich selbst genug zu sein oder für sich bleiben zu wollen, müsse dabei entschieden widersprochen werden. »Die Gemeinde und Kirche ist nicht für sich selbst da«, betonte die Landesbischöfin.

Martin Hanusch