Gemeinde neu denken
25. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Die Theatergruppe der Regelschule aus Erfurt-Stotternheim eröffnete mit einer Performance während der Synode der mitteldeutschen Kirche ihre Ausstellung im Landeskirchenamt. Fotos (3): Jens-Ulrich Koch
Langsam ziehen die in Mönchskutten gehüllten Schüler mit drei Bilderm in den großen Saal des Collegium maius ein. Zu gregorianischer Musik bewegen sich die Jugendlichen mit ihren Masken erst langsam, dann immer schneller. Die Performance ist Teil der Eröffnung einer sehenswerten Ausstellung mit 13 Bildern zum Thema »Renaissance und Reformation« im Kirchenamt der EKM. Für die Theatertruppe der Regelschule Stotternheim ist es ebenso eine Premiere wie für die Synode. Erstmals tagen die Synodalen vom 16. bis 19. November im neuen Landeskirchenamt in Erfurt.
Neben Haushaltsfragen und Wahlen beschäftigt sich das Kirchenparlament auch mit dem Schwerpunktthema Familie. Grundlage für die Diskussion ist ein 32-seitiges Papier, das von der Bildungskammer erarbeitet wurde und die Hauptaufgabe den Kirchengemeinden zuschreibt. »Wenn Kirche Familien erreichen will, muss sie sich zu ihnen auf den Weg machen«, heißt es darin. Am Ende beauftragt die Synode das Landeskirchenamt, die Impulse aus dem Papier umzusetzen.
So sollen verschiedene Projekte zum Thema geprüft werden. Dazu gehören das Erstellen eines kirchlichen Familienatlasses und das Ausloben eines Wettbewerbes. Ein weiterer Vorschlag betrifft Modellregionen, um zu erproben, wie sich familienorientierte Angebote vernetzen lassen.
Um das Thema Schulen dreht es sich dann bei der Diskussion um die Schulstiftungen. Anlass ist der Antrag der Synodalen Silke Boss aus Halle, das Kapital der Johannes-Schulstiftung um insgesamt vier Millionen Euro aufzustocken. Während sich einige Synodale für eine Fusion mit der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland aussprechen, plädieren andere für eine Stärkung der Stiftung, die je vier Grund- und Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt unterhält.
Die Synode unterstützt schließlich die Bildung einer Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Schulwesens in der EKM. Evangelische Schulen seien ein bereichernder Teil der Bildungslandschaft. Stiftungen, Kirche und Diakonie sollten angesichts sinkender Zuwendungen die Interessen der Einrichtungen gemeinsam vertreten.
Zum Auftakt der Synode stimmt Landesbischöfin Ilse Junkermann mit ihrem Bericht unter dem Titel »Ihr seid das Salz der Erde« die Synodalen auf die Beratungen ein. Aus aktuellem Anlass geht sie auf die Mordfälle der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle ein. »Das Leiden und der gewaltsame Tod der Opfer ist uns Verpflichtung, hinzusehen und noch entschiedener unseren Mund aufzutun«, so die Landesbischöfin. Zugleich räumt sie Versäumnisse auch in den Kirchen ein. Später verabschiedet die Synode dazu eine Erklärung (siehe unten).

Ilse Junkermann sieht in der Stärkung des Ehrenamts eine wichtige Aufgabe.
Einen großen Raum nimmt im Bericht der Landesbischöfin die Situation der kleinen Gemeinden ein. Nach der von ihr vorgelegten Statistik haben über ein Viertel der 3251 Gemeinden weniger als 100 Gemeindemitglieder, neun Prozent sogar weniger als 50. Lediglich 162 Gemeinden hätten mehr als 1000 Mitglieder. Die überwiegende Mehrheit der Gemeinden sind die, zu denen weniger als 300 Christen gehören. Das bisherige Modell von Gemeinde und Ämtern könne deshalb nicht einfach fortgeschrieben werden.
Für die Bischöfin ist angesichts dieser Entwicklung klar: »Wir müssen Gemeinde und ihre Ämter neu denken.« Dabei stehe die Frage, wie die flächendeckende Präsenz so gestaltet werden kann, dass sie nicht auf Kosten von Einzelnen gehe. Es sei jedenfalls nicht vorstellbar, rechnet die Bischöfin vor, dass zu einer Pfarrstelle, die jetzt schon für 22 Kirchengemeinden zuständig ist, in denen es 28 Kirchengebäude gibt, noch weitere Kirchengemeinden und Kirchengebäude hinzukommen. Einen wichtigen Ansatzpunkt sieht sie in der Stärkung des Ehrenamts. Auch sollten Visitationen dazu dienen, damit Kirchengemeinden sich über ihren weiteren Weg gegenseitig beraten könnten.
Martin Hanusch
EKM: Aufruf zur Wachsamkeit
Die mitteldeutsche Landessynode hat die Kirchgemeinden zu »Wachsamkeit und klarer Rede gegenüber jedweder Form von Extremismus und Verletzung der Menschenwürde« aufgerufen. Zugleich bekräftigte die Synode ihr »Erschrecken« darüber, »dass rechtsextremes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft und darum auch in unseren Gemeinden vorhanden ist«.
Eine weitergehende Beschlussvorlage speziell zum Rechtsextremismus, die zum Auftakt der Tagung in die Synode eingebracht worden war, kam nicht zustande. Landesbischöfin Ilse Junkermann zeigte sich dennoch zufrieden. Denn der Einsatz gegen Rechtsextremismus sei in der EKM nicht erst seit den jüngst bekanntgewordenen Mordanschlägen von Neonazis ein mit Nachdruck bearbeitetes Themenfeld. Auch der Thüringer Oberkirchenrat Christhard Wagner sieht seine Kirche zu diesem Thema in einer Vorreiterrolle.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus, die sich am 11. November in Wittenberg eindeutig positionierte, sei auf maßgebliche Initiative der Landeskirche entstanden. Doch angesichts des offenkundigen Gewaltpotenzials von Neonazis hätte er »sich manches konkreter wünschen können«, räumte Wagner ein.
(epd)
Friede statt Sicherheit
26. August 2010 von redaktionguh
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»Christus ist unser Friede«, heißt es in der Bibel. Doch wo bleibt heute die Deutlichkeit des kirchlichen Friedenszeugnisses?
»Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.« (Dietrich Bonhoeffer, 1934) Dieses uneingeschränkte »Wort vom Frieden« als die klare Botschaft der Kirchen steht noch immer aus.
Weltfriedenstag: Die Kirche muss sich wieder stärker friedensethischen Fragen zuwenden.

Foto: epd-bild
Es ist aufgegriffen worden 1985 im konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Die Verpflichtung zu diesem konziliaren Prozess ist in die Verfassung der mitteldeutschen Kirche (EKM) aufgenommen worden. Und das ist gut so! Aber wie kommt der geschriebene Buchstabe in die lebendige Wirkkraft durch die Kirche? Es ist still geworden um diesen Prozess.
Der »Hausener Friedenskreis«, der Friedensgruppen innerhalb und außerhalb der EKM sammelt, ist mehr eine Ausnahme. Auch gibt es einzelne, mutige Stimmen. Aber wir brauchen mehr von ihnen. Wir brauchen den Geist von Wittenberg, in dem das Schwert zum Pflug geschmiedet wurde – in aller Öffentlichkeit. Es steht viel geschrieben zum gerechten Frieden. Es gibt umfassendes Argumentationsmaterial, dass Krieg die ultima ratio ist, um die Sicherheit eines Landes zu gewährleisten. Aber es gibt keine ultima ratio, es wird immer eine ultima irratio sein. Friede wird nicht durch Sicherheit erlangt. »Denn Friede muss gewagt werden. (…) Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott, sie werden auch da noch gewonnen, wo der Weg zum Kreuz führt.« (D. Bonhoeffer)
Der als Symbol in die Friedensarbeit der Kirche eingegangene Text Micha 4 erzählt davon: Erst Schwerter umschmieden zu Pflugscharen, dann wird Sicherheit unter dem Feigenbaum sein. Was bringt uns als Kirche dazu, militärpolitischen Verlautbarungen mehr zu trauen als der biblischen Friedensvision? Woran soll Kirche erkannt werden, wenn nicht daran, dass sie diese Verheißungen immer wieder neu zu leben versucht? Wir sind vor 20 Jahren Zeugen geworden, dass gerade diese Verheißung politische Dimension angenommen hat und zu gesellschaftlicher Veränderung führte. Was sich einmal ereignete, kann sich immer wiederholen, auch in Afghanistan.
Infolge der biblischen Verheißung, die ja auch das Verlernen des Kriegshandwerkes einschließt, kann evangelische Friedensethik heute nur Bonhoeffer folgen: im Namen Christi jedem Sohn und jeder Tochter die Waffe aus der Hand zu nehmen. Dabei ist sekundär, ob die Waffen innerhalb einer Berufsarmee oder im Rahmen der Wehrpflicht ausgegeben werden. Friede kann nur durch Friede und Entfeindung vorbereitet werden, niemals um vermeintliche Sicherheiten zu verteidigen. Demzufolge wird Kirche nicht noch einmal Soldaten segnen. Es steht nicht geschrieben: Wenn es dein Land fordert, dann töte und lass’ dich töten. Es steht nur geschrieben: Du sollst nicht töten. Weniger ist mehr, ist alles.
Der größte Einbruch in die friedensethische Position unserer Kirche war die Übernahme des Militärseelsorgevertrages, der Pfarrer zu Militärbeamten macht, die junge Menschen betend in den Krieg begleiten, statt sie zur Umkehr zum Leben, in das Haus ihrer Familie und aus den Stiefeln in die Sandalen zu ermutigen. Ich halte eben dies für den biblisch begründeten Auftrag eines Seelsorgers an Soldaten. »Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.« (Jes 9)
»Als feindliche Schüsse dröhnten, erhielt ich den Befehl, die Abschüsse zu orten. Auf die Kompassangabe hin schlugen wir zu. Doch wir trafen keine Aufständischen, sondern ein kleines Dorf. Es wurde ausgelöscht.« Afghanistan 2008.
Am 21. November 2009 hat die EKM-Synode einen Beschluss gefasst, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, »die deutschen Truppen so bald wie möglich aus Afghanistan zurückzuziehen«. Das ist weit weniger als die meisten Politiker und Experten schon längst fordern. Wo ist die Deutlichkeit des Friedensauftrages in unserer Kirche geblieben, wenn die Formulierung »noch in dieser Legislaturperiode« aus besagtem Beschluss herausgenommen werden musste? Wovor haben wir Angst?
»Christus ist unser Friede.« Wer seinen Bruder, welcher Nation, Religion auch immer, mit der Waffe bedroht, bedroht Christus. Wer ihn tötet – auch aus »Versehen« oder im »falschen Krieg« –, tötet Christus. Er spricht zu uns: »Selig sind die Friedensstifter.« Das eine Wort, unter dem sich die Welt verändern wird, das sie aufmerken und umkehren lässt, dieses Wort steht immer noch aus. Wir werden als Kirche gut daran tun, uns an dieses Wort »Friede statt Sicherheit« heranzuwagen.
Elfriede Begrich
Die Autorin war Pröpstin in Erfurt.
Guter Kompromiss oder Rückschritt?
15. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Mitteldeutscher Lektorenrat verteidigt neues Lektoren- und Prädikantengesetz
In die Diskussion um das neue Lektoren- und Prädikantengesetz hat sich der Lektorenrat der mitteldeutschen Kirche eingeschaltet. Das Gremium sehe das Gesetz über den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst der Lektoren und Prädikanten durchaus positiv, geht aus einer Stellungnahme des Gremiums zu dem im November beschlossenen Gesetz hervor. Die Landessynode habe damit eine »solide rechtliche Grundlage« für dieses wichtige Arbeitsfeld geschaffen. Zudem gehe die einheitliche Regelung deutlich über einen Kompromiss hinaus. »Das Gesetz ist sowohl theologisch als auch praktisch gut haltbar«, ist Pfarrer Karsten Müller, der landeskirchlich Verantwortliche für den Lektorendienst, überzeugt.
Insgesamt sieht er die beiden zentralen Anliegen des Lektorenrates aufgenommen. So sollte es Lektorinnen und Lektoren in Ausnahmefällen auch weiterhin ermöglicht werden, Gottesdienste mit Abendmahl leiten zu können. Außerdem unterstreiche das Gesetz, dass qualifizierte Lektorinnen und Lektoren keineswegs »Lückenbüßer« seien, sondern in der Gemeinschaft des Verkündigungsdienstes stünden. Zwar seien diese Schwerpunkte in dem Gesetz nicht deckungsgleich umgesetzt worden, räumt Müller ein. Die Regelungen zeigten jedoch, dass qualifizierte Lektoren unter bestimmten Voraussetzungen mit dem Prädikantendienst beauftragt werden und dann im Ausnahmefall Abendmahlsfeiern leiten könnten.
»Diese Vorschrift hat neben dem Votum des Lektorenrates die tatsächlichen quantitativen Verhältnisse im Lektorendienst im Blick«, so Müller. Nach der jüngsten Erhebung gibt es derzeit 2043 Lektoren in der EKM, davon rund 800 qualifizierte Lektoren. Etwa 20 Lektoren haben von der Ausnahmeregelung der alten Ordnungen Gebrauch gemacht. Die Zahl der Prädikanten, die selbstständig Gottesdienste leiten, wird mit 173 beziffert.
Als Grund für die Kritik vermutet Müller andere Probleme. Häufig stehe dahinter die Frage der Wertschätzung und Einbindung von Lektoren. »Da gibt es sehr wohl Konfliktpotenzial.« Der für die Lektorenarbeit Verantwortliche plädiert deshalb für eine offene Diskussion. »Insofern ist es auch gut, dass sich kritische Stimmen melden.«
Zugleich hofft Müller auf eine größere Gelassenheit, um die offenen Fragen miteinander zu besprechen. Der Lektorenrat als Vertretung sei bereit, seine Aufgaben in diesem Prozess wahrzunehmen und darauf zu achten, dass ihm die Beachtung zukommt, die sich im allgemeinen Priestertum der Getauften begründe, unterstreicht er. Als positiven Trend hat der Theologe zudem ein wachsendes Bewusstsein in den Kirchenkreisen für die Ausbildung der Lektoren ausgemacht. Das Gesetz gebe hier verschiedene Anstöße zur Struktur der Gestaltung des ehrenamtlichen Verkündigungsdienstes.
Doch dieser Punkt stößt keineswegs überall auf ungeteilte Zustimmung. So hat sich der Regionalkonvent Camburg des Kirchenkreises Eisenberg in einem Antrag an die Kreissynode deutlich gegen die vorgesehene Regelung ausgesprochen. Zwar begrüßt der Konvent die einheitliche Rechtsgrundlage. Dem »enormen Bedeutungszuwachs« der Lektoren würden jedoch Teile des Gesetzes nicht gerecht, heißt es darin. Nach Ansicht des Regionalkonventes müsse die Aus- und Weiterbildung der Lektoren als Aufgabe der Landeskirche gesehen werden. Gerade für kleine Kirchenkreise sei die kontinuierliche Ausbildung von Lektoren eine kaum zu bewältigende Aufgabe.
Außerdem hält der Konvent die bisher in Thüringen vorhandene Möglichkeit der konkreten Beauftragung für die ordnungsgemäße Feier des Abendmahls »auch in Zukunft für unverzichtbar«. Die Landessynode wird deshalb aufgefordert, die Ausbildung der Lektoren wieder als gesamtkirchliche Aufgabe zu übernehmen und die Beauftragung der Lektoren zur Feier des Abendmahls in konkreten Einzelfällen grundsätzlich zu ermöglichen. Die jetzige Regelung sei hier ein »Rückschritt«, so Pfarrer Peter Oberthür aus Dorndorf-Steudnitz.
Martin Hanusch
Predigen mit den Händen
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Die Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge hat in der Kirche an Bedeutung gewonnen
Gehörlose und Schwerhörige brauchen andere Formen der Kommunikation. In der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland kümmern sich ausgebildete Seelsorger um die Betroffenen und ihre Belange.

Gebärdensprachdolmetscherin Andrea Michelmann zeigt die Gebärde für das Verbundensein mit Gott. Foto: Viktoria Kühne
Elisabeth Strube singt mit der Gemeinde ein Lied. Ihr Mund formt Buchstaben und Laute, die Hände machen Zeichen in der Luft. Alle singen ohne Worte. Es ist die Gebärdensprache, die an diesem Sonntag im Januar die Gemeinde in Halberstadt zusammenkommen lässt. Zwölf Gemeindemitglieder sind versammelt, um gemeinsam den Gottesdienst in der Gebärdensprache zu feiern. Einige haben ihre hörenden Angehörigen mitgebracht. Der grelle Polylux sorgt dafür, dass der Liedtext an der Wand abgebildet wird.
»Ich zeige damit auch Bilder«, sagt Elisabeth Strube, die seit Oktober als Pfarrerin für Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge der EKM in Halberstadt arbeitet. Man braucht die 52-Jährige nur ein Weilchen zu beobachten, und der Funke der Begeisterung springt über. »Ich liebe diese Sprache«, sagt sie und lacht. Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee und Kuchen. »Alle haben sich einen Monat nicht gesehen und sich viel zu erzählen«, sagt die Pfarrerin, die sich um den Norden der EKM kümmert.
In den vergangenen Jahren hat Gottes Wort in der Welt der Stille immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die kommunikative Grenze zwischen der Welt der Hörenden und der Schwerhörigen und Gehörlosen wurde erfolgreich aufgeweicht. Die Botschaft Jesu Christi ist längst in der Welt der Gebärdensprachler angekommen. »Glaube und Kirche sind inzwischen nicht mehr nur ein Gut der Hörenden«, sagt Andreas Konrath, EKM-Landespfarrer für Gehörlose und Schwerhörige, aus Saara.
Die genaue Zahl der Gehörlosengemeinden in der EKM ist ebenso vage bis unbekannt wie die Zahl der Betroffenen. Im Jahr 2006 wurde für die ehemalige Kirchenprovinz Sachsen eine Zahl von 5.000 gehörlosen Menschen angegeben. Die Zahl der Schwerhörigen liegt im Dunkeln. »Leider kann es nicht genau beziffert werden, weil sie in ihren Ortsgemeinden angemeldet sind«, weiß Seelsorger Konrath. Gottesdienste in Gebärdensprache werden seinen Angaben zufolge derzeit in 18 Orten der EKM angeboten. »Die Seelsorger und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter erreichen immer mehr Gläubige. Das macht uns froh.«
Zusammen mit Elisabeth Strube hat Konrath eine Fachtagung vorbereitet, die vom 11. bis 14. Januar in Neudietendorf veranstaltet wurde. Ihr Ziel: Glaube soll nicht nur durch die »gesprochene« Predigt die Menschen erreichen, sondern auch durch einen Wink oder ein Handzeichen. Das viertägige Treffen diente dem Erfahrungsaustausch und der Weiterbildung der Pfarrer und Mitarbeiter der Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge. Das Tagungsmotto bildete ein Zitat von Dr. Helen Keller, selbst gehörlos und blind: »Nicht-Sehen trennt von den Dingen, Nicht-Hören trennt von den Menschen.«
»Schwerhörige sind davon abhängig, dass die kirchlichen Mitarbeiter ihnen die Teilhabe am Gemeindeleben ermöglichen«, erklärt Pfarrer Konrath. »Oft fühlen sie sich jedoch im Nachteil, weil sie nur partiell informiert werden.« Gerade bei Gruppenveranstaltungen würden sie schnell ins Hintertreffen geraten. Die Folge sind Missverständnisse, Kommunikationsprobleme und Einschränkungen der persönlichen Lebensqualität. Schätzungsweise 15 Millionen Menschen in ganz Deutschland hören schwer, vorwiegend sind es Ältere.
Für Gehörlose ist die Gebärdensprache etwas Vertrautes, ein Mittel, mit dem sie aus ihrer »Parallelwelt« nach draußen kommunizieren. Seit acht Jahren ist diese Form der Sprache gesetzlich anerkannt. Und auch wenn schon viel erreicht ist, geht die Arbeit für Landespfarrer Konrath und seine Kolleginnen und Kollegen weiter. »Taubblinde sind besonders ausgegrenzt und die Gemeinden können nur ganz selten mit ihnen richtig umgehen«, sagt er. Auch ihren Problemen wollen sich die Tagungsteilnehmer zuwenden. »Wir müssen schauen, was die Betroffenen wollen und wie wir ihnen als Partner begegnen können.«
Elisabeth Strube hat den letzten Gottesdienstteilnehmer an diesem Sonntagnachmittag verabschiedet – mit einer netten Geste. Sie ist zuversichtlich, dass sich Schwerhörige und Gehörlose in Zukunft nicht mehr ausgegrenzt fühlen müssen. »Ich bin geduldig und sicher, dass auf dem Gebiet etwas Großes wachsen wird.«
Sabrina Gorges






