Gärtner, Hausleiter, Kummerkasten

12. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Als Leiter des Cyriakushauses in Gernrode muss Karsten Meißner viele Dinge können

Das ist kein klassischer Lehrberuf, man muss hier ganz unterschiedliche Dinge können«, umreißt Karsten Meißner seine Aufgaben als Leiter des Gernröder Cyriakushauses. »Ich bin Herbergsvater, Kummerkasten, Hausleiter und Ansprechpartner, Hausmeister und Gärtner.« Doch von Hause aus ist er gelernter Gärtner und studierter Gartenbauer. »Meine Jahre in der Selbstständigkeit erweisen sich als gute Schule«, gesteht der 46-Jährige, der seit 1. Januar 2016 an der Spitze der Einrichtung der Landeskirche Anhalts steht. Mit seinen vier festangestellten Mitarbeitern kümmert er sich rund um die Uhr um die Gäste. »Ich wohne drei Minuten vom Haus entfernt. Da bin ich schnell hier, wenn ich gebraucht werde.«

Gartenbauer Karsten Meißner leitet seit anderthalb Jahren das Cyriakushaus in Gernrode – ein beliebtes Ziel bei jungen wie älteren Besuchern. Foto: Uwe Kraus

Gartenbauer Karsten Meißner leitet seit anderthalb Jahren das Cyriakushaus in Gernrode – ein beliebtes Ziel bei jungen wie älteren Besuchern. Foto: Uwe Kraus

Karsten Meißner gehört zum Gernröder Gemeindekirchenrat und hat sich auf die ausgeschriebene Stelle beworben, was er bis heute nicht bedauert. »Wir verstehen uns als klassisches Rüstzeithaus, das Tagungs- und Begegnungsstätte für alle Altersgruppen ist. Wir sind ein Familienhaus und möchten das auch bleiben. Wir räumen Kindern den gebührenden Platz ein, was in vielen Hotels eben nicht geschieht.« So trifft man im Cyriakushaus Eltern mit ihrem Nachwuchs ebenso wie die Kindergartengruppe aus Schkeuditz, die ihre Abschlussfahrt traditionell nach Gernrode führt.

Das Cyriakushaus, das aus drei Häusern – dem Haus Gero, dem Haus Hatui und dem Schweizerhaus – besteht, hat im Jahresverlauf wechselndes Publikum. Traditionell in den Winterferien proben kleine Musicaldarsteller bei der Anhaltischen Kindersingwoche und führen ihr Werk im Residenztheater Ballenstedt auf. »Jetzt, im späten Frühjahr, sind es Konfi-Freizeiten und Klassenfahrten. Da kommen Gruppen nicht nur aus Sachsen-Anhalt und den angrenzenden Bundesländern, sondern auch mal aus Mecklenburg-Vorpommern oder Hessen.« Im Sommer sind es vorwiegend Kinderfreizeiten, die das Haus mit seinen 54 Betten in Zweier- bis Vierer-Zimmern, darunter behindertengerechten, füllen.

Traditionell ist im Cyriakushaus auch die Sommerwoche der Gregorianischen Arbeit Alpirsbach zu Gast. Die Teilnehmer leben in ganz Deutschland und kommen einmal jährlich in Gernrode zusammen. »Das ist für sie ein wichtiger Termin. Sie begleiten hier Gottesdienste und halten öffentliche Andachten«, erzählt Karsten Meißner. Im Herbst seien es dann vorwiegend Erwachsene, die hier Gemeindefreizeiten und Seminare ausrichten. Derzeit füllen sich die Anmeldelisten bereits für 2018. »Schließlich bieten wir beste Voraussetzungen für Gruppen ganz unterschiedlicher Größe«, sagt Meißner und führt durch die zwei großen und zwei kleineren Tagungsräume, die mit kompletter Veranstaltungstechnik ausgestattet werden können. Dagegen findet sich nur ein Fernseher im Haus. »Denn bei uns sollen die Gäste zur Ruhe kommen und sprichwörtlich
abschalten.«

Doch das Haus mit seinem gemütlichen Cyriakuskeller zieht auch immer wieder Familien zu Treffen und Feiern an. »Viele Gäste genießen auch die Nähe zur Natur«, ergänzt der Hausleiter. »Gerade saßen Berliner in den Sonnenstühlen und genossen das Zwitschern der Vögel, das sie so aus der Großstadt nicht kennen.« Wer keinen festen Plan hat, der nimmt gern die Angebote des Cyriakushauses, das fast auf der Grenze zwischen Anhalt und EKM steht, an. Die reichen von Kirchenrallye, Kremserfahrt und Radtour bis zum Besuch der Roseburg und der Alten Elementarschule Gernrode, wo der historische Unterricht »für die Kinder der Knaller ist«, wie Karsten Meißner weiß.

Uwe Kraus

www.cyriakushaus-gernrode.de

»Ich hänge nicht an Zahlen«

12. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Gesprächsbedarf: Im Reformationsjahr jagt ein Ereignis das nächste. Die Landesbischöfin der Lutherländer muss da allgegenwärtig sein. Für ein Gespräch mit Renate Wähnelt von der Kirchenzeitung hat Ilse Junkermann noch einen Termin im vollen Kalender freigeräumt.

Reformation geht weiter – so heißt der Slogan der EKM. Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich vom Reformationsjahr und wo werden für Sie bereits Auswirkungen für die Kirchengemeinden sichtbar?
Junkermann:
Viele Gemeinden und Kirchenkreise haben wunderbare Ausstellungen, Theaterstücke und vieles mehr über ihre örtliche Reformationsgeschichte geschaffen. Zahlreiche Gäste sind gekommen, sodass viele ihren Ort mit den Augen der Gäste sehen lernen und stolz auf ihre Geschichte sind. Bei der Vorbereitung der Kirchentage haben sehr unterschiedliche Menschen zusammengearbeitet.

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Ich bin sicher, dabei sind viele Fäden aus der Kirche heraus in die Gesellschaft, in das Gemeinwesen vor Ort hinein, gesponnen worden. Diese Entwicklung kann sich als nachhaltig erweisen. Und ich hoffe, dass wir sprachfähig werden im Glauben. Dass ich sagen kann, was Glauben mir bedeutet und mit mir macht.

Denken Sie, dass so der Mitgliederschwund gestoppt werden kann? Die Mitgliederzahlen in der EKM sind seit der Fusion von 1,1 Millionen auf 750 000 zurückgegangen. Finden Sie sich damit ab?
Junkermann:
Propst Kasparick hat immer wieder betont, dass wir nicht weniger werden, sondern mehr. Er hatte recht. Allerdings nicht mehr Mitglieder und Kirchensteuerzahler. Doch mehr Menschen kommen zu uns und arbeiten mit, in den Chören, bei der Flüchtlingsarbeit, an den Tafeln. Dort wird gemeinsam Christsein gelebt – auch von vielen ohne Kirchenmitgliedschaft. Das stellt uns vor die Frage, ob wir uns in erster Linie als einen Verein mit zahlenden Mitgliedern verstehen. Oder ob es vorrangig ist, Menschen auf dem Weg zu Glauben und Gemeinde zu begleiten, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein.

Das klingt grundsätzlich. Was bedeutet es denn?
Junkermann:
Es ist grundsätzlich. Wir sind seit bald einem Jahrhundert in einem Transformationsprozess weg von der Staatskirche. In der DDR gab es eine Entwicklung zur Verkündigungskirche und Kirche als Lerngemeinschaft, die mit der Wende erst einmal ein vorläufiges Ende gefunden hat. Jetzt sollten wir wieder daran anknüpfen.

Christsein ohne Kirchenmitgliedschaft bedeutet, dass sich Kirche sehr verändern muss.
Junkermann:
Ja! Der »Apparat Kirche« hat sich schon mit der Fusion zur EKM geändert. Wir müssen uns weiter über eine Vereinfachung der Verwaltung Gedanken machen. Im Bischofskonvent und im Landeskirchenrat diskutieren wir, ob es wirklich nötig ist, Diakoniemitarbeitern und Lehrkräften zu kündigen, wenn sie nach einer gewissen Zeit ihre Loyalität nicht durch die Taufe »beweisen« wollen. Und: Ich bin froh über die Erprobungsräume für eine andere Gemeindearbeit. Wir müssen mehr schauen, was wir weglassen können, und stärker die Gaben nutzen, die in den Gemeinden vorhanden sind.

Das hört sich so an, dass es die Ehrenamtlichen richten sollen. Gemeinden und Kirchenkreise empfinden, dass »die da oben« entscheiden.
Junkermann:
Da hat sich doch bereits viel verändert durch die Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchenkreise bei der Finanz- und Stellenplanung. Und ja, die Lektoren und Prädikanten sind ein großer Schatz für das gottesdienstliche Leben. Doch grundsätzlich steht an, dass wir Abschied nehmen von festen Bildern, wie Gemeinde sein muss. Das macht den Blick frei, darauf, welche Schätze und Gaben in einer Gemeinde sind, was konkret vor Ort als Aufgabe für Zeugnis und Dienst vor den Füßen liegt und mit wem – auch mit Nichtmitgliedern – so Gemeinde gebaut werden kann.

In den Gemeinden werden die Seelsorger vermisst. Kommt das bei Ihnen an?
Junkermann:
Bei mir kommt ein großer Schmerz an, was nicht oder nicht mehr geht. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Trost und Zuspruch. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die mit Trauer verbunden ist. Doch wie trauert eine Organisation, wie gestalten und begleiten wir diesen Trauerprozess? Da ist im Unterschied zur individuellen Trauer noch fast nichts erforscht.

Aus der Seelsorge wissen wir, Kraft zu Neuem wächst daraus, dass ich Trauer zulasse, mit all ihren Begleiterscheinungen, auch der Wut und dem Schmerz. Und dass mir dabei jemand zur Seite steht und zuhört. Ich fürchte, das ist bei allen noch nicht genügend im Blick, dass das zuerst dran ist. Das brauchen wir für den Bewusstseinswandel, dass Kirche und Gemeinde nicht dort sind, wo der Pfarrer ist. Gemeinde ist da, wo ich als Christ mit anderen Christen bin. Wichtig ist doch, dass Gottes Wort in der Gemeinde lebendig ist. Die Form ist völlig offen.

Sie ermutigen also die Gemeinden, einfach zu tun, was sie für nötig halten.
Junkermann:
Bei Konventen wird häufig gefragt, was ausprobiert werden darf. Im Prinzip alles. Ich will mit den Ordinierten der letzten Jahre im Herbst Rückschau halten, welche Ideen sie haben umsetzen können und warum oder warum nicht.

Neben Ihrer Ermutigung steht Ihre Forderung, die Kirchen offen zu halten. Was ist aus der Aktion geworden – zählen Sie die offenen Kirchen?
Junkermann:
Ich hänge nicht an Zahlen. In vielen Gemeindekirchenräten wird über die Kirchenöffnung diskutiert. Es hat ein Nachdenken eingesetzt, was wir mit geschlossenen und mit offenen Kirchen verkündigen. Aber auch hier gilt, dass jede Gemeinde verantwortungsvoll entscheiden muss, was für sie wichtig und sinnvoll ist. Und damit meine ich sowohl die Kirchen- als auch die Ortsgemeinde, denn so manches Nichtmitglied freut sich über die Chance zum Innehalten oder neugierigen Schauen, wenn es keine Angst vor einer Blamage wegen vermeintlich falschem Verhalten gibt. Die Aktion ist keine Verordnung, sie hat einen
Prozess in Gang gesetzt.

Die allgemein schwindende Bindung an die Kirche …
Junkermann:
… ist übrigens ein seit dem 19. Jahrhundert stattfindender Prozess, unter anderem weil die Kirche sich zu wenig auf das Arbeitermilieu eingestellt hat …

… und wird begleitet von Austritten namhafter Menschen wie Professor Wulf Bennert, engagierter Christ seit sechs Jahrzehnten. Sein Schritt bewegte viele Menschen, wie Leserbriefe zeigen. Warum sind Sie auf seinen Brief nicht eingegangen, gab es ein Gesprächsangebot Ihrerseits?
Junkermann:
Er hat mir seinen Austritt mitgeteilt. Es ist schwer zu sprechen, wenn der Schritt bereits vollzogen ist. Professor Bennert hat auch nicht um ein Gespräch gebeten. Ich bedauere seinen Schritt, und ich bedauere, dass er den Gesprächsfaden gekappt hat. Ich habe auf seine Mitteilung auch geantwortet.

Der Umgang mit der AfD spaltet Gemeinden. Berlins Bischof Markus Dröge hält die AfD für Christen nicht wählbar. Wie stehen Sie dazu?
Junkermann:
Die AfD ist zum Teil undurchsichtig und rätselhaft, sodass ich als Wählerin nicht weiß, was ich wirklich wähle. Doch das, was ich weiß, widerspricht meinen christlichen Überzeugungen und lässt mich abraten, die AfD zu wählen. Wer sie wählt, wählt zum Beispiel einen erschreckend undemokratischen Leitungsstil wie in Sachsen-Anhalt oder einen Björn Höcke mit, der offen die Verachtung fremder Menschen propagiert. Das ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Grundsätzlich gebe ich jedoch keine Wahlempfehlung, sondern ermutige, überhaupt zu wählen.

Wie gehen Sie mit AfD-Mitgliedern in den Kirchengemeinden und in Gemeindekirchenräten um? Haben Sie Kenntnis von Problemen in Gemeinden?
Junkermann:
Es ist die Frage, wie wir beieinander sind mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen. Wir wollen die Vielfalt bewahren und auch bei unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben. Das unterscheidet uns von einer Partei. Wir sind offen für alle, aber nicht offen für alles. Wo die Ebenbildlichkeit infrage gestellt wird, wo mit Hass gesprochen wird, dort ist eine Grenze. Wir grenzen nicht Menschen aus, aber Auffassungen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. In den Gemeinden soll eine Atmosphäre herrschen, in der Ängste und Sorgen geäußert werden dürfen, ohne eine Verurteilung fürchten zu müssen, wo aber das Recht und die Würde von anderen nicht in Frage gestellt werden.

Ideen aus den Kirchenkreisen

22. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Bugenhagenhaus: EKM auf der »Weltausstellung Reformation«

Mit Ausstellungen, Vorträgen und Filmvorführungen ist auch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands auf der »Weltausstellung Reformation« präsent. Vom
20. Mai bis 10. September sind Kirchenkreise und Werke der EKM Teil des Reformationssommers, sagte Adelheid Ebel vom EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum in Wittenberg. Im Bugenhagenhaus neben der Stadtkirche stellt sich die Landeskirche vor.

»Die Idee eines Ausstellungsorts für die EKM geht auf Propst Siegfried Kasparick zurück«, erinnert Adelheid Ebel an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ökumene- und Reformationsbeauftragten der mitteldeutschen Landeskirche. Gemeinsam mit Christiane Schulz, Leiterin der landeskirchlichen Geschäftsstelle für die Lutherdekade, hat Adelheid Ebel diese Idee umgesetzt. Das Programm ist angelehnt an die 16 Themenwochen der »Weltausstellung Reformation«, die mittwochs beginnen und bis Montag dauern; dienstags ist die Weltausstellung geschlossen.

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Den Auftakt in der Festwoche vom 20. bis 29. Mai macht die von Landesbischöfin Ilse Junkermann zum Reformationsjubiläum angestoßene Initiative »Offene Kirche« sowie das Querdenker-Projekt von Kirche und Internationaler Bauausstellung in Thüringen. In der sich anschließenden Europa-Woche rücken die Beziehungen der EKM zu ihren europäischen Partnern in den Fokus. In der Ökumene-Woche ab 7. Juni präsentiert sich das Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zen­trum, und der Kirchenkreis Bad Liebenwerda wird schildern, wie Ökumene im Elbe-Elster-Land gelebt wird. Mitte August heißt die Themenwoche »Bibel und Bild«: Dann werden im Bugenhagenhaus der Kirchenkreis Weimar mit seiner Kinderbibel, die Kunstgutbeauftragte der EKM und die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen das Programm gestalten. In den Blick genommen werden dabei Kinderbilder des Reformationszeitalters.

Auch die Evangelischen Frauen, die Evangelische Erwachsenenbildung, die Schulstiftung, viele Kirchenkreise aus Nord und Süd sowie die Erprobungsräume stellen sich im Verlauf der Weltausstellung im Bugenhagenhaus vor. »Die vielen Ideen zeugen von der Fülle unserer Landeskirche«, freut sich Adelheid Ebel über die Vielfalt der kommenden Wochen.

Katja Schmidtke

Jugend verschaffte sich Gehör

8. Mai 2017 von redaktionguh  
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EKM-Kirchenparlament tagte in Lutherstadt Wittenberg

Der kirchliche Nachwuchs dominierte mit Themen und Eingaben die Frühjahrstagung der Landessy­node der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Das mündete am Ende in einen Beschluss zum Aufbau einer Jugendsynode. Dafür wird eine Vorbereitungsgruppe aus Synodalen, Mitgliedern des Landesjugendkonventes sowie dem Kinder- und Jugendpfarr­amt gebildet. An der Jugendsynode sollen bis zu 80 junge Menschen bis einschließlich 27 Jahre teilnehmen und ihre Perspektive auf Gegenwart und Zukunft der Kirche einbringen.

Synoden-Präses Dieter Lomberg mit der Sitzungsglocke

Synoden-Präses Dieter Lomberg mit der Sitzungsglocke. Foto: Willi Wild

Mit ihrem Vorstoß, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare unter dem Begriff Trauung einer kirchlichen Ehe-Segnung gleichzustellen, konnten die Jugendlichen allerdings nicht landen. Die Einbringung wurde von der Synode abgelehnt und das Thema vertagt. Dem ging eine heftige emotionale Debatte voraus.

»Mit großem Respekt« würdigte die Landessynode das Engagement der Ehren- und Hauptamtlichen in Gemeinden und Kirchenkreisen bei der Vorbereitung des 500. Reformationsjubiläums in diesem Jahr. Man sei »dankbar, dass das Jubiläum als gesamtgesellschaftliches Ereignis wahrgenommen wird«.

Landesbischöfin Ilse Junkermann bekräftigte in ihrem Bericht die Einladung zu den »Kirchentagen auf dem Weg« und dem Festwochenende in Wittenberg Ende Mai.

Kontrovers diskutiert wurde die Frage nach der Einrichtung einer halben landeskirchlichen Stelle für das Arbeitsfeld Kindergottesdienst. Der Ausschuss Kinder, Jugend und Bildung hatte angeregt, dass »eine fundierte und qualitativ hochwertige Arbeit« mit Kindern auch finanzielle und personelle Ressourcen brauche. Mit Blick auf »erhebliche finanzielle Kürzungen im Jahr 2019, an denen viele landeskirchliche Stellen hängen«, sei die Einrichtung einer solchen Stelle »unsolidarisch«, hielten mehrere der Synodalen dagegen. Andere gaben zu bedenken, dass in der Arbeit mit dem Nachwuchs die Zukunft der Gemeinden liege und es kein gutes Licht auf die Kirche werfe, wenn in diesen Bereich zu wenig investiert werden solle.

Jugendsynodale (v. l.) Lea Klischat, Felix Kalbe, Philipp Huhn, Henriette Barth. Foto: Willi Wild

Jugendsynodale (v. l.) Lea Klischat, Felix Kalbe, Philipp Huhn, Henriette Barth. Foto: Willi Wild

Die EKM setzt künftig auf E-Mobilität. Das haben die Synodalen mehrheitlich entschieden. Mit der Umstellung auf eine umweltfreundliche Art der Fortbewegung im Straßenverkehr solle auch die Attraktivität des Pfarrdienstes in den ländlichen Räumen erhöht werden, hieß es zur Begründung. Es werde nun geprüft, ob der Überschuss an Ökostrom der EKM-eigenen Windkraftanlagen für die Ladestationen der Elektrofahrzeuge genutzt werden könne. 2018 werde ein Zwischenstand mit ersten Erfahrungen in puncto E-Mobilität bekannt gegeben. Die Herbstsynode ist für den 22. bis 25. November in Erfurt geplant.

Willi Wild/epd

Berufsziel erreicht

1. Mai 2017 von redaktionguh  
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Nachwuchs: 29 frisch ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) werden in diesem Jahr insgesamt 29 Theologen, 19 Frauen und 10 Männer, zu Pfarrern und Gemeindepädagogen ordiniert. Damit übertrage ihnen die EKM das Recht, öffentlich in Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen das Evangelium zu verkündigen und die Sakramente – Taufe und Abendmahl – zu spenden, teilte die mitteldeutsche Kirche mit. Diese Beauftragung gelte auf Lebenszeit.

Propst Christian Stawenow (links) segnet Ann-Sophie Schäfer. Ordination ist die Einsegnung in den Dienst der Kirche. Zentrales Zeichen ist dabei die Handauflegung. Foto: Hannah Katinka Beck

Propst Christian Stawenow (links) segnet Ann-Sophie Schäfer. Ordination ist die Einsegnung in den Dienst der Kirche. Zentrales Zeichen ist dabei die Handauflegung. Foto: Hannah Katinka Beck

In Eisenach wurden zur Pfarrerin oder zum Pfarrer ordiniert: Anne Boel­ter (Kirchenkreis Schleiz), Johannes Burkhardt (KK Erfurt), Kathrin Hollax (KK Haldensleben-Wolmirstedt), Hanna Jäger (KK Torgau-Delitzsch), Inga Mergner (KK Eisleben-Sömmerda), Conrad Neubert (KK Arnstadt-Ilmenau), Christina Petri (KK Gotha), Jürgen Reifarth (KK Erfurt), Ann-Sophie Schäfer (KK Torgau-Delitzsch), Jennifer Scherf (KK Merseburg) und Stefanie Schwalbe (KK Schleiz). Conrad Krannich erhält als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle einen Predigtauftrag in der Reformierten Domgemeinde. In den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst werden ordiniert Oberin Annegret Bachmann (KK Eisenach-Gers­tungen), Dr. Gabriel Gatzsche (KK Arnstadt-Ilmenau), Ernest Goldhahn (KK Waltershausen-Ohrdruf), Anita Meinig (KK Arnstadt-Ilmenau) und Mirko Weisser (KK Altenburger Land).

Am Sonntag werden in Wittenberg zur Pfarrerin beziehungsweise zum Pfarrer ordiniert: Susanne Entschel (Sondervikariat in Melbourne/Australien), Constanze Greiner (KK Henneberger Land), Martina Grigutsch (KK Egeln), Ina Lambert (KK Haldensleben-Wolmirstedt) und Torben Linke (KK Bad Liebenwerda). In ihren Dienst als Ordinierte Gemeindepädagogin wird ordiniert Rebekka Prozell (KK Elbe-Fläming). In den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst werden ordiniert Angela Göbke (KK Magdeburg), Ga­briele Grothe (KK Elbe-Fläming), Birgit Kamprath (KK Altenburger Land), Michaela Möbius (KK Stendal) und Reiner Sporer (KK Halberstadt). Ramón Seliger, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, erhält mit seiner Ordination einen Predigtauftrag in Weimar.

Die Ernennung und Einsegnung erfolgte in Eisenach durch Landesbischöfin Ilse Junkermann und den Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt, Christian Stawenow. In Wittenberg wird neben der Landesbischöfin der Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg, Christoph Hackbeil, mitwirken.

(G+H/epd)

Sauberer Verkündigungsdienst

1. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Die Diskussion über Elektromobilität im kirchlichen Dienst, über ihre ökologischen und wirtschaftlichen sowie Vorbild-Aspekte ist angestoßen. Es wird geredet und es wird Vorreiter geben, auf deren Erfahrungen – gute wie schlechte – andere aufbauen können.

Wieso ausgerechnet ein Elektro-Auto die Attraktivität einer Pfarrstelle auf dem Lande erhöht, erschließt sich dem unbedarften Leser der Studie »Auf dem Sprung zur Wirtschaftlichkeit?« nicht. Im Untertitel versteckt sich der entscheidende Hinweis: Machbarkeitsstudie über die Einführung von Dienstfahrzeugen (PKW) mit Elektro-Antrieb im Verkündigungsdienst des Kirchenkreises Egeln. Es geht um Dienstwagen – bisher nutzen Pfarrer, Kirchenmusiker und Gemeindepädagogen ihre Privatfahrzeuge und rechnen je Kilometer 30 Cent ab.

»Wir bekommen die Pfarrstellen nicht besetzt«, sagt Superintendent Matthias Porzelle. In seinem Kirchenkreis Egeln gibt es alle drei bis acht Kilometer ein Dorf oder ein Städtchen. Ähnlich die Situation im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Dort tut Pfarrer Dieter Kerntopf Dienst. »Wir fahren auf den kurzen Strecken die Motoren nie warm und erzeugen dadurch noch mehr Dreck«, hadert er mit dem Vergehen gegen die Schöpfung.

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Der ökologische Aspekt, eine größere Attraktivität der Landpfarrstellen und nicht zuletzt das Signal, das die Kirche mit dem Einsatz von umweltschonenden Elektro-Autos aussendet, haben den Kirchenkreis Egeln bewogen, oben genannte Studie beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Auftrag zu geben. Ihr Autor Peter Bickel analysierte, welche Strecken die Seelsorger im Kirchenkreis Egeln in den vergangenen Jahren dienstlich gefahren sind, und setzte sie ins Verhältnis zur Reichweite diverser Elektro-Autos. Er untersuchte Anschaffungskosten für Fahrzeuge und Ladestationen, erfragte die Akzeptanz eines E-Mobils bei den Pfarrern. Schließlich kam der promovierte Wirtschaftsingenieur zu dem Fazit, dass sich die Elektromobilität rechnen kann. Auch einen Blick auf die Sauberkeit für die Umwelt wirft er.

Überlegungen, auf Elektromobilität zu setzen, gibt es in etlichen Kirchenkreisen. »Da bewegt sich etwas von unten. Und nachdem wir vor sechs Jahren die Klimakampagne hatten, nach der viel beschriebenes Papier in die Schreibtische gelegt wurde, wollte ich diese Bewegung unterstützen«, erinnert sich Dieter Lomberg. Der Synodale aus dem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt und Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beantragte im November, die Landeskirche möge für die Einführung einer Testphase mit E-Autos Geld zur Verfügung stellen: Für je fünf Elektro-Autos in zwei Kirchenkreisen 20 000 Euro als Anschubfinanzierung.

Der Antrag steht nun auf der Frühjahrssynode erneut zur Diskussion. Erstmal hatte es einen Fachtag gegeben. Dort berichtete Pfarrer Kerntopf von seiner zweiwöchigen Testphase, nach der er dem E-Auto uneingeschränkte Tauglichkeit bestätigte. Auch finanziell für den Kirchenkreis.

Die Aufgeschlossenheit ist groß, bestätigt die Klimaschutzmanagerin für Mobilität in der Nordkirche, Klaudia Morkramer, einen großräumigen Trend. »Als wir unsere Ladesäule in Melsdorf im Kirchenkreis Dithmarschen einweihten, war die Resonanz riesig«, berichtete sie bei der Tagung. Im Kirchenkreis Pommern bietet sich ein Dienstleister an, Ladestationen aufzustellen und zu warten. Ähnliches gebe es im Kirchenkreis Mecklenburg. »Wir diskutieren«, sagt sie. Die vielen Anfragen bezeugen Interesse und Informationsbedarf. Erste Erfahrungen gibt es in Hamburg und Umland. »Ein Problem ist natürlich das Geld. Die Angst vor zu geringer Reichweite hat sich mit den neuen Modellen erledigt.«

Die technische Entwicklung ist rasant. Das unterstrich Matthias Vie­tor von der Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland mbH. Er stellte mögliche Modelle und Finanzierungen vor und gab zu bedenken: »Die rasante Entwicklung spricht dafür, jetzt einzusteigen, aber genauso, noch abzuwarten.«

Eher zögerlich sprach der im Landeskirchenamt der EKM für die Mittlere Ebene Finanzverantwortliche Torsten Bolduan. Ob es denn zur Kernaufgabe der Kirche gehöre, Vorreiter bei der E-Mobilität zu sein, fragte er beim Fachtag. Eine Förderung durch die Landeskirche stellte er allenfalls über eine um zehn Cent erhöhte Kilometerpauschale in Aussicht. Denn das Modell personengebundener Elektro-Dienstautos scheitere an der Regel, dass es diese erst ab 30 000 Kilometer Jahresfahrleistung gebe. »Die Initiative muss von den Nutzern ausgehen«, unterstrich Bolduan.

Da das Aufladen der Autobatterien über Nacht an der heimischen Steckdose absehbar nicht ausreichen wird, könnten Ladestationen an kirchlichen Einrichtungen installiert werden. Öffentlich zugänglich, sodass nicht nur die Kirchenautos dort Strom tanken. Natürlich ergeben sich Probleme, wenn die Gemeinde oder der Kirchenkreis plötzlich zum Strom-Verkäufer würden. Um diese zu lösen, sind Kooperationen mit Stadtwerken oder anderen Partnern denkbar, wie sie sich in der Nordkirche andeuten. »Wenn klar ist, was wir wollen, lassen sich auch relativ leicht Finanzierungsmöglichkeiten finden«, sagte Torsten Bolduan bei der Veranstaltung – ehe er eine direkte Förderung der Landeskirche verneinte.

Renate Wähnelt

Anspruch und Wirklichkeit

30. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Für diese Form der Basis-Demokratie beneiden uns katholische Christen. Die evangelische Landessynode ist nicht nur das oberste Entscheidungsorgan der EKM. Besetzt mit Laien und hauptamtlichen Vertretern aus den Kirchenkreisen, ist sie auch ein Seismograf für die Stimmung in den Kirchengemeinden.

Dass sich die Themen, die die Gemeindeglieder derzeit bewegen, nicht oder nur am Rande in der Tagesordnung wiederfinden, ist dabei nicht der Synodenleitung anzulasten. Jedes Kirchenmitglied kann Anträge über die gewählten Vertreter einbringen. Angesichts der hohen Krankenstände und Vakanzen in den Kirchengemeinden, eines scheinbar geistlichen Notstandes in den ländlichen Regionen, erwartet man anderes. Die Ächtung von Kriegswaffen, die fleischfreie Versorgung bei den Tagungen oder das Wahlkampfthema »Ehe für alle« sind ehrenwerte Debatten-Themen. Aber sollte nicht sprichwörtlich die Kirche im Dorf bleiben?

In einem Antrag heißt es, die EKM möge zur »Kirche des gerechten Friedens« werden. Doch wie ist es um den innerkirchlichen Frieden bestellt? Eine Synodale beklagt, dass die Entscheidungsträger kaum Verständnis für das Anliegen der ländlichen Kirchenkreise aufbrächten. Es fehle ihrer Meinung nach am räumlichen, emotionalen oder persönlichen Bezug zum Pfarrland.

Die Lutherstadt Wittenberg ist gut gewählt als Ort für die Synodentagung im Reformationsjahr. Hier hat man schon vor 500 Jahren heftig debattiert und dem Volk aufs Maul geschaut. Auf das Ergebnis komme es an, so der Wunsch einer Synodalen 2017: »Ich erwarte von der Tagung Austausch, Gespräche und Impulse für die Arbeit in unserem Kirchenkreis und für unsere ganze Landeskirche.«

Willi Wild

Frühjahrsmesse mit Gottesdienst

17. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Foto: Uli Lücke

Foto: Uli Lücke

Die Schaustellersaison in Mitteldeutschland ist eröffnet. Auf der Magdeburger Frühjahrsmesse feierte Conrad Herold (Foto), Landespfarrer für Circus- und Schaustellerseelsorge der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), einen Gottesdienst auf dem Autoscooter der Familie Engelbrecht. Beteiligt waren die evangelische Kirchengemeinde St. Briccius und Immanuel und die Trinitatisgemeinde.

Bereits Ende März ist die Saison beim »Erfurter Altstadtfrühling« mit einem ökumenischen Gottesdienst auf dem Domplatz eingeläutet worden. »Mit dem Frühling kommen die Schausteller aus der langen Winterpause zurück. Zum Start in die neue Saison ist für viele dieser Gottesdienst wichtig. Mit Gottes Segen fühlen sie sich getragen und gehen gestärkt die neuen Aufgaben an«, so Pfarrer Herold. Er begleitet Zirkusleute, Schausteller und Marktkaufleute seelsorgerisch.

Die Schlüsselfrage ist geklärt: Der Himmel steht offen

16. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Der Schlüssel ist übergroß, sein geschmiedeter Bart wird durch ein Kreuz geziert. Wer den Schlüssel in die Hand bekommt, weiß sofort: Hiermit kann nur eine Kirchentür geöffnet werden. Die mächtige Holztür knarzt beim Schließen. Ich lausche auf das Geräusch des Schlüssels im altertümlichen Schloss. »Ach, wie schön«, sage ich zum neben mir stehenden Küster, »noch keine Schließanlage, deren Schlüssel sich an meinem Bund von keinem einer Bürotür unterscheidet!« Der Mann schmunzelt »Braucht es auch nicht, Frau Pfarrer, solch ein Schloss ist schwerer zu knacken als ein Sicherheitsschloss. Die Alten haben gewusst, was sie taten!« Er hält mir die Tür auf und vergräbt den Schlüssel wieder tief in seiner Manteltasche. Sicher ist sicher.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Die Schlüsselfrage ist eine Machtfrage. Wer den Schlüssel hat, erhält ungehindert Eintritt, muss nicht andere um Erlaubnis fragen. Wer den Schlüssel hat, bestimmt, wer drin ist und wer draußen bleiben muss. Wer den Schlüssel hat, kann einsperren und befreien.

Zu Ostern wird die Schlüsselfrage ein für alle Mal geklärt: Er, der Christus Gottes, überlebt den Tod und geht durch die Hölle. Den Schlüssel hält er fest in seiner Hand. »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?« singt uns das Brahms’sche Requiem aus der vagen Hoffnung der Totenmesse in die feste Gewissheit der Osternacht hinüber.

Im Buch der Heilpflanzen von Hildegard von Bingen wird die Schlüsselblume beschrieben. Sie blüht als eine der ersten Frühlingsblumen und ergießt ihr Sonnengelb zu Ostern in Wälder und über Wiesen. Hildegard beschreibt die wohltuende Wirkung der Pflanze, von der man alle Teile nutzen kann. Sie preist die Blume als Wunder der guten Schöpfung Gottes und tauft sie »Himmelschlüssel«. Mit ihren Blüten, in deren Anordnung man einen Schlüsselbund erkennen kann, erinnert sie uns daran:

Seit Ostern steht uns der Himmel offen. Die Schlüsselfrage ist geklärt!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Heftige Gemütsbewegungen

11. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Johannespassion: Bach verknüpfte Bibeltext und freie Lyrik

In der Karwoche wird in vielen Gemeinden im Norden und Süden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Johann Sebastian Bachs »Johannespassion« (1724) aufgeführt. Sie stellt das erste musikalische Großprojekt des Thomaskantors dar, der ein Jahr zuvor sein Amt in Leipzig angetreten hatte. Obwohl sein Anstellungsvertrag festschrieb, dass seine Kirchenmusik »nicht opernhafftig herauskomme, sondern vielmehr zur Andacht aufmuntere«, gelang es dem Komponisten, neue Horizonte zu eröffnen.

Schon im Mittelalter war es üblich, die Passionsgeschichte nach den vier Evangelien an je vier Tagen der Stillen Woche mit verteilten Rollen »abzusingen«. Ein Geistlicher übernahm die erzählenden Partien, ein zweiter die Worte Christi, ein anderer die übrigen Personen. Die Worte der Volksmassen, der turbae, wurden von einem Chor gesungen.

Zur Eröffnung der Thüringer Bachwochen erklingt am 8. April in der Bach­kirche zu Arnstadt die Johannespassion. Das Londoner Ensemble »Salomon’s Knote Baroque Collective« singt das Werk auswendig und beeindruckt mit einer kammermusikalisch direkten Deutung. Foto: Veranstalter

Zur Eröffnung der Thüringer Bachwochen erklingt am 8. April in der Bach­kirche zu Arnstadt die Johannespassion. Das Londoner Ensemble »Salomon’s Knote Baroque Collective« singt das Werk auswendig und beeindruckt mit einer kammermusikalisch direkten Deutung. Foto: Veranstalter

Die evangelische Kirche hat diese Tradition fortgeführt. Heinrich Schütz vertonte – ohne eingeflochtene Choräle und Arien – nur den Bibeltext. Doch bald trat die Dichtung an die Stelle der Bibelworte. Eine wichtige Rolle nahm dabei der Hamburger Ratsherr Barthold Heinrich Brockes ein, dessen Libretto »Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus« von Georg Philipp Telemann, Reinhard Keiser und Georg Friedrich Händel vertont wurde. So entstanden Anfang des 18. Jahrhunderts Oratorien, die sich vom genauen Wortlaut der Bibel entfernten und mehr auf die emotionale Rührung der Zuhörer im Konzertsaal abzielten. Die Brockes-Passion entsprach dem Bedürfnis der Zeit nach einer Versenkung in die biblischen Inhalte. So forderte der Musiktheoretiker Johann Mattheson: »Hier allein, nämlich bei dem Gottesdienst, sind gar heftige, ernstliche und höchstangelegentliche Gemütsbewegungen nötig.«

Bach gelang es, Tradition und den Geist einer neuen Zeit miteinander zu verbinden. Er stützte sich auf die Passionsgeschichte, wie sie im 18. und 19. Kapitel des Johannesevangeliums geschildert wird, und fügte passende Choräle ein. Als modernes Element integrierte er eine überschaubare Anzahl an Arien, die sich auf freie religiöse Lyrik und Elemente des Brockes-Textes stützen. Im Fokus stehen fünf Stationen: Gefangennahme im Garten Gethsemane – Jesus vor den Hohepriestern – Prozess vor dem Statthalter Pilatus – Kreuzigung auf Golgatha – Grablegung. Zu den Akteuren gehören der Erzähler (Evangelist), die in indirekter Rede sprechenden Personen (Jesus, Petrus, Pilatus) sowie Gruppen (Volk, Kriegsknechte, Hohepriester), die das Geschehen mit erschütternder Eindringlichkeit vor Ohren führen. Eine Musik voll emotionaler Kraft!

Michael von Hintzenstern

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