Gelebtes Erbe auf Kartons

9. April 2018 von redaktionguh  
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Deutschlandweit: Eine Marienkirche und eine Nikolaikirche pro Bundesland beteiligen sich an der Ausstellungsreihe »Bei Deinem Namen genannt: Maria und Nikolaus«, die in 32 Orten gezeigt wird.

Nach einer Präsentation im Erfurter Mariendom ist die Wanderausstellung vom 12. April bis 31. Mai in der Kirche St. Nicolai in Schmölln (Kirchenkreis Altenburger Land) zu sehen. Sie wird im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 gezeigt, das unter dem Titel »Sharing Heritage« (Erbe teilen) die kulturelle Vielfalt des Kontinents deutlich machen will.

Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, betont in diesem Zusammenhang, dass mit den Namen Maria und Nikolaus christliches Gedankengut transportiert werde. Beide Figuren stünden für ethische Prinzipien. Man knüpfe aber auch an die persönliche Identität der Besucher an, die jeweils mit ihrem eigenen Namen verbunden ist.

Unter dem Motto »Nomen est omen« (»Der Name ist ein Zeichen«) werden Sprichwörter zu verschiedensten Vornamen vorgestellt. Darüber hinaus betrachtet die Exposition den Zusammenhang von »Heimat und Person«, »Name und Erbe« sowie von »Kultur und Identität«.

Die beiden Module des in deutscher und englischer Sprache gestalteten Projektes verstehen sich in erster Linie als Impuls: Sie sind leicht überschaubar und ermöglichen eine unmittelbare Aneignung des Stoffes. Damit wollen die Kuratoren Klaus-Martin Bresgott, Johann Hinrich Claussen und Ralf Klöden einen »Anreiz zur Selbst- und Weiterbeschäftigung« schaffen.

Verpackungsmaterial als Informationsträger: Die Maria-Ausstellung war bereits in Erfurt zu sehen. Foto: Andreas Schoelzel

Verpackungsmaterial als Informationsträger: Die Maria-Ausstellung war bereits in Erfurt zu sehen. Foto: Andreas Schoelzel

Maria steht exemplarisch für einen Frauennamen. Aus der Ikonografie heraus sind alle Informationen über sie in der Farbe Blau gehalten.

Nikolaus steht für einen Männernamen, die ikonografische Farbe Rot verweist auf alles Wissenswerte über Nikolaus. Allgemeine Informationen und Einführungen sind in neutralem Weiß gestaltet.

Eine Karte der Bundesrepublik zeigt die jeweils am Projekt beteiligten Gotteshäuser, eine Karte Europas die Verbreitung der Namen und Kirchen zwischen Atlantik und Ural. So ist die Thematik auch geografisch fassbar aufbereitet. Wichtig ist den Ausstellungsmachern darüber hinaus die Verwendung ökologischen Materials – anstelle von Einwegaufstellern aus umweltfeindlichen Kunststoffen kommen 90 × 45 × 45 cm große, wiederverwendbare Mehrwegkartons zum Einsatz.

Gewöhnliches Verpackungsmaterial wird zu einem ungewöhnlichen Informationsträger. Die ästhetisch klare Form des Baukastens der Exposition orientiert sich an architektonischen Prinzipien der Romanik und des Bauhauses. »Die inhaltlichen Impulse zielen auf eine Wahrnehmung von Ort, Geschichte und Namen als Teil der eigenen Identität ab«, erläutern die Kuratoren ihre Zielstellung: »Aus der Abstraktion von Geschichte und Region werden mit der eigenen Person und dem eigenen Namen authentische Orte der eigenen Wirklichkeit, die in einen größeren Kontext eingebettet ist – regional und überregional, deutschlandweit und europäisch.«

Die Namen Maria und Nikolaus, ihre vielfältigen regionalen Formen und deren aktive Weitergabe aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft verdeutlichen dies exemplarisch und geben den Anstoß.

Die Ausstellung des Kulturbüros des Rates der EKD richtet sich an Tagesbesucher, Schulklassen und Touristen, eignet sich aber auch hervorragend für die Erwachsenenbildung. An jedem Ort können Geschichten zum je eigenen Namen hinzugefügt werden. Dadurch erweitert sich die Ausstrahlung der in 16 Marien- und 16 Nikolaikirchen gezeigten Ausstellung.

Michael von Hintzenstern

Termine in der EKM: Nikolaus: 30. 8. bis 31. 10., Ballenstedt; Maria: 6. 9. bis 2. 11., Salzwedel

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Was ist Kirche?

9. April 2018 von redaktionguh  
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Abriss oder Aufbau: In vielen Kirchengemeinden in der EKM stellt sich die Frage, wie sie mit ungenutzten Gebäuden umgehen und wie sich das Gemeindeleben organisieren lässt. Eine Betrachtung zur Zukunft von Gemeinde.

Riesengroß ist die Kirche in Dahlenwarsleben. Hundertausende Euro sind allein nötig, damit sie nicht weiter Schaden nimmt. Um ein zukunftsweisendes Konzept zu realisieren, wenigstens eine Million. Doch die Gemeinde in dem Bördedorf zählt nicht einmal 100 Köpfe, zum Gottesdienst kommt eine Handvoll Leute. Ist die Investition zu rechtfertigen?
Pfarrer Johannes Könitz, der die Gemeinde im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt betreut, erntete mit dieser Frage auf der jüngsten Kreissynode nicht etwa einen Sturm der Entrüstung, eher ratloses Schweigen. Denn aus der Verantwortung könne man sich nicht stehlen, erwiderte Pfarrer Thomas Wolter. »Wenn Sie eine Kirche retten wollen, setzen Sie das Gerücht in die Welt, dass sie abgerissen werden soll«, merkte Superintendent Uwe Jauch an. Wie wahr – und wie seltsam.

Kleine Gemeinden und große Baulasten. Das Warten betagter Menschen am Geburtstag auf den Pfarrer oder die Pfarrerin. Die aber viele Besuche in vielen Gemeinden zu bewältigen hätten. So kommt »nur« ein Prädikant oder Lektor. Das ist ein anderes Lebensgefühl, als wenn der Pfarrer vorbeischaut – gerade auf dem Land. Unzulänglichkeiten, Unzufriedenheit, wohin man schaut.

Zukunftswerkstätten sind eine Antwort auf die zunehmende Diskrepanz zwischen sinkenden Zahlen an Gemeindemitgliedern und den gleich bleibenden Erwartungen an »die Kirche«. Sie resultieren aus der Erkenntnis, dass geringer werdenden Mitgliederzahlen und Geldern und der damit sinkenden Zahl an Stellen nicht ewig mit Strukturveränderungen – sprich: größeren Pfarrbereichen – beizukommen ist.

Baulast: Die evangelische St.-Lamberti-Kirche in Dahlenwarsleben im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Foto: Reise Reise, CC BY-SA 3.0

Baulast: Die evangelische St.-Lamberti-Kirche in Dahlenwarsleben im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Foto: Reise Reise, CC BY-SA 3.0

Aber wie dann? Was ist die Aufgabe der Pfarrer, was die der engagierten Laien? Diese Frage versuchten die Synodalen im Kirchenkreis Südharz während ihrer jüngsten Tagung zu beantworten. Es war ein Auftakt für ihre Zukunftswerkstatt, die mit Treffen in allen Regionen jetzt Fahrt aufnehmen soll. Eingeladen sind nicht nur Menschen der Kirche sondern alle, die sich für ihren Ort, ihre Region engagieren. Damit nicht die jungen Leute wegziehen, die Alten bleiben und irgendwann niemand mehr im Dorf wohnt. Lebensmittelladen, Post, Sparkasse, Kneipe sind schließlich schon weg. Die Kirche bleibt stehen – leer?

Bei aller Arbeitsbelastung der Hauptamtlichen, bei aller Sorge – dass so überraschend viele Menschen Zeit, Kraft und Geld in den Erhalt der Kirchengebäude stecken, wie Uwe Jauch unterstrich, sollte man optimistischer sein. Dieses Mittun ist handfester Beleg für eine allgegenwärtige Tendenz: Für konkrete Projekte mit (vermutlich) überschaubarem Zeithorizont finden sich Engagierte. Wenn sie nicht Mitglied der Kirchengemeinde sind, aber dennoch dabei sind – wirkt da nicht der Heilige Geist? Landesbischöfin Ilse Junkermann hatte in einer Diskussion viel Skepsis geerntet mit ihrer Ermunterung, nicht so sehr auf die Kirchenmitgliedschaft zu schauen, sondern einfach das Wirken von Menschen anzunehmen, sie die Kirchengebäude mit Leben füllen lassen.

Ihr Plädoyer, sich von der pfarrerzentrierten Kirche zu verabschieden, klingt ebenso befremdlich. Denn noch immer ist es so, dass das Bild der Kirche in erster Linie durch den Pfarrer geprägt wird, stellte Sabine Heger fest. Die Synodale im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt sieht ebenfalls, dass sich Ehrenamtliche wie sie mehr als »Kirche« fühlen und präsentieren sollten und wünscht sich dafür mehr Anleitung. »Es muss doch nichts perfekt sein. Wir können eigentlich nichts falsch machen. Wenn wir vor Ort etwas tun, dann prägen wir das Bild von Kirche«, ermunterte sie zu offensiverem Agieren.

Trotzdem ist es etwas anderes, wenn der Pfarrer zum Gratulieren kommt und nicht »nur« der Nachbar. Enttäuschte Erwartungen werden auch die innovativsten Zukunftswerkstätten nicht vermeiden können.

Renate Wähnelt

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Gesungener Glaube

2. April 2018 von redaktionguh  
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Schule und Kirche: Musik prägt, ermutigt und lehrt. Sie hilft auch beim Aufbau einer jungen, lebendigen Gemeinde. Ein Beispiel aus Naumburg.

Seht nach vorn! Denkt schon an euer Publikum«, sagt Jan-Martin Drafehn, und 130 Augenpaare richten auf den Musiklehrer und Domkantor, der im Heft auf dem Notenständer die nächste Seite umblättert. Stille im Andachtssaal der evangelischen Grundschule St. Martin im Herzen Naumburgs. Am geschwungenen Kreuz flackert eine Kerze. Drafehn gibt ein Zeichen und die Jungen und Mädchen stimmen das nächste Lied an: »Im Namen Gottes«. Fast eine Stunde singen sie über Gott, Jesus und die Tempelreinigung. Mal stehen sie, mal sitzen sie auf Schemeln. »Stietzen, also sitzen und stehen«, erinnert Jan-Martin Drafehn seine Schüler an einen geraden Rücken. Das ist wichtig, damit die hohen Töne kraftvoll und laut die kleinen Körper verlassen können.

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Jeden Freitagmorgen probt der Schulchor unter Leitung von Domkantor Drafehn und der Leiterin der evangelischen Domschule, Regina Keilholz. Musik ist hier nicht irgendein Unterrichtsfach. Musik prägt, neben dem christlichen Glauben und dem reformpädagogischen Konzept, das Leben an dieser Schule. Die Kinder genießen zwei Stunden Musikunterricht wöchentlich und damit doppelt so viel wie im Lehrplan vorgesehen. Für die Dritt- und Viertklässler ist der Chor verbindlich, das freitägliche Singen ist fest im Unterrichtsplan integriert. Aktuell sind auch die Erst- und Zweitklässler dabei. Alle – Kinder, aber auch Mitarbeiter und Eltern – bereiten sich gerade auf das diesjährige Musical vor. Es gehört zu den Traditionen der noch jungen Schule. Am 20. und 21. April wird »Gerempel im Tempel« in der Marienkirche des Doms aufgeführt.

Ganz selbstverständlich erleben die Jungen und Mädchen den Dom als »ihre« Kirche, sagt Schulleiterin Regina Keilholz. Von den Fenstern ihrer Klassenräume blicken sie auf die Steine, denen man die Jahrhunderte ansieht. Regelmäßig gestalten sie Mittagsgebete, feiern Schulgottesdienste. Die Schule ist verbunden mit der Kirche.

Schule und Gemeinde, Schul- und Kirchenmusik, Bildung und Verkündigung sollen zusammenwachsen. Michael Bartsch, Dompfarrer und Vorsitzender des Trägervereins der Schule, ist Initiator dieser Idee. Als ihren Motor beschreibt er Kirchenmusikdirektor Drafehn.

Denn die Idee funktioniert nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Kirche und Schule, sondern auch wegen der Menschen, die hier wirken. »Als wir die Stelle des Domkantors vor zehn Jahren ausgeschrieben hatten, suchten wir bewusst einen Kirchenmusiker, der Musikunterricht an der Schule gibt«, schildert Pfarrer Bartsch.

Meist sind es die Pfarrer und Gemeindepädagogen, die an die Schulen kommen, aber Kantoren? In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kennt Michael Bartsch, der Vorstandsvorsitzender der Johannes-Schulstiftung ist, kein vergleichbares Modell und bedauert dies. Der Kirche, die doch händeringend nach der Zukunft suche, sei dieses Beispiel unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

»Wir haben ein großes unausgeschöpftes Potenzial in unserer Kirche, was die Kinder- und Jugendarbeit betrifft.« Umso unverständlicher für die Naumburger, dass die Kreissynode den Stellenplan beschlossen hat, der eine Kürzung der Domkantorenstelle vorsieht.

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz (Fotos rechts). Foto:Matthias Keilholz

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz. Foto:Matthias Keilholz

Naumburg, so Pfarrer Bartsch, erntet die Früchte, die vor 18 Jahren mit der Gründung des Schulvereins gesät wurden. Auch – und das soll nicht verschwiegen werden – unter Anstrengungen und mit Zweifeln innerhalb der 2 800 Glieder umfassenden Gemeinde. Doch der Theologe will evangelische Kindergärten und Schulen nicht als Last, sondern als Lust verstanden wissen.

Er spricht von den Chancen, dass junge Generationen in der Gemeinde wirken. Diese Kinder sind schon da. Sie müssen nicht mühsam gesucht und geworben werden, wenn eine Musical-Aufführung geplant ist oder die Kantorei vergreist.

In Naumburg sprechen die Zahlen für sich: Im vergangenen Jahr wurden 39 Taufen gefeiert, in diesem Jahr möchten sich mehr als 70 Jugendliche konfirmieren lassen, in der Domsingschule singen mehr als 100 Schüler, der Jugendchor umfasst nicht nur 30 Mädchen, sondern auch zwölf Jungen, die nach dem Stimmbruch weitersingen. Der Domchor besteht aus rund 70 Sängern und hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verjüngt. Immer wieder finden auch Eltern über ihre Kinder den Weg in die Kirchenmusik.

»Die Musikarbeit der Gemeinde fußt auf dem Schulsingen«, bilanziert Kantor Drafehn, aber sie sei natürlich offen für alle, und jeder Chor ist eigenständig und kein bloßes Nachwuchsreservoir, betont der Kantor.

Der Musiker ist überzeugt: Jedes Kind kann singen. In der Schule wendet er die Ward-Methode nach der amerikanischen Musikpädagogin Justine Ward an. Nach dieser vokalen Methode sollen alle musikalischen Erfahrungen über die Singstimme vermittelt werden. Dabei bekommt jeder Tone eine Silbe und eine Geste zugeordnet: So erleben die Kinder Singen mit ihrem ganzen Körper. Die Käfergruppe ist an diesem Morgen eifrig und konzentriert dabei. Wenn Jan-Martin Drafehn fragt, wie der Ton klingt, schnellen die Hände in die Höhe. Jeder will zeigen, was er kann.

Im Unterricht und darüber hinaus: Die Musik kreiert in dieser Schule eine ganz eigene Praxis der Frömmigkeit: gesungener Glaube.

Katja Schmidtke

Hintergrund
Die evangelische Domschule St. Martin in Naumburg wurde 2001 eröffnet und befindet sich in Trägerschaft des Vereins »Evangelisches Schulprojekt Burgenlandkreis«. In dem historischen Gebäudekomplex am Dom sind auch Kindergarten und Hort untergebracht, beides trägt die Kirchengemeinde. Zum Kollegium der Grundschule gehören sechs Lehrer, zwei pädagogische Mitarbeiter, ein Schulleiter und vier externe Lehrkräfte. Zwei Stunden Religion werden pro Woche unterrichtet, zum geistlichen Leben gehören Tischgebete, eine wöchentliche Andacht und natürlich die Musik. Unterrichtet wird in Lerngruppen mit Erst- und Zweitklässlern sowie Dritt- und Viertklässlern.


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Willkommen am Stand der EKM

1. März 2018 von redaktionguh  
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Noch bis Sonntag begrüßen Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen die Besucher der Thüringen Ausstellung auf dem Messegelände in Erfurt. Anne Haertel (li.) und Sabine Kappelt (re.) informierten über die Angebote des Kinder- und Jugendpfarramts der EKM.

Schaufensterpuppen sollen auf kirchliche Trauungen, Taufen und Konfirmation aufmerksam machen.

Die Kirchenzeitung ist mit den aktuellen Ausgaben vor Ort.

Der Stand der EKM ist nicht zu übersehen. Am Übergang von der Halle 1 zur Halle 4, direkt beim Messecafé, werden die Gäste von 10 bis 18 Uhr willkommen geheißen.

Neben der Landeskirche präsentieren sich auch diakonische Einrichtungen wie das Arnstädter Marienstift.

www.thueringen-ausstellung.de

Foto: Willi Wild

Foto: Willi Wild

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Drama in Rot und Schwarz

27. Februar 2018 von redaktionguh  
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Glaskunst: Max Uhlig hat mit den Fenstern für die Magdeburger Johanniskirche sein Lebenswerk vollendet.

Ein sonniger Wintertag. In der Magdeburger Johanniskirche – über die Jahrhunderte vier Mal zerstört und wieder aufgebaut, einst geweihte Kirche, heute Festsaal der Stadt – strahlt und leuchtet es. Das Sonnenlicht bricht sich in den zwölf Meter hohen Fenstern und taucht das Kirchenschiff in orangene und rote Schattierungen.

Katja Lehmann lächelt. »Wunderbar, oder?«, sagt die Schatzmeisterin des Kuratoriums zum Wiederaufbau der Johanniskirche. Das Kuratorium hat nicht nur den von der Stadt geplanten Aufbau der kriegszerstörten Kirche nach der Wende begleitet und unterstützt, sondern setzt nun einen Schlusspunkt; einen mit viel Farbe.

Das Ensemble aus sechs Langhaus- und sieben Chorfenstern ist für den Künstler Max Uhlig gleichermaßen Neuland und Spätwerk. Der 1937 in Dresden geborene Maler und Grafiker zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Erstmals für die Magdeburger Johanniskirche arbeitete er mit Glas.

Ein Leuchten und Strahlen: Die Glaskunst von Max Uhlig hat der Johanniskirche, die als städtischer Fest- und Veranstaltungssaal genutzt wird, eine neue Aura verliehen. Foto: Viktoria Kühne

Ein Leuchten und Strahlen: Die Glaskunst von Max Uhlig hat der Johanniskirche, die als städtischer Fest- und Veranstaltungssaal genutzt wird, eine neue Aura verliehen. Foto: Viktoria Kühne

Max Uhlig begann als Kind zu malen. Dass er in der Nachkriegszeit zunächst nur zwei Stifte in den Farben Schwarz und Rot besaß, das sieht man seiner Kunst bis heute an. Abstrakt und ausdrucksstark arbeitet er, mit kräftigen Pinselschwüngen, immer in Bewegung. Seine Themen sind Pflanzen und Landschaften in stark abstrahierter Form. Das kräftige Rot, durchzogen von einem schwarzen Liniengeflecht, auf den Fenstern der Johanniskirche mag so manchen Magdeburger an die Luftangriffe 1944/45 erinnern, die abstrahierten Weinstöcke auf den Chorfenstern an Ruinen, auch an Stacheldraht. Diese Assoziationen sind möglich. Uhlig ist nicht festgelegt, was die Deutung seiner Kunst betrifft. Die Vorlage für die dramatischen Farbfenster ist eine holsteinische Landschaft; ein Uhlig-Gemälde, das ausgerechnet bei einem Brand verloren ging.

Das Kuratorium hat die skeptischen Stimmen der Magdeburger wohl vernommen. »Aber sie wurden leiser, je mehr Fenster eingebaut worden sind«, sagt Katja Lehmann vom Kuratorium. Das Projekt ging in Etappen voran: die erste Idee vor gut zehn Jahren, der Projektbeginn 2013 und der Einbau der letzten Fenster im vergangenen Jahr.
Vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hatte die Kirche farbige Fenster. Doch Fotografien oder gar Vorlagen fehlten. So entstand die Chance, etwas Neues zu schaffen und dem zumeist weltlich genutzten Raum eine geistige Aura zurückzugeben.

Max Uhlig war von Beginn an begeistert. »Schon beim ersten Besuch spürten wir diese Energie, wie es in seinem Kopf arbeitete. Noch bevor wir über Geld oder Details redeten, hatten wir die ersten Entwürfe«, erinnert sich Katja Lehmann. Uhlig ließ sich auch die Herstellung nicht aus der Hand nehmen. Das auf Glasmalerei spezialisierte Unternehmen »Derix Glasstudios« aus Taunusstein betrat dahingehend Neuland, dass nie zuvor ein Künstler derart am Schaffensprozess mitgewirkt hat. Die mundgeblasenen Glasscheiben wurden in mehreren Schritten bearbeitet und zu einem großen Ganzen zusammengesetzt. Auch die Grisaille-Fenster des Chors sind nicht einfach schwarze Malerei auf weißem Glas. Als Grisaillen (französisch gris = grau) werden in der Glasmalerei Fenster bezeichnet, die ganz oder zum größten Teil aus farblosem Glas bestehen. In das Opak- wurde Klarglas eingeschmolzen, so entstehen je nach Sonnenstand und Wetter silbern und golden funkelnde Effekte.

Rund 310 Quadratmeter Glas hat Max Uhlig gestaltet. »Das ist einmalig«, schwärmt Katja Lehmann. Das Kuratorium erhofft sich einen touristischen Effekt: Das Gesamtkunstwerk Uhligs reihe sich ein in Glas- und Raumkunstprojekte von Neo Rauch und Thomas Kuzio im Naumburger Dom, Markus Lüpertz in Gütz bei Landsberg bis zu Günter Grohs im Halberstädter Dom.

Katja Schmidtke


Stifter und Spender der Kirchenfenster

Das Magdeburger Fensterprojekt kostete insgesamt rund 1,37 Millionen Euro. Das Kuratorium sammelte rund eine halbe Million Euro an Spenden von Einzel­personen, Firmen und bei Benefizkonzerten ein. Mehr als eine dreiviertel Million Euro kamen aus Fördertöpfen. Zu den größten Einzel­stiftern zählt die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die das Vorhaben mit insgesamt 400 000 Euro unterstützte. Projekte zur Reformationsgeschichte förderte die Ostdeutsche Sparkassenstiftung im Gebiet der EKM auch in Mühlberg, Torgau, Eisleben, Allstedt und Wieserode.

Weitere 172 000 Euro stifteten die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt und 120 000 Euro die Kunststiftung Sachsen-Anhalts. Im Zuge des Reformationsjubiläums stellte das Land 82 000 Euro zur Verfügung.


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Chance für mehr Gerechtigkeit – Risiko für größere soziale Spaltung

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Pro

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

Allgemeiner Konsens ist wohl, dass unsere Gesellschaft eines Systems der sozialen Sicherung bedarf, welches dafür sorgt, allen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die Frage ist, ob das bestehende System unseren Ansprüchen und Möglichkeiten (noch) genügt.

Trotz wachsender Wirtschaftsleistung werden Reiche immer reicher und Arme immer ärmer. Die Wahrscheinlichkeit, in Altersarmut, Kinderarmut oder prekären Arbeitsverhältnissen zu landen, wächst. Existenzsorgen lösen bei vielen Menschen Unsicherheit und Ängste aus. Eine Fortschreibung dieser Entwicklung gefährdet den sozialen Frieden und letztlich die Demokratie.

Die klassischen Instrumente der Armutsbekämpfung (»Hartz 4«-Gesetze) haben es in den letzten 14 Jahren nicht geschafft, diese Entwicklung aufzuhalten. Vielleicht kann die visionäre, also zukunftsweisende und über herkömmliche Denkmuster hinausragende Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – existenzsichernd, Teilhabe ermöglichend, ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Zwang zu Gegenleistung, individueller Rechtsanspruch – genau hier ansetzen. Es gibt Studien und Experten, die unterschiedliche Modelle des BGE für finanzierbar und umsetzbar halten, und solche, die das widerlegen. Die Realpolitik hält sich noch weitestgehend zurück, man möchte sich nicht zu früh festlegen. Ich bin mir sicher: wenn wir die Idee des BGE in einer sich rasant ändernden Arbeitswelt als relevant erachten, finden wir eine Umsetzungsmöglichkeit.

Es geht in der Debatte BGE um einen Paradigmenwechsel, um das Menschenbild, um Vorurteile, um Erfahrungen, um Gefühle und nicht zuletzt um Wertvorstellungen und Glauben. Was kann ich als Christ einbringen?

Im Jahr 2017 feierten wir unter anderem Luthers große Erkenntnis, dass wir uns das Himmelreich nicht verdienen können – weder durch Geld, noch durch Taten. Wir sind bereits angenommen als bedingungslos geliebte Kinder des Vaters. Was für ein Bild! Wir müssen und können uns Gottes Liebe, Gnade und Anerkennung nicht verdienen. Wir erhalten sie ohne Vorleistung, Zwang und Bedürftigkeitsprüfung. Sie wird jedem als Voraussetzung für ein gelingendes Leben geschenkt, um daraus folgend in Freiheit das Richtige zu tun. Darüber hinaus nimmt der Vater selbst den zunächst »faulen«, verlorenen Sohn wieder an (Lukas 15,24).

Übertragen wir diese Bilder in unseren familiären Alltag und unsere gesellschaftliche Realität: Welchen Kräften vertrauen wir wirklich: Druck und Sanktionen oder Freiheit und Liebe? Ich glaube, Jesus wäre ein Befürworter des BGE.

Kontra

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Seit der Einführung der Krankenversicherung im Jahr 1883 in Deutschland bildet der Wohlfahrtsstaat die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolges und des sozialen Friedens. Wollen wir diese historische Errungenschaft, für die wir weltweit beneidet werden, durch ein gesellschaftliches Experiment ernsthaft gefährden?

Bisher leben wir in einer Gemeinschaft, die auf dem Grundprinzip der Solidarität beruht. Darunter verstehe ich eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der durch gegenseitige Hilfsbereitschaft individuelle Nöte solidarisch aufgefangen werden. Eine solidarische Haltung setzt voraus, dass sozialrechtliche Regelungen, wie zum Beispiel Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung, als gerecht empfunden werden. Auch das Prinzip »Fordern und Fördern« bringt zum Ausdruck, dass niemand bedingungslos, das heißt ohne einen Beitrag zum Gemeinwesen, Leistungen empfangen kann. Dieses Grundprinzip halte ich für gerecht.

Wie soll ich erklären, dass Menschen Leistungen beziehen, aber nicht zum Volkseinkommen beitragen, obwohl sie es könnten? Ein bedingungsloses Grundeinkommen gefährdet aus diesem Grund den sozialen Zusammenhalt in Deutschland.

In den vergangenen 135 Jahren hat sich unser Wohlfahrtsstaat kontinuierlich weiterentwickelt. Unsere soziale Absicherung ist heute in den insgesamt zwölf Sozialgesetzbüchern festgehalten, deren Ausgestaltung regelmäßig diskutiert und überarbeitet wird. Zuletzt im Rahmen des Koalitionsvertrages, an dem ich selbst, als Mitglied der verhandelnden Arbeitsgruppe, mitgewirkt habe. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens hätte die vollständige Auflösung unseres Sozialsystems zur Folge. Über die resultierenden Auswirkungen gibt es bis heute keine zuverlässlichen Fakten. Dieses Risiko kann und möchte ich als Mitglied des Deutschen Bundestages, der zuletzt über eine endgültige Einführung zu entscheiden hätte, nicht verantworten.

Da sich unser Leben gegenwärtig in nie dagewesener Geschwindigkeit verändert, werden wir auch unser Sozialsystem weiter überarbeiten müssen. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, flexiblere Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem eine Fokussierung auf lebenslanges Lernen. Diese Herausforderungen können alle im Rahmen der bereits bestehenden Sozialgesetzbücher gemeistert werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Arbeit auch in Zukunft lohnen muss.

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Großer Andrang bei der Schaustellergemeinde

29. Januar 2018 von redaktionguh  
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Foto: Ute Otto

Foto: Ute Otto

Der EKM-Schaustellerpfarrer Conrad Herold taufte am 13. Januar in Elster, einem Ortsteil der Stadt Zahna-Elster in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg, 23 Kinder von Schaustellern. Die Mädchen und Jungen waren zwischen sechs Monaten bis zu 14 Jahren alt. »Vier der älteren Kinder habe ich auch konfirmiert«, so Herold. Zu dem Gottesdienst kamen rund 300 Besucher.

Wie oft Herold, der seit dem Jahr 2010 Circus- und Schaustellerseelsorger der EKM ist, mit seiner weit verstreut lebenden Gemeinde Gottesdienste mit Kasualien feiert, hängt von der Nachfrage ab. »Für dieses Jahr sind schon drei Silberhochzeiten angemeldet«, sagt er. Im vorigen Jahr traute er drei Paare, taufte 13 Kinder und konfirmierte elf Jugendliche. Neben dieser Aufgabe hält Herold, der in Erfurt lebt, Gottesdienste in Kirchengemeinden in der Thüringer Landeshauptstadt oder übernimmt Vertretungen.

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Lobpreis und Ehre: Kirchenmusikalische Höhepunkte in Mitteldeutschland

29. Januar 2018 von redaktionguh  
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Unsere Umfrage nach kirchenmusikalischen Höhepunkten 2018 in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Kirche Anhalts ist auf ein erfreuliches Echo gestoßen. Da manche Veranstalter die gewünschten Informationen bis zum gesetzten und verlängerten Termin nicht übermitteln konnten, erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer geeignete Fotos lieferte, kam schnell in die engere Auswahl. Im Blick auf den zur Verfügung stehenden Platz galt es, Schwerpunkte zu setzen: Oratorien, Orgeln, Posaunen und Rock/Musicals. Damit werden an erster Stelle besonders aufwendige Projekte genannt. Aber auch weitere Aspekte wie musikalische Wiederentdeckungen finden Berücksichtigung. Zu den Jubilaren 2018 gehören in diesem Jahr Gioachino Rossini (150. Todestag) und Leonard Bernstein (100. Geburtstag). Da in vielen Gemeinden die Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Bach längst eine feste Größe ist, wurde bei der Nennung der Höhepunkte darauf verzichtet. Zu kurz gekommen sind die Orgelkonzertreihen und Orgel-Festivals, wie der 10. Internationale Pößnecker Orgelfrühling (3. bis 10. 6.), der Internationale Orgelsommer an der Wenzelskirche in Naumburg (6. 7. bis 31. 8.), die Orgelwochen des Kirchenkreises Haldensleben-Wolmirstedt (25. 8. bis 23. 9.) oder die Lauchaer Orgeltage (19. bis 22. 9.), die wir zu gegebener Zeit näher vorstellen werden. Das Foto oben zeigt die Eilert-Köhler-Orgel in der Kreuzkirche im südthüringischen Suhl.

Foto: Steffen Wolf

Foto: Steffen Wolf

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Christlich-jüdischer Dialog: EKM vergibt erstmals Werner-Sylten-Preis

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Foto: Paul-Philipp Braun

Foto: Paul-Philipp Braun

Der Werner-Sylten-Preis für besondere Anstrengungen im christlich-jüdischen Dialog ist zum ersten Mal verliehen worden. Preisträger der mit je 750 Euro dotieren Auszeichnung sind die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland und der »Arbeitskreis gegen das Vergessen« aus Bibra (Kirchenkreis Meiningen).

Das ausgezeichnete Programm der Schulstiftung widmet sich der Frage, wie christlich-jüdischer Dialog auf Schulebene aussehen kann. Der Arbeitskreis in Bibra hat es sich zur Aufgabe gemacht, jüdisches Leben im Dorf zu entdecken, der Opfer zu gedenken und Begegnung zu fördern. (v. l. n. r.) Lehrer Jürgen Junker und die Schüler des Evangelischen Ratsgymnasiums in Erfurt Justin, Henriette, Lucca; der Arbeitskreis aus Bibra: Hartwig Floßmann, Dagmar Winkel, Karl Stockmann, Mimi Floßmann, Pfarrer Michael Schlauraff.

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Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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