Überzeugungsarbeit notwendig

23. Januar 2017 von redaktionguh  
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Mitteldeutsche Landeskirche stellt Schwerpunkte
der Arbeit im Reformationsjahr vor

Zum traditionellen Kamin-Gespräch hatten die Landesbischöfin sowie die Präsidentin und die Dezernenten des Landeskirchenamtes Vertreter der Medien in Sachsen-Anhalt nach Magdeburg und einen Tag später thüringer Journalisten nach Erfurt eingeladen. Dass die Besucher ohne knisterndes Kaminfeuer auskommen mussten, lag daran, dass in Magdeburg wegen des großen Interesses das Gespräch in einen größeren Raum verlegt werden musste. In Erfurt gibt es gar keinen Kamin.

Rund 14 Millionen Euro für Lutherdekade
Die Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr bildeten den Schwerpunkt der Abende. Rund 14 Millionen Euro gibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die sogenannte Lutherdekade aus. Davon fließen acht Millionen Euro in Investitionen – wie Bau- und Restaurierungsvorhaben in den Lutherstädten Eisleben und Wittenberg sowie in Mansfeld oder Weimar. Bis Ende November 2016 wurden bereits 6,66 Millionen Euro vergeben. Durch Eigenmittel der Kirchenkreise und -gemeinden sowie Drittmittel – beispielsweise von Bund, Ländern oder Stiftungen – wird hier ein Gesamtprojektvolumen von knapp 57,8 Millionen Euro erreicht.

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Nachhaltige Investitionen für Kirchengemeinden
In Projektförderungen fließen knapp 1,4 Millionen Euro. Ein Beispiel hierfür ist die Ausbildung von Gästebegleitern zur Lutherdekade mit dem Titel »Lutherfinder«. Im Vorfeld der Dekade hatte die EKM eine interne Projektliste mit 55 kirchlichen Vorhaben erstellt. Kriterien waren nicht nur die reformationsgeschichtliche Bedeutung, sondern auch Standortkonzepte, Fördermöglichkeiten, Eigeninitiativen oder Folgekosten. Für die »Kirchentage auf dem Weg« in Erfurt, Halle und Eisleben, Jena und Weimar sowie Magdeburg und weitere Beiträge zum Reformationsjubiläum sind rund 3,4 Millionen Euro veranschlagt, für das EKM-Projektbüro »Reformationsjubiläum« knapp 1,3 Millionen. Landesbischöfin Ilse Junkermann sagte, dass durch die restaurierten Gebäude und Kunstwerke etwas Bleibendes in den Gemeinden entstanden sei.

Von dem im Herbst 2015 anvisierten Ziel, 2017 fast alle Kirchen und Kapellen in der EKM zu öffnen, müsse sie abrücken. »Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig«, so die Landesbischöfin. Die Entscheidung, wie lange eine Kirche geöffnet werde, fälle der jeweilige Gemeindekirchenrat. Aber das »fällt zum Teil sehr, sehr schwer«.

Ernüchterndes Ergebnis vorgestellt
Der Stand 2015: Nur etwa drei Prozent der 4030 Kirchen und Kapellen waren »verlässlich geöffnet«; weitere zwölf Prozent wurden auf Verlangen auf- und wieder zugeschlossen. Angst vor Vandalismus und Diebstahl spiele eine große Rolle. Die Rückmeldungen einer Umfrage vom Oktober 2016 (mit nur acht Prozent Beteiligung) ergaben unter anderem, dass 34 Prozent der Kirchen geöffnet sind, die Hälfte jedoch nur im Sommer. Für die Landesbischöfin ein ernüchterndes Ergebnis. Ilse Junkermann will aber weiter für die Kirchenöffnung werben und hofft hier auf eine Art »Welleneffekt«, basierend auf Überzeugungsarbeit, Beratungsangeboten und guten Erfahrungen.

Angela Stoye

Keine Sorge, die Beter sterben nicht aus

9. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Zu einer Woche des Gebetes über Konfessionsgrenzen hinweg ruft die Weltweite Evangelische Allianz zum 171. Mal in der zweiten Januarwoche auf. Harald Krille sprach darüber mit Michael Eggert, Pfarrer der EKM und Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Herr Eggert, man hatte in den vergangenen Jahren manchmal den Eindruck, dass die Allianzgebetswoche so eine Art Auslaufmodell ist und die letzten treuen Beter allmählich weg­sterben …
Eggert:
Ich kann Sie beruhigen: Die Angst, dass die Beter aussterben, ist unberechtigt. Denn Gott erweckt sich stets neue Beter. Das sehen wir auch in der Allianz im Bereich von Mitteldeutschland, den ich überblicke. So gibt es beispielsweise hier in Weimar wirklich sehr viele Menschen und Gruppen, die das Gebet für die Stadt und die Gemeinde Jesu auf dem Herzen haben. Ich habe selbst erlebt, wie ein koreanischer Dirigent, der Christ ist, das erste Mal nach Weimar kam, aus dem Bahnhof trat und sagte: »Ich fühle, dass diese Stadt voller Gebet ist.«

Grafik: G+H

Die 1846 in London gegründete Evangelische Allianz verstand sich von Anfang an als konfessions- und denominationsübergreifende Einigungsbewegung. Getragen wurde und wird sie von Einzelpersönlichkeiten aus verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften. Eines der wichtigsten Anliegen war von Beginn an das gemeinsame Gebet, zu dem bereits bei der Gründungsversammlung aufgerufen wurde. In mindestens 71 Orten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sowie der anhaltischen Kirche treffen sich nach den Recherchen von »Glaube + Heimat« und der regionalen Allianzbeauftragten in der kommenden Woche Christen zum gemeinsamen Gebet. Sollte Ihr Ort nicht dabei sein, so liegt dies daran, dass er weder uns noch der Allianz bekannt war. Bitte melden Sie sich in diesem Fall in der Redaktion, Telefon: (0 36 43) 24 61-20. (Grafik: G+H)

Ich glaube, dass Gebet das entscheidende Fundament unseres Glaubens und Wirkens als Christen ist und dass deshalb auch die Allianzgebetswoche kein Auslaufmodell, sondern nach wie vor ein Zukunftsmodell ist. Es gibt meines Wissens keine andere christliche Veranstaltung, die seit 171 Jahren in dieser Weise jährlich stattfindet. Das ist einmalig und zeigt, dass hier der Kern unseres Glaubens verankert ist.

Nun ist Weimar eine größere Stadt mit internationalem Flair – aber wie sieht es in der Fläche aus?
Eggert:
Als Mitglied im Hauptvorstand der Allianz nehme ich am sogenannten »Kon-Takt-Programm« teil. Dabei geht es darum, Kontakt zu den örtlichen Allianzarbeiten in einem ganz bestimmten geografischen Bereich zu halten und sie nach Möglichkeit zu unterstützen. Und da habe ich herausgefunden, dass es den einen oder anderen Ort gibt, in dem es die Gebetswoche oder überhaupt die Allianzarbeit nicht mehr gibt, weil sie an einzelnen Familien oder Personen hing. Dafür hab ich aber andere aufgespürt, die wir bisher noch gar nicht im Blick hatten. Und dafür bin ich sehr dankbar. Die Allianzarbeit lebt, nicht nur in Weimar.

Wer trägt eigentlich die Gebetswoche in den Orten? Wer ist Allianz?
Eggert:
Die Allianz ist ja ein Netzwerk. Es gibt keine Mitgliedschaft. Es sind die, die das Gebet auf dem Herzen haben und denen die Einheit der Christen wichtig ist. In Thüringen ist es oft so, dass die Leiter oder Vorsitzenden der Landeskirchlichen Gemeinschaften in die Verantwortung eintreten und federführend sind. Aber einige Leiter sind auch in anderen Kirchen tätig. In Erfurt beispielsweise trägt der Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde die Verantwortung. Und es gibt ganz viele Ehrenamtliche, die etwa die Gebetswochen organisieren.

Der Name Evangelische Allianz klingt so, als ob nur Protestanten teilnehmen können.
Eggert:
Mitmachen kann jeder, der die Grundsätze der Allianzarbeit befürwortet. In vielen Orten in Deutschland arbeiten auch katholische Christen in der Allianzarbeit mit, kommt man zu Gebetsabenden in katholischen Gotteshäusern zusammen, so auch in Weimar seit einigen Jahren. Hier ist auch die einzige russisch-
orthodoxe Gemeinde Thüringens mit dabei. Zu den Abenden der Allianzgebetswoche können wir zwar nicht in die orthodoxe Kirche, weil der historische Friedhof, auf dem sie liegt, abends verschlossen wird. Aber der orthodoxe Priester beteiligt sich seit einigen Jahren an den Abenden. Und einmal im Jahr sind wir in unserer monatlichen Reihe »Gebet für Weimar« auch in der orthodoxen Kirche zu Gast.

Wie läuft so ein Gebetsabend konkret ab? Werden da Gebete verlesen oder muss jeder frei beten?
Eggert:
Ein Gebetsabend verläuft in der Regel so, dass es nach einer Begrüßung und möglicherweise dem Grußwort des Gastgebers meistens Musik gibt, einige Lieder gesungen werden oder sich auch Chöre beteiligen. Es folgen ein kurzes Wort, also eine Andacht zu dem jeweils vorgegebenen Thema sowie Informationen zu konkreten Gebetsanliegen.

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Und dann gibt es die eigentliche Gebetszeit. Die wird vollkommen unterschiedlich gestaltet. In größeren Räumen und bei vielen Teilnehmern ist es in der Regel so, dass man kleine Gruppen bildet. Da ist dann auch Raum für das freie Gebet. Doch die Verantwortlichen haben auch die Freiheit, formulierte Gebete vorzutragen, und die Gemeinde betet dann in der Stille. Es gibt da keine festen Regeln. Es gibt nur die Regel, dass man das, was der Gastgeber oder der Verantwortliche tut, mit vollzieht.

Sie sprachen von thematischen Vorgaben, wer erstellt die?
Eggert:
Diese Vorgaben werden jedes Jahr von der Deutschen Evangelischen Allianz erarbeitet, in einem Begleitheft zusammengefasst und auf Anforderung an die Gebetsorte verschickt. So kann sich jeder schon vorher über die Themen der Abende und die Gebetsvorschläge informieren. Aber es steht auch frei, eigene Schwerpunkte einzubringen. Wenn wir beispielsweise im Weimarer Rathaus oder in der Stadtverwaltung sind, beten wir natürlich auch für die Stadt, selbst wenn es an diesem Abend nicht im Heft steht.

Was ist dieses Jahr thematischer Schwerpunkt?
Eggert:
Das Oberthema in diesem Jahr heißt »Einzigartig« und greift die vier »Sola« der Reformation auf: allein Christus, allein die Bibel, allein die Gnade und allein der Glaube. Die werden in den Mittelpunkt gerückt.

Wie fromm muss man sein, um zur Allianzgebetswoche zu gehen?
Eggert:
Fromm ist ein schwieriger Begriff, der ja meist sehr unterschiedlich gefüllt wird. Ich denke: Jeder, dem es ein Anliegen ist, vor Gott für die Welt, für seine Gemeinde und für die Einheit der Christen einzutreten, der sollte kommen. Es ist ja oft so, dass Mitglieder unserer Landeskirche das freie Gebet nicht so kennen. Deshalb: Jeder kann und soll an den Abenden so beten, wie es ihm selbst gemäß ist. Gern laut, aber ebenso gern im Stillen. Wichtig ist allein, dass wir nicht nur über das Gebet reden, sondern es auch tun.

Das Christusbild in der Kunst

6. Januar 2017 von redaktionguh  
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»Diese Ausstellung hätten viele gerne zum Reformationsjubiläum gehabt«, freut sich Hans Jürgen Giese.

Der umtriebige Geschäftsführer vom Kunsthaus Apolda Avantgarde ist stolz, dass es ihm gelungen ist, die begehrten druckgrafischen Arbeiten aus der Sammlung der Stiftung Christliche Kunst der Lutherstadt Wittenberg gleich zu Beginn des Reformationsjahres zeigen zu können.

130 der mehr als 400 Werke umfassenden Sammlung des Stifterehepaars Gisela Meister-Scheufelen und Ulrich Scheufelen sind vom 15. Januar bis 26. März in Apolda zu sehen, darunter Arbeiten von Gauguin, Corinth, Beckmann, Rouault, Dix, Beuys, Rauschenberg oder Haring.

Die Ausstellung biete damit einen umfassenden und variationsreichen Überblick über das Christusbild in der Kunst der letzten 140 Jahre, so Tom Beege, der zusammen mit Andrea Fromm die Ausstellung kuratiert. Die Grafiksammlung zu religiösen Themen mit Arbeiten international bedeutender Künstler des späten 19. Jahrhunderts bis in das 21. Jahrhundert hinein scheint ein Herzensanliegen des baden-württembergischen Stifters und Papierfabrikanten Scheufelen zu sein. »Jesus ist in all seinen Facetten Vorbild für mich«, erklärt er in der Zeitung »Die Welt«. Luther ist eine seiner Lieblingsfiguren.

Keith Haring, Untitled, 1982. Foto: Keith Haring Foundation

Keith Haring, Untitled, 1982. Foto: Keith Haring Foundation

Das würde Hans Jürgen Giese so nicht behaupten. Doch seit der Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« mit Exponaten der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin ist er begeistert von der Vielfalt religiöser Motive im Expressionismus. Auch wenn die meisten Künstler, deren Werke bei »Jesus Reloaded« ausgestellt sind, nicht zu Gläubigen im traditionellen Sinne zählen, regen sie Christen wie Nichtchristen gleichermaßen an, sich mit der Figur des Jesus von Nazareth zu beschäftigen.

Der Kirchenkreis Apolda-Buttstädt und die Kirchengemeinde in Apolda bringen sich in Begleitveranstaltungen ein. Dabei soll eine Verbindung zwischen der künstlerischen und der christlichen Botschaft hergestellt werden. Landesbischöfin Ilse Junkermann ist nicht nur Schirmherrin der Ausstellung, sondern wird über den Impressionisten Lovis Corinth und sein Werk »Kreuztragung« sprechen. Als Kirchenzeitung präsentieren wir drei Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung. »Wort zur Woche«-Autor Alf Christophersen, der stellvertretende Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und Studienleiter für Theologie, Politik und Kultur, widmet sich den Inkarnationsprozessen – Mensch und Gott bei Beckmann und Beuys.

Der Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen, beleuchtet das Verhältnis der modernen Kunst zum Protestantismus. Mit dem Künstler Johannes Stüttgen kommt sogar ein Meisterschüler Joseph Beuys’ nach Apolda. Stüttgen, der bei Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt, katholische Theologie studierte, hat seinen Vortrag »Joseph Beuys und Jesus Christus« betitelt.

»Jesus Reloaded«, also Jesus und seine Botschaft zu aktualisieren, die Bibel in verständlichem Deutsch zu übersetzen, darum ging es vor 500 Jahren, und das ist eine Chance im Reformationsjahr 2017. Auch die Jahreslosung könnte man dahingehend auslegen. Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Die Erneuerung von Herz und Sinn ist sowohl Wesen der Kunst als auch des Glaubens.

An öffentlicher Akzeptanz fehlt es mitunter beiden Seiten. In dem Gemälde »Der gelbe Christus« von 1889 malt sich Paul Gauguin selbst als Gekreuzigten. Er hatte das Gefühl, dass die Menschen seine Kunst, ebenso wie die Heilsbotschaft des gekreuzigten Christus, ablehnten.

Apolda steht in diesem Jahr mit einem weiteren Ereignis im Blickpunkt. Die Glockenstadt richtet die vierte Landesgartenschau in Thüringen aus. Neben dem Thüringentag und dem Weltglockengeläut wird »Gottes Gartenhaus« auf dem Landesgartenschaugelände in der Herressener Promenade ein Anziehungspunkt sein.

Vom 29. April bis 24. September präsentieren sich am Ufer des Friedensteichs die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und andere kirchliche Gruppen mit einem überkonfessionellen Angebot.

Willi Wild

www.kunsthausapolda.de

Warum der Zeh des Engels in Marias Ohr steckt

24. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Johannes 1, Vers 14

Die Christenlehrekinder hatten Bilder gemalt. Nun hingen die Bilder schön geordnet an der Wand im Pfarrhaus, und ich konnte sie jedes Mal sehen, wenn ich durchs Treppenhaus lief.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Eines spricht mich besonders an: Zunächst ist alles drauf, was zu einem ordentlichen Weihnachtsbild gehört. Maria und Josef stehen links und rechts neben der Krippe. Ein Engel ist dabei und über allem leuchtet der Stern und zeigt: Hier wird Gott Mensch, Christus ist geboren. Der Engel schwebt majestätisch über dem Paar, auf dem Kopf einen Heiligenschein – ein besonders heiliger Engel für einen besonders Heiligen Abend. Und … der Engel steht auf Marias Ohr. Ja! Wenn Sie das Bild sehen könnten, ach was, natürlich sehen Sie das Bild bereits vor Ihrem inneren Auge: Der Engel steht mit seinem linken Fuß direkt auf Marias rechtem Ohr. Maria hält den Kopf ein wenig schief – dem himmlischen Boten entgegen. Warum aber steckt der Engel seinen großen Zeh direkt in Marias Ohr? Sehr einfach: Er hält Maria die Ohren zu!

Wer Gottes Stimme, wer die Botschaft hören will, braucht Stille. Wer offen sein will für Gottes Willen, für sein Wort, der muss das menschliche Gelärm auch mal außen vor lassen können. Wenn Gott spricht, ist das nicht ein alles niederstreckendes Brüllen, sondern ein alles aufrichtendes Flüstern.

Gott wird Fleisch im Leisen, im Schwachen – im Kind in der Krippe. Wer ihn hören will, suche die Stille und erwarte sein Wort. Das Herz hört mitunter genauer als das Ohr. Unsere Ohren sind lärmstrapaziert – deshalb spricht Gottes Geist das Herz an. Gott kommt leise. Der Engel hält Maria das Ohr zu, damit das Herz hören kann. Be-Geistert, beseelt wird sie durch sein Wort.

Das »äußere Wort« von der Menschenfreundlichkeit Gottes wird zum »inneren Wort« der Gewissheit: »Das Wort ward Fleisch!«

Der Engel sagt es aller Welt: Solche Freude verkündige ich euch. Das Wort ist euch geschenkt. Das kann nur der hören, dem ich die Ohren zuhalten darf. Macht eure Herzen auf! Es ist Weihnachten.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin am Landeskirchenamt der EKM in Erfurt

Neuer Verband für Mitarbeiter

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Interessenvertretung: In Erfurt hat sich der Verband kirchlicher Mitarbeitender in der EKM (VKM) gegründet. Damit gibt es jetzt neben dem Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretung (GAMAV) einen zweiten Arbeitnehmerverband.

Wir wollen den Einzelnen vor Ort arbeitsrechtlich vertreten und auch das Gesamtarbeitsrecht in Mitteldeutschland mitgestalten«, erklärt der Vorstandsvorsitzende Markus Böttcher. Mitglieder im neugegründeten Verband können alle Angestellten der Landeskirche sowie Mitarbeitende aller Berufsgruppen im Bereich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, der Evangelischen Landeskirche Anhalts und ihrer diakonischen Einrichtungen werden. Geistliche können laut Satzung nicht Mitglied sein. Der »Verband kirchlicher Mitarbeitender« (VKM) ist kein Novum. Vorbilder hat er bereits in anderen Landeskirchen in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Hessen.

Die Diakonie Mitteldeutschland ist mit 30 000 Mitarbeitern und 1 700 Einrichtungen in Thüringen, Sachsen-Anhalt einer der größten Arbeitgeber in Mitteldeutschland. Die Wohlfahrts­organisation begrüßt die Initiative der VKM-Gründer. »Wir freuen uns über das Interesse und die Initiative, den ›Dritten Weg‹ (siehe Info-Kasten) zu stärken«, sagt Pressesprecher Frieder Weigmann. Laut Weigmann sei mit dem VKM ein potenzieller Partner in der Arbeitsrechtsetzung entstanden.

Beratungsgremium beim sogenannten Dritten Weg ist die Arbeitsrechtliche Kommission, die in der EKM aus fünf Vertretern der Dienstgeber und fünf Vertretern der Dienstnehmer besteht. Davon besetzen drei Plätze die GAMAV, und zwei Plätze sollten von einem Verband oder einer Gewerkschaft besetzt werden. Ist das nicht der Fall, übernimmt die GAMAV diese Plätze.

Der Vorstand des VKM: Robert Brandt, stellvertretender Vorsitzender, Chris Roth, Kassenwart, und Markus Böttcher, Vorsitzender (v. li.) Foto: Diana Steinbauer

Der Vorstand des VKM: Robert Brandt, stellvertretender Vorsitzender, Chris Roth, Kassenwart, und Markus Böttcher, Vorsitzender (v. li.) Foto: Diana Steinbauer

»Bisher gab es hier eine Leerstelle, weil kein anderer Verband in der Landeskirche existierte«, erklärte Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Leiter des Fachgebiets Diakonie im Landeskirchenamt der EKM. Er begrüßt die Entstehung des VKM als selbstständigen Verband der Mitarbeitenden. »Meine Hoffnung ist, dass durch diesen Verband Bewegung in die arbeitsrechtlichen Verhandlungen kommt, die in der altbewährten Form oft in Frage stehen«, so Fuhrmann. Es gehe dabei nicht nur um Tarife, sondern auch um die Beteiligung der Mitarbeitenden und die inhaltliche christliche Profilbildung. »Die Vielfalt der Betrachtungsweisen ist wichtig, um die Zukunft konstruktiv anzugehen«, betont Fuhrmann.
Die arbeitsrechtlichen Verhandlungen seien, so bewertet es der VKM, in den letzten Jahren festgefahren. Die Gesamtmitarbeitervertretung GAMAV führe keine Entgeltverhandlungen, sondern strebe für die Beschäftigten eine Tariflösung an. »Tarifverträge wollen wir als VKM nicht. Da es in Ostdeutschland keinen Tarifvertrag im Bereich der Kirche gibt, der besser ist als einer, der über den ›Dritten Weg‹ zustande gekommen wäre«, erklärt Markus Böttcher. Er und seine Mitstreiter glauben, dass dieser Weg funktioniere und auch von den Mitarbeitenden gewollt sei.

GAMAV-Vorsitzende Edda Busse, bewertet dies anders: »Gerade auch durch die letzte Umfrage ist ganz klar zutage getreten, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden eine tarifliche Lösung wünscht.

Darum bleiben wir auf diesem Weg.« Sie sieht den neugegründeten VKM nicht als Konkurrenz. »Der Gesamtausschuss ist gesetzlich gewollt und verankert. Er hat eine ganz andere Gewichtung und Akzeptanz als ein eigenständiger Verband.« Das sieht auch ihr Stellvertreter Manfred Quentel so: »Die Mitarbeitervertretung wird in einem stufenweisen demokratischen Verfahren gewählt. Sie hat besondere und festgelegte Rechte und Aufgaben. In Verhandlungen mit Arbeitgebern können wir ganz anders Einfluss nehmen, als ein Verband von außen das kann.« Er sieht die Gefahr einer Spaltung der Mitarbeiterschaft, die den Arbeitgebern nicht ungelegen sein könnte. Die Abkehr vom zweiten Weg, also der tariflichen Einigung, sei die falsche Zielsetzung.

Mindestens 300 Mitglieder braucht der neue Verband, um Vertreter in die arbeitsrechtliche Kommission der EKM schicken zu können. Eine Marke, die der Verband bis 2018, der Neubesetzung der arbeitsrechtlichen Kommission, erreichen möchte.

Diana Steinbauer

Der Dritte Weg
Das Arbeitsvertragsrecht der Kirchen, das die Grundlagen des Tarifsystems abweichend vom geltenden Tarifvertragsrecht regelt, wird als Dritter Weg bezeichnet. Anstelle einer selbstständigen Setzung durch den Arbeitgeber (Erster Weg), wie bei Beamten oder einer Übernahme des Tarifvertrags­systems (Zweiter Weg), besagt der Dritte Weg, dass die Grund­lagen des Arbeitsverhältnisses in Richtlinien von kirchlichen Gremien festgelegt werden. Diese sind paritätisch aus gewählten und weisungsungebundenen Vertretern der Mitarbeiter und Vertretern der Dienstgeber besetzt.

Volksmusik und -kirche

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Er war der unbestrittene »King of the Kings« der DDR-Volksmusikszene: Herbert Roth wäre am 14. Dezember 90 Jahre alt geworden. Dank der Schallplatte und des DDR-Fernsehens bin ich mit ihm und seinen Liedern quasi aufgewachsen. Mein Vater war absoluter Volksmusik-Fan und der heute noch in meinem Besitz befindliche Stapel seiner Vinylscheiben bringt etliche Kilo auf die Waage. Für mich als 14-, 15-Jährigen war es vor allem peinlich, wenn aus unseren Fenstern wieder und wieder das »Rennsteiglied« oder »Kleines Haus am Wald« auf die Straße drang. Inzwischen kann ich die Lieder auf der Basis der »versöhnten Verschiedenheit« tolerieren.
Was freilich kaum jemand weiß: Der gefeierte Suhler Barde, der nicht nur Volkslieder komponierte und sang, sondern unter Pseudonym auch so manchen DDR-Schlager schuf, der Träger der »Ehrenmedaille der Nationalen Front« und des »Vaterländischen Verdienstordens der DDR« in Gold, war und blieb Zeit seines Lebens Mitglied der evangelischen Kirche, wie mir seine Tochter Karin Roth bestätigte. Und zahlte damit bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1983 auch so manches nette Sümmchen an Kirchensteuern.
Die Familie von Herbert Roth verließ allerdings nach seiner Beerdigung die Kirche. Der Anlass ist aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar: Weil die offizielle Trauerfeier in Anwesenheit von DDR-Oberen als »weltliche« Feier firmierte, verweigerte die Kirchengemeinde damals das von Roth ausdrücklich gewünschte Glockengeläut.
Wie sich manche Menschen an Musikstilen reiben, reiben sich andere an der Kirche. Das ist leider bis heute so. So erklärte erst jüngst ein prominentes Mitglied der EKM gegenüber der Landesbischöfin seinen Austritt (siehe Seite 5).

Harald Krille

Im wahrsten Sinne des Wortes: ein Ausrufezeichen!

17. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Philipper 4, Verse 4–5

Wenn es Allergien gegen grammatikalische Formen gäbe – ich hätte eine: gegen Imperative! Sobald solch eine Form auftritt, gehe ich auf Distanz. Sätze, die mich meinen und mit einem Ausrufezeichen enden, sind mir suspekt. Übertreibt es der Wochenspruch nicht gerade darin gewaltig? Vielleicht rettet mich ja das Wochenlied. Ich schlage auf, Evangelisches Gesangbuch (EG) 9, und beginne summend »Nun jauchzet all ihr Frommen!« Darf das wahr sein? Gibt es denn keine Botschaft für den 4. Advent, die mir das Wort anders öffnet als durch Ausrufezeichen?

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Nein, ich werde mich dem nicht entziehen. Also – alles auf Anfang. Mühevoll überwinde ich die erste Befehlsform wie ein Hindernis. Doch als ich mich darüber hinweggequält habe, geht der Weg weiter. Wohin führt er? Über garstige Felsen doppelter Verstärkung (»und abermals«) und undurchdringliches Gestrüpp dringender Unterstreichung (»sage ich: freuet euch!«) direkt zu …

Direkt zu einer Oase! Wie ein Garten tut sich das Ziel grünend und blühend vor mir auf: »Der Herr ist nahe!« Langsam hebt sich der Schleier: Die Aufforderung »Freuet euch!« des Wochenspruchs ist nicht um ihrer selbst willen verstärkt. Sie ist ein Deuter, eine Botschaft in der Botschaft, ein Hinweis auf das Ziel. Wie oft verstelle ich mir den Blick, wie oft stehe ich anderen im Sichtfeld – wie häufig gerät mir das Wesentliche aus dem Fokus. Das Vorletzte schiebt sich vor das Letzte. Und eben darum, weil mein Sichtfeld so eingeschränkt, so begrenzt, so ausschnitthaft ist, meint dieser (!) Imperativ mich: Freue dich! Du bist gemeint: Der Herr ist nahe! Welch eine Aussicht! Stück für Stück wird aus dem Ahnen ein Schauen.

»Er wird nun bald erscheinen in seiner Herrlichkeit und alles Klag und Weinen verwandeln ganz in Freud. Er ist’s, der helfen kann; halt eure Lampen fertig und seid stets sein gewärtig, er ist schon auf der Bahn.« (EG 9, Vers 5) Summend lasse ich den Imperativ passieren: »Freuet euch!« Ja, ich freue mich auf ihn!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Verantwortliche Finanzplanung

29. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Finanzbericht: Kirchensteuer, Finanzausgleich, Staatsleistungen. Die Einnahmenseite in der EKM entwickelt sich gut. Trotzdem bremst der Finanzdezernent die Euphorie.

Auch wenn der EKM im kommenden Jahr allein über die Netto-Kirchensteuereinnahmen eine Million Euro mehr als vorgesehen zufließen, sei das rettende Ufer noch längst nicht erreicht, so Stefan Große. »Die Struktur unserer Einnahmen ist noch immer fragil«, warnt der Oberkirchenrat. Die Landeskirche finanziere sich nur zu 55 Prozent aus eigenen Kirchensteuereinnahmen. Die andere Hälfte stamme aus dem Finanzausgleich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Staatsleistungen. Um den Finanzausgleich nicht zu gefährden, gelte es, den EKD-Solidarpakt auch in Zukunft einzuhalten. Die Mindeststandards einer verantwortlichen Finanzplanung müssten weiter erfüllt werden. Auch sei die Versorgungslücke der Vergangenheit noch nicht geschlossen, erläuterte der Finanzdezernent. Bis 2019 seien die neuen Stellenbemessungskriterien im Verkündigungsdienst umzusetzen. Die EKM stehe dadurch vor »zwingenden Kürzungen, auch im landeskirchlichen Bereich«.

Fotos: epd-bild; Claudia Hautumm/pixelio.de; Tim Reckmann/pixelio.de; EKD – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Fotos: epd-bild; Claudia Hautumm/pixelio.de; Tim Reckmann/pixelio.de; EKD – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Und so Große weiter: »Mit dem Haushalt 2017 wollen wir die Finanzierung der Aufgaben von Heute mit der Schaffung von finanziellen Spielräumen für Morgen zusammenbringen.« Die Kirchensteuereinnahmen sollen für Investitionen beispielsweise in den Schulinvestitionsfonds und die Gemeinde-Erprobungsräume genutzt werden. Der kirchlichen Basis kommen direkt 121,7 Millionen Euro zugute.

Insgesamt sieht der Haushalt rund 76,5 Prozent der Plansumme für die Kirchenkreise und Kirchengemeinden vor. Der Landeskirche mit ihren Werken und Einrichtungen verbleiben damit für ihre Aufgaben rund 20 Prozent der Plansumme.

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

In Zukunft sei allerdings nicht mehr mit einem Zuwachs an Kirchensteuereinnahmen zu rechnen, prognostiziert der Finanzdezernent. Die mittelfristige Finanzplanung zeige, dass momentan der Zenit überschritten sei, und die Kirchensteuer in den nächsten Jahren moderat sinken werde. Im Sommer sagte Große in einem Gespräch mit »Glaube + Heimat«, dass im Jahr 2025 mit etwa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahlern zu rechnen sei. »Damit werden die Einnahmen sinken, und wir müssen die Ausgaben anpassen«, so seine Einschätzung.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode/tagungen

Lieber nicht ganz so quer

21. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Viele Gotteshäuser, wenige Mitglieder in den Gemeinden: Da gilt es umzudenken. Oder auch einmal querzudenken. Dazu ermutigt ein Projekt der Internationalen Bauausstellung Thüringen.

Das Missverhältnis ist beachtlich: Während die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gut 20 Prozent aller Kirchengebäude der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in ihrem Bereich zählt, sind in ihren Gemeinden gerade einmal vier Prozent der deutschen Protestanten Mitglieder. Zu wenige Gläubige, um sich der beinahe ausnahmslos denkmalgeschützten rund 4 000 Kirchen anzunehmen, sie mit Gemeindeleben zu füllen und sie instand zu halten. »Was macht man – aufgeben, umnutzen?«, fragte Kira Soltani Schirazi daher bei einem Workshop in Meiningen.

Vielleicht einmal querdenken. Die junge Architektin aus Berlin gehört zu einem Projektteam, das genau das tut – umdenken, neu denken und auch einmal querdenken. »STADTLAND: Kirche – Querdenker für Thüringen 2017« heißt das Projekt, das 500 Jahre Reformation zum Anlass nimmt, um auf die Zukunft der Kirchen im Freistaat zu blicken. Als Projektträger kooperieren die EKM und die IBA, die Internationale Bauausstellung Thüringen. Den ganzen Sommer über wurden in den Thüringer Gemeinden Ideen gesammelt, so auch in Meiningen.
Wie sich die Nutzung einer Kirche wandeln lässt, dafür hatte Kira Soltani Schirazi einige Beispiele, vor allem aus dem Ausland, mitgebracht. Bilder von Kirchen, die nun Bibliotheken sind oder Schwimmbäder oder Skaterhallen. Bilder, die einige ihrer Zuhörer zum Staunen, andere eher zum Schmunzeln brachten, die aber auch manchen im Workshop in Sorge versetzten.

Kirchen sollen Kirchen bleiben – das gilt nicht nur für die Meininger Stadtkirche Unsere lieben Frauen, sondern auch für die drei weiteren Stadtteilkirchen. Was nicht ausschließt, sie für andere Nutzungen zu öffnen. Foto: Harald Krille

Kirchen sollen Kirchen bleiben – das gilt nicht nur für die Meininger Stadtkirche Unsere lieben Frauen, sondern auch für die drei weiteren Stadtteilkirchen. Was nicht ausschließt, sie für andere Nutzungen zu öffnen. Foto: Harald Krille

So quer wollte dann doch nicht jeder darüber nachdenken, was zum Beispiel aus den drei Meininger Stadtteilkirchen werden könnte, die es neben der Hauptkirche noch gibt. Während die Architektin ermunterte, ohne Blick auf die Finanzierung – einige besonders gut quergedachte Projekte fördert die IBA – kühn zu überlegen, blieben die in drei Gruppen aufgeteilten »Querdenker« aus der Meininger Kirchengemeinde zurückhaltend.

Die Kirchen sollen Kirchen bleiben, darin waren sich alle einig. Statt einer kompletten Umnutzung kann es somit nur um ein Sowohl-als-auch gehen: sowohl Gottesdienst als auch weitere Nutzungen. Kombinationen könnten also gesucht werden – ausgehend von den Stärken und Besonderheiten der einzelnen Häuser. Und da muss, wie sich in den regen Debatten herausstellte, gar nicht völlig von vorn mit dem Denken begonnen werden.

Tatsächlich wurde bereits oft quergedacht, je nach den Möglichkeiten der Gebäude. Die Heilig-Kreuz-Kirche als Kirchenneubau aus den 1970er-Jahren zum Beispiel, barrierefrei, modern anmutend, flexibel zu bestuhlen und mit Außengelände, hat bereits einigen Projekten, insbesondere mit Kindern und Schülern, Raum gegeben. Warum nicht dort auch einmal den Religionsunterricht abhalten – Schulen gibt es mehrere in fußläufiger Nähe. Im vergangenen Winter war sie probeweise Winterkirche, also zentraler Gottesdienstort in den kalten Monaten. Was Zuspruch fand.

Und in die Zukunft gedacht? Profile für die jeweiligen Kirchen finden, nicht alles überall anbieten, sich konzentrieren. Zugleich aber auch über die Grenze der Gemeinde hinausschauen, Partnerschaften suchen mit Vereinen etwa, gemeinsam etwas tun für den Stadtteil Meiningen Nord. Das ist nicht ganz so kühn wie eine Schwimmbadkirche, aber es will ja auch nicht jeder gleich baden gehen.

Susann Winkel

Leergut – leer und gut
Die IBA Thüringen konzentriert sich auf fünf Arbeitsschwerpunkte. Eine dieser fünf sogenannten Baustellen heißt »Leergut« und bezieht sich auf Leerstand und dessen Chancen. Hier ist das Projekt »Querdenker 2017« angesiedelt. Den ganzen Sommer über wurden dafür Ideen gesammelt – wie bei dem Workshop in Meiningen. Im Mai 2017 werden alle eingereichten Vorschläge in einer Ausstellung in der Kaufmannskirche Erfurt gezeigt. Drei bis fünf besonders spannende und originelle Vorschläge sollen bis zum IBA-Finale im Jahr 2023 als IBA-Projekte baulich umgesetzt werden.

Grabmäler im Scheckkartenformat

21. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

In Sachsen-Anhalt und seit Neuestem auch in Thüringen sind Bestattungen in Wäldern erlaubt. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es bislang nur einen solchen Waldfriedhof in kirchlicher Trägerschaft. Ein Besuch in Meisdorf (Kirchenkreis Egeln) am Harzrand.

Die Novembersonne kämpft sich durch das Blattwerk. Die bis zu 155 Jahre alten Eichen haben ihr Sommerkleid noch nicht vollständig abgeworfen, golden leuchten die verbliebenen Blätter. Herbstlicht im Gesicht und raschelndes Laub unter den Füßen – doch ein gewöhnlicher Spaziergang ist das nicht. Wer in Meisdorf im Kirchenkreis Egeln gegenüber dem Schlosshotel, gleich am Kriegsmahnmal, in den Wald abbiegt, geht einen besonderen Weg – zum bislang einzigen kirchlichen Waldfriedhof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hier gibt es keine geharkten Wege, keinen gemähten Rasen, keine rechteckig abgezirkelten Grabstätten, keine Lilien und Kerzen, keinen Kirchturm. Hier werden Gräber zu Biotopen und Bäume zu Grabmälern. Erkennbar sind sie an Namenstafeln – weiße Schrift auf schwarzem Grund – im Scheckkartenformat und in etwa zwei Metern Höhe am Baumstamm angebracht.
Erdbestattungen sind nicht erlaubt, Grabschmuck nicht erwünscht. Dennoch liegen Blumen im Laub; Rosen und Hortensien. »Die Menschen wollen ihren Angehörigen nah sein. Auch hier«, sagt Ralf Ziesenhenne. Er ist geschäftsführender Revierförster der Kirchlichen Waldgemeinschaft Wippra, diese verwaltet mehr als 1 000 Hektar Kirchenwald, auch jenen der evangelischen Gemeinde Meisdorf.

Als Partner hat sich die Kirche die Ruheforst GmbH aus Erbach im Odenwald dazugeholt. Das Unternehmen ist nicht Friedhofsträger, das ist die Kirchengemeinde, aber Ruheforst steuert Know-how bei und übernimmt die Werbung.

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Der Waldfriedhof dient der Bestattung und dem Gedenken. Und er ist Stätte der Verkündigung des christlichen Auferstehungsglaubens. So steht es in der Friedhofsordnung. Greifbar wird dies beim Andachtsplatz. Bänke stehen im Halbrund um einen Altar aus drei gekappten Stämmen, im Hintergrund ein großes, schlichtes Kreuz. Trotz kirchengemeindlicher Trägerschaft ist der Waldfriedhof konfes­sionsoffen.

In den seltensten Fällen wird der Meisdorfer Gemeindepfarrer für Trauerfeiern angefragt: Johannes Hesse hat in den vergangenen sechs Jahren drei Menschen auf dem Waldfriedhof bestattet. Es sind weniger die Menschen aus den Dörfern am Harzrand als jene aus den Städten, die sich hier bestatten lassen. Sie kommen aus Quedlinburg, Magdeburg, Halle, Erfurt oder Berlin.

Das mag viele Gründe haben. Praktische: Weil keine Grabpflege nötig ist. Finanzielle, weil nur einmal für einen Zeitraum von 99 Jahren Gebühren anfallen. Pro Baum gibt es zwölf Grabstätten, eine kostet ab 600 Euro. Wer einen ganzen Baum für sich oder seine Familie reservieren möchte, zahlt 3 700 Euro. »Es sind viele mittleren Alters.

Sie wollen vorsorgen«, hat Förster Ziesenhenne beobachtet. Die Menschen, die hierher kommen, beschäftigen sich früh mit der eigenen Sterblichkeit. Viele suchen sich ihren Baum aus.

Susann Biehl, im Landeskirchenamt zuständig für Kirchenwald, ergänzt die Beobachtungen von Förster und Pfarrer. »Es sind auch Menschen, die diesen Naturraum lieben, die in Gottes schöner Schöpfung sein möchten«, sagt die Kirchenoberforsträtin.

Im Meisdorfer Forst werden jährlich zwischen 40 und 50 Menschen bestattet. 270 Eichen sind als Grabstätten eingetragen, eine Erweiterung des bislang fünf Hektar großen Waldfriedhofs ist geplant. Konkrete Pläne für weitere kirchliche Waldfriedhöfe in der EKM sind der Kirchenoberforsträtin nicht bekannt. Es gebe einige interessierte Kirchengemeinden, aber nicht immer passen die Gegebenheiten.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Dennoch möchte die Kirche den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Deshalb hat die EKM die Einrichtung von Waldfriedhöfen auch in Thüringen befürwortet. Der Thüringer Landtag hatte Anfang November das Bestattungsgesetz geändert und auch Waldfriedhöfe erlaubt. Kritik kam seitens der Union, die befürchtet, der Tod werde aus den Dörfern und Städten hinausgedrängt.

Der Kirche ist es wichtig, christliche Prägungen aufrechtzuerhalten. Für Waldbestattungen heißt das, dass der Friedhof als solcher erkennbar ist, dass es einen christlichen Andachtsplatz gibt und keine anonymen Bestattungen, sagt Susann Biehl. Du bist beim Namen gerufen. So ist es im Leben. Und im Tod.

Katja Schmidtke

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