Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Um Schimmels willen! – Mysteriöser Pilzbefall an Orgeln

11. September 2017 von redaktionguh  
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Vor zwei Jahren ist in der EKM eine Online-Umfrage zum Schimmelbefall an historischen und neuen Orgeln gestartet worden. Bei der Befragung ging es zum einen um die Gefährdung der Instrumente, aber auch um gesundheitliche Risiken. Über das Ergebnis sprach Michael von Hintzenstern mit Christoph Zimmermann, dem Orgelreferenten im Landeskirchenamt.

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll.  Foto: Christoph Zimmermann

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll. Foto: Christoph Zimmermann

Wie viele Gemeinden haben sich beteilig und welche Ergebnisse konnten ermittelt werden?
Zimmermann:
Unser Online-Fragebogen wurde für ca. 400 Instrumente aus den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ausgefüllt. Das hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen und freut uns sehr. Es handelt sich dabei um Instrumente mit und ohne Schimmelbefall. Die Umfrage war Teil eines durch die EKM initiierten Forschungsprojektes zu den Ursachen des zugenommenen Schimmelbefalls an Orgeln. Im Ergebnis dieser Befragung wurden etwa 50 Orgeln besichtigt und untersucht. Daraus wurden noch einmal 20 Instrumente für eine vertiefte Untersuchung ausgewählt. Ziel des Forschungsprojektes ist zunächst die Untersuchung der Ursachen für diesen Befall.

Welche Ursachen gibt es?
Zimmermann:
Klar ist, dass die Klimaverhältnisse in der Kirche und speziell in der Orgel eine große Rolle spielen. Wieweit auch die Beschichtungen auf den Oberflächen eine Rolle spielen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Was sollen Kirchengemeinden unternehmen, deren Orgeln von Pilzen befallen sind?
Zimmermann:
Grundsätzlich sind die zuständigen Orgelsachverständigen erste Ansprechpartner zu den Fragen der Orgel. Unser Forschungsprojekt ist noch nicht abgeschlossen. Wir empfehlen zunächst, möglichst keine Eingriffe (Reinigung nur wegen Pilzbefall, Behandlung mit Fungiziden o.ä.) vorzunehmen, sondern die Projektergebnisse abzuwarten. Sinnvoll ist aber, geeichte Messgeräte (Datenlogger) in den betroffenen Instrumenten und Kirchenräumen auszulegen. Die Temperatur- und Feuchtedaten von wenigstens einem Jahr sind für eine Bewertung der örtlichen Klimasituation sehr hilfreich.

Kann man nach dem jetzigen Forschungsstand gesundheitliche Gefährdungen ausschließen?
Zimmermann:
Es hat sich bei unseren untersuchten Instrumenten herausgestellt, dass fast ausschließlich Pilze der Aspergillus-glaucus-Gruppe anzutreffen sind. Von diesen geht im Normalfall keine Gesundheitsgefahr aus. Auch wirken sie nicht holzzerstörend. Bei einer anstehenden Reinigung durch Fachleute sollten diese sich trotzdem mit entsprechendem Schutz ausrüsten, um im Einzelfall eine mögliche allergische Reaktion auszuschließen.

Wie soll in Zukunft – auch bei Baumaßnahmen – mit drohendem Pilzbefall umgegangen werden?
Zimmermann:
Im November findet im Rahmen des Forschungsprojektes ein Kolloquium in Erfurt statt. Dabei werden die bis dahin ausgewerteten Ergebnisse Orgelsachverständigen, Orgelbauern und Kirchenbaureferenten vorgestellt und diskutiert. Dies wird uns hoffentlich in einigen Punkten Klarheit bringen und die Grundlage sein, auf der wir in einem Folgeprojekt auf konkrete Handlungsmuster hoffen.

Durchgehend geöffnet

4. September 2017 von redaktionguh  
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St. Nikolai in Glindenberg an der Elbe gehört seit drei Monaten zu den »Offenen Kirchen«

Ihre Kirche«, heißt es auf der Homepage der Glindenberger Kirchengemeinde. »Für Sie geöffnet« steht auf dem Schild, das am Hauptportal von St. Nikolai zum Besuch einlädt. Es ist ein warmes Willkommen, das offenbart: Dies ist Gottes Haus und die Öffnungszeiten bestimmt er.

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Die Kirche in der Gemeinde im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine jener offenen Kirchen, für die Landesbischöfin Ilse Junkermann als größtes Vorhaben der EKM im Reformationsjahr wirbt. Dem Kirchenältesten Dieter Lomberg ist die Initiative nicht fremd: Als Präses der Landessynode nahm er viele Gedanken aus den EKM-Gremien auf. Sein Vorstoß kam in der Gemeinde gut an. »Ob wir es uns trauen können, die Kirche gar nicht mehr zu verschließen, war schon eine Frage«, blickt Dieter Lomberg zurück. Jeden Tag Aufsichtspersonal und Schließdienst zu organisieren – dafür fühlte sich die Gemeinde mit ihren 160 Gliedern nicht stark genug. Aber man entschloss sich, das Experiment zu wagen mit der Option, »zuzuschließen, falls es gar nicht geht«.

Es geht – das ist das Fazit der ersten drei Monate. Kein Dreck, kein Vandalismus, kein Diebstahl. Die Altarleuchter aus Metall wurden jedoch gegen Exem­plare aus Holz ausgetauscht; nicht minder schick, wie Lomberg versichert. Relativ schnell fanden sich Einträge im Gästebuch und wenn der Kirchenälteste alle paar Tage die Kirche besucht, fallen ihm die abgebrannten Teelichter auf. »Unsere Kirche liegt am Elberadweg, da machen Radtouristen Halt«, hat er beobachtet. Aber auch Einheimische kommen und Menschen, die die Region verlassen haben, aber für ein Klassentreffen zurückkommen oder zur Erinnerung an die Großmutter. Die Bläser nutzen die Kirche inzwischen zum inidviduellen Üben.

Dieter Lomberg will andere Gemeinden ermutigen, zumindest über die Öffnung nachzudenken. Eine pauschale Empfehlung spricht er nicht aus. »Das kann nur individuell entschieden werden«, sagt er. Die Initiative birgt für den Synodenpräses eine große Chance. »Kirchen sind geschützte Räume; Menschen dürfen sich hier angenommen fühlen, egal ob sie an Gott glauben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich zu DDR-Zeiten viele verschiedene Menschen unter dem Dach der Kirche versammelt haben«, sagt Lomberg. Dass es ein Bedürfnis nach Religion gibt, lasse sich ablesen am Boom esoterischer und spiritueller Angebote. Da sei es gut, wenn die Kirche einlade. »Es ist ein Risiko, aber ein positives, wenn Menschen zu uns kommen, mit einem anderen Verständnis, auch mit Forderungen. Gott sagt: Kommt zu mir, und an uns gerichtet: Gehet hin!« Die offene Tür zeigt einen Weg.

Katja Schmidtke

Zugang mit Hindernissen

4. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Kirchen: Wenn die Suche nach dem Kirchenschlüssel zur Odyssee wird

Die Klinke gedrückt, aber die Tür gibt nicht nach. Das ist immer noch die Realität vor mitteldeutschen Kirchentüren. Nicht hineinkönnen, ausgesperrt sein, dieses Gefühl begleitet Gabriele Schwarz seit Juni dieses Jahres bis heute. Sie lebt in Lützen im Kirchenkreis Merseburg, war aber zuvor mehr als 30 Jahre in Eisenach zu Hause. Gern besucht sie die Thüringer Heimat, trifft sich mit ehemaligen Klassenkameraden. Wie auch im Juni. Sie waren im Thüringer Wald unterwegs, gemeinsam wollten sie die historische Kirche von Cabarz, einem Ortsteil von Bad Tabarz, besuchen. Doch die Besichtigung wurde ihnen, laut Frau Schwarz, durch den dortigen Pfarrer verwehrt. Sie seien keine christliche Pilgergruppe und auch nicht alle Kirchenmitglieder, sei die Begründung gewesen. Pfarrer Kai-Philipp Kunze will das so nicht stehen lassen. Er habe mit Frau Schwarz nie gesprochen, doch ein Herr (ein ehemaliger Schulkamerad von Frau Schwarz, Anm. d. Red.) hätte in einem eher groben Ton angefragt und Kunze habe aufgrund von Terminschwierigkeiten leider absagen müssen. Dann habe ein Wort das andere gegeben. Alles Missverständnisse, die bei den Beteiligten jedoch noch nachwirken.

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Wie sich das alles ergeben hat, kann heute nicht mehr vollständig geklärt werden. Der Fall zeigt jedoch, dass es in einigen Regionen der EKM auch im Reformationsjubiläumsjahr immer noch schwer zu sein scheint, in eine verschlossene Kirche zu kommen. Pfarrer Kunze betont, man halte die Kirche in den Sommermonaten drei Tage pro Woche offen. Großen Zuspruch hätte dies aber bisher nicht erfahren. Der Seelsorger macht deutlich, dass eine Besichtigung der Kirche möglich sei. Besucher müssten aber flexibel sein.

»Wir halten die Kirchen offen, aber nicht unbeaufsichtigt«, erläutert der Superintendent des Kirchenkreises Waltershausen-Ohrdruf, Wolfram Kummer. Denn man habe in den Kirchen der Umgebung schon hässliche und
übelriechende Erfahrungen gemacht.

In Dorfkirchen, wo die Identifikation der Bewohner mit der Kirche groß sei, klappe die Öffnung der Kirchen gut. Anderswo hätten sich Kirchenälteste dafür entschieden, gar nicht oder nur an bestimmten Tagen zu öffnen. Die Sorge für die Kirche liege bei den Gemeindemitgliedern, betont Superintendent Kummer. Ihre Anstrengungen müsse man würdigen und die Kraft, die das Engagement fordere.

Das gehe nur behutsam. Und, man müsse die ernst nehmen, die die Last der Verantwortung und der Logistik einer offenen Kirche tragen. Das könnten dann auch immer nur individuelle Lösungen sein.

Der Besuchergruppe um Gabriele Schwarz gelang es dann doch noch, die Kirche von Cabarz zu besuchen. Eine Mitarbeiterin des Heimatmuseums Tabarz vermittelte den Kontakt zu einem Kirchenältesten, der den Besuchern die Besichtigung letztlich ermöglichte. Trotz des guten Ausgangs der Geschichte zeigt das Beispiel Cabarz, dass es mitunter einiger Anstrengungen bedarf, um Einlass zu finden. Und der Fall offenbart die Schwierigkeiten und Hinderungsgründe für eine Öffnung.

Diana Steinbauer

Gott »Hallo« sagen

3. September 2017 von redaktionguh  
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Meine Freundin Anja hat mit Gott nicht viel am Hut. Als wir einmal gemeinsam in Prag waren und den Hradschin besichtigten, fragte sie mich plötzlich mit Blick auf den Veitsdom: »Na, willst du Gott nicht schnell ›Hallo‹ sagen?« Ich wollte tatsächlich und nahm mir eine stille Zeit, während Anja weiter das Gelände erkundete. Sie hatte mein Bedürfnis gespürt, mir eine kurze Auszeit zu gönnen und Gott nahe zu sein, zur Ruhe zu kommen und zu beten.

Viele Menschen haben dieses Bedürfnis, doch oft ist hierzulande an der Kirchentüre Endstation. Wer einen längeren Atem hat, der kommt am Sonntag wieder, doch der, der sich erst hat überwinden müssen, der wird sicher kaum einen zweiten Versuch wagen. Das hat Landesbischöfin Ilse Junkermann klar erkannt. Innerhalb eines Jahres eine fast vollständige Kirchenöffnung für die EKM zu schaffen, das war wohl sehr ambitioniert.

Kirchentüren sperren sich nicht von allein auf. Es sind engagierte Gemeindemitglieder, die für ihre Kirchen und sich auch um sie sorgen. Natürlich könnte man 24 Stunden offen lassen oder aber Beschallungstechnik zurückbauen, liturgische Gefäße, Kunstschätze oder kostbare Kruzifixe wegsperren. Doch gerade bei Letzterem muss man sich im Klaren sein, dass Kirchen dann zwar offen und für jedermann begehbar sind, jedoch das Wesentliche von ihrer Bestimmung verlieren würden.

Nichtsdestotrotz, die Initiative »Offene Kirchen« ist und bleibt eine gute Idee, die es weiter zu verfolgen gilt. Und mit der Zeit und wachsenden Erfahrungen könnte aus der Idee ein echtes Erfolgsmodell werden, das die Kirche im 21. Jahrhundert in unseren Breiten stärker verankert. Vielleicht klappt es ja mit den 95 Prozent bis zum nächsten Reformationsjubiläum.

Diana Steinbauer

Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Auf zu neuen Ufern

28. August 2017 von redaktionguh  
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Leinen los: Mit Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg, traf sich Willi Wild zum Interview an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg«.

Wo halten Sie sich am liebsten auf? Wäre an Deck von »Junker Jörg« ein Lieblingsort?
Kasparick:
Er könnte es werden, weil es hier wunderbar ist, direkt an der Elbe, am Wasser, gegenüber den Elbauen, ein weiter Blick unter freiem Himmel. Ich bin das erste Mal hier.
Mein absoluter Lieblingsort ist allerdings mein Balkon. Ich wohne im zweiten Stock und ich habe abends noch den Blick in die Abendsonne und in die Baumkronen. Ein Platz, an dem ich mich erholen kann, und an dem ich mich auch dem Himmel nah fühle.

Können Sie mit Flusskreuzfahrten etwas anfangen?
Kasparick:
Das weiß ich nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Als Kinder sind wir mit unseren Eltern über den Müggelsee in Berlin geschippert, von Friedrichshagen rüber zum Müggelturm. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Und eine Schiffsreise ans Nordkap haben mein Mann und ich auch einmal gemacht, mit dem Postschiff von Bergen nach Kirkenes. Einer unserer eindrucksvollsten Urlaube.

Nehmen Sie sich im Reformationsjahr Zeit für Urlaub?
Kasparick:
Ja, wenn auch nicht ganz so viel wie in den vergangenen Jahren. Es ist mir wichtig, ein Stück zur Seite zu treten, aufzuatmen und Kraft zu gewinnen. Und wenn es gut organisiert ist, dann klappt das auch in diesem Jahr.

Wo geht es hin?
Kasparick:
Ich werde zum ersten Mal zu Verwandten meines Mannes auf die Nordseeinsel Amrum fahren. Dann will ich mit einer Freundin noch eine Woche in die Provence und Avignon besuchen. Das Gebiet wollte ich schon lange einmal kennenlernen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über das Reformationsjahr von der »Pleite des Jahres«. Wie empfinden Sie das?
Kasparick:
Das kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Sicher, manche Erwartungen haben sich bislang nur zum Teil erfüllt. Aber es gibt ein vielseitiges, interessantes und schönes Angebot. In der Schlosskirche können wir uns über Zulauf nicht beklagen. Manchmal müssen wir sogar die Türen wegen Überfüllung schließen. Es ist bewegend zu sehen, wenn Menschen Tränen in den Augen haben, weil sie an der Wiege ihrer Art zu glauben stehen.

Schade ist, dass die Weltausstellung noch nicht so viele Besucher verzeichnet, wie sie es verdient hat. Aber die Menschen, die da sind, sind begeistert.

Die Schlosskirche war und ist Ihr »Baby«, wenn ich das so sagen darf?
Kasparick:
Ein ziemlich großes Baby, ein altes Baby, ein schönes Kind.

Sie haben sich sehr stark engagiert. Sind Sie stolz auf das, was aus dem Schlosskirchen-Ensemble geworden ist?
Kasparick:
Ich staune, dass es geklappt hat und ein bisschen Stolz ist auch dabei. Ich freue mich, dass die Schlosskirche und das Schlosskirchenensemble so schön geworden sind. Die Schlosskirche ist aber nicht nur mein Baby. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, wie sie nur ein Reformationsjubiläum dieser Größenordnung mit sich bringt. Das Land Sachsen-Anhalt ist daran beteiligt, die Lutherstadt, die Stiftung Luther-Gedenkstätten, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche der Union (EKU) gemeinsam mit dem Predigerseminar als Einrichtung vor Ort.

Sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt bei der Namensgebung des Neubaus.
Kasparick:
Ja, ein Frauenname war mein Wunsch. Da die Schlosskirche mit Männern gut gefüllt ist, sollte eine Frau Namensgeberin sein. Der Vorschlag Christine Bourbeck kam aber von meiner Kollegin, Dr. Gabriele Metzner. Christine Bourbeck war eine der ersten eingesegneten, noch nicht ordinierten, evangelischen Theologinnen in Deutschland und Leiterin des ersten Vikarinnenseminars der EKU. Sie steht auch dafür, dass der Prozess der Reformation weitergeht.

»Reformation geht weiter« – das klingt für manche nach diesem Jahr bedrohlich.
Kasparick:
Das kommt auf die Perspektive an. Die Frage ist: Was feiern wir eigentlich beim Reformationsfest und in diesem Festjahr und was davon kann weitergehen? Welche Bedeutung hat Reformation für uns und unsere Art zu glauben? Es muss nicht sein, dass man nun jedes Jahr drei Ausstellungen plant oder fünf Theaterstücke aufführt. Es geht vielmehr um unser Selbstverständnis als Kirche. Da geht das Gespräch weiter.

Kritiker meinen, die Dekade und das Reformationsjahr sei eine innerkirchliche Veranstaltung geblieben. Sehen Sie das ähnlich?
Kasparick:
Wer kommt eigentlich auf welchem Weg zu solchen Annahmen? Wer will das wie messen? In Wittenberg erlebe ich Folgendes: Hier gibt es in der Stadtgesellschaft eine starke Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Man wäre zwar auf dem Holzweg zu glauben, diese Menschen treten jetzt alle in die Kirche ein und lassen sich taufen. Doch Interesse ist geweckt.
Mein Nachbar meinte, dass es toll sei, was jetzt alles in der Stadt passiert und das könne ruhig immer so sein. Und die Kundenberaterin bei der Sparkasse sagte: »Ich nehm alles mit dieses Jahr. Das erlebt man nur einmal.«
Ja, in Wittenberg sind nur 15 Prozent Mitglied einer Kirche, aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die sich für die kirchliche Arbeit interessieren und sich auch engagieren. Ganz zu schweigen von dem, was das Reformationsjubiläum im Bildungssektor hervorgebracht hat. Es ist immer eine Frage der Perspektive, ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

Sie konnten einige gekrönte Häupter in der Schlosskirche begrüßen. Fällt Ihnen der Umgang mit den Hoheiten leicht?
Kasparick:
Ich habe mich im Vorfeld erkundigt, damit ich protokollarisch nicht in Fettnäpfchen tappe. Erstaunt hat mich, wie unkompliziert der Umgang dann tatsächlich war. Eindrücklich waren die Gespräche mit Königin Margrethe von Dänemark. Wie aufmerksam sie zugehört hat, wie sie gefragt hat, wie theologisch tief auch ihre Fragen waren, das hat mich beeindruckt. Sie hatte mich bei der Gestaltung ihres Altartuchs sogar um Rat gefragt. Ich sollte neben ihr Platz nehmen und dann wollte sie wissen, was ich in ihrer Arbeit sehe.

Da gibt es ein schönes Foto, wo Sie mit der Königin vor dem Altar sitzen.
Kasparick:
Genau, das war die Situation, die ich gerade geschildert habe.

Sie hat Ihnen und Ihrer Familie nach dem Tod Ihres Mannes kondoliert.
Kasparick:
Das fand ich tröstlich. Es hat sie sehr bewegt, dass mein Mann nach all den Vorbereitungen das Reformationsjahr nicht mehr erleben konnte.

Vor etwas mehr als einem Jahr fand der Trauergottesdienst in der Schlosskirche statt. Was würde Ihr verstorbener Mann wohl über den Verlauf des Reformationsjahres sagen?
Kasparick:
Er hätte sich gefreut und zum Beispiel den Kirchentagsgottesdienst auf der Elbwiese gern mitgefeiert. Die Mischung zwischen dem »Asisi-Panorama« und der Avantgarde-Ausstellung gefiele ihm sicher auch gut. Die Grundsteinlegung des »Asisi-Panoramas« hat er ja noch miterlebt. Und jetzt ist daraus ein intergenerationelles Projekt geworden, wo Großeltern mit den Enkeln und Kinder mit den Eltern hinkommen.

Oder der Schwanenteich bei der Weltausstellung Reformation in den Wallanlagen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das waren seine Themen.

Hatten Sie Zeit zu trauern?
Kasparick:
Ich denke schon. Im vergangenen Sommer habe ich mir Zeit genommen. Dabei und danach habe ich erfahren, wie wichtig das Trauerjahr ist. Die Familie, die Schlosskirchengemeinde und Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, standen und stehen mir zur Seite. Auch die Arbeit war mir ein Halt.

Zudem hatten Sie im vergangenen Jahr auch noch den 200. Geburtstag des Predigerseminars zu organisieren.
Kasparick:
Ja, das stimmt. Aber das haben wir im Team gemeistert. Es war eine sehr schöne Aufgabe.

Ich versuche mal den Begriff Predigerseminar zu übersetzen: Dem Nachwuchs zeigen, wie Pfarrer geht?
Kasparick:
(lacht) Das kann man etwas salopp so sagen. Wir begleiten junge Theologinnen und Theologen, auch Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen auf dem Weg in den ordinierten Dienst. Und helfen ihnen, ihre Rolle zu finden und persönlich zu füllen.

Haben Sie den Eindruck, dass die jungen Theologiestudenten wissen, was sie im Pfarrberuf erwartet?
Kasparick:
Das ist unterschiedlich. Einige bringen Gemeindeerfahrung mit. Für manche ist tatsächlich erst im Studium die Erstbegegnung mit Gemeindewirklichkeit erfolgt.

Wir haben in Deutschland, historisch gewachsen, die erste Phase mit der universitären Theologie und dann die zweite Ausbildungsphase in den Kirchen und Gemeinden. In ihr geht es nicht einfach nur um die Vermittlung von »Handwerkszeug«, sondern vor allem darum, Klarheit über die eigene Rolle in einem öffentlichen, geistlichen Beruf zu bekommen. Dazu dient das Gemeindevikariat und wir nehmen die Erfahrungen von dort im Predigerseminar auf. Die Reflexions- und Übungsphasen sind mir dabei ganz besonders wichtig.

Stellen dabei auch angehende Theologen fest, dass der Pfarrberuf doch nichts für sie ist?
Kasparick:
Ja, und das finde ich gut. Es ist auch eine Zeit der Orientierung und Prüfung.

Wie hat sich der Pfarrberuf verändert?
Kasparick:
Er hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder verändert. Ich merke, dass wir jetzt eine neue Generation von Vikarinnen und Vikaren haben. Sie sind leistungsbereit, wissen klar, was sie wollen und stellen vieles infrage, beispielsweise: Inwieweit ist das halböffentliche Leben im Pfarrhaus Familien zumutbar? Wie ist es mit dem Dienstrecht, wenn ein Partner nicht in der Kirche ist? Auch im Predigerseminar hat sich einiges verändert. Bis dahin, dass wir im Moment einen Kurs haben, der auf mitgebrachte Kinder Rücksicht nimmt.

Auf dem Land haben die Pfarrer heute viele Gemeinden zu betreuen. Wie bereiten Sie die Vikare darauf vor?
Kasparick:
Die entscheidende Feld­erfahrung passiert in den Gemeinden. Im Predigerseminar versuchen wir, die sich wandelnden Gemeindeformen aufzugreifen und Entwicklungskonzepte zu reflektieren. Gerade die Erprobungsräume in der EKM sind da ein ermutigendes Beispiel. Wir müssen uns verabschieden von bestimmten Formen und die dürfen auch sterben. Aber wir können auch gemeinsam schauen, wo wächst denn schon etwas Neues.

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Sie werden als Direktorin des Predigerseminars Ende des Jahres verabschiedet. Was wächst da Neues?
Kasparick:
Der Berufungszeitraum von 12 Jahren im Predigerseminar ist um. Die äußeren Bedingungen für einen Leitungswechsel sind günstig. Ich möchte gern noch einmal für zwei Jahre wissenschaftlich arbeiten, passend zu meiner Berufsbiografie im Bereich der neueren Kirchengeschichte.

Aber Sie bleiben der EKM erhalten?
Kasparick:
Ich bin und bleibe Pfarrerin der EKM.

Aber zunächst geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf zu neuen Ufern, beziehungsweise Stränden.
Kasparick:
Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Sonst kommt die Seele nicht ins Gleichgewicht.

Dr. Hanna Kasparick, 1954 in Berlin geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie Kirchenmusik in Halle und Theologie in Berlin und Naumburg studierte. Ihr Vikariat machte sie in Osterburg/Altmark. Sie war Prädikantin und Pfarrerin für Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Osterburg.
1992 promovierte Hanna Kasparick im Fach Kirchengeschichte und war von 1993 bis 2002 Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Brandenburg an der Havel, bevor sie dort Direktorin des Predigerseminars wurde. Seit 2005 ist sie Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg.

Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

7. August 2017 von redaktionguh  
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Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Wo Martin Luther auch war

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.

Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.

Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

Angela Stoye

www.lutherweg.de

Gärtner, Hausleiter, Kummerkasten

12. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Als Leiter des Cyriakushauses in Gernrode muss Karsten Meißner viele Dinge können

Das ist kein klassischer Lehrberuf, man muss hier ganz unterschiedliche Dinge können«, umreißt Karsten Meißner seine Aufgaben als Leiter des Gernröder Cyriakushauses. »Ich bin Herbergsvater, Kummerkasten, Hausleiter und Ansprechpartner, Hausmeister und Gärtner.« Doch von Hause aus ist er gelernter Gärtner und studierter Gartenbauer. »Meine Jahre in der Selbstständigkeit erweisen sich als gute Schule«, gesteht der 46-Jährige, der seit 1. Januar 2016 an der Spitze der Einrichtung der Landeskirche Anhalts steht. Mit seinen vier festangestellten Mitarbeitern kümmert er sich rund um die Uhr um die Gäste. »Ich wohne drei Minuten vom Haus entfernt. Da bin ich schnell hier, wenn ich gebraucht werde.«

Gartenbauer Karsten Meißner leitet seit anderthalb Jahren das Cyriakushaus in Gernrode – ein beliebtes Ziel bei jungen wie älteren Besuchern. Foto: Uwe Kraus

Gartenbauer Karsten Meißner leitet seit anderthalb Jahren das Cyriakushaus in Gernrode – ein beliebtes Ziel bei jungen wie älteren Besuchern. Foto: Uwe Kraus

Karsten Meißner gehört zum Gernröder Gemeindekirchenrat und hat sich auf die ausgeschriebene Stelle beworben, was er bis heute nicht bedauert. »Wir verstehen uns als klassisches Rüstzeithaus, das Tagungs- und Begegnungsstätte für alle Altersgruppen ist. Wir sind ein Familienhaus und möchten das auch bleiben. Wir räumen Kindern den gebührenden Platz ein, was in vielen Hotels eben nicht geschieht.« So trifft man im Cyriakushaus Eltern mit ihrem Nachwuchs ebenso wie die Kindergartengruppe aus Schkeuditz, die ihre Abschlussfahrt traditionell nach Gernrode führt.

Das Cyriakushaus, das aus drei Häusern – dem Haus Gero, dem Haus Hatui und dem Schweizerhaus – besteht, hat im Jahresverlauf wechselndes Publikum. Traditionell in den Winterferien proben kleine Musicaldarsteller bei der Anhaltischen Kindersingwoche und führen ihr Werk im Residenztheater Ballenstedt auf. »Jetzt, im späten Frühjahr, sind es Konfi-Freizeiten und Klassenfahrten. Da kommen Gruppen nicht nur aus Sachsen-Anhalt und den angrenzenden Bundesländern, sondern auch mal aus Mecklenburg-Vorpommern oder Hessen.« Im Sommer sind es vorwiegend Kinderfreizeiten, die das Haus mit seinen 54 Betten in Zweier- bis Vierer-Zimmern, darunter behindertengerechten, füllen.

Traditionell ist im Cyriakushaus auch die Sommerwoche der Gregorianischen Arbeit Alpirsbach zu Gast. Die Teilnehmer leben in ganz Deutschland und kommen einmal jährlich in Gernrode zusammen. »Das ist für sie ein wichtiger Termin. Sie begleiten hier Gottesdienste und halten öffentliche Andachten«, erzählt Karsten Meißner. Im Herbst seien es dann vorwiegend Erwachsene, die hier Gemeindefreizeiten und Seminare ausrichten. Derzeit füllen sich die Anmeldelisten bereits für 2018. »Schließlich bieten wir beste Voraussetzungen für Gruppen ganz unterschiedlicher Größe«, sagt Meißner und führt durch die zwei großen und zwei kleineren Tagungsräume, die mit kompletter Veranstaltungstechnik ausgestattet werden können. Dagegen findet sich nur ein Fernseher im Haus. »Denn bei uns sollen die Gäste zur Ruhe kommen und sprichwörtlich
abschalten.«

Doch das Haus mit seinem gemütlichen Cyriakuskeller zieht auch immer wieder Familien zu Treffen und Feiern an. »Viele Gäste genießen auch die Nähe zur Natur«, ergänzt der Hausleiter. »Gerade saßen Berliner in den Sonnenstühlen und genossen das Zwitschern der Vögel, das sie so aus der Großstadt nicht kennen.« Wer keinen festen Plan hat, der nimmt gern die Angebote des Cyriakushauses, das fast auf der Grenze zwischen Anhalt und EKM steht, an. Die reichen von Kirchenrallye, Kremserfahrt und Radtour bis zum Besuch der Roseburg und der Alten Elementarschule Gernrode, wo der historische Unterricht »für die Kinder der Knaller ist«, wie Karsten Meißner weiß.

Uwe Kraus

www.cyriakushaus-gernrode.de

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