Musik ist ihr Leben

10. September 2018 von redaktionguh  
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Angekommen: Debora und Florian Zschucke sind Kirchenmusiker im Kirchenkreis Dessau

Das Radio laufen lassen, einfach um Hintergrundbeschallung für andere Tätigkeiten zu haben, ist für Debora und Florian Zschucke undenkbar. »Musik müssen wir bewusst wahrnehmen. Einfach so nebenbei funktioniert das bei uns nicht«, sagt Florian Zschucke. Die Musik hat bei dem jungen Ehepaar auch sonst einen zentralen Platz in seinem Leben eingenommen. Die beiden 30-Jährigen sind Kirchenmusiker. Anfang des Jahres sind sie von Halle, wo sie jahrelang gelebt haben, mit ihrer einjährigen Tochter nach Dessau-Roßlau gezogen. Seit rund zwei Jahren arbeitet Debora Zschucke als Kantorin für die Dessauer Kirchengemeinden in den Stadtteilen Siedlung, Ziebigk, Groß- und Kleinkühnau.

Ihr Mann arbeitet seit diesem April als Kantor für neun Gemeinden in der Dessau-Roßlauer Umgebung, unter anderem in Bobbau, Jeßnitz, Raguhn und Wolfen-Nord. Er leitet einen Chor und einen Instrumentalkreis, spielt Orgel und bringt derzeit Interessierte aus allen Gemeinden in einem großen Chorgemeinschaftsprojekt zusammen. Am 17. November soll es ein Konzert geben. Bis dahin wird fleißig jede Woche am Donnerstagabend ab 19 Uhr im Christophorushaus in Wolfen-Nord geübt. Zusätzlich gibt er Unterricht in Orgel und Improvisation an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle. In der Saalestadt bildet er auch nebenamtliche Kirchenmusiker aus. Zuvor arbeitete Florian Zschucke zwei Jahre als Assistenzorganist an der Stadtkirche St. Wenzel in Naumburg.

Musik ist ihr Leben, und das schon von Anfang an. In Bernau bei Berlin verbrachte Debora Zschucke ihre Kindheit und Jugend. Im Kinderchor ihrer Kirchengemeinde sang sie mit. An der Musikschule lernte sie Klavier und Trompete. Später kam noch das Orgelspiel in der Gemeinde dazu. »Mit dem Schulabschluss stand für mich fest, auch beruflich was mit Musik zu machen«, erzählt Debora Zschucke. In Halle schrieb sich die junge Frau aus dem Speckgürtel von Berlin für ein Studium der Kirchen- und Schulmusik ein. Dort lernte sie vor acht Jahren ihren Mann Florian kennen. Er kommt aus einem kleinen Dorf bei Zwickau. Auch ihn prägte Musik schon sehr früh, in seiner Kirchengemeinde und darüber hinaus. Jugendchor, Klavierunterricht und verschiedene Bands stehen bis zu seinem Schulabschluss in der Vita.

Bringen eine Region zum Klingen: Debora Zschucke ist für die Dessauer Kirchen­gemeinden Siedlung, Ziebigk sowie Groß- und Kleinkühnau zuständig, Florian Zschucke für Bobbau, Jeßnitz, Raguhn und Wolfen-Nord. Foto: Lutz Sebastian

Bringen eine Region zum Klingen: Debora Zschucke ist für die Dessauer Kirchen­gemeinden Siedlung, Ziebigk sowie Groß- und Kleinkühnau zuständig, Florian Zschucke für Bobbau, Jeßnitz, Raguhn und Wolfen-Nord. Foto: Lutz Sebastian

Nur die Orgel stand bis dahin bei ihm kaum im Fokus. »Dieses Instrument habe ich tatsächlich erst spät für mich entdeckt«, sagt Florian Zschucke. Die Beziehung ist dafür eine besonders intensive geworden. Wenn er davon erzählt, dann voller Lob und mit Leidenschaft. »Orgelmusik ist eine Nische, in der man ein ganzes Universum entdecken kann«, schwärmt er. »Man kann gleichzeitig Zartheiten und Feinheiten herausarbeiten und als einzelner Orgelspieler doch wie ein ganzes Orchester klingen«. Florian Zschucke ist der Königin der Instrumente sehr zugetan.

Nach seinem Kirchenmusikstudium hat der 30-Jährige seine Orgelkenntnisse durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im englischen Birmingham für ein Jahr vertiefen können. Ein Orgel-Master-Studium in Halle sattelte er noch obendrauf. Florian Zschucke spricht die Sprache der Orgeln und weiß die richtigen Register zu ziehen. In einigen Orgelkonzerten in der Region rund um Dessau und darüber hinaus konnte er schon überzeugen, unter anderem in Bobbau, Jeßnitz, in der Dessauer Jonanniskirche, in Tangermünde und Bad Lauchstädt.

Für Florian Zschucke und seine Frau ist es ein gutes Leben, das sie derzeit führen. »Es ist nicht selbstverständlich, als Musiker auch den Lebensunterhalt verdienen zu können«, sagt er nachdenklich. Daher sind sie dankbar, ihren Traum von der Musik auch beruflich leben zu können. Mit viel Einsatz wollen beide ihr Glück mit den Zuhörern teilen. Bekannte Werke sollen erklingen, »aber auch die eine oder andere Perle von eher unbekannten Komponisten«, verspricht Florian Zschucke.

Wenn seine Frau und er sich nicht beruflich mit Musik auseinandersetzen und dennoch Klangwelten erkunden wollen, dann tauchen sie meist ab in die Welt des Jazz. In dieser Hinsicht ist auch ihre neue Heimat eine gute Wahl. Das traditionelle Kurt-Weill-Fest, das viel Musik dieses Genres bietet, findet jährlich in Dessau statt. »Wir haben uns vorgenommen, da unbedingt hinzugehen«, sagt Florian Zschucke. Auch sonst ist die Stadt an Mulde und Elbe ein Glücksgriff für sie. »Das vielfältige kulturelle Angebot und das viele Grün haben uns überrascht«, resümiert Debora Zschucke.

Danny Gitter

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Auf dem Trockenen

20. August 2018 von redaktionguh  
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Ein außergewöhnlicher Sommer: Hitze und Dürre seit dem Frühling fordern die Landwirte heraus. Nun ist auch die Kirche gefragt.

Mais, der nur einen halben Meter hoch wächst und Weizen-Ähren, die kleine Körner bilden. Eine Kommune verbietet ihren Bürgern das Gießen mit Trinkwasser und die andere ruft dazu auf, junge Straßenbäume zu wässern. Die Elbe führt Niedrigwasser, in Magdeburg hatte sie in der Vorwoche mit 52 Zentimetern fast ihren historischen Tiefststand von 1934 erreicht. Landwirte rechnen mit hohen Einbußen. Das ist der Sommer 2018.

Nach 1992 und 2003 sei dieses Erntejahr durch eine extreme Dürre gekennzeichnet, meldete der christlich geprägte Deutsche Bauernbund. Sachsen-Anhalts Verbandspräsident Jochen Dettmer sprach von einer Naturkatastrophe. In einigen Regionen Sachsen-Anhalts hat es seit April nicht mehr nennenswert geregnet. Mitte Juli forderten die Landwirte Unterstützung. Der Hilferuf richtete sich nicht nur an die Regierungen, sondern auch an die Kirchen. Sie gehören zu den großen Verpächtern. Die Pachtkosten müssten reduziert werden. Stundungen haben keine stabilisierenden Wirkungen, heißt es aus der Quedlinburger Geschäftsstelle des Bauernbunds.

Einen Pachterlass oder -verzicht wird es jedoch nicht geben, sagte Oberkonsistorialrat Diethard Brandt, Leiter des Grundstücksreferats im Landeskirchenamt Magdeburg. »Das Geld ist ja im Haushalt für unsere Aufgaben eingeplant.« Stattdessen wird die Kirche die Pachtzahlung stunden.

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Üblicherweise endet ein Pachtjahr am 30. September, dann haben die Bauern ihre Ernte verkauft und zahlen die Pacht für die zurückliegenden zwölf Monate. Oberkonsistorialrat Brandt kündigte an, dass die Zahlung erst am Jahresende fällig wird, wenn die Landwirte ihre Subventionen und gegebenenfalls Hilfen erhalten haben. »Wir sehen, dass das Anliegen der Bauern berechtigt ist. Dem wollen wir uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten, stellen.« Verpächter haben eine Mitverantwortung, betonte Brandt. Man teile sich Erfolge und Misserfolge. »Und in diesem Jahr sind es schon sehr besondere Umstände.«

Mortimer von Rümker, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses der EKM-Landessynode und selbst Landwirt bei Gotha, betont, wie wichtig das Differenzieren ist. Die eine Landwirtschaft gibt es nicht. Während einige Ackerbaubetriebe eine gute Ernte gemacht haben, fällt sie bei anderen schlecht aus; besonders hart trifft es die Viehhalter. Weil Mais und Gras während ihrer Wachstumsphase im Frühling das Wasser fehlte, gibt es zu wenig Viehfutter.

Hingegen hat die SaatGut Friedrichswerth – Landwirtschaftsbetrieb von Rümker eine gute Ernte eingefahren. Das Getreide hat schöne, große Körner gebildet. »Schlicht und ergreifend Glück« nennt es Rümker, dass auf den 600 Hektar großen Feldern im Mai zwei Gewitterschauer niedergingen, während es nur wenige Kilometer weiter trocken blieb.

Wie soll man den Kollegen nun also helfen? Einen Pachterlass hält Rümker nicht für geeignet, um Betriebe zu unterstützen. Wohl aber empfiehlt er einen Blick in die Verträge: Der Pachtpreis kann je nach wirtschaftlicher Lage angepasst werden. »Das heißt: auch nach unten.« Auch die Bildung von Rücklagen für schlechtere Jahr wäre eine sinnvolle Maßnahme.
Hitze und Dürre treffen nicht nur die Landwirtschaft. Zwischen Schönebeck und Magdeburg trocknen die Elbauen aus, hat Hans-Joachim Döring, Umweltbeauftragter der EKM, beobachtet. Sinkt der Grundwasserspiegel, schadet das nicht nur Flora und Fauna, sondern auch dem Tourismus an der Elbe und im Wörlitzer Park sowie den auf Lehm gebauten Häusern in den Auen, Setzungsrisse tun sich auf. »Die Angst ist bei den Menschen angekommen«, sagt Döring.

Gleichsam hat er festgestellt, dass vieles, was vor Jahren als ideologieverdächtig gebrandmarkt wurde, heute ernsthafter diskutiert wird. »Wir haben genug erkannt und sollten es ändern«, sagt er und nennt als Beispiele den Ausstieg aus der Kohle, ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, eine Rückkehr zur Kreislaufwirtschaft nicht nur im Agrarbereich, ein Bodenfonds in öffentlicher Hand, eine neue Förderpraxis für Bauernhöfe oder ein Ende der Illusion, die Elbe sei eine Schifffahrtsstraße für Massengüter. »Aktuell und in unserer Gegend auch relevant: keine Parteien wählen, die den Klimawandel leugnen.«

Als Christ bringe ihn die Dürre in Erklärungsnöte, gesteht Döring. »Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen«, zitiert er Psalm 24 und fügt an: »Gilt das noch? Hat Gott seine Zusage an den Planeten zurückgestellt, hält er uns einen Spiegel vor?« Hans-Joachim Döring hadert.

Katja Schmidtke

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Durchgehend geöffnet

4. September 2017 von redaktionguh  
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St. Nikolai in Glindenberg an der Elbe gehört seit drei Monaten zu den »Offenen Kirchen«

Ihre Kirche«, heißt es auf der Homepage der Glindenberger Kirchengemeinde. »Für Sie geöffnet« steht auf dem Schild, das am Hauptportal von St. Nikolai zum Besuch einlädt. Es ist ein warmes Willkommen, das offenbart: Dies ist Gottes Haus und die Öffnungszeiten bestimmt er.

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Die Kirche in der Gemeinde im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine jener offenen Kirchen, für die Landesbischöfin Ilse Junkermann als größtes Vorhaben der EKM im Reformationsjahr wirbt. Dem Kirchenältesten Dieter Lomberg ist die Initiative nicht fremd: Als Präses der Landessynode nahm er viele Gedanken aus den EKM-Gremien auf. Sein Vorstoß kam in der Gemeinde gut an. »Ob wir es uns trauen können, die Kirche gar nicht mehr zu verschließen, war schon eine Frage«, blickt Dieter Lomberg zurück. Jeden Tag Aufsichtspersonal und Schließdienst zu organisieren – dafür fühlte sich die Gemeinde mit ihren 160 Gliedern nicht stark genug. Aber man entschloss sich, das Experiment zu wagen mit der Option, »zuzuschließen, falls es gar nicht geht«.

Es geht – das ist das Fazit der ersten drei Monate. Kein Dreck, kein Vandalismus, kein Diebstahl. Die Altarleuchter aus Metall wurden jedoch gegen Exem­plare aus Holz ausgetauscht; nicht minder schick, wie Lomberg versichert. Relativ schnell fanden sich Einträge im Gästebuch und wenn der Kirchenälteste alle paar Tage die Kirche besucht, fallen ihm die abgebrannten Teelichter auf. »Unsere Kirche liegt am Elberadweg, da machen Radtouristen Halt«, hat er beobachtet. Aber auch Einheimische kommen und Menschen, die die Region verlassen haben, aber für ein Klassentreffen zurückkommen oder zur Erinnerung an die Großmutter. Die Bläser nutzen die Kirche inzwischen zum inidviduellen Üben.

Dieter Lomberg will andere Gemeinden ermutigen, zumindest über die Öffnung nachzudenken. Eine pauschale Empfehlung spricht er nicht aus. »Das kann nur individuell entschieden werden«, sagt er. Die Initiative birgt für den Synodenpräses eine große Chance. »Kirchen sind geschützte Räume; Menschen dürfen sich hier angenommen fühlen, egal ob sie an Gott glauben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich zu DDR-Zeiten viele verschiedene Menschen unter dem Dach der Kirche versammelt haben«, sagt Lomberg. Dass es ein Bedürfnis nach Religion gibt, lasse sich ablesen am Boom esoterischer und spiritueller Angebote. Da sei es gut, wenn die Kirche einlade. »Es ist ein Risiko, aber ein positives, wenn Menschen zu uns kommen, mit einem anderen Verständnis, auch mit Forderungen. Gott sagt: Kommt zu mir, und an uns gerichtet: Gehet hin!« Die offene Tür zeigt einen Weg.

Katja Schmidtke

Auf zu neuen Ufern

28. August 2017 von redaktionguh  
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Leinen los: Mit Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg, traf sich Willi Wild zum Interview an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg«.

Wo halten Sie sich am liebsten auf? Wäre an Deck von »Junker Jörg« ein Lieblingsort?
Kasparick:
Er könnte es werden, weil es hier wunderbar ist, direkt an der Elbe, am Wasser, gegenüber den Elbauen, ein weiter Blick unter freiem Himmel. Ich bin das erste Mal hier.
Mein absoluter Lieblingsort ist allerdings mein Balkon. Ich wohne im zweiten Stock und ich habe abends noch den Blick in die Abendsonne und in die Baumkronen. Ein Platz, an dem ich mich erholen kann, und an dem ich mich auch dem Himmel nah fühle.

Können Sie mit Flusskreuzfahrten etwas anfangen?
Kasparick:
Das weiß ich nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Als Kinder sind wir mit unseren Eltern über den Müggelsee in Berlin geschippert, von Friedrichshagen rüber zum Müggelturm. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Und eine Schiffsreise ans Nordkap haben mein Mann und ich auch einmal gemacht, mit dem Postschiff von Bergen nach Kirkenes. Einer unserer eindrucksvollsten Urlaube.

Nehmen Sie sich im Reformationsjahr Zeit für Urlaub?
Kasparick:
Ja, wenn auch nicht ganz so viel wie in den vergangenen Jahren. Es ist mir wichtig, ein Stück zur Seite zu treten, aufzuatmen und Kraft zu gewinnen. Und wenn es gut organisiert ist, dann klappt das auch in diesem Jahr.

Wo geht es hin?
Kasparick:
Ich werde zum ersten Mal zu Verwandten meines Mannes auf die Nordseeinsel Amrum fahren. Dann will ich mit einer Freundin noch eine Woche in die Provence und Avignon besuchen. Das Gebiet wollte ich schon lange einmal kennenlernen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über das Reformationsjahr von der »Pleite des Jahres«. Wie empfinden Sie das?
Kasparick:
Das kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Sicher, manche Erwartungen haben sich bislang nur zum Teil erfüllt. Aber es gibt ein vielseitiges, interessantes und schönes Angebot. In der Schlosskirche können wir uns über Zulauf nicht beklagen. Manchmal müssen wir sogar die Türen wegen Überfüllung schließen. Es ist bewegend zu sehen, wenn Menschen Tränen in den Augen haben, weil sie an der Wiege ihrer Art zu glauben stehen.

Schade ist, dass die Weltausstellung noch nicht so viele Besucher verzeichnet, wie sie es verdient hat. Aber die Menschen, die da sind, sind begeistert.

Die Schlosskirche war und ist Ihr »Baby«, wenn ich das so sagen darf?
Kasparick:
Ein ziemlich großes Baby, ein altes Baby, ein schönes Kind.

Sie haben sich sehr stark engagiert. Sind Sie stolz auf das, was aus dem Schlosskirchen-Ensemble geworden ist?
Kasparick:
Ich staune, dass es geklappt hat und ein bisschen Stolz ist auch dabei. Ich freue mich, dass die Schlosskirche und das Schlosskirchenensemble so schön geworden sind. Die Schlosskirche ist aber nicht nur mein Baby. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, wie sie nur ein Reformationsjubiläum dieser Größenordnung mit sich bringt. Das Land Sachsen-Anhalt ist daran beteiligt, die Lutherstadt, die Stiftung Luther-Gedenkstätten, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche der Union (EKU) gemeinsam mit dem Predigerseminar als Einrichtung vor Ort.

Sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt bei der Namensgebung des Neubaus.
Kasparick:
Ja, ein Frauenname war mein Wunsch. Da die Schlosskirche mit Männern gut gefüllt ist, sollte eine Frau Namensgeberin sein. Der Vorschlag Christine Bourbeck kam aber von meiner Kollegin, Dr. Gabriele Metzner. Christine Bourbeck war eine der ersten eingesegneten, noch nicht ordinierten, evangelischen Theologinnen in Deutschland und Leiterin des ersten Vikarinnenseminars der EKU. Sie steht auch dafür, dass der Prozess der Reformation weitergeht.

»Reformation geht weiter« – das klingt für manche nach diesem Jahr bedrohlich.
Kasparick:
Das kommt auf die Perspektive an. Die Frage ist: Was feiern wir eigentlich beim Reformationsfest und in diesem Festjahr und was davon kann weitergehen? Welche Bedeutung hat Reformation für uns und unsere Art zu glauben? Es muss nicht sein, dass man nun jedes Jahr drei Ausstellungen plant oder fünf Theaterstücke aufführt. Es geht vielmehr um unser Selbstverständnis als Kirche. Da geht das Gespräch weiter.

Kritiker meinen, die Dekade und das Reformationsjahr sei eine innerkirchliche Veranstaltung geblieben. Sehen Sie das ähnlich?
Kasparick:
Wer kommt eigentlich auf welchem Weg zu solchen Annahmen? Wer will das wie messen? In Wittenberg erlebe ich Folgendes: Hier gibt es in der Stadtgesellschaft eine starke Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Man wäre zwar auf dem Holzweg zu glauben, diese Menschen treten jetzt alle in die Kirche ein und lassen sich taufen. Doch Interesse ist geweckt.
Mein Nachbar meinte, dass es toll sei, was jetzt alles in der Stadt passiert und das könne ruhig immer so sein. Und die Kundenberaterin bei der Sparkasse sagte: »Ich nehm alles mit dieses Jahr. Das erlebt man nur einmal.«
Ja, in Wittenberg sind nur 15 Prozent Mitglied einer Kirche, aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die sich für die kirchliche Arbeit interessieren und sich auch engagieren. Ganz zu schweigen von dem, was das Reformationsjubiläum im Bildungssektor hervorgebracht hat. Es ist immer eine Frage der Perspektive, ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

Sie konnten einige gekrönte Häupter in der Schlosskirche begrüßen. Fällt Ihnen der Umgang mit den Hoheiten leicht?
Kasparick:
Ich habe mich im Vorfeld erkundigt, damit ich protokollarisch nicht in Fettnäpfchen tappe. Erstaunt hat mich, wie unkompliziert der Umgang dann tatsächlich war. Eindrücklich waren die Gespräche mit Königin Margrethe von Dänemark. Wie aufmerksam sie zugehört hat, wie sie gefragt hat, wie theologisch tief auch ihre Fragen waren, das hat mich beeindruckt. Sie hatte mich bei der Gestaltung ihres Altartuchs sogar um Rat gefragt. Ich sollte neben ihr Platz nehmen und dann wollte sie wissen, was ich in ihrer Arbeit sehe.

Da gibt es ein schönes Foto, wo Sie mit der Königin vor dem Altar sitzen.
Kasparick:
Genau, das war die Situation, die ich gerade geschildert habe.

Sie hat Ihnen und Ihrer Familie nach dem Tod Ihres Mannes kondoliert.
Kasparick:
Das fand ich tröstlich. Es hat sie sehr bewegt, dass mein Mann nach all den Vorbereitungen das Reformationsjahr nicht mehr erleben konnte.

Vor etwas mehr als einem Jahr fand der Trauergottesdienst in der Schlosskirche statt. Was würde Ihr verstorbener Mann wohl über den Verlauf des Reformationsjahres sagen?
Kasparick:
Er hätte sich gefreut und zum Beispiel den Kirchentagsgottesdienst auf der Elbwiese gern mitgefeiert. Die Mischung zwischen dem »Asisi-Panorama« und der Avantgarde-Ausstellung gefiele ihm sicher auch gut. Die Grundsteinlegung des »Asisi-Panoramas« hat er ja noch miterlebt. Und jetzt ist daraus ein intergenerationelles Projekt geworden, wo Großeltern mit den Enkeln und Kinder mit den Eltern hinkommen.

Oder der Schwanenteich bei der Weltausstellung Reformation in den Wallanlagen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das waren seine Themen.

Hatten Sie Zeit zu trauern?
Kasparick:
Ich denke schon. Im vergangenen Sommer habe ich mir Zeit genommen. Dabei und danach habe ich erfahren, wie wichtig das Trauerjahr ist. Die Familie, die Schlosskirchengemeinde und Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, standen und stehen mir zur Seite. Auch die Arbeit war mir ein Halt.

Zudem hatten Sie im vergangenen Jahr auch noch den 200. Geburtstag des Predigerseminars zu organisieren.
Kasparick:
Ja, das stimmt. Aber das haben wir im Team gemeistert. Es war eine sehr schöne Aufgabe.

Ich versuche mal den Begriff Predigerseminar zu übersetzen: Dem Nachwuchs zeigen, wie Pfarrer geht?
Kasparick:
(lacht) Das kann man etwas salopp so sagen. Wir begleiten junge Theologinnen und Theologen, auch Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen auf dem Weg in den ordinierten Dienst. Und helfen ihnen, ihre Rolle zu finden und persönlich zu füllen.

Haben Sie den Eindruck, dass die jungen Theologiestudenten wissen, was sie im Pfarrberuf erwartet?
Kasparick:
Das ist unterschiedlich. Einige bringen Gemeindeerfahrung mit. Für manche ist tatsächlich erst im Studium die Erstbegegnung mit Gemeindewirklichkeit erfolgt.

Wir haben in Deutschland, historisch gewachsen, die erste Phase mit der universitären Theologie und dann die zweite Ausbildungsphase in den Kirchen und Gemeinden. In ihr geht es nicht einfach nur um die Vermittlung von »Handwerkszeug«, sondern vor allem darum, Klarheit über die eigene Rolle in einem öffentlichen, geistlichen Beruf zu bekommen. Dazu dient das Gemeindevikariat und wir nehmen die Erfahrungen von dort im Predigerseminar auf. Die Reflexions- und Übungsphasen sind mir dabei ganz besonders wichtig.

Stellen dabei auch angehende Theologen fest, dass der Pfarrberuf doch nichts für sie ist?
Kasparick:
Ja, und das finde ich gut. Es ist auch eine Zeit der Orientierung und Prüfung.

Wie hat sich der Pfarrberuf verändert?
Kasparick:
Er hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder verändert. Ich merke, dass wir jetzt eine neue Generation von Vikarinnen und Vikaren haben. Sie sind leistungsbereit, wissen klar, was sie wollen und stellen vieles infrage, beispielsweise: Inwieweit ist das halböffentliche Leben im Pfarrhaus Familien zumutbar? Wie ist es mit dem Dienstrecht, wenn ein Partner nicht in der Kirche ist? Auch im Predigerseminar hat sich einiges verändert. Bis dahin, dass wir im Moment einen Kurs haben, der auf mitgebrachte Kinder Rücksicht nimmt.

Auf dem Land haben die Pfarrer heute viele Gemeinden zu betreuen. Wie bereiten Sie die Vikare darauf vor?
Kasparick:
Die entscheidende Feld­erfahrung passiert in den Gemeinden. Im Predigerseminar versuchen wir, die sich wandelnden Gemeindeformen aufzugreifen und Entwicklungskonzepte zu reflektieren. Gerade die Erprobungsräume in der EKM sind da ein ermutigendes Beispiel. Wir müssen uns verabschieden von bestimmten Formen und die dürfen auch sterben. Aber wir können auch gemeinsam schauen, wo wächst denn schon etwas Neues.

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Sie werden als Direktorin des Predigerseminars Ende des Jahres verabschiedet. Was wächst da Neues?
Kasparick:
Der Berufungszeitraum von 12 Jahren im Predigerseminar ist um. Die äußeren Bedingungen für einen Leitungswechsel sind günstig. Ich möchte gern noch einmal für zwei Jahre wissenschaftlich arbeiten, passend zu meiner Berufsbiografie im Bereich der neueren Kirchengeschichte.

Aber Sie bleiben der EKM erhalten?
Kasparick:
Ich bin und bleibe Pfarrerin der EKM.

Aber zunächst geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf zu neuen Ufern, beziehungsweise Stränden.
Kasparick:
Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Sonst kommt die Seele nicht ins Gleichgewicht.

Dr. Hanna Kasparick, 1954 in Berlin geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie Kirchenmusik in Halle und Theologie in Berlin und Naumburg studierte. Ihr Vikariat machte sie in Osterburg/Altmark. Sie war Prädikantin und Pfarrerin für Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Osterburg.
1992 promovierte Hanna Kasparick im Fach Kirchengeschichte und war von 1993 bis 2002 Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Brandenburg an der Havel, bevor sie dort Direktorin des Predigerseminars wurde. Seit 2005 ist sie Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg.

Wo Martin Luther auch war

24. Juli 2017 von redaktionguh  
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Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.

Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.

Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

Angela Stoye

www.lutherweg.de

Schmuckstück in Blau: Die Kirche von Dobraschütz

24. April 2017 von redaktionguh  
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Barockes Kleinod am Lutherweg erstrahlt wieder in voller Schönheit

Von der Erschließung des Lutherweges können neben den touristischen Zentren auch die ländlichen Regionen profitieren. Ein Beispiel dafür ist Dobraschütz im Kirchenkreis Altenburger Land. Immer öfter finden Besuchergruppen und Wanderer den Weg in den 50-Seelen-Ort. Der Lutherweg führt an der kleinen Barockkirche vorbei, auf die die Dorfbewohner besonders stolz sind. Innerhalb von fünf Jahren ist ihnen das scheinbar Unmögliche gelungen: die Komplettsanierung des 1752 erbauten Gotteshauses. Nach der Restaurierung des Innenraumes erstrahlt nun auch das äußere Antlitz in hellen, freundlichen Farben.

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Wer durch das Portal schreitet, kommt ins Staunen. Die gesamte Ausstattung, bis ins kleinste Detail, ist in erfrischendem Blau gehalten. Wohin das Auge reicht, finden sich Malereien in Form von Engeln, Blumengebinden, Ornamenten und Bibelsprüchen im Stile des Bauernbarocks, die so in der Region einzigartig sind. »Glücklicherweise war alles im Originalzustand erhalten, als 2011 mit den Arbeiten begonnen wurde. Die letzte Restaurierung des Innenraums ist ziemlich genau einhundert Jahre her, und an der Decke und dem Inventar hatte nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Holzwurm genagt. An einigen Stellen waren die Malereien nur noch zu erahnen«, berichtet Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.

Rund 189 000 Euro flossen in das Bauprojekt. Um den Eigenanteil von ca. 43 000 Euro stemmen zu können, startete die kleine Kirchengemeinde außergewöhnliche Spendenaktionen. So wurden Patenschaften für die Neuvergoldung der 126 Sterne an der Decke abgeschlossen, Benefizkonzerte veranstaltet und viele Arbeiten in Eigenleistungen erbracht. Beachtlich war der Einsatz von Karl Jungbeck, Inhaber der Altenburger Senffabrik, der mit einem befreundeten Orgelbaumeister die Orgelsanierung selbst in die Hand nahm.

Belohnt wurde all das Engagement mit einer Förderung durch die Stiftungen Denkmalschutz und Kirchenbau (KiBa) und Auszeichnungen mit dem Denkmalschutzpreis des Altenburger Landes 2013 und dem Thüringer Denkmalschutzpreis 2014. Auch Landeskirche, Kirchenkreis und viele Einzelspender unterstützten das Vorhaben.

Eine Gelegenheit, das »Schmuckstück in Blau« in Augenschein zu nehmen, bietet das Kirchen- und Dorffest am 27. Mai.

Ilka Jost


Torgau baut Brücken

Europäischer Stationenweg: Der Truck macht Halt in der Stadt an der Elbe

Vor einem halben Jahr startete der 33 Tonnen schwere himmelblaue Truck der evangelischen Kirche seine Reise durch 67 Städte in 19 Ländern Europas. Inzwischen ist er beladen mit vielen Geschichten rund um die Reformation und mit ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Der internationalen Bedeutung der Reformation nachzuspüren und ein Band zu knüpfen, sind die Ziele des »Europäischen Stationenwegs«, einem der zentralen Projekte zum Reformationsjubiläum. Nun macht der Truck zum ersten Mal seit seinem Start Halt auf dem Gebiet der EKM.

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

In Torgau wird das begehbare Multimediamobil am 25. April auf dem Marktplatz erwartet. Ab 10 Uhr steht es für Neugierige offen. Die Stadt an der Elbe stellt den Tag passend dazu unter den Titel »Torgau baut Brücken. Reformation – Begegnung – Gegenwart«. Mit kulturellen Beiträgen soll eine Brücke geschlagen werden von der Reformationszeit über die historische Begegnung amerikanischer und russischer Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bis ins Heute. Im Fokus steht die Frage nach verbindenden Werten zwischen Völkern und Religionen. Alle Stadtbewohner, Gäste und Touristen sind herzlich eingeladen, den Reformationstruck auf dem Marktplatz zu besuchen und eigene Beiträge – aufgezeichnet von Videokameras – im Inneren des Trucks zu hinterlassen.

Übrigens nicht zur symbolisch, sondern auch wortwörtlich werden in Torgau am 25. April Brücken gebaut. Zu erleben ist der Bau einer Holzbrücke durch Schüler ab 15 Uhr auf dem Markt. Grußworte sprechen Jürgen Schilling, Mitarbeiter im Projektbüro Reformprozess der EKD, und Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth.

Später erinnert Torgau an die historische Begegnung US-amerikanischer und sowjetischer Armeeeinheiten auf der zerstörten Elbbrücke bei Torgau am 25. April 1945. Dort besiegelten sie symbolisch das nahe Ende des Hitler-Regimes. Daran erinnert die Stadt jährlich mit dem »Elbe Day«. Die Gedenkveranstaltung am Denkmal der Begegnung beginnt 16 Uhr. Unter den Rednern ist auch Superintendent Mathias Imbusch. Der Tag endet mit einer Festveranstaltung im Rathaus (17 Uhr), hier spricht Landesbischöfin Ilse Junkermann über das Brückenbauen.

Wer bereits am Vormittag Zeit hat, ist eingeladen in die Kulturbastion, Straße der Jugend 14b. Dort öffnet von 10 bis 11.30 Uhr das Erzählcafé, in dem es um das »Ankommen in Torgau 1945 bis 2017« geht. Zeitzeugen sind mit Schülern des Johann-Walter-Gymnasiums im Gespräch.

Nächste Station auf dem »Europäischen Stationenweg« nach Torgau ist die Bundeshauptstadt Berlin, Gastgeberin des Kirchentags. Das blaue Geschichtenmobil tourt knapp vier Wochen weiter durch das Land und macht unter anderem Halt in Eisenach (5. Mai) und Bernburg (18. Mai), bevor es am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg ankommt und dort die »Weltausstellung Reformation« eröffnet.

(G+H)


Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Das Programm steht

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Planungen der Kirchentage in Erfurt und Weimar/Jena sind auf einem guten Weg

Wer eine große Veranstaltung plant, muss vieles im Blick haben: die Zahl der Gäste, ausreichend Sitzgelegenheiten und Essen, Unterhaltungsprogramm und vieles mehr. Bei der Vorbereitung der Kirchentage auf dem Weg ist das nicht anders – nur alles eine Spur größer.

Darum trafen sich in der vergangenen Woche nicht nur der Reformationsbeauftragte Jürgen Reifarth und der Leiter des Kirchentages auf dem Weg in Erfurt, Reiner Degenhardt, auf dem Erfurter Domplatz, sondern auch Vertreter der Kulturdirektion, der Feuerwehr und Polizei, der Marktmeister und viele mehr. »Wir haben auf dem januarkalten, nassen Boden des Domplatzes eine Decke hingelegt, unsere Pläne ausgebreitet und alle technischen Details für die Nutzung des Domplatzes geklärt«, so Reifarth. Denn der Domplatz ist die größte zu bespielende Fläche in Erfurt während des Kirchentages auf dem Weg. Dort sind unter anderem ein Himmelfahrt-Familienkaffee mit musikalischer Begleitung, ein öffentlicher Schauguss einer Glocke und natürlich zwei große Gottesdienste geplant.

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Das Programm steht. Die Absprachen mit der Stadt sind getroffen, nun geht es an die Details. »In diesen Tagen gehen unsere Höhepunkt-Flyer in die Post, die helfen sollen, den Erfurter Kirchentag im Propstsprengel Eisenach-Erfurt noch bekannter zu machen«, so Reifarth. Auch durch Banner und Werbeplakate soll das gelingen.

»Ich erhoffe mir, dass die Gemeinden den Kirchentag auf dem Weg als Chance begreifen, uns als Kirche öffentlich zu präsentieren, sichtbar zu machen, was wir leben und was uns wichtig ist«, erklärt Reifarth. Darum gehe man mit den Veranstaltungen bewusst nach draußen, um gemeinsam zu feiern, zu essen und sich kennenzulernen.

Doch Kirchentage kosten Geld: den Veranstalter, aber auch die Gäste. Ein Drittel der Kalkulation müssen durch Teilnehmerbeiträge gedeckt werden. Das soll aber niemanden abschrecken. »Alles, was im öffentlichen Raum stattfindet, wird keinen Eintritt kosten«, versichert Jürgen Reifarth. Bei Veranstaltungen wie Podiumsdiskus­sionen, Vorträgen oder Konzerten werde aber nach der Tages- oder Dauerkarte gefragt werden.

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Auch in Jena und Weimar geht es jetzt an die Feinplanung. »Unsere Veranstaltungs-App ist seit heute online«, freut sich Andre Poppowitsch, Referent für die Lutherdekade im Kirchenkreis Weimar. »Wir haben für den Doppelstandort Jena-Weimar bis zu 300 Veranstaltungen geplant und sind stolz, den Gästen eine große thematische Bandbreite anbieten zu können.«

Der Blick werde im Reformationsjubiläumsjahr auch bewusst nicht nur in die Vergangenheit gelenkt, sondern ziehe – frei nach dem Faust-Motto »Sag, wie hast du’s mit der Religion?« – auch moderne Gretchenfragen in den Fokus, betont Johannes Schleußner, der Koordinator des Kirchentages in Jena. Auf aktuelle Themen wie Rüstungsindustrie, Rechtsextremismus oder eine alternde Gesellschaft, darauf setzt man in Jena und Weimar.

»Seit einigen Jahren arbeiten Stadt und Kirche, Klassikstiftung und auch die Universitäten intensiv zusammen und haben in der Region bereits ein Bewusstsein für das Reformationsjubiläum schaffen können«, erklärt Poppowitsch. Er glaubt, dass das Programm Menschen unterschiedlichster Zielgruppen anziehen und in seiner Vielfalt nachhaltig sein wird. Und das über 2017 hinaus.

Diana Steinbauer

Mehr als »1 gute Nachricht«

Elbe, Frieden und Medien sind Schwerpunkte beim Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg

Der Magdeburger Superintendent Stephan Hoenen verschickt dieser Tage besonders viel Post. Denn die Gemeinden im Propstsprengel Stendal-Magdeburg bekommen von ihm das Werbematerial für den Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 27. Mai Magdeburg zum Abdruck in ihren Februar-März-Ausgaben der Gemeindebriefe. Wie viele Besucher zu dem Treffen unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« in die Elbestadt kommen werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen.

Auf jeden Fall haben Hoenen und der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper Ende Januar die Privatquartierwerbung gestartet. Gästen ein Bett oder eine Couch zur Verfügung zu stellen, sei gute Tradition bei den Kirchentagen, so Hoenen. Die Privatquartiersuche steht unter dem Motto »Ich habe 1 guten Schlafplatz«.

Die Planung und Vorbereitung des Treffens läuft seit Jahren. »Die Zusammenarbeit ist beeindruckend«, sagt Anette Berger, Vorsitzende des 2013 gegründeten Programmausschusses für den Kirchentag auf dem Weg. In ihm sind die Stadt Magdeburg, die den Kirchentag zudem mit 300 000 Euro unterstützt, Kulturschaffende und der Kirchenkreis Magdeburg vertreten – rund 100 Ehrenamtliche, die in zahlreichen Untergruppen arbeiten. Über 400 Veranstaltungen sind geplant. Die Inhalte knüpfen an die Geschichte Magdeburgs an und verknüpfen sie mit der Gegenwart. Im Medienzen­trum in der Festung Mark wird daran erinnert, dass Magdeburg die erste protestantische Großstadt und als »unsers Herrgotts Kanzlei« Medienzentrum der Reformation war. Zudem gibt es Workshops, Podien und Impulse zur Rolle der Medien heute und einen Twittergottesdienst am 26. Mai aus der Wallonerkirche. Diese Kirche und die katholische Petrikirche nebenan bilden zum Kirchentag das Zentrum »Web und Spiritualität«. Im Dom und rund um den Dom ist das Thema »Frieden« angesiedelt – DAS Thema in einer Stadt, die 1631 und 1945 stark zerstört wurde, und das aktueller denn je ist. Hier wird auch Reformationsbotschafterin Margot Käßmann am 26. Mai einen Vortrag halten über das Thema »Nichts ist gut in Afghanistan«.
Kirche-vor-Ort-Logo-06-2017Um die Elbe geht es am 26. Mai beim Thementag »Dialog am Strom«, der an die bisherigen Diskussionen zur Zukunft anknüpft. Abends ist ein Elbefest geplant unter dem Motto »Magdeburg am Fluss der Reformation« – eine Welturaufführung zu eigens komponierter Musik mit spektakulären Licht- und Soundeffekten, Chören und einer Schiffsprozession an und auf der Elbe.

Im Rotehornpark ist das Zentrum Kinder, Familien, Jugend und Sport angesiedelt. Und was wäre ein Kirchentag ohne Musik? Kinderchöre aus dem Kirchenkreis Halberstadt etwa führen das Musical »Martin Luther« auf, der Magdeburger Kantatenchor plant das Mitsingoratorium »Die Schöpfung« und das Musicalprojekt Altmark »Eleazar – der 4. König«. Beethovens 9. Sinfonie erklingt auf der Theaterbühne auf dem Domplatz. Am Sonnabend heißt es ab 17 Uhr im Klosterbergegarten »Kirchentag trifft Ekmagadi«, die Magdeburger Kultursommernacht. Mit dem Reisesegen für ihre Fahrt zum Abschlussgottesdienst am Sonntag in Wittenberg werden die Besucher am Sonnabend entlassen.

Angela Stoye/epd


Wachsam, empfindsam, behutsam

16. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Achtsamkeit ist Wachsamkeit. Keine Gefühlsduselei, sondern eine hellwache Aufmerksamkeit für die Dinge um uns herum.

Egal, ob es eine politische Wachsamkeit ist oder eine gesellschaftliche, eine berufliche oder eine familiäre Wachsamkeit – entscheidend ist es, die kleinen Dinge nicht zu übersehen. Wir sind es gewohnt, die Wirklichkeit nach den großen Dingen zu bewerten, nach Erfolg, Effektivität, Gewinn.

Wachsamkeit nimmt auch das Übersehene, Unscheinbare, scheinbar Wertlose wahr. Wenn es im Buch der Sprüche heißt: »Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind« (Sprüche 31,8), dann ist Wachsamkeit ebenso ein Plädoyer für die Gestrandeten in Europa wie für die Schüchternen in der Klasse, für die unauffällig Funktionierenden am Arbeitsplatz, für die Namen, die »nur« in der Gemeindekartei stehen, für die missbrauchten Kinder, die immer stiller werden, und für die Arbeitslosen in unserer Gesellschaft. Wachsamkeit hält das Gleichgewicht des Lebens und Zusammenlebens aufrecht.

Achtsamkeit ist Empfindsamkeit. Ernst Barlach hat in seinem berühmten »Fries der Lauschenden« den Empfindsamen dargestellt, den mit der dünnen Haut, der wie ein Seismograf alles spürt. Der an den Dingen leidet und dem sie nicht egal sind. Kein durchgedrücktes Kreuz, keine Muskeln, die spielen, kein zu allem entschlossener Blick. Wir brauchen in einer Gesellschaft der starken Ellenbogen und der »dicken Felle« das Bewusstsein dafür, dass Abschottung, Verrohung und Gewalt den Einzelnen wie die Gesellschaft isolieren.

Ernst Barlachs »Fries der Lauschenden« (1930–1935): die Träumende, der Gläubige, die Tänzerin, der Blinde, der Wanderer, die Pilgerin, der Empfindsame, der Begnadete, die Erwartende (von links). Foto: Ernst Barlach Haus, Hamburg/H.-P. Cordes

Ernst Barlachs »Fries der Lauschenden« (1930–1935): die Träumende, der Gläubige, die Tänzerin, der Blinde, der Wanderer, die Pilgerin, der Empfindsame, der Begnadete, die Erwartende (von links). Foto: Ernst Barlach Haus, Hamburg/H.-P. Cordes

Wir brauchen den Mut, uns durch Sensibilität angreifbar zu machen, statt dem Gewissen auszuweichen. »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist«, sagt der Prophet (Micha 6,8) – wissen tun wir es ganz genau! Nur zu tun wagen wir es nicht. Zu groß scheint uns die Gefahr der Lächerlichkeit, der Beschimpfung als »Gutmensch«, des Schwimmens gegen den Strom der Egoisten und Machtbefürworter. Barlach hat diesen Mut gehabt: Sein Mahnmal des Krieges im Magdeburger Dom spricht das Empfinden der Opfer an, nicht das Heldentum der Verführten. Und er wurde verfemt für seine empfindsamen Gestalten in einer Zeit der Unempfindlichkeit und Unmenschlichkeit.

Achtsamkeit ist Behutsamkeit. Im Umgang mit den Menschen, im Umgang mit den Tieren, im Umgang mit der Natur. Das Gegenteil von Behutsamkeit ist brachiale Gewalt, angetan den Bäumen, die zu Tausenden gefällt werden für Straßentrassen, Telefonleitungen, Hochhäuser und Parkplätze; angetan der Elbe, die für ein unsinniges Verkehrskonzept geschottert und gesteinigt wird; angetan den Tieren, die maschinell aufgezogen und vollautomatisch getötet werden oder zigtausendfach gekeult, weil wir der Folgen der industriellen Haltung nicht mehr Herr werden. In zahllosen Tiergottesdiensten, Elbeandachten und Baumschutzaktionen haben wir in Magdeburg den Mund aufgetan für die Stummen. Wer die Behutsamkeit mit der uns anvertrauten und unser Leben erhaltenden Schöpfung nicht mehr wahrt, der wird auch kein Verständnis haben für den behutsamen Umgang mit Kindern und Alten, Kranken und Behinderten. Und mit uns selbst, wenn wir einmal nicht mehr können.

Die Adventszeit hat eine merkwürdige Ambivalenz: gleichzeitig Vorfreude und Vorbereitung, gleichzeitig Hochgefühl und Mühe, gleichzeitig Dankbarkeit und Buße: Von »Macht hoch die Tür« bis zu »Mit Ernst, o Menschenkinder« reicht die Palette. Die Achtsamkeit führt uns auf die dunkle Seite des Advent, auf die Seite derer, in deren Dunkel Gott kommen will, auf die Seite derer, die Jesus seliggepriesen hat, auf die Seite der Ohnmächtigen und Schwachen.

Es ist keine Gefühlsduselei, keine Schwäche, achtsam zu sein. Es ist das notwendige Gegengewicht zur Brutalität des Lebens und des menschlichen Wesens. Ein achtloser Gott hätte die Welt ihrem Schicksal überlassen. Ein achtsamer Gott macht sich auf und kommt in unsere Not.

Giselher Quast

Der Autor ist Magdeburger Domprediger i. R.

»Das war etwas Besonderes«

3. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Aktion: Dessauer Konfirmanden backten »Brot für die Welt«

Genau 100 Brote an einem Vormittag – die über 20 Konfirmandinnen und Konfirmanden aus der Region an der Elbe in Dessau waren in der Bäckerei und Konditorei Meiling beileibe nicht nur Zaungäste. Unter fachkundiger Anleitung von Bäckermeister Veit Heinze und seinem Kollegen Christian Pollmann lernten die Jugendlichen, wie viel Sorgfalt und auch Mühe vonnöten sind, bis aus vielen Einzelzutaten ein frisches, knuspriges Brot wird. Hintergrund für den Besuch in der Backstube am 24. September war die zweite bundesweite Aktion »5 000 Brote«, die gemeinsam vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Hilfswerk »Brot für die Welt« verantwortet wird und noch bis zum Ersten Advent läuft. Verkauft wurden die Brote nach einem Gottesdienst am Sonntag in der Dessauer Christuskirche zugunsten von Kinder- und Jugendbildungsprojekten in Kumasi (Ghana), San Salvador (El Salvador) und Tirana (Albanien). Der Erlös betrug stattliche 485 Euro.

Wie viel Arbeit im Brot steckt, erfuhren Dessauer Konfirmanden in der Bäckerei Meiling. Auch Kirchenpräsident Joachim Liebig (Bildmitte) half beim Backen mit. Foto: Johannes Killyen

Wie viel Arbeit im Brot steckt, erfuhren Dessauer Konfirmanden in der Bäckerei Meiling. Auch Kirchenpräsident Joachim Liebig (Bildmitte) half beim Backen mit. Foto: Johannes Killyen

Bei der Backaktion dabei war auch Kirchenpräsident Joachim Liebig. »Das Erntedankfest erinnert mit der Aktion ›5 000 Brote‹ an eine alte Handwerkstradition von zentraler Bedeutung und die weiterhin andauernde Ernährungsnot in Teilen der Welt«, sagte er. Die Dessauer Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch nahm am Sonntag in ihrer Predigt das Thema Ernährung auf. Es gelte, »sich deutlich zu machen, in welch einem Überfluss wir leben im Vergleich zu Hunderten Millionen von Menschen, die täglich hungrig ins Bett gehen«, betonte sie. Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk sagte: »Die Konfirmanden haben einen Eindruck davon gewonnen, wie wertvoll unser Brot des Lebens ist.«

Anhalt-2-40-2016Nicht zuletzt lernten mit diesem Projekt junge Menschen einen der traditionsreichsten Handwerksberufe der Menschheitsgeschichte kennen. Nach dem Auftakt von »5 000 Brote« in Zieko vor wenigen Wochen sind nun noch weitere Aktionen in Quellendorf und Köthen geplant.

»Das Brot richtig schön zu verzieren, in den Ofen zu schieben und goldbraun wieder herauszuziehen, das war schon etwas ganz Besonderes«, schwärmte eine Konfirmandin.

Ein Höhepunkt war freilich auch der zur Pause von Geschäftsführerin Katja Meiling-Wiltner kredenzte Pflaumenkuchen.

(G+H)

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