Neues Konzept und eine Fülle hochkarätiger Veranstaltungen

2. November 2018 von redaktionguh  
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Pogromgedenken: Jüdisch-israelische Kulturtage in Sachsen-Anhalt und Thüringen

Zu Tagen der jüdisch-israelischen Kultur wird ab 3. November in Sachsen-Anhalt und Thüringen eingeladen. Der 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel und das Gedenken an die Opfer der NS-Novemberpogrome vor 80 Jahren stehen im Mittelpunkt der 26. Ausgabe des Festivals in Thüringen, das etwa 100 Veranstaltungen in 20 Städten in allen Regionen Thüringens umfasst, teilte der Vorsitzende des Fördervereins, Ricklef Münnich, in Erfurt mit. Fast die Hälfte der Lesungen, Konzerte, Vorträge und sonstigen Veranstaltungen lägen dabei in der Verantwortung lokaler Partner.

Zur offiziellen Eröffnung der Kulturtage werde am 4. November, 16 Uhr, in der Synagoge im südthüringischen Berkach (Gemeinde Grabfeld) auch Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erwartet.

Der neue Festivalchef Michael Dissmeier hebt als besondere Höhepunkte die szenischen Lesungen aus dem »Roman eines Schicksallosen« von Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész (1929–2016) hervor. Das Werk des Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald werde auch an Orten aufgeführt, die mit dem Holocaust und dem Schrecken der NS-Zeit in Verbindung stehen. Dazu zähle der Erfurter Erinnerungsort »Topf & Söhne. Die Ofenbauer von Auschwitz« ebenso wie das Dokumentationszentrum Jonastal in Arnstadt. Das »Jerusalem-Duo« gastiere in Erfurt (8. 11., 19 Uhr, Lutherkirche) und Eisfeld (9. 11., 19 Uhr, Kirche).
Kultur-vor-Ort-44-2018In Magdeburg werden seit zehn Jahren Tage der jüdischen Kultur und Geschichte begangen. Theater, Konzerte, Ausstellungen, Film, Vorträge und Diskussionen prägen bis 12. November die Angebote. So erwartet die Gäste am 4. November, 19.30 Uhr, im »Forum Gestaltung« ein Leonard-Cohen-Liederabend mit Susan Borofsky und Joseph L. Heid. Am 10. November laden die Domgemeinde und der Förderverein »Neue Synagoge Magdeburg« um 17.30 Uhr zu einem Meditationsweg zu »Christen und Juden in der Geschichte unserer Stadt« ein.

Auch in Aschersleben gibt es bis zum 9. November Jüdische Kulturtage, unter anderem ein Literaturnachmittag zu Weisheiten, Anekdoten und Witzen am 3. November, 15 Uhr, im Gemeindehaus, Markt 28, und am 4. November eine Stolpersteinführung (Treffpunkt 14 Uhr an der ehemaligen Synagoge). Noch bis zum 18. November ist in der Stephanikirche die Ausstellung über jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg zu sehen.

In Halle dauern die Jüdischen Kulturtage bis zum 10. November an. »Durch das jüdische Jahr« heißt ein Konzert am 4. November, 18 Uhr, im Löwengebäude der Martin-Luther-Universität. Mit dem Beitrag jüdischer Intellektueller am geistigen und politischen Leben der Weimarer Republik beschäftigt sich Chaim Noll am 8. November, 19.30 Uhr, im Stadtmuseum.

(G+H)

www.juedische-kulturtage-thueringen.de

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Ein schlafender Riese

28. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Startschuss: Die EKM und die Kirchenzeitung unterstützen Gemeinden mit neuem Gemeindebriefportal

Ein Dorf, eine Kirche, ein Pfarrer – dieser Dreiklang ist in der Mitte Deutschland längst Geschichte. Ein Pfarrer betreut inzwischen mehrere Gemeinden. Für die Kirchgänger ist es da nicht leicht, den Überblick zu behalten: Wo ist am Sonntag nun der Gottesdienst? Orientierung bieten die Gemeindebriefe, kleine Zeitungen, die neben dem richtigen Ort und der Zeit für Predigt und gemeinsames Gebet auch andere nützliche Informationen bereithalten, zum Beispiel wer sich jüngst traute oder wo ein Geburtstag ins Haus steht.

Etwa 300 dieser Gemeindebriefe gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt, dem Kerngebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie erscheinen einmal im Monat oder viermal im Jahr, meist im A 5-Format und oft schwarz-weiß plus eine Schmuckfarbe. Bei den kleinsten liegt die Auflage bei 100 Exemplaren, in den Städten können es auch ein paar Tausend sein. Oft kümmert sich ein kleines Redaktionsteam im Ehrenamt um Texte, Fotos und Layout, manchmal macht es der Pfarrer ganz allein.

Viel Zeit für ein gewagteres Layout gibt es für die Feierabend-Redakteure eher nicht; der Wunsch nach mehr Farbe bleibt meist auf der Strecke. Geld für Extras sitzt bei den Gemeinden nicht gerade locker.

Wir sind dabei: 24 Gemeindebriefredaktionen meldeten am Fachtag bereits konkretes Interesse zur Teilnahme im Portal an. Die ersten wollen nach Abschluss der Pilotphase bereits im Januar mit der Umsetzung beginnen. Fotos: Harald Krille

Wir sind dabei: 24 Gemeindebriefredaktionen meldeten am Fachtag bereits konkretes Interesse zur Teilnahme im Portal an. Die ersten wollen nach Abschluss der Pilotphase bereits im Januar mit der Umsetzung beginnen. Fotos: Harald Krille

Das könnte sich jetzt ändern. Die EKM hat mit Hilfe von »Glaube + Heimat« das Internet-Portal »unsergemeindebrief.de« ins Leben gerufen. Im Netz sollen die Gemeindebriefe künftig entstehen, Texte und Fotos eingebaut und das Ganze druckfähig gemacht werden.
Mit vier Redaktionen wurden jetzt die ersten Ausgaben produziert. Mit einigem Erfolg. Die Titelseite des Gemeindeblattes der Erfurter Predigergemeinde etwa schmücken passend zum Thema »Vom Umgang mit dem Geld« Euroscheine in grün, gelb und orange. In Kapellendorf zeigt man sich in rot und blau solidarisch mit der Nachbarstadt: »Wir für Apolda. Kein Ort für Nazis!« ist dort auf Seite 1 zu lesen.

Pfarrer Thomas Robscheit hat das Gemeindeblatt bisher am Computer im Pfarrhaus selbst gestaltet. Er hat schon im Studium in Jena bei der Studentenzeitung mitgemacht.

Auch die Computertechnik schreckt ihn nicht. Er kam bisher auch ohne Portal zurecht. Doch jetzt sei die Zusammenarbeit mit den anderen, die ihm zuarbeiten, leichter geworden, sagt er.

Auch in der Erfurter Pilotredaktion ist man zufrieden. Schon bald will das Team ganz mit »unser-gemeindebrief.de« produzieren. Von den Mitarbeitern von »Glaube + Heimat« kam jede Hilfe, lobt Arne Langer. Gemeinsam mit Robscheit und den anderen »Piloten« ist er am Sonnabend in das Landeskirchenamt gekommen. Dort sind bei einem Fachtag das Portal, seine Möglichkeiten und die ersten Ergebnisse vorgestellt worden.

Mit Erfolg; mehr als 120 Männer und Frauen, die in etwa 50 Gemeinden für die Kirchenzeitungen Verantwortung tragen, sind gekommen. Über Stunden wird beraten, werden viele Fragen gestellt und beantwortet. Erfahrungen mit solch einem Unterfangen gibt es in Deutschland bisher noch nicht. Die EKM ist die erste evangelische Landeskirche, die sich an die Gemeindebriefe als Ganzes heranwagt, heißt es.

Umringt: Redakteurin Adrienne Uebbing (Mitte) zeigt den Teilnehmern welche gestalterischen Möglichkeiten das Gemeindebriefportal bietet.

Umringt: Redakteurin Adrienne Uebbing (Mitte) zeigt den Teilnehmern welche gestalterischen Möglichkeiten das Gemeindebriefportal bietet.

Dabei ist klar, alles auf einmal geht nicht. Den Redakteuren von etwa 20 Kirchenblättchen pro Jahr soll die Arbeit mit und auf dem Portal näher und beigebracht werden, blickt Willi Wild voraus. Doch der Chefredakteur von »Glaube + Heimat« warnt auch vor zu großen Ambitionen. Die Zeitung ist das Wohnzimmer des Lesers, erklärt er. Ein frischer Anstrich ist bestimmt willkommen, aber ob sich gleich alle über ein komplettes Möbelrücken freuen? Behutsamkeit und Augenmaß sind also angesagt.

Auch wenn die EKM den Gemeinden Technik und Unterstützung kostenlos zukommen lässt, sollen sich die Anstrengungen für sie auszahlen. Es geht schlicht darum, die mehr als 700 000 Kirchenmitglieder überhaupt zu erreichen. Das klappe angesichts dünner Besucherzahlen bei den Gottesdiensten immer weniger, erklärt Kirchensprecher Ralf-Uwe Beck.

Ganz anders die Gemeindebriefe. Die erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Obwohl in seinen acht Dörfern die Zahl der Kirchenmitglieder in den letzten Jahrzehnten von etwa 1 000 auf 650 zurückgegangen sei, würden nach wie vor 420 Exemplare des meist acht-, manchmal auch zwölfseitigen Gemeindebriefes zum Preis von 30 Cent an den Mann und die Frau gebracht, erklärt Pfarrer Robscheit. Für Ralf-Uwe Beck sind die vielen kleinen Zeitungen daher zusammen »ein schlafender Riese« der evangelischen Publizistik.

(epd)

www.unser-gemeindebrief.de

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Wie war’s, Frau Braband?

22. Oktober 2018 von redaktionguh  
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EKM-Jugendsynodale bei Bischofssynode in Rom

Im Auftrag des Lutherischen Weltbundes (LWB) sprach die Erfurter Theologiestudentin Julia Braband vor der katholischen Bischofssynode in Rom über die Mitwirkung der Jugend in der Kirche. Nach ihrem Auftritt im Vatikan schildert sie hier ihre Eindrücke:

Julia Braband Foto: Stefan Kurzke

Julia Braband Foto: Stefan Kurzke

Sie mussten lange warten, weil sich der Zeitplan verschoben hatte. Wie war es, als Sie endlich an die Reihe kamen?
Braband:
Die Synode findet in einer Art Hörsaal statt. Vorne sitzt das Präsidium mit dem Papst und in den aufsteigenden Reihen die Synodenväter und Gäste. Vor mir saßen die Kardinäle, hinter mir die Bischöfe, und ich saß in der Reihe der ökumenischen Gäste. Ich habe dann von meinem Platz aus gesprochen. Am Anfang meiner Rede war ich schon aufgeregt. Ich habe mitbekommen, dass der Papst sehr aufmerksam zugehört hat. An der einen oder anderen Stelle soll er sogar geschmunzelt haben.

Wie waren die Reaktionen?
Braband:
Nach meinem Vortrag gab es Applaus. Von den anwesenden Jugendlichen gab es sogar vereinzelt Jubelrufe. Das hat mich sehr gefreut. Der Passauer Bischof Stefan Oster kam gleich danach zu mir und hat mir gedankt. Auch internationale Bischöfe haben mich angesprochen.

Was nehmen Sie mit aus Rom?
Braband:
Ich habe gemerkt, dass wir in Sachen Jugendbeteiligung in unserer Landeskirche auf einem guten Weg sind. Ich hoffe, dass wir als ökumenische Gäste zeigen konnten, dass man die Jugend in der Kirche beteiligen kann. Wenn es gelingt, dass die Jugend in der katholischen Kirche nicht nur wahr- sondern auch ernstgenommen wird, wäre das ein großer Erfolg.

Die Fragen stellte Willi Wild.

Jugend im Laboratorium des Glaubens

Wortlaut: Die Rede von Julia Braband als Vertreterin des Lutherischen Weltbundes (LWB) vor der Bischofssynode in Rom

Eure Heiligkeit, Eminenzen, Exzellenzen, liebe Schwestern und Brüder in Christus, ich überbringe Ihnen herzliche Grüße vom Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Erzbischof Panti Filibus Musa, dem Generalsekretär Martin Junge sowie meiner eigenen Bischöfin Ilse Junkermann.

Als Mitglied des Rates des Lutherischen Weltbundes freue ich mich, einige Worte an Sie zu richten, die Sie sich hier zum Thema »Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung« versammeln.

Im Evangelium nach Matthäus heißt es im zehnten Kapitel: »Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.« Diesen Vers habe ich zu meiner Taufe mit auf meinen Lebensweg bekommen. Dieses Bekenntnis vor den Menschen schließt für mich das Bekenntnis zur Jugend ein. Das Bekenntnis zu verschiedenen Generationen. Das Bekenntnis zu Vielfalt. Und das Bekenntnis zu den unterschiedlichen Arten des Priestertums, zu dem wir gemeinsam durch die Taufe berufen sind.

Der Lutherische Weltbund hat schon 1984 auf seiner 7. Vollversammlung in Budapest eine Garantie für die Beteiligung junger Menschen in allen Gremien des Lutherischen Weltbundes beschlossen. Heute sind 20 Prozent aller Mitglieder in den Gremien des Lutherischen Weltbundes Jugendliche und junge Erwachsene unter 30 Jahren. Diese Quote wird inzwischen – nicht nur von uns Jugendlichen, sondern auch von vielen anderen Mitgliedern – vehement verteidigt.

Auf der Weltebene funktioniert das sehr gut. In unseren Mitgliedskirchen hat sich jedoch kaum etwas verändert. Deshalb hat die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im letzten Jahr in Namibia noch einmal alle Mitgliedskirchen aufgefordert, die Jugendquote umzusetzen. Die Umsetzung dauert bei unseren lutherischen Kirchen manchmal etwas länger, weil darüber jede Ortskirche selbst entscheidet. Sie haben da einen Vorteil, bei Ihnen könnte es sogar schneller gehen.

In meiner eigenen Mitgliedskirche, der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, funktioniert die Beteiligung Jugendlicher sehr gut. Nicht nur in den kirchenleitenden Gremien oder bei ökumenischen Reisen unter dem Motto »Mit Luther zum Papst« 2016. Junge Menschen sind immer dabei, besonders, wenn es um ihre Zukunft geht: beim Lutherischen Weltbund wird das Thema Klimagerechtigkeit von Jugendlichen bearbeitet und auch gegenüber den Vereinten Nationen vertreten.

Die Jugend ist nicht die Zukunft der Kirche. Sie ist schon die Gegenwart und sie ist die Kirche von heute. Sie lebt im Hier und Jetzt. Jugend will nicht erst in Zukunft die Kirche gestalten, sondern jetzt, um sich in der Kirche der Zukunft geborgen und heimisch zu fühlen. Wir sind alle dazu berufen, unsere Kirchen mitzugestalten.

Der erste wichtige Schritt ist es, der Jugend zuzuhören und ihre Vielfalt wahrzunehmen, wie es in Ihrem Instrumentum Laboris heißt. Noch viel wichtiger ist es, die Anliegen der jungen Glieder der Kirche ernst zu nehmen und ihre Stimme zu einer vollwertigen Stimme in der Gemeinschaft zu machen, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Nur so kann die Kirche Kirche für alle Generationen sein.

Mit unseren guten Erfahrungen im Lutherischen Weltbund will ich Sie alle ermutigen, sich auf die Jugendbeteiligung als »Laboratorium des Glaubens« einzulassen. Oder um es mit einem anderen Wort von Papst Johannes Paul II. zu sagen: Non Abbiate Paura (Habt keine Angst).

Julia Braband arbeitet im Landesjugendkonvent der Evangelischen Jugend mit und gehört zum Synodenpräsidium der EKM.


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Die Zukunft ist sein Land

21. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Bei uns liegt er in der Schublade an der Garderobe, unser Gemeindebrief. Eine unverzichtbare Informationsquelle. Fast jede Kirchengemeinde hat einen. Die Reichweite beträgt weit über 80 Prozent. Etwa 650 000 Gemeindeglieder kommen theoretisch in den Genuss ihres Kirchenblättchens. Das ist eine unglaubliche Quote, die keine andere kirchliche Publikation erreicht. Die ehrenamtlichen Redaktionsteams in den Kirchengemeinden machen ihre wichtige Arbeit effektiv und nahezu geräuschlos.

Vor drei Jahren haben wir im Rahmen der EKM-Erprobungsräume mit der Entwicklung eines Gemeindebriefportals im Internet begonnen. Die Idee, Kirchenzeitung und Gemeindebriefe zusammenzubringen, hatte vor einigen Jahren Ralf-Uwe Beck, der Pressesprecher der EKM. Dank der Weitsicht der Landessynode, die damals die Projektfinanzierung beschlossen hat, kann das Redaktionsportal jetzt an den Start gehen.

Vier Gemeindebrief-Redaktionen aus Elbingerode, Naumburg, Kapellendorf und Erfurt haben ihre erste Pilot-Ausgabe im Portal erstellt. Am Sonnabend werden sie die Ergebnisse bei einem Fachtag im Landeskirchenamt vorstellen. Dazu haben sich über 100 Interessierte aus unserem Verbreitungsgebiet angemeldet. Die Veranstaltung ist ausgebucht. Deshalb wollen wir im neuen Jahr für alle, die nicht dabei sein können, einen weiteren Fachtag anbieten.

Als Kirchenzeitung unterstützen wir die Gemeindebrief-Redaktionen. Auch »Glaube+Heimat« soll demnächst im Portal entstehen. Die Inhalte stehen dann sowohl gedruckt als auch im Internet zur Verfügung. Das ist neu und aufregend. Wir sind zuversichtlich: Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.

Willi Wild

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Zeitzeugen erzählen

7. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung im Landeskirchenamt


Sie wollten um Gottes Willen nicht schweigen. Im Mai 1934 kamen evangelische Christen aus ganz Deutschland nach Wuppertal-Barmen. Sie gründeten dort die »Bekennende Kirche«, deren Fundament die Thesen der Barmer Theologischen Erklärung waren.

Organisatorinnen: Brigitte Andrae (links) und Friederike Spengler in der Ausstellung im Landes­kirchenamt. Foto: Diana Steinbauer

Organisatorinnen: Brigitte Andrae (links) und Friederike Spengler in der Ausstellung im Landes­kirchenamt. Foto: Diana Steinbauer

Welche Grundlagen diese Erklärung hatte, welchen Weg ihre Unterzeichner während der NS-Zeit und danach gingen und welche Auswirkungen diese theologischen Thesen haben, das beleuchtet die interaktive Ausstellung »Gelebte Reformation – Barmer Theologische Erklärung«, die derzeit im Collegium maius im Landeskirchenamt in Erfurt zu sehen ist. Anhand von Bildern, Filmszenen, Dokumenten und Erfahrungsberichten bringt sie Licht in eine dunkle Zeit, in der ein eigener Standpunkt und Courage nicht selten lebensgefährlich waren. Auch für evangelische Christen.

Die Barmer Erklärung war ein Protest gegen die Gleichschaltung und Instrumentalisierung der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Anders als viele Deutsche, für die Vaterland und Kirche zusammengehörten und die später auch den Einfluss des Führers auf die Kirche nicht kritisierten, stellen sich die Verfasser der Barmer Erklärung dem entgegen. Sie betonten in erster Linie wieder die Devise der Reformation »Verbum domini manet in aeternum« – Das Wort Gottes bleibet in Ewigkeit!«

Landeskirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae sprach bei der Vernissage der Ausstellung von einer herausragenden Schau. »Vor allem in den persönlichen Zeitzeugenaufnahmen wird für mich die Zeit und ihr Umfeld lebendig«, erklärt Andrae. Vor allem an der Hörstation, an der man den Geschichten derer lauschen kann, die unmittelbar oder als Kinder oder Lebenspartner der Akteure an diesem Ereignis beteiligt waren. »Man kann hier eintauchen in ein Geschehen, und anhand der Einzelschicksale ergibt sich ein ganzer historischer Zusammenhang, ein geschichtliches Ereignis, von dessen Brisanz wir heute noch lernen und profitieren können.«

Andraes Referentin im Landeskirchenamt, Friederike Spengler, hat die Ausstellung, die als Beitrag zur Weltausstellung in Wittenberg 2017 konzipiert wurde, nach Erfurt geholt. Die Ausstellung kann und soll vor allem auch Schüler und Studenten, Konfirmanden- und Jugendgruppen ansprechen und das Lernen im Geschichtsunterricht unterstützen. Spengler ist froh, dass die Landeskirche von der Evangelischen Bank und der KD-Bank Stiftung unterstützt wird, um diese Schau zeigen zu können. »Es ist eine facettenreiche Ausstellung«, erklärt Friederike Spengler, »die hilft, den Kontext zu bebildern, die historische, ethische und religiöse Fragen zu klären versucht und die den Anstoß geben kann, den eigenen Standpunkt zu finden. Nicht belehrend, sondern anhand von Dokumenten.«

Diana Steinbauer

Die Ausstellung ist von Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr im Collegium maius im Landeskirchenamt in Erfurt zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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»Nicht warten, bis man betroffen ist«

17. September 2018 von redaktionguh  
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Ein neuer Rabbiner steht der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen seit Anfang September vor. Alexander Nachama ist für die Gläubigen kein Unbekannter.

Es war für beide Seiten eine Premiere. Am vergangenen Sonntag feierte Alexander Nachama, der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, mit den Gläubigen das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Damit beginnt er seine Laufbahn in Erfurt mit einem wichtigen Fest im jüdischen Kalender. Die Gemeinde, die Synagoge, die verschiedenen Örtlichkeiten in Erfurt, Jena und Nordhausen, all das wird Nachama in den nächsten Tagen und Wochen näher kennenlernen. »In Thüringen gibt es ähnliche Strukturen, wie ich sie aus Dresden kenne«, erzählt Nachama, der seit 2012 die Dresdener Gemeinde leitete. »Hier wie dort kommt ein Großteil der Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion.« Und in beiden Gemeinden gibt es vor allem viele ältere Gläubige. Um sie will sich der neue Rabbiner besonders kümmern. Aber er hat auch die Kinder- und Jugendarbeit im Blick. »Um die Familien möchte ich mich intensiv bemühen, denn sie sind die Zukunft der Gemeinde. Die wenigen, die es gibt, möchte ich einbeziehen ins Gemeindeleben und hoffe natürlich, dass sich ihre Zahl vergrößert.« Nachama weiß, dass es viele junge Juden gibt, die aber nicht Teil der Gemeinde sind. So seien gerade in Jena viele Studenten jüdischen Glaubens. »Viele von ihnen fahren an den Feiertagen nach Hause und nehmen darum nicht an den Gottesdiensten in unseren Synagogen teil.« Nachama möchte diese jungen Menschen ansprechen, Kontakte knüpfen und ähnlich wie die Studentenpfarrer der beiden Kirchen in den Hochschulstandorten in Mitteldeutschland Ansprechpartner und Seelsorger sein.

Vorbereitung: Mit dem Studieren der Gebetstexte bereitete sich der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Alexander Nachama, auf das Fest Rosch ha-Schana vor. Foto: Diana Steinbauer

Vorbereitung: Mit dem Studieren der Gebetstexte bereitete sich der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Alexander Nachama, auf das Fest Rosch ha-Schana vor. Foto: Diana Steinbauer

Alexander Nachama wurde 1983 in Frankfurt am Main geboren und ist der Sohn des Historikers und Rabbiners Andreas Nachama. Sein Großvater Estrongo Nachama wurde als Berliner Oberkantor berühmt. In Berlin wuchs auch der Enkel auf. »Der Wunsch Rabbiner zu werden war eigentlich immer schon da«, erinnert sich Nachama. Bereits als Jugendlicher leitete er Gottesdienste. Zunächst absolvierte er aber eine Kantorenausbildung. Daran schloss sich ein Bachelorstudium der Judaistik an der Freien Universität Berlin (FU) an. »Der Schritt hin zu einer Ausbildung zum Rabbiner war für mich eine natürliche Entwicklung.« Nachama wurde neben dem Studium an der FU am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam ausgebildet. Ab dem zweiten Studienjahr wurde er in verschiedene Gemeinden geschickt, um die Praxis kennen zu lernen. Eines dieser Praktika absolvierte Nachama in Dresden, wo er wenig später die jüdische Gemeinde übernahm. Ordiniert wurde Nachama aber 2013 in Erfurt.

Und nun also wieder Thüringen. Neben dem Kennenlernen des neuen Aufgabenbereichs muss sich auch die Familie des 34-Jährigen neu einrichten. Eine Wohnung hat die Familie bereits, Kindergartenplätze für die Kinder müssen noch gefunden werden.

Die Leitung des Gottesdienstes gehört nicht zu den vorrangigen Aufgaben eines Rabbiners, erklärt Nachama beim Besuch der Erfurter Synagoge am Juri-Gagarin-Ring. Er habe vielmehr seelsorgerische Aufgaben, besuche Alte und Kranke, begleite die Gläubigen in Zeiten der Trauer und gebe Religionsunterricht. Der jüdische Religionsunterricht wird in Thüringen wegen der wenigen Schüler nicht in den Schulen, sondern am Nachmittag in Gemeinderäumen erteilt. Neben diesen Aufgaben möchte sich Nachama auch in Erfurt für den interreligiösen Dialog stark machen. Als Pegida sich 2015 in Dresden zu einer immer größeren Bewegung entwickelte, nahm Nachama mit Vertretern des Islam und des Christentum am interreligiösen Trialog teil. »Die Notwendigkeit war da und es war wichtig, dass es ein Forum gab, wo die Menschen ihre Fragen offen stellen konnten. Dort hatten viele die Möglichkeit, ein Urteil, das eigentlich ein Vorurteil war, zu erkennen und im Gespräch herauszufinden, dass sich vieles ganz anders darstellt als angenommen.« Nachama tritt für den Dialog ein. Und für ein konsequentes Vorgehen gegen Antisemitismus. »Man sollte nicht warten bis man selbst betroffen ist«, sagt der 34-Jährige. »Es gibt eine Entwicklung zu antisemitischen Tendenzen. Diese sind in Berlin, aber auch in anderen Städten spürbar und viele jüdische Gemeinden sind deshalb besorgt«, so Nachama. Wissen und Begegnung beuge Antisemitismus vor. Darum befürwortet Nachama auch Festivals wie Achava. Ein solches Kulturfestival sei ein positives Erlebnis für alle und trage zum Abbau von Ängsten und Vorurteilen bei.

Diana Steinbauer

Juden in Thüringen
Die jüdische Landesgemeinde in Thüringen, mit Sitz in Erfurt, hat gegenwärtig 800 Mitglieder. Zudem betreut der Rabbiner auch Gläubige in und um die Städte Jena und Nordhausen.

Jüdisches Leben gab es in Thüringen seit dem 12. Jahrhundert. Zeugen dieser Geschichte sind die alte Synagoge in der Erfurter Innenstadt, die Mikwe und der 1998 entdeckte »Erfurter Schatz«. Die wertvollen Goldschmiede­arbeiten waren wahrscheindlich während des Progroms gegen Juden 1349 vergraben worden.
In der Progromnacht 1938 wurde auch die Erfurter Synagoge zerstört. Nach  dem Kriegsende 1945 kehrten nur wenige Überlebende des Holocaust nach Thüringen zurück. 1946 wurde der Landesverband Thüringen gegründet und 1952 ein Synagogenneubau eingeweiht.

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Seelsorger braucht das Land

10. September 2018 von redaktionguh  
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Der demografische Wandel trifft die ganze Breite der Gesellschaft und damit auch den Pfarrberuf. Plagen auch die EKM Nachwuchssorgen?

Am 1. September startet traditionell nicht nur das Ausbildungsjahr im Handwerk, sondern auch der Vorbereitungsdienst für angehende Pfarrer. Vor wenigen Tagen also haben die jungen Vikare dieses Jahrgangs begonnen. Es ist nur eine kleine Schar, elf an der Zahl. »Wir haben mit weitaus mehr Bewerbern gerechnet«, sagt Michael Lehmann, Leiter des Dezernats Personal im Landeskirchenamt der EKM in Erfurt. Dennoch ist er nicht beunruhigt, was den Pfarrnachwuchs in der Landeskirche angeht. »Wir haben in den vergangenen drei Jahrgängen so viele Bewerber gehabt, dass wir mit unseren Partnerkirchen, der Landeskirche Sachsen, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Landeskirche Anhalts, mit denen wir das Predigerseminar in Wittenberg betreiben, überlegen mussten, wie wir das Platzangebot ausweiten«, erzählt Lehmann. Das dritte Jahr in Folge habe es doppelte Jahrgänge gegeben. Das letzte Mal wird 2019 einer dieser großen Jahrgänge in den Dienst kommen. »Das ist wichtig, weil auch bei uns massive Ruhestands­eintritte bevorstehen«, so Lehmann. Dennoch seien die Zahlen insgesamt noch nicht beunruhigend. Die Aufregung um einen Beitrag bei MDR Kultur, der meldete, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland könne nicht alle ihre Stellen besetzen, kann Lehmann darum nicht verstehen.

Bei einem Pressegespräch Anfang des Jahres hatte die EKM Zahlen zur Personalsituation von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie zu den Theologiestudierenden und Vikaren veröffentlicht und eine frohe Botschaft gesendet: Die Zahlen seien stabil, es gäbe genügend Personen für den landeskirchlichen Dienst. Außerdem vermeldete man, dass immer mehr Frauen sich zum Pfarrdienst berufen fühlten. An dieser Situation habe sich auch nichts geändert, betont Michael Lehmann. »In den vergangenen Jahren waren die Zahlen konstant«, erklärt der Oberkirchenrat. Derzeit gibt es 884 Stellen in der EKM. Die Vakanzquote liegt bei 3,4 Prozent, das heißt 30 Stellen können derzeit nicht besetzt werden. »Das hat verschiedene Gründe«, weiß Personaldezernent Lehmann.

Foto: epd-bild/Collage G+H

Foto: epd-bild/Collage G+H

Die Regel ist ein ganz normaler Stellenwechsel. Pfarrer A wechselt von X nach Y. Die Stelle wird frei und die Gemeindekirchenräte beantragen die Wiederbesetzung der Stelle. Der Kreiskirchenrat überlegt, ob angesichts des verabschiedeten Stellenplans die Stelle wieder ausgeschrieben werden kann. Dann wird die Stelle ausgeschrieben und es bewerben sich Pfarrerinnen und Pfarrer. Diese stellen sich in Gottesdiensten vor und werden durch Gemeindekirchenräte gewählt. Drei Monate später treten sie die Stelle an. Das bedeutet: Es gilt bei einem normalen Stellenwechsel eine Zeit von 9 bis 12 Monaten zu überbrücken, in denen diese Stelle frei bleibt.

Um aber neue Pfarrer für die Gemeinden der EKM zu gewinnen, müssen junge Menschen für ein Theologiestudium begeistert werden. »Wenn wir unsere Studenten fragen, warum sie Theologie studieren, dann sagen sie in der Regel, sie seien angeregt worden durch eine gute Gemeindearbeit. Sie haben eine kirchliche Jugendarbeit erlebt, die sie attraktiv fanden, und sie waren auch in Ehrenamtsstrukturen eingebunden«, berichtet Michael Lehmann. Es gibt aber auch eine Gruppe von Studierenden, die nicht aus kirchlichen Strukturen stammen und bei denen der Religionsunterricht das Interesse an Fragen der Theologie geweckt hat.

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer beschreibt seine Intention zum Theologiestudium so: »Weil ich genauer wissen wollte, was an der politisch so bescholtenen Kirche und ihrer Botschaft dran ist, und weil ich eine Möglichkeit suchte, mich meines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen – auch öffentlich – zu bedienen. Dabei wollte ich die Tradition immer als ein Sprungbrett verstehen, gebrauchen, verändern. Seither sinne ich einem Gedanken Luthers nach: ›Was Gott nicht hält, hält nicht‹.«

Schorlemmer hat damals einen klassischen Weg beschritten. Er wurde 1944 als Sohn eines Pfarrers in Wittenberge in der Prignitz (Brandenburg) geboren. Wie er wurden damals viele Pfarrerskinder wieder Pfarrer. Dafür gab es besondere Umstände, gerade in der DDR, die Pfarrerskindern oftmals kein Studium ermöglichte. Wenn ja, dann nur Theologie. »Heute können Pfarrerskinder studieren, was sie wollen, und sie tun es auch«, weiß Michael Lehmann. Das sieht er als großen Vorteil, aber damit sei auch eine Selbstverständlichkeit – wenn auch eine erzwungene – verloren gegangen.

Deshalb macht die EKM Werbung für das Theologiestudium. So beteiligt sich die Kirche an einer Zeitschrift, die Schülerinnen und Schüler in Thüringen erhalten und die bei der Berufswahl helfen soll. Zudem bieten Studienhäuser in evangelischer Trägerschaft attraktive Wohnangebote für Studenten an und die kirchliche Studierendenberatung in Halle und Jena hilft jungen Menschen, Unterstützungsangebote der Kirche, Stipendien, Büchergeld und vieles mehr nutzen zu können.

Diana Steinbauer

Hintergrund
In der EKM gibt es 884 Pfarrstellen, von denen sich 20 in der Ausschreibung befinden. Weitere Stellen werden für 23 Personen vorbereitet, die im April 2019 mit ihrem Entsendungsdienst beginnen wollen. Laut Studierendenliste der Hochschulen auf dem Gebiet der EKM haben sich 2017/18 für den Studiengang Theologie 122 Studierende eingeschrieben. Die tatsächliche Anzahl derer, die in ein Vikariat, also den Vorbereitungsdienst gehen, zeigt sich erst am Ende des Haupt­studiums. Am 1. September haben elf Vikarinnen und Vikare mit dem Vorbereitungsdienst begonnen.


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Das Leben ist wundervoll

6. August 2018 von redaktionguh  
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Sie gibt die Lutherin, ist verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit und Museumspädagogik im Lutherhaus und man trifft sie als Stadtführerin unter anderem in Weimar, Erfurt und Eisenach: Alexandra Husemeyer. Was sie geprägt hat und bewegt, darüber sprach sie mit Sabine Kuschel.

Frau Husemeyer, Sie arbeiten für die Stiftung Lutherhaus Eisenach und verschiedene andere Projekte, sind Stadtführerin, Künstlerin, Vorsitzende des Kunstvereins, vielseitig interessiert und engagiert. Besteht nicht die Gefahr, sich zu verlieren?
Husemeyer:
Die Gefahr besteht natürlich immer. Es ist manchmal schwer, die Balance zu finden. Ich gebe sehr gerne und merke relativ spät, dass ich selbst zu kurz komme. Dann muss ich die Notbremse ziehen und Stopp sagen, um drei Tage mal allein zu sein. Bei mir laufen immer mehrere Projekte gleichzeitig. Ich liebe das aber auch so. Ich arbeite gerne schnell und auf vielen Baustellen gleichzeitig.

Wie und wo kommen Sie wieder zur Ruhe?
Husemeyer:
Ich kann am besten entspannen, wenn ich reise. Im Sommer nehme ich mir immer drei Wochen Zeit und bin dann weg. Allerdings mache ich unterwegs jeden zweiten Tag eine Stunde Büro. Als Freiberufler muss ich E-Mails checken, Anfragen beantworten. Aber ich genieße das trotzdem. Alle wissen, ich bin im Urlaub, aber ich sitze im Café und schaue aufs Meer. Ich beschränke das Arbeiten auf eine Stunde. Dann bin ich wieder frei. Das ist sogar schön. Man denkt, was für ein Luxus, ich kann jetzt hier arbeiten am Meer.

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Wohin werden Sie diesmal im Urlaub verreisen?
Husemeyer:
Ich bin ein Campertyp, liebe die Freiheit, unterwegs zu sein und schlafe im umgebauten Berlingo. Dadurch habe ich nur zwei Sitze, aber ich brauche die Fläche sowieso für Auftrittskostüme, Instrumente, Bücher usw. Ich reise gerne gemächlich, besuche eine Freundin in Freiburg, einen Freund in Zürich. Der Weg soll dann weiter durch Ligurien nach Genua führen. Ich entdecke gerne abseits der großen Straßen Kultur und Geschichten einer Region. Wo es schön ist, halte ich an. Wenn ich Lust habe oder wenn das Geld zur Neige geht, fahre ich wieder nach Hause.

Und wenn Sie zurück sind, welche Pläne und Ideen wollen Sie verwirklichen?
Husemeyer:
Im Lutherhaus steht die Vorbereitung auf die neue Sonderausstellung und das ACHAVA-Festwochenende September 2019 auf dem Plan. Privat habe ich viele Träume und wenig Zeit. Ich möchte so viel lernen: ein Instrument, Französisch, Paragliding. Ich möchte lernen, meine Zeit noch besser zu strukturieren. Im Kalender streiche ich einfach Tage durch. Am Telefon muss ich dann sagen, ich bin ausgebucht. Sonst gibt es nie ein freies Wochenende mit Familie und Freunden.

So viele Aufgaben – wofür brennen Sie?
Husemeyer:
Ohne Unterschied für alles. Für eine Sache zu brennen, das ist für mich die Form des Arbeitens. Wenn Menschen halbherzig irgendetwas hinschludern, regt mich dies persönlich auf.

Sie sind Paramentikerin. Wie sind Sie denn zu den anderen Jobs gekommen?
Husemeyer:
Nach dem Abitur in Hermannswerder habe ich Mitte der 1990er-Jahre Ausbildungen zur Handstickerin und Handweberin in Helmstedt gemacht und zwei Gesellenprüfungen abgelegt.

Die Paramentik-Ausbildung sowie der Kirchliche Fernunterricht liefen parallel. Als bester Azubi Niedersachsens habe ich meine Auszeichnung von Gerhard Schröder bekommen, der damals noch Ministerpräsident war. Damit war ein Stipendium von 10 000 DM verbunden, mit dem ich die Meisterschule als Handweberin finanzierte. Zehn Jahre habe ich als Paramentikerin freiberuflich gearbeitet und Aufträge für München, Berlin oder Bremen gewebt.

Nach und nach musste ich einsehen, dass ich davon nicht leben kann. Wenn ich der Kirchengemeinde einen Preis von 3 000 Euro für ein Parament nannte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen. Das war dann trotzdem nur ein Stundenlohn von 5 bis 8 Euro. Ich habe jahrelang in keine Rentenversicherung eingezahlt, war teilweise nicht krankenversichert, weil ich es einfach nicht konnte.

Ich kehrte in meine Heimatstadt Eisenach zurück und wurde Stadtführerin, weil ich mich für Geschichte und Kunstgeschichte interessiere. Als die Stelle für Museumspädagogik im Lutherhaus ausgeschrieben war, habe ich mich beworben. Zudem habe ich mich fortgebildet, pädagogische Seminare sowie Rhetorikkurse belegt. Seit zehn Jahren arbeite ich nun schon halbtags im Lutherhaus. Eine ganz spannende Zeit mit Umbau, neuer Ausstellung, neuen pädagogischen Konzepten, die ich aktiv und kreativ begleiten durfte.

Paramentik ist eine sehr stille Tätigkeit, ganz anders als das, was Sie jetzt tun …
Husemeyer:
Man ändert sich im Leben. Die Paramentik hat nicht mehr richtig zu mir gepasst. Ich lebe jetzt das ganze Gegenteil, sehr extrovertiert als Künstlerin und Moderatorin.

Wie haben Sie zum Glauben gefunden?
Husemeyer:
In der Christenlehre. Meine Katechetin war Ilse Weißenborn, eine Katechetin alten Schlages. Unverheiratet und streng. Immer mit dunkelblauem Faltenrock und Lutherrose an der weißen Stehkragenbluse. Ich habe diese Frau geliebt. Weil sie genau das Gegenteil von dem verkörperte, was ich zuhause erlebte: Alkoholsucht und Ablehnung des Stiefvaters. Bei ihr war alles klar strukturiert und zuverlässig. Sie war sehr autoritär, aber hat mir zugehört wie kaum jemand.

Die Christenlehre gab Ihnen im Gegensatz zu ihrem Elternhaus Halt?
Husemeyer:
Ja, absolut. Ich habe die Bibel ganz durchgelesen. Die alttestamentarischen Geschichten, beispielsweise die Josefsgeschichte kann natürlich ein Kind verstehen, das sich ausgestoßen fühlt. Dazu haben wir Bilder mit West-Filzstiften gemalt – damals etwas ganz Besonderes.

Die Katechetin hat pädagogisch sehr gut gearbeitet. Noch heute habe ich ihre Sätze im Ohr. Als sie über die Taufe sprach, wollte ich auch getauft werden. Damals war ich neun Jahre alt. Meine Eltern lehnten dies ab. Meine Mutter war Kirchenmitglied, aber lebte das nicht mehr. Mein Stiefvater war Parteisekretär in der SED.

Ich habe lange gedrängelt. Irgendwann hat meine Mutter eingewilligt. Weil ich aber keine Paten hatte, hat sich die Katechetin darum gekümmert.

Obwohl Sie Ihre Kindheit als belastend beschreiben, sind Sie ein fröhlicher Mensch …
Husemeyer:
Da habe ich Glück. Ich empfinde die Gabe immer wieder nach vorne schauen zu können als Gottes Geschenk und bin dafür dankbar. Ich habe sehr viel Kraft, weiß aber, sie ist ein Geschenk.

Sie spielen Katharina von Bora. Wie stehen Sie zu Luthers Frau?
Husemeyer:
Voller Respekt. Mein Bild von ihr beruht auf historischen Quellen. Von ihr sind nur wenige Briefe erhalten, viele jedoch ihres berühmten Ehemannes. Sie muss sehr selbstbewusst und couragiert gewesen sein.

Als der Schmalkaldische Krieg ausbrach, sie verwitwet war und keinen Rechtsbeistand hatte, wandte sie sich an das ranghöchste Oberhaupt der evangelischen Fürsten in Europa und schrieb dem dänischen König. Sie war gebildet und konnte sicher mit Luther ebenbürtig disputieren. Bei den berühmten Tischgesprächen durfte sie als einzige Frau anwesend sein.

Von Christine Brückner gibt es einen Text über Katharina, den ich nicht mag. Denn diese Katharina rechnet hart mit Luther ab. Ein solches Bild lässt sich meiner Meinung nach nicht belegen. Katharina von Bora war eine starke und fröhliche Frau. Sie war ein Arbeitstier und hat teilweise nur vier Stunden geschlafen, um das Pensum zu schaffen. Nach den Briefen Luthers an sie zu urteilen, haben sich die beiden oft geneckt. Das muss neben allen alltäglichen Sorgen sehr fröhlich gewesen sein. So vermittle ich sie.

Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit am Herzen?
Husemeyer:
Heute bin ich glücklich. Weil ich auch andere Zeiten erlebte, versuche ich mit meiner Arbeit etwas Fröhliches und Mutmachendes nach außen zu tragen.
Ich würde gern anderen Menschen helfen, ihren Platz, ihren Sinn im Leben zu finden. Ich möchte Menschen ermutigen, ihren eigenen Ideen zu folgen. Ich sehe meine Arbeit auch als Baustein der Versöhnung zwischen Religionen und Kulturen. Ich teile gern mit anderen, weil ich im Leben auch so viel geschenkt bekam.

Früher war ich unsicher und suchte immer den Sinn meines Daseins. Jetzt ist das Leben so wundervoll! Das ist schön.

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»Wir müssen eben raus als Kirche, hin zu den Menschen«

28. Mai 2018 von redaktionguh  
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Mein Rückblick auf den Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg – Mai 2017.

Fünf Uhr. Gebet zum Sonnenaufgang. In der Morgendämmerung bin ich noch etwas müde nach dem Himmelfahrtsabend, der mich so begeistert hat. Ökumenischer Gottesdienst und Willkommensabend liefen mit mehr als 3 000 Besuchern ansteckend fröhlich in wunderbarer Kirchentagsstimmung ab. Die Kirchengemeinden haben eingeladen, liebevoll waren die Tische gedeckt und vielfältiges Essen zubereitet. Jetzt im Rosengarten am Elbufer zähle ich gerade 12, da kommt noch eine Gruppe Konfirmanden aus Meiningen. Sie haben sich aus dem einzigen Gemeinschaftsquartier in der Stadt so früh auf den Weg gemacht. Ich bin echt gerührt. Danach frühstücken mein Frau und ich auf der Schifferkirche mitten in der Elbe. Großartig, die sind extra aus Hamburg gekommen. Sie freuen sich über die gute Resonanz.

Im Kulturhistorischen Museum begrüße ich wenig später den Rabbiner Sajatz, der eine engagierte Bibelarbeit hält. Rückfragen sind bei den etwa 35 Teilnehmern leicht möglich. Gespräche entwickeln sich. Klasse – denke ich – dass die Stadt und die Museen, Kunst- und Kulturleute den Kirchentag unterstützen. Mit dem Fahrrad fahre ich zum Orga-Team. Herr Günther und die Ehrenamtlichen dort haben sich extra Urlaub für diese Tage genommen. Bloß der Kartenverkauf vor Ort ist mager – 20 000 war einfach zu hoch angesetzt. Wir beraten die Sicherheitslage. Die Polizei wird am Abend die Leute, die zur Inszenierung kommen werden, nur per Kontrolle ans Elbufer lassen. 6 000 werden es dann sein, die einen beeindruckenden Abend mit Licht, Musik, Schiffen und Schauspiel aus Magdeburgs Geschichte erleben werden.

Gottesdienst am Elbufer: Etwa 200 Motorradfahrer versammelten sich vor einem Jahr am Petriförder in Magdeburg zum Bikergottesdienst. Die Kirchentage auf dem Weg waren zeitgleich in Leipzig, Jena/Weimar, Erfurt, Magdeburg, Halle/Eisleben und Dessau-Roßlau. Foto: epd-bild

Gottesdienst am Elbufer: Etwa 200 Motorradfahrer versammelten sich vor einem Jahr am Petriförder in Magdeburg zum Bikergottesdienst. Die Kirchentage auf dem Weg waren zeitgleich in Leipzig, Jena/Weimar, Erfurt, Magdeburg, Halle/Eisleben und Dessau-Roßlau. Foto: epd-bild

Ich fahre zum Dom, ein Reporter vom Deutschlandradio will mich dort sprechen. Im Dom wird gerade zum Thema Frieden diskutiert. Ein Manifest entsteht, das streitbar Beachtung finden wird.

Gesprächstermin: Er habe Kunden im Alleecenter gefragt, was sie vom Kirchentag mitbekommen: Nichts. Und warum wir das Thema Kinderarmut übergehen. Ich erkläre ihm, dass ein Kirchentag davon lebt, dass sich Menschen einbringen mit ihren Themen. Warum nicht zu Kinderarmut? Würde gehen. Aber zum Kirchentag auf dem Weg anlässlich des Reformationsjubiläums haben sich bei uns die Themen Frieden und neue Medien angeboten. Sie haben einen Bezug zu Magdeburg als »Unsers Herrgotts Kanzlei« und als in zwei Kriegen zerstörte Stadt: 1631 und 1945. Ja, schade, dass weniger kommen als gedacht. Wir müssen eben raus als Kirche, hin zu den Menschen. Das ist mühsam und Tickets sind auch nicht hilfreich. Im Übrigen würde ich jetzt los wollen, um mit der Ökumenischen Bigband vor dem Allee­center ein bisschen Straßenmusik zu machen. Meine Antworten hat er nicht gesendet.

In der nachmittäglichen Hitze fahre ich dann mit dem Rad zur Jugend. In den Zelten und im Schatten sind einige Kinder und Jugendliche. Es wirkt ein bisschen zu still, ich spüre Enttäuschung bei den Mitwirkenden. Einige Konfis aus der Altmark berichten aber auch von einem coolen Graffiti-Workshop, den sie besuchten – der war voll.

Zurück in der Oase der Seelsorger an der Wallonerkirche, werde ich wieder etwas aufgebaut. Dort höre ich auch von dem interessanten Projekt »Twittergottesdienst«. Ich schaue mir auf Youtube gleich mal einige TwiGo-Ausschnitte an: Ach, so funktioniert das. Ein Kirchenältester kommt vorbei und ruft mir zu: Den Willkommensabend – den machen wir doch wieder. Ich antworte lachend: Da hängt aber ein ganzer Kirchentag dran. Aber probieren können wir’s ja mal. Vielleicht in zwei Jahren? 2019! – Dankbar bin ich für solch engagierte Haupt- und Ehrenamtliche.

An zahlreichen Helfern vorbei und durch die Polizeikontrolle gehe ich abends ans Elbufer: Ich spüre, wie die Menschen mitgenommen werden in die Geschichte der Reformation vor 500 Jahren. Gut, denke ich, dass es heute anders ist: Ohne konfessionellen Kampf – dafür ökumenisch und weltoffen.

Stephan Hoenen

Der Autor ist Superintendent in Magdeburg.

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Aufbruchsignal für Gemeinden

23. April 2018 von redaktionguh  
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Frühjahrstagung: Landessynode sucht im Kloster Drübeck Perspektiven

Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat sich auf ihrer dreitägigen Frühjahrstagung im Kloster Drübeck auf neue Impulse für die Gemeindearbeit verständigt. Unter dem Motto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« wurden zu sechs Thesen (untenstehend), die bereits auf der Herbstsynode 2017 vorgestellt wurden, Anregungen und erste Handlungsempfehlungen für die Gemeinden und Kirchenkreise erarbeitet. Unter anderem geht es darum, wie auch konfessionslose Menschen mit dem Evangelium erreicht werden und wie Glaubensinhalte verständlich kommuniziert werden können sowie um die Zukunft der Gemeindearbeit. Die Rede war von einem Aufbruchsignal, das daraus entstehen sollte.

Fotos: Willi Wild/Collage: Adrienne Uebbing

Fotos: Willi Wild/Collage: Adrienne Uebbing

Die Umschreibung der EKM-Verfassung in eine geschlechtergerechte Sprache verfehlte am Samstag indes die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit knapp. Für das Gesetz wären von den abgegebenen und gültigen 70 Stimmen genau 47 Stimmen notwendig gewesen. Da aber nur 46 Synodale dafür stimmten, scheiterte das Vorhaben. 22 Synodale stimmten mit Nein, bei zwei Enthaltungen. Die textlichen Änderungen, die vorgesehen waren, sahen vor allem den Zusatz der weiblichen Form wie etwa Pfarrerin, Bischöfin und Mitarbeiterin zu den männlichen Formulierungen vor.

Zum Auftakt der Tagung hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann die Kirchengemeinden ermuntert, positive Erfahrungen aus dem Reformationsjubiläum 2017 mitzunehmen und neue Formate auszuprobieren. Die Bischöfin beklagte aber auch frustrierende Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Verantwortlichen des Reformationsjubiläums. Kulturunterschiede zwischen Ost und West dürften nicht einfach übergangen, sondern müssten viel häufiger und bewusster reflektiert werden, so Junkermann.

Die Landessynode besteht aus 80 gewählten, berufenen und solchen Mitgliedern, die ihr von Amts wegen angehören. In der Regel tritt die Landessynode zweimal im Jahr zusammen. Zu den Aufgaben der Kirchenparlamentarier, der Synodalen, gehören unter anderem die Kirchengesetzgebung und der Beschluss über den Haushaltsplan. Die Synode nimmt Berichte der Landesbischöfin, des Landeskirchenrates und des Landeskirchenamtes entgegen und kann ihnen Aufträge erteilen. Die nächste Tagung ist vom 21. bis 24. November in Erfurt geplant.
(epd)

Losgehen statt stehenbleiben

Die Verfassungsänderung ist knapp gescheitert. Eine Stimme fehlte der Kirchenverfassung in geschlechtergerechter Sprache. Kirchenrätin Dorothee Land, Gleichstellungs­beauftragte der EKM, ist trotzdem zuversichtlich.

Haben Sie mit diesem Ergebnis bei der Abstimmung gerechnet?
Land:
Ich finde gut, dass wir in der Synode so offen und kontrovers diskutiert haben. Denn auch da gilt, was nicht in der Sprache ist, ist nicht in der Wirklichkeit. Es war zu erwarten, dass es eine enge Abstimmung wird. Dass nur eine Stimme gefehlt hat, ist schade, zeigt mir aber auch, dass eine Mehrheit die Veränderung will. Und, dass einige die eigenen Bedenken zurück gestellt haben zugunsten derer, für die wir das tun.

Dorothee Land. Foto: privat

Dorothee Land. Foto: privat

Frauen und Männer, die in geschlechtergerechter Sprache ein Zeichen sehen, dass Kirche bereit ist, gewohntes Terrain zu verlassen, auch ohne letzte Sicherheit, wo sie der Weg hinführt. Das ist für mich eine gut evangelische Haltung. Das steht uns gut zu Gesicht, wenn wir Kirche für Andere sein wollen.

Wie gehen Sie als Gleichstellungsbeauftragte jetzt damit um?
Land:
Zuallererst werde ich auch weiter meinen eigenen Umgang mit geschlechtergerechter Sprache sensibel wahrnehmen und darauf achten, so zu sprechen, dass Frauen und Männer in meiner Sprache sichtbar werden. Wir müssen alle lang eingeübte Gewohnheiten verändern. Das fällt niemandem leicht. Ich will, dass wir im Gespräch bleiben und nicht durch Abwertung oder Distanzierung das Gespräch abbrechen. Darauf werde ich achten und mich auch entsprechend äußern.

War die ganze Vorarbeit umsonst und sind die Änderungen damit Makulatur?
Land:
Auf gar keinen Fall. Die hohe Intensität und Emotionalität der Debatte hat gezeigt, dass es mitnichten um ein Randthema unserer Kirche geht. Wir sind eine Kirche des Wortes. Wir fragen, wie wir sprachfähig werden, so dass Menschen verstehen, dass Kirche und Glaube eine Relevanz für ihr Leben haben. Kirchliche Arbeit wird in vielen Bereichen unserer Kirche von Frauen getragen. Was vergeben wir uns, wenn sich das auch sprachlich abbildet?

Wie jeder und jede Einzelne spricht, ist weder vorzugeben, geschweige denn zu diktieren. Der Fokus liegt darauf, die zu unterstützen, die durch Sprache oder auch durch unser Tun in der Entfaltung ihrer Lebensmöglichkeiten beschränkt werden. Wir tun dies selbstverständlich, wenn es um Fragen ungerechter Wirtschaftssysteme, um soziale Ungerechtigkeiten, um die Folgen unseres Lebensstils geht. Warum also nicht auch, wenn wir die Wirkung unserer Sprache diskutieren? »Ich brauche das nicht«, ist in diesem Zusammenhang ein Argument, mit dem ich die Perspektive derer ausblende, für die gendergerechtes Sprechen existentiell bedeutsam ist.

Die zentralen Punkte sind für mich: Öffnung statt Abgrenzung. Wahrnehmen statt Bewerten. Losgehen statt Stehenbleiben. Und in allem: Gottvertrauen.

Die Fragen stellte Willi Wild.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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