Ein Schuhkarton Ansichtskarten

9. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ute Banse blickt auf bewegte 20 Jahre zurück. In ihrem Laden führt sie ausschließlich christliche Bücher und Devotionalien. Foto: Uli Koch

Ute Banse blickt auf bewegte 20 Jahre zurück. In ihrem Laden führt sie ausschließlich christliche Bücher und Devotionalien. Foto: Uli Koch


Vor 20 Jahren begann die Erfolgsgeschichte von Ute Banse.

Rundherum Weihnachtssterne und draußen auf dem Erfurter Domplatz etwa 30 Grad Hitze. Bei ihr sei immer ein bisschen Weihnachten, sagt Ute Banse. Die 62-Jährige evangelische Christin ist seit nunmehr 20 Jahren selbstständig. Am Tag der Währungsunion, am 1. Juli 1990, habe sie mit einem Schuhkarton voll Ansichtskarten und einem alten Campingtisch angefangen. Die Idee zum mobilen Verkaufs- und Informationsstand an den Domstufen waren der gelernten Bekleidungsingenieurin gekommen, als sie als Stadtführerin ­arbeitete. »Die Touristen konnten ­nirgendwo Postkarten kaufen am Sonntag«, sagt sie. Wegen der Erziehung ihrer vier Kinder war sie lange Zeit als Hausfrau tätig gewesen. Nun suchte sie ein neues Betätigungsfeld. Sie besorgte sich eine Gewerbegenehmigung und stand nun täglich bis spät in die Nacht auf dem Domplatz.

Am 1. Juli 1990 hatte sie nur wenig DM-Wechselgeld. Aber für westdeutsche Touristen brauchte sie welches. Ihr »Startkapital« kam aus kleinen privaten Geldgeschenken von Menschen aus der Partnergemeinde. »Am ersten Tag habe ich 86 D-Mark eingenommen und war stolz wie ein Spanier«, erzählt sie. Es waren verrückte Zeiten, in denen vieles möglich war.

Die Geschäftsfrau, die inzwischen drei Angestellte hat, war bis 1996 mobil unterwegs. Später nicht mehr mit Campingtisch, sondern mit einem großen Wagen. Eines Tages kam der Evangelische Kirchenkreis auf sie zu, der den Kirchenladen »Lydia« in der Pergamentergasse betrieb. Der Kirchenkreis hatte einen Mietvertrag über zehn Jahre. Der Laden jedoch lief nicht besonders. »Sie suchten jemanden, der das auf eigene Verantwortung übernimmt«, blickt sie zurück. Zuerst meinte sie, den Laden fortzuführen sei gegen jede kaufmännische Vernunft. Doch im Gespräch mit Pfarrer Jeremias Treu kamen ihr so viele Ideen, dass sie es doch wagte. »Inzwischen bin ich zur ›Schwester Kirchenladen‹ geworden«, lacht sie. Neben dem Kirchenladen lief der mobile Stand weiter, betreut durch ihre Söhne. »Das war sicheres Geld, das ich in den Laden stecken konnte.«

Ihre kirchlichen Ehrenämter – Ute Banse war im Gemeindekirchenrat und im Kreiskirchenrat – hat sie nach ihrer Selbstständigkeit bald abgegeben. Aber ihr Glaube spielt weiterhin im Leben und Geschäft eine große Rolle. Einmal sei ein junges Mädchen in ihren Laden gekommen und habe gefragt: »Glauben Sie das alles, was in den Büchern steht?« Darauf habe sie geantwortet: »Ich glaube nicht alles, was in den Büchern steht, aber ich glaube, dass mich mein Christsein ­bewahrt vor Mutlosigkeit und Übermut.« Dass sich dieses Mädchen später taufen ließ, war für sie ein besonderes Erlebnis. Ihr Beruf sei eben auch Berufung.

Im Sortiment des Kirchenladens, der nun schon einige Jahre am Domplatz sein Domizil gefunden hat, sind ausschließlich christliche Literatur und Karten, zudem Kerzen für Taufe oder Trauung, Weihnachtssterne, Adventskalender – und Krippen zum Sammeln. Im Keller des Geschäftes werden die Krippen ausgestellt – von Juni bis Januar. Viele würden einzelne Krippenfiguren kaufen – das Jesuskind zum Beispiel für einen Täufling, die Heilige Familie für ein Brautpaar – und so nach und nach eine Weihnachtskrippe zusammenstellen. Zudem betreibt sie eine Kerzenverzierwerkstatt im Keller des Hauses.

Anders als in ihren »mobilen Zeiten« bleibt der Kirchenladen am Sonntag geschlossen. Der Herr habe einen Ruhetag eingelegt, auch der Mensch brauche diesen Tag, kann sie aus eigener Erfahrung sagen.

Am Jubiläumstag gab es Blumen und viel Besuch. Vor dem Haus hatte sich der Druckgrafiker Hans Otto Mempel mit einer mobilen Buchdruckmaschine postiert, auf der die Besucher Lesezeichen herstellen konnte. Auch das Lebensmotto von Ute Banse ist darauf zu lesen: »Wagen statt klagen!« So ist aus bescheidenen Anfängen ein bekanntes Fachgeschäft geworden.

Dietlind Steinhöfel

Schöne Orte zum Verweilen

3. Juni 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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In Sachsen-Anhalt stehen am nächsten Wochenende die 40 »Gartenträume«-Parkanlagen für Besucher offen. Mit  dabei ist auch das Kloster Drübeck, das erst kürzlich ein Labyrinth (Foto) neu eröffnet hat. Daneben lohnt ein Abstecher in die historischen Gärten an der Klosterkirche. Am 12. Juni gibt es zudem abends ein Jazzkonzert und am 13. Juni einen Sonderführung zu besonderen Bäumen und Gehölzen der Umgebung. Foto: Frank Drechsler

In Sachsen-Anhalt stehen am nächsten Wochenende die 40 »Gartenträume«-Parkanlagen für Besucher offen. Mit dabei ist auch das Kloster Drübeck, das erst kürzlich ein Labyrinth (Foto) neu eröffnet hat. Daneben lohnt ein Abstecher in die historischen Gärten an der Klosterkirche. Am 12. Juni gibt es zudem abends ein Jazzkonzert und am 13. Juni einen Sonderführung zu besonderen Bäumen und Gehölzen der Umgebung. Foto: Frank Drechsler


Offene Gärten: Die Kirche hat auch in dieser Beziehung einiges zu bieten.

Pfarr- und Klostergärten haben oft einen besonderen Charme. Einige davon laden am Tag der Offenen Gärten in Thüringen und am Tag der Parks und Gärten in Sachsen-Anhalt zur Besichtigung ein.

Umschlossen von altem Gemäuer und Efeu liegt der Klostergarten neben dem Renaissancehof des Erfurter Augustinerklosters. Durch die Spitzbogenfenster der Kirche hört man Choralgesang. Die Schwestern vom Casteller Ring, einer evangelischen Kommunität, sind gerade beim Mittagsgebet. Petra Stangenberger macht sich am Kräuterbeet zu schaffen. Am 13. Juni soll die Pforte nicht nur den Schwestern und Hausgästen offen stehen, sondern jedem, der am Tag der Offenen Gärten den Weg hierher findet. Bis dahin wird der üppige Rosenbusch im buchsbaumgesäumten Wegekreuz so verschwenderisch blühen und duften, wie es nur alte Sorten können.

Seit fünf Jahren betreut die studierte Gartenbauingenieurin diesen besonderen Ort, der mit seiner Gestaltung und Pflanzenauswahl an mittelalterliche Klostergärten erinnert, ohne sie zu kopieren. Hier wachsen Blumen für den Altarschmuck, vergessenes Wissen um die Heilkraft der Kräuter wird weitergegeben, auf den steinernen Bänken lässt sich Fliederduft und Ruhe atmen, das Auge freut sich am Zusammenklang von Architektur und frischem Grün. Wer am Tag der Offenen Gärten hier ist, kann von 11 bis 17 Uhr Kräuter verkosten, mit Waid färben und bei Führungen dazulernen. Im nächsten Jahr soll auf dem weitläufigen Klostergelände auch ein Bibelgarten zu sehen sein.

Allein 15 Kirchen-, Kloster- und Pfarrgärten sind bei den 235 Thüringer Gärten dabei, die interessierte Besucher in diesen Wochen willkommen heißen. Viele tun es zum wiederholten Mal wie der romantische Himmelsgarten in Orlamünde, der weitläufige Pfarrgarten in Mühlberg oder der historische Herdergarten in Weimar. In Sachsen-Anhalt will das Kloster Drübeck am Tag der Parks und Gärten »Lust am Garten« machen.

Die Vorbereitung für solche Tage  ist arbeitsintensiv. Kundige Ansprechpartner,  vielleicht Musik oder Ausstellungen müssen organisiert werden. Immer größer werdende Pfarrbereiche lassen den Amtsinhabern wenig Spielraum für Zusätzliches. Da ist eine konzertierte Aktion vieler Mithelfer nötig, damit sich der Pfarrgarten einladend öffnen kann.

Viele werden staunen über alten Baumbestand, reizvolle Nebengebäude, das Zusammenspiel historischer Mauern und bunter Blumenpracht. Da wäre sicher noch mancher Pfarrgarten sehenswert, den die Veranstalter noch nicht im Blick hatten oder die Bewohner noch nicht ins Spiel gebracht haben. Zehn Jahre ist es her, seit die aus England kommende Idee der Open Gardens in Thüringen Fuß gefasst hat. Immer mehr Städte und Regionen haben sich dem Vorreiter Weimar angeschlossen und eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Seit drei Jahren sind auch Mühlhausen und Umgebung mit von der Partie.

Das Plakat der Aktion hängt am Tor des Pfarrhauses in Bollstedt. Letzten Sonntag hat es den schönen Blick in Hof und Garten freigegeben, der sich mit Pavillon und Baumhaus weit hinzieht und an der Unstrut endet. In der breiten Tordurchfahr saßen Gartenfreunde an der Kaffeetafel, fachsimpelten, fragten und interessierten sich auch für Geschichte und Gemeinde. Um die 150 Besucher bestaunten den hölzernen Laubengang und das sorgfältig restaurierte Fachwerk im gepflasterten großen Innenhof. Die mächtige Kastanie blüht gerade. Am Laubengang klettern Geißblatt, Clematis und Echter Wein. Überall wachsen Funkien und Geranien in Kübeln, stehen Fundstücke aus der Scheune, die nicht mehr zu retten war.

Irdene Gefäße, die kleinen und großen Keramikkugeln und getöpferten Ampeln, hat die Frau von Pfarrer Matthias Reißland selbst gemacht. Überall ist ihre künstlerische Hand und sein praktischer Sinn zu spüren. 20 Jahre lang haben sie gemeinsam mit vielen anderen das desolate Anwesen saniert und für Gemeindegruppen geöffnet. Inzwischen sind im Pfarrgarten ihre drei Söhne groß geworden und ein kleiner Schössling aus der Dachrinne der Kirche zu einem stattlichen Baum herangewachsen. Offensichtlich fühlen sich im Bollstedter Pfarrgarten Pflanzen und Menschen wohl.

Christine Lässig

www.gartentraeume-sachsen-anhalt.de

»Eine Million Euro sind kein Pappenstiel«

25. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kauf des Erfurter Hotels Nikolai durch die EKM sorgte für Diskussionen

Trügerische Idylle. Auf der Synode gab es Streit um das frühere Hotel. Foto: Lutz Edelhoff

Trügerische Idylle. Auf der Synode gab es Streit um das frühere Hotel. Foto: Lutz Edelhoff

Schwester Katharina Schridde von der Communität Casteller Ring (CCR) im Erfurter Augustinerkloster wurde deutlich. Mit dem Kauf des ehemaligen Hotels Nikolai in Erfurt durch die mitteldeutsche Kirche seien Fakten geschaffen worden, ohne die kirchlichen Gremien zu informieren. Da der Vorgang nicht nur in der Thüringer Landeshauptstadt zahlreiche Irritationen hervorgerufen habe, müsste er nun von einem Untersuchungsauschuss geklärt werden, forderte sie in einem entsprechenden Antrag, der auch von Pröpstin Elfriede Begrich unterzeichnet war.

Hintergrund der Kontroverse war der Erwerb des früheren Hotels durch die EKM. Das in der Erfurter Augustinerstraße in unmittelbarer Nähe zum neuen Landeskirchenamt gelegene Haus hatte die Landeskirche für 750.000 Euro zu Beginn des Jahres erworben, um es als Gästehaus zu nutzen. Nach einer kurzen Umbauphase wurde es am 8. Februar wieder eröffnet und soll vorrangig Gäste der EKM beherbergen. Die Landeskirche gehe davon aus, dass nach dem Umzug der beiden Standorte des Kirchenamtes Eisenach und Magdeburg nach Erfurt im Frühjahr 2011 der Bedarf an Übernachtungen stark ansteigt, hieß es im Februar zur Begründung.

Doch das stieß in der Synode nicht nur auf Zustimmung. In der kontroversen Aussprache zu dem Antrag kritisierten mehrere Synodale die mangelnde Transparenz im Zusammenhang mit dem Kauf. Eine Investitionssumme von insgesamt einer Million Euro hätte dem Kirchenparlament vorgelegt werden müssen, betonte der Synodale Reinhard Hotop (Schleusingen). Das Verfahren sei in der Art und Weise der Vermittlung problematisch, meinte auch Pfarrer Michael Wendel (Braunsdorf). »Eine Million Euro sind kein Pappenstiel.« Von den Synodalen wurde vor allem kritisiert, dass sie nicht bereits im Vorfeld über den Erwerb informiert worden waren.

Dagegen verteidigte Finanzdezernent Stefan Große das Vorgehen. Nach der Kirchenverfassung sei der Haushaltsausschuss der Synode zu außerplanmäßigen Ausgaben wie im vorliegenden Fall sehr wohl berechtigt, sagte er. Ein besseres Investment hätte die Kirche nicht erwerben können, sprang ihm der Synodale Heinrich Strenge (Gonna bei Sangerhausen) bei. Dieter Fischer (Dreitzsch) warnte davor, einen »Stellvertreterkrieg« zu führen.

Am Ende lehnte die Synode den Antrag auf Einrichtung eines Untersuchungssusschusses mit großer Mehrheit ab. Das Verfahren soll nun vom Landeskirchenamt überprüft werden. Das Kuratorium des Erfurter Augustinerklosters werde am 22. April über die umstrittene Bewirtschaftung des Gästehauses durch das Kloster beraten, kündigte Oberkirchenrat Christhard Wagner an. Ein entsprechender Vertragsentwurf stehe dann zur Entscheidung an.

Martin Hanusch

Ringen um die Aufarbeitung

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zeitgeschichte: Im einstigen Stasi-Knast in Erfurt soll eine zentrale Gedenk- und Begegnungsstätte entstehen

Ehemalige Häftlinge besetzten zum Jahreswechsel die Erfurter »Andreasstraße«. Sie verlangten mehr Mitsprache bei der der Planung einer Gedenkstätte im einstigen Untersuchungsgefängnis des MFS. Die Besetzung ist beendet, doch noch sind nicht alle Differenzen ausgeräumt.

In der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße waren zwischen 1952 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert. Nun soll die DDR-Geschichte aufgearbeitet werden. Foto: Claus Bach

In der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße waren zwischen 1952 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert. Nun soll die DDR-Geschichte aufgearbeitet werden. Foto: Claus Bach

Wie soll künftig an die Opfer der SED-Diktatur erinnert werden? Welche Rolle spielen authentische Orte und Zeitzeugen? Wie können Historiker zu einer ausgewogenen Aufarbeitung der DDR-Geschichte kommen? Um all diese Fragen sind in den letzten ­Wochen hitzige Debatten entbrannt. Auslöser war die geplante Gedenkstätte in der von 1952 bis 1989 vom ­Ministerium für Staatssicherheit genutzte Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße. Die unmittelbar angrenzende Stasi-Bezirksverwaltung war die erste auf dem ­Gebiet der ehemaligen DDR, die im Dezember 1989 von Bürgerrechtlern gestürmt und besetzt wurde. Dabei war auch der Gefängnistrakt einbezogen worden, in dem zwischen 1945 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert waren.

Unterschiedliche Konzepte lösten Streit aus

In der Frage der Gestaltung der Gedenkstätte kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen, weil sich einstige Stasi-Opfer von Historikern an den Rand gedrängt fühlten. Für mediale Aufmerksamkeit sorg­te in der Silvesternacht 2009 die Besetzung des Gebäudes durch ehemalige Häftlinge, die dem 2007 gegründeten Verein »Freiheit« angehören. Gemeinsam mit der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unter­lagen, Hildigund Neubert, forderten sie vom Thüringer Bildungsminis­terium, die Opfer der SED-Diktatur stärker in die konzeptionelle Arbeit einzubeziehen und ihnen die Trägerschaft der geplanten Einrichtung zu übertragen.

Die »Gesellschaft für Zeitgeschichte« (Erfurt) und »Freiheit« boten seit 2005 in dem leer stehenden Gebäude Ausstellungen und thematische Führungen an. Zwei Jahre später erarbeiteten sie voneinander abweichende Konzepte für eine museale Nutzung. Daraufhin beauftragte das Thüringer Kultusministerium eine Expertenkommission, die im September 2008 die Berufung eines Gedenkstättenbeirates angeregte, der wissenschaftliche Kompetenz repräsentieren, »aber auch den Vertretern der Opfer- und Aufarbeitungsinitiativen angemessene Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnen sollte«. Es wurde ein »erfahrungsgeschichtliches Forum« vorgeschlagen. Die Konzeption sollte verschiedene Aspekte berücksichtigen: »Gedenken, Erinnern, Lernen und Tagen«.

Nachdem die Landesregierung zwischenzeitlich die »Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung« mit der Trägerschaft beauftragt hatte, verkündete sie am
27. Juli 2009 die Gründung einer ­»Thüringer Stiftung zur SED-Aufarbeitung«. In dieser solle das einstige Stasi-Gefängnis »zentraler Ort der Auseinandersetzung mit der SED-­Diktatur in Thüringen werden und sich besonders der Geschichte der Opposition und des Widerstandes in Thüringen annehmen«.

Der damalige Ministerpräsident des Freistaates, Dieter Althaus, sagte in diesem Zusammenhang: »Ich zähle auf die konstruktive Kooperation zwischen der neuen Stiftung und den Aufarbeitungsinitiatven wie insbesondere dem in Erfurt ansässigen Verein ›Freiheit‹, der sich seit Jahren für die Einrichtung einer Gedenkstätte engagiert hat.«

Geist der friedlichen Revolution bewahren

Dass der Verein »Freiheit« seit Bestehen der Stiftung trotzdem nicht mehr in die inhaltliche Arbeit und baulichen Planungen einbezogen wurde, habe zu dem Entschluss geführt, dagegen öffentlich zu protestieren, erklärte Vereinsvorsitzender Joachim Heise im Februar gegenüber der Kirchenzeitung. Daraufhin sei es zu mehreren Gesprächen mit Staatssekretär Thomas Deufel vom Thüringer Bildungsministerium gekommen. Nach gegenseitiger Annäherung der Positionen habe man sich zur Beendigung der Besetzung entschlossen. Deufel erklärte, dass die weitere Zusammenarbeit mit den Opferverbänden – dem »Freiheit«, der »Gesellschaft für Zeitgeschichte und der Vereinigung ­»Opfer des Stalinismus« (VOS) – über Kooperationsverträge geregelt werde. »Noch sind einige Fragen offen«, räumte Joachim Heise nach einem weiteren Gespräch ein.

Dass die Besetzung des Stasi-Knasts auch Kritik auslöste, darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Während Historiker die Aktion für überzogen hielten, distanzierte sich davon auch die »Gesellschaft für Zeitgeschichte«. Spricht man mit Matthias Sengewald über die »Andreasstraße«, verweist dieser darauf, dass hier nicht nur ein Ort des Gedenkens an die Opfer sei, sondern auch einer, der vom glücklichen Verlauf der friedlichen Revolution zeuge. Der Diakon und Referent im Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland, der zum Vorstand der »Gesellschaft für Zeitgeschichte« gehört, erhofft sich deshalb, dass dieser Geist auch das zukünftige Profil der Gedenk- und Begegnungsstätte prägen möge.

Michael von Hintzenstern

»Barrierefrei im Äther«

11. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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100. Sendung des Christophoruswerkes Erfurt im Offenen Kanal »Radio Funkwerk«

Michael, Valentina und Bernd im Sendestudio (v. l. n. r.)	Foto: Christophoruswerk Erfurt

Michael, Valentina und Bernd im Sendestudio (v. l. n. r.) Foto: Christophoruswerk Erfurt

Wir sind nicht nur ›Behinderte‹, wir sind auch wie alle Menschen. Wir haben Stärken und Begabungen, sind Musiker, Schauspieler und Schriftsteller. Und wir können uns artikulieren, wenn man uns die Gelegenheit dazu gibt.«

So lautet das Bekenntnis der integrativen Radioredaktion, die jetzt ihre 100. Sendung ausgestrahlt hat. Aus der Kooperation des Christophoruswerkes Erfurt mit Radio Funkwerk, dem Bürgerradio der Thüringer Landesmedienanstalt, ist mit »Barrierefrei im Äther« eine thüringenweite Plattform für Menschen mit Behinderungen geworden. In unserer lokalen Medienlandschaft nehmen sie häufig einen Platz am Rande ein. Hin und wieder wird aus gegebenem Anlass über sie oder ihre Einrichtungen berichtet. Und allzu oft wird dabei das Bild von behinderten Menschen verkürzt auf das des Rollstuhlfahrers oder des geistig Behinderten.

»Leben ist mehr«, so heißt nicht nur ein Leitsatz des Christophoruswerkes. Unter diesem Motto starteten Mitte 2005 auch die ehrenamtlichen Initiatoren gemeinsam mit Radio Funkwerk die Umsetzung der Idee für dieses Projekt. Eine Redaktionsgruppe, bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderungen, wurde aufgebaut und eine feste Sendereihe etabliert, deren Verbreitung mittlerweile über alle Thüringer Bürger­sender von Eisenach bis Nordhausen, Erfurt, Weimar und Jena bis Saalfeld erfolgt.

Auch nach der 100. Sendung sind die Initiatoren des Christophorus­werkes noch nicht müde für weitere Vorhaben. Gemeinsam mit Radio Funkwerk und in Kooperation mit R4H, dem Internetradio für barrierefreie Köpfe, bereiten sie sich auf die Übertragung der Paralympics aus Vancouver vor. (mkz)

Kirche mitten in der Stadt

15. Januar 2010 von redaktionguh  
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Über die Fundstücke im Knopf des Nordturmes der Erfurter Reglerkirche freuen sich Kirchenältester Steffen Pauligk (re.) und Pfarrer Johannes Haak (li.). (Foto: Axel Heyder)

Über die Fundstücke im Knopf des Nordturmes der Erfurter Reglerkirche freuen sich Kirchenältester Steffen Pauligk (re.) und Pfarrer Johannes Haak (li.). (Foto: Axel Heyder)

Bauarbeiten und reges Gemeindeleben in der Erfurter Reglerkirche

An warmen Tagen sitzen die Menschen auf den Bänken neben der Erfurter Reglerkirche. Sie halten Vesper oder ruhen sich aus. »Wir sind richtig in der Stadt angekommen«, konstatiert Gemeindepfarrer Johannes Haak. Zwar steht die Kirche immer noch am selben Fleck, aber die großen Tore, die einst den Zugang zum Gelände versperrten, sind verschwunden. Und das sei eine richtige Geschichte:

Im Mauerwerk der Kirche gab es Durchfeuchtungen, berichtet Steffen Pauligk, Kirchenältester und Leiter des Bauausschusses. Schon in den 1970er Jahren hatte es Planungen für die Entwässerung des gesamten Grundstücks gegeben, die jedoch nicht umgesetzt wurden. 2006 nahm man das in Angriff. Doch es gab eine unangenehme Überraschung: In DDR-Zeiten waren alle Versorgungsleitungen durch das Kirchengrundstück gelegt worden: Fernwärme-, Gas- und Hochspannungsleitung. »Alles führte sehr dicht an der Kirche lang«, sagt Pauligk. Da die Stadt Erfurt Raum für einen Radweg benötigte, wurde man sich einig. Die Kirche gab etwas vom Kirchengrundstück ab, die Leitungen wurden unter den Radweg gelegt. Und die Stadt »rückte« näher an die Kirche.

»Grundstücksangelegenheiten sind ein sensibles Thema«, sagt Johannes Haak. »Wir haben deshalb auf einer großen Gemeindeversammlung über die Planungen gesprochen. »Nun ist es auch für die Gemeinde ein Zeichen der Öffnung.«

Die Erfurter Reglerkirche, deren Gemeinde 2200 Mitglieder zählt, wurde im 12. Jahrhundert erbaut und hat wie viele Kirchen einige Umgestaltungen nach Brand oder Zweckentfremdung erfahren. 1845 war sie sogar geschlossen worden, bevor zehn Jahre später eine umfassende Wiederherstellung begann. In den 1970er Jahren wurde wiederum saniert. Dann gab es eine längere Pause. 1992 erarbeitete der Bauausschuss ein denkmalpflegerisches Konzept. Anhand alter Papiere wurde eine Prioritätenliste aufgestellt. Das erste größere Projekt war 2002 die Sanierung des Kreuzgangs mit einem Bauvolumen von 25.000 Euro. Danach kam die Sakristei in die Kur.

»Was uns sehr begleitet hat«, erzählt Johannes Haak, »ist die Glockenaktion.« Vor einigen Jahren musste plötzlich die letzte Glocke stillgelegt werden. Und nicht nur die Glocken, sondern auch die Glockenstühle der beiden Türme waren zu erneuern. »Mit den Männern und den Jungs der Gemeinde haben wir sie abgebaut. Das hat richtig Spaß gemacht«, berichtet der Pfarrer. Die Leute seien sich nähergekommen, persönliche Beziehungen gewachsen. »Ein Grundschüler hat auf sein Eis verzichtet und einen Euro gespendet. Das hat uns ­berührt und gezeigt, dass das Projekt überall angekommen ist.« Zahlreiche Ideen wurden entwickelt, um die 30.000 Euro Eigenanteil zusammenzubringen. Am 14. März soll Glockenweihe sein.

Zurzeit fehlt der wertvolle gotische Flügelaltar. Im unteren Aufbau, dem steinernen Altar, waren Risse festegestellt worden, sodass Einsturzgefahr bestand. Damit die Sanierungsarbeiten beginnen können, wurde der Flügelaltar im Dezember ausgelagert. Die Kosten werden auf etwa 100.000 Euro geschätzt.  Etwa 16.000 Euro davon muss die Gemeinde aufbringen. Auch am Flügelaltar selbst wären Arbeiten nötig. Hierfür gibt es jedoch noch keine ­Mittel.

Eine positive Überraschung gab es, als am 18. Dezember 2009 die Turmhaube abgenommen wurde: Der Turmknopf barg zwei Hülsen! Eine davon wurde 1749 eingelegt. Diese enthielt einen Bittbrief um Geld, da der Turm eingestürzt war. Fundraising im 18. Jahrhundert! Die Dokumente, so Haak, sollen digitalisiert werden.

Die aufwendigen Bauarbeiten tun dem Gemeindeleben keinen Abbruch. Die vier Predigtstätten müssen versorgt werden und die Gemeindegruppen betreut. Aber der Pfarrer hat zahlreiche Helferinnen und Helfer: Lektoren und Menschen, die Kreise selbstständig leiten. 140 Männer und Frauen sind ehrenamtlich aktiv. Sie waren am 10. Januar zum ersten Mal zu einem Ehrenamtstag eingeladen. Rund 100 waren gekommen und erlebten einen fröhlichen Tag.

»Der Dienst des Pfarrers hat sich verändert«, stellt Johannes Haak fest. »Die wachsende Ehrenamtsarbeit macht das Gemeindeleben lebendiger.

Dietlind Steinhöfel

»Weil ich hier gern zuhöre«

15. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Gemeindeleben: Den Kindergottesdienst bestreiten vielerorts ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Der 15-Jährige Lukas aus Jena ging einst selbst zum Kindergottesdienst und ist jetzt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter.  Biblische Geschichten erzählt er gern mit den anderen als Theaterstück. Foto: Andreas Möller

Der 15-Jährige Lukas aus Jena ging einst selbst zum Kindergottesdienst und ist jetzt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter. Biblische Geschichten erzählt er gern mit den anderen als Theaterstück. Foto: Andreas Möller

Vom 16. bis 18. Oktober werden rund 3000 Ehren- und Hauptamtliche aus der kirchlichen Arbeit mit Kindern zur Gesamttagung für Kindergottesdienst der EKD in Erfurt erwartet. Wie steht es mit der Arbeit in Thüringen und Sachsen-Anhalt

Gerade geht der Neun-Uhr-Gottesdienst im Kirchsaal des Jenaer Lutherhauses zu Ende. Aus dem Untergeschoss stürmen die Kinder zurück zu ihren Eltern. Ins Lutherhaus kommen bei zwei Sonntagsgottessdiensten rund 50 Kinder zum Kindergottesdienst, berichtet Gemeindepädagogin Elke Möller. Am Erntedanksonntag waren es sogar über 80.

Der 15-jährige Lukas gehört zu den mehr als 30 ehrenamtlichen Mitar­beitern, die mit Elke Möller das Programm bestreiten. »Ich war langjähriger Konsument«, erzählt er. »Jetzt will ich wiedergeben, was ich gelernt habe.« Die Studentin Steffi aus Schleusingen arbeitet seit fünf Jahren mit. Hier kann sich die angehende Erziehungswissenschaftlerin gleich ausprobieren. Es sind gute Bedingungen in Jena – sowohl räumlich als auch personell. Das weiß Elke Möller.

Einmal im Monat treffen sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Erfahrungsaustausch. Außerdem gibt es Weiterbildungen mit dem Kreiskatecheten. Alles geht Hand in Hand, und auch innerhalb des Kirchenkreises Jena wird sich ausgetauscht. Elke Möller hat für die Ehrenamtlichen eine Mappe aufbereitet mit Anregungen, Gebeten und organisatorischen Tipps. Viele Talente habe sie durch die Kinder- und Jugendarbeit entdeckt, sagt die Gemeindepädagogin. Eine wichtige Säule im Jenaer Kindergottesdienst ist das Theaterspiel. Wie zum Erntedanktag, wo die Ehrenamtlichen von einer faulen Raupe vorspielen. Die Vorschulkinder beschäftigen sich nebenan mit Brot, mahlen Körner auf verschiedene Wei­se und erzählen, was sie vom Brot wissen. Die siebenjährige Selene kommt regelmäßig, »weil es mir Spaß macht und weil ich hier gern zuhöre«.

Mit großen Zahlen kann Doris ­Petrasch aus dem anhaltischen Gernrode nicht aufwarten. Trotzdem hat die Kreisbeauftragte für Kindergottesdienst im Kirchenkreis Ballenstedt Erfolg. Vor knapp drei Jahren habe sie den Kindergottesdienst am Ort neu belebt. Jetzt kann sie auf elf Mitarbeiterinnen zählen: drei Jugendliche und sieben Frauen zwischen 30 und Mitte 40. Einmal im Monat werden die Kinder parallel zum Erwachsenengottesdienst eingeladen. In der Regel kämen zwischen sechs und acht Kinder, drei bis acht Jahre alt.

Doris Petrasch und ihre Mitarbeiterinnen hoffen, dass das Angebot ein fester Bestandteil in der Gottesdienstlandschaft wird und »sich immer mehr Familien einladen lassen und eingeladen fühlen«. Am kommenden Wochenende wird sie mit ihren Mitarbeiterinnen nach Erfurt zur Kindergottesdienst-Gesamttagung fahren. Es sei nicht nur Fortbildung, sondern auch ein Dankeschön der Landeskirche für die Arbeit der Ehrenamtlichen.

Vor allem in kleineren Orten gibt es jedoch Probleme, wie in Radegast (Kirchenkreis Köthen), wo nur punktuell Kindergottesdienst gefeiert werden kann. »Bei uns ist der Familiengottesdienst Schwerpunkt«, sagt Anke Zimmermann, Gemeindepädagogin und für den Kirchenkreis zuständig.

Die Kindergottesdienstbeauftragte für Anhalt, Beate Siegert, betont: »Wir haben ja auch die Christenlehre.« Der Kindergottesdienst habe deshalb immer noch eine andere Stellung als in den westlichen Landeskirchen. Oft kommen nicht dieselben Kinder zu beiden Angeboten.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gab es in den letzten Jahren ein Tief in der Kindergottesdienstarbeit, erläutert Susanne Böhme aus dem Vorbereitungsteam der Gesamttagung in Erfurt. Die Strukturreformen Mitte der 1990er Jahre, damit verbunden weniger Mitarbeiter, und der Geburtenknick habe die Arbeit erschwert. Versuche, dem gegenzusteuern, werden belohnt. Barbara Rösch, Pfarrerin und Organisationsleiterin für die Erfurter Zusammenkunft, freut sich über 800 Anmeldungen aus dem Osten. Es sei richtig ­gewesen, die Tagung in die neuen Bundesländer zu holen. Allein aus der EKM gebe es 300 Anmeldungen. »Ich bin zuversichtlich, dass die Gesamttagung einen positiven Impuls gibt«, so Barbara Rösch.

Von Dietlind Steinhöfel

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