Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von redaktionguh  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Eine Brücke der Verständigung schlagen

22. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Die evangelischen Kirchen in Thüringen luden am 9. Dezember zum Adventsempfang

Der Luthersaal im Erfurter Augustinerkloster war gut gefüllt, die vier Sänger von »Quadro Ton« stimmten in den Abend ein. Am 9. Dezember hatten die evangelischen Kirchen in Thüringen – die EKM und die Kirche Kurhessen-Waldeck – zum traditionellen Adventsempfang geladen. Vertreter der neuen Landesregierung waren gekommen, unter anderem Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und Landtagspräsident Christian Carius (CDU), Vertreter aus Kirche, Gesellschaft und Medien. In seinem Grußwort betonte Christian Carius die wichtige Rolle der Kirchen für die Politik, sie seien ein Motor für die Gesellschaft. Er mahnte mit Hinweis auf Angriffe gegen Abgeordnete Toleranz an. Aber, so der Politiker, Toleranz sei keine Einbahnstraße.

Bodo Ramelow erinnerte an 25 Jahre Mauerfall und den Ruf »Keine Gewalt«, der auch heute Vorbild sein solle. Er prangerte wie Carius persönliche Anfeindungen von Politikern aller Fraktionen, Morddrohungen und Sachbeschädigungen in den vergangenen Wochen an. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur habe er sich auf die Fahnen geschrieben, betonte der Ministerpräsident. Das sei »kein Lippenbekenntnis« und er wisse, dass man nicht einfach vergeben könne. Der Prozess, dem er sich stellen will, brauche Räume. Er hoffe hier auf die Unterstützung der Kirchen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Eindrücklich nahm Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrer Rede die aktuellen Spannungen auf. Es gebe »starke Gründe dafür zu nennen, dass Gott den Glauben an uns auch verlieren könnte«, sagte sie und verwies auf die Greuel, die unter Berufung auf ihn geschehen: Mitmenschen werden gequält, vergewaltigt, gefoltert, getötet, verlieren ihre Heimat. Dabei gab sie zu bedenken, wie fragil militärische Lösungen seien. Es mache ihr Sorge, »dass die Logik und furchtbare Eigendynamik militärischer Gewalt unterschätzt und von manchen verharmlost wird«.
Die Überzeugung »Nie wieder Krieg in Europa« würde schwächer. Das sei bedrückend und nicht zuletzt in unserer Fantasielosigkeit begründet. Sie erinnerte ebenso an die friedliche Revolution, in der wir erfahren hätten, dass einst erbitterte Gegner ein Bild vom »gemeinsamen Haus Europa« entwickelten. Das zeige, dass Veränderung »durch Sanftmut und Friedlichkeit, Nächstenliebe und Schuldeingeständnis« möglich sei. »Für diese Veränderungsmöglichkeit hat der allmächtige Gott das Bild vorgezeichnet.« Dabei redete Junkermann keinem naiven Pazifismus das Wort, doch es dürften Brücken nicht abgebaut werden. Im anderen den Bruder, die Schwester zu sehen, sei geboten. »Bevor geschossen und getötet wird, wird immer zuvor das Menschsein der anderen irgendwie in Abrede gestellt.«
Um dem zu entgehen, sei der Blick auf das Kind in der Krippe wegweisend: der Mächtige, der sich verletzlich macht, um den anderen auf Augenhöhe zu begegnen; einer, der sich in die anderen hineinversetzt, »in sie hineinverwandelt«, um eine Brücke der Verständigung zu schlagen, so die Botschaft der Landesbischöfin.

Dietlind Steinhöfel

Pflaster für verletzte Seelen

11. Mai 2012 von redaktionguh  
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Seelsorge: Notfallseelsorger bieten professionelle Hilfe in Ausnahmesituationen

Im Erfurter Augustinerkloster tagt an diesem Wochenende der 14. Bundeskongress Notfallseelsorge und Krisenintervention. Schwerpunktmäßig wird sich das Treffen mit dem Thema »Psychosoziale Begleitung von Kindern und Jugendlichen« befassen.

Einsätze, bei denen Kinder betroffen sind, zählen für alle zu den schlimmsten Erlebnissen«, erklärt Jochen Seliger, Polizist und Vorsitzender des Vereins »Notfallseelsorge und Krisenintervention Nordthüringen«. Dass der Bundeskongress ausgebucht sei, verwundere ihn nicht. »Selbst Profis kommen in Einsätzen mit Kindern sehr schnell an ihre Grenzen der Anspannung und Belastbarkeit, da ist großer Gesprächsbedarf«, unterstreicht der Thüringer Landespolizeipfarrer Michael Zippel, der den Kongress mit organisiert hat.

Foto: detailblick/Fotolia.com

Foto: detailblick/Fotolia.com

Die Seelsorge nach Unfällen und in akuten Lebenskrisen ist noch ein relativ junger Arbeitszweig und erst vor etwa 20 Jahren entstanden. Deutschlandweit sind heute 25000 meist ehrenamtliche Notfallseelsorger zu rund 11000 Einsätzen im Jahr unterwegs. Allein in Thüringen gibt es nach Angaben des Polizeipfarrers mehr als 380 ehrenamtliche Notfallseelsorger in 22 Teams.

Sie sind die »Erste Hilfe für die Seele« – die Ersten, die vor Ort sind, wenn es gilt, Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen, Opfer, Zeugen oder auch Verursacher von Unfällen zu betreuen. Menschen wie der konfessionslose Jochen Seliger, der im Ernstfall seine Polizeiuniform gegen die gelbe Jacke der Notfallseelsorge eintauscht. Sie ist für ihn wie eine äußere Schutzhülle und zugleich der Beginn seines Auftrages – den Betroffenen zu helfen, das Schreckliche zu begreifen und wieder zurück in ihr Leben zu finden. Meist überbringt er Todesnachrichten.

»Die Reaktionen der Angehörigen sind dabei sehr unterschiedlich«, schildert die sachsen-anhaltische Landespolizeipfarrerin Thea Ilse ihre Erfahrungen. Die Bandbreite reiche von Schweigen, über Schreien und Verleugnen bis zu handfesten Schlägen für die Helfer. Reaktionen, die man als Seelsorger niemals bewerten solle. Doch die Einsätze sind keineswegs immer spektakulär. Manchmal gehe sie mit Betroffenen nur eine Zeit um den Wohnblock, dann komme ein Angehöriger, nehme denjenigen in den Arm und die Situation sei beruhigt, ist die Erfahrung der Polizeiseelsorgerin. »Mitzuschweigen, das Einfach-da-Sein und Zuhörenkönnen ist wichtiger als jeder gutgemeinte Trost«, glaubt auch Pfarrer Jochen Lenz, Notfallseelsorger im Landkreis Nordhausen. Zudem sei Professionalität vonnöten, wenn die Fragen der Angehörigen kommen. Wo ist der Verstorbene jetzt? Kann ich ihn sehen? Wie komme ich an seine Sachen? Wann muss ich den Bestatter oder Pfarrer anrufen?

Rund zwei Stunden dauert ein Einsatz im Durchschnitt. Ein Seelsorger geht immer erst dann, wenn eine Vertrauensperson vor Ort oder die Situation entspannt ist. Nach der Überbringung einer Todesnachricht geht Thea Ilse zu Fuß nach Hause, um mit der Anspannung fertig zu werden. Trotzdem fühle man sich letztlich auch gut, wenn man helfen konnte, kommentiert sie. Erleichterung nach psychisch fordernden Einsätzen finden einige Seelsorger zunächst, indem sie mit ihren Familien sprechen oder sich körperlich anstrengen. »Nach furchtbaren Unfällen rast mein Herz schon auf dem Heimweg, sitzt auch ein Schock in mir fest. Dann gehe ich joggen oder Musik machen. Manche Bilder vergisst du trotzdem nicht«, berichtet Jochen Lenz.

Auch sein Kollege Jochen Seliger hat wiederkehrende Bilder von Opfern im »Kopfkino«, wie er sagt. Übereinstimmend meinen alle, dass die intensivste Entlastung das Gespräch mit den Kollegen sei. Sie könnten als Einzige das Erlebte wirklich nachvollziehen. »Ich weiß nicht, ob ich diese Aufgabe übernehmen könnte, wenn ich nicht von einer christlichen Auferstehungshoffnung zu den Einsatzorten getragen würde. Für mich heißt das konkret, dass das schlimmste Bild, das ich antreffe, immer noch umgeben ist von dem Gedanken – das hier hat nicht das letzte Wort«, betont Pfarrer Lenz nachdrücklich.

Regina Englert

Schöne Orte zum Verweilen

3. Juni 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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In Sachsen-Anhalt stehen am nächsten Wochenende die 40 »Gartenträume«-Parkanlagen für Besucher offen. Mit  dabei ist auch das Kloster Drübeck, das erst kürzlich ein Labyrinth (Foto) neu eröffnet hat. Daneben lohnt ein Abstecher in die historischen Gärten an der Klosterkirche. Am 12. Juni gibt es zudem abends ein Jazzkonzert und am 13. Juni einen Sonderführung zu besonderen Bäumen und Gehölzen der Umgebung. Foto: Frank Drechsler

In Sachsen-Anhalt stehen am nächsten Wochenende die 40 »Gartenträume«-Parkanlagen für Besucher offen. Mit dabei ist auch das Kloster Drübeck, das erst kürzlich ein Labyrinth (Foto) neu eröffnet hat. Daneben lohnt ein Abstecher in die historischen Gärten an der Klosterkirche. Am 12. Juni gibt es zudem abends ein Jazzkonzert und am 13. Juni einen Sonderführung zu besonderen Bäumen und Gehölzen der Umgebung. Foto: Frank Drechsler


Offene Gärten: Die Kirche hat auch in dieser Beziehung einiges zu bieten.

Pfarr- und Klostergärten haben oft einen besonderen Charme. Einige davon laden am Tag der Offenen Gärten in Thüringen und am Tag der Parks und Gärten in Sachsen-Anhalt zur Besichtigung ein.

Umschlossen von altem Gemäuer und Efeu liegt der Klostergarten neben dem Renaissancehof des Erfurter Augustinerklosters. Durch die Spitzbogenfenster der Kirche hört man Choralgesang. Die Schwestern vom Casteller Ring, einer evangelischen Kommunität, sind gerade beim Mittagsgebet. Petra Stangenberger macht sich am Kräuterbeet zu schaffen. Am 13. Juni soll die Pforte nicht nur den Schwestern und Hausgästen offen stehen, sondern jedem, der am Tag der Offenen Gärten den Weg hierher findet. Bis dahin wird der üppige Rosenbusch im buchsbaumgesäumten Wegekreuz so verschwenderisch blühen und duften, wie es nur alte Sorten können.

Seit fünf Jahren betreut die studierte Gartenbauingenieurin diesen besonderen Ort, der mit seiner Gestaltung und Pflanzenauswahl an mittelalterliche Klostergärten erinnert, ohne sie zu kopieren. Hier wachsen Blumen für den Altarschmuck, vergessenes Wissen um die Heilkraft der Kräuter wird weitergegeben, auf den steinernen Bänken lässt sich Fliederduft und Ruhe atmen, das Auge freut sich am Zusammenklang von Architektur und frischem Grün. Wer am Tag der Offenen Gärten hier ist, kann von 11 bis 17 Uhr Kräuter verkosten, mit Waid färben und bei Führungen dazulernen. Im nächsten Jahr soll auf dem weitläufigen Klostergelände auch ein Bibelgarten zu sehen sein.

Allein 15 Kirchen-, Kloster- und Pfarrgärten sind bei den 235 Thüringer Gärten dabei, die interessierte Besucher in diesen Wochen willkommen heißen. Viele tun es zum wiederholten Mal wie der romantische Himmelsgarten in Orlamünde, der weitläufige Pfarrgarten in Mühlberg oder der historische Herdergarten in Weimar. In Sachsen-Anhalt will das Kloster Drübeck am Tag der Parks und Gärten »Lust am Garten« machen.

Die Vorbereitung für solche Tage  ist arbeitsintensiv. Kundige Ansprechpartner,  vielleicht Musik oder Ausstellungen müssen organisiert werden. Immer größer werdende Pfarrbereiche lassen den Amtsinhabern wenig Spielraum für Zusätzliches. Da ist eine konzertierte Aktion vieler Mithelfer nötig, damit sich der Pfarrgarten einladend öffnen kann.

Viele werden staunen über alten Baumbestand, reizvolle Nebengebäude, das Zusammenspiel historischer Mauern und bunter Blumenpracht. Da wäre sicher noch mancher Pfarrgarten sehenswert, den die Veranstalter noch nicht im Blick hatten oder die Bewohner noch nicht ins Spiel gebracht haben. Zehn Jahre ist es her, seit die aus England kommende Idee der Open Gardens in Thüringen Fuß gefasst hat. Immer mehr Städte und Regionen haben sich dem Vorreiter Weimar angeschlossen und eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Seit drei Jahren sind auch Mühlhausen und Umgebung mit von der Partie.

Das Plakat der Aktion hängt am Tor des Pfarrhauses in Bollstedt. Letzten Sonntag hat es den schönen Blick in Hof und Garten freigegeben, der sich mit Pavillon und Baumhaus weit hinzieht und an der Unstrut endet. In der breiten Tordurchfahr saßen Gartenfreunde an der Kaffeetafel, fachsimpelten, fragten und interessierten sich auch für Geschichte und Gemeinde. Um die 150 Besucher bestaunten den hölzernen Laubengang und das sorgfältig restaurierte Fachwerk im gepflasterten großen Innenhof. Die mächtige Kastanie blüht gerade. Am Laubengang klettern Geißblatt, Clematis und Echter Wein. Überall wachsen Funkien und Geranien in Kübeln, stehen Fundstücke aus der Scheune, die nicht mehr zu retten war.

Irdene Gefäße, die kleinen und großen Keramikkugeln und getöpferten Ampeln, hat die Frau von Pfarrer Matthias Reißland selbst gemacht. Überall ist ihre künstlerische Hand und sein praktischer Sinn zu spüren. 20 Jahre lang haben sie gemeinsam mit vielen anderen das desolate Anwesen saniert und für Gemeindegruppen geöffnet. Inzwischen sind im Pfarrgarten ihre drei Söhne groß geworden und ein kleiner Schössling aus der Dachrinne der Kirche zu einem stattlichen Baum herangewachsen. Offensichtlich fühlen sich im Bollstedter Pfarrgarten Pflanzen und Menschen wohl.

Christine Lässig

www.gartentraeume-sachsen-anhalt.de

»Eine Million Euro sind kein Pappenstiel«

25. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kauf des Erfurter Hotels Nikolai durch die EKM sorgte für Diskussionen

Trügerische Idylle. Auf der Synode gab es Streit um das frühere Hotel. Foto: Lutz Edelhoff

Trügerische Idylle. Auf der Synode gab es Streit um das frühere Hotel. Foto: Lutz Edelhoff

Schwester Katharina Schridde von der Communität Casteller Ring (CCR) im Erfurter Augustinerkloster wurde deutlich. Mit dem Kauf des ehemaligen Hotels Nikolai in Erfurt durch die mitteldeutsche Kirche seien Fakten geschaffen worden, ohne die kirchlichen Gremien zu informieren. Da der Vorgang nicht nur in der Thüringer Landeshauptstadt zahlreiche Irritationen hervorgerufen habe, müsste er nun von einem Untersuchungsauschuss geklärt werden, forderte sie in einem entsprechenden Antrag, der auch von Pröpstin Elfriede Begrich unterzeichnet war.

Hintergrund der Kontroverse war der Erwerb des früheren Hotels durch die EKM. Das in der Erfurter Augustinerstraße in unmittelbarer Nähe zum neuen Landeskirchenamt gelegene Haus hatte die Landeskirche für 750.000 Euro zu Beginn des Jahres erworben, um es als Gästehaus zu nutzen. Nach einer kurzen Umbauphase wurde es am 8. Februar wieder eröffnet und soll vorrangig Gäste der EKM beherbergen. Die Landeskirche gehe davon aus, dass nach dem Umzug der beiden Standorte des Kirchenamtes Eisenach und Magdeburg nach Erfurt im Frühjahr 2011 der Bedarf an Übernachtungen stark ansteigt, hieß es im Februar zur Begründung.

Doch das stieß in der Synode nicht nur auf Zustimmung. In der kontroversen Aussprache zu dem Antrag kritisierten mehrere Synodale die mangelnde Transparenz im Zusammenhang mit dem Kauf. Eine Investitionssumme von insgesamt einer Million Euro hätte dem Kirchenparlament vorgelegt werden müssen, betonte der Synodale Reinhard Hotop (Schleusingen). Das Verfahren sei in der Art und Weise der Vermittlung problematisch, meinte auch Pfarrer Michael Wendel (Braunsdorf). »Eine Million Euro sind kein Pappenstiel.« Von den Synodalen wurde vor allem kritisiert, dass sie nicht bereits im Vorfeld über den Erwerb informiert worden waren.

Dagegen verteidigte Finanzdezernent Stefan Große das Vorgehen. Nach der Kirchenverfassung sei der Haushaltsausschuss der Synode zu außerplanmäßigen Ausgaben wie im vorliegenden Fall sehr wohl berechtigt, sagte er. Ein besseres Investment hätte die Kirche nicht erwerben können, sprang ihm der Synodale Heinrich Strenge (Gonna bei Sangerhausen) bei. Dieter Fischer (Dreitzsch) warnte davor, einen »Stellvertreterkrieg« zu führen.

Am Ende lehnte die Synode den Antrag auf Einrichtung eines Untersuchungssusschusses mit großer Mehrheit ab. Das Verfahren soll nun vom Landeskirchenamt überprüft werden. Das Kuratorium des Erfurter Augustinerklosters werde am 22. April über die umstrittene Bewirtschaftung des Gästehauses durch das Kloster beraten, kündigte Oberkirchenrat Christhard Wagner an. Ein entsprechender Vertragsentwurf stehe dann zur Entscheidung an.

Martin Hanusch