»Ganz unten angekommen«

7. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Bei der gegenwärtigen Kälte greifen Obdachlose noch häufiger zur verhängnisvollen Flasche. 	Foto: Maik Schuck

Bei der gegenwärtigen Kälte greifen Obdachlose noch häufiger zur verhängnisvollen Flasche. Foto: Maik Schuck

Hilfsangebot: Diakonie Mitteldeutschland bietet Notunterkünfte und Beratungsdienste für Obdachlose

Rund 20.000 Menschen leben bundesweit auf der Straße. Im Winter bleiben ihnen oft nur die Notunterkünfte. Die Einrichtungen der Diakonie verzeichnen hierzulande allerdings noch keine gestiegene Nachfrage.

»Es ist ein Stigma, wenn man ›Ettersburger Straße 74‹ im Ausweis stehen hat, da wird jedes Gespräch sofort abgebrochen«, erzählt Ronald St. von seinen Erlebnissen beim Blutspenden, bei der Suche nach einer Wohnung oder nach Arbeit. Hinter der Ettersburger Straße 74 in Weimar verbirgt sich das Obdachlosenheim der Stadt. Ronald St. ist 29 und Alkoholiker, saß schon im Knast, weil er im Suff handgreiflich wurde. Die Schule, mehrere Ausbildungen und Entzugstherapien hat er abgebrochen. Seit etwa vier Monaten wohnt er im Obdachlosenheim, seine Freundin ebenfalls. »Man wird für doof gehalten« – diese Erfahrung musste er, einmal ganz unten angekommen, immer wieder machen.

Die Sozialbetreuung des Heims in Weimar verantworten Diakonie und Caritas gemeinsam. Vier Sozialarbeiter stehen bereit, sie teilen sich das Kontingent von 55 Wochenstunden. »Eigentliche Sozialarbeit und Einzelfallhilfe können wir unter diesen Bedingungen gar nicht leisten«, so Tonio Manser, Leiter der Einrichtung. In den Notwohnungen kommen bis zu 80 Personen unter, 27 finden im Übernachtungsheim einen Schlafplatz. Aber nur etwa die Hälfte der Plätze ist belegt, mit sinkender Tendenz.

Das ist laut Manser eine der erfreulicheren Folgen von Hartz IV, da seitdem die Mieten direkt über das Arbeitsamt bezahlt werden können, wodurch viele Schulden wegfallen. Die meisten der Bewohner sind in Arbeitsmaßnahmen beschäftigt. So gibt es enge Verbindungen zur »Neuen Arbeit«. In dieser Einrichtung der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein bekommen schwer Vermittelbare wie Obdachlose in verschiedenen Projekten vom Fahrradrecycling über gesunde Ernährung bis zur Denkmalpflege befristete Ein-Euro-Jobs und werden dabei sozial betreut. Eine Wiedereingliederung auf dem offenen Arbeitsmarkt sei aber für die meisten der Beschäftigten utopisch, so die stellvertretende Bereichsleiterin Christiane Englert.

Die Magdeburger Stadtmission kümmert sich besonders darum, Obdachlosigkeit mit umfangreichen Beratungsangeboten vorzubeugen. »Die Ursachen sind komplex, und wenn man Schulden hat, ist die Gefahr sehr groß, obdachlos zu werden«, sagt Schwester Erika Tietze, 1. Vorstand der Magdeburger Stadtmission. Das Projekt »Prävention Obdachlosigkeit«, eine unabhängige Schuldenberatung, finanziert sich ausschließlich über Spenden. Der Bedarf ist groß: »Wir könnten unendlich beraten, aber wir haben nur Geld für eine Stelle«, so Tietze. Bis zum 6. Januar wurden dafür während der Advents- und Weihnachtszeit mit der »Aktion Bäckercent« in knapp 30 Bäckereien Spenden gesammelt. In den letzten Jahren lag der Erlös zwischen 300 und 500 Euro.

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind in Deutschland insgesamt etwa 227.000 Menschen wohnungslos, rund 20.000 leben ohne Unterkunft auf der Straße. Für Betroffene bietet auch die Diakonie Mitteldeutschland in Erfurt, Weimar, Genthin, Sangerhausen, Wittenberg und Saalfeld Übernachtungsmöglichkeiten an. Darüber hinaus können Obdachlose oder Gefährdete in zahlreichen Einrichtungen wie Wärme- und Teestuben sowie Beratungsstellen Hilfe finden. Allerdings gibt es im Winter nicht mehr Anfragen als sonst auch.

In der Wärmestube Mühlhausen, wo sich Obdachlose und andere Hilfsbedürftige treffen, um sich aufzuwärmen und bei einem Kaffee miteinander zu plaudern, sind das ganze Jahr über zwischen 15 und 20 Besucher da. Auch die Übernachtungsangebote der Diakonie in Wittenberg sind im Winter nicht besonders ausgelastet. Sylvia Voigt, Leiterin des »Hauses Zuflucht« der Stadtmission Erfurt, kann das bestätigen: »Das habe ich in den ganzen Jahren noch nicht erlebt, dass der Zulauf im Winter größer ist. Wann und warum die Leute kommen, da gibt es kein System.« In Erfurt werden die Bewohner des Hauses auch von den anderen Bürgern gut versorgt: mit Handschuhen, gestrickten Mützen und dicken Socken.

Der freie Verein Streetwork Gera öffnet schon seit zehn Jahren von November bis April ein Nachtasyl mit neun Plätzen für obdachlose Jugendliche. In den vergangenen beiden Monaten gab es 28 Übernachtungen, etwas mehr als in den letzten Jahren. Vereinsvorsitzender Andreas Heimerdinger erklärt: »Prinzipiell kommen sie immer irgendwo unter. Im Winter gibt es nicht mehr Obdachlose als sonst, aber es wird stärker bewusst.«

Jonathan Steinert