Gottesdienst als Heimat

11. September 2017 von redaktionguh  
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Die Melodien und Rhythmen, die Intensität und Ernsthaftigkeit setzen sich dauerhaft im Gedächtnis fest, wenn man einmal Sonntagmorgen einen Gottesdienst eritreischer Christen besucht hat.

Es ist anders. Andächtiger, intensiver, aber auch ausgelassener feiern Eritreer Gottesdienst. Teame Beraki ist der Diakon der kleinen eritreischen Gemeinde. Aus seinem Heimatland ist er wegen des Militärdienstes geflohen. Für ihn als Christ war das keine Option. »Ich kann nicht zurück«, sagt er. Die deutsche Sprache fällt ihm noch schwer, vor allem was das theologische Vokabular angeht.

Sein Schicksal – die Flucht vor dem Militärdienst – teilt er mit einigen der anderen. Fünf oder sechs Eritreer sind noch minderjährig. Seit Anfang April treffen sie sich regelmäßig in Eisenachs Kirchen und Gemeinderäumen zum Gottesdienst. Den ersten Kontakt suchten sie in der zentralen Georgenkirche am Markt. Küster Andreas Börner lud sie für den nächsten Sonntag zum Gottesdienst ein. Doch da verstanden sie recht wenig und fragten nach der Möglichkeit, im Anschluss ihren eigenen Gottesdienst feiern zu können. Das war zunächst kein Problem. Doch mit dem Frühling kamen auch mehr Touristen, die das Gebet, den Tanz und den Gesang der dunkelhäutigen Männer und Frauen nicht für voll nahmen und trotzdem durch den Altarraum liefen. Danach begann für die Eritreer eine kleine Odyssee durch Eisenachs Kirchenräume.

Ins Gebet versunken: Eritreische Christen feiern ihre Gottesdienste in Eisenachs Kirchengemeinden. Unwissenheit und Vorurteile führen oft dazu, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe und der Kopftücher der Frauen für Muslime gehalten werden. Foto: Mirjam Petermann

Ins Gebet versunken: Eritreische Christen feiern ihre Gottesdienste in Eisenachs Kirchengemeinden. Unwissenheit und Vorurteile führen oft dazu, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe und der Kopftücher der Frauen für Muslime gehalten werden. Foto: Mirjam Petermann

Ihr nächster Treffpunkt wurde die weniger frequentierte Nikolaikirche, bis ein weiteres Problem zur Sprache kam: Eritreische Christen essen bis zum Gottesdienstende nichts. Wenn also ihr Gottesdienst frühestens 10.30 Uhr nach dem deutschen Gottesdienst beginnt und dieser zwei Stunden und länger dauert, war der Hunger groß und die Konzentration am Ende. Also wurden weitere Lösungen gesucht und über Umwege auch gefunden. Ein Andachtsraum im Schulgebäude des Diakonischen Bildungsinstituts, etwas außerhalb der Stadt. Ruhe und Zeit haben die 20 bis 25 eritreischen Christen hier, aber für ihre Vorstellungen eben keine »richtige« Kirche, sagt Andreas Börner.

Der Diakon ist die einzige Schnittstelle zwischen den Christen aus Eritrea und Eisenachs Kirchengemeinde. Teame Beraki sagt, »er ist ein guter Mann«. In der eigenen Gemeinde wird Börner als Eritrea-Beauftragter bezeichnet – ein Job für den eigentlich keine Kapazitäten da sind. Es ist für ihn unverständlich, dass die Geflüchteten weder auf staatlicher noch auf kirchlicher Seite für solche religiösen Angelegenheiten einen Ansprechpartner haben. »Wenn es Christen sind, muss sich die Kirche auch kümmern«, findet er. Die Kontaktaufnahme der Kirchengemeinde »läuft leider nicht so, wie ich es mir wünsche«, sagt er.

Woran das liegt, dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze für Pfarrer Stephan Köhler, stellvertretender Gemeindekirchenratsvorsitzender. Konkrete Wünsche um Kontakte über die kirchliche Verbundenheit hinaus habe er von anderen Geflüchteten schon vernommen, jedoch nicht von den Eritreern. »Ich habe nicht das Gefühl, dass weiterer Anschluss gesucht wird«, so Köhler. Für ihn liegt der Grund dafür in der geschlossenen Gemeinschaft, die sie bilden. »Es wird in den Gottesdiensten spürbar, dass es für sie ein Stück Zuhause ist«, sagt er. Dafür spreche auch die Regelmäßigkeit und große Zahl der Gottesdienstbesucher. Sein Ziel ist es, die Eritreer zu ökumenischen Veranstaltungen einzuladen und das Miteinander in ähnliche Bahnen wie mit der katholischen Kirche oder den Freikirchen der Stadt zu lenken.

Köhler bemerkt aber auch, dass die Kirchengemeinde dieses Jahr aufgrund des Reformationsjubiläums sehr beansprucht sei. Wegen der zahlreichen Besucher und Veranstaltungen sind kaum noch Reserven vorhanden. Das zeigt sich auch am Freundeskreis Asyl der Kirchengemeinde. Der befindet sich derzeit »in einer Umorientierungsphase und es gab längere Zeit keine Treffen«, so der bisherige ehrenamtliche Verantwortliche Stefan Brinkel. Seit dem 1. Juli gibt es eine Stelle für kirchliche Sozialarbeit im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen. Den Posten übernahm Maike Röder, bis dato Migrationsberaterin bei der Diakonie. Für sie könnte der Kontakt mit den Eritreern ein Bestandteil ihrer Arbeit werden. Inwieweit das ausbaufähig sei, müsse man schauen, so Röder.

Mirjam Petermann

Das Leben der anderen

19. Juni 2016 von redaktionguh  
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Interreligiöser Dialog: »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen« – Christen und Moslems begegnen sich

Dialog, aus dem Griechischen  für »sich unterhalten«, scheint einfach, wenn es um das Gespräch mit Gleichgesinnten geht. Doch wie funktioniert der Dialog der Religionen? Ein Selbstversuch.

Ein Schild am Kellereingang im Hinterhof, das war’s. Zur gängigen Vorstellung von einer Moschee passt dieser Ort nicht. Die schwere Kellertür steht offen. Drinnen Teppichboden, draußen stehen Schuhe. Dass sich hierher jemand zufällig verirrt, ist unwahrscheinlich. Ich bin verabredet mit Vertretern des Vereins »Haus des Orients« und mit Ramón Seliger, Vikar in der evangelischen Kirchengemeinde Weimar. Es soll um den interreligiösen Dialog gehen oder einfacher ausgedrückt, um Begegnung. Was wissen wir voneinander und wie leben wir unseren Glauben im Alltag? Ein spannendes Experiment. Osama Hegazy, promovierter Architekt aus Ägypten, bittet uns freundlich, auf dem Boden Platz zu nehmen. Im Hauptberuf kümmert er sich im Jobcenter als Vermittler um Flüchtlinge und Migranten aus arabischen Ländern. Für die Moschee und den Verein ist er ehrenamtlich tätig. Auch der Imam, der Vorbeter, Krim Seghiri aus Algerien. Der Prüftechniker arbeitet in der Woche in Augsburg. Zum Freitagsgebet ist er pünktlich in Weimar zurück.

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Im Moment verbringen sie viel Zeit in der Moschee. Es ist Ramadan. Fünf Gebetszeiten pro Tag. Nach Sonnenuntergang darf gegessen und getrunken werden. Mit Sonnenaufgang wird gefastet und gebetet. Das ist diesmal eine besondere Herausforderung. Die Sonne geht bereits um 3 Uhr auf und erst nach fast 19 Stunden unter. »Das Leben im Ramadan ist anders«, erklärt Hegazy. Die Muslime leben in dieser Zeit wie eine Familie zusammen. Das Fasten ist eine gemeinsame religiöse Übung. Nur Kinder, Schwangere und Kranke sind ausgenommen. Der Ramadan sei ein Monat der Einkehr und Sammlung. So wie das wöchentliche Freitagsgebet. Sie treffen sich im »Haus des Orients«. So nennen sie den Versammlungsraum im Keller. 65 Quadratmeter, auf denen sich bis zu 150 Gläubige drängeln. Sie kommen aus Pakistan, Tunesien, Marokko, Libyen, Sudan, Eritrea, Irak, Syrien, Bangladesch, Indonesien oder aus europäischen Ländern. Die arabischen Worte des Vorbeters werden ins Deutsche, Englische und in Urdu, einer Sprache die in Pakistan und Indien gesprochen wird, übersetzt. Durch die Flüchtlinge ist der Raum viel zu klein geworden. Dicht stehen die Männer beim Freitagsgebet hintereinander.

Ramón Seliger hört interessiert zu. Der Vikar sucht den Kontakt zwischen der Kirchengemeinde und den Muslimen. Er will Beziehungen aufbauen, das Kennenlernen befördern. Nach dem Attentat von Paris hat er Muslime besucht und ihnen gesagt, dass er für sie bete. Er sieht im interreligiösen Dialog auf Gemeindeebene auch eine diakonische Dimension. Und er möchte das religiöse Leben der Muslime aus dem Hinterhof herausholen in die Öffentlichkeit. »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen«, meint er. Osama Hegazy nickt: »Vor allem für unsere Kinder ist es wichtig, nicht isoliert aufzuwachsen.« Deshalb sei er froh, wenn es Begegnung zwischen den Religionen gäbe und wenn man sich in der Moschee oder in der Kirche treffen könne. Er selbst habe in Alexandria eine katholische Schule besucht. Für ihn ist wichtig, dass hier ein religiöses Leben deutscher Prägung entstehe und nicht islamische Traditionen aus anderen Ländern importiert würden.

»Ein Theologe, der hier ausgebildet wird, kann ganz anders entscheiden«, so Hegazy. Auch in der Gesellschaft sei Aufklärung nötig, ergänzt Seliger. »Die Sachbearbeiter auf den Ämtern können sich oft nicht vorstellen, welche Bedeutung die Religion für Menschen haben kann.« Deshalb wollen Osama Hegazy und Krim Seghiri ihr Haus offen halten und das Gespräch suchen. Für sie zählt zunächst der Mensch und nicht die Religionszugehörigkeit. In der Ausgrenzung sehen sie die größte Gefahr. Dadurch würden Menschen empfänglich für radikale Ansichten. Auch da sind sich der Vikar und der Imam einig, bei aller Unterschiedlichkeit.

Bevor sie auseinander gehen, werden Kontaktdaten ausgetauscht. Es soll eine Fortsetzung geben. Dann in einer Kirche und mit den Familien. Ein Anfang ist gemacht.

Willi Wild

Übergriffe in Flüchtlingsheimen

8. Februar 2016 von redaktionguh  
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Die Meldung ging Anfang Januar durch die Medien: In der kleinen Flüchtlingsunterkunft im anhaltischen Ballenstedt hatte ein muslimischer Syrer einer Christin aus dem nordafrikanischen Eritrea gedroht: »Ich komme im Schlaf und schlachte dein Baby.« Auslöser war eine Diskussion über den Glauben, bei der die Frau sich wohl offen zu ihrem Christsein bekannte. Sie hatte den Mut, die Polizei zu verständigen, die die Drohung erst nahm. Der syrische Mann kam mitsamt seiner Familie zurück in das Aufnahmelager in Halberstadt.

Nicht ausblenden, sondern benennen

Ballenstedts Oberpfarrer Theodor Hering kennt die Frau von ihren gelegentlichen Gottesdienstbesuchen. Es ist in Ballenstedt bisher ein Einzelfall und Hering ist erstaunt über den Widerhall, den die Meldung in den Medien und in Netzwerken fand. Aber er erlebt auch, dass solche Vorfälle heruntergespielt werden. Sicher oft in guter Absicht, keine Ressentiments gegenüber Flüchtlingen im allgemeinen und Muslimen im besonderen zu schüren. »Aber man muss klar zur Kenntnis nehmen, dass es solche Fälle von Bedrohungen gibt, und sie nicht ausblenden, sondern beim Namen nennen«, so der Pfarrer. Die Situation der Christen in den muslimisch dominierten Flüchtlingsunterkünften sei eine große Herausforderung für die ehrenamtlichen Helfer.

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Das bestätigt auch Cordula Haase, Migrationsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. In ihrem Arbeitsbereich wisse man »informell« um solche Bedrohungssituationen christlicher Asylbewerber und Flüchtlinge. »Informell« bedeute, dass man von derartigen Vorfällen zumeist nur im seelsorgerlichen Gespräch erführe. Besonders würden Ängste zunehmen, wenn ehemalige Muslime Kontakt zur christlichen Gemeinden finden, die Religion wechseln wollen und den Taufunterricht besuchen, so Haase.

Glaube soll außen vor bleiben

Die Beauftragte gibt offen zu, dass man bisher kaum wisse, wie mit den Problemen umgegangen werden kann. Und sie macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: In Sachsen-Anhalt bekämen kirchliche Mitarbeiter Probleme mit den Betreibern der Unterkünfte, wenn seelsorgerliche Anliegen thematisiert würden. »Solange wir nur rein karitative Hilfe anbieten, sind wir willkommen, aber sobald wir über unseren Glauben reden, soll das außen vor bleiben«, beschreibt sie die Situation. Selbst gedruckte Einladungen zu seelsorgerlichen Angeboten dürften in manchen Heimen nicht ausgelegt werden, beklagt Haase.

Dass dies in Thüringen anders ist, bestätigt Adelino Massuvira Joao. Der gebürtige Mosambikaner ist Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises Suhl und gehört zum Beirat der großen Flüchtlingsunterkunft in der Stadt. Bedrohungen von christlichen Flüchtlingen erlebt er derzeit nicht. Den einzigen Fall im vergangenen Jahr sieht er vor allem als Folge der damals gravierenden Überbelegung des Wohnheimes. Gelegentliche Rangeleien hätten eher nationale Hintergründe, so Massuvira Joao.

Harald Krille

Der Fremde, der meiner bedarf

18. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Integration: Wie das gemeinsame Leben im Alltag gelingen kann und was uns als Christen geboten ist

Es gehört zu den christlichen Tugenden, Menschen in Not zu helfen. Wo fängt die Barmherzigkeit an und wo stößt sie an ihre Grenzen?

Der Levit und der Priester wechselten die Straßenseite, gingen vorbei an dem Mann, der unter die Räuber gefallen war. Da kam ein Samariter und ihn jammerte es, er half, versorgte die Wunden des Verletzten, brachte ihn in eine Herberge und sorgte auch finanziell für ihn. Das Gleichnis des barmherzigen Samariters ist eine der bekanntesten Erzählungen Jesu; bereits Grundschüler kennen sie.

René Thumser, Desbele Girmay und Mulugeta Solomon vom Team »Kirche laufend dabei« beim Zwiebelmarktlauf in Weimar. Thumser kümmert sich in seiner Freizeit um die Flüchtlinge aus Eritrea. Die sportliche Leidenschaft verbindet und ist eine gemeinsame Herausforderung. Foto: Maximilian Wolf

René Thumser, Desbele Girmay und Mulugeta Solomon vom Team »Kirche laufend dabei« beim Zwiebelmarktlauf in Weimar. Thumser kümmert sich in seiner Freizeit um die Flüchtlinge aus Eritrea. Die sportliche Leidenschaft verbindet und ist eine gemeinsame Herausforderung. Foto: Maximilian Wolf

Der Glaube an den guten und gnädigen Gott ist keine alleinige christlich-jüdische Tradition; er ist auch Teil des Islams oder des Buddhismus. Was die Barmherzigkeit im Christentum ausmacht, ist der Dreiklang einer bis ins Körperliche spürbaren, spontanen Reaktion auf die Not eines anderen, das Wahrnehmen dieser Not und ein Handeln. So beschreibt es der Theologe Dirk Evers. Vor allem aber sei die Barmherzigkeit eine spontane menschliche Regung und was passiert, wenn man ihr freien Lauf lasse, das ließe sich heute überall im Land beobachten. »Barmherzigkeit ist etwas, was uns Menschen gemein ist«, sagt der Professor am Institut für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaft der Universität Halle-Wittenberg. »Und Barmherzigkeit als solche kennt keine Grenzen.«

Wenngleich sie an praktische Grenzen stößt: Wirren bei der Registrierung, provisorische Unterkünfte, langwierige Entscheidungen in den Asylverfahren, überforderte Kommunen, verunsicherte Anwohner. »Die Realität setzt uns Grenzen, auch mit ihnen müssen wir barmherzig umgehen«, sagt Evers. Dazu gehöre es zur Zeit auch, die Spannungen auszuhalten zwischen der Willkommenskultur, die die Zivilgesellschaft gerade etabliert und die politisch durchaus gewollt ist, und der Abschottungspolitik der Europäischen Union. »Schizophrenie der Flüchtlingspolitik« nennt es der Professor, wenn dem Migranten alle Möglichkeiten der legalen und sicheren Einreise verwehrt bleiben, aber er, sobald er den gefahrvollen Weg gemeistert und die Grenze nach Deutschland überquert hat, ins »Welcome-Center« kommt.

Dirk Evers glaubt, dass die Deutschen gerade jetzt den Begriff der Heimat neu entdecken und auch das, was unser christliches Abendland ausmacht. »Wir können und sollten uns verabschieden von problematischen Vorstellungen von Heimat, von einer geschlossenen Gesellschaft beispielsweise, aber wir werden nicht das Gefühl verlieren, dass wir hier zuhause sind: Sprache, Landschaft, Umgangsformen, Musik, Feste – all das ist Kulturgut genug«, so Evers.

Dies gilt es auch den Flüchtlingen zu vermitteln. Dass wir Erwartungen an sie haben und Anforderungen stellen, sei in den vergangenen Wochen doch deutlich geworden, hat der Theologe beobachtet. Es nicht zu tun, die Migranten nicht zu fordern und die Augen zu verschließen vor kulturellen Unterschieden und Konfliktpotenzialen, dies sei falsch verstandene Barmherzigkeit. »Natürlich holen wir uns Konflikte ins Land: zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Muslimen und Christen. Wir müssen den Flüchtlingen klarmachen: Mit Konflikten wird hier anders umgegangen als in vielen Herkunftsländern«, so Evers weiter. Dies zu kommunizieren, könne auch unter den Deutschen Ängste auflösen. »Die Flüchtlingswelle wird nicht zum Untergang unseres christlichen Abendlandes führen, sondern wir werden es auf eine ganz neue Art und Weise beleben.«

Katja Schmidtke

Barmherzigkeit und Nächstenliebe sind Thema eines Podiumsgesprächs am 21. Oktober, 18 Uhr im Diakoniewerk Halle, Lafontainestraße 15. Auf dem Podium unter anderem Dirk Evers und Professor Ralf Hoburg von der Hochschule Hannover.

Gut, aber nicht einfach umzusetzen

17. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Micha 6, Vers 8

Es könnte alles so einfach sein: Gottes Wort halten. Ich lese die Zehn Gebote, sie einzuhalten ist machbar. Ich lese die Seligpreisungen, »Selig sind die Friedfertigen«. Das schenkt mir Hoffnung. Aber es gibt auch Worte, an denen ich mich reibe, die ich nur schwer hören kann oder will. Das Wort Gottes ist nicht nur Ermutigung, sondern Herausforderung.

Anna Mittermayer, Vikarin in Krina

Anna Mittermayer, Vikarin in Krina

Liebe üben, das klingt einfach. Wir können gerade in diesen Zeiten beweisen, dass wir in Liebe und Nächstenliebe eine Gesellschaft gestalten, die durch Offenheit und Toleranz bestimmt ist. Aber dann stehe ich fast täglich inmitten einer Menschengruppe, ob Christen oder nicht, und höre sie sagen: »Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber …« Ich spüre den Widerstand in mir gegen solche Sätze. Ich will mich gegen diese Worte stellen, öffne meinen Mund. Doch bevor ich etwas sagen kann höre ich: »Wir müssen die Grenzen schließen.« Oder: »Die können gar nicht arm sein, die haben alle ein Smartphone.« Ich appelliere an die Vernunft der Menschen, doch ich werde das Gefühl nicht los, mit meiner Meinung zu einer Minderheit zu gehören. So muss ich schmerzlich erfahren, Liebe üben ist gar nicht so einfach. Ich gestehe mir ein, dass auch meine Nächstenliebe Grenzen hat. Meine Grenzen liegen jedoch nicht in Syrien, Eritrea oder im Irak, sie liegen in Deutschland.

Demütig sein vor Gott. Meine Maschine namens »Leben« läuft ziemlich rund. Aber ziemlich ist eben nicht perfekt. Ich versuche, noch mehr aus meinem Leben zu machen. Dann sehe ich die Nachrichten und merke: Ich bin selbst nur ein Rädchen in der großen Maschine von Gottes geschaffener Welt. Ein noch besseres Leben? Grenzt dieser Wunsch nicht an Hochmut? Ich erkenne das und werde demütig. Es geht nicht darum, gedemütigt zu werden oder sich selber zu demütigen, sondern demütig zu sein. Eine Herausforderung! Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist – aber niemand sagt, dass es einfach wird!

Anna Mittermayer, Vikarin in Krina