Glockenton in Schullandschaft

30. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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So wie für Pia beginnt für viele Kinder nun die Schule. Einige werden sogar die ersten Lernenden in einer neu ­gegründeten Einrichtung sein. Foto: BilderBox.com

So wie für Pia beginnt für viele Kinder nun die Schule. Einige werden sogar die ersten Lernenden in einer neu ­gegründeten Einrichtung sein. Foto: BilderBox.com


Bildung: Im neuen Schuljahr gehen in Thüringen drei weitere evangelische Schulen an den Start

Die Schule direkt neben der Kirche und der Kantor zugleich Lehrer – so eng, wie sich historische Bildungspolitik hier dokumentiert, wird die Verbindung nie mehr werden. Doch schaut man auf die Schulneugründungen, hat christliche Werteerziehung wieder Konjunktur.

Das hätte ich mir nie träumen lassen«, gesteht die Apoldaer Superintendentin Bärbel Hertel, »dass ich mal eine Schule gründe!« Wahrhaftig: Am ersten Sonnabend im August werden die Glocken in Apolda ein neues Stück Schulgeschichte einläuten. Dann feiern Bärbel Hertel, die 29-jährige Schulleiterin Heike Pilz, immens viele engagierte Eltern und natürlich die Kinder in der Lutherkirche Gottesdienst, weil die erste evangelische Grundschule in ihrem Kirchenkreis den Betrieb aufnimmt.

»Vor etwa zwei Jahren gab es erste Überlegungen«, erinnert sich Superintendentin Hertel, in deren Büro viele ­Fäden zusammenliefen. »Bei der Veranstaltung im Stadthaus dann im Frühjahr 2009 herrschte regelrechter Trubel.« Flugs gründete sich ein Förderverein, Konzepte wurden geschrieben. »Die Eltern waren hoch motiviert und dabei keineswegs unbedingt Mitglieder der Kirchengemeinde. Aber plötzlich stand die Internetseite, jemand entwarf ein Logo, dieser kannte noch jenen …«

Und so beziehen Lisann, Clara, Bernhard und die anderen 16 Kinder aus der 1. Klasse am 7. August ihren Klassenraum in der Apoldaer Bergschu­le, in der sie Tür an Tür mit den Apoldaer Gymnasiasten lernen werden. Freilich ein wenig anders: »Gebundene Ganztagsschule« nennt das kleine Team sein Konzept. Drei Mal in der Woche erstrecken sich Schulangebote über den ganzen Tag, der übliche 45-Minuten-Takt des Unterrichts wird aufgehoben zugunsten sogenannter Blöcke, in denen die Kinder später auch altersgemischt in Lerngruppen und an Projekten arbeiten, Exkursionen unternehmen, ihrem eigenen Rhythmus und Tempo folgen dürfen und ihre Schule nicht nur als Lern-, sondern als Lebensort wahrnehmen.

Ein Konzept, wie es sich ganz ähnlich in Sömmerda liest. Auch hier ergriffen Eltern im Gemeindezentrum die Initiative, aus der heraus die Evangelische Grundschule Sömmerda gegründet wurde. 14 kleine Sömmerdaer und Kinder aus der Umgebung sind mit dem Schuljahresstart Schulleiterin Cornelia Schäfer und ihrem Team anvertraut, das neben dem reformpädagogischen auch seinen integrativen Ansatz hervorhebt – fünf der Kinder werden voraussichtlich einer besonderen Förderung bedürfen. Was beide Schulen mit »christlicher Verantwortung und Erziehung« meinen, erfahren die Schulanfänger gleich am ersten Schultag: Nicht mit dem Klingelzeichen und vielleicht Stramm-in-der-Bank-Stehen beginnt er, sondern mit dem täglichen Morgensingen.

»Viele Eltern wollen vorrangig eine christliche Werteerziehung«, beobachtet Marco Eberl, Vorsitzender der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, die die beiden neuen Grundschulen trägt. Umso bemerkenswerter sei das, da in Thüringen etwa die Hälfte der Kinder an evangelischen Schulen aus atheistischen Elternhäusern stamme. Dass gerade die Grundschulen so im Kommen sind, hat für Marco Eberl mit einem enormen Nachholebedarf zu tun: »Im Bereich der Freien Schulen ist Deutschland ein Entwicklungsland.« Knapp 9,5 Prozent der Schüler lernen in Thüringen an Freien Schulen, bundesweit sind es sogar nur 7,8 Prozent.

Zum Vergleich: In den Niederlanden gehen 76 Prozent und selbst in Großbritannien 40 Prozent der Schüler an nichtstaatliche Schulen. Umso erfreulicher ist für den  Stiftungsvorsitzenden, dass sich zu den beiden Thüringer Neugründungen mit diesem Schuljahr noch eine dritte gesellt: das Evangelische Gymnasium in Meiningen.

Zehn Grund-, zwei Regelschulen und fünf Gymnasien trägt damit allein in Thüringen die Schulstiftung. Grenzen einer solchen Entwicklung allerdings setzt der Freistaat per Finanzierung. »Und da gibt es teils immer noch die typisch deutsche Perspektive: Schule muss der Staat machen.« Schwierig sei es oft, geeignete Gebäude zu finden.

»Dennoch ist diese Bewegung für mich eine Art kulturelle Rekonstruktion«, erklärt Marco Eberl, »ein Stück Wiederbelebung von Christentum im Alltag, von dem wir einen Teil hier verloren hatten.«

Eine wunderbare Bestätigung seiner Worte nennt Superintendentin Bärbel Hertel: »Schon drei Kinder aus unserer neuen ersten Klasse in Apolda sind jetzt zur Taufe angemeldet!«

Kathrin Schanze

»Jung, dynamisch und weiblich«

10. Juni 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Mateusz Stachowski, sxc.hu

Foto: Mateusz Stachowski, sxc.hu


Erstmals Studie zu den evangelischen Schulen in Mitteldeutschland vorgestellt.

Der Wachstumstrend bei den evangelischen Schulen in Sachsen-Anhalt und Thüringen ist ungebrochen. Das geht aus einer Studie hervor, die am 7. Juni im Augustinerkloster Erfurt präsentiert wurde. Evangelische Schulen seien »jung, dynamisch und weiblich«, sagte der Vorsitzende der Evangelischen Schulstiftung, Kirchenrat Marco Eberl, bei der Vorstellung der Studie.

Mit der Untersuchung der Jenaer Wissenschaftlerin Dorothy Bonchino-Demmler zu den allgemeinbildenden und berufsbildenden Einrichtungen in evangelischer Trägerschaft liegt jetzt erstmals umfassendes Material zu den betreffenden Schulen vor. Seit 1990 sei ihre Zahl auf dem Gebiet der EKM in mehreren Schüben auf heute 80 mit insgesamt rund 9.100 Schülerinnen und Schülern gestiegen, so Dorothy Bonchino-Demmler. Knapp die Hälfte der Kinder gehört nach der Studie keiner Kirche an. 42 Prozent sind evangelisch. An den Förderschulen sei sogar die Mehrheit von Lehrern und Schülern ohne kirchliche Bindungen.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung betrifft die Zusammensetzung der Kollegien. Demnach sind von den rund 1000 Pädagoginnen und Pädagogen ein Großteil unter 40 Jahre alt. Im Förderschulbereich sind die Lehrkräfte im Durchschnitt zehn Jahre älter. Zudem überwiegen die Lehrerinnen an evangelischen Schulen ganz deutlich: 87 Prozent der Lehrkräfte sind weiblich. Dadurch fehle den Jungen hier häufig »ein männliches Vorbild«, erklärte die Wissenschaftlerin. Das Verhältnis sei vor allem an Grundschulen noch sehr unausgeglichen.

Bonchino-Demmler verwies unter dem Stichwort »Schule für alle« zudem kritisch auf den mittleren Leistungsbereich. Die Sekundarschulen rückten erst seit dem Jahr 2004 ins Blickfeld. »Wir sind hier bereits gut vorangekommen, während lange Zeit die Evangelische Regelschule in Mühlhausen die einzige Schule im Sekundarschulbereich war, sind nun mit den Neugründungen in Haldensleben, Gotha und Magdeburg bereits vier Schulen in Betrieb. Und weitere werden in diesem Sommer folgen.«

Kirchenrat Marco Eberl zeigte sich zufrieden über die erste Untersuchung, die in Kooperation mit der Professur für Religionspädagogik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) entstand. »Uns wurde ein Steilpass zugespielt, nun ist es an uns, den Ball aufzunehmen und die Erkenntnisse in der Schulentwicklung umzusetzen. Natürlich brauchen wir dabei wissenschaftliche Begleitung.«

Die Folgestudie, Bonchino-Demmlers Promotionsarbeit, wird sich deshalb qualitativ mit den Lehrkräften an evangelischen Schulen auseinandersetzen. Hier soll unter anderem das evangelische und reformpädagogische Profil der Schulen näher betrachtet werden.

(rk/mkz)