Vom Lieben und vom Leben
17. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Landesjugendcamp: Junge Leute aus Mitteldeutschland trafen sich im thüringischen Kloster Volkenroda.
Alle zwei Jahre verwandelt sich das altehrwürdige Kloster Volkenroda bei Mühlhausen in ein großes Zeltlager mit Bühnen und Kletterparcours. Zur dritten Auflage des Landesjugendcamps kamen mehr als 700 Jugendliche.
»Du bist geliebt, mehr als du ahnst« – so hieß es im neuen Camp-Song von Steffen Schürer, der speziell für das dritte Evangelische Landesjugendcamp in Volkenroda geschrieben wurde. »Geliebt« war das Camp-Motto in diesem Jahr. 735 Jugendliche aus Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie Teilen Brandenburgs und Sachsens waren vom 10. bis 12. September mit ihren Zelten der Einladung gefolgt.
Um dieses Großprojekt zu verwirklichen, hatten sich erstmals die größten evangelischen Jugendverbände mit dem Bund der Evangelischen Jugend in Mitteldeutschland (bejm) zusammengeschlossen. Und sie organisierten gemeinschaftlich ein Camp mit scheinbar unzähligen Angeboten. »Mehr als du ahnst« – war da los: Viel Kreatives war dabei wie Tanz, Theater, Musik von Chor bis Rap und Rock, Malen an einem riesigen Endlosbild, auf dem Körper des Freundes, mit der Spraydose als Graffiti oder geritzt in Glas.
Aber auch körperliche Grenzerfahrungen standen auf dem Programm und wurden gern angenommen. So wie vom 14-jährigen Albrecht aus Eisenach, der an Seilen gesichert die Jakobsleiter des Zentrums für soziales Lernen (Magdeburg) mühsam hinaufkletterte. Er konnte sich selbst ausprobieren, testen, wie weit er allein gehen kann und ab wo er Hilfe braucht. Nahezu spielerisch kam er mit ganz elementaren Lebensfragen in Kontakt. Albrecht hat erfahren, wie gut es tut, wenn jemand da ist, auf den er sich verlassen, dem er vertrauen kann.
Geliebt, liebt, lebt – das waren die drei zentralen Worte, die aus dem Camp-Motto »Geliebt« hervorgingen. Vielfältig wurden sie umgesetzt, »mal sehr fromm, mal sehr liberal und richtig international durch die weltweiten Partnerschaften unserer Mitglieder«, so beurteilte Landesjugendpfarrerin Dorothee Land das Angebot. Es wurde gekuschelt im »Liebeskino« der Evangelischen Jugend Werratal und im »Analog Chat« der Jungen Gemeinde Bernburg handschriftlich gechattet.
Camp-Teilnehmer ließen sich hier von Leonie fotografieren und klemmten selbst Botschaften an die Bilder anderer Camper, mit denen sie gern »mal quatschen« wollten. »Voll krasse Sache«, meinte Jonas dazu. Nachrichten wurden aber auch an Gott geschrieben. In der Klosterkirche war eine steinerne Klagemauer aufgebaut, in die man ein Zettelchen mit seinem Vorwurf an Gott stecken konnte.
Wem das zu wenig war, der suchte am Sonnabend bei einer der zahlreichen Bibelarbeiten gemeinsam in der Gruppe nach Antworten. Da hieß es »Bis(s) zur Erkenntnis« oder auch »Über das Zusammenl(i)eben von Mann und Frau«. Über die Hälfte der Camp-Teilnehmer arbeitete mit.
Doch es blieb nicht nur theoretisch, es wurde auch ganz konkret gezeigt, wie man selbst so leben kann, dass man die Welt positiv verändert. Ganz real wurde dies mit der Live-Schaltung zur Anti-Nazi-Demo nach Pößneck, mit dem gemeinsamen Entzünden des Friedenslichts an beiden Orten oder bei den Berichten einer Gruppe junger Menschen, die gerade voller Geschichten aus Israel und Argentinien vom ökumenischen Friedens- und Freiwilligendienst zurückgekehrt war. Erlebtes aus erster Hand – das beeindruckt mehr als jedes geschriebene Wort. Und dass jeder die Welt auch durch sein Konsumverhalten ein bisschen gerechter machen kann, das zeigte der revolutionär anmutende, farbenfrohe Eine-Welt-Laden des CVJM Thüringen eindringlich. Doch um etwas zu verändern, muss man den anderen oft erst besser verstehen. Dabei halfen die Workshops der Jugendlichen aus Polen, Rumänien, Estland und Süd-Korea, die ganz persönlich von ihrem Leben als junge Christen in ihrem Heimatland berichteten und ihre Kultur vorstellten.
Hier wurde geschuftet, gegrübelt, diskutiert, gebetet, ausprobiert und sich entspannt – überall lagen Jugendliche in der Sonne, schleckten ein Eis oder träumten zur Musik, die fast auf dem ganzen Gelände zu hören war. Aber nur fast, denn die Klosterkirche bot einen Raum der Stille. Ein solches Camp bietet eben »mehr Freiheit als du ahnst«. »Und die Resonanz ist auch ausgewogen – Mecker- und Lobecke sind gleich gefüllt«, resümierte Landesjugendpfarrerin Dorothee Land, »von ›letztes Mal war es aber besser‹ bis ›dieses Jahr ist es viel geiler‹ war alles dabei.«
Text: Regina Englert / Fotos: Eduard Seifert
Wer baut, ist nie fertig
10. September 2010 von redaktionguh
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Seit 1990 legten viele Kirchen im mitteldeutschen Raum ihr graues Kleid ab. Anlässlich des Denkmaltages bat »Glaube+Heimat« Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt, um eine Bilanz.

Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt
Rüttinger: Es ist tatsächlich enorm viel gebaut worden in den vergangenen Jahren. Wir hatten einen riesigen Sanierungsstau, der selbst in 20 Jahren nicht aufgearbeitet werden konnte. Mit 3980 Kirchen ist die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zudem eine der kirchenreichsten Landeskirchen.
Darüber hinaus existiert ein Nord-Süd-Gefälle. In Thüringen fällt die Sanierungsbilanz besser aus als etwa in Sachsen-Anhalt.
Aber vom Verfall bedrohte Kirchen gibt es doch kaum noch. Ist in der EKM also baulich alles in Ordnung?
Rüttinger: Nein, in Ordnung ist es natürlich nicht. Wir haben noch 2,5 Prozent Kirchen, die nicht genutzt werden. Aber auch an anderer Stelle ist der Sanierungsbedarf weiterhin hoch. Wir rechnen insgesamt mit zwei Dritteln unserer Kirchen, an denen weiter gearbeitet werden müsste.
Erscheint es Ihnen vorstellbar, eine Kirche aufzugeben, wenn sie nicht mehr gebraucht wird?
Rüttinger: Es wird Kirchen geben, die nicht saniert werden, weil es keinen Sinn mehr macht. Ich schätze, dass dies derzeit etwa die Hälfte der nicht genutzten Kirchen betrifft. Wir werden den Gemeinden zwar empfehlen, die Gebäude zu verkaufen, doch in der Regel gibt es dafür keine Interessenten. Da stellt sich mancherorts zum Abriss keine Alternative. Das hat es übrigens immer in der Geschichte gegeben.
Heute kümmern sich verstärkt auch Kirchbauvereine um den Erhalt der Gebäude. Danach steht vielfach die Frage: Was soll mit den sanierten Kirchen passieren?
Rüttinger: Es ist tatsächlich erstaunlich, wie viele Vereine sich hier engagieren. Als wir zum Treffen der Kirchbauvereine eingeladen hatten, waren es 170 Vereine in Thüringen und 360 im nördlichen Bereich der EKM, die uns bekannt waren. Die Kirchbauvereine spielen auch bei der Frage der Nutzung eine große Rolle. Natürlich sind wir für eine Mehrfachnutzung und es gibt einige Beispiele, wo das bereits gut funktioniert. Aber hier liegt natürlich auch ein Konfliktpotential.
Experten empfehlen, Kirchengebäude nicht nur als religiöse, sondern auch als öffentliche Räume aufzufassen. Ist die Nutzung mit der Kommune ein Ausweg?
Rüttinger: In den kleinen Dörfern verfügen die politischen Gemeinden oft über keine eigenen Räume und sind froh, die Kirche mit nutzen zu können. Ich denke beispielsweise an Rödigen bei Jena. In der kleinen Dorfkirche halten es Kirchengemeinde, Sportverein, Bürgerversammlung oder Familienfeiern seit 15 Jahren sehr gut miteinander aus. Oder Stedten bei Weimar, Rannstedt bei Apolda und die Neumarktkirche in Merseburg, wo neben der Gemeinde auch Pilger eine einfache Herberge finden.
Ringen um die Schöpfung
20. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Neuanfang: Die mitteldeutsche Kirche entdeckt den Umweltschutz für sich.
Zu DDR-Zeiten war die Bewahrung der Schöpfung ein zentrales Thema der Kirche. Mit der Wende trat anderes in den Vordergrund. Jetzt soll das Augenmerk wieder verstärkt darauf gelenkt werden.
»Eigentlich«, sagt Hans-Joachim Döring, »geht der Umweltschutz uns alle an.« Ökostrom beziehen, Energie sparen oder Bio-Produkte kaufen sind nur einige der Möglichkeiten. Jeder könne seinen Beitrag leisten und etwas für die Bewahrung der Schöpfung tun. Der Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums in Magdeburg muss es wissen. Seit Anfang des Jahres ist er in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die Umweltarbeit zuständig.
Aber auch die Kirchengemeinden und die Landeskirche sieht Döring in der Pflicht. So sei die EKM nicht nur ein großer Land- und Waldbesitzer, sie verfüge auch über einen Bestand von 5.600 Gebäuden. »Hier«, ist er überzeugt, »müssen wir eine Strategie zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes entwickeln.« Als weitere Handlungsfelder nennt er das Projekt »Lebensraum Kirchturm« oder das kirchliche Umweltmanagement »Grüner Hahn«.
Einige positive Ansätze gibt es bereits. So entsteht in Jena ab September ein neues Gemeindezentrum, das nicht nur über Erdwärme geheizt werden soll, sondern auch eine Photovoltaikanlage erhält. Die Kirchengemeinde ist aus Kostengründen nicht selbst der Betreiber, verpachtet jedoch das Dach. Ein Beweggrund sei die Bewahrung der Schöpfung und die Nutzung alternativer Energien gewesen, erklärt Kirchmeister Friedrich Bürglen.
Auch in Wittenberg bemüht sich die Stadtkirchengemeinde um einen bewussteren Umgang mit Energie. Ein Team aus Ehrenamtlichen hat sich des kirchlichen Umweltmanagements angenommen. Das Gemeindehaus St. Martin in Friedrichstadt solle endlich eine vernünftige Wärmeisolierung erhalten, berichtet Friedemann Ehrig vom Umweltteam. Er findet es wichtig, konkret etwas zu tun. »Die Menschen erwarten zudem, dass sich die Kirche bei solchen Themen zu Wort meldet.«
Doch trotz dieser Beispiele hat die mitteldeutsche Kirche einigen Nachholbedarf in Sachen Umweltschutz. In den letzten sechs Jahren ist hier nur wenig passiert. »Faktisch war die Umweltarbeit auf Landeskirchenebene nicht mehr existent«, räumt Döring ein. Das soll sich nun ändern. Die Synode hat einen ständigen Ausschuss eingesetzt, der sich mit Fragen von Umweltschutz und Landwirtschaft befasst. Zudem gibt es seit Anfang des Jahres ein EKM-Umweltteam. Als erstes gemeinsames Projekt hat das Ökumenezentrum mit dem Baureferat eine Handreichung zur Nutzung regenerativer Energien in kirchlichen Gebäuden herausgebracht. Zwar gebe es bereits Kirchengemeinden, die eine Photovoltaikanlage auf ihrem Gemeindezentrum betreiben. Doch mit insgesamt 15 Anlagen falle die Bilanz eher bescheiden aus, findet der Umweltbeauftragte.
Aber auch inhaltlich gibt es neue Ansätze. Vom 1. September bis zum Erntedanktag sind die Kirchengemeinden eingeladen, die Bewahrung der Schöpfung unter dem Motto »Die Erde ist des Herrn« zum Thema zu machen. Mit dieser »Schöpfungszeit« greift die EKM einen Beschluss der Dritten Ökumenischen Versammlung in Sibiu auf. »Die Feier der Schöpfung und das Ringen um ihren Erhalt gehört in das Herz unseres Auftrages als Kirchen hier vor Ort und weltweit«, schreibt Landesbischöfin Ilse Junkermann im Begleitwort.
Es soll jedoch nicht bei der Theorie bleiben. Derzeit ist die Landeskirche dabei, eine ganze Kampagne vorzubereiten. »Klimawandel – Lebenswandel« heißt das ehrgeizige Vorhaben, das auch vor konkreten Zielen bei der CO2-Reduzierung nicht zurückschreckt. »Der Klimawandel ist eine der drängendsten Überlebensfragen«, sagt EKM-Kampaignerin Annelie Hollmann. Letztlich lasse er sich nur aufhalten, wenn die Verursacher der Krise, die Menschen in den reichen Industriestaaten, bereit seien, ihren Lebensstil zu ändern.
Das sieht auch Hans-Joachim Döring so. Es gehe heute um eine »Ökonomie des Genug«, ist er überzeugt. Der Umgang mit der Umwelt und die Erfahrung der eigenen Geschöpflichkeit biete zugleich die Chance, mit Nichtchristen über solche Fragen und die Ehrfurcht für das Leben ins Gespräch zu kommen. Denn letztlich gehe es in der Umweltarbeit neben dem »wichtigen Dämmen der Häuser« immer auch um das Öffnen von Herzen.
Martin Hanusch
Die Arbeitshilfe zur »Schöpfungszeit« gibt es im
Ökumenezentrum,
Leibnizstraße 4, 39104 Magdeburg,
Telefon (0391) 53 46-492,
E-Mail kerstin.hensch@ekmd.de.






