In evangelischer Freiheit
26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Kirchenjahr: Warum ich den Reformatoren zu Ehren während der Fastenzeit nicht faste

Vor der Wahl: Evangelische Christen können während der Passionszeit fasten, müssen es aber nicht. Der Protestantismus kennt hier aus guten Gründen keine Verpflichtung. Foto: epd-bild
Konsumrausch ist out, Fasten ist in. Doch niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er sich nicht daran beteiligt.
Ich lebe in einer Stadt, in der man jeden Evangelischen mit Handschlag begrüßen könnte: Von den insgesamt rund 730.000 Einwohnern Krakaus sind ungefähr 150 bis 200 evangelisch. Das heißt: Statistisch gesehen muss man mindestens 4.000 Menschen begegnen, um auf einen Protestanten zu treffen. Da fast alle der einstmals über 60.000 Juden Krakaus von den Nationalsozialisten ermordet wurden, ist das religiöse Leben in der Stadt nahezu exklusiv katholisch.
Nun ist zwar die Gleichung »polnisch = katholisch« inzwischen nicht mehr ohne Abstriche gültig, denn vor allem junge Leute tummeln sich lieber auf dem Markt der esoterischen Möglichkeiten als unter einem barocken Kruzifix. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hat sich seit 1989 halbiert. Doch die katholischen Traditionen stehen weiterhin auf festem und jahrhundertealtem Grund. Und eine dieser Traditionen ist das Fasten.
Wer freitags zum Beispiel ein Schnitzel isst, der erregt Anstoß – wie zum Beispiel neulich in der Kantine der Krakauer Musikakademie, als mich der vorwurfsvolle Blick eines meiner Tischgenossen traf, eines rheinischen Katholiken: Wie ich es denn wagen könne, an einem Freitag ein Schweineschnitzel zu essen! Zu meiner Überraschung stimmten die polnischen Freunde in seinen Vorwurf ein – sie waren mir bisher nicht als sonderlich glaubensstreng aufgefallen. Tradition ist Tradition, hieß es irgendwann, und Traditionen seien dazu da, um eingehalten zu werden.
Nun hat wieder eine Fastenzeit begonnen, und sie dauert gleich 40 Tage. Es ist alte katholische Tradition – vermutlich schon seit dem vierten Jahrhundert –, dass die Gläubigen in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern sich des Genusses von Fleisch und anderer Speisen enthalten sollen. Die Evangelischen sind irgendwann auf diesen Zug aufgesprungen und mit der Aktion »Sieben Wochen ohne« auch sehr erfolgreich: Mittlerweile nehmen über zwei Millionen an der Aktion teil, die in diesem Jahr unter dem Motto »Sieben Wochen ohne Scheu« steht. Andere verzichten freiwillig auf Schokolade, Fernsehen oder das abendliche Glas Wein, manche schließen sich zu Fastengruppen zusammen und teilen ihren Verzicht miteinander. Konsumrausch, so könnte man sagen, ist out, Fastenrausch ist in.
Nun habe ich wahrlich nichts gegen das Fasten oder den Verzicht an sich. Schon Hippokrates hatte einst gesagt: »Heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei.« Allerdings: Wenn ich an die mit viel Aufwand beworbenen und quasi halbamtlichen kirchlichen Fastenaktivitäten denke, grummelt es mir doch im Magen. Ich bin sicher: Unsere Reformatoren würden sich nicht daran beteiligen.
Martin Luther hätten gelegentliche Fastenkuren gewiss nicht geschadet: Er war bekanntermaßen nicht normalgewichtig, litt unter Bluthochdruck und chronischer Verstopfung. Er lehnte das Fasten auch nicht grundsätzlich ab, doch er sah eine große Gefahr, auf die er unermüdlich und mit drastischen Worten hingewiesen hat: Das zur Schau gestellte Fasten könne als Werk missbraucht werden, um Gott zu gefallen, es diene also der Selbstgerechtigkeit. Von »sauerdreinsehenden Heiligen mit Heuchelei und Schein eines asketischen Lebens« hielt Luther überhaupt nichts.
Radikaler noch als er war der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli: Am 9. März 1522, dem ersten Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit, nahm er im Hause des Züricher Druckers Christoph Froschauer an einem demonstrativen und provokativen Wurstessen teil – ein Skandal, der zu einem großen Aufruhr führte. Zwingli begründete den Tabu- und Gesetzesbruch mit der Bibel und sagte in seiner Predigt: »Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.«
Luther, Zwingli und all die anderen Reformatoren haben vor einem halben Jahrtausend unter unermesslichen Mühen Traditionen gebrochen und gegen große Widerstände das erkämpft, was wir heute »evangelische Freiheit« nennen. Ihnen zu Ehren werde ich – egal ob in Polen oder in Deutschland – dankbar während der Fastenzeit mein Schnitzel essen und mich aller Fastenaktionen enthalten. Fasten kann ich auch nach Ostern.
Uwe von Seltmann
Der Autor war Chefredakteur der sächsischen Kirchenzeitung »Der Sonntag« und lebt heute als freier Journalist in Krakau.
Die Aldi-DDR
11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Foto: Jelle Weidema, sxc.hu
Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Seit der Mensch über sich nachdenkt, seit er Religionen hat, zieht sich die Phase des bewussten Verzichts durch nahezu alle Kulturen. Warum eigentlich, wo doch alles zur Verfügung steht? Gerade deswegen!
Eines Tages hatte Homo sapiens es mit Ackerbau und Viehzucht geschafft, seine Ernährung auf eine planbare Grundlage zu stellen. Jetzt war er nicht länger nur ein zotteliger Primat, der Beeren, Nüsse und Früchte klaubend durch die Wälder zog, Tag für Tag auf die Gnade der Natur angewiesen. Doch auf Wohlstand und Überfluss ist sein biologisches Programm nicht eingestellt, sondern auf den Wechsel von guten und schlechten Zeiten. Gibt es reichlich zu essen, langt der Mensch zu und legt sich Polster an für Hunger und Not. Dieses Muster hat alles Verhalten des Menschen geprägt: Zugreifen, wenn die Gelegenheit günstig ist, morgen könnte sie vorüber sein. Die Mangelwirtschaft der DDR wurde auch dadurch in den Ruin getrieben. Lag eine begehrte Ware endlich in den Regalen, war sie sofort ausverkauft.
Der Handel macht sich das seit jeher zunutze. Täglich wird eine neue günstige Gelegenheit hinausposaunt. Niemand spielt auf dieser Klaviatur des Unbewussten so virtuos wie der Discounter Aldi. Dort wird jede Woche aufs Neue die DDR inszeniert. Konsumartikel werden künstlich verknappt. Nur ein- oder zweimal im Jahr gibt es dort, was andere Märkte ständig bereithalten. Aldi ist indes nur ein Beispiel. Oft hält jedoch der niedrige Preis näherer Überprüfung nicht stand. Und andere kommt er teuer zu stehen. Wenn ein Kilo Apfelsinen bei Aldi nur 70 Cent kostet, kann für den marokkanischen Orangenpflücker nur ein Hungerlohn herausspringen.
Ohne Scheu – so lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion »7 Wochen ohne«. Vielleicht sollte man das mal versuchen: Ohne Scheu ein Geschäft voller Schnäppchen betreten – und mit leeren Händen wieder rausgehen.
Wolfgang Weissgerber






