Vom Zins, der Zukunft schafft
23. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Burkhard Dube
Sachstand: Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt der Finanzausgleich West-Ost aktuell
West-Geld bedeutet für die Ost-Kirche noch immer Überlebenshilfe. Doch was im Osten viel ist, ist für den Westen wenig. Das könnte schon morgen ganz anders sein.
Wenn Sie Menschen in einem Saal mit 52 Betten am Morgen gemeinsam aufstehen lassen, dann kann es eng werden«, sagt Werner Braune. »Zumal dann, wenn sie mehrfach behindert sind und es für alle nur vier Waschbecken und fünf Toiletten gibt.« Woran sich der langjährige Diakoniechef erinnert, gehörte zum Alltag der Diakonie in der DDR. Zumindest bis Anfang der 1970er Jahre. Dass damals Abhilfe geschaffen werden konnte, lag vor allem an einem Sonderbauprogramm, mit dem zahlreiche diakonische Einrichtungen von Arnstadt bis Schwerin durch westliche Finanzhilfen saniert oder erneuert werden konnten.
Vier Milliarden Deutsche Mark sind in den 40 Jahren DDR für Kirche und Diakonie in der DDR von den westdeutschen Partnerkirchen zur Verfügung gestellt worden – rund 100 Millionen DM im Jahr. In welchem Maße damit die kirchlichen Haushalte im Osten unterstützt wurden, war sicherlich zwischen den damals acht evangelischen Landeskirchen unterschiedlich. Genaue Zahlen kennt ohnehin keiner, denn ein Teil dieser Finanzhilfe erfolgte über die Partnerbeziehungen zwischen Ost und West.
Alles in allem haben sie Leben und Überleben ermöglicht. Sei es durch die Einfuhr von Autos über GENEX oder die Bruderhilfe, die für kirchliche Mitarbeiter das schmale Gehalt aufbesserte. »Ohne die West-Hilfe hätten wir keinen einzigen Röntgenapparat gehabt«, sagt der heutige EKD-Finanzchef Thomas Begrich, der zehn Jahre Verwaltungsleiter am evangelischen Johanniter-Krankenhaus in Genthin und von 1990 bis 2003 Finanzdezernent im damaligen Magdeburger Konsistorium war. In dieser Zeit hat er nicht nur maßgeblich an den kirchlichen Strukturreformen, sondern auch am Plan für den Finanzausgleich zwischen den Kirchen in Ost und West mitgearbeitet.
Natürlich hat sich nach der Wiedervereinigung die Situation grundlegend geändert – nicht dagegen die Finanzhilfe. 143 Millionen Euro beträgt der kirchliche Finanztransfer von West nach Ost. Das sind nach Angaben von Finanzchef Begrich rund zehn Prozent der Mittel, die den ostdeutschen Kirchen alljährlich insgesamt zur Verfügung stehen – durch Kirchensteuer, Staatsleistungen, Kollekten, Spenden oder Mieteinnahmen.
Gemessen an den gesamten Haushaltsmitteln der EKD und ihrer Gliedkirchen, die Begrich auf zehn Milliarden Euro veranschlagt, sind das nicht einmal 1,5 Prozent. Aber schon ein Vergleich der Kirchensteuereinnahmen macht deutlich, dass sich die Finanzsituation der Kirchen in Ost und West auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer erheblich unterscheidet. So stammen zwar 43 Prozent aller kirchlichen Einnahmen aus der Kirchensteuer, also 4,3 Milliarden Euro. Davon nehmen allerdings die ostdeutschen Kirchen gerade mal sieben Prozent, also rund 300 Millionen Euro ein. Die verbleibenden vier Milliarden Euro erhalten die westdeutschen Kirchen.
»Die 143 Millionen, die die West-Kirchen für den Osten bereitstellen, bringen die nicht um, retten aber die Kirchen im Osten für die Gesellschaft«, sagt Thomas Begrich. Für ihn ist es müßig zu fragen, warum es den Ausgleich noch geben muss, ob das durch die DDR bedingt ist oder nicht. Wichtig sei vielmehr »so zu leben, dass wir vom Finanzausgleich unabhängig« werden. Nicht wenige wünschen sich das, könnte doch manche Entscheidung im Osten unabhängiger vom Westen getroffen werden.
Auch darum wäre es für Finanzchef Begrich »richtig unvernünftig«, den ostdeutschen Kirchen mehr Geld zu geben, weil es der Entwicklung eigener Ideen im Wege stünde. Daran hat es aber in den vergangenen 20 Jahren in den Kirchen im Osten mit der inzwischen von acht auf sechs reduzierten Zahl an Landeskirchen nicht gefehlt. Es gibt einfachere Strukturen oder die Verlagerung der Verantwortung von Pfarrern auf Laien. Und dieser Prozess muss sicherlich weitergehen. Denn noch ist die Pfarrerdichte, gemessen an den Kirchenmitgliedern, im Osten doppelt so hoch wie im Westen.
Als Beispiel nennt Begrich den Kirchenkreis Egeln, den er jüngst besuchte. Und dabei nicht schlecht staunte. Gut 150 Laien gibt es dort, die den Gottesdienst gestalten nach einer Agenda, die sie selbst entworfen haben. So hat sich hier wie auch anderswo wahrgemacht, was der Finanzer gern den Kirchen Ost ins Stammbuch schreibt: Ihr müsst den Finanzausgleich den West-Kirchen verzinsen, indem ihr ihnen zeigt, wie man unter den veränderten Bedingungen einer kleiner werdenden Kirche gute Arbeit macht. Denn eines Tages werden auch sie solche Konzepte brauchen, die ihr schon heute entwickelt habt.
Bettina Röder






