Stasi-Befragung als Rollenspiel

8. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland, Thüringen

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Ulrich Töpfer war einer der Wegbereiter der friedlichen Revolution in Meiningen

Ist sich treu geblieben: Ulrich Töpfer

Ist sich treu geblieben: Ulrich Töpfer

Der Mann scheint Leim an den Händen zu haben. Was Ulrich Töpfer auch anpackt – meist bleibt es an ihm hängen. »Es will oft kein anderer machen – das ist das Dumme«, meint der Landesgeschäftsführer des Bundes Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland mit einem Stirnrunzeln. Er betreibt Vernetzung und Kommunikation zwischen der Politik, den Mitgliedern im Dachverband »Evangelische Jugend« und den Jugendlichen – ebenso wie das »Anstoßen von Modellprojekten und die Geldbeschaffung«.

Von sich selbst sagt der heute 55-Jährige: »Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch. Konflikte sind mir eigentlich zuwider.« Doch zu DDR-Zeiten verweigerte er sich konsequent der FDJ, der Jugendweihe und dem NVA-Waffendienst. Seine Arbeit als kirchlicher Mitarbeiter sieht er »immer auch als politische Arbeit« und eckt damit gelegentlich im Kollegenkreis an. So z. B. 1984, als westdeutsche Studenten das NATO-Manöver »Fulda-Gap« durch eine Ost-West-Menschenkette behindern wollten. Töpfer sorgte dafür, dass in der Meininger Stadtkirche ein Grußwort an sie verabschiedet wurde. Im Vorfeld sei er »mal heulend aus dem Pfarrkonvent rausgelatscht. Denn das wurde politisch immer heißer, betraf zwei Landeskirchen, und ich stand auf einmal so ziemlich alleine da.«

Da er damals zu den wenigen gehörte, die konsequent kirchliche Veranstaltungen, Eingaben und Unterschriftensammlungen zu Friedens- und Umweltfragen initiierten, startete die Stasi den »Operativen Vorgang ›Klerus‹«, von dem auch Töpfers Familie nicht verschont blieb. Er selbst meint, das sei »schon schwierig« gewesen, »vor allem deshalb, weil wegen mir Jugend­liche aus dem Unterricht rausgeholt, in Autos gepackt und dort befragt wurden«. Statt jedoch klein beizugeben, bereitete er sie in Rollenspielen auf Stasi-Befragungen vor.

Sein »Gesprächskreis für Frieden und Ökologie« trifft sich immer noch montags – dank Töpfers Integrationsarbeit. Dieser Kreis war es auch, der in Meiningen die Wende einleitete mit seinen Friedensgebeten, die in der Stadtkirche bis heute monatlich stattfinden.

In der Wende-Euphorie war Töpfer an der Gründung des »Demokratischen Aufbruchs« beteiligt, aber als der in der CDU aufging, verließ er ihn wieder und rief vor Ort die Grüne Partei ins Leben, deren Fraktionsvorsitzender im Kreistag er von 1990 bis 1999 war. Dort habe er gelernt, dass Politik die »Kunst des Machbaren« sei. Dennoch findet er es wichtig, dass »außerhalb des Parlamentes Leute an die Tür klopfen und ein Thema anmahnen – und drin Leute sitzen, die die Tür ­einen Spalt weit aufmachen«.

Scharf kritisiert der bekennende ­Pazifist die gängige Praxis der Militärseelsorge. »Wir wollten gemeindliche Seelsorge an Soldaten und keine Militärseelsorge durch Bundesbeamte.« Denn die Gefahr, dass sich im geschlossenen Raum des Militärs eine unkontrollierbare Eigendynamik entwickle, sei »sehr groß«.

Zeit für die Familie hat er, seit seine Kinder aus dem Haus sind, wieder etwas mehr, aber: »Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, und es geht nach dem Abendbrot gleich weiter, dann gerate ich schon manchmal ins Grübeln.« Der Leim an den Händen eben …

Rainer Borsdorf

Herbstlese

8. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Dora Horvath, sxc.hu

Foto: Dora Horvath, sxc.hu

Von Martin Hanusch

Langsam nähert sich der Gedenkmarathon zur friedlichen Revolution seinem Höhepunkt. In diesen Tagen gibt es hierzulande kaum einen Ort, an dem nicht an die dramatischen Ereignisse im Herbst 1989 erinnert wird. Plötzlich sind die Friedensgebete zwischen Rostock und Sonneberg wieder ganz nah. Dass dabei manches verklärt wird, ist nur allzu menschlich. In der Rückschau erscheint vieles in einem helleren Licht. Schon deshalb ist es gut, dass sich die mitteldeutsche Kirche mit ihrer Kampagne »Gesegnete Unruhe« am Blick zurück beteiligt, der freilich bewusst auch ein Blick nach vorn sein soll. Denn ein Selbstzweck ist das Erinnern nicht.

Was lässt sich nun, 20 Jahre nach der friedlichen Revolution, aus den damaligen Ereignissen lernen? Zum einen ist es ganz sicher die Tatsache, dass sich Mut und Zivilcourage lohnen. Bis heute profitieren wir in Ost und West davon, dass sich vor 20 Jahren Menschen mutig gegen ein Unrechtssystem gestellt haben. Diese Form des Einsatzes kann gar nicht hoch genug gewertet werden. Der Erfolg wird auch nicht dadurch geschmälert, dass es zunächst nur wenige waren, die gegen die Repressalien und die Unfreiheit aufgestanden sind und die Maueröffnung manchen Aufbruch schnell zunichte gemacht hat.

Engagierte Christen sowie kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können wiederum für sich reklamieren, den Prozess mit in Gang gesetzt zu haben. Auch gegen den Widerstand und manche Bedenken innerhalb der Kirchen haben sie dem Protest Raum gegeben und so für ein Klima gesorgt, das den Umbruch überhaupt erst möglich gemacht hat. Mit ihren Friedensgebeten und dem Ruf »Keine Gewalt« sind sie die Helden und ­Erfolgsgaranten des »Oktoberfrühlings« gewesen.

Das ist möglicherweise die wichtigste Lektion, die daraus folgt. Kirche erweist sich immer dann als besonders stark, wenn sie nahe bei den Menschen mit ihren Sorgen und Nöten ist. Darauf sollte sie sich auch heute wieder besinnen – ganz im Sinne des Herbstes ’89.