Mehr Ökumene wagen

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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500 Jahre nach der Reformation ist in Erfurt eine enge Zusammenarbeit zwischen Evangelischer Reglergemeinde und katholischen Augustinermönchen entstanden. Ein Jahr nach Projektbeginn ist Zeit für eine erste Bilanz.

Am Anfang hatte ich das Gefühl: das ist eine völlig absurde Idee«, gibt Bruder Jeremias zu. Er ist einer von inzwischen vier Augustinermönchen, die im Pfarrhaus der evangelischen Reglergemeinde in Erfurt wohnen. Doch nach einem Jahr läuft das Ökumene-Projekt zwischen Protestanten und Augustinern – von Kleinigkeiten abgesehen – ziemlich reibungslos.

Alles begann damit, dass die damals drei und inzwischen vier Mönche in ihrer neuen Wirkungsstätte Erfurt ein Dach über dem Kopf gesucht haben. Da bot sich das evangelische Pfarrhaus an, in dem eine Wohnung frei geworden war. Vor gut einem Jahr ging Pfarrerin Gabriele Lipski auf die Brüder zu, bot ihnen eine Zusammenarbeit an.

Katholische Messe in der evangelischen Reglerkirche: der Augustinermönch Bruder Matthias begrüßt Teilnehmer zum Gottesdienst. Foto: Markus Wetterauer

Katholische Messe in der evangelischen Reglerkirche: der Augustinermönch Bruder Matthias begrüßt Teilnehmer zum Gottesdienst. Foto: Markus Wetterauer

Bevor es los ging, mussten trotzdem einige Steine aus dem Weg geräumt werden. »Ist sich diese Gemeinde überhaupt bewusst, dass wir jeden Tag Messe feiern wollen und es damit in der Reglerkirche öfter katholische Gottesdienste gibt als evangelische?«, war eine der Fragen. Oder: Kann es in einer evangelischen Kirche ein Tabernakel geben, in dem die Hostien aufbewahrt werden? Und: Was ist mit dem Weihwasser? Die Fragen wurden geklärt, die Bischöfe auf beiden Seiten gaben ebenfalls grünes Licht, auch in den Gemeinden gab es nur vereinzelt Kritik.

Zum Auftakt der Kooperation beging man am 1. Advent vor einem Jahr einen gemeinsamen Gottesdienst – zum Türen öffnen, so Pfarrerin Lipski. Seitdem feiern die Mönche jeden Tag ihre Messe in der Reglerkirche. Das evangelische Mittagsgebet wird gemeinsam gestaltet. So gut wie jeden Monat gibt es eine gemeinsame Aktion: Das kann ein besonderer Gottesdienst sein wie am 2. Februar zu Mariä Lichtmess, ein Gemeindefest, eine gemeinsame Wallfahrt, oder in der Passionszeit die Aktion »In 40 Tagen durch die Bibel«.

Wichtig ist gegenseitige Offenheit. Freitags treffen sich alle Mitarbeiter zu einer gemeinsamen Teambesprechung. Die Mönche sind auch zu den Sitzungen des Gemeindekirchenrats eingeladen. »Der Gedanke dabei ist: Wir lassen euch reinschauen in alles, was wir tun, weil wir unseren Weg gemeinsam gehen«, erklärt Pfarrerin Lipski. Für Bruder Jeremias hilft die Offenheit, damit Reibereien aus dem Weg geräumt werden, bevor sie zu Problemen werden.

Reibereien gibt es zum Beispiel dann, »wenn man mal wieder nicht dran denkt, dass ja da noch jemand mit in der Kirche ist und es zu Termin-Überschneidungen kommt«, sagt Jeremias. Oder, wenn die andere Seite in der Sakristei was nicht wegräumt, wie Pfarrerin Lipski feststellt. Umgekehrt wird die Zusammenarbeit einfacher, weil sie freiwillig entstand. Es gab »keinen finanziellen Druck oder, weil keine Leute mehr zu uns gekommen sind, sondern, weil wir das wollten«, sagt Bruder Jeremias. Er und seine drei Mitbrüder Pius, Jakob und Matthias versuchen, möglichst viel gemeinsam mit den Protestanten zu machen und trotzdem »unsere Identität nicht zu kurz kommen zu lassen«. Ein Satz, den Lipski unterschreiben kann:

»Sie sind nicht evangelisch geworden und wir werden nicht katholisch, sondern es geht um versöhnte Verschiedenheit. Das Wichtige ist, dass wir mit Christus verbunden sind.«

Markus Wetterauer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Schluss mit Klimpern?

25. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kollekte: Die Kirchengemeinden ärgern sich über Gebühren für Münzgeld bei Banken und Sparkassen – und suchen nach Lösungen.

Mal sind es 189,33 Euro, mal 267,94 Euro, am Gründonnerstag waren es nur 13,57 Euro: die Beträge, die Sonntag für Sonntag in der evangelischen Reglergemeinde in Erfurt im Kollekten-Körbchen landen, sind höchst unterschiedlich. Insgesamt aber freut sich Pfarrerin Gabriele Lipski: »Unsere Gemeinde spendet richtig viel.« Seit einiger Zeit ist diese Freude aber getrübt. Denn wenn Ga­briele Häußler vom Gemeindebüro die gespendeten Münzen montags bei der Bank einzahlen will, werden dafür seit Kurzem Gebühren fällig.

Die Sparkasse Mittelthüringen nimmt das Münzgeld nur noch in verschließbaren Sicherheitsbeuteln an. Pro Beutel müssen zehn Euro gezahlt werden. Entsprechend fielen die Reaktionen in der Gemeinde aus: »Alle Kreise waren wirklich entsetzt und haben gesagt: Das kann doch nicht wahr sein!«, sagt die Pfarrerin.

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kein Einzelfall. Das Problem mit den Gebühren fürs Geldzählen betrifft inzwischen fast alle Gemeinden in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Finanzdezernent Stefan Große nennt ein Beispiel: So hat die Kirchengemeinde Wittenberg im vergangenen Jahr stolze 1 800 Euro an Gebühren gezahlt. »Das erschwert das traditionelle Kollekten-Sammeln erheblich«, sagt er.

Die Sparkasse nennt zwei Gründe für die Gebühren. Zum einen hat die EU die Kreditinstitute verpflichtet, die eingezahlten Münzen auf Falschgeld zu kontrollieren. Das ist aufwendig und damit teuer. Zum anderen waren die bisher verwendeten Zählautomaten für Münzgeld oft kaputt, erklärt Sparkassen-Sprecherin Ka­tharina Höhne: »Das lag daran, dass mit dem Geld häufig Fremdkörper hineingelangt sind. Da ist ein Stückchen Stroh von den Körbchen mit reingekippt worden. Da ist mal ein bisschen Dreck dabei, eine Büroklammer oder Spielgeld.« Die Folge: Die Zählautomaten mussten ständig gereinigt und repariert werden. Jetzt zählt eine Firma im Auftrag der Sparkasse das Geld. Die Kosten dafür werden an die Kunden weitergegeben. Inzwischen werden bei so gut wie allen Kreditinstituten Gebühren für Münzgeld fällig – nur bei den Filialen der Bundesbank kann noch kostenlos gezählt werden.

Auch bei der Sparkasse Mittelthüringen hat sich die Situation etwas entspannt. Nach Protesten aus den Gemeinden werden jetzt pro Münzbeutel nicht mehr zehn, sondern nur noch drei Euro an Gebühren fällig, wie Pfarrer Ricklef Münnich erläutert, der Pressesprecher des ev. Kirchenkreises Erfurt. Außerdem gibt es nach seinen Angaben als Zugeständnis des Kreiskirchenamts an die Gemeinden die Möglichkeit, die Kollekten nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei bis drei Wochen einzuzahlen. Auch dadurch ergeben sich noch mal niedrigere Gebühren. »Die Sparkasse ist uns entgegengekommen«, sagt Münnich. »Das ist vertretbar.«

Auch Sparkassen-Sprecherin Höhne wirbt um Verständnis. »Natürlich sind Kirchen und Vereine davon möglicherweise besonders betroffen«, sagt sie. »Aber wir haben diese Gebühren nicht aus reiner Willkür festgelegt oder um besonders viel Geld zu verdienen, sondern einfach, um die Kosten zu decken, die mit diesem Angebot entstanden sind.« Wenn für andere Dienstleistungen wie Telefon oder Internet Gebühren fällig werden, würden diese ja von den Kirchen oder Vereinen auch gezahlt.

Keine Frage: Auch Regler-Pfarrerin Gabriele Lipski findet die niedrigeren Gebühren besser. Zufrieden ist sie dennoch nicht. »Ich würde mir natürlich wünschen, dass es nichts kostet. Denn das sind Spendengelder. Kein Mensch hat daran Gewinn. Schön ist das nicht.« Deshalb hat sie sich mit Gemeindegliedern überlegt, ob es Alternativen gibt. Eine Idee: viele kleine Händler brauchen Münzgeld zum Wechseln, und müssen dafür bei den Banken auch zahlen. So entstand die Überlegung, »eine Art Win-win-Situation zu schaffen: Wir tragen zu den Händlern unser Geld und die geben uns Scheine dafür«, sagt Lipski, schränkt aber gleich ein: »Das ist alles sehr mühsam. Es muss jemand rollen und hinbringen und wir müssen immer einen Händler haben, der das gerade braucht.« Auch kleine Spenden-Chips, die vorher im Gemeindebüro gekauft werden und dann in den Klingelbeutel geworfen werden, hält sie für deutlich umständlicher als Bargeld.

»Eine Patentlösung gibt es nicht«, sagt auch EKM-Finanz-Chef Stefan Große. In kleineren Gemeinden wechseln manchmal Ehrenamtliche die gesammelten Münzen in Scheine, die danach ohne Gebühren aufs Konto eingezahlt werden können, berichtet er. In Kirchen mit vielen Touristen als Besucher, wie der Taufkirche in Eisleben, könnte ein elektronischer Opferstock die Lösung sein. »Hier fallen aber auch Anschaffungskosten an«, gibt Große zu bedenken. Wie er sieht auch Sparkassen-Sprecherin Katharina Höhne künftig im Spenden per Bank-Karte oder Handy eine Möglichkeit. Bei kleineren Beträgen ist das ohne Geheimzahl oder Unterschrift machbar.

Schweden hat seit etlichen Jahren Erfahrung damit. Dort stehen in vielen Kirchen »Kollektomaten«. Die Geräte sehen so ähnlich aus wie Geldautomaten. Gottesdienst-Besucher spenden mit ihrer Bank-Karte. Am Bildschirm wählen sie den Betrag und den Zweck (Orgel-Reparatur, neue Gesangbücher oder vielleicht doch lieber Brot für die Welt?). Wer seine Steuer-Nummer eingibt, bekommt gleich noch eine Spenden-Quittung fürs Finanzamt dazu.

Pfarrerin Lipski will, wie die meisten ihrer Kollegen, zumindest vorläufig am traditionellen Kollekten-Modell mit Körbchen und Münzen festhalten. »Mir ist noch keine bessere Lösung eingefallen«, sagt sie, und fügt lachend dazu: »Außer, dass alle nur noch Scheine einwerfen.«

Markus Wetterauer