Basecap und Talar

1. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Jennifer Scherf ist 32 Jahre und damit die jüngste Pfarrerin im Merseburger Kirchenkreis

Am liebsten trägt Jennifer Scherf Sportschuhe, Jeans und Basecap. Hat sie frei, spielt sie Squash oder geht an der Saale joggen. Neulich war sie in Berlin auf einem Konzert der Rocksängerin Pink. Selbst schlägt sie sanftere Töne auf dem Klavier, der Gitarre und Trompete an. Ist sie im Dienst, trägt sie Talar. Jennifer Scherf ist seit April vergangenen Jahres Pfarrerin in Leuna und dem Unteren Geiseltal. Sie ist mit ihren 32 Jahren die jüngste von 17 Pfarrerinnen und Pfarrern im Kirchenkreis Merseburg, wo der Altersdurchschnitt bei über 50 Jahren liegt.

Leuna statt Wolfsburg: Dafür hat sich die junge Theologin Jennifer Scherf entschieden. Privat sieht man die Pfarrerin mit Basecap, Jeans und Turnschuhen. Foto: Petra Wozny

Leuna statt Wolfsburg: Dafür hat sich die junge Theologin Jennifer Scherf entschieden. Privat sieht man die Pfarrerin mit Basecap, Jeans und Turnschuhen. Foto: Petra Wozny

»Ich möchte keinen anderen Beruf und ich möchte hier auch so schnell nicht wieder weg«, sagt sie entschieden. Jennifer Scherf ist im Glauben fest verankert. Mit zehn Jahren trat sie gemeinsam mit Oma Elsa in den kirchlichen Posaunenchor ein. Den Auslöser, Pfarrerin zu werden, gab ihr Religionslehrer auf dem Gymnasium. »Man darf im Glauben nicht nur denken, man soll sogar denken. Das hat mich neugierig auf die Kirchengeschichte, die Bibelarbeit und christliche Ethik gemacht«, schildert sie. Die junge Frau stammt aus Wolfsburg, wo man eigentlich beim Automobilhersteller VW arbeitet. So wie ihre Eltern, die die Tochter dort gern gesehen hätten. Theologie studierte sie acht Jahre unter anderem in Göttingen und Leipzig. Nach dem Gemeindepraktikum habe sie gewusst, dass die Arbeit im Gemeindepfarramt die richtige für sie ist. »Hier sehe ich, wie die christliche Botschaft ins Leben übergeht«, sagt sie. Nach dem Vikariat standen viele Fragen im Raum: Gehe ich wieder zurück in die Heimat, bleibe ich in Sachsen oder nehme ich ein neues Ziel ins Visier? Sie entschied sich für Leuna in Sachsen-Anhalt – Chemiestandort und Gartenstadt.

Als sich Jennifer Scherf im Gemeindekirchenrat vorstellte, über ihre Ausbildung, Arbeit und ihre angetraute Frau Denise offen sprach, spürte sie schnell: Hier stimmt die Chemie. »Ich war beeindruckt, wie offen die Menschen mir entgegen kamen und wie gut strukturiert die Kirchenarbeit ist, die von vielen engagierten Ehrenamtlern getragen wird. Ich wurde gut aufgenommen.« Zum Gotteshaus in der Stadt Leuna kommen weitere zwölf in den umliegenden Dörfern dazu. Etwa 1 000 Kirchenmitglieder zählt man in diesem Gebiet. Das sind etwa sieben Prozent der Bevölkerung. »Ich hatte etwas Bedenken, dass ich zum Gottesdienst vor zwei bis drei Leuten stehe. Das war jedoch nie der Fall. Überall sind es meist bis zu 20 Personen«, erzählt Jennifer Scherf. Erst stellten sie sich aus Neugier ein, aber nun haben sich die Besucherzahlen etabliert. Der Predigtstil der Neuen komme an. Viele moderne Kirchenlieder hatte sie im Gepäck. Das habe jedoch nicht jeden gefreut. Nun einigte sich die Gemeinde auf mehrheitlich altes Liedgut, wobei Jennifer Scherf immer auch ein neues Lied singt und spielt.

Beziehungen aufzubauen, Menschen zu besuchen – das ist ihr wichtig. Da komme es auch vor, dass die 32-Jährige eine 90-Jährige trösten muss, die vor ihr zu weinen beginnt. Stark angestiegen ist die Zahl der kirchlichen Beerdigungen. Zeitfressend sei die Verwaltungsarbeit. An fast allen Kirchen müsste etwas gemacht werden. Mal ist es die Orgel, mal das Dach. Gerade wird das Leunaer Pfarrhaus samt Sakristei saniert.

Wie gut Jennifer Scherf der Gemeinde tut, ist an den steigenden Zahlen bei Trauungen und Taufen zu spüren: Fünf Trauungen und elf Taufen gab es in einem Jahr, acht weitere sind angemeldet. Natürlich freut das die Pfarrerin, die sich in der Jugendarbeit stärker einbringen will. Da gebe es noch viel zu tun. Aber wie sagt Jennifer Scherf: »Ich habe Zeit. Ich will hier so schnell nicht weg.«

Petra Wozny

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

In der Sprache des Alltags

18. Juli 2017 von redaktionguh  
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Um über den Glauben zu reden, benötigt man kein Theologiestudium. Sogenannte Laien sollten es viel öfter tun, findet Christine Reizig, die anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Angela Stoye sprach mit ihr auch über Möglichkeiten, das Können auf diesem Gebiet zu erweitern.

Ich habe den Eindruck, dass eher die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst sprachfähig im Glauben sind. Wie sehen Sie das?
Reizig: Ja und nein. Ich erlebe mich als Theologin auch oft als nicht schlagfertig genug. Ich denke, sogenannte Laien haben eine andere Sprache, wenn es um den Glauben geht. Es ist niemandem gedient, wenn dogmatische Richtigkeiten verbreitet werden. Nötig ist eine Übersetzung des Glaubens in die Sprache des Alltags. Das können oftmals die Altenpflegerin X und der Malermeister Y besser als Theologinnen und Kirchenmusiker.

Aber etliche haben – mit Blick auf vermeintliche oder bestehende Wissenslücken – Bedenken. Da nehme ich mich nicht aus …
Reizig: Sprachfähig über den Glauben zu sein, heißt nicht, ich muss auf jede Frage eine Antwort wissen. Viele verfallen diesem Irrtum und trauen sich deshalb nicht. Für mich geht es eher darum, Mut zu wecken, über das zu reden, was mir wichtig ist, was mir Mut macht, mich im Alltag trägt und hält.

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Von dem französischen Schriftsteller Paul Claudel sind die Sätze überliefert: »Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt.« Wie stehen Sie dazu?
Reizig: Teils hat er recht, teils nicht. Es ist erstens nicht werbend für den Glauben, wenn ihn jemand ständig wortreich vor sich her trägt. Zweitens muss zweifelsohne das Reden durch das Tun gedeckt sein. Auf bekennende Christinnen und Christen wird kritischer gesehen als auf andere. Wir leben aber drittens in einer so entchristlichten Welt, dass nicht mehr automatisch vom Tun auf den Glauben geschlossen wird. Deshalb ist das Tun sehr wichtig, das Reden gehört aber unbedingt dazu.

Ein Blick auf Ehrenamtliche: Kirchenälteste sollen ihre Gemeinde nicht nur in Bau- und Finanzfragen leiten, sondern auch geistlich. Geschieht das überhaupt?
Reizig: Im Paragrafen 15 der Verfassung unserer Landeskirche steht vor der Aufzählung konkreter Aufgaben des Gemeindekirchenrates (GKR), dass er die geistliche, geschwisterliche Leitung der Kirchengemeinde ist. Das bedeutet, dass die Frage nach dem persönlichen Glauben existenziell ist. Jede Gemeinde ist froh, wenn sie Spezialistinnen und Spezialisten für bestimmte Fragen werben kann, für die Kenntnisse nötig sind, für Bau- und Finanzfragen, für den Friedhof und Verpachtungen.

Trotzdem ist ein GKR etwas anderes als der Vorstand eines Vereins. Als Grundfrage soll immer dahinterstehen, was den Glauben fördert und wie missionarische Ausstrahlung möglich ist. In der Praxis ist es aber manchmal so, dass das »geistliche Herz« der Gemeinde woanders schlägt – in einem Hauskreis, einer Gebetsinitiative, einem Familienkreis etwa. Ein reifer GKR sollte das erkennen und dringend den regelmäßigen Kontakt suchen.

Wie kann die Sprachfähigkeit im Glauben verbessert werden? Und wo?
Reizig: Sprachfähigkeit wird verbessert, indem man redet. Und das sollte möglichst in den Gemeinden und Regionen geschehen. Gemeindeglieder sollten nicht nur die Predigten hören, sondern selbst zu Wort kommen. Das schult – übrigens auch die Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir merken manchmal gar nicht, wenn wir eine Sprache sprechen, die nicht verstanden wird. Auch wir brauchen dringend das Gespräch. Für mich ist da die Arbeit mit Lektorinnen und Lektoren sehr heilsam.

Da die Laienakademie zurzeit ruht: Gibt es spezielle Kurse für Nicht-Theologen?
Reizig: Zum einen gibt es die jährlichen Fortbildungen für Kirchenälteste an einem Wochenende in Gernrode. Die Themen sind oft auf den Glauben bezogen oder verbinden Glaubensfragen mit Verwaltung und Organisation. Zum anderen sind die Glaubensgespräche in den Gemeinden wichtig. GKR-Klausuren tun dem Gremium oft richtig gut, weil es möglich ist, anders ins Gespräch zu kommen als bei Sitzungen mit Tagesordnung.

Ich empfehle da einen Glaubenskurs für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit dem Titel »Sehnsucht nach mehr«. Er lädt dazu ein, sich mit Basisfragen des Glaubens zu befassen (Taufe, Kirche, Bibel, Abendmahl) und davon ausgehend geistliche Elemente mit in die Sitzungsarbeit zu nehmen. Dazu lasse ich mich gern auch einladen. Das Arbeitsmaterial ist aber so gut ausgearbeitet, dass es GKR oder Regionalversammlungen auch selbst verwenden können. Es gibt eine Vielzahl von Kursen auf dem Markt.

Ebenso ist es sinnvoll, sich nach geistlichen Kompetenzen vor Ort und in der Region umzusehen. Wichtig ist, dass Älteste und andere engagierte Menschen in den Gemeinden ihr Bedürfnis, mehr über Glaubensfragen reden zu wollen, auch deutlich machen und ihre konkreten Fragen stellen.

Wann ist für Sie der Idealzustand auf dem Gebiet »sprachfähig im Glauben« erreicht?
Reizig: Mein Traum, meine Vision, ist, dass nach Losung und Lehrtext vom 3. Juli der Glaube in den Herzen der Gemeindeglieder ein brennendes Feuer ist, dass wir einfach nicht aufhören können, von dem zu reden, was wir gehört und gesehen haben (Jeremia 20,9; Apostelgeschichte 4,20).

Gratwanderer im Ehrenamt

3. April 2016 von redaktionguh  
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Gemeindekirchenrat: Kirchenälteste haben viel Gestaltungsspielraum und tragen hohe Verantwortung

Sie entscheiden an der Basis über die Zukunft der Kirche: Die Mitglieder der örtlichen Gemeindekirchenräte. Dabei tragen sie hohe Verantwortung, auch für die nötige Transparenz ihrer Arbeit.

Sie sind quasi für alles zuständig: Wie der Friedhof und die Gottesdienste gestaltet werden, wann und für wen die Kirche geöffnet oder auch geschlossen wird, wer den Winterdienst vor dem Gemeindehaus erledigt und wie die fehlenden Millionen für die Kirchturmsanierung aufgetrieben werden. Sie müssen Mietverträge abschließen, Handwerker beauftragen und Empfehlungen zur Vergabe des Pachtlandes der Kirchengemeinde abgeben. Und wenn diese außer dem Pfarrer noch weitere Angestellte hat, dann müssen sie sich auch mit Fragen des Arbeitsrechtes auseinandersetzen.

Die Frauen und Männer in den Gemeindekirchenräten (GKR), die Kirchenältesten, tragen dabei eine hohe Verantwortung. Sie beschließen und verwalten Haushalte, die oft Tausende von Euro umfassen. Etwa 12 000 Kirchenälteste sind es in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), 800 in der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Und alle arbeiten ehrenamtlich. Darunter Professoren, Ärzte, Unternehmer, Handwerker, Arbeiter und Angestellte, Rentner.

Ein weites Aufgabenfeld und viel Verantwortung: Die Mitglieder der Gemeindekirchenräte beschäftigen sich mit Fragen der Verkündigung und der diakonischen Arbeit ebenso wie mit Bauvorhaben, Haushalt, Vermögensverwaltung oder Personalangelegenheiten. Fotos: Maik Schuck (2)/Mirjam Petermann/Dietlind Steinhöfel/EKM/G+H

Ein weites Aufgabenfeld und viel Verantwortung: Die Mitglieder der Gemeindekirchenräte beschäftigen sich mit Fragen der Verkündigung und der diakonischen Arbeit ebenso wie mit Bauvorhaben, Haushalt, Vermögensverwaltung oder Personalangelegenheiten. Fotos: Maik Schuck (2)/Mirjam Petermann/Dietlind Steinhöfel/EKM/G+H

Dass ihre Arbeit oft mehr im Verborgenen geschieht, gelegentlich sogar von einer Aura der Geheimniskrämerei umgeben scheint, liegt unter anderem an einer Festlegung der Verfassung der EKM: Dort heißt es unter Paragraf 11, dass die Sitzungen der Gemeindekirchenräte in der Regel nicht öffentlich sind, alle Verhandlungen vertraulich geführt werden und jedes Mitglied zur Verschwiegenheit auch über das Ende seiner Tätigkeit hinaus verpflichtet ist. Öffentlichkeit ist nur im Ausnahmefall vorgesehen. Das steht im eklatanten Gegensatz zur Arbeit der ebenfalls gewählten ehrenamtlichen Mitglieder in den politischen Städte- und Gemeinderäten: Deren Sitzungen sind nach Paragraf 40 der Thüringer Gemeindeordnung grundsätzlich öffentlich. Ausnahmen müssen extra beschlossen werden, etwa bei sensiblen Personalfragen. Und auch die Beschlüsse der politischen Gremien sind »unverzüglich in ortsüblicher Weise öffentlich bekannt zu machen«.

»Die kirchliche Regelung ist ein schwieriger Kompromiss«, erklärt Oberkonsistorialrat Andreas Haerter, Referent für Gemeinderecht und Kirchenmusik in der EKM. Man wollte damit vor allem die ehrenamtliche Arbeit der Kirchenältesten schützen. Besonders in kleineren Städten und Gemeinden, wo jeder jeden kennt und durch GKR-Beschlüsse oder -Entscheidungen manchmal auch persönliche oder nachbarschaftliche Bereiche betroffen sind, sei dieser Schutz wichtig. Auf der anderen Seite solle natürlich nicht der Eindruck entstehen, Gemeindekirchenräte seien eine Art Geheimbund. Deshalb hat man in die 2011 verabschiedete Geschäftsordnung für die Gemeindekirchenräte unter Paragraf 12 die Regelung aufgenommen: »Der Gemeindekirchenrat legt zum Schluss einer jeden Sitzung fest, welche Beschlüsse den Gemeindegliedern bekannt gemacht werden. Die Bekanntmachung erfolgt in ortsüblicher Weise. Dabei ist die Vertraulichkeit des Gemeindekirchenrates zu wahren.« Letzteres gilt etwa für das Abstimmungsverhalten einzelner Mitglieder.

»Leider ist diese Möglichkeit wohl noch nicht überall in der Öffentlichkeit angekommen«, resümiert Haerter auch im Blick auf gelegentliche Auseinandersetzungen in Kirchengemeinden, wie etwa im vergangenen Jahr in Rudolstadt-Schwarza. »Wir müssen uns auf den Weg zu mehr Öffentlichkeit machen«, ist der Jurist überzeugt. Im Übrigen verweist der Referent auch auf das Instrument der Einberufung einer Gemeindeversammlung, zu dem jeder Gemeindekirchenrat zwecks Information der Gemeindeglieder und Diskussion strittiger Fragen greifen kann. Nach Paragraf 30 der Kirchenverfassung soll zu einer solchen Versammlung sogar mindestens einmal im Jahr eingeladen werden.

Beide Gesetzestexte, die »Kirchenverfassung der EKM« wie auch die »Verordnung über die Geschäftsführung im Gemeindekirchenrat«, können übrigens von jedem Interessenten im Internet unter »www.kirchenrecht-ekm.de« eingesehen beziehungsweise heruntergeladen werden.

Harald Krille

Kein Mann für Schaukämpfe

3. April 2016 von redaktionguh  
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Michael Schneider, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Weimar, weiß, was er will

Der Mann sagt, was er will. Und was er nicht will: Für ein Pressefoto auf ein Baugerüst steigen, symbolhaft vor einem seiner Dächer? Macht er nicht. »Mein Berufsleben spielt sich schon seit Jahren im Büro ab, allenfalls noch in der Werkstatt«, wischt der Dachdeckermeister den Wunsch der Redaktion vom Tisch. »Für Showzwecke bin ich nicht zu haben.«
Michael Schneider, gerade 50 Jahre, Geschäftsführer der »Dach Schneider Weimar GmbH«, einem 1925 vom Großvater gegründeten Handwerksbetrieb mit heute 70 Mitarbeitern; verheiratet, vier Kinder zwischen vier und 25 Jahren; zuhause in Gelmeroda und in der Weimarer Kreuzkirche. Er weiß, wie man einen großen Laden zusammenhält – durch klare Führung, Übertragung von Verantwortung, gegenseitige Akzeptanz. Er ist beharrlich, sagt seine Frau, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat, zieht er das durch. Er verfolgt auch gern mal verrückte Ideen, sagt er über sich selbst. Eine Evangelische Grundschule in Weimar zum Beispiel – leider (noch) nicht umsetzbar.

Michael Schneider in der Umpferstädter Werkstatt der »Dach Schneider Weimar GmbH«, die sich nicht nur traditionell mit der Dacheindeckung befasst, sondern auch mit zeitgemäßer Fassadengestaltung. Foto: Maik Schuck

Michael Schneider in der Umpferstädter Werkstatt der »Dach Schneider Weimar GmbH«, die sich nicht nur traditionell mit der Dacheindeckung befasst, sondern auch mit zeitgemäßer Fassadengestaltung. Foto: Maik Schuck

Als sein Pfarrer ihn fragte, ob er als »Mann der Praxis« für den Gemeindekirchenrat kandidieren würde, hatte Michael Schneider schon eine Rats-Erfahrung hinter sich: Vier Jahre saß er im Weimarer Stadtrat und gab – auch aus einer gewissen Ernüchterung heraus – sein Mandat vorzeitig zurück. Zu quälend die endlosen Debatten in Ausschüssen und Sitzungen, die politischen Schaukämpfe. »Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir alle zum Wohle der Stadt an einem Strang ziehen.«

Ganz anders die Arbeit im Gemeindekirchenrat. »Wir haben die gleiche Interessenlage, die inhaltliche Arbeit findet in den Ausschüssen statt und wird hinterher nicht zerredet. Wir vertrauen auf die Sachkompetenz der Ausschüsse.« Sonst wären Großprojekte wie die Sanierung der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul oder der Neubau des Herderzentrums für Ehrenamtler nicht zu bewältigen. Dabei schätzt Schneider die Weimarer Verhältnisse als besonders glücklich ein: Die sechs Sprengel der Stadt wählen einen gemeinsamen Gemeindekirchenrat. Damit lassen sich Kompetenz und Vielfalt optimal bündeln. »Es ist ein zielorientiertes Arbeiten, und das ist trotz vieler Notwendigkeiten, die nun mal die Verwaltung einer Gemeinde mit sich bringt, nie langweilig.«

Nach einer Legislaturperiode im Bauausschuss des Gemeindekirchenrates übernahm Michael Schneider in seiner zweiten Wahlperiode den Vorsitz im Gesamtgremium und wechselte in den Finanzausschuss. Hier gilt es, einen Haushalt von 950 Tausend Euro zu bewältigen, Immobilien zu verwalten und zu erhalten. Vor der Wahl hatte er versprochen, dass die Finanzplanung übersichtlicher und verständlicher wird. Seit 2015 werden nun die einzelnen Sprengel und größere Projekte in so genannten Finanzkreisen dargestellt. »Den Haushalt kann jetzt auch ein Nicht-Finanzfachmann durchblicken.« Das hat Modellcharakter innerhalb der Landeskirche.

Was ihn an der Arbeit im Gemeindekirchenrat begeistert? »Es macht einfach Spaß«, überrascht der Unternehmer mit seiner schlichten Antwort. »Man kann über einen kurzen Weg Gemeindearbeit aktiv mitgestalten und sieht die Erfolge.« Der Zeitaufwand sei überschaubar, sagt er als einer, der einen strengen Terminkalender führt. Der auch noch Zeit findet für Golf spielen und Motorradfahren. Der sich in der Mitteldeutschen Arbeitsgemeinschaft evangelischer Unternehmer engagiert, weil sie »Gläubige ohne große Lobby in unserer Kirche sind«.

Eine dritte Legislatur würde Michael Schneider gern noch dranhängen. Dann will er Platz machen für neue Leute. Das ist fast wie im Schneider’schen Familienbetrieb: Der 15 Jahre ältere Bruder Karl-Heinz hat die Gesamtgeschäftsleitung unlängst ganz an Michael abgegeben, und der wiederum bereitet schon die Übergabe an die Neffen und den ältesten Sohn vor. Loslassen und den Neuen dann Luft zum Atmen geben. Michael Schneider will das so.

Katharina Hille

Ernst machen mit dem Priestertum aller Glaubenden

25. November 2014 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Was erlebt ein Mensch, der als »Quereinsteiger« in kirchliche Leitungsstrukturen kommt? – Ronald Jost zieht eine ernüchternde Bilanz


Er ist ein gestandener Mann, Finanzexperte, Bankdirektor, vielfach gesellschaftlich aktiv. Und er ist Christ. Deshalb engagierte sich Ronald Jost auch in kirchenleitenden Ämtern. Doch jetzt wirft er das Handtuch.
Harald Krille sprach mit ihm.

Was hat Sie bewogen, sich in den Gremien der Kirche zu engagieren, sozusagen ein ehrenamtlicher Funktionär dieser Kirche zu werden?
Jost:
Ich war etliche Jahre in Bayern und bin seit 1993 wieder in Mitteldeutschland. Für mich war es schwer erträglich wahrzunehmen, wie säkular und entkirchlicht das Kernland der Reformation geworden ist. Ich hatte die Illusion, wenn mehr Ehrenamtliche sich so richtig hineinbegeben würden in diese Kirche, dann werden wir auch im kirchlichen Bereich die Wende schaffen. Also Jost, die Kinder sind aus dem Haus und beruflich bist du auch etabliert, jetzt pack mal an! So bin ich eingestiegen und sehr schnell dann bis hinein in die erste EKM-Synode gewählt worden.

Ronald Jost leitet den Bereich Kundencenter bei der Thüringer Aufbaubank in Erfurt. Seit der Bildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland im Jahr 2009 gehört er der Landessynode an. Der in Jena wohnende Diplomkaufmann wurde 1955 im Delitzsch geboren, absolvierte unter anderem eine Prädikantenausbildung und ist zertifizierter ehrenamtlicher Gemeindeberater im Gemeindedienst der EKM. Für die oft so ganz andere Arbeitskultur in kirchlichen Gremien findet er deutliche Worte. Foto: Harald Krille

Ronald Jost leitet den Bereich Kundencenter bei der Thüringer Aufbaubank in Erfurt. Seit der Bildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland im Jahr 2009 gehört er der Landessynode an. Der in Jena wohnende Diplomkaufmann wurde 1955 im Delitzsch geboren, absolvierte unter anderem eine Prädikantenausbildung und ist zertifizierter ehrenamtlicher Gemeindeberater im Gemeindedienst der EKM. Für die oft so ganz andere Arbeitskultur in kirchlichen Gremien findet er deutliche Worte. Foto: Harald Krille

Sie sprechen von einer Illusion, warum?
Jost:
In meinen ehrenamtlichen kirchlichen Funktionen traf ich auf sehr viele liebenswerte Menschen. Aber die Arbeitskultur, in der ich mich wiederfand, das war schon ein Kontrastprogramm zu dem, was ich aus meinem bisherigen, breit gefächerten beruflichen Leben kannte. Und das sage ich ohne Wertung.

Woran macht sich das fest?
Jost:
Zum einen an den zum Teil sehr großzügig bemessenen Strukturen, die im Grunde überhaupt nicht mehr passfähig sind für das, was hier Kirche tatsächlich ist. Wir haben die Strukturen einer großen Volkskirche. Die Realität ist eine völlig andere. Der Mantel ist also viel zu groß. Er überfordert die wenigen, die sich in die Pflicht nehmen lassen.

Das nächste ist der Umgang mit Verantwortung in dieser Kirche. Wer trägt eigentlich wirklich Verantwortung? Da habe ich im Grunde keine Klarheit gefunden. Ich habe in meiner ganzen Amtszeit nie gesehen, dass irgendjemand zur Verantwortung gezogen wurde.

Und ich hatte in der Kirche, namentlich in den Kerngemeinden, eine stärkere spirituelle Kraft vermutet. Aber ich merkte schnell, dass wir uns in allen Gremien im Grunde nur mit Baufragen, mit Geld und Besitzstandsfragen beschäftigen. Doch die geistliche Dimension, wo wollen wir geistlich hin, was sind unsere Ziele als Kirchengemeinde, unsere spirituellen Bedürfnisse und Erwartungen, unsere Träume? Das habe ich verdammt wenig mitbekommen. Meine geistlichen Kraftquellen fand ich im Wesentlichen außerhalb meiner Kirche.

Was muss nach Ihrer Meinung geschehen?
Jost:
Wir müssten mal langsam Ernst machen mit dem Priestertum aller Glaubenden. Die geistlichen Funktionen haben wir doch weitgehend an die Profis delegiert. Wir haben immer noch viel zu wenig Lektoren und Prädikanten. Und in meiner eigenen Prädikantenausbildung habe ich erlebt, dass Kursteilnehmer das Handtuch geworfen haben, weil sie von ihrer Gemeinde und von ihrem Pfarrer keine Unterstützung hatten. Sie wurden als Konkurrenz wahrgenommen und nicht als wichtige Mitglieder in der geistlichen Leitung der Gemeinde.

Das ist letztlich aber kein Frage der Struktur, sondern der Haltung.
Jost:
Richtig. Statt an Strukturen herumzudoktern müssen wir uns ernsthaft fragen, welches Kirchenverständnis wir leben wollen. Nach meinen Erfahrungen empfinde ich unsere Kirche als eine lediglich synodal bemäntelte Amts- und Pastorenkirche.

»Nach meinen Erfahrungen empfinde ich unsere Kirche als eine lediglich synodal bemäntelte Amts- und Pastorenkirche«

Aber in den Gemeindekirchenräten, in den Synoden, tragen doch die sogenannten Laien Verantwortung?
Jost:
Ja, laut Verfassung hat der Vorsitzende eines Gemeindekirchenrates die Geschäftsführung. Aber wenn er wirklich Geschäftsführung wahrnehmen möchte, dann wird er sehr schnell merken, mit welchen Freiheitsrechten die Ordinierten ausgestattet sind und was es bedeutet mit Menschen zu arbeiten, die sich ihrer beamtenrechtlichen und dienstrechtlichen hohen Privilegien bewusst sind. Und er wird feststellen, dass viele seiner ehrenamtlichen Geschwister eigentlich gern in der tradierten Pastorenkirche weiterleben möchten.

Was wäre denn Ihre Erwartung an das Verhältnis von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in der Kirche?
Jost:
Mein Traum ist, dass Kirche ein Ort christlicher Lebensschule ist, in dem die Hauptamtlichen nicht alles selbst machen, sondern sich als Lehrer, Trainer, als Begleiter der Ehrenamtlichen verstehen. Kein Fußballverein beschäftigt Trainer und Co-Trainer, damit die an jedem Wochenende der A- und B-Jugend wunderbare Dribblings vormachen. Trainer werden daran gemessen, dass sie den Jugendlichen das Fußballspielen beibringen. Die sollen spielen, der Trainer sitzt am Rande. Und bei uns ist es genau umgekehrt. Bei uns spielen die Pfarrer auf dem Feld.

Für mich ist es zum Beispiel unerträglich und beschämend, wenn ein Pfarrer in Alten- und Pflegeheimen und zu Geburtstagen sehr, sehr viele Besuche macht. Dafür ist er schlicht zu teuer. Alten, teilweise dementen Menschen zuzuhören, ihnen die Hand zu halten, sie beim Spaziergang zu begleiten, das ist doch eine christliche Grundpflicht von uns allen. Sein Job ist: Die Menschen seiner Gemeinde zu ermutigen, die Alten und die Kranken zu besuchen, sie dabei zu begleiten und zu stärken.

Warum jammern wir, wenn wieder eine Pfarrstelle eingespart werden muss? Warum sagen wir nicht, dann übernehmen wir das eben selbst? Wir haben doch Menschen, die Andachten halten und predigen können. Pfarrer sollen sie begleiten und ermutigen. Hier müsste auch verantwortungsbewusste Dienstaufsicht und Erfolgskontrolle einsetzen.

Und woran wollen Sie den »Erfolg« von Gemeindearbeit messen?
Jost:
Ich habe doch als normales Mitglied meiner Kirchengemeinde im Grunde nur zwei Möglichkeiten, auf meinen Pfarrer und die Gemeinde zu reagieren: mit Zeit und/oder Geld. Mit Zeit, indem ich die Veranstaltungen besuche, indem ich Ehrenamtsarbeit leiste, je nach meinen Begabungen. Mit Geld, indem ich spende, je nach meinem Vermögen. Wenn der Gottesdienst- und Veranstaltungsbesuch konstant bei wenigen Personen ist, wenn Kollekten nur spärlich fließen und deutlich mehr Menschen aus der Gemeinde austreten als dazukommen, dann muss ich doch den Pfarrer auch mal fragen: Was können wir hier tun? Wie kann ich Ihnen helfen? Das nenne ich Dienstaufsicht. Nicht knallhart nach dem Motto »Zahlen nicht erreicht, Stelle weg«.

Aber wir müssen uns auch fragen: Sind die Boten eigentlich gut vorbereitet und ausgewählt für ihre Aufgabe, mit der zeitlosen Botschaft des Evangeliums die Seelen der Menschen zu erreichen, sie zum Schwingen zu bringen? Und ich wage die Behauptung, wenn uns das gelänge, hätten wir geringere finanziellen Sorgen und auch weniger Engpässe im Ehrenamt.

Sie sind nicht mehr im Gemeindekirchenrat tätig und werden in der nächsten Legislaturperiode auch der EKM-Synode nicht mehr zur Verfügung stehen. Sind Sie frustiert?
Jost:
Ich bin für die laufende Legislatur nicht mehr bei den Kirchenältestenwahlen angetreten. Nicht aus Enttäuschung, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen, sondern aus einer sehr nüchternen Bestandsaufnahme meiner kirchlichen Funktionärstätigkeit. Wenn ich mich engagiere, dann ist klar, ich stecke Energie in diese Aufgaben. Aber das ist nur nachhaltig möglich, wenn ich aus meiner Tätigkeit wiederum Kraft und Motivation schöpfe. Was ich gemacht habe, war viele Jahre lang eine energetische Quersubventionierung. Ich habe in meine Funktionärsarbeit viel Kraft reingesteckt, aber wenig Energie daraus gewinnen können. Und das ist ein ungesundes Verhältnis. Ich stehe meiner Gemeinde oder auch anderen Gemeinden gern im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter zur Verfügung, aber derzeit nicht mehr als gewählter Funktionär.

Was würden Sie denjenigen, die im kommenden Jahr die neue Synode bilden, mit auf den Weg geben?
Jost:
Ich würde allen, vor allem den Ehrenamtlichen, die so wie ich aus einer anderen Kultur, aus einem anderen Milieu kommen, sagen: Ordnet euch nicht ein, sondern tragt ganz selbstbewusst eure Lebensrealität, eure beruflichen Erfahrungen und eure Sozialisation in die Synode hinein. Die euch gewählt haben sind Kirche! Ihr seid Kirche!

Wenn der Pfarrer Urlaub hat

19. August 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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In Ifta halten Gemeindemitglieder Sommerandachten

Es ist Sommer in Mitteldeutschland. Auch am vergangenen Sonntagmorgen lädt das Wetter zu Ausflügen und Urlaub ein. Vielerorts bleiben die Kirchen vor allem in den Ferien leer oder Pfarrerinnen und Pfarrer sind in dieser Zeit besonders gestresst, weil sie Urlaubsvertretungen zu übernehmen haben. Anders sieht es im kleinen Ort Ifta (Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen) aus. Auch hier hat der Sommer die Reihen geleert, aber die Gemeinde trifft sich trotzdem. Und sie gestaltet ihren Gottesdienst unter dem Titel »Som­merandacht« selbst.

Lieselotte Fischer mit Hannelore Beer und Doris Zöllner bei der Vorbereitung der Sommerandacht (von links). Foto: Mirjam Petermann

Lieselotte Fischer mit Hannelore Beer und Doris Zöllner bei der Vorbereitung der Sommerandacht (von links). Foto: Mirjam Petermann

»Diese Regelung habe ich als Idee aus der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Barcelona mitgebracht«, erzählt der Iftaer Pfarrer Klaus Zebe. Die Sommerpause dort ist sehr lang. In dieser Zeit kommen meist Vertretungspfarrer aus Deutschland, die dann eine Andacht halten. Er selbst war dort ein halbes Jahr für ein Auslandsvikariat. »Ist aber gerade kein Pfarrer greifbar, gibt es auch dort in der Gemeinde einige, die eine kurze Andacht gestalten«, erzählt Zebe weiter.

Bereits vor drei Jahren schlug er die Idee der Sommerandachten vor. »Ich überlegte, was dazu nötig wäre, dass die Gemeinde sich das zutraut«, so der junge Pfarrer. Die Antwort darauf fand er einerseits in der klaren Begrenzung – sechs Wochen Sommerferien – und auch in der einfachen Form sowie im Material, das für jeden handhabbar ist: Er entwirft ein Andachtsheft mit Vorschlägen für alle wichtigen Grund­elemente des Gottesdienstes: Lieder, Psalm, Lesungen und ein kurzer geistlicher Impuls.

Und wie reagierte die Gemeinde darauf? »Es wird positiv angenommen«, resümiert Pfarrer Zebe, der bereits zwei Mal als Gast dabei war. »Es sind schöne Andachten, bei denen es Spaß macht, dabei zu sein.« Und auch Lieselotte Fischer, eine der Mitgestalterinnen der Sommerandachten und Mitglied des Gemeindekirchenrates, kann dem nur zustimmen: »Im Sommer werden es eben kaum mehr Besucher, selbst dann nicht, wenn der Pfarrer da ist.«

Kontakt und Austausch in den Sommermonaten

Schon in den vergangenen beiden Jahren hat Lieselotte Fischer bei den Andachten mitgewirkt. »Im ersten Jahr war das schon sehr ungewohnt. Da hatte ich vorn auch noch Herzklopfen. Inzwischen sind wir da schon geübter«, sagt sie lachend. Zwei Mal in sechs Wochen eine Andacht zu halten, darin sieht sie kein Problem.

»Es sind ja auch immer andere an der Reihe«, so die Kirchenälteste. Jeweils drei Gemeindemitglieder sind an einem Sonntag verantwortlich und teilen sich die Aufgaben untereinander auf. Die Andachten bieten der Gemeinde eine Gelegenheit, sich auch während des Sommers kontinuierlich zu treffen, im Kontakt und Austausch zu bleiben. »In den Sommermonaten sind wir bei uns in der Region sehr dünn besetzt«, erläutert Klaus Zebe. »Deshalb war es das Ziel, einerseits mir selber, aber auch den Pfarrkollegen durch diese einfache Form etwas Freiraum zu schaffen – für den eigenen Urlaub oder etwa während der Begleitung von Freizeiten.«

In Spichra, das zur Kirchengemeinde Ifta gehört, werden ebenfalls diese Sommerandachten gehalten. Ein weiterer Ort, Pferdsdorf, hat eine andre Lösung gefunden. Dort trifft sich die Gemeinde während der Sommerpause gelegentlich zu einem thematischen Nachmittag. »Die Gemeinde hatte von Anfang an gesagt, die Sommerandachten seien nichts für sie«, sagt Pfarrer Zebe. »Das muss ich aushalten, wenn sie darin nicht ihre Prioritäten sieht.«

In Ifta gestalteten am vergangenen Sonntag neben Lieselotte Fischer eine weitere Kirchen­älteste und eine Kindermitarbeiterin die Sommerandacht. Die Reihen waren lose besetzt, zu zwölft war man an diesem Morgen. Es wurde viel gesungen, begleitet von der Orgel. Gelegentlich gab es kurze Pausen und kleine Absprachen. Das störte niemanden und passte gut in die lockere und angenehme Form, fern von so mancher Gottesdienstroutine. Die Light-Variante sozusagen – passend zum Sommer.

Mirjam Petermann

»Ich möchte, dass die Leute sich wohlfühlen«

10. Juni 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Vorgestellt: Silke Annemüller, Gemeindekirchenratsmitglied in Stützerbach

Wenn Gottesdienst ist, bin ich in der Kirche.« Der Treffpunkt mit Silke Annemüller in Stützerbach wird also leicht zu finden sein. Doch sie schiebt gleich eine Erklärung nach: »Ich meine die Dreieinigkeitskirche auf der weim’schen Seite.« So eindeutig ist es also doch nicht.

Silke Annemüller wird sich im Herbst wieder zur Wahl für den ­Gemeinde­kirchenrat stellen. Foto: Thomas Schäfer

Silke Annemüller wird sich im Herbst wieder zur Wahl für den ­Gemeinde­kirchenrat stellen. Foto: Thomas Schäfer

Die kleine Gemeinde unterhalb des Rennsteiges war über Jahrhunderte geteilt. Das Amt Ilmenau stand unter weimarischer Herrschaft, während die andere Seite des Ortes jenseits des kleinen Bächleins Lengwitz nach wechselnden Zugehörigkeiten 1815 zu Preußen fiel und somit zur Kirchenprovinz Sachsen gehörte. Da Zuständigkeiten in deutschen Landen ernst genommen und konsequent zu Ende gedacht werden, gab es bald Kirche, Pfarrer und Schule doppelt – mit zum Teil grotesken Auswirkungen. Die Gründung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) brachte hier verwaltungstechnisch Klarheit, das Erbe aber verlangt von den 360 Gemeindegliedern in einem Ort von knapp 1700 Einwohnern einiges, zumal es nur für eine Kirche finanzielle Förderungen gibt.

Während die kleine Dreieinigkeitskirche seit fast 300 Jahren sich in den alten Ortskern einfügt, thront die 1901 errichtete Christuskirche mit dem ­Habitus einer Stadtkirche auf der anderen Talseite. Hier können gut 500 Menschen Platz nehmen. In ihr werden deshalb nur noch große ­Fest­gottesdienste zu besonderen Anlässen gefeiert. Zudem kann man sie genauso wie das benachbarte Pfarrhaus mit seinen Räumen zu Veranstaltungen mieten. Die regelmäßigen Gemeindegottesdienste finden »in der weim’schen« statt, deren 200 Plätze völlig ausreichen. Da sie am Friedhof liegt, werden weltliche Trauerfeiern im Gotteshaus zugelassen.

Bevor die ersten Besucher kommen, räumt Silke Annemüller einen Aufsteller heraus: Unter der Überschrift »Ihre Meinung ist uns wichtig« werden die Stützerbacher nach ihrer Wunsch-Gottesdienstzeit gefragt. »Wir feiern am 1. September den letzten Gottesdienst mit Pfarrer Michael Schwarzkopf. Er geht als Auslandspfarrer nach Sankt Petersburg, leider. Aber wir müssen vorwärts denken und uns auf eine Vakanzzeit im Kirchspiel einstellen, auch wenn die Stelle jetzt ausgeschrieben wird.« Warum in dieser Situation nicht mal Neues ausprobieren.

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Doch das ist nur eine von vielen Überlegungen. »Wir suchen nach Ansätzen, um auf die Menschen zuzugehen. In unserer Kirche dürfen Kinder beispielsweise mal herumlaufen und Zwischenfragen werden ernst genommen«, erklärt Silke Annemüller, die  sich mit Geschick und Hingabe auch dem Blumenschmuck widmet. »Ich möchte, dass die Leute reinkommen und sich wohlfühlen.«

Es gibt erste Erfolge. Der kirchgemeindliche Kinderkreis sei auf elf kleine Besucher gewachsen und die Grundschule stelle dafür sogar einen Raum zur Verfügung, wodurch sich Kinder aus Schmiedefeld und Frauenwald mit einbinden lassen, ohne dass sich für Eltern und Großeltern der organisatorische Aufwand erhöht. Es gibt einen Kirchenchor und einen Gospelchor. Nicht zu vergessen unser Frauenkreis, in dem sich regelmäßig etwa zwölf engagierte Frauen treffen.«

Silke Annemüller wird sich im Herbst wieder zur Wahl für den Gemeindekirchenrat stellen. Der 41-Jährigen macht das Engagement im Team wie auch das eigenverantwortliche Handeln Freude, trotz Umschulungsstress zur Bürokauffrau und anderen Belastungen.

Uta Schäfer

Die Kirche muss mehr strahlen

4. Juni 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Susanne Leschik lebt Glauben vor und kandidiert in Halberstadt

Susanne Leschik lebt mit ihrem Mann Holger im alten Pfarrhaus von St. Johannis in Halberstadt. Tagsüber findet man die promovierte Augenärztin in ihrer Praxis. Reichlich Arbeit eigentlich, doch sie engagiert sich auch in ihrer Kirche.

Die 44-Jährige kandidiert in der evangelischen Kirchgemeinde Halberstadt, zu der zu Jahresbeginn auch die Johannisgemeinde fusionierte, als Kirchenälteste. Es ist eine Premiere im doppelten Sinn: für sie als Gemeindeglied und für die zusammenwachsende Stadtgemeinde.

Susanne Leschik will im Gemeindekirchenrat in Halberstadt Verantwortung übernehmen. Foto: Ronald Göttel

Susanne Leschik will im Gemeindekirchenrat in Halberstadt Verantwortung übernehmen. Foto: Ronald Göttel

Die Ärztin ist tief in der Kirche verwurzelt. In Baden-Württemberg, wo sie aufwuchs, hat Kirche einen ganz anderen Boden. »35 Prozent sind evangelisch, genauso viel katholisch, über den Rest wird nicht geredet.« Sie kommt 2005 nach Halberstadt, wo im Papierladen vor lauter Jugendweihe-Karten kaum eine zur Konfirmation oder Kommunion zu finden ist. Susanne Leschik spürt, hier hat die Institution Kirche an Bedeutung verloren. »Die Menschen treiben archaische Fragen um: Wer und was bin ich? Hier in der Stadt existiert eine gefestigte Esoterik-Szene. Warum nutzen wir nicht unsere Kernkompetenz als Kirche und bieten jenen Antworten, die sich mit ihrem Suchen in einem luftleeren Raum stehen gelassen fühlen?«

Für sie als Christin sei es Berufung, Glaube vorzuleben, jeden Tag. »Die Kirche muss mehr strahlen, ohne in erster Linie zu missionieren. Präsent sein mit dem, was wir tun und dabei einen hohen Verhaltenscodex als ­Kirche vorleben.« Dass zur »Nominierung« der Kandidaten für die Ältestenwahlen nur rund 20 der 3500 Halberstädter Gemeindeglieder in die Winterkirche kamen, sieht sie als Symbol, dass eben noch nicht jeder bei diesem Strahlen-Lassen mit dabei ist.

Logo GKR-Wahl

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Die Christin Susanne Leschik empfindet es schon als einen wunderschönen Luxus, am Sonntag zwischen bis zu drei Gottesdiensten in der Stadt wählen zu können, dorthin zu gehen, wo der Predigende passt. Doch in ihren Überlegungen kreist auch die Frage, ob man sich das künftig leisten kann, wenn da und dort nur fünf oder zehn Besucher vor der Kanzel sitzen. »Ich mache es mir mit den Antworten nicht leicht. Darf man Kirchen als Bauwerk sterben lassen? Johannis nicht, das ist eine Perle, sage ich. Doch sagt das nicht jeder von seiner Kirche?«
Uwe Kraus