Gut gestimmte Freundschaft

25. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

Seit 25 Jahren bemühen sich ein Thüringer und ein Schwabe um Orgeln der Region Eisenach

Es ist ein kühler Tag, als Gerhard Schiek aus Stuttgart sich Ende März wieder einmal auf den Weg ins thüringische Thal, einem Ortsteil des Bergstädtchens Ruhla im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen, begibt. Hier wartet bereits sein Freund Al­brecht Hanemann auf ihn. Die beiden Männer verbindet eine Leidenschaft: Das Orgelspiel und die Sorge um den Erhalt der Instrumente.

Seit 25 Jahren nimmt sich der ehemalige Orgelbaumeister aus dem Schwabenland eine Woche frei, um vor allem in den Dorfkirchen im Eisenacher Raum, wo das Geld in den Gemeinden knapp ist, etwas zu tun, damit die Orgeln funktionieren. Sein Freund Albrecht Hanemann begeisterte ihn dafür. Dieser spielt seit 57 Jahren Orgel und unternahm große Anstrengungen, die Klosterkirche zu Thal, eines der ältesten Gotteshäuser in Thüringen, nebst der darin befindlichen Orgel zu erhalten.

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Alle 25 bis 30 Jahre sollte so ein Instrument gereinigt werden, heißt es unter den Fachleuten. Nun sei es wieder einmal an der Zeit, sind sich die beiden inzwischen 70 und 75 Jahre alten Herren einig. Ehe es die Gesundheit nicht mehr erlaube, wollten sie diesen Freundschaftsdienst noch einmal leisten und kehrten damit an den Ort zurück, an dem alles begann.

Albrecht Hanemann, gebürtiger Franke und Wahlthüringer, führte es kurz nach dem Mauerfall dienstlich ins Schwabenländle. Es war eine Dienstfahrt zu einer Firma, die Anlasser herstellte. In diesem Unternehmen traf er auf Gerhard Schiek, dessen damalige Ehefrau aus Halle/Saale kam und der sich deshalb für die aktuelle Situation »drüben« interessierte. Hanemann, der sich am Ende aufreibender und langjähriger Sanierungsarbeiten an der heimischen Klosterkirche befand, berichtete ihm, dass in Folge von massiven Wasserschäden auch die Orgel ausgebaut werden musste und es nun Schwierigkeiten gab, »sie wieder gangbar zu machen«.

Heute sehen es die beiden Männer fast schon als göttliche Fügung an, dass der engagierte Organist aus Thüringen ausgerechnet an diesem Tag mit einem gelernten Orgelbaumeister sprach. Gerhard Schiek arbeitete zwar in dieser Anlasser-Firma, hatte aber die Ausbildung eines Orgelbaumeisters genossen. Da viele Orgelbauunternehmen in seiner Gegend geschlossen wurden, musste er sich umorientieren. Aber die Liebe zur Arbeit war geblieben.

Ein Mann, ein Wort – der Stuttgarter reichte kurz darauf Urlaub ein und fuhr nach Thal. Dort wartete bereits Albrecht Hanemann mit zwei ABM-Kräften und Gemeindegliedern, die helfen wollten. Und so begann eine 25-jährige Männerfreundschaft. In den Jahren darauf kamen zehn weitere Orgeln im Altkreis Eisenach in den Genuss einer Reparatur, zuletzt in Deubach und Seebach. Natürlich sei man mit der uneigennützigen Absicht nicht bei jedem auf Sympathie gestoßen, warfen die Freizeit-Restauratoren ein. So mancher inzwischen aufstrebende Handwerksbetrieb fühlte sich übergangen. Aber die Missverständnisse habe man aufklären können. Denn die Kirchengemeinden, die ihre Hilfe in Anspruch nahmen, hätten sich nie eine Fachfirma leisten können und ihre Orgeln wären für immer verstummt.

Und nun habe man wohl auch genug getan.

Die Thaler Knauf–Orgel bekam jetzt noch einmal eine Generalüberholung, ehe sich ihre Pfleger zur Ruhe setzen. Mit einem Industriestaubsauger reinigten sie die Orgelpfeifen. Auch das Pedalwerk wurde neu justiert und die Orgel gestimmt. Schon nach ein paar Anschlägen konnten selbst ungeschulte Ohren den Unterschied vernehmen. Die Thaler Kirche, die – dank des unerschöpflichen Fleißes vieler freiwilliger Helfer – heute wieder ihren klösterlichen Charakter vorweist und verschiedene geschichtliche Epochen wiederspiegelt, ist auch wieder akustisch attraktiv. Ihre Orgel stammt übrigens aus dem Jahre 1884 und wurde von dem Großgesellen der Firma Knauf aus Tabarz mit solider Konstruktion gebaut.

Susanne Reinhardt