Versöhnungsdebatte geht weiter

30. Dezember 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Bischof warnt vor »billiger Versöhnung«

Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Die Debatte um den Umgang mit ehemaligen Stasi-Spitzeln und DDR-Funktionären geht weiter. Beim Adventsempfang der evangelischen Kirchen im Freistaat Thüringen warnte der Kasseler Bischof Martin Hein vor einer »billigen Versöhnung«. Versöhnungsarbeit sei nur dann möglich, wenn »Täter zu dem stehen, was sie getan haben«, erklärte der leitende Geistliche aus Kurhessen-Waldeck am 16. Dezember im Erfurter Augustinerkloster vor zahlreichen Vertretern aus Politik und Gesellschaft. Damit nahm Hein die Diskussion auf, die im November von der Magdeburger Landesbischöfin Ilse Junkermann angestoßen worden war.

Versöhnung setze Aufrichtigkeit voraus und dürfe die Frage nach Opfern und Tätern nicht ausblenden, so der Bischof der kurhessischen Kirche, zu deren Gebiet auch der Südthüringer Kirchenkreis Schmalkalden gehört. Solche Versöhnungsarbeit brauche mehr als eine Generation. Dafür seien keine Tribunale nötig, sondern geschützte Orte. »Unsere Kirchen sind bereit, solche Orte anzubieten«, fügte Hein hinzu.

Unterdessen hat sich auch die mitteldeutsche Bischöfin erneut in die Versöhnungsdiskussion eingeschaltet. Sie wolle auch weiterhin zur Aussöhnung mit den Opfern beitragen, sagte sie am 22. Dezember gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Die scharfe Kritik an ihrem Versöhnungsaufruf vor der Wittenberger Synode Mitte November habe sie allerdings sehr überrascht. Sie sehe es als Aufgabe ihrer Kirche an, eine Gesprächsatmosphäre zu schaffen, in der Opfer und Täter ihre individuellen Erfahrungen darlegen könnten, sagte die Bischöfin weiter. Tätern müsse die Chance eröffnet werden, ihre Schuld zu bekennen, ohne dass ihr ganzes Leben verurteilt werde.

Zur Reaktion auf ihren Vorschlag sagte Junkermann, ihr sei zwar klar gewesen, dass sie damit ein Tabu anspreche und Diskussionen auslöse. Solch heftige Reaktionen habe sie jedoch nicht erwartet. Von manchen Kritikern sei ihr Appell allerdings als Aufruf zur Verdrängung missverstanden worden, fügte sie hinzu. Die Reaktionen hätten aber auch ihre Vermutung bestätigt, dass eine Auseinandersetzung über die »ganze Breite von menschlichem Versagen«, die eine Diktatur hervorrufe, nötig sei.

Den Anstoß zu ihrer Erklärung vor der Synode habe die landeskirchliche Kampagne »Gesegnete Unruhe« zur friedlichen Revolution 1989 in der DDR gegeben. Hier sei das Thema zwar wiederholt erörtert worden, meist aber »nur vorsichtig am Rande«, sagte Junkermann. Die innerkirchlichen Reaktionen seien insgesamt »eher konstruktiv-kritisch« gewesen. Gemeindemitglieder hätten zum Beispiel in Briefen darauf hingewiesen, dass Versöhnung Buße und Umkehr voraussetze, aber dies habe sie auch in ihrem Vortrag vor der Synode geäußert. Die mitteldeutsche Kirche und sie selbst wollten die angestoßene Auseinandersetzung im Jahr 2010 verstärkt aufnehmen, sagte Junkermann weiter.

(mkz/epd)

Herbstlese

8. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Dora Horvath, sxc.hu

Foto: Dora Horvath, sxc.hu

Von Martin Hanusch

Langsam nähert sich der Gedenkmarathon zur friedlichen Revolution seinem Höhepunkt. In diesen Tagen gibt es hierzulande kaum einen Ort, an dem nicht an die dramatischen Ereignisse im Herbst 1989 erinnert wird. Plötzlich sind die Friedensgebete zwischen Rostock und Sonneberg wieder ganz nah. Dass dabei manches verklärt wird, ist nur allzu menschlich. In der Rückschau erscheint vieles in einem helleren Licht. Schon deshalb ist es gut, dass sich die mitteldeutsche Kirche mit ihrer Kampagne »Gesegnete Unruhe« am Blick zurück beteiligt, der freilich bewusst auch ein Blick nach vorn sein soll. Denn ein Selbstzweck ist das Erinnern nicht.

Was lässt sich nun, 20 Jahre nach der friedlichen Revolution, aus den damaligen Ereignissen lernen? Zum einen ist es ganz sicher die Tatsache, dass sich Mut und Zivilcourage lohnen. Bis heute profitieren wir in Ost und West davon, dass sich vor 20 Jahren Menschen mutig gegen ein Unrechtssystem gestellt haben. Diese Form des Einsatzes kann gar nicht hoch genug gewertet werden. Der Erfolg wird auch nicht dadurch geschmälert, dass es zunächst nur wenige waren, die gegen die Repressalien und die Unfreiheit aufgestanden sind und die Maueröffnung manchen Aufbruch schnell zunichte gemacht hat.

Engagierte Christen sowie kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können wiederum für sich reklamieren, den Prozess mit in Gang gesetzt zu haben. Auch gegen den Widerstand und manche Bedenken innerhalb der Kirchen haben sie dem Protest Raum gegeben und so für ein Klima gesorgt, das den Umbruch überhaupt erst möglich gemacht hat. Mit ihren Friedensgebeten und dem Ruf »Keine Gewalt« sind sie die Helden und ­Erfolgsgaranten des »Oktoberfrühlings« gewesen.

Das ist möglicherweise die wichtigste Lektion, die daraus folgt. Kirche erweist sich immer dann als besonders stark, wenn sie nahe bei den Menschen mit ihren Sorgen und Nöten ist. Darauf sollte sie sich auch heute wieder besinnen – ganz im Sinne des Herbstes ’89.

Wider die Resignation

2. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Im Oktober laden die Kirchen wieder zu Montagsgebeten ein

Kerzen und Gebete können die ­Gesellschaft verändern.	Foto: Maik Schuck

Kerzen und Gebete können die ­Gesellschaft verändern. Foto: Maik Schuck

Der Oktoberfrühling begann mit Gebeten. Nicht erst 1989 wurden Friedensgebete in den Kirchen aktuell. Doch die große Anziehungskraft entfalteten sie in den Wochen vor der Maueröffnung – im Oktober 1989.
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat ihre Gemeinden im Rahmen der Kampagne »Gesegnete Unruhe« aufgerufen, in ­diesem Herbst wieder zu Montags­gebeten in die Kirchen einzuladen. In vielen Gemeinden – von Stendal bis Schleusingen – finden sie ab dem 5. Oktober statt, in manchen auch über den Oktober hinaus. Der kleine Ort Seebach bei Eisenach öffnet zum Beispiel bis zum 18. November jeden Montag die Kirchentüren. Nach dem Gebet gebe es eine Zeit des »offenen Mikrofons«, erläutert Pfarrer Johannes Reinhardt. Auch resignierte Menschen müssten gehört werden. »Wir brauchen offene Gespräche« und in der Kirche könne jeder seine Freuden und Sorgen vor Gott bringen.

In Stendal bereiten Ehrenamtliche die Montagsgebete vor. Nach dem Friedensgebet wird es ein gemeinsames Essen geben und ein Gesprächsangebot. »Wir reden darüber, was ­Kirche damals wollte und was heute anliegt«, sagte Pfarrer Matthias Schröder von St. Petri der Kirchenzeitung. So gehe es zum Beispiel um die damalige ­Aktion »1 Mark für Espenhain«, aber auch um den Widerstand gegen ein Steinkohlekraftwerk in Arneburg. Die Gemeinden richten sich in der Regel nach dem Material, das von der EKM-Kampagne »Gesegnete Unruhe« erarbeitet wurde, und stellen ihre Gebete unter die vorgeschlagenen Themen. So geht es beim ersten Friedensgebet um die »Sehnsucht nach Mitbestimmung«. Weitere Themen sind Verteilungsgerechtigkeit, Friedensarbeit und Klimaveränderung.

»Vor 20 Jahren haben Menschen in den Kirchen Raum gefunden, ihren Unmut zu formulieren. Und sind von da aus auf die Straßen und Plätze gezogen. So wurde aus den Protesten eine friedliche Revolution der Kerzen und Gebete«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Die Montagsgebete sollen daran erinnern, »wie Glaube Veränderungen bewirken kann.« Um die Menschen auf die Veranstaltungsreihe aufmerksam zu machen, werden Ende dieser Woche in 18 Städten der EKM 230 Großplakate angebracht: zum Beispiel in Eilenburg oder Sangerhausen, in Altenburg oder Schleiz. Mit der Aktion will die EKM erneut Unruhe stiften und Mut machen wider die Resignation.

(mkz)

www.gesegnete-unruhe.de