Gott in allem, was wir sind und tun

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gott wohnt im Gehirn: Diese These vertreten manche Hirnforscher, doch kann man sie ganz unterschiedlich verstehen. Aus christlicher Perspektive ist man versucht zu sagen: Ja, da auch!

Der christliche Glaube versteht Gott als jemanden, der uns allen jederzeit gegenwärtig ist. Und so wie er in uns und in allen Dingen der Schöpfung gegenwärtig ist, so ist er es auch in unserem Gehirn.

Martin Luther hat deshalb behauptet, dass Gott nicht nur größer ist als alles, was überhaupt groß genannt zu werden verdient, von ihm gilt auch: »Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner …« Für Luther waren solche Überlegungen der Hinweis darauf, dass Gott nicht ein ausgestrecktes, langes, breites, dickes, hohes oder tiefes Wesen ist, sondern dass für ihn gilt, dass er auf wunderbare Weise allen und in allem ganz gegenwärtig sein kann. Im Gehirn eingesperrt ist er auf jeden Fall nicht.

Aber die These von Gott im Hirn ist ja meist so gemeint, dass Gott verstanden werden muss als Hirngespinst oder Kopfgeburt. Wann immer wir eine Hand oder einen Fuß bewegen, geschieht dies aufgrund von Gehirnvorgängen. Kann es nun nicht auch sein, dass unsere Gehirne überhaupt oder die Gehirne von religiösen Menschen im Besonderen so gebaut sind, dass sie religiöses Empfinden und damit dann auch Gottesvorstellungen hervorbringen? Immerhin hat man nachgewiesen, dass bei Menschen, die im Gebet oder in der Meditation versunken sind, bestimmte Bereiche im Stirnhirn, die mit Konzentration, Aufmerksamkeit und sozialem Empfinden zu tun haben, verstärkt aktiv sind. Andere Bereiche dagegen, die beim rationalen Denken, beim Sehen oder bei der Raum-, Zeit- und Köperwahrnehmung besonders beansprucht werden, zeigen eine reduzierte Aktivität.

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Was sagt das über damit verbundene Gottesvorstellungen? Zunächst einmal herzlich wenig. Denn das dürfte schon seit Langem klar sein, dass alles, was wir wahrnehmen, empfinden und denken, auf Vorgängen im Gehirn beruht und deshalb auch einen Niederschlag in diesen Vorgängen findet. Auch Religion und Spiritualität spiegeln sich in den Untersuchungen der Hirnforscher, ebenso wie Kunst, Musik, Gefühle, aber auch die Prozesse, die die Hirnforschung selbst möglich machen.

Aufregender wird der Befund durch die Behauptung einiger Forscher, man habe Gehirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Ein Forscher hat gar vom »Gottesmodul« gesprochen und ein wenig selbstironisch darüber spekuliert, ob eine operative Entfernung von Teilen des Schläfenlappens einer Entfernung des Gottesglaubens aus dem Denken dieser Person gleichkäme. Gott selbst wäre dann nichts anderes als das Produkt des Gehirns.

Da es Religion mit etwas zu tun hat, was wir mit unseren Sinnen in der Erfahrungswirklichkeit nicht direkt wahrnehmen können, liegt die These nahe, dass die Vorstellungen, die Begriffe und Bilder der Religionen, wie Wunder, Seele, Geist, ein Leben nach dem Tod oder eben die Vorstellung eines Gottes, nichts anderes sind als Gedanken. Und ihre Überzeugungskraft würden diese Gedanken dadurch erhalten, dass sie durch die Strukturen unseres Gehirns wie von selbst entstehen und sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft aufdrängen, ohne dass es etwas Entsprechendes in der Wirklichkeit gibt. Durch die in unserem Gehirn gelegten neuronalen Pfade bringt unser Denken Gott hervor.

Doch das alles ist durch Experimente schwer zu belegen. Im Jahr 2004 hatte ein »Manifest« von elf deutschen Hirnforschern noch behauptet, man werde bald allen menschlichen Empfindungen auf ihre neuronale Spur kommen und sie mit Hilfe der Hirnforschung erklären können. Und das würde dann auch ihre Manipulation durch Psychopharmaka oder gar operative Eingriffe möglich machen. Religion oder Religionslosigkeit auf Rezept, gewissermaßen. Doch inzwischen ist deutlich geworden, dass Gefühle überhaupt und religiöse Erfahrungen oder gar Glaubensvorstellungen viel zu komplex sind und zum Beispiel auch von sprachlichen, kulturellen, körperlichen und je individuellen Prägungen abhängen, als dass man sie auf die Aktivität von Gehirnarealen reduzieren und sie einfach an- oder abschalten könnte.

Man kann sich das auch an anderen Phänomenen klarmachen. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen empfinden, werden bestimmte Areale in unserem Gehirn besonders aktiv. Wir können auch die diese Aktivität auslösenden Nervenleitungen feststellen. Wir haben dann ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen, von denen wir sagen, dass sie das Schmerzempfinden auslösen. Das alles macht aber den Schmerz in seiner Schmerzhaftigkeit nicht erträglicher. Erklärter Schmerz hört nicht auf, wehzutun und uns in unserem Leben zu beeinträchtigen. Der Schmerz verlangt nach einem Verstehen, das über das Erklären hinausgeht. Wir müssen ihm eine Deutung, einen Sinn geben. Aber niemand kann garantieren, dass die Deutung sich für jemanden konkret bewährt. Oft ist fraglich, ob der Sinn, den wir dem Schmerz geben, dem konkreten Schmerz standhält.

Ähnlich verhält es sich mit der Freude, der Liebe, der Gelassenheit. Der Sinn, den wir unseren Erfahrungen oft erst nachträglich geben können, liegt nicht in den Erfahrungen, er liegt jenseits von ihnen. So ähnlich scheint es mir mit »religiösen« Erfahrungen zu sein. Sie sind mit bestimmten Gehirnvorgängen verbunden. Aber dass wir sie als etwas verstehen, in dem uns Gott begegnet oder sich uns der Sinn unserer Existenz erschließt, ein bestimmter Schmerz für uns erträglich wird, wir uns unserer Schuld schmerzhaft bewusst werden oder gelassen mit uns ins Reine kommen, ist etwas, das jenseits dieser Erfahrungen liegt.

Nichts ist von sich aus eine Erfahrung Gottes, aber alles kann zur Got­teserfahrung werden. Denn Gott ist nicht eine Erfahrung unter anderen, Gott ist der Grund und das Ziel aller Wirklichkeit. Dass uns das aufgeht, dass wir uns als getragen und herausgefordert sehen durch den alles tragenden Grund der Wirklichkeit, ist ein Hinweis auf Gott selbst, der größer ist als alles, was uns groß erscheint, und der kleiner ist als alles, was unbedeutend scheint, der uns vielmehr näherkommt, als wir uns selbst nahekommen können, weil er auch das noch in unserem Leben zurechtbringt, bei dem wir versagen: bei unserer Lieblosigkeit uns und anderen gegenüber. Dann »wohnt« Gott nicht nur im Gehirn, sondern in allem, was wir sind und tun.

Dirk Evers

Mehr Hinweise dafür als dagegen

Wissenschaft und Glaube: Ein Physiker auf der Suche nach Gott

Albrecht Kellner wurde 1945 in Namibia geboren und studierte in Göttingen und Kalifornien Physik. Er promovierte über Einsteins Relativitätstheorie und war zuletzt stellvertretender Technischer Direktor der europäischen Raumfahrtfirma Astrium, einer EADS-Tochter. Über das schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube sprach er mit Katja Schmidtke.

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Herr Kellner, Sie sind Physiker und Christ. Was war zuerst in Ihnen, die Suche nach den Naturgesetzen oder die nach Gott?
Kellner:
Eigentlich beides. Ich bin christlich erzogen worden, evangelisch getauft, konfirmiert, aber meine persönliche Beziehung zu Gott habe ich erst viel später, mit 25 Jahren, gefunden. Als ich begann, Physik zu studieren, war ich neugierig auf ihre Gesetze, weil ich glaubte, in ihnen die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Ich wollte, um es mit Faust zu sagen, wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber ich merkte schnell: Darauf geben die Naturwissenschaften keine Antwort. Sie entdecken und beschreiben Gesetze, aber nicht, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist.

Es ist nicht möglich, Gott durch die Naturgesetze auf die Spur zu kommen?
Kellner:
Sie kennen das Heisenberg-Zitat: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Tatsächlich herrschte ja bis zur modernen Physik, also bis zu Schrödinger, Einstein, Planck und Heisenberg eine große Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Dann wandelte sich das Bild. Die Physik entdeckte, erforschte und beschrieb Gesetzmäßigkeiten, die biblischen Aussagen nicht fremd sind.

An was denken Sie konkret?
Kellner:
Bis zu Einstein ging die Wissenschaft beispielsweise davon aus, das Universum sei schon immer da gewesen, es habe keinen Anfang und kein Ende, und weil es keinen Anfang habe, hat es auch keinen Urheber. Aber die Urknall-Theorie besagt, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, dass es vorher weder Materie noch Raum oder Zeit gab – und das finden wir auch in der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte natürlich: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Oder im Hebräer-Brief: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.« Der Urknall ist ein Schöpfungsakt par excellence. Oder die Biologie: Bis vor etwa 150 Jahren war es für Wissenschaftler unvorstellbar, dass die Erde einmal wüst und leer war, so wüst und leer wie im 1. Buch Mose beschrieben und dass sich das Leben dann schrittweise entwickelt hat. Heute gehört das zum Allgemeinwissen.

Das allein ist kein Gottesbeweis.
Kellner:
Das stimmt. Wir können Gott nicht beweisen, zumindest nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten, und wir sollten biblische Aussagen auch nicht auf die naturwissenschaftliche Goldwaage legen. Aber für mich ist nicht zu leugnen, dass hinter all unseren Lebensbedingungen, der Art, wie unser Weltall und die Erde gemacht sind, hinter all den Naturgesetzen eine immense Intelligenz steckt.

Sie sind ein Vertreter des Intelligent Designs?
Kellner:
Ich bin kein Verfechter eines engen Kreationismus, nein. Ich möchte durch meine Vortragsarbeit für die Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte (IVCG) Vorurteile abbauen, dass Naturwissenschaft und Glauben dissonant sind, ich möchte darauf hinweisen, dass die moderne Physik zu Erkenntnissen gekommen ist, die mit biblischen Aussagen zumindest konvergent sind; auch wenn beispielsweise die Frage der zeitlichen Dimension noch offen ist. Die Naturgesetze liefern jedenfalls aus meiner Sicht mehr Hinweise für die Existenz eines Schöpfers als dagegen. Aber natürlich kann man Menschen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu bringen, zu glauben. Nur das Evangelium führt zur Erfahrung des Sinns des Lebens.

www.ivcg.org

Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

Dein Glaube hat dir geholfen

12. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Hauptsache Gesundheit: Warum der Glaube in Krankheit helfen kann, aber nicht zwingend gesund machen muss

Lebt ein gläubiger Mensch gesünder? Der Glaube kann bekanntlich Berge versetzen. Welche Auswirkungen hat er auf unser Wohlbefinden? Nach den Berichten im Neuen Testament war der Glaube stets Grundvoraussetzung für eine Heilung.

Gesundheit steht an erster Stelle, wenn Zeitgenossen nach ihren vordringlichsten Lebenswünschen gefragt werden. Gesundheit hat damit eine beinahe religiöse Überhöhung erfahren. Natürlich, fast alle möchten gesund sein und möglichst lange leben. Dass die Menschheit immer dicker wird und dies nicht gerade gesundheitszuträglich ist, weiß inzwischen beinahe jeder, nur ändert sich daran bisher nichts, im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Da kommt unversehens der religiöse Glaube ins Spiel mit der Behauptung, dass gläubige Menschen gesünder seien und demzufolge länger lebten als die anderen. Ist da etwas dran? Ist etwa unsere weithin säkulare Gesellschaft daran schuld, dass die beständig gewachsene Lebenserwartung wieder zu kippen droht?

Montage: mkz; Fotos: Syda Productions; artikularis – Fotolia.com

Montage: mkz; Fotos: Syda Productions; artikularis – Fotolia.com

Der Wiener Neurowissenschaftler und Psychiater, Raphael Bonelli, beruft sich auf naturwissenschaftliche Studien, wenn er sagt, dass »Religiosität dem Menschen guttut: Sie bewahrt in der Regel vor Suchterkrankungen, depressiven Erkrankungen und der Neigung zum Selbstmord. Und sie hilft auch, aus diesen Erkrankungen wieder hinaus zu kommen.« Wenn das so stimmen sollte, wäre schon eine ganze Palette an Gesundheitsstörungen erfasst, bei denen der religiöse Glaube vorbeugend wie auch heilend wirksam sein könnte. Anselm Grün, der vielschreibende Benediktinermönch aus Münsterschwarzach, geht weiter. Für ihn ist Gesundheit ganz allgemein auch eine geistliche Aufgabe, die den ganzen Menschen mit Leib und Seele in den Blick nimmt. In seiner Schrift »Gesundheit als geistliche Aufgabe« ist zu lesen: »Nur wenn wir uns mit Leib und Seele Gott hinhalten, kann sein Licht in alle Dunkelheiten und Verhärtungen unseres Leibes und unserer Seele eindringen und den ganzen Menschen heilen.« Gemeint ist Heilung nicht unbedingt im medizinischen Sinn, dass nämlich eine Krankheit durch eine bestimmte Lebensführung oder Verhaltensänderung verschwinden würde. Ich erinnere mich an eine schwerstbehinderte Frau, die freudestrahlend von sich behauptete: »Gott hat mich geheilt!« An ihrer Behinderung aber hatte sich überhaupt nichts geändert. Und doch wirkte sie äußerst zufrieden, geradezu glücklich. Bei einer statistischen Erfassung der Zusammenhänge von Glaube und Gesundheit hätte es bei ihr vermutlich geheißen: Fehlanzeige.

Unter anderem das macht für mich die Ergebnisse von Studien zu Glaube und Gesundheit fragwürdig. Zu vermuten ist allenfalls eine indirekte Wirkung auf die Gesundheit gläubiger Menschen, weil sie möglicherweise maßvoller und in stabileren Verhältnissen leben als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Wozu aber ist es überhaupt nützlich zu wissen, ob der Glaube zu mehr Gesundheit und Lebensverlängerung führt? Denn Bekehrungen im Blick auf dieses Ziel sind ja nicht zu er-
warten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert »Gesundheit als Zustand des vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen«.

Mir genügt es zu wissen, dass ich nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand, das ist entlastend und wirkt sich unmittelbar positiv auf das Befinden aus. So gesehen sind Menschen, die diese Zusage gläubig annehmen, im Schnitt wahrscheinlich zufriedener, vielleicht auch gesünder als ohne einen solchen Glauben.

Inge Linck

Die Autorin ist promovierte Ärztin.

Ich bin für Sie da!

12. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Glaube und Gesundheit: Wie kirchliche Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen begleiten

Klinikseelsorger begegnen Menschen meist in Krisen­situationen und begleiten sie aus ihrem Glauben und dem damit verbundenen Menschenbild heraus.

Es gebe mitunter die Situation, dass ein Patient erschrecke, wenn er zu ihm ins Zimmer kommt, erzählt Pfarrer Ulrich Paulsen, Krankenhausseelsorger am Johanniter-Krankenhaus Stendal: »Der Pfarrer kommt zu mir, steht es etwa so schlecht um mich?« Dann rücke er das zurecht und erkläre, dass er von einem Krankenzimmer zum nächsten gehe und zu Patienten komme – unabhängig davon, ob es einen konkreten Anlass gibt.

Bei seinem Gang über die Stationen bleibt er spätestens im dritten oder vierten Zimmer »hängen«, weil sein seelsorgerisches Angebot dort gern angenommen wird. Zum einen gibt es die Menschen, die sich durch seinen Besuch in ihrem Glauben und in ihrer Kirchenmitgliedschaft bestärkt sehen: »Gut, dass mich die Kirche auch hier begleitet«, hört er dann. Aber bei ungefähr 80 Prozent seiner Besuche erreicht er Menschen, die mit Kirche oder Glaube nicht vertraut sind: »Ihnen erkläre ich dann, dass ich in einem kirchlichen Krankenhaus ein Ohr für sie habe und für sie da bin.« Dadurch begegnet Ulrich Paulsen Menschen, die außerhalb der Klinik vielleicht nie Kontakt zur Kirche suchen würden, aber dankbar für dieses Angebot sind.

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Krankenhausseelsorger tragen in ihrer Haltung etwas weiter von dem Gott, der mitgeht, mitleidet, der liebt und lebendig macht. Wer sich auf ein Gespräch mit einem Seelsorger einlasse, werde »bewusst oder unbewusst etwas von diesem mitgehenden Gott erahnen, vielleicht auch erhoffen und erwarten« – so fasst Kirchenrätin Ulrike Spengler, Referentin Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, die Chancen der Krankenhausseelsorge zusammen. Krankenhausseelsorge gehöre deshalb auch mit zum Kernauftrag der Kirche.

Das Angebot wird geschätzt: So hat die ablehnende Haltung von kirchenfernen Menschen auf das Seelsorgeangebot, laut Pfarrer Paulsen, deutlich abgenommen. Noch vor 15 Jahren habe er teilweise heftige Reaktionen zu spüren bekommen (»Kirche ist sowieso überholt, da will ich nichts von wissen, brauche ich nicht«). Das hat sich gewandelt. Kirche an sich werde in der Klinik von den Patienten mehr akzeptiert. Er führt das darauf zurück, dass es eine Reihe diakonischer Tätigkeiten gibt, die in der Bevölkerung wahrgenommen und gutgeheißen werden. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, denn immer seltener gibt es im Krankenhausalltag Zeit für Gespräche mit Patienten.

Kein Tag ist planbar. Zum einen gibt es für die Klinikseelsorger die »ad hoc«-Situationen, in denen sie sich zum Beispiel nach einem schweren Unfall in der Notfallaufnahme seelsorgerisch um den Verunglückten und die Angehörigen kümmern. Zum anderen sind sie echte Seelentröster, wenn als Kehrseite des »mündigen Patienten« dieser schonungslos mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird; oft ohne Zeit, diese mit dem Arzt eingehend zu besprechen. In solchen Situationen, in denen einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist Ulrich Paulsen da: »Das ist auch die Chance der Klinikseelsorge, weil wir die Abläufe im Krankenhaus einschätzen und Brücken zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten bauen und ein weiteres Gespräch vermitteln können.«

Der Glaube stehe nicht immer im Vordergrund. »Da, wo ich es mit Menschen zu tun habe, die mir signalisieren, dass sie es nicht so mit Kirche und Glaube haben, da bin ich einfach der, der mit aushält, was im Moment gerade schwer ist. Ich biete aber auch an, dass wir am Ende des Gesprächs zusammen beten oder ich sie in meine Fürbitte aufnehme – das ist eine Variante, die auch Menschen dankbar annehmen, die es nicht gewohnt sind
zu beten.«

Adrienne Uebbing

Krankenhausseelsorge
In der EKM gibt es derzeit etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagoginnen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind. Ein Drittel von ihnen sind Männer und zwei Drittel Frauen. Die meisten arbeiten in Teilzeitanstellungen, einige kombiniert mit ihrem Dienst im Gemeindepfarramt.


Glaube konkret werden lassen

16. August 2015 von redaktionguh  
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Allianzkonferenz: Vom 5. bis 9. August trafen sich rund 2 400 Christen im thüringischen Bad Blankenburg

Am vergangenen Sonntag ging die inzwischen 120. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg zu Ende. Besonders im Fokus des Jahrestreffens der evangelikalen Bewegung standen aktuelle Themen wie die Flüchtlingspolitik.

Schwingende Hüften zu sanften Südseeklängen, Trommelrhythmen und bunte Kostüme: Hawaiianische Tänzer und Musiker begeistern bei tropischen Temperaturen ihr Publikum, aus dem keiner lange stillstehen kann. Was sich nach einem Urlaubsbericht anhört, ereignete sich am vergangenen Sonnabend auf dem Marktplatz im thüringischen Bad Blankenburg. Im Rahmen der 120. Allianzkonferenz feierten dort mehr als 400 Menschen aus über 15 Ländern ein Fest der Nationen. Gemeinsam setzten sie damit ein Zeichen für das Miteinander aller Menschen.

Bunt war das Fest der Nationen in Bad Blankenburg mit Gruppen aus Samoa, Neuseeland, Schweden, Kenia, Kanada, Hawaii, Amerika, Albanien, Polen, Ghana und Russland. Tänzer der Gruppe »Island Breeze« verbreiteten bei Sonnenschein Südseeflair. Foto: Harald Krille

Bunt war das Fest der Nationen in Bad Blankenburg mit Gruppen aus Samoa, Neuseeland, Schweden, Kenia, Kanada, Hawaii, Amerika, Albanien, Polen, Ghana und Russland. Tänzer der Gruppe »Island Breeze« verbreiteten bei Sonnenschein Südseeflair. Foto: Harald Krille

»Argument: Liebe« hieß das Thema der diesjährigen Jahreskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz, die rund 2 400 Besucher und 400 Tagesgäste zählte. Über 180 Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene wurden auf dem Gelände des Allianzhauses und verschiedenen Einrichtungen der Stadt Bad Blankenburg angeboten. Im Mittelpunkt der Gottesdienste und Andachten standen Bibeltexte des 1. Korintherbriefs. Um Themen, die in Kirche und Gesellschaft aktuell sind, ging es in Seminaren und Brennpunkten. Ein Fokus lag deshalb auch auf der Flüchtlingspolitik und dem Umgang mit den Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen.

Ein Team um Pfarrerin Monika Deitenbeck-Goseberg aus der Kirchengemeinde Oberrahmede berichtete von ihren praktischen Erfahrungen im Umgang mit Flüchtlingen in Lüdenscheid. Über ihre Begegnungen mit Muslimen in Deutschland und Israel erzählte die Islamwissenschaftlerin und Journalistin Mirjam Holmer. Die 31-Jährige arbeitet und lebt überwiegend in Jerusalem. »Muslime wissen über den Koran gar nicht so gut Bescheid, wie viele Christen oft meinen«, sagte sie in ihrem Seminar und ermutigte die Zuhörer, genau da anzusetzen. »Wir können Muslime mit Fragen konfrontieren, die sie selbst nicht stellen dürfen.«

Mirjam Holmer referierte über die Person des Propheten Mohammad, die Sprachgeschichte des Wortes »Islam« sowie über konkrete Inhalte des Korans. Holmers Intention dabei: Für den Dialog ist fundiertes Wissen über die andere Religion notwendig. Während ihres Studiums der Islamwissenschaften in Deutschland und dem Nahen Osten suchte Mirjam Holmer gezielt den Kontakt mit Muslimen. Um über den Islam zu lernen, »wollte ich mich ganz auf die Menschen und ihre Geschichten einlassen«, sagte sie.

Sie hat zugehört, Fragen gestellt und ihren christlichen Glauben gelebt. Nicht sofort, aber irgendwann ergaben sich Situationen, in denen sie von ihrem Glauben erzählen konnte. Ihren Zuhörern riet sie, dass der christliche Glaube für Muslime vor allem im konkreten Zusammenleben erfahrbar werde, etwa durch Einladungen zum Essen oder Hausaufgabenhilfe.

Die politische Sicht auf die Flüchtlingsthematik stellte der Bundestags­abgeordnete Volkmar Klein (CDU) dar. Die Politik stehe ratlos vor einem umfassenden Problem, das nicht sofort zu klären sei, sagte er. »Einen Königsweg haben wir noch nicht gefunden.«

Neben klaren Worten, dass Menschen aus sicheren Herkunftsländern ohne unnötige Verzögerungen zurück müssten, zeigte Volkmar Klein in erster Linie Verständnis: »Wenn ich in den afrikanischen Ländern oder dem Balkan eine Familie ernähren müsste, würde ich auch Chancen in Europa suchen.« Das Asylrecht müsse aber denjenigen vorbehalten sein, die verfolgt würden. Durch Entwicklungshilfe will Klein im Balkan und Teilen Afrikas deshalb die Lebensumstände verbessern. Denn: »Ohne Jobs werden die Menschen nicht in ihrer Heimat bleiben.«

Mirjam Petermann

Ein Erbe, das Christen verbindet

8. August 2015 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat.

Psalm 33, Vers 12

Wenn es ums Erben geht, denke ich entweder an viele Güter oder an hohe Schulden. Manche Geschichten von Menschen, besonders Erbstreitigkeiten, können breit ausgewalzt werden. Normalerweise wird schon vor dem Tod klug geordnet, damit die Nachkommen geklärte Verhältnisse übernehmen können. Doch dieses Glück haben leider nicht alle.

Schon bevor wir geboren wurden, hat Gott die Verhältnisse bereitet, in die wir hineinkommen. Wir bekommen Anteil an seiner Schöpfung, am Menschengeschlecht, an der Kirche, an seiner Gegenwart. Im Glauben treten wir das göttliche Erbe an, indem wir die Welt gestalten, Leben erhalten, Glauben bewahren und schließlich das ewige Leben ererben. Kurz: indem wir Kirche sind.

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Auch wenn dieses Erbe von jedem Einzelnen angetreten wird, so stehen wir trotzdem mit vielen zusammen. Wir sind sogar nicht nur in der Gemeinschaft derer, die im Moment mit uns Kirche sind. Vor uns haben Menschen schon Glauben gelebt, und auch nach uns werden Menschen im Glauben an Jesus Christus leben. Die Rede vom »Volk« ist etwas schwierig – denn es geht nicht um Nationalitäten. Auch wenn ein Volk oder die Kirche mehr ist als die Summe ihrer Einzelnen – so besteht es doch aus Einzelnen.

Das Volk, dessen Gott der Herr ist, ist ein Volk von Erben. Das Volk Gottes besteht aus denen, die Gottes Erbe antreten. Auf diese Weise wird das Volk, dessen Gott der Herr ist, auf nur eines begrenzt: auf den Glauben an Gott den Herrn. Der Glaube verbindet Menschen aller Generationen und unabhängig von ihrer Herkunft.

Mir wird das immer dann deutlich, wenn ich bei Reisen ins Ausland oder auch hier auf mir fremde Menschen stoße. Stellen wir fest, dass wir Christen sind, ergibt sich meist ein Gespräch über den Glauben und was wir damit erlebt haben. Es ist beglückend, dass Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen so glauben wie wir hier.

Dann spüre ich: »Wohl dem, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat.«

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Glaube, Politik und Begegnung

1. Juni 2015 von redaktionguh  
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Kirchentag: Protestanten und Gäste begegnen sich vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart

Zum 35. Mal lockt ab kommendem Mittwoch der Deutsche Evangelische Kirchentag. Diesmal in die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart.

Das Motto des größten Protestantentreffens passt: »Damit wir klug werden.« Gelten doch die Schwaben seit jeher als kluge, blitzgescheite Tüftler. Und schien noch im Laufe der 1990er Jahre der Kirchentag eine Art Auslaufmodell zu sein, so hat er, allen Unkenrufen zuwider, im vergangenen Jahrzehnt zu alter Beliebtheit zurückgefunden. Auch in der Neckarstadt werden wieder 100 000 Teilnehmer und Mitarbeiter erwartet.

Im Brennpunkt stehen kirchentagsüblich die großen Themen der Zeit: Da ist das Thema Entwicklungspolitik, zu dem unter anderen der indische Kinderrechtler und Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi und der Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan erwartet werden. Da wird das Thema Flüchtlinge und Asylpolitik eine große Rolle spielen. Und das Thema Krieg und Frieden, wozu 38 Friedensorganisationen und kirchliche Institutionen neben dem offiziellen Kirchentagsprogramm das »Zentrum Frieden« ins Leben gerufen haben. Es will angesichts der Diskussion um Deutschlands Verantwortung in der Welt »die Stimme des Pazifismus« auf dem Kirchentag zum Klingen bringen. Eine Menschenkette soll dabei am 6. Juni »ein deutliches Zeichen gegen Krieg, Atomwaffen und Kampfdrohnen« setzen. Zudem hat angesichts der Spannungen zwischen der Nato und Russland ein Initiativkreis eine neue Ostdenkschrift angekündigt. Zu den Initiatoren gehören der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Konrad Raiser, und der frühere Erfurter Propst Heino Falcke.

Mehr als 2 500 Veranstaltungen enthält das offizielle Programm des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild/Gerhard Bäuerle

Mehr als 2 500 Veranstaltungen enthält das offizielle Programm des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild/Gerhard Bäuerle

Und was wäre ein Kirchentag ohne handfesten Streit? Diesmal geht es, wie schon in den vergangenen Jahren im Hintergrund, um die Teilnahme von messianischen Juden am Kirchentag. Also von Juden, die Jesus von Nazareth als ihren Messias erkannt haben, sich aber nicht als »Heidenchristen«, sondern weiterhin als Teil des Judentums sehen. Die wachsende und stark missionarisch orientierte Gruppe sitzt seit Jahren zwischen allen Stühlen. Denn nicht nur vom offiziellen Judentum werden sie vehement abgelehnt, von dessen Seite dabei gar das böse Wort von der »Fortsetzung des Holocausts mit anderen Mitteln« zu hören ist. Sie sind auch den meisten evangelischen Landeskirchen und dem Kirchentag ein Dorn im Auge, da man sich dort dem christlich-jüdischen Dialog verpflichtet weiß. Erst 2014 bekräftigte das Kirchentagspräsidium seinen Glauben »an Gott als den Gott Israels in seiner bleibenden Verbundenheit mit dem Volk Israel«. Weshalb man Judenmission in jeder Form ablehne und solchen Gruppen keinen Platz einräumen werde.

Angesichts solch verhärteter Fronten überrascht zumindest, dass mit dem britischen Theologen Richard Harvey erstmals ein Vertreter der jüdisch-messianischen Bewegung bei einem Kirchentagspodium dabei ist. Er wird mit der ehemaligen EKD-Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx und dem jüdischen Erziehungswissenschaftler und Publizisten Micha Brumlik diskutieren. Und noch ein Novum gibt es in Stuttgart, das zugleich Zentrum des süddeutschen Pietismus ist: Der evangelikale »Christustag«, 1956 als eine Art pietistischer Gegenveranstaltung ins Leben gerufen, ist in diesem Jahr in das Programm des Kirchentages integriert. Dort wird mit Anatoli Uschomirski ebenfalls ein süddeutscher Leiter einer jüdisch-messianischen Gemeinde am offiziellen Programm beteiligt sein. Es scheint, dass das Gespräch zur Klärung des gegenseitigen Verhältnisses beginnt.

Doch jenseits von allem Streit um Theologie, Weltpolitik und Weltwirtschaft wird auch die 35. Auflage des Kirchentages vor allem ein fröhliches Glaubensfest werden. Mit täglichen Bibelarbeiten, mit einem hochkarätigen Kulturprogramm, mit Posaunenchören, mit Tanz und Gebet. Und mit vielen Begegnungsmöglichkeiten.

Zum Beispiel auf dem Markt der Möglichkeiten, auf dem die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die Evangelische Landeskirche Anhalts sowie die katholischen Bistümer Erfurt und Magdeburg mit ihrem bewährten Zentrum »Ökumene in der Mitte« vertreten sind. Die ökumenische Präsentation hat in diesem Jahr eine neue Qualität erreicht. Unter dem Motto »Wir reformieren gerade« machen die beteiligten Partner deutlich, dass sich die Kirche wandeln muss, weil sich die Welt verändert.

Harald Krille

Aus dem Glauben Hoffnung schöpfen

9. Mai 2014 von redaktionguh  
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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Für Christen ist dieser Wochenspruch ein einleuchtender Satz: Durch die Taufe sind wir »in Christus«. Aber im Alltag ist den Getauften der Gedanke, »in Christus« zu sein, häufig nicht mehr so gegenwärtig. Das aber ist unser Auftrag als Christen: uns täglich neu auf die Taufe zu besinnen und dies in unserem Alltag sichtbar werden zu lassen.

Der Apostel Paulus ermutigt uns auch im weiteren Verlauf des Korintherbriefes: »Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.« Wer mit Christus verbunden ist, erfährt, wozu er bestimmt ist: nicht zur Traurigkeit, sondern zur Freude; nicht zum Tod, sondern zum Leben.

Antje Tillmann (CDU), Bundestagsabgeordnete

Antje Tillmann (CDU), Bundestagsabgeordnete

In diesem Sinne wünsche ich uns Mut und Bereitschaft, »in Christus« zu sein, und habe die Gewissheit, dass diese Liebe und Freude uns und unser Tun prägt. Aufgabe christlicher Politik ist es, das Leben als Geschenk Gottes in den Vordergrund zu stellen. Bei vielen schwerwiegenden Entscheidungen gilt es abzuwägen zwischen verschiedenen Werten im menschlichen Zusammensein. Gelingt es zum Beispiel Eltern voraussichtlich behinderter Kinder die Kraft zu geben, sich trotzdem auf ein Leben mit Kind zu freuen, oder eröffnet man den vermeintlich leichten Weg, nicht perfektes Leben gar nicht erst zuzulassen? Lehnen wir aktive Sterbehilfe strikt ab oder gibt es Fälle, in denen auch unser christlicher Glaube das selbstbestimmte Sterben für einen Ausweg hält? Fest steht, dass Menschen im Sterben nicht alleine sein dürfen und Politik alles dafür tun muss, Angehörige und Pflegekräfte bei der Begleitung zu stärken. Aus meinem Glauben ziehe ich die Hoffnung, nach Abwägung aller Argumente eine gute Entscheidung treffen zu können.

Lassen Sie sich heute, am Sonntag Jubilate, und immer wieder anstecken von dieser Hoffnung und Begeisterung für das Leben und für Gott.

Antje Tillmann (CDU), Bundestagsabgeordnete

Das Ende des Dauerlaufs im Hamsterrad

29. Juni 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben; und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Epheser 2, Vers 8

Ist wirklich jeder seines Glückes Schmied? Manchmal scheint es, als gelte dieses alte Sprichwort heute mehr denn je. Die Leistungsgesellschaft, in der wir leben, eröffnet vielen Menschen Chancen, wie es sie in früheren Zeiten nur für wenige gab. Wir können es durch eigene Leistung zu etwas bringen. Es lohnt sich, sich anzustrengen. Diese Medaille hat aber auch eine Kehrseite. Wenn etwas nicht klappt, heißt es: selber schuld! Der Verweis auf das Schicksal, auf ungünstige Umstände usw. zieht nicht mehr. Wer für seinen Erfolg verantwortlich ist, muss auch die Verantwortung für den Misserfolg tragen. Den gestiegenen Chancen stehen auch höhere Risiken gegenüber.

Dietrich Lauter, Kreisoberpfarrer im Kirchenkreis Köthen

Dietrich Lauter, Kreisoberpfarrer im Kirchenkreis Köthen

Das Ganze wird dadurch verschärft, dass es sich nicht nur auf Arbeit und Beruf bezieht, sondern sich auf alle Lebensbereiche ausweitet. Die ganze eigene Identität, unser Aussehen und Auftreten, auch private Beziehungen. Liebe, Freundschaft, Lebenseinstellung, Lebensglück – alles soll optimiert werden. Du musst alles besser machen! So geraten wir unter Druck, gewaltigen, oft unmenschlichen Druck. Und die in Aussicht gestellte Freiheit zur Selbstverwirklichung verkommt oft zum Dauerlauf im Hamsterrad fremder und eigener Ansprüche.

Wie gut, dass es einen Lebenskreis gibt, in dem das nicht gilt: unsere Beziehung zu Gott. Unser Glaube ist ein Geschenk, Gottes Gabe, sagt Paulus, nicht ein Produkt unserer Leistung. Das erläutert er den Christen in Ephesus, die unter dem Druck des Geistes ihrer Zeit gelebt hatten, bevor sie sich taufen ließen. Die Erkenntnis, dass wir Gott recht sind, so wie wir sind, kann uns helfen, barmherziger ­mit­einander und mit uns selbst umzugehen.

Das kann und soll dann auf das restliche Leben ausstrahlen. Wenn wir uns dafür öffnen, dass Gott uns mit sich ins Reine bringt, dann verliert der Leistungsgedanke seinen totalen Anspruch. Gott sei Dank!

Dietrich Lauter, Kreisoberpfarrer im Kirchenkreis Köthen

Es war sehr schön

12. Mai 2013 von redaktionguh  
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Es gibt immer gute Gründe dafür, zu Hause zu bleiben: Die Kinder oder Enkelkinder kommen, dienstliche Termine, der Wunsch, nur mal auszuruhen. Wer sich entschließt, zum Kirchentag zu fahren, braucht ein Quartier und muss mit überfüllten Zügen rechnen.

Unmittelbar vor Antritt der Reise kann einem das Vorhaben wie eine Hürde vorkommen. Das Programmheft, mehr als 600 Seiten dick, hieß es durchzuackern. Etwa 2500 Veranstaltungen – wofür soll ich mich entscheiden, und wie kann ich Fehlentscheidungen vermeiden? In Hamburg angekommen, muss ich mich orientieren, wie ich zur Messe und zu den ­anderen Veranstaltungsorten gelange.

Aber dann im Gottesdienst, beim Abend der Begegnung in der Hafencity sind alle Vorbehalte wie weggeblasen. Eine tolle Stimmung, schöne Musik. Und diese Stadt mit ihrem maritimen Flair lieferte dem Kirchentag eine wunderbare Kulisse! Es wäre schade gewesen, zu Hause zu bleiben. Denn auch an den folgenden Tagen bestätigte sich, dass der Kirchentag so etwas ist wie ein Stück heile Welt. Und unter dem Motto »Soviel du brauchst« hatte das Christentreffen den allgegenwärtigen Mangelanzeigen »Es ist nicht genug« etwas Kraftvolles entgegenzusetzen.

Es gibt nicht genug Gerechtigkeit, zu wenig Gewissheit und der Glaube ist zu schwach! Wie oft sind im Alltag und auch von Kritikern des Kirchentages solche Klagen zu hören. Dem setzte Hamburg bemerkenswerte Akzente entgegen. Beispielsweise in den Bibelarbeiten. Oder in den Podiumsdiskussionen zum Thema Inklusion, in denen Menschen mit Behinderungen sich als begabte, heile und leistungs­fähige Menschen darstellten.

Obwohl sie mit körperlichen Einschränkungen leben müssen, ist das, was sie vermögen, genug. Fazit: Es war rundum sehr schön!

Sabine Kuschel

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