Begleitung im Glauben

27. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Ein kleiner Mensch, frisch in der Welt angekommen, soll in der christlichen Gemeinschaft aufwachsen, begleitet, gestärkt, beschirmt. Es ist ein Grund zur Freude, dass sich auch heute viele Eltern – wieder oder immer noch – für die Taufe ihres Kindes entscheiden und das Fest zu einem bis ins Detail vorbereiteten freudigen Höhepunkt werden lassen. Möglicherweise auch dann, wenn ihre eigene Beziehung zur Kirchengemeinde und vielleicht sogar zu ihrem Glauben diffus geworden ist oder sich auf wenige, zumeist feiertägliche Berührungspunkte beschränkt.

Dass sie dann auch Paten für ihr Kind auswählen, wohl überlegt Menschen ansprechen, die es auf seinem Weg begleiten sollen, ist nicht minder erfreulich. Das Patenamt beinhaltet verantwortungsvolle Aufgaben. Für Eltern ist es allerdings manchmal gar nicht leicht, jemanden zu finden, der als Pate infrage kommt, weil bei den Freunden die kirchliche Bindung fehlt. Hinzu kommt eine weitere Hürde. Offenkundig scheint in Vergessenheit geraten zu sein, was es bedeutet, ein Patenamt für einen Täufling zu übernehmen.

Doch gerade weil die Idee des Pate-Seins, des Begleitens und Erziehens im christlichen Glauben und nach christlichen Werten mit den Eltern und in Ergänzung dazu so zeitlos wertvoll und großartig ist, sollte sich Kirche Zeit nehmen und Wege finden, um dem Patenamt wieder mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Gesprächsrunden unter Paten sind ein guter Ansatz. Oder ein Austausch in anderer Form, der die Verantwortung und Pflichten deutlich und verständlich klarmacht. Zugleich sollten Christen ermutigt werden, sich auf diese wunderbare Aufgabe einzulassen.

Anke Pfannstiel

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Eine Tür, viele Wohnungen?

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Wir Christen sind tolerant, rücksichtsvoll und folgen dem Gebot der Nächstenliebe. Das gilt zunächst natürlich im Umgang mit unseresgleichen unterschiedlicher Prägung. Wir können trotz Verschiedenheit miteinander beten und Gottesdienst feiern. Zum Anfang eines Jahres wird das bei der Allianzgebetswoche deutlich. Christliche Kirchen und Gemeinschaften treffen sich, lernen sich kennen.

Auch im Zusammenhang mit Juden und Muslimen werden die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen betont. War es nicht Jesus selbst, der erklärte: In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen. Darauf wies auch der Weimarer Pfarrer Frieder Krannich in seiner Predigt zu Beginn der Allianzgebetswoche hin. Allerdings stehe das im krassen Widerspruch zum Absolutheitsanspruch, den Jesus in den »Ich bin«-Worten formulierte. So hatte ich die Worte bislang nicht verstanden. Ich hielt sie eher für eine Orientierung. Aber Krannich hat natürlich recht, denn Jesus sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ein anderer Weg scheint ausgeschlossen. Das verwirrt. Was soll man da auf die Frage antworten, ob wir alle an denselben Gott glauben? Ich weiß es nicht.

Vielleicht muss ich es auch nicht wissen. »Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde«, so beginnt unser Glaubensbekenntnis und das ist, wenn ich die unterschiedlichen Statements in dieser Ausgabe lese, der größte gemeinsame Nenner. Ich muss gar nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen.

Dieser Glaube kann Berge versetzen und hat von Abraham bis heute schon vielen geholfen. Was glauben Sie? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften: redaktion@glaube-und-heimat.de

Willi Wild

Von der Schulbank in die Kirche

14. November 2016 von redaktionguh  
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Seit 25 Jahren Schulfach: Die Effekte des Religionsunterrichts können vielfältig sein. Für Ramón Seliger war der Unterricht ein Wegweiser für sein Leben.

Die Förderung von Dialog- und Urteilsfähigkeit, die Klärung von Sinnfragen, der Erwerb von »Lebensbewältigungskompetenz«. So beschrieben die Schulbeauftragte Katharina Passolt, der Religionspädagoge Thomas Heller und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Erfurt die Effekte des Religionsunterrichts bei der Veranstaltung »25 Jahre Evangelische Religionslehre an der Schule« im Erfurter Landeskirchenamt.

»Glaube hat in meiner Familie keine Rolle gespielt. Wir waren selbst zu Weihnachten nicht in der Kirche«, erzählt Ramón Seliger. Der junge Mann, der heute Vikar an der Weimarer Jakobskirche und zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Altes Testament an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist, interessierte sich durch den Religionsunterricht für Kirche und Glauben. Hier wurde er mit religiösen Themen, mit Jesus und der Kirche in Kontakt gebracht.

»Für viele ist der Religionsunterricht die Erstbegegnung mit Religion und Kirche«, weiß auch Professor Mat­thias Hahn, Leiter des Pädagogisch Theologischen Instituts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Kloster Drübeck. Er glaubt, dass damit die Hemmschwelle vieler Schüler gegenüber der Kirche gesenkt wird. »Manche fragen sich, ob Kirche und Taufe eine Lebensoption für sie sein könnten.« Eine Werbung für den Glauben oder gar den Pfarrberuf sieht Hahn nicht als Aufgabe des Religionsunterrichtes, der seit 25 Jahren ordentliches Lehrfach an den Schulen Thüringens und Sachsen-Anhalts ist. »Primäre Aufgabe«, so Hahn, »ist die bildende Auseinandersetzung mit Religion.«

Impuls für das Leben: Den Religionsunterricht in der Schule gibt es in Mitteldeutschland seit einem Vierteljahrhundert – eine Möglichkeit, mit dem Glauben und der Kirche in Kontakt zu kommen. Foto: knipseline – pixelio.de/G+H

Impuls für das Leben: Den Religionsunterricht in der Schule gibt es in Mitteldeutschland seit einem Vierteljahrhundert – eine Möglichkeit, mit dem Glauben und der Kirche in Kontakt zu kommen. Foto: knipseline – pixelio.de/G+H

Natürlich gäbe es auch immer wieder den Fall, dass durch das Wirken von Lehrern der Wunsch in einigen Schülern reife, die Weitergabe des Gelernten auch beruflich fortzuführen. Einige würden dann auch Religionslehrer, andere sogar Pfarrer. So wie Ramón Seliger. »Das spannendste am Religionsunterricht waren die Lehrer, die uns die Relevanz der Themen erschlossen haben. Das waren authentische, kantige, eckige Typen. Es hat gepasst, was sie gesagt und getan haben. Das war spannend für mich als Jugendlicher, der ich nach Orientierung suchte.«

Die Religionslehrer, die Seliger am Beginn seiner Gymnasialzeit begleitet und inspiriert haben, waren vor allem Pfarrer, die den sich damals gerade formierenden Religionsunterricht an Schulen leiteten. Er habe das sehr geschätzt. »Es braucht die Person, die sich zu erkennen gibt, die erklärt, wie sie selbst Schöpfung betrachtet oder wie sie das Glaubensbekenntnis versteht.« Das regte Seliger an, ein eigenes reli­giöses Profil zu bilden und eigene Positionen zu finden.

Heute sind es vor allem staatlich ausgebildete Religionslehrer, die das Fach in den Schulen abdecken. »Diese Lehrer sind gut ausgebildet und didaktisch wie pädagogisch gut aufgestellt«, so Seliger. Zudem brauche es aber auch die Basis einer fundierten Theologie. »Der Lehrer muss fit sein in der Sache und er oder sie braucht eine Persönlichkeit, die die Schüler anspricht und motiviert«, betont der Vikar. Es sei die Lebensrelevanz, die das Besondere dieses Faches ausmache. »Religionslehrer sollen nicht die Antworten geben auf Fragen, die keiner mehr stellt, sondern die wirklichen Fragen der Jugendlichen thematisieren. Genau das hebt das Fach von anderen Fächern ab.«

Religionsunterricht unterstütze Schülerinnen und Schüler bei der Beantwortung wichtiger Sinnfragen, zeige vielseitige Lösungen und Antworten auf und helfe, den eigenen Kulturkreis und seine Geschichte besser zu verstehen. Religionsunterricht möchte Anstöße geben, über die Sinnfrage nachzudenken und religiöse Orientierung vermitteln. Je besser die religiöse Bildung sei, um so eher könne der interreligiöse Dialog gelingen, erläuterte Veronika Wenner von der Schulabteilung im Bistum Erfurt.

»Mit dem Religionsunterricht erreichen wir Menschen, die wir durch die Kirche an sich nicht erreichen«, betont Seliger. Das sei die große Chance des Religionsunterrichtes. »Viele, die Gott nicht kennen oder die Kirche und Religion als eng erlebt haben, erfahren, frei zu denken, Vernunft und Glaube zusammenzubringen. Gerade im Religionsunterricht der Schulen gelingen Gespräche, die in manchen Elternhäusern und Kirchengemeinden nicht möglich sind.«

Diana Steinbauer

www.religionsunterricht-ekm.de

Liaison von Kunst und Glauben

26. September 2016 von redaktionguh  
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Fast vier Jahrzehnte lang schuf Roland Artus aus Wasungen die Kulissen im Meininger Theater. Im Ruhestand wendet sich der Maler und Grafiker religiösen Themen zu.

Neununddreißig Jahre lang, seit April 1977, war Roland Artus Theatermaler in Meiningen. Seit Juli ist er im Ruhestand, die neue Spielzeit im August hat ohne ihn begonnen. Während im Werkstattgebäude wieder die Arbeit aufgenommen wurde, blieb Roland Artus in Wasungen. Er brauche erst einmal Ruhe zum Denken, sagt der 63-Jährige. Nachdenken über den neuen Lebensabschnitt, in dem er gerade gelandet ist. Ruhestand. Seltsames Wort.

Doch eher Unruhestand. Da sind die Reisen mit seiner Frau in ferne Länder, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, der Garten – und sein Engagement für die Kirchengemeinde. Vor allem jedoch sein Glauben und seine Bilder.

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Im Wohnzimmer holt er einen kleinen Stapel mit Drucken hervor. Sie zeigen in grobem Schwarz-und-Weiß des Holzschnitts Motive zu den Jahreslosungen; die ältesten stammen aus den frühen 80er-Jahren. Es sind meist die ruhigen Wochen um die Jahreswende, in denen Roland Artus Ruhe für diese Aufgabe findet. Erst skizziert er das Motiv, dann schneidet er es spiegelverkehrt in Lindenholz und fertigt Probedrucke an.

Die Entscheidung für den Holzschnitt lässt sich mit Pragmatismus erklären: Mit wenig Aufwand können viele Abzüge geschaffen werden. Zumindest anfangs war das entscheidend, weil es in der DDR keine Kopierer gab. Es gibt aber auch eine ästhetische Begründung. Holzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff waren dem Autodidakten Vorbild; das Arbeiten im Holz, das dem Künstler vieles bereits vorgibt, ist kniffelig und damit reizvoll. Beim Blick auf die Drucke ist Roland Artus kritisch. Nicht immer gefällt ihm heute, wie er die Botschaft der Losungen einst ins Holz brachte, wie er sie plakativ oder symbolisch umsetzte. Auf den Holzschnitt von 1988 zur Jahreslosung »Kehrt um und glaubt an das Evangelium« ist er noch immer stolz.

Zunächst machte er die Holzschnitte nur für sich, dann verschenkte er sie in kleiner Auflage an Freunde, Verwandte, Weggefährten. Um etwas weiterzugeben von seinem Glauben. Irgendwann entstand die Idee, sie auf dem Titelbild des Wasunger Gemeindeblattes abzubilden. Seither hat die Aufgabe eine verbindliche Regelmäßigkeit erhalten.

Wie die Liaison von Kunst und Glauben ihren Anfang nahm, daran kann sich der Wasunger noch gut erinnern. Er zieht ein altes, schweres Buch aus einem Regal: »Halt im Gedächtnis Jesum Christum«. Es erzählt vom Leben Jesu Christi mit Worten und mit den Werken alter und jüngerer Meister. Als Junge hatte er es in der Schlafstube seiner Großeltern entdeckt, der Eindruck der Bilder war stark. »Ich bin ein sehr visueller Typ«, sagt er. Ein Augenmensch, auch wenn er gerne Rockmusik hört. Buchillustrationen, Zigarettenbildchen, Abenteuergeschichten von der Odyssee bis zu Robinson Crusoe – all das habe seine Fantasie als Kind beflügelt.

In dieser Zeit spürte er erstmals dieses starke Gefühl von Geborgenheit bei Jesus Christus, erzählt er. Er habe ein Vertrauen in ihm gefunden, das ihn nicht mehr verlassen hat. Welches er sich auch nicht nehmen ließ durch einen Staat, der dem Glauben mit Skepsis begegnetet. Lachend erzählt Roland Artus vom Donnerwetter, das es gab, als er an die Wand im alten Werkstattgebäude des Theaters, einer wahren Bruchbude, den Berliner Appell schrieb: »Frieden schaffen ohne Waffen.« Er musste ihn wieder übermalen, aber die schwarze Zeichenkohle schimmerte noch Jahre später durch.

Aus dieser Zeit gibt es noch einen Holzschnitt von einer Friedenstaube, die auf eine Offiziersmütze kackt; gedruckt auf einer umgebauten Waschpresse im Mal-Saal. »Meinen Mund habe ich nie so richtig halten können«, blickt der 63-Jährige zurück. Biblische Themen, Christsein, all das sei immer Gesprächsthema bei der Arbeit gewesen. Als er nach der Wiedervereinigung seine Stasi-Akten einsah, erkannte er erst, dass er »manches wohl deutlich unterschätzt« habe. Seine Besuche bei den Friedensdekaden in Meiningen waren ebenso vermerkt wie eine frühe Ausstellung im Gemeindehaus der Stadt.

Susann Winkel

Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte

4. Juli 2016 von redaktionguh  
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Mission praktisch: Wer Menschen erreichen will, sollte sich die Mühe machen, darüber nachzudenken, was sie wirklich bewegt, meint der Professor für kirchliche Zeitgeschichte, Altbischof Axel Noack, im Gespräch mit Willi Wild.

Welche Bedeutung hat Mission bei uns heute?
Noack:
Ich denke, das Verständnis dafür zumindest in der Kirche wächst. Früher war klar: Christliche Eltern erzeugen christliche Kinder und die Kirche setzt sich automatisch fort. Das ist nicht mehr so. Erstens erzeugen christliche Eltern ohnehin weniger Kinder. Und dann werden das auch nicht unbedingt Christen. Tatsache ist, wir werden weniger.

Das heißt, man muss sich etwas Neues einfallen lassen? Was halten Sie von der Mission unter Flüchtlingen?
Noack:
Die Frage nach der Mission in anderen Religionen, bei Juden oder Muslimen, sollten wir sehr behutsam angehen. Wir müssen von unserem Glauben überzeugt sein, aber wir dürfen den der anderen nicht kränken. Ich sage gern: Schaut euch erst mal um nach den vielen Heiden im Land. Da habt ihr genug zu tun.

Die Zahl derer, die keiner Religion angehören, wird aber deutlich abnehmen. Ganz schnell wird das gehen, durch die vielen Zuwanderer. Und die haben auch noch viele Kinder. Da spielen der Glaube und die Religion eine große Rolle. Wir müssen uns deshalb aber nicht verstecken. Die Kirchen müssen von ihrem Glauben Zeugnis geben und Rechenschaft ablegen über die Hoffnung, die in ihnen ist. Allerdings gibt es missionarisch engagierte Gruppen im Lande, die ein schwieriges Verhältnis zum achten Gebot in Luthers Auslegung haben, wenn es darum geht, andere nicht zu kränken oder den Ruf nicht zu schädigen. Wir müssen den Glauben anderer hoch achten, wenn wir auch geachtet werden wollen. Mission unter Muslimen hat für mich nicht oberste Priorität. Wir haben genug anderes zu tun.

Wie sollte Mission heutzutage aussehen?
Noack:
Es ist nicht mehr wie früher, dass man einfach ein Traktat verteilt oder evangelistische Kongresse abhält. Das funktioniert heute fast nicht mehr. Mission sollte so verstanden werden, wie es Fulbert Steffensky ausdrückt: »Wir sollten vom Äußeren zum Inneren kommen.« Über die Musik kann man viele Menschen erreichen, über die Kirchengebäude oder über eine Beteiligung am Kirchbau. Dabei ist es möglich, auch vom Glauben zu reden. Aber es sollte vom Äußeren zum Inneren gehen.

Wir scheuen uns immer noch vor nichtkirchlichen Gruppen. Ich meine Vereine, Interessen- oder Berufsgruppen, wie Jäger, Handwerker oder Motorradfahrer. Da gibt es viele Gelegenheiten, den Glauben zu bezeugen. Ich mache als Pfarrer öfter mit bei Freisprechungen von Gesellen oder Meisterfeiern. Wenn wir als Kirche angefragt werden, dürfen wir uns davor nicht drücken. Wir sollten auch offen sein für Segensfeiern an den Schulen. Die Kritiker meinen, wir seien als Kirche dann nur noch die Blumenkübel, die anderen das Fest schön machen. Ich sehe das anders. Denn ich glaube, mit dem Evangelium werden wir die Menschen nur wirklich erreichen, wenn wir uns Mühe geben darüber nachzudenken, was die Menschen wirklich bewegt. Und die Jäger sind eben bei ihrer Jägerei betroffen, und die Motorradfahrer beim Motorradfahren, und die Handwerker in ihrem Beruf. Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte. Das ist viel besser, als bei der Sündigkeit des Menschen anzusetzen oder bei nicht gelingendem Leben, wie das früher oft der Fall war.

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Derzeit machen sich vor allem Gruppen außerhalb der Kirche lautstark Gedanken über den Fortbestand des christlichen Abendlandes. Ist das ihrer Meinung nach auch ein Ansatz für Mission?
Noack:
In der Tat ist es so, dass Ängste dann entstehen, wenn man unsicher ist. Oft sind die Leute, die diese Sorge um das christliche Abendland äußern, gar keine Christen. Es ist eine wichtige Aufgabe der Kirche, Menschen in der eigenen Tradition sicherer zu machen. Vorausgesetzt, wir erreichen die Menschen. Ich habe schon ein paar Mal versucht zu diskutieren. Da wurde es dann ziemlich schnell laut. Und das ist nicht mein Stil. Die Pegida-Demonstrationen sind für mich fürchterlich, aber die Gegner sind auch nicht viel besser. Die pfeifen oder skandieren in Sprechchören: »Schnauze halten, Schnauze halten!« Das bringt’s auch nicht. Wir müssen eine Kultur hinkriegen, die friedfertig ist und auch auf verbale Gewalt verzichtet. Das klingt jetzt komisch, aber es geht tatsächlich um das christliche Abendland. Das ist es, was uns ausmacht. Wir sollten deutlich sagen, dass unsere Kultur ganz stark vom Christentum geprägt ist. Das ist vor allem für Juristen ein Problem. Tierschutz oder Eherecht – alles christlich geprägt. Das kollidiert dann mitunter mit den Prinzipien eines weltanschaulich neutralen Staates oder Vorstellungen anderer Religionen. Aber das müssen und werden die Rechtsgelehrten lösen.

Welche Rolle spielt Mission im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum?
Noack:
Das ist eine große Chance. Dadurch werden viele Menschen mit unterschiedlichen Themenfeldern erreicht. Die Tourismus-Wirtschaft hat sogar einen neuen Begriff geprägt: spiritueller Tourismus. Das ist toll. In Halle fährt eine Straßenbahn mit einem großen Werbeschriftzug. Darauf steht zu lesen: »August Hermann Francke bringt Luther in Bewegung! Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln!« Das zieht sich über die ganze Straßenbahn hin. Das hätte es ohne das Reformationsjubiläum nicht gegeben. Natürlich gibt es auch Kritik. Die Kulturschaffenden oder die Touristiker sagen: Ihr Protestanten beschäftigt euch immer nur mit den Problemen und Schattenseiten, wie etwa mit dem Thema »Luther und die Juden«. Könnt ihr euch nicht mal richtig freuen? Doch, wir können und wir wollen uns freuen, aber wir müssen auch die Probleme benennen. Deswegen gab es di e zehn Themenjahre. Natürlich wäre es schön, wenn wir unverkrampft und fröhlich an die Sache herangehen könnten. Aber so sind wir.

Wie sieht Ihre persönliche Mission aus?
Noack:
Ich bin an der Uni. Ich habe mit vielen Studenten zu tun, die wenig oder nichts von Kirche wissen. Ich spreche mit vielen Studenten und habe auch schon einige getauft. In Mötzlich, das ist das Dorf, in dem wir leben, bin ich kein Missionar. Aber die Menschen wissen, ich bin Pfarrer, und wenn sie mich brauchen, bin ich da. Ein Pfarrer, der sich nicht versteckt, ist per se missionarisch.

Hirschhausen erklärt den Glauben

26. Juni 2016 von redaktionguh  
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Eckart von Hirschhausen. Foto: Pressefoto

Eckart von Hirschhausen. Foto: Pressefoto

Weimar (G+H) – Der Kabarettist und Moderator Eckart von Hirschhausen hat für einen exklusiven Abend im Reformationsjahr 2017 im Köstritzer Spiegelzelt Weimar zugesagt. Der Mediziner und Botschafter des Reformationsjubiläums will am Dienstag, 16. Mai 2017, um 20 Uhr unter anderem der Frage nachgehen, ob Luther Komiker war. Von Hirschhausen verspricht einen einmaligen Abend über die Heilkraft von Lachen, Glauben und Wissen im Lutherjahr. Der erfolgreiche Comedian tritt ohne Gage auf, der Erlös des Abends kommt seiner Stiftung »Humor hilft heilen« zugute. Spiegelzelt-Intendant Martin Kranz: »Wir freuen uns, dass wir zusammen mit der Mitteldeutschen Kirchenzeitung Glaube + Heimat diese einmalige Veranstaltung präsentieren können.« Von Hirschhausen tritt hauptsächlich in großen Hallen auf. Deshalb sei der Abend im 500 Plätze fassenden Spiegelzelt etwas ganz Besonderes. Chefredakteur Willi Wild findet: »Luther und Humor sind eine gute Verbindung, vor allem wenn Dr. Eckart von Hirschhausen diese Verbindung herstellt und das Unerklärliche des Glaubens erklärt.«

Der Kartenvorverkauf beginnt am 11. November ausschließlich online unter koestritzer-spiegelzelt.de.

www.humorhilftheilen.de

Auswendiglernen macht schlau

1. Mai 2016 von redaktionguh  
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Gedankensport: Gerade in Notzeiten haben auswendig gelernte Worte und Gebete Menschen getragen

Rogate – betet, so lautet die kirchliche Bezeichnung für diesen Sonntag. Doch wie und wofür betet man richtig?

Eine Frage, die auch die Jünger Jesu beschäftigte. Jesu Antwort: das Vaterunser. Bis heute betet es die Christenheit auf der ganzen Welt. Wirklich? In Deutschland kennt es jeder Zweite auswendig. Klingt gut, bedeutet aber im Umkehrschluss, dass bei nominell rund 60 Prozent Mitgliedern christlicher Kirchen auch etliche ohne Textvorlage nicht mitsprechen können. Von anderen Bibelstellen wie Psalm 23, der Bergpredigt, Jesu »Ich bin«-Worten oder den Zehn Geboten, Luthers kleinem Katechismus und den kernigen Trost- und Glaubensliedern eines Paul Gerhardt ganz zu schweigen. Und es werden wohl immer mehr Nichtkenner. Denn Auswendiglernen gilt bei vielen als mega-out. Zumindest in der kirchlichen Konfirmanden- und Jugendarbeit. Statt »sturem« Auswendiglernen, so hört man immer wieder, sollen die jungen Menschen lieber Zusammenhänge erkennen, durch Verknüpfungen zu eigenen Erkenntnissen und Überzeugungen gelangen. Bloß: Zum Verknüpfen bedarf es fester Punkte, sicherer Fakten.

Warum auswendig lernen, steht doch alles im Internet? – Wer auswendig lernt, begreift Inhalte besser und schult das Gedächtnis. Fotos: sveta – Fotolia

Warum auswendig lernen, steht doch alles im Internet? – Wer auswendig lernt, begreift Inhalte besser und schult das Gedächtnis. Fotos: sveta – Fotolia

Abgesehen davon haben Studien gezeigt, dass das Auswendiglernen zu Unrecht in Verruf ist. Jeffrey Karpicke vom Psychologischen Institut der Purdue Universität in Indiana (USA) hat es getestet. Studenten sollten sich einen wissenschaftlichen Text einprägen, um anschließend möglichst viel vom Inhalt wiedergeben zu können. Eine Gruppe bediente sich dabei der Methode des »Concept Maps«. Dabei wird zum Inhalt eine Art »Begriffslandkarte« erarbeitet, auf der mit Pfeilen und Diagrammen Begriffe visualisiert und Inhalte verknüpft werden. Die andere Gruppe versuchte, sich die Inhalte durch sture Wiederholung einzuprägen.

Das Ergebnis: Die Auswendiglerner wussten hinterher wesentlich mehr vom Inhalt, wie die Tageszeitung »Die Welt« vor einigen Jahren zu berichten wusste. Selbst im Blick auf das Langzeitgedächtnis waren die traditionell Lernenden im Vorteil. Auswendiglernen gehört seit jeher zur jüdisch-christlichen Kultur. Der Anfang der biblischen Überlieferung, vor der schriftlichen Fixierung, ist das Weitererzählen. Martin Luther war der Meinung, dass ein Christenmensch – neben dem kleinen Katechismus – auch die gesamten Psalmen auswendig kennen sollte. Solche auswendig gelernten Worte und Gebete haben Menschen immer wieder durch Not- und Leidenssituationen getragen. Gerade dann, wenn keine Bibel, kein Nachschlagewerk, kein Liederbuch zur Hand war.

In Nordkorea, so berichten Missionswerke, lernen die in der Illegalität lebenden Christen ganze Bibelabschnitte auswendig. Nur so können sie den Schatz des Evangeliums weitertragen in einer Gesellschaft, in der der aufgedeckte Besitz einer Bibel oft genug einem Todesurteil gleichkommt.

Freilich geht es dabei nicht um stures Pauken von Fakten. Im Englischen spricht man vom »to know something by heart« – »etwas mit dem Herzen wissen«.

Immerhin gibt es Ansätze einer Trendwende, auch in den Kirchen. Der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel entwickelte als Hobbyinformatiker bereits vor sechs Jahren die Bibel-App »Remember Me« (Erinnere mich). Sie will dabei helfen, in spielerischer Art Bibelverse auswendig zu lernen. Zwar könne er Bibelverse auch jederzeit mit seinem Smartphone nachschlagen, aber: »Die auswendig gelernten Texte trage ich in meinem Herzen, wodurch sie ein zusätzlicher Kommunikationskanal zwischen Gott und mir sind«, erklärt er. Bereits im vergangenen Jahr hatten mehr als eine Million Menschen sich diese App, die der Pfarrer ständig weiterentwickelt, auf ihre Smartphones geladen.

Von einem steigenden Interesse am Auswendiglernen berichtet auch das Missionswerk »Die Navigatoren« in Bonn. Ihr vierteiliges Bibelvers-Auswendiglern-Projekt »Bible to grow« hat sich zu einem richtigen »Renner« entwickelt. »Lass Gottes Verheißungen in Kopf und Herz hinein und erlebe, wie sie dein Denken und Handeln verändern«, heißt es dazu auf der Website.

Harald Krille

http://de.remem.me

www.navigatoren.de/b2gr

Im Herzen verwurzelt

1. Mai 2016 von redaktionguh  
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Ich erinnere mich an einen Tag im Jahre 1974, an dem ich zur Musterung für den »Ehrendienst« in der Nationalen Volksarmee anzutreten hatte und den autoritären Zwängen des »real existierenden Sozialismus« ausgeliefert war. In den Momenten bangen Wartens faltete ich die Hände, um zu beten.

Dabei empfand ich es als große Hilfe, dass es Worte gab, an denen ich mich festhalten konnte, die mich trugen, die mir Geborgenheit und Zuversicht vermittelten. Es war das Vaterunser, das mir in diesem Moment Kraft verlieh: »Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.« Die Gewissheit, dass es eine höhere Macht gibt, gab mir innere Stärke.

Martin Luther war es wichtig, der Gemeinde mit dem Kleinen Katechismus die Kernstücke des Glaubens – die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die Taufe, das Abendmahl, die Beichte – mit knappen Darlegungen anhand wichtiger Bibelzitate nahezubringen. Er wählte dabei eine rhythmische Sprache, die zu ihrer Einprägsamkeit beitrug. Heute tun wir uns schwer damit, diese »Hauptstücke« auch nur ansatzweise durch Auswendiglernen zu verinnerlichen. Dabei geht es um nichts weniger als um unsere kulturelle Identität.

Die Sehnsucht nach tragfähigen Aussagen ist dennoch groß. Dafür steht die letzte Strophe eines Liedes, das Dietrich Bonhoeffer 1944 in Gestapo-Haft schrieb: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.«

Michael von Hintzenstern

Der Tod endet

26. März 2016 von redaktionguh  
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Glauben: Das leere Grab zu Ostern birgt eine unüberbietbare Heilsgewissheit in sich


Ostern ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Hier endet das Universum des Verstandes, und es beginnt das Universum des Glaubens.

Die Karwoche mit ihren Fixpunkten am Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag bildet das Zentrum unseres christlichen Glaubens. Manches davon ist vielleicht auch für einen Nichtchristen verständlich: die Abendmahlsgemeinschaft des Gründonnerstags ist vordergründig nicht mehr als das gemeinsame Essen einer Gruppe von Menschen, die sich wechselseitig tief vertraut sind. Der Karfreitag mit dem Tod am Kreuz lässt sich politisch deuten.

Kirchenpräsident Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Kirchenpräsident Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Spätestens jedoch mit der Botschaft von der Auferstehung von den Toten enden die rationalen Deutungsmuster. Die zentrale Bedeutung für unseren Glauben lässt sich weder für Gründonnerstag noch Karfreitag rational wahrnehmen. Die Einsetzung des Abendmahls am Tag vor seinem Tod ist für uns Christen mehr als nur eine Gemeinschaftsform. Immer wiederkehrend versichern sich Christenmenschen seit 2 000 Jahren mit tragenden Verbindungen nicht nur untereinander, sondern mit Gott selbst.

Der Tod am Kreuz auf Golgatha ist nicht nur Ergebnis einer politischen Intrige. Sie leitet den Wendepunkt der Menschheit und ihres Verhältnisses zum Sterben ein. Die Verwirrung der Frauen am leeren Grab zu Ostern ist menschlich mehr als verständlich. Sie sind jedoch die ersten, die etwas buchstäblich grundstürzend Neues zur Kenntnis nehmen: der Tod endet.

Wer je Sterbende begleitet hat oder sich selbst existenziell mit dem eigenen Tod befassen musste, weiß um die unüberbietbare Heilsgewissheit, die das österlich-leere Grab in sich trägt. Menschliche Hoffnung lässt sich nicht auf unser von Anfang an gefährdetes menschliches Leben begrenzen. Christenmenschen sind gewiss, bereits in diesem Leben und darüber hinaus eine Geborgenheit bei Gott zu finden, der selbst der Tod nichts anhaben kann. Wer sich dieser Gewissheit öffnen will, muss damit das Universum des Verstandes überschreiten und in das Universum des Glaubens eintreten. Die österliche Glaubensgewissheit setzt die Bereitschaft dazu voraus und die Gebetsbitte an Gott, die buchstäblich unglaubliche Erkenntnis des Ostertages zu der entscheidenden lebensprägenden Einstellung werden zu lassen. Die Gottesdienste in den kommenden Tagen sind seit 2 000 Jahren für Menschen aller Kulturen und Zeiten eine entscheidende Hilfe und Vergewisserung auf diesem Weg österlichen Glaubens. Dazu wünsche ich uns allen Gottes Segen und den Gruß des Ostermorgens: Christus ist von den Toten auferstanden!

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

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