Es ist Gnade

26. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Dass die Welt nur so vor Güte strotzen würde, ist eine Illusion. Wir wünschen uns, dass die Zahl der guten Nachrichten bei Weitem die der schlechten übersteigt. Doch das bleibt ein frommer Wunsch. Die Medien mit ihrem Interesse für das Aufsehenerregende bilden zwar nicht unbedingt die Realität exakt ab. Aber sie liegen auch nicht ganz falsch, denn es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo auf der Welt etwas Furchtbares passiert.

Vorgestern sprengte ein Selbstmord­attentäter mit sich Dutzende von Menschen in die Luft. Gestern brannten Flüchtlingsunterkünfte. Dieser Tage wurde eine angehende Oberbürgermeisterin in Köln lebensbedrohlich verletzt. Niemand möchte Opfer solcher Gewalttaten werden. Und völlig ausgeschlossen der Gedanke, dass ich selbst zum Täter werden könnte.

Aber wenn alle Menschen zu allem fähig sind, bleibt die Frage: Warum lassen sich manche vom Bösen überwältigen, während andere offensichtlich standhaft bleiben? Eine schlechte Kinderstube, zerrüttete Familienverhältnisse, so die Erkenntnis von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern, können der »Nährboden« sein, von dem aus Heranwachsende auf Abwege geraten. Straucheln. Ein Segen, wenn dies nicht geschieht.

Wie die Möglichkeit zum Bösen im Menschen angelegt ist, so ist ihm auch die Sehnsucht nach dem Guten ins Herz gepflanzt. Doch so sehr wir uns nach dem Guten ausstrecken, kein Menschenleben bleibt ohne Schuld. Gewiss: Vor Gott mögen wir alle Sünder und alle gleich sein. Aber nach menschlichem Ermessen gibt es schwere Schuld und leichtere Vergehen. Und wenn ein Mensch sich nicht selbst zum Verhängnis wird – eigenes Verdienst ist das nicht allein. Es ist Gnade!

Sabine Kuschel

Begnadet gegen die Selbstüberschätzung

15. August 2015 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, Vers 5

Dem guten alten Petrus nehmen wir gern die Rede vom Hochmut und von Demut ab, wiewohl den gesamten Inhalt seiner beiden Briefe. An die »Verstreuten« richtet er seelsorgerlich wie ermutigend seine Mahnungen. Einzelne, die durch missionarische Arbeit gewonnen wurden für Gott, Christus und Geist. Eine Art trinitarische Formel zu Beginn zeigt den eigentlichen Absender an. Auch eine bescheidene Autorenschaft – kein Grund, etwas Besonderes zu sein. Wer Petrus durch Lesen der Evangelien kennt, wird erinnert an seine Art, das Wort zu führen und Dinge in die Hand zu nehmen, aber auch mit entsprechender Reaktion fertigwerden zu müssen. Der impulsive Jünger von einst wird zum aufgeklärten, nicht abgeklärten Gemeindeleiter. Nicht als Überflieger, der jetzt alles besser weiß, sondern als einer, der zu glauben gelernt hat. Nun kann er mitteilen, ausrufen, ins Gewissen reden. Dabei zielt er – wohl nicht unbegründet, vermutlich sogar vorfindbar – auf das Konfliktpotenzial zwischen Jungen und Alten ab. Die Gefahr der Hierarchie nicht nur in den sich neu bildenden Gemeinden ist präsent. Mindestens einer will das Sagen haben, die Entscheidung treffen, anordnen – ist das verkehrt? Jeder ist irgendwo, irgendwann und irgendwie gefordert.

Evelyne Dege, Pfarrerin in Ströbeck

Evelyne Dege, Pfarrerin in Ströbeck

Zwischen Funktionsteilung und Demokratie bewegen wir uns auch in der Kirche immer wieder hin und her, sind oft schon zurückgekommen zu der Ansicht: Es ist gut, wenn einer den Hut aufhat. Aber immer wieder leiden Gemeinden und ihre Mitarbeiter, ob haupt- oder ehrenamtlich, unter der Selbstüberschätzung einiger. Treibt das Amt, die Persönlichkeit oder die Gelegenheit dazu? Da kann man nichts machen? Hochmut liegt da ganz nah? Die von Petrus vorgenommene Verteilung der Gottesgnade auf die Demütigen (Wer sind diese? Die Schafe, die sich eben führen lassen?) scheint allerdings zu schubkastenartig.

Ich fokussiere den Moment, der den Mut wendet. Petrus weiß es ja selbst: Begnadete werden ja eigentlich wir alle erst. Dadurch, dass die Gnade auf uns trifft. Einen schönen Sonntag!

Evelyne Dege, Pfarrerin in Ströbeck

So ein seltsames Wort wie Demut

31. August 2014 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1. Petrus 5, Vers 5

Eine neue Woche beginnt; auch sie wird unter ein Wort aus der Bibel gestellt sein. Zuerst meine Bitte: Lassen Sie einen Moment lang alles beiseite, was Sie gerade beschäftigt und hören Sie sich ein in zeitlose Weisheit, wie sie uns die Bibel schenkt.

Vor Gott verbietet sich Hochmut, denn dann sähen wir uns als den Herrn über unser Leben, all unser Können und Tun wäre nicht Gabe, sondern unser Verdienst. In der Gemeinschaft äußert sich solches Verhalten als Angabe, Arroganz, von oben herabschauen auf andere, und Wut, Neid und Missgunst kann bei denen entstehen, auf die herabgeschaut wird. Wir kennen diese Verhalten alle, mögen sie nicht und sind doch auch in der Gefahr, selbst hochmütig aufzutreten, möglicherweise aus Unsicherheit.

Annemarie Keller, Prädikantin in Erfurt

Annemarie Keller, Prädikantin in Erfurt

Aber wir können auch anders, wir können wählen, nämlich Demut. Demut ist heute kein geläufiges Wort mehr. Und ich gestehe, dass ich zuerst negativ an eine Unterwürfigkeit dachte, die die Würde des Menschen verletzt und die nicht freiwillig geschieht.

Heute verstehe ich Demut als eine Haltung zu einem Gegenüber.

Vor Gott bedeutet es Ehrerbietung, Ergebenheit, Hingabe unter seine Herrschaft und seinen Willen. Das äußert sich aber nicht nur in einem Über-mich-ergehen-Lassen. Daraus entsteht ganz lebendig mein Verhalten zur Schöpfung und den Mitmenschen. Demut vor Menschen und der Schöpfung zeigt sich in achtungsvollem und respektvollem Verhalten und unserem Einsatz, wo immer sie gefährdet sind.

Damals und heute verheißt Demut die Gnade Gottes.

Ich bezeichne es als Gnade, wenn wir dadurch unser Begrenztsein und unsere Bedürftigkeit erkennen. Wir brauchen die Liebe Gottes und die Nähe von Menschen.

Wir können den Mut haben, nicht größer zu tun, als wir sind, aber auch nicht kleiner.

Eine rhetorische Frage am Schluss: Wie werden Sie wählen, wo wollen Sie sich einsetzen?

Annemarie Keller, Prädikantin in Erfurt

Angenommen werden aus Liebe

18. Juli 2014 von redaktionguh  
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Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben,
und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Epheser 2, Vers 8

Aus Gnade …« – welch strapaziertes Wort. Da sind wir wieder bei Paulus. Und folgerichtig bei Meister Luther. Der es meisterhaft verstand, diesen Bibelvers zu deuten: »Aus Gnade seid ihr selig geworden …« Ein Kernstück seiner Theologie und seines Lebenswerkes. Später dann zitiert im Augsburger Bekenntnis (Artikel 20 »Vom Glauben und den guten Werken«) durch Philipp Melanchthon. Und damals wie heute gilt: Ihr seid selig geworden. So lautet die Zusage des Epheserbriefes.

Johannes Haak, Pfarrer der Reglergemeinde Erfurt

Johannes Haak, Pfarrer der Reglergemeinde Erfurt

Das bedeutet mir viel. Zu wissen, ich bin angenommen. So verstehe ich das mit dem Selig-Werden. Als ein Angenommen-Sein. Gleich, was mir widerfährt. Dies gilt für mich, für uns! Wir sind bereits selig geworden. Er schenkt uns, was wir uns nie verdienen könnten – aus Gnade. Oder anders formuliert, allein deshalb, weil er uns liebt.

Gnade ist ein Produkt der Liebe, der unbedingten, bedingungslosen Annahme. Unser Verhältnis zu Gott ist in Ordnung gebracht. So manchmal bringen wir es im Laufe unseres Lebens in Unordnung. Und jetzt wird klar, weshalb es zur Erlangung unserer Seligkeit keiner Opfer, auch keines Messopfers bedarf, sondern lediglich der vertrauensvollen Annahme der Zusage Gottes. Ja, der Annahme: dass er uns aus Gnade gegeben hat, was uns und unser Leben trägt.

Was mich stützt und mich immer neu mit Hoffnung erfüllt: seine Liebe, von der uns nichts und niemand zu trennen vermag, wenn wir auf ihn unser Vertrauen setzen. Daran glaube ich. An ihn, den Gott in diese Welt gesandt hat als sein Fleisch gewordenes Wort. An ihn, dessen Botschaft uns über die Grenzen der Konfessionen und Kleinkariertheiten hinweg miteinander verbindet. An ihn, der sich uns mitteilt in Brot und Wein. An ihn, der uns versprochen hat: Siehe, ich bin bei euch alle Tage! An Jesus, den Christus, den Gesalbten Gottes. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Wochenende.

Johannes Haak


Von Anfang an Beschenkte

26. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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wzw912

Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ.
Evangelisches Gesangbuch 347,1

In einer Gesellschaft, die die Ware Arbeit vielerorts zum politischen Druckmittel herabwürdigt, kann ich einem Beruf nachgehen, der mich allwöchentlich musizierend mit zahlreichen Menschen aller Generationen verbindet. Da ist es kein Wunder, dass ich mir unter dem eher altmodischen Wort Gnade etwas vorstellen kann. Und dennoch muss auch ich darauf achten, dass das Bewusstsein für dieses ­Geschenk nicht zu oft durch das Alltagsgeschäft ­verschüttet wird.

Jens Goldhardt, Kirchenmusiker in Gotha

Jens Goldhardt, Kirchenmusiker in Gotha

Vielleicht nimmt sich deshalb die von gleichmäßigen Viertelnoten dominierte Melodie unseres Wochenliedes am Anfang einer jeden Strophe eine ausgedehnte Halbenote Zeit für das Wörtchen »Ach«, nicht um der uns gern nachgesagten Leidenschaft für’s Jammern ein Podium zu geben, sondern um uns darauf aufmerksam zu machen, dass es für uns wichtig ist, regelmäßig achtsam innezuhalten und ganz bei uns zu sein.

Damit wir das, was in uns und um uns passiert, richtig einordnen können. Damit unter den zahllosen Eindrücken immer genug Raum für die Erkenntnis in uns ist, dass wir vom ersten Atemzug an Beschenkte des Lebens sind. Auch wenn wir gerade die wichtigsten Dinge nicht aus eigener Kraft festhalten können.

Die Formulierung »bleib mit deiner Gnade bei uns« setzt es klar voraus: Die wohlwollende Zuwendung, so wird das Wort im Internet erklärt, ist längst bei uns. Es geht also darum, das Vertrauen in uns zu stärken, dass dieser schwer fassliche Zustand in allen Situationen unseres Lebens tragen kann.

Ich bin sicher, dass die eigene Kraft in manchen Zeiten dafür nicht ausreicht. Manchmal muss dieses Geschenk auch durch die persönliche Zuwendung anderer Menschen erlebbar werden.

Verschiedentlich können auch wir solche Menschen sein und einem wachen Blick dafür sollte unser Innehalten ebenfalls dienen. Und schließlich: Das Lied zeigt, dass singen auch beten ist.

Jens Goldhardt
Kirchenmusiker in Gotha