So zeitgemäß kann Kirche sein

20. März 2017 von redaktionguh  
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Photovoltaik auf dem Dach, Godspot im Turm und E-Bike-Tankstelle am Eingang – die Johanniskirche in Frömmstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ist in vieler Hinsicht ein Unikum.

Der kleine weiße Kasten an der Wand der Frömmstedter Kirche blinkt geschäftig. Er fängt das Signal auf, das vom Pfarrhaus hierher in die Kirche gesendet wird, damit die Besucher der Sankt Johanniskirche dieses nutzen können. »Die Testphase ist abgeschlossen«, erklärt Pfarrer Jens Bechtloff stolz. Er hat sich schon eingeloggt ins Godspot-Netz. Nur noch kleine Feinheiten müssen nun erarbeitet werden, damit alles reibungslos läuft.

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Die Godspot-Kirche ist nur eine der verschiedenen Facetten einer unglaublichen Wandlung, die die Frömmstedter Kirche seit 20 Jahren erlebt. Von der baufälligen Ruine zur Solar- und offenen Radfahrerkirche und eben nun auch zur Godspot-Kirche. Eine Entwicklung, die in der EKM und sogar deutschlandweit ihresgleichen sucht.

»Godspot« nennt sich das freie WLAN der evangelischen Kirche. Ohne Passwort oder andere Berechtigungen können sich Nutzer hier einloggen und das World Wide Web nutzen. Internet und Kirche, Websites und Gottesdienst: verträgt sich das? Pfarrer Bechtloff meint dazu: »Godspot ist sicherlich nicht für jede Kirche geeignet, doch Frömmstedt ist eine offene Kirche, eine Radfahrerkirche neuerdings auch mit Solartankstelle, die als Ort des Verweilens, der Einkehr und der Suche genutzt und geschätzt wird«, so Bechtloff. Und von daher biete sich diese Kirche an als Ort, der seinen Besuchern alle Möglichkeiten bietet, mit Gott und der Kirche in Kontakt zu kommen. Eben auch virtuell.

Seit zehn Jahren ist die St. Johanniskirche von Frömmstedt auch eine Solarkirche, die mit ihrer Photovoltaikanlage auf dem Dach durchschnittlich 9 000 Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugt. Dieser fließt in das örtliche Stromnetz, kann aber auch über die im August 2016 installierte E-Bike-Tankstelle von Besuchern genutzt werden. Dieses Angebot besteht seit der Radsaison 2016. »Es sind schon einige hier im Pfarrhaus vorbeigekommen und haben gefragt, wo sie tanken können«, berichtet Katrin Ortmann, Mitarbeiterin des Seniorenbüros im ehemaligen Pfarrhaus von Frömmstedt. Pfarrer Bechtloff ist zuversichtlich, dass das Angebot in diesem Frühjahr und Sommer noch stärker als bisher angenommen wird. Der Bedarf bei immer mehr Radfahrern sei da. Außerdem kann der Anschluss auch anderweitig genutzt werden: »Ich habe schon Leute gesehen, die während der Grabpflege auf dem Friedhof rund um unsere Kirche den Stromanschluss zum Aufladen der Handys genutzt haben. Das finde ich gut und richtig«, so Bechtloff. Er hofft, dass E-Bike-Tankstelle und auch Godspot vor allem auch von der Jugend noch stärker angenommen werden und einen Denkanstoß dafür geben, wie Kirche auch sein kann.

Frömmstedt ist ein gutes Beispiel dafür, wie vielfältig kirchlicher Raum nutzbar gemacht wird. »Alles, was Kirche für Menschen tun kann, damit gemeinsam Leben eröffnet wird, das wollen wir tun und ›Godspot‹ trägt zum Miteinander bei«, ist Pfarrer Bechtloff sicher. Auch die Frömmstedter sind sich dessen bewusst geworden. Sie alle hoffen, dass im Reformationsjahr noch mehr Pilger auf dem Lutherweg vorbeikommen. Solartankstelle, Godspot und Übernachtungsmöglichkeiten: Frömmstedt ist gut vorbereitet für das Reformationsjahr.

Diana Steinbauer

Die Kirche als Dealer?

21. August 2016 von redaktionguh  
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Das Filmchen beginnt damit, dass ein leicht diabolisch aussehender Mann Jonas vorstellt: einen 24-jährigen Jungen, der mit seinem Smartphone in der Hand durch die Stadt läuft, keine Erfahrung mit Magie hat und dennoch in wenigen Augenblicken auf magische Art verschwinden wird. Sekunden später betritt Jonas, seinen Blick auf das Smartphone gerichtet, die Fahrbahn und wird von einem Auto erfasst. Zurück bleiben entsetzte, schreiende Passanten. Das alles ist so realistisch dargestellt, dass einem noch beim zweiten Anschauen das Blut in den Adern stockt.

Was im ersten Augenblick wie ein wüstes Horrorvideo anmutet, entpuppt sich im Abspann als ein Auftragswerk der Polizei im schweizerischen Lausanne. Sie will damit auf die zunehmenden Gefahren durch die allgegenwärtige Fixierung vor allem junger Menschen auf ihre Telekommunikationsgeräte aufmerksam machen. Und das scheint nur noch mit drastischen Bildern zu gelingen. (www.youtube.com/watch?v=P9UxWcZbGMQ)

Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer spricht inzwischen von der »Handysucht«, der in Deutschland bereits neun Prozent der 10- bis 19-Jährigen verfallen seien. In Südkorea seien es bereits 30 Prozent. Und nun sollen mit »Godspot« auch die Kirchen zum Surfparadies werden. Die Kirche quasi als Dealer für die Süchtigen?

Sicher: Das Rad der technischen Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen, auch nicht durch Verweigerung. Und der Zugang zu unzensierten Informationen ist ein hohes und wichtiges Gut. Dennoch stünde es den Kirchen gut an, wenn sie mindestens mit gleichem Elan für einen vernünftigen Umgang mit diesen neuen Medien werben würden. Vielleicht auch durch bewussten Verzicht.

Harald Krille

Zum Surfen in die Kirche

19. August 2016 von redaktionguh  
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Ein umstrittener Vorstoß: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz will in ihren Gebäuden künftig kostenloses freies WLAN anbieten.

Den Namen Fabian Kraetschmer sollten Sie sich merken. Fabian Kraetschmer ist der Mann, der Deutschland das kostenlose freie WLAN (drahtloses lokales Netzwerk) bringt. Zumindest erst einmal dem Nordosten, dem Arbeitsgebiet des 36-Jährigen. Seit 2014 leitet Kraetschmer das IT-Referat der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Er ist Fachmann, kein Theologe, aber er hat eine Vision: Seine Landeskirche soll der größte Anbieter von offenem WLAN in Deutschland werden.

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über  das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Möglich machen soll dies die Initiative »Godspot«. Der einprägsame Name kombiniert den englischen Begriff für einen öffentlichen drahtlosen Internetzugriffspunkt (hotspot) mit dem englischen Wort für Gott (god). Wobei sich der Nutzer auch einmal verhören und »good« statt »god« verstehen darf. Denn »good«, also gut, finden die Macher die Idee, Hotspots in den Häusern des Herrn einzurichten. Andere finden sie weniger »good«. Was die EKBO für 3 000 Gebäude auf ihrem Gebiet – neben Kirchen zum Beispiel auch Pfarrhäuser oder evangelische Schulen – plant, hat längst auch in den übrigen Landeskirchen die Diskussion angeregt.

Im Kern sind es drei Argumente, die von den »Godspot«-Kritikern vorgebracht werden: Ablenkung, Anbiederung und die Sorge um gesundheitliche Gefahren. Vor Letztgenanntem warnt Werner Thiede, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er verweist auf Studien, wonach die WLAN-Taktung die Zellprozesse negativ beeinflussen könnte – und zwar bereits billionenfach unterhalb des in Deutschland zulässigen Grenzwertes. Für die Kirche gelte ob der unklaren Risiken das Vorsorge-Prinzip – Vorsicht also. Thiede weist außerdem darauf hin, dass Kirchen durch Hotspots zur »Bannmeile« für Menschen mit Elektrosensibilität werden. Menschen also, die eine besondere Empfindsamkeit gegenüber elektromagnetischer Strahlung und Magnetfeldern haben.

Das zweite Argument gilt der Ablenkung. Was, wenn die Gläubigen dem Gottesdienst nicht mehr folgen, sie lieber auf ihr Smartphone als zur Kanzel schauen? »Dann haben wir ein Predigtproblem und kein ›Godspot‹-Problem«, heißt die Antwort von Fabian Kraetschmer auf diese häufig gestellte Frage.

Und dann ist da noch die Sorge um die Anbiederung. Muss sich die Kirche mittels freiem WLAN für Besucher attraktiv machen – muss sie also mit denselben Mitteln buhlen wie etwa Café-Betreiber um ihre Kundschaft?

Bedenklich ist vor allem das Gesundheitsargument. Das allerdings weniger wegen der kurzen Zeit, die Gläubige in der Woche in der Kirche verbringen, als wegen der vielen Stunden, die sie am Arbeitsplatz oder daheim von WLAN umgeben sind. Auch die Ablenkung ist nicht von der Hand zu weisen. In Theatern und vor Konzerten wird das Publikum mittlerweile routiniert gebeten, »abzuschalten«. Das Bedienen von Smartphones stört auch in diesem, der Freizeit gewidmeten Umfeld, wo es in aller Regel keine Hotspots gibt, wo Menschen also ihren mobilen Zugang zum Internet nutzen.

Weil bei diesem aber alle bewegten Datenpakete kosten und er zudem oft langsamer ist als eine WLAN-Verbindung, sind Hotspots so beliebt. Und in anderen Ländern auch weit verbreiteter als in Deutschland. Das liegt an dem erst kürzlich gekippten Gesetz über die Störerhaftung, welches die Anbieter von Hotspots bisher verantwortlich machte für strafbare Handlungen, die von Dritten über ihre Leitungen begangen werden. Nun, da diese Unsicherheit abgeschafft ist, herrscht Nachholbedarf im Lande. Hier könnte sich die Kirche tatsächlich anschicken, flächendeckend freien Zugang zum Internet zu verschaffen. Die Infrastruktur mit Gebäuden in jedem Dorf ist vorhanden, die technischen Hürden und Kosten sind zu bewältigen.

Es wäre ein Experiment, ein Sich-offen-Zeigen für eine neue Idee. Auch wenn die nicht jeder so himmlisch findet wie Fabian Kraetschmer.

Susann Winkel