Nachdenken über Gott und die Welt

22. September 2018 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Johannes 5, Vers 4

Die Welt hat keinen guten Ruf. Sie liegt im Argen, das bestätigt sich immer wieder: Sie wird vom Geld regiert. Man kann hinschauen, wo man will – wer zahlen kann, ist im Vorteil, kann Meinungen manipulieren, den Krieg gewinnen, Arme erpressen, Andersdenkende kaufen. Besitzgier und Machthunger lassen Anstand und Würde vergessen, die Korruption blüht allerorten. Denn: Dem Stärkeren gehört die Welt. Ich zuerst. Er nimmt sich, was er will, ohne auf die Bedürfnisse der anderen zu achten, die Natur zu schonen, den Frieden zu wahren, Gerechtigkeit walten zu lassen. Soll ich meines Bruders Hüter sein? Das Klagelied über den Zustand unserer Erde hat noch viele Strophen. Die Welt ist des Teufels Braut, bringt es ein Sprichwort auf den Punkt.

Christine Lässig

Christine Lässig

Diese Weltsicht ist etwas einseitig. Allerdings gilt auch in biblischen Zeiten die Welt als etwas, das man überwinden muss. Gottes Menschenliebe und seine Gebote markieren die Alternative. Sie sind der Gegenentwurf zu den Erfahrungen, dass das Böse oft die Oberhand gewinnt und jeder sich selbst der Nächste ist. Das ist nicht im Sinne Gottes. Das muss anders gehen – nicht erst am Ende aller Tage, sondern hier und heute.

Überall da, wo Nächstenliebe kein Fremdwort ist, Menschenwürde geachtet und der Schwache geschont wird, wo geschmähte Gutmenschen eben Gutes tun, bekommt die Welt ein anderes, ein freundliches Gesicht. Da ist sie nicht mehr des Teufels Braut, sondern ein Stück vom Reich Gottes. Kein Paradies, aber ein Ort, an dem es sich leben lässt.

Resignation wäre schlimm. Wir brauchen Zuspruch und Hoffnung, um uns selbst und was auf der Welt im Argen liegt, zu überwinden. Das macht sich als Einzelgänger nicht so gut wie im Verein mit anderen. Johannes schreibt nicht von ungefähr von unserem Glauben. Zusammen sind wir stärker, als Gemeinde können wir mehr Einfluss nehmen auf den Gang der Dinge. Wir können Mut machen, damit wir nicht aufgeben, die Welt im Kleinen und Großen ein bisschen besser machen zu wollen. Das wäre ganz im Sinne Gottes.

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

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Die vermeintliche Katastrophe und Gottes Liebe

17. August 2018 von redaktionguh  
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Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Jesaja 42, Vers 3

Zu gern wäre ich blinder Passagier auf dem Wagen des Kämmerers der Kandake gewesen, als ihm Philippus den Jesajatext (Apg. 8,26 f) erklärte.

Ich sehe die beiden vor mir, den dunkelhäutigen Äthiopier vom anderen Ende der Welt und Philippus, einfühlsamer Jerusalemer Diakon, wie sie sich gemeinsam, eingehüllt im Staub der Straße nach Gaza, in das Prophetenbuch vertiefen. Als die beiden daraus wieder auftauchten, wollte der Äthiopier und königliche Eunuch sofort getauft werden. Was hat ihn so betroffen gemacht?

Gott sieht, hört, leidet mit, gibt nicht preis, – auch keinen Verschnittenen, heilt und rettet seinen Knecht und sein Lamm, sein Volk und auch die Heiden.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Es spricht einiges dagegen, dass ein glimmender Docht nicht erlischt und ein geknicktes Rohr nicht zerbricht. Inmitten der Zerrissenheit der Welt erreicht diesen Wagen und uns der ganze Balsam und Trost Jesajas und ein klarer Maßstab der Bibel, der Maßstab der Misericordias Domini, der Barmherzigkeit des Herrn. Die Worte des Trösters Jesaja lassen mich, kleines Sandkorn, nicht untergehen in der Röhre von Raum und Zeit und bleiben doch Geheimnis des Himmels. Zugleich haben sie eine klare Ansage. Gottes Gerechtigkeit heißt, bei denen zu sitzen, die kurz vor dem Verlöschen und Zerbrechen sind. Was für eine Botschaft! Nach Geknickt- kommt nicht Gebrochensein; nach Glimmen nicht Ausgelöschtsein. Das, was eindeutig nach einer Katastrophe ausgesehen hat, ist in der Liebe Gottes aufgehoben. Das spricht gegen jede Definition unwerten Lebens! Ich würde gern in die Welt rufen: »Steigt auf, in den Wagen, ob ihr nun an den Wassern Babylons weintet, oder über den Jordan gehen werdet, …, lasst uns gemeinsam Gottes Wort studieren und gründlicher in die Texte anderer Religionen schauen, lasst mehrere Deutungen zu und uns mit weitem Horizont fröhlich unsere Straße ziehen. Wir verstehen noch lange nicht, was wir lesen! Wir müssen miteinander reden! Fahren wir ein Stück zusammen!«

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

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Mach was draus! Das Leben leben zwischen Wiege und Bahre

28. Juli 2018 von redaktionguh  
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Lukas 12, Vers 48

Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist …« – wir singen dieses altbekannte Lied, die Gemeinde blickt berührt nach vorne, wo Eltern ihr noch so kleines Kind im Arm halten, gerade ist es getauft worden. »Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt.«

Pfarrerin Sophie Kersten,Langula-Kammerforst

Pfarrerin Sophie Kersten,Langula-Kammerforst

Von diesem großen Versprechen Gottes an das Kind war die Rede, vom Segen, der auf ihm liegen wird. Von Gottes »ich bin bei dir alle Tage«. Eltern und Paten haben Fürbitten gesprochen, tiefste Bitten für das lange Leben ihres Kindes. Wünsche, Hoffnungen, Tränen der Freude stehen am Beginn. »Laß diesen Vorsatz nimmer wanken, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist. Halt mich in deines Bundes Schranken, bis mich dein Wille sterben heißt. So leb ich dir, so sterb ich dir, so lob ich dich dort für und für.« Auch jetzt singen viele Menschen, sie sind schwarz gekleidet, ein Sarg steht im Altarraum.

Von einem langen Leben war die Rede, vom Segen, der den Verstorbenen durch die Zeiten getragen hat. Von Gottes Versprechen und von Gottes Ferne. Erinnerung, Rückblick, Tränen der Trauer und Hoffnung stehen am Ende. Geburt und Tod. Was ist dazwischen? Das, was wir gerade tun: leben. Unser Leben. Wimpernschläge, die es einteilen und vorantreiben. Wir schlafen, essen, arbeiten, ärgern, erholen und informieren uns. Meistens schön miteinander verbunden: Frühstück mit Radio und Zeitung, auf dem Schreibtisch das Handy für eine schnelle Nachricht zwischendurch. Dafür dann eine Dienstmail aus dem Urlaub. Ist das gelebtes Leben? Ist es das, wofür wir gebetet haben und auf das wir, wenn Gott uns ruft, beruhigt zurückblicken wollen, um gehen zu können?

Viel ist dir gegeben, viel ist dir anvertraut! Ein ganzer neuer Tag aus Gottes Hand, viele Wimpernschläge voller Hoffnung, Liebe, Sinnhaftigkeit und Mitmenschlichkeit. »Es sei in mir kein Tropfen Blut, der nicht, Herr, deinen Willen tut.« Danke, Herr, für dein Vertrauen! Hilf uns nun, Herr, es in die Tat umzusetzen. Hilf uns, nach deinem Wort zu leben.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

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Tochter Zion und ihre christliche Filiale

14. Mai 2018 von redaktionguh  
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»Ich bin Feminist«, sagt der Jenaer Universitätsprofessor Manuel Vogel von sich und macht sich Gedanken über »Gott als Vater«

Die Kirche hat in einer Zeit, in der das Patriarchat längst (und mit Recht) in die Kritik geraten ist, ein Problem. Dieses Problem besteht darin, dass die Sprache und Gedankenwelt der Bibel auf weite Strecken genauso patriarchalisch ist wie das (oder besser: die) Zeitalter ihrer Entstehung. Die Kirche kann, so meine bündige Auffassung, dieses Problem nicht lösen, jedenfalls nicht konsequent, denn konsequent ist nur der Teufel; sie kann aber damit leben, und zwar gut damit leben. Nämlich dann, wenn sie ihre Sprache und (was nicht ganz dasselbe ist) ihre Sprachgewohnheiten ständig reflektiert und – wie man heute so schön sagt – immer wieder neu »aushandelt«.

Im Vergleich mit der Rede von Gott als »Vater« ist freilich die Diskussion, ob denn die Revision der Kirchenverfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eine Gelegenheit wäre, die Mitgemeinten zur Abwechslung auch mal mitzunennen – was hätte eigentlich dagegen gesprochen?! –
ein Kinderspiel. Denn das Wort »Vater« (griechisch pater) steckt ausgerechnet im ungeliebten Begriff des »Patri-archats«, der »Vater-Herrschaft«. Also, was tun? Grob gesagt gibt es, um die Sache in Angriff zu nehmen, zwei Methoden, nämlich die »narrative«, vom lateinischen narratio, »Erzählung«, und die begriffliche. Während Begriffe »definiert« werden, werden Erzählungen, nun ja, einfach »erzählt«.

Ich wähle den zweiten Weg, denn die Bibel definiert nicht (das ist das Geschäft der Dogmatik und der Rechtswissenschaft), sondern sie erzählt. Also nicht: »Was ist ein Vater«, sondern »Was tut er«, nämlich Gott als himmlischer Vater in der großen Erzählung der jüdisch-christlichen Bibel, der wir unzählige kleine und kleinste Erzählungen verdanken.

Foto: Creative Commons CCo

Foto: Creative Commons CCo

Hinzu kommt das Nachzeichnen von Sprachbildern, denn diese Bilder sind oft selbst kleine Erzählungen, z. B. das Wort aus Jesaja 66,13: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.« Gott ist hier ein Vater mit mütterlichen Zügen. Vergleichbare Aussagen sind in der Bibel nicht häufig (und selbst in Jes. 66, wo es überwiegend kriegerisch zugeht, eine Ausnahme), aber es gibt sie. Psalm 131 ist in der (sehr zu empfehlenden) Basisbibel überschrieben mit »Gebet einer Pilgerin«, und zwar wegen Vers 2: »Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter / wie das gestillte Kind an meiner Brust / so ist meine Seele zur Ruhe gekommen«. Wenn man so übersetzt, muss diesen Psalm eine Frau geschrieben haben.

Ihre Empfehlung lautet: »So soll auch Israel auf den Herrn warten« (Vers 3). Das Kind bei seiner Mutter ist gleichnisfähig für das Verhältnis Israels zu Gott. Freilich: Gott kann als Mutter auch gefährlich werden »wie eine Bärin, der die Jungen genommen sind« (Hos 13,8). Aber am Ende steht doch das Bild eines zärtlichen Vaters, der alle Tränen von den Augen seiner Kinder abwischen wird (Offb. 21,3).

Überhaupt tut Gott als Vater lauter komische Dinge, die ein Vater, der in einer patriarchalischen Gesellschaft etwas auf sich hält, keinesfalls tun würde. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn läuft er dem heimkehrenden Ausreißer entgegen, was eine Selbsterniedrigung darstellt, denn der Höherrangige kommt dem Rangniederen keinesfalls buchstäblich entgegen. Wichtig ist auch: Die Rede von Gott als »Vater« ist Teil eines Bildgefüges, das die Geschlechterrollen gehörig durcheinander bringt, denn Israel ist dieses Vaters »Tochter«, die berühmte »Tochter Zion« mit ihrer christlichen Filiale, der Gemeinde als »Braut« Christi.

In dieses Sprachbild müssen sich wohl oder übel auch die Männer aus Israel und der Gemeinde einfügen. Vor allem aber: Dass Gott »Vater« ist, hat eine anti-patriarchalische Spitze, weil nämlich das Vatersein Gottes die irdische Vaterrolle nicht etwa aufwertet, sondern im Gegenteil ersetzt. An die Stelle der irdischen Väter tritt der himmlische. Das wird etwa in Markus 10,29 deutlich, wo die Jünger fragen, was sie dafür bekommen, dass sie »Haus, Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder und Äcker« verlassen haben. Sie bekommen, so die Antwort Jesu, alles vielfach wieder, nur nicht den Vater. Der wird nicht genannt, weil der himmlische Vater seine Rolle übernimmt. Das ist ein Reflex dessen, dass das Christentum von Anfang an eine Bekehrungsreligion war: Die sich der Gemeinde anschlossen, erlitten vielfach den Verlust der hergebrachten Sozialbeziehungen des antiken »Hauses« mit dem pater familias (»Vater der Familie«) an der Spitze. So gesehen ist die Gemeinde eine alleinerziehende Mutter von lauter Brüdern und Schwestern, die von ihren irdischen Vätern des Hauses verwiesen wurden.

Klarer kommt der hier angedeutete Konflikt zwischen irdischer und himmlischer Vaterrolle in 1. Johannes 5,18 zur Sprache: Die Kinder Gottes werden nicht »aus dem Willen eines Mannes«, sondern »aus Gott« geboren. Gott und der Wille des Mannes, die männliche und die göttliche Logik, bilden hier einen scharfen Gegensatz.

Gerade als Feminist komme ich deshalb mit Gott als »Vater« ganz gut klar, ohne der biblischen Sprache zu Leibe rücken zu müssen.

Manuel Vogel

Der Autor ist Professor für Neues Testament und Dekan der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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Gott, Vater – mein Fels, meine Zuflucht

11. Mai 2018 von redaktionguh  
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Gottesbild: Die Bibel verbietet, uns Bilder von Gott zu machen. Und hält sich selbst nicht daran.

Manchmal versuche ich, mich in Nichtchristen hineinzuversetzen. Was mag in ihnen vorgehen, wenn sie ihre gläubigen Mitmenschen betend erleben? Zu einem Gott beten, der für Atheisten nicht sichtbar, nicht erklärbar, nicht vorstellbar, nicht existent ist? Ob ihnen die sprachlichen Versuche von Christen, Gott zu definieren, absurd, verrückt vorkommen?

Gott, der Herr, ein Vater, mein Fels, meine Zuflucht. Gott ist Liebe, Güte, Barmherzigkeit. Obwohl die Bibel mehrfach ermahnt, sich kein Bild von Gott zu machen, tun wir dies unentwegt. Wir können nicht anders. Wenn wir Gott suchen, danach fragen, wie er ist, entstehen in unserem Kopf Bilder. Nicht immer geeignete, wofür die antiquarische Vorstellung von Gott als altem Mann mit langem weißen Bart ein banales Beispiel ist. Dieses Bild mag festhalten, dass Gott schon vor aller Zeit war und über unser aller Tod hinaus in Ewigkeit sein wird. Zum Glauben ermutigt es nicht unbedingt. Um diese Gefahr scheint die Bibel zu wissen, wenn sie uns ermahnt: »Dass ihr euch nicht … irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau.« (5. Mose, 4,16)

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139, Vers 5. Foto: rupbilder – stock.adobe.com

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139, Vers 5. Foto: rupbilder – stock.adobe.com

Erstaunlicherweise ist die Vorstellung von Gott als dem uralten Großvater nicht aus den Köpfen zu verbannen. Selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert erleben Gemeindepädagogen, dass Kinder – aufgefordert, Gott zu malen – diesen besagten Mann mit Rauschebart zu Papier bringen.

Die Heilige Schrift, die uns auffordert, nur ja keine Bilder von Gott zu machen, hält sich selbst nicht an diese Maßgabe. In vielerlei Gestalt betritt Gott die Bühne. Er pflanzt den Garten Eden, wirkt also als Gärtner. Als »meinen Hirten« beschreibt ihn Psalm 23. Gott hat Augen, Ohren, Hände, Füße, ein Herz. Er kann Mitleid fühlen und zornig werden. Alles Vergleiche, die Gott menschlich erscheinen lassen. Und es gibt andere: Gott ist ein Berg, ein Fels, Quelle. Oder abstrakte: Gott ist Liebe, Licht, Güte. Und doch kann jede dieser Metaphern nur ein menschlicher Versuch sein, zu beschreiben, wer Gott ist, wie er wirkt. Es sind Hilfskonstruktionen für den Glauben.

Die biblischen Bilder von Gott drücken die religiösen Erfahrungen der Menschen mit Gott aus. Wer sich in seinem Leben getragen fühlt, gewiss ist, nicht ins Bodenlose zu fallen, dem geht die Anrede Gottes als Vater mühelos über die Lippen. Gott ist wie der Vater, der sein Kind in die Luft wirft und sicher mit beiden Armen auffängt.

Umgekehrt: Manche Menschen haben mit dem eigenen Vater schlechte Erfahrungen gemacht und projizieren ihre Wünsche von einem guten Vater auf Gott. Den sie sich anders als den eigenen Vater nur als einen liebenden vorstellen wollen.

Von schwerer Krankheit geheilt werden, nach monatelanger Verzweiflung neue Hoffnung schöpfen, aus einer Sackgasse herausfinden – in solchen Situationen spüren Menschen, dass Gott wirkt und sprechen dann von ihrem Helfer in der Not.

Wenn ich mich an einem sonnigen Maitag auf die Parkbank setze und sehe, wie die Natur in voller Pracht erblüht ist, welch ein Wunder! Jeder Gärtner weiß, dass er Hand anlegen muss, aber das Wachsen und Gedeihen liegt nicht in seiner Macht. Gott, der Vater, der für seine Familie sorgt. Gott, der verspricht, »ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet« (Jesaja 66,13), um ein biblisches Beispiel anzubringen, in dem Gott mütterliche Züge zugedacht werden.

Die Bibel bietet uns zahlreiche Bilder an, die unsere Fantasie beflügeln und uns eine Glaubenshilfe sein können. Manche verlieren mit dem Zeitgeist und der Mode ihre Aussagekraft, um diese vielleicht irgendwann wieder zurückzugewinnen. Zugleich dürfen wir nicht vergessen, unsere Metaphern von Gott, so vielgestaltig sie sein mögen, bleiben nur der menschliche Versuch, Gott zu fassen. Kein Vergleich, kein Bild, kein Begriff reicht aus, um ihn zu beschreiben.

Denn: »Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen!« (1. Könige 8,27 b)

Sabine Kuschel

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Gott in allem, was wir sind und tun

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gott wohnt im Gehirn: Diese These vertreten manche Hirnforscher, doch kann man sie ganz unterschiedlich verstehen. Aus christlicher Perspektive ist man versucht zu sagen: Ja, da auch!

Der christliche Glaube versteht Gott als jemanden, der uns allen jederzeit gegenwärtig ist. Und so wie er in uns und in allen Dingen der Schöpfung gegenwärtig ist, so ist er es auch in unserem Gehirn.

Martin Luther hat deshalb behauptet, dass Gott nicht nur größer ist als alles, was überhaupt groß genannt zu werden verdient, von ihm gilt auch: »Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner …« Für Luther waren solche Überlegungen der Hinweis darauf, dass Gott nicht ein ausgestrecktes, langes, breites, dickes, hohes oder tiefes Wesen ist, sondern dass für ihn gilt, dass er auf wunderbare Weise allen und in allem ganz gegenwärtig sein kann. Im Gehirn eingesperrt ist er auf jeden Fall nicht.

Aber die These von Gott im Hirn ist ja meist so gemeint, dass Gott verstanden werden muss als Hirngespinst oder Kopfgeburt. Wann immer wir eine Hand oder einen Fuß bewegen, geschieht dies aufgrund von Gehirnvorgängen. Kann es nun nicht auch sein, dass unsere Gehirne überhaupt oder die Gehirne von religiösen Menschen im Besonderen so gebaut sind, dass sie religiöses Empfinden und damit dann auch Gottesvorstellungen hervorbringen? Immerhin hat man nachgewiesen, dass bei Menschen, die im Gebet oder in der Meditation versunken sind, bestimmte Bereiche im Stirnhirn, die mit Konzentration, Aufmerksamkeit und sozialem Empfinden zu tun haben, verstärkt aktiv sind. Andere Bereiche dagegen, die beim rationalen Denken, beim Sehen oder bei der Raum-, Zeit- und Köperwahrnehmung besonders beansprucht werden, zeigen eine reduzierte Aktivität.

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Was sagt das über damit verbundene Gottesvorstellungen? Zunächst einmal herzlich wenig. Denn das dürfte schon seit Langem klar sein, dass alles, was wir wahrnehmen, empfinden und denken, auf Vorgängen im Gehirn beruht und deshalb auch einen Niederschlag in diesen Vorgängen findet. Auch Religion und Spiritualität spiegeln sich in den Untersuchungen der Hirnforscher, ebenso wie Kunst, Musik, Gefühle, aber auch die Prozesse, die die Hirnforschung selbst möglich machen.

Aufregender wird der Befund durch die Behauptung einiger Forscher, man habe Gehirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Ein Forscher hat gar vom »Gottesmodul« gesprochen und ein wenig selbstironisch darüber spekuliert, ob eine operative Entfernung von Teilen des Schläfenlappens einer Entfernung des Gottesglaubens aus dem Denken dieser Person gleichkäme. Gott selbst wäre dann nichts anderes als das Produkt des Gehirns.

Da es Religion mit etwas zu tun hat, was wir mit unseren Sinnen in der Erfahrungswirklichkeit nicht direkt wahrnehmen können, liegt die These nahe, dass die Vorstellungen, die Begriffe und Bilder der Religionen, wie Wunder, Seele, Geist, ein Leben nach dem Tod oder eben die Vorstellung eines Gottes, nichts anderes sind als Gedanken. Und ihre Überzeugungskraft würden diese Gedanken dadurch erhalten, dass sie durch die Strukturen unseres Gehirns wie von selbst entstehen und sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft aufdrängen, ohne dass es etwas Entsprechendes in der Wirklichkeit gibt. Durch die in unserem Gehirn gelegten neuronalen Pfade bringt unser Denken Gott hervor.

Doch das alles ist durch Experimente schwer zu belegen. Im Jahr 2004 hatte ein »Manifest« von elf deutschen Hirnforschern noch behauptet, man werde bald allen menschlichen Empfindungen auf ihre neuronale Spur kommen und sie mit Hilfe der Hirnforschung erklären können. Und das würde dann auch ihre Manipulation durch Psychopharmaka oder gar operative Eingriffe möglich machen. Religion oder Religionslosigkeit auf Rezept, gewissermaßen. Doch inzwischen ist deutlich geworden, dass Gefühle überhaupt und religiöse Erfahrungen oder gar Glaubensvorstellungen viel zu komplex sind und zum Beispiel auch von sprachlichen, kulturellen, körperlichen und je individuellen Prägungen abhängen, als dass man sie auf die Aktivität von Gehirnarealen reduzieren und sie einfach an- oder abschalten könnte.

Man kann sich das auch an anderen Phänomenen klarmachen. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen empfinden, werden bestimmte Areale in unserem Gehirn besonders aktiv. Wir können auch die diese Aktivität auslösenden Nervenleitungen feststellen. Wir haben dann ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen, von denen wir sagen, dass sie das Schmerzempfinden auslösen. Das alles macht aber den Schmerz in seiner Schmerzhaftigkeit nicht erträglicher. Erklärter Schmerz hört nicht auf, wehzutun und uns in unserem Leben zu beeinträchtigen. Der Schmerz verlangt nach einem Verstehen, das über das Erklären hinausgeht. Wir müssen ihm eine Deutung, einen Sinn geben. Aber niemand kann garantieren, dass die Deutung sich für jemanden konkret bewährt. Oft ist fraglich, ob der Sinn, den wir dem Schmerz geben, dem konkreten Schmerz standhält.

Ähnlich verhält es sich mit der Freude, der Liebe, der Gelassenheit. Der Sinn, den wir unseren Erfahrungen oft erst nachträglich geben können, liegt nicht in den Erfahrungen, er liegt jenseits von ihnen. So ähnlich scheint es mir mit »religiösen« Erfahrungen zu sein. Sie sind mit bestimmten Gehirnvorgängen verbunden. Aber dass wir sie als etwas verstehen, in dem uns Gott begegnet oder sich uns der Sinn unserer Existenz erschließt, ein bestimmter Schmerz für uns erträglich wird, wir uns unserer Schuld schmerzhaft bewusst werden oder gelassen mit uns ins Reine kommen, ist etwas, das jenseits dieser Erfahrungen liegt.

Nichts ist von sich aus eine Erfahrung Gottes, aber alles kann zur Got­teserfahrung werden. Denn Gott ist nicht eine Erfahrung unter anderen, Gott ist der Grund und das Ziel aller Wirklichkeit. Dass uns das aufgeht, dass wir uns als getragen und herausgefordert sehen durch den alles tragenden Grund der Wirklichkeit, ist ein Hinweis auf Gott selbst, der größer ist als alles, was uns groß erscheint, und der kleiner ist als alles, was unbedeutend scheint, der uns vielmehr näherkommt, als wir uns selbst nahekommen können, weil er auch das noch in unserem Leben zurechtbringt, bei dem wir versagen: bei unserer Lieblosigkeit uns und anderen gegenüber. Dann »wohnt« Gott nicht nur im Gehirn, sondern in allem, was wir sind und tun.

Dirk Evers

Mehr Hinweise dafür als dagegen

Wissenschaft und Glaube: Ein Physiker auf der Suche nach Gott

Albrecht Kellner wurde 1945 in Namibia geboren und studierte in Göttingen und Kalifornien Physik. Er promovierte über Einsteins Relativitätstheorie und war zuletzt stellvertretender Technischer Direktor der europäischen Raumfahrtfirma Astrium, einer EADS-Tochter. Über das schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube sprach er mit Katja Schmidtke.

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Herr Kellner, Sie sind Physiker und Christ. Was war zuerst in Ihnen, die Suche nach den Naturgesetzen oder die nach Gott?
Kellner:
Eigentlich beides. Ich bin christlich erzogen worden, evangelisch getauft, konfirmiert, aber meine persönliche Beziehung zu Gott habe ich erst viel später, mit 25 Jahren, gefunden. Als ich begann, Physik zu studieren, war ich neugierig auf ihre Gesetze, weil ich glaubte, in ihnen die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Ich wollte, um es mit Faust zu sagen, wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber ich merkte schnell: Darauf geben die Naturwissenschaften keine Antwort. Sie entdecken und beschreiben Gesetze, aber nicht, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist.

Es ist nicht möglich, Gott durch die Naturgesetze auf die Spur zu kommen?
Kellner:
Sie kennen das Heisenberg-Zitat: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Tatsächlich herrschte ja bis zur modernen Physik, also bis zu Schrödinger, Einstein, Planck und Heisenberg eine große Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Dann wandelte sich das Bild. Die Physik entdeckte, erforschte und beschrieb Gesetzmäßigkeiten, die biblischen Aussagen nicht fremd sind.

An was denken Sie konkret?
Kellner:
Bis zu Einstein ging die Wissenschaft beispielsweise davon aus, das Universum sei schon immer da gewesen, es habe keinen Anfang und kein Ende, und weil es keinen Anfang habe, hat es auch keinen Urheber. Aber die Urknall-Theorie besagt, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, dass es vorher weder Materie noch Raum oder Zeit gab – und das finden wir auch in der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte natürlich: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Oder im Hebräer-Brief: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.« Der Urknall ist ein Schöpfungsakt par excellence. Oder die Biologie: Bis vor etwa 150 Jahren war es für Wissenschaftler unvorstellbar, dass die Erde einmal wüst und leer war, so wüst und leer wie im 1. Buch Mose beschrieben und dass sich das Leben dann schrittweise entwickelt hat. Heute gehört das zum Allgemeinwissen.

Das allein ist kein Gottesbeweis.
Kellner:
Das stimmt. Wir können Gott nicht beweisen, zumindest nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten, und wir sollten biblische Aussagen auch nicht auf die naturwissenschaftliche Goldwaage legen. Aber für mich ist nicht zu leugnen, dass hinter all unseren Lebensbedingungen, der Art, wie unser Weltall und die Erde gemacht sind, hinter all den Naturgesetzen eine immense Intelligenz steckt.

Sie sind ein Vertreter des Intelligent Designs?
Kellner:
Ich bin kein Verfechter eines engen Kreationismus, nein. Ich möchte durch meine Vortragsarbeit für die Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte (IVCG) Vorurteile abbauen, dass Naturwissenschaft und Glauben dissonant sind, ich möchte darauf hinweisen, dass die moderne Physik zu Erkenntnissen gekommen ist, die mit biblischen Aussagen zumindest konvergent sind; auch wenn beispielsweise die Frage der zeitlichen Dimension noch offen ist. Die Naturgesetze liefern jedenfalls aus meiner Sicht mehr Hinweise für die Existenz eines Schöpfers als dagegen. Aber natürlich kann man Menschen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu bringen, zu glauben. Nur das Evangelium führt zur Erfahrung des Sinns des Lebens.

www.ivcg.org

Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

Mit Gottes Gaben für gute Nachrichten sorgen

28. Januar 2017 von redaktionguh  
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Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

Psalm 66,5

Meine Damen und Herren – die Nachrichten!« Der Fernseher läuft und ich schaue die Nachrichten an, aber kann nicht alles erfassen. Zu viele Neuigkeiten aus aller Welt. Nach 15 Minuten sind sie vorbei. Ich mache den Fernseher aus und denke über das Gehörte und Gesehene nach. Wieder nur negative Schlagzeilen. Kriege, Anschläge, Tote, Verfolgte, Aufstände, Fake news, Social Bots, Rassismus, Hass und Hetze. Das Wetter lässt auch zu wünschen übrig. Wieder eine Sturmflut. Die einzige positive Meldung: Die Queen hat sich von einer schweren Grippe erholt.

Gute Nachrichten gibt es kaum noch. Und wenn doch, dann werden sie nur sehr kurz angerissen. Ich habe das Gefühl, dass es nur noch Negatives in der Welt gibt. Aber jetzt fehlt mir die Zeit, um weiter darüber nachzudenken. Ich habe noch eine Andacht vorzubereiten. Ich schlage den Wochenspruch auf –Psalm 66. Sofort schießt mir die Melodie eines Liedes aus dem Gesangbuch in den Kopf. »Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren« – so häufig singen wir es im Gottesdienst. Es beinhaltet den Text des Psalms. Dazu könnte ich wunderbar eine Andacht gestalten.

Und dann kommen mir doch wieder die Nachrichten von eben in den Sinn. Denn der Blick für die schönen, wertvollen, aber auch kleinen Dinge geht immer mehr verloren. Vielleicht sollte ich über mein Nachrichtenerlebnis erzählen, um dann über Gottes Werk zu sprechen? Denn seine Werke bestehen nicht aus negativen Nachrichten. Er tut so viel Gutes an uns. An jedem von uns. Und das begann schon mit der Schöpfung. Zu so vielem sind wir befähigt und so viele Gaben hat er uns geschenkt. Den Verstand, die Liebe, die Hoffnung, die Sprache und den Glauben. Durch all diese Zuschreibungen können wir uns für die Armen, Kranken, Diskriminierten und Verfolgten einsetzen. Wir können unsere Stimme für Frieden und Gerechtigkeit erheben. Und wenn wir die guten Werke Gottes nutzen, hören wir wieder öfter: »Und nun kommen wir zu den positiven Nachrichten des Tages.«

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von redaktionguh  
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Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Eine Tür, viele Wohnungen?

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Wir Christen sind tolerant, rücksichtsvoll und folgen dem Gebot der Nächstenliebe. Das gilt zunächst natürlich im Umgang mit unseresgleichen unterschiedlicher Prägung. Wir können trotz Verschiedenheit miteinander beten und Gottesdienst feiern. Zum Anfang eines Jahres wird das bei der Allianzgebetswoche deutlich. Christliche Kirchen und Gemeinschaften treffen sich, lernen sich kennen.

Auch im Zusammenhang mit Juden und Muslimen werden die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen betont. War es nicht Jesus selbst, der erklärte: In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen. Darauf wies auch der Weimarer Pfarrer Frieder Krannich in seiner Predigt zu Beginn der Allianzgebetswoche hin. Allerdings stehe das im krassen Widerspruch zum Absolutheitsanspruch, den Jesus in den »Ich bin«-Worten formulierte. So hatte ich die Worte bislang nicht verstanden. Ich hielt sie eher für eine Orientierung. Aber Krannich hat natürlich recht, denn Jesus sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ein anderer Weg scheint ausgeschlossen. Das verwirrt. Was soll man da auf die Frage antworten, ob wir alle an denselben Gott glauben? Ich weiß es nicht.

Vielleicht muss ich es auch nicht wissen. »Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde«, so beginnt unser Glaubensbekenntnis und das ist, wenn ich die unterschiedlichen Statements in dieser Ausgabe lese, der größte gemeinsame Nenner. Ich muss gar nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen.

Dieser Glaube kann Berge versetzen und hat von Abraham bis heute schon vielen geholfen. Was glauben Sie? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften: redaktion@glaube-und-heimat.de

Willi Wild

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