Von »Milchglasnost« und anderen Wundern

26. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Kirchenpresse: Es ist überaus spannend, im Jahrgang 1988 der evangelischen Wochenzeitungen »Glaube und Heimat« und »Die Kirche« zu blättern.

Während die eine für die Leser der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen bestimmt war, erschien die andere in der Landeskirche Berlin-Brandenburg und verfügte unter anderem über eine Magdeburger Ausgabe für die Kirchenprovinz Sachsen. Bei der Lektüre fällt auf, dass sich die Chefredakteure Gottfried Müller und Gerhard Thomas oftmals an der Grenze des Machbaren bewegten – und diese gelegentlich überschritten. Immer im Bestreben, brennende gesellschaftliche Themen anzusprechen, die in der offiziellen SED-Presse und den Zeitungen der Blockparteien nicht vorkamen, aber die Menschen bewegten.

So findet sich im gebundenen Jahrgang 1988 der Magdeburger Ausgabe die Eintragung, dass fünf Nummern nicht erscheinen konnten. »Glaube und Heimat« war davon zweimal betroffen.

Chefredakteur Gerhard Thomas (li.) und Superintendent Christof Ziemer während des Abschlußgottesdienstes der 3. Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Dresdner Kreuzkirche am 30. April 1989. Fotos (2): epd-bild

Chefredakteur Gerhard Thomas (li.) und Superintendent Christof Ziemer während des Abschlußgottesdienstes der 3. Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Dresdner Kreuzkirche am 30. April 1989. Foto: epd-bild

Deutlich zu erkennen ist das Bestreben, an Diskussionsprozessen teilzunehmen und eigene Positionen einzubringen. So beklagt sich beispielsweise im Dezember 1987 Gottfried Müller, dass beim DDR-Schriftstellerkongress die Kirchenpresse nicht akkreditiert wurde und nur die »volkseigenen Medien« sowie Funk- und Presseleute westlicher Redaktionen vertreten waren. Dabei habe sich gezeigt, dass auf östlicher und westlicher Seite spezifische Formen von »Milchglasnost« gepflegt wurden. »Auf diese Weise«, so der Kommentator, »ereignete sich das physikalische Wunder, dass erst die Addition von Milchglasnost und Milchglasnost die volle Glasnost ergab.« Und er spricht die Hoffnung aus, »dass wir uns in einem halben Jahrzehnt, wenn man zum nächsten Kongress rüstet, auf solches Zusammenfügen von publizistischen Halbheiten nicht mehr einzulassen brauchen«.

In Nr. 1/1988 verweist er darauf, dass Volksbildungsministerin Margot Honecker in einem Interview mit der »Jungen Welt« Verständnis für junge Leute bekundet hat, »wenn sie unausgewogene, ja zugespitzte Fragen stellen«. Sie habe damit ein Problem berührt, das weit über den Schulbereich hinaus reiche. »Auch im Betrieb, in den gesellschaftlichen Organisationen, in den Massenmedien und nicht zuletzt in der Kirche sollte jederzeit Raum für Fragen sein, selbst wenn diese von den Verantwortungsträgern nicht immer als angenehm empfunden werden. Fragen dürfen ist so etwas wie ein Menschenrecht.«

Gottfried Müller, Chefredakteur »Glaube und Heimat« von 1981 bis 1990. Foto: Willi Wild

Gottfried Müller, Chefredakteur »Glaube und Heimat« von 1981 bis 1990. Foto: Willi Wild

»Die Kirche« bringt in Nr. 4 auf Seite 2 einen Beitrag von Bausoldaten, die einen »Zusatzmonat« im Umweltschutz und Sozial- und Gesundheitswesen leisteten, um ein Zeichen für zivilen Wehrersatzdienst zu setzen.

In Nr. 6 berichtet »Glaube und Heimat« von einer Fürbittandacht am 30. Januar, in der sich die Berliner Kirchenleitung für die Freilassung der am Rande der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration Festgenommenen einsetzte. Ab Nr. 7 wird der Boden für die »Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« bereitet, die vom 12. bis 15. Februar in Dresden tagt und an deren Vorbereitung sich engagierte Christen mit über 10 000 Vorschlägen beteiligten.

Michael von Hintzenstern

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wegbereiter der Revolution

23. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Das Jahr 1988: Das Reformprogramm von Gorbatschow stieß in der DDR auf Widerstände. Die greisenhaft versteinerte SED-Führung witterte Gefahr, ihr Machtanspruch könnte infrage gestellt werden.

Chefideologe Kurt Hager beantwortete eine Reporterfrage nach dem Reformvorbild Sowjetunion mit der Gegenfrage: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Collage: Adrienne Uebbing

Collage: Adrienne Uebbing

Die einige Monate später im Oktober 1987 in Görlitz tagende Synode des DDR-Kirchenbundes glaubte allerdings, Hager sei inzwischen überholt und der Reformzug habe auch in der DDR an Fahrt gewonnen. Man dachte vor allem an zwei Ereignisse, die im September stattgefunden hatten: die Reise Erich Honeckers nach Westdeutschland und die Veröffentlichung eines Dokumentes unter dem Titel »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«. Der Text war aus einem Dialog zwischen Vertretern der SED und der SPD hervorgegangen und enthielt Aussagen wie: »Die offene Diskussion über den Wettbewerb der Systeme, ihre Erfolge und Misserfolge, Vorzüge und Nachteile, muss innerhalb jeden Systems möglich sein.«

Als die Synode, dadurch ermutigt, eine couragierte Entschließung zur Friedensfrage verabschiedete, sah die SED jedoch eine rote Linie überschritten und Hager durfte die Reformbremse wieder anziehen. Die Hoffnungen des Herbstes erwiesen sich als Illusionen. Den Kirchen und dem ganzen Land stand mit dem Übergang in das Jahr 1988 ein Winter des Missvergnügens bevor.

Alle Befürchtungen wurden Realität in den sogenannten Berliner Ereignissen. Dazu gehörte eine Stasiaktion gegen die Umweltbibliothek der Zionsgemeinde und im Januar 1988 der Einsatz von Gewalt, als Regimekritiker sich am offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch beteiligen wollten mit Plakaten, die das Luxemburgzitat variierten: »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!« In beiden Fällen kam es zu Mahnwachen und Solidaritätsaktionen mit den Gefangenen und Ausgewiesenen.

Jetzt zeigte sich, dass im Umfeld der Kirchen zwei schon länger bestehende Bewegungen immer mehr in die Öffentlichkeit drängten: einerseits Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, andererseits die Antragsteller auf ständige Ausreise aus der DDR. Für die Kirchenorganisationen, ihre Gemeinden und Leitungen bedeutete das, für alle da sein zu müssen, die ihrer Hilfe bedurften. Allerdings verstand nicht jeder das Bestreben, als Helfer das kirchliche Profil wahren zu wollen.

Einen überaus wichtigen Beitrag für das Gelingen der am Horizont heraufziehenden Revolution haben 19 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften in Gestalt der »Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« geleistet, deren erster Abschnitt im Februar 1988 in Dresden begann.

In den Beratungsergebnissen, in denen sich das Versammlungsmotto spiegelte, erblickten die Aufpasser von SED und Stasi jedoch den Versuch »bestimmter Kräfte«, die »Kirche im Sozialismus« zu einer Opposition gegen den Sozialismus umzugestalten. Für den Gegenschlag wurde das staatliche Presseamt in Stellung gebracht. Das hatte der Kirchenpresse verboten, über die Ökumenische Versammlung zu berichten. Dieses Verbot war gegen den Widerstand auf Seiten der Kirchen nicht vollständig durchsetzbar.

Umso stärker wütete die Zensur in den folgenden Monaten, als in der DDR mehrere Kirchentage stattfanden, darunter ein Treffen in Erfurt. »Glaube und Heimat« erlitt sieben Eingriffe, zweimal durfte sie nicht erscheinen. Auf den Kirchentagen selbst konnte jedoch frei über die immer notwendiger werdende Umgestaltung der DDR gesprochen werden. »Umkehr führt weiter« hieß es in Erfurt.

Die SED-Oberen blieben auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1988 bei ihrer Politik der Verweigerung. In ihrer Ablehnung jeglicher Veränderungen riskierten sie sogar den Konflikt mit dem Reformer Gorbatschow. Sowjetische Filme und Publikationen wie das beliebte Magazin »Sputnik« wurden aus dem Vertrieb in der DDR herausgenommen. Die Revolution näherte sich mit großen Schritten.

Gottfried Müller

Der Autor war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube und Heimat«.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Zensur von höchster Stelle

26. September 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Rückblick: Vor 40 Jahren durfte die Kirchenzeitung nicht erscheinen

Die Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz vor 40 Jahren setzte ein Signal nach zwei Seiten. Altbischof Axel Noack schrieb am 14. August in dieser Zeitung: »Die Kritik von Oskar Brüsewitz galt nicht nur dem SED-gelenkten Staat. Er sorgte sich ebenso darum, ob unsere Kirche in ihrem Reden und Handeln entschlossen genug sei. Mit seinem Tod entflammte dazu eine kontroverse Debatte.«

In diese Debatte waren auch die Kirchenzeitungen in der DDR einbezogen. Wie konnte es auch anders sein! Als Teil der ganzen Kirche gehörten auch sie zu denen, die das Geschehen von Zeitz als Mahnung verstanden, über ihre Arbeit im Auftrag des Evangeliums und im Dienst an der Gemeinde tiefer nachzudenken, und wenn es nötig wurde, entschlossen zu handeln.
Als Frucht solchen Nachdenkens hatte auch die Konferenz der im DDR-Kirchenbund vereinten Kirchenleitungen am 11. September 1976 einstimmig einen »Brief an die Gemeinden« beschlossen. Er sollte am 19. September in den Gottesdiensten verlesen werden und eine Woche später in den Kirchenblättern erscheinen.

Ausschnitt aus dem Originalmanuskript des Artikels der G+H-Redaktion über den offenen Brief des Kirchenbundes. Quelle: G+H-Archiv

Ausschnitt aus dem Originalmanuskript des Artikels der G+H-Redaktion über den offenen Brief des Kirchenbundes. Quelle: G+H-Archiv

»Glaube + Heimat« sah sich wie auch die anderen Kirchenzeitungen in der DDR in der selbstverständlichen Pflicht, den Brief des Kirchenbundes zu veröffentlichen. Doch bereits die markante Eingangspassage des Schreibens ließ Konflikte mit den staatlichen Aufsichtsorganen erwarten. Wörtlich hatten die Autoren geschrieben: »Wir alle sind betroffen. Aus dieser Betroffenheit werden Anfragen laut: an unsere Kirchen, ob in ihnen das Zeugnis von Jesus Christus nicht unentschlossen und ängstlich ausgerichtet wird; an die Kirchleitungen, ob sie die tatsächlichen Sorgen und Nöte der Gemeinden, Pfarrer und Mitarbeiter entschieden genug aufnehmen und vertreten; an Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeinden, ob sie einander tragende Gemeinschaft gewähren; an staatliche Organe, ob Glaubens- und Gewissensfreiheit, besonders für junge Menschen, wirklich Raum bekommt; an die Behandlung des Vorganges in der Öffentlichkeit, wie sie zusammenstimmt mit Wahrhaftigkeit und der Würde des Menschen.«

Solche Fragen auch an den Staat zu stellen, wollte die SED nicht zulassen. Noch weniger Verständnis brachte sie für die entsprechenden Antworten auf. Und so trat ein, was von Anfang an zu befürchten war: Der Brief durfte nicht erscheinen. Doch das für solche Eingriffe zuständige DDR-Presseamt scheute sich, im Umfeld der Brüsewitz-Tragödie selbst die Verantwortung für das Verbot zu übernehmen.

So kam es zur Aufführung einer Zensurposse: Der Leiter der Geraer Volkswachtdruckerei, die für die Endherstellung von »Glaube + Heimat« zuständig war, stoppte auf Anweisung »von oben« die Produktion und teilte der Redaktion mit, die klassenbewussten Arbeiter hätten sich geweigert, den staatsfeindlichen Brief der Kirche zu drucken. Er rate, ihn durch einen unverfänglichen Artikel zu ersetzen. Er werde dann dafür sorgen, dass »Glaube + Heimat« trotz Druckverzugs noch rechtzeitig ausgeliefert werde.

Die Redaktion war jedoch der Meinung, dass der Zensureingriff in Anbetracht der offenen Krise in den Beziehungen zwischen Staat und Kirche für jedermann bemerkbar bleiben sollte und lehnte das Angebot der SED-Druckerei ab. Dem angeblichen »Streik« der Betriebsbelegschaft widersprechend nahm sie es hin, dass die »Glaube + Heimat«-Ausgabe Nr. 39 vom 26. September 1976 ersatzlos wegfiel und auch später nicht nachgeliefert wurde. Sie vertraute einer Diktaturerfahrung: Wenn Worte verboten werden, vermag auch ihr Fehlen eine deutliche Sprache zu sprechen.

Gottfried Müller

Der Autor ist promovierter Theologe und war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube+Heimat«. Nach dem Mauerfall war er sieben Monate DDR-Medienminister.

Einheit – aber ja!

27. September 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das Vierteljahrhundert, das seit der deutschen Wiedervereinigung vergangen ist, lädt zur Rückschau ein. Als ein Wunder haben es die Deutschen empfunden, dass die Wiedervereinigung trotz aller Widerstände zustande kam. Am 9. Oktober 1989 in Leipzig hörte ich aus den Reihen der 70 000 Demonstranten Rufe wie: »Keine Gewalt!«, »Wir sind das Volk!« Wiedervereinigung hingegen forderte niemand.

Doch nur einen Monat später fiel die Berliner Mauer, man rief in den Demonstrationen: »Wir sind ein Volk!« Und die Politik in Berlin und Bonn, in Moskau und Washington, schließlich sogar in Paris und London nahm Kurs auf die Vereinigung. Am 3. Oktober 1990 wurde die deutsche Einheit in Freiheit und Recht vollendet. Viele Hoffnungen gingen in Erfüllung.

Allerdings bedeutete die deutsche Einheit für zahlreiche Ex-DDRler noch etwas anderes: Sie mussten mit enttäuschten Erwartungen fertigwerden. Nicht zuletzt betraf das auch die Kirchen. In der »Wende« hatte es geheißen, das zukünftige Deutschland werde protestantischer sein als es Westdeutschland allein gewesen war. Die Realität sah anders aus: Das Land wurde nicht protestantischer, sondern atheistischer. Enttäuschung verkraften mussten aber hauptsächlich jene, deren Berufs- und Lebenspläne durch die umfangreichen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft zerstört wurden.

Und doch: Vor allem hat die Wiedervereinigung für uns wieder Zukunftsaussichten und Chancen eröffnet, die unter der Herrschaft der versteinerten Greise im SED-Politbüro verloren gegangen waren.

Umfragen zeigen es: Die große Mehrheit der Deutschen in Ost und West erkennt in der Wiedervereinigung einen Glücksfall der Geschichte. Der 3. Oktober darf gefeiert werden!

Gottfried Müller

Der Autor ist promovierter Theologe und war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube + Heimat«.

Satire darf viel, aber nicht alles

18. Januar 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Medien: Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut

Die Anschläge auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« haben Europa bis ins Mark erschaüttert und die Debatte neu entflammt, was Satire darf und was nicht. Ein Debattenbeitrag über die Grenzen des Humors.

Eine Vorbemerkung sei mir gestattet: Uns Kirchenzeitungsredakteure, die wir früher in der DDR gearbeitet haben, braucht man über den hohen Wert der Pressefreiheit nicht aufzuklären. Sie liegt uns am Herzen. Aus diesem Grund kann ich nicht mehr emotionslos zusehen, wie mit der Forderung nach Schrankenlosigkeit die Freiheit der Meinung, der Medien und der Kunst infrage gestellt wird.

»Die Liebe – stärker als der Hass« steht auf dieser Karikatur, die während der Demonstration am Sonntag in Paris gezeigt wurde. Foto: Gail Orenstein/picture-alliance

»Die Liebe – stärker als der Hass« steht auf dieser Karikatur, die während der Demonstration am Sonntag in Paris gezeigt wurde. Foto: Gail Orenstein/picture-alliance

Der barbarische islamistische Anschlag in Paris hat Frankreich zu einer beeindruckenden Gemeinsamkeit zusammengeführt. Ziel der Terroristen war die Zeitschrift »Charlie Hebdo«, die in der unaufgearbeiteten Tradition des dänischen Karikaturenstreites von 2005 wiederholt verhöhnende Bilder des Propheten Mohammed abgedruckt hat.

Aber auch jüdische und christliche religiöse Werte wurden angegriffen. Trotzdem stellten sich vorige Woche mit Selbstverständlichkeit auch Muslime, Christen und Juden solidarisch zu den vielen Menschen, die in Trauer und Wut dem Terror eine Absage erteilten.

Über die Ereignisse im Nachbarland haben Medien hierzulande ausführlich und engagiert berichtet. Als Grundton im Konzert der Stimmen stellte sich unüberhörbar die Einsicht heraus, dass man auch in der Bundesrepublik die Mehrheit der friedlichen und gesetzestreuen Muslime von der Minderheit gewalttätiger Islamisten unterscheiden müsse. So weit, so gut!

Bedenklich in der deutschen Debatte ist jedoch ein Nebenargument, das immer mehr in den Vordergrund gerückt ist. Die Gemeinsamkeit der Demokraten droht zu zerbrechen, wenn das vor fast hundert Jahren von Kurt Tucholsky intonierte Lied angestimmt wird: Satire darf alles! Zur Probe aufs Exempel werden in einer Art Trotzreaktion vielfach weitere antiislamische Karikaturen abgedruckt.

Was damit gemeint ist, belegen Zitate, die sich leicht vermehren lassen. So hieß es in einem ZDF-Kommentar: »Es gehört zum Kern der Freiheit, selbst über die heiligsten Dinge spotten zu dürfen.« Weiter ausgreifend äußerte sich Präsident Helmut Heinen vom Bundesverband deutscher Zeitungsverleger. Seiner Auffassung nach muss die Gesellschaft »Satire, Tabubruch und Blasphemie« aushalten.

Wer erklärt, man dürfe hemmungslos über heiligste Dinge spotten, dem ist wahrscheinlich selbst nichts heilig. Aber darf er diesen Mangel in seinem Seelenhaushalt dadurch kompensieren, dass er sich am Heiligsten der muslimischen Mitmenschen vergreift? Und als Bürger und Christ verbitte ich es mir, dass mir ein Verbandsfunktionär vorschreiben will, was ich an Gotteslästerung und anderen Verirrungen auszuhalten habe. Es widerspricht jeglicher Vernunft, wenn durch karikierende Darstellungen des Religionsstifters Mohammed der Glaube aller seiner Anhänger beleidigt wird. Islam und Islamismus werden so nicht unterschieden, sondern in eins gesetzt. Was das für die Integration der muslimischen Mitbürger in unsere Gesellschaft bedeutet, liegt auf der Hand.

Schließlich: Wer Christus satirisch als gekreuzigten Frosch darstellt, wie es der Künstler Martin Kippenberger tat, verhöhnt zugleich – ganz menschlich gesehen – die Folteropfer aller Zeiten. Nach dem Holocaust sollte man es sich dreimal überlegen, ob man einen Juden in der Manier des Naziblattes »Stürmer« zeichnen darf.

Ich bleibe dabei: Satire ist manchmal nötig und darf viel. Mit Geist und Witz in Szene gesetzt, hat sie Sinn.

Aber sie verliert ihr Recht, wenn sie grenzen- und verantwortungslos absolut gesetzt wird.

Gottfried Müller

Der Autor war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube + Heimat«.

Bewegtes Leben in bewegenden Zeiten

16. August 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Im Porträt: Gottfried Müller, der langjährige Chefredakteur von »Glaube und Heimat«, vollendet sein 80. Lebensjahr

Am 16. August wird der promovierte Theologe, Journalist und Autor 80 Jahre alt. Er hatte in seinen Artikeln und vor allem den Kommentaren für die Kirchenzeitung ein Gespür für die richtigen Worte.

Die Szene ist lebhaft in Erinnerung geblieben: Im September 1989 sitzt der damalige Chefredakteur der Thüringer Kirchenzeitung »Glaube und Heimat«, Gottfried Müller, etwas unruhig vor den zur Synode des DDR-Kirchenbundes angereisten Medienvertretern aus Ost und West. Sein Anliegen ist ein »Brief aus Weimar«, den er zusammen mit drei Mitstreitern in der eigens einberufenen Pressekonferenz vorstellen will. Gottfried Müllers Anspannung hatte gute Gründe. Denn der »Brief« kam einer Palastrevolte in der damaligen DDR-CDU gleich. Statt sich als »Blockpartei« auch weiterhin dem ausweglosen Kurs der greisen SED-Führung zu unterwerfen, sollten die DDR-Christdemokraten, so das Anliegen der vier Briefeschreiber, sich in die Spitze der Reformkräfte einreihen. Nur wenige Wochen später musste Parteichef Gerald Götting, der sich vom starrsinnigen Erich Honecker kaum unterschied, seinen Hut nehmen – nicht ohne zuvor versucht zu haben, die Weimarer Briefeschreiber aus der Partei auszuschließen.

Gottfried Müller zum Jubiläum der Kirchenzeitung im Mai 2014. Neun Jahre war er ihr Chefredakteur. Foto: Maik Schuck

Gottfried Müller zum Jubiläum der Kirchenzeitung im Mai 2014. Neun Jahre war er ihr Chefredakteur. Foto: Maik Schuck

Sein Nachfolger wurde der Ost-Berliner Anwalt Lothar de Maizière, der im Frühjahr 1990 erster freigewählter Regierungschef der DDR wurde. Mit am Kabinettstisch saß Gottfried Müller, der mit seiner Briefinitiative den Wechsel in der Parteispitze erst möglich gemacht hatte. Dabei gehörten politische Ämter gar nicht zu den Ambitionen des promovierten Theologen. 1972 war er zwar der DDR-CDU beigetreten, hatte sich aber bis zu seinem Eisenacher Auftritt parteipolitisch eher passiv verhalten. Für seine politischen Anliegen nutzte er – spätestens ab Anfang der 1980er Jahre – andere Wege: vor allem die kirchliche Publizistik. Nach seinem Theologiestudium in Leipzig und Jena war er zunächst als Gemeinde- später als Studentenpfarrer tätig, 1972 wechselte er zur Altenburger Bibelanstalt. 1981 ging er nach Weimar, wo er bis 1989 als Chefredakteur die Wochenzeitung »Glaube und Heimat« leitete.
Was er in diesen Jahren allein an Kommentaren geschrieben hat, nötigt schon großen Respekt ab. Bemerkenswert ist aber nicht nur die große Zahl, sondern vor allem die Tatsache, wie er mit bewunderungswürdigem Geschick so ziemlich alles zur Sprache brachte, was Menschen in der DDR zu schaffen machte: die begrenzten Reisemöglichkeiten und die einseitige Berichterstattung in den SED-gelenkten DDR-Medien, die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und die zunehmenden Umweltprobleme, die Benachteiligung junger Christen im DDR-Bildungswesen, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit oder die publizistischen Halbwahrheiten in der DDR-Presse.

Dass er damit in besonderer Weise den Argwohn der SED und ihres allgegenwärtigen Staatssicherheitsdienstes erregte, kann nicht verwundern. Doch im Unterschied zu der Situation Ende September in Eisenach hat Gottfried Müller in all den Jahren zumeist große Gelassenheit und innere Ruhe ausgestrahlt. Er konnte freundlich streiten und sich friedlich dem Widerspruch stellen. Das ist ihm vor allem Ende der 1980er Jahre zugutegekommen, als kaum eine Woche verging, in der er nicht mit staatlichen Zensureingriffen zu kämpfen hatte. Geholfen hat es ihm zweifellos auch, als er zur Stasi-Mitarbeit gedrängt wurde und darauf unmissverständlich mit dem Hinweis reagierte, dass er dazu nicht bereit sei.

Ebenso in seinen politischen Ämtern nach der Friedlichen Revolution hat sich Gottfried Müller nicht verbiegen lassen – weder als Medienminister noch als Präsident des Thüringer Landtags oder als Präsident der Erfurter Kirchen- und Klosterkammer. Dass er in diesen Jahren für seine Ziele kämpfen musste, liegt nahe. Zugutegekommen sind ihm dabei sein herzlicher Humor und seine heitere Gelassenheit, die ihm aber auch im Ruhestand, wie er sagt, als »fröhlichem Rentner« nicht abhandengekommen sind.

Hans-Jürgen Röder

Der Journalist Hans-Jürgen Röder arbeitete seit 1979 als DDR-Korrespondent für den Evangelischen Pressedienst (epd) und war nach 1989 über 20 Jahre Leiter des von ihm 1990 gegründeten Landesdienstes Ost des epd.