Orgelsommer geht weiter

29. April 2018 von redaktionguh  
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Kulinarik und Orgelmusik: Die 27. Ausgabe des Festivals wird vom 29. Juni bis 22. Juli unter Leitung des neuen Präsidenten KMD Theophil Heinke (Waltershausen) veranstaltet.

Was ist das Besondere an diesem Ereignis, das in alle Regionen des Freistaates ausstrahlt? Wie möchten Sie das Profil prägen?
Heinke:
Thüringer Orgelsommer – das bedeutet viele Konzerte in vielen Kirchen, besonders auf dem Lande, wo es so zahlreiche sehenswerte sakrale Räume und hörenswerte Orgeln gibt. Das ist ein echter Schatz in Thüringen. In Zeiten der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft und des Rückzugs des gesellschaftlichen Lebens aus den strukturschwächeren Regionen wollen wir auf diese Besonderheiten aufmerksam machen.

Größte Barockorgel Thüringens: Seit 1995 spielt KMD Theophil Heinke das von Tobias Gotthilf Heinrich Trost von 1724 bis 1730 erbaute, aber nicht vollendete Instrument. Foto: privat

Größte Barockorgel Thüringens: Seit 1995 spielt KMD Theophil Heinke das von Tobias Gotthilf Heinrich Trost von 1724 bis 1730 erbaute, aber nicht vollendete Instrument. Foto: privat

Dies ist die Intention, die bereits der im vergangenen Jahr verstorbene »Spiritus Rector« des Orgelsommers Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller hatte und mit großem Engagement praktizierte. Dieses Profil möchte ich gemeinsam mit dem Vorstand unbedingt beibehalten. Ein zusätzlicher Schwerpunkt soll die Förderung des »Orgelnachwuchses« werden. Es gibt zahlreiche Orgeln in gutem Zustand, aber zunehmend fehlen die Organisten, die sie bespielen. Das hat sicherlich mehrere Ursachen. Ich möchte da gern Schwellenängste abbauen helfen und wieder die Begeisterung für dieses in einigen Regionen aus der Mode gekommene Instrument wecken.

Wie erfolgt die Auswahl der Orte? Können sich Gemeinden mit einer »interessanten« Orgel bewerben?
Heinke:
Jede Gemeinde mit einer interessanten Orgel kann sich bei uns bewerben und hat gute Chancen, da uns die Nutzung solcher Instrumente am Herzen liegt. Wichtig ist uns aber auch, dass Leute vor Ort unser Festival unterstützen und die Konzerte gut bekannt machen. Denn trotz der großen Auflage unserer Werbematerialien ist das Einladen vor Ort sehr, sehr wichtig. Wir haben auch immer mindestens einen Ort dabei, wo die Orgel nicht mehr zum Hörgenuss führen kann, sich aber die Gemeinde starkmacht für deren »Wiederbelebung«. So etwas zu unterstützen, ist erklärtes Ziel des Orgelsommers.

Beim diesjährigen Festival gibt es 27 Veranstaltungen, es soll aber wieder die einstige Anzahl erreicht werden. Wie viele Konzerte waren das in etwa?
Heinke:
Der Orgelsommer hatte bisher stets über 40 Konzerte, 2017 aufgrund der Reformationsfeierlichkeiten sogar über 50. Der Tod von KMD Preller kam überraschend und wir müssen uns im Orgelsommerteam erstmal neu sortieren, daher ist für uns die Zahl von 27 zunächst die machbare Größe. Wir streben aber wieder eine der einstigen vergleichbare Größenordnung an, wobei es nicht nur um die Anzahl der Konzerte, sondern auch darum geht, in allen Landesteilen präsent zu sein, dieses Jahr kommt Ostthüringen leider zu kurz.

Zum Profil des Orgelsommers gehört es, dass die »Königin der Instrumente« in Kombination mit anderen Instrumenten, Gesangsstimmen oder Ensembles erklingt. Steckt dahinter die Erfahrung, dass auf dem Lande das Interesse an reinen Orgelkonzerten nicht so groß ist?
Heinke:
Die Kombination Orgel plus hatte in den letzten Jahren wesentlich mehr Erfolg als Orgelsolokonzerte. Die Ursachen dafür mögen vielschichtig sein. Konzerte mit weiteren Musikern, die gemeinsam oder im Wechsel mit der Orgel musizieren, sind sicherlich interessanter im Klang und im Erleben. Der reine Orgelklang kann, zumal auf kleineren Instrumenten, auf Dauer etwas Statisches oder sehr Abstraktes haben, die Zuhörer erfreuen sich unter anderem besonders an Überraschungen und Abwechslung.

Auffällig in diesem Jahr ist, dass sich der Orgelsommer auch anderen Musikformen öffnet, wie hinduistischer Tempelmusik oder dem Liedermacher Gerhard Schöne. Soll dies zu einer weiteren Horizonterweiterung und stärkeren Breitenwirkung beitragen?
Heinke:
Das Öffnen für andere Musikformen hat sich bereits bewährt. So wurden z. B. im Reformationsjahr Luther-Choräle vom »Marco-Böttger-Swingtett« verjazzt. Oder die jüdische Klarinettistin Irith Gabriely brachte hervorragenden Klezmer mit ein. Diese Experimentierfreude ist mir auch sehr wichtig und ich möchte sie fortsetzen. Wir wollen, dass unsere Konzerte eine gewisse Leichtigkeit erhalten, schließlich finden die Konzerte im Sommer statt und nicht in der Passionszeit. Gerade weil sie zum Lobe Gottes erklingen, sollen die Orgeln jubeln.

In diesem Jahr trifft der Thüringer Orgelsommer auf Thüringer Gastlichkeit. Vor oder nach einigen Konzerten gibt es Kaffee und Kuchen, einen Imbiss oder einen Weinempfang.
Heinke:
Auch das hat bereits Tradition. Ich habe in beglückender Weise oft erlebt, wie ein Orgelsommerkonzert zu einer Art Dorf- oder Gemeindefest wurde. Die Kirchen waren voll und nach dem Konzert wurde gewaltig aufgetragen. Die Dorfgemeinschaften freuen sich in Zeiten des Rückzugs der dörflichen Infrastrukturen über solche »Highlights«.

Wie wollen Sie all dies neben Ihren Aufgaben als Kreiskantor stemmen?
Heinke:
Der Orgelsommer ist in der Tat eine große Herausforderung. Um mehr Luft zu bekommen, habe ich meinen Zuständigkeitsbereich als Orgelsachverständiger auf 20 Prozent runtergefahren und meine Tätigkeit als Lehrbeauftragter für die C-Ausbildung beendet. Auch meine Kirchenmusikerstelle ist auf 80 Prozent reduziert worden, was meiner Orgelsommertätigkeit zur Zeit sogar nützlich ist. Zusätzlich gibt es viele ehrenamtliche Helfer und eine Sekretärin steht mir zur Seite. Besonders hilfreich sind weiterhin der Schatzmeister Ulrich Bamberger, sowie mein Stellvertreter Andreas Conrad, Bezirkskantor in Schmalkalden, und seine Frau Anja Conrad, die große Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit einbringt.

Die Fragen stellte Michael von Hintzenstern.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Vorerst kein Nachfolger in Sicht

24. Juli 2017 von redaktionguh  
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Traditionspflege: Zum 26. Mal verantwortet Gottfried Preller den Thüringer Orgelsommer

Jetzt, in der zweiten Julihälfte, muss der Thüringer Orgelsommer ohne Gottfried Preller auskommen. Urlaub. Das muss sein, nach Monaten der Vorbereitung und bereits zwei Wochen Konzertbetrieb mit Gastspielen kreuz und quer im Freistaat. Eine Auszeit mitten im Dauertrubel, die zuvor beim Durchhalten eine schöne Aussicht bot. Denn der 69-Jährige ist noch immer das, was er gar nicht mehr sein wollte: für alles hauptverantwortlich. Er ist der künstlerische und organisatorische Leiter der landesweiten Konzertreihe, die kurz nach der Wende aus dem von ihm initiierten Arnstädter Orgelsommer hervorging. Und er ist der Präsident des Trägervereins, des Thüringer Orgelsommer e.V.

Natürlich gibt es Helfer. Sehr viele sogar in den Juliwochen, die Sorge tragen für das Gelingen der Veranstaltungen. Die Karten verkaufen, Programme verteilen, hinterher auch wieder aufräumen. In diesem Jahr sind sie bei 55 Konzerten im Einsatz, was einen Spitzenwert darstellt. Die hohe Zahl lässt sich leicht erklären: In mehreren Kirchen wurden jüngst Restaurierungsprojekte abgeschlossen, hier sollten die Orgeln unbedingt wieder in Konzerten zu hören sein. Das ist schließlich das Anliegen der Reihe. Sie will aufmerksam machen auf die kostbaren, teils jahrhundertealten Instrumente überall im Land – auf ihre Klangschönheit oder ihren Jammerzustand.

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Die zahlreichen Mitstreiter und die akribische Aufgabenverteilung und Planung der vergangenen Monate erlauben es, dass Gottfried Preller und seine Frau Annette doch wegfahren können. Obwohl sich noch immer kein Nachfolger gefunden hat. Zumindest keiner, der leidenschaftlich – oder verrückt – genug ist, die Leitung des Thüringer Orgelsommers in jenem ehrenamtlich-unbezahlten Umfang zu übernehmen, wie ihn Gottfried Preller seit einem Vierteljahrhundert stemmt. Dabei wollte der frühere Kirchenmusikdirektor, Bachkirchen-Kantor und Orgelsachverständige nach dem Jubiläumssommer 2016 eigentlich auch als Privatmann seinen Ruhestand beginnen. Nicht zuletzt, weil es die Rücksicht auf seine Gesundheit fordert.

Doch das Loslassen von Verantwortung muss vorerst verschoben werden. Der 69-Jährige kümmert sich weiter, so, wie er es seit 26 Jahren tut. Das ist vorübergehend eine Lösung und zugleich Teil des Dilemmas. »Ich dominiere den Laden«, sagt er mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstkritik. Immerhin gäbe es »den Laden« ohne ihn ja auch nicht und keiner kennt sich darin so gut aus wie Gottfried Preller. An die 2 000 Konzerte gab es schon im Thüringer Orgelsommer, deshalb weiß er, wo in der Rhön besonders viele Zuhörer kommen und in welcher Dorfkirche die Logistik knifflig zu lösen ist. Gibt es ein Problem, dann weiß er, wie es anzupacken ist, ohne großes Gerede.

Die Konzertreihe, ist sich Gottfried Preller sicher, kann auch künftig nur von einer Führungsperson geleitet werden. Einer muss das Sagen haben und die Verantwortung, aber er muss auch delegieren können – an weitere Ehrenamtliche. Anders als etwa die Thüringer Bachwochen hat der Thüringer Orgelsommer kein Budget, das es erlauben würde, für die Organisation, das Einwerben von Mitteln oder die Bewerbung der Reihe Mitarbeiter einzustellen. Was bei um die fünfzig Konzerten pro Jahrgang eigentlich vonnöten wäre. Es ist eben ein wirklich großer »Laden«, den Gottfried Preller da führt, mit viel Liebe und auch Selbstaufopferung, wie er sagt. Der Abschied in den Ruhestand ist jedenfalls erst einmal vertagt.

Susann Winkel

Noch bis zum 30. Juli präsentiert der Thüringer Orgelsommer Konzerte in Kirchen sowie open air.
www.orgelsommer.de

Die Orgeln in Arnstadt

23. Januar 2013 von redaktionguh  
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Jubiläen: Vor 100 Jahren wurde die Steinmeyer-Orgel gebaut und das Albert-Schweitzer-Hospital in Lambarene gegründet


Eine von Albert Schweitzer in Auftrag gegebene Expertise verbindet den Arzt von Lambarene mit Thüringen.

Was hat Albert Schweitzer mit der Steinmeyer-Orgel in der Arnstädter Johann-Sebastian-Bach-Kirche zu tun? 1913 gründete Schweitzer gemeinsam mit seiner Frau Helene in Lambarene das nach ihm benannte Hospital. Im selben Jahr wurde die Steinmeyer-Orgel erbaut. In Arnstadt wurde dieses Doppeljubiläum am 16. Januar mit einem Benefizkonzert gefeiert, dessen Erlös dem Hospital in Lambarene zugute kommen soll.

Außerdem wurde noch ein weiterer Geburtstag gefeiert: Die Wiedereinweihung der sanierten Bachkirche am 16. Januar 2000. Seitdem befinden sich in dem Gotteshaus zwei Orgeln, die rekonstruierte Wender-Orgel aus dem Jahr 1703 und die sanierte Steinmeyer-Orgel.

Gottfried Preller an der Wender-Orgel in der Arnstädter Bachkirche. – Foto: Sabine Kuschel

Gottfried Preller an der Wender-Orgel in der Arnstädter Bachkirche. – Foto: Sabine Kuschel

Die von Johann Friedrich Wender erbaute Orgel führte Johann Sebastian Bach nach Arnstadt. Er kam als junger Mann, 18-jährig, um das neue Instrument zu prüfen. »Ein einmaliger Vorgang, dass ein 18-Jähriger eine fertiggestellte Orgel prüft«, sagt Gottfried Preller, Kirchenmusikdirektor in Arnstadt. Kein Mensch hätte damals den unbekannten jungen Mann herangezogen, wäre nicht die Familie Bach gewesen, die in Arnstadt lebte und einen guten Ruf hatte. Vielleicht rechnete sich Bach auch Chancen auf eine Anstellung aus. Die Rechnung ging auf. Den Verantwortlichen gefiel sein Orgelspiel so gut, dass er kurzentschlossen als Organist angestellt wurde – es war seine erste Anstellung. Von 1703 bis 1708 wirkte er in Arnstadt, danach ging er nach Mühlhausen, wo er nur neun Monate blieb, weil ihm die Kirchenmusik dort zu ungeordnet erschienen sei, wie Preller bemerkt.

An der Orgel nagte der Zahn der Zeit. Zudem änderten sich mit den Epochen auch die Mode und das Klangideal. 1910 wurde beschlossen, die Orgel durch eine neue zu ersetzen. Die Firma Steinmeyer, Oettingen/Bayern erbaute unter Verwendung historischer Substanzen eine romantische Orgel. In dem 1913 fertiggestellten Instrument »befinden sich Reste jener Orgel, auf der Bach einst gespielt hatte«, präzisiert Preller.

Gottfried Preller kam 1981 als Kirchenmusiker nach Arnstadt. »Grund meines Kommens war die Vorbereitung des Bachjahres 1985.« Zum 300. Geburtstag des Meisters sollten profilierte Organisten dessen Werke spielen. Doch die Steinmeyer-Orgel war in einem sehr schlechten Zustand, nicht konzertfähig. Preller hätte sie gerne restaurieren lassen, doch unter DDR-Verhältnissen war das nicht möglich.

Erst mit der Wende tat sich die Chance auf, das Instrument überholen zu lassen. Das nächste Bachjahr, der 250. Todestag des Musikers, stand 2000 bevor. Es war ein bemerkenswertes Vorhaben, das Preller ins Visier nahm und engagiert anpackte: Die Sanierung der Steinmeyer-Orgel und die Rekonstruktion der Wender-Orgel. Die Zusage der finanziellen Förderung des Vorhabens in Höhe von 1 Million DM ermutigte die Kirchengemeinde, gleichzeitig die Bachkirche zu sanieren, die zu diesem Zweck für vier Jahre geschlossen wurde.

Detailliert beschreibt Preller, mit welcher wissenschaftlichen Genauigkeit und Sorgfalt die Restaurierung und Rekonstruktion vor sich gegangen sei. Die historischen Orgelpfeifen von 1703 seien ausgebaut, untersucht und nachgebaut worden. Auf das Ergebnis kann die Gemeinde stolz sein. Aufgestellt wurden die beiden Instrumente übereinander. Die Steinmeyer steht auf der erhöhten ersten Empore, sie ist hinter einer Gitterwand verborgen, darüber die barocke Wender-Orgel, die sich auf der obersten Empore in ihrer barocken Schönheit zeigt.

Was aber hat nun Albert Schweitzer mit der Steinmeyer-Orgel zu tun, außer dass deren Erbauung und die Gründung seines Hospitals in das Jahr 1913 fallen?

Die Expertise, die bei der Sanierung des Instrumentes herangezogen wurde, entstand im Auftrag Schweitzers. Er hat die erste gültige Bach-Biografie geschrieben und damit viel Geld verdient. Er verwendete es, um sich selbst weiterzubilden, studierte Medizin und gründete das Krankenhaus in Zentralafrika. Darüber hinaus wollte er eine Bachorgel erhalten. Davon gab es zwei in Thüringen, eine in Arnstadt, die andere in Mühlhausen.

Von beiden Instrumenten wurde 1950 die von Schweitzer beauftragte Expertise angefertigt. Da die Orgel in Arnstadt damals noch in einem relativ guten Zustand war, bekam die reparaturbedürftigere in Mühlhausen den Zuschlag. Das mag damals für die Arnstädter bedauerlich gewesen sein. Preller bezeichnet es aus heutiger Sicht als ein Glück, denn in den 1950er Jahren wäre niemals die Restaurierung der Steinmeyer-Orgel und die Rekonstruktion der Wender-Orgel realisiert worden. Der Kirchenmusikdirektor ist deshalb froh und zufrieden, dass es so gekommen ist. Auf diese Weise wurde die Arnstädter Bachkirche zu einem Zentrum der Orgelmusikpflege, zieht hochrangige Organisten, Studenten und Freunde der Orgelmusik aus aller Welt an.

Sabine Kuschel

Sommer voller Musik

25. Juli 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Seit 1992 bringt der Thüringer Orgelsommer die Instrumente im Freistaat zum Klingen. Sein Ziel: Die Menschen daran zu erinnern, welche musikalischen Kleinode in ihrem Land auf Hilfe warten.

Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller wurde 1981 Kantor an die Arnstädter Bach-Kirche. Als Orgelsachverständiger weiß er um die Schätze und Nöte in der Thüringer Orgellandschaft. Foto: Susann Winkel

Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller wurde 1981 Kantor an die Arnstädter Bach-Kirche. Als Orgelsachverständiger weiß er um die Schätze und Nöte in der Thüringer Orgellandschaft. Foto: Susann Winkel

»Wir tun etwas für die Orgeln in Thüringen«, das kann Gottfried Preller an diesem warmen Juliabend voller Überzeugung sagen. Dichte Menschentrauben haben sich auf dem Marktplatz von Arnstadt versammelt, um gemeinsam mit dem Kantor der Johann-Sebastian-Bach-Kirche und seinen Mitstreitern zu feiern. Zu feiern gibt es 20 Sommer voller Musik im Freistaat, 1558 Konzerte zwischen Nordhausen und ­Meiningen, zwischen Altenburg und Eisenach. An diesem Abend nun also das 1559., in Arnstadt, wo alles im Februar 1992 begann. Damals hatte sich auf Initiative von Gottfried Preller der Thüringer Orgelsommer e.V. gegründet. Ein gemeinnütziger Verein, der aufmerksam machen will auf die so einmalige wie bedrohte Thüringer Orgellandschaft – und retten, zumindest jedoch helfen.

Viel gab es zu tun, so desolat war der Zustand zahlreicher wertvoller Instrumente. Jahrzehnte hatte man sie dem Verfall preisgegeben – ein politisches Kalkül, um die Rolle der Kirche während des Sozialismus zu schwächen. Tiefe Wunden hat diese Taktik vor allem in Nordthüringen hinterlassen, sie sind bis heute zu sehen. Im Süden des Freistaates hat sich die ­Situation unterdessen längst gebessert. Generalsaniert beim Orgelbauer, haben viele der denkmalgeschützten ­Orgeln zu altem Wohlklang zurückgefunden. Auch dank der Unterstützung des Thüringer Orgelsommers.

An seinen jährlichen Konzertreihen beteiligen sich nicht nur Organisten aus dem In- und Ausland. Trompeten erklingen, Vokalisten, Alphorn, Tuba, Chöre, Marimbafone oder Pauken. So facettenreich das musika­lische Programm auch sein mag, im Fokus steht doch immer die Königin der Instrumente. »Wir machen ja auch einen Orgelsommer, keinen Flötensommer«, lacht Gottfried Preller. Gespielt wird überall. In Dorfkirchen, auf Burgen, Schlössern, gerne auch unter freiem Himmel. Auswahl gibt es reichlich, 2000 Orgeln, davon etwa 1500 historisch wertvolle, überwiegend aus der Barockzeit. Wo es keine Orgel gibt oder das vorhandene Instrument nicht mehr bespielbar ist, bringt der Verein kurzerhand die eigene mobile Spezialanfertigung mit.

Ungefähr 50.000 Euro kostet die Reihe pro Sommer. Finanziert wird sie aus den Eintrittsgeldern, Fördergeldern und der Unterstützung von Sponsoren. Bleibt Geld übrig, erhalten es Kirchengemeinden, die aktuell eine Restaurierungsmaßnahme durchführen. So wie im vergangenen Jahr, als drei Gemeinden je 700 Euro erhielten, um ihren Eigenanteil an der Finanzierung zu erhöhen. Welche das sind, darüber möchte Gottfried Preller nicht gerne reden. 15 waren es bisher, in 20 Sommern.

Und auch an diesem Geburtstagsabend im Juli steht da wieder die schmucke große Spendenpfeife. Für Münzen, besser noch für Scheine. Die Sorge und der Eifer für die gefährdeten Instrumenten-Kunstwerke, an denen schon Große wie Bach spielten – sie lassen den Kantor selbst in der Feststunde nicht los. Doch er wirbt nicht nur um Spenden, vielmehr wirbt er um Besucher für die Konzerte des Thüringer Orgelsommers. Damit sie an Ort und Stelle sehen, wofür der Verein kämpft – wohl auch die nächsten 20 Sommer.

Susann Winkel