Luther kommt zu uns

11. September 2017 von redaktionguh  
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Uraufführung: Mit dem Luther-Oratorium »Wachet recht auff« erfüllt sich der Berliner Komponist Ralf Hoyer einen langgehegten Traum. Mit ihm sprach Michael von Hintzenstern.

Was hat Sie bewogen, ein Luther-Oratorium zu schreiben?
Hoyer:
Ich persönlich liebe den Klang großer Kirchenräume und hatte auch schon mehrfach Gelegenheit, speziell für den Halberstädter Dom zu komponieren. Bei den Aufführungen dieser Werke entstand in mir immer die Vorstellung, ich würde das Gebäude mit Klang anfüllen, der die darin befindlichen Menschen trägt und einhüllt, der sie an der entstehenden Energie teilhaben lässt.

Als »Wiederholungstäter« suche ich immer nach Möglichkeiten, wieder in eine solche Situation zu kommen. Das ging nun parallel zu meiner Luther-Entdeckungsreise und so war mir ziemlich bald klar, dass meine nächste Arbeit für einen Kirchenraum ein groß besetztes Oratorium zu Luther sein müsste.

Zu meiner großen Freude war Kerstin Hensel, die ich schon lange kenne und als Dichterin sehr schätze, sofort bereit, mir einen Text dafür zu schreiben.

Welche inhaltlichen Ansatzpunkte bestimmten die Konzeption des Werkes?
Hoyer:
Es ist in erster Linie die Haltung des Widerstehens, des sich selbst treu Bleibens, die Kerstin Hensel und mich an Luther interessiert hat. Diese Haltung ist auch heute dringend notwendig, wenngleich für diejenigen, die sie an den Tag legen, oftmals ebenso riskant wie damals.

Luther war ein Mensch mit Zweifeln und Irrtümern, voll und ganz ein Kind seiner Zeit. Nur wenn er uns als ein solches gegenübertritt, nicht auf einem Sockel, kommt er uns – die wir Kinder unserer Zeit sind – nahe und wir verstehen ihn.

Es gab verschiedene Überlegungen, Aktualisierungen und deutliche Parallelen zu heute anzubringen – sie haben sich alle erübrigt. Es geht einfacher. Luther kommt zu uns in einer heutigen Musiksprache und wir kommen zu ihm, indem wir eintauchen in alte Choräle, die aus bitterster Not um Hoffnung und Erlösung bitten. Und indem wir ein altes Frühlingslied singen, das mit seinen, von Luther beförderten Spottversen auf den Papst auch den Frühling der Reformation meint.

Komponist Ralf Hoyer (l.) bespricht mit Mitgliedern der Kantorei Halberstadt sein Luther-Oratorium »Wachet recht auff«, das am 16. September im Halberstädter Dom seine Uraufführung erlebt. Foto: Sabine Scholz

Komponist Ralf Hoyer (l.) bespricht mit Mitgliedern der Kantorei Halberstadt sein Luther-Oratorium »Wachet recht auff«, das am 16. September im Halberstädter Dom seine Uraufführung erlebt. Foto: Sabine Scholz

In Ihrer Komposition wirken neben Profis auch Laien mit. Wie ist Ihnen dieser Spagat gelungen?
Hoyer:
Ob er gelungen ist, wird sich zeigen. Natürlich ist der Schwierigkeitsgrad an die Möglichkeiten von Laien angepasst. Dennoch sind ungewohnte Herausforderungen zu meistern. Für die Mitglieder des Posaunenchores beispielsweise ist es eine völlig neue Erfahrung, »nur« eine Farbe in einem Gesamtklang zu sein, wo sie doch sonst komplette Choräle spielen.

Dem in der Zuhörer-Gemeinde platzierten Laienchor kommt neben seiner Funktion als Gegensatz zum Chor auf der Bühne auch eine vermittelnde und identitätsstiftende Rolle gegenüber der Gemeinde zu. Im gemeinsamen Singen kann sich Übereinkunft herstellen. Luther wusste diese Tatsache zu nutzen, indem er nicht nur mit seinen Predigten, sondern auch mit seinen Kirchenliedern für die Weiterverbreitung der reformatorischen Ideen sorgte.

Was bedeutet für Sie der Reformator?
Hoyer:
Eine der beeindruckendsten Geschichten, die ich als Kind gehört habe, war jene, dass Martin Luther ein Blatt Papier mit 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg genagelt hätte.

Mit Hammer und Nägeln kannte ich mich als Achtjähriger schon aus und mit Blick auf unsere Kirchentür im Berliner Stadtteil Friedrichshagen stellte ich mir vor, dass es schwierig und anstrengend gewesen sein muss. Immerhin hörte ich im Religionsunterricht auch vom Ablasshandel und vom Mönch Tetzel … Es waren wunderbare, die Fantasie anregende Stunden. Verstanden habe ich vermutlich sehr wenig, aber das ist wohl normal und auch nicht weiter schlimm. Denn es war eine Spur gelegt.

So hat es mich – nach einer langen kirchenfernen Zeit – dann eines Tages doch interessiert, was es mit Luther und seinem »hier stehe ich …« auf sich hat. Diese Erkundungen dauern an.

Uraufführung: 16. September, 18 Uhr, Dom zu Halberstadt, Vokalconsort Berlin, Brandenburger Symphoniker, Kantorei Halberstadt, Leitung: KMD Claus-Ehrhard Heinrich; weitere Aufführungen: 17. September, 17 Uhr, Brandenburg, Dom; 23. September, 19.30 Uhr, Bayreuth, Stadtkirche

Stephanus’ fragile Hülle

26. Juni 2017 von redaktionguh  
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Herausforderung: Die Farbschicht der Steinskulpturen im Halberstädter Dom muss saniert werden. Doch es gibt noch keine Methode zur Beseitung der Schäden. Derzeit prüfen Experten, wie sie die Figuren retten können.

Dem heiligen Stephanus, dem Schutzpatron des Halberstädter Domes, geht es schlecht. Die Skulptur im Hohen Chor wirkt wie die des Co-Patrons Sixtus und der zwölf Apostel aschfahl und blickt zerfurcht in den Kirchenraum. Den 14-farbig gefassten Steinskulpturen geht es schlecht, diagnostiziert Restauratorin Corinna Grimm-Remus. Sie benötigen unbedingt eine Ganzkörperkur, wie Ralf Lindemann von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt erklärt. Geschieht das nicht, droht der Verlust der originalen Fassung, also der Farbschicht. »Die Farbe ist im Laufe der Zeit zu einer Hülle geworden, die losgelöst vom Stein steht«, erläutert Grimm-Remus auf dem Gerüst in fünf Metern Höhe, das sie den Figuren ganz nah sein lässt.

Sorgenvoller Blick: Restauratorin Corinna Grimm-Remus neben Stephanus. – Foto: Uwe Kraus

Sorgenvoller Blick: Restauratorin Corinna Grimm-Remus neben Stephanus. – Foto: Uwe Kraus

Das Problem: Es gibt noch keine Methode, wie derartigen Schäden beizukommen ist. Nur anderenorts treffen die Experten auf ebenso stark geschädigte mittelalterliche Skulpturen. Nun testen über drei Jahre Restauratoren im Halberstädter Dom Methoden, um Stephanus & Co. vor dem Verfall zu bewahren. Nicht einfach, schließlich betrete man damit Neuland. »Dazu gibt es nichts auf dem Markt«, so die Restauratorin, die sich wie kaum jemand anderes schon über Jahre mit den Steinen des Halberstädter Domes befasst. Dabei entpuppt sich nicht der Staubmantel der Jahrhunderte als Problem, sondern die Farbe, die nur noch einer Skulpturen-Hülle gleicht. Eine Notsicherung ist jetzt gefragt. Schließlich hätten Umwelteinflüsse über die Jahrhunderte die Haut der Figuren angekratzt. Im 19. Jahrhundert waren sie bei der Fenstersanierung über Jahre den schwankenden Außentemperaturen ausgesetzt. Nach dem ZweitenWeltkrieg lag sogar Schnee im Hohen Chor. So soll im Projekt geklärt werden, wie die massiven Schäden überhaupt entstanden sind.

300 000 Euro stehen dafür zur Verfügung, fast 120 000 Euro fließen allein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, wie deren Mitarbeiter Paul Bellendorf berichtet. »Ein spannendes Projekt, bei dem wir uns gerne engagieren.« Als besonders innovativen Aspekt sieht die Kulturstiftung eine Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar. Die lässt Drohnen im Dom kreisen, um alles dreidimensional darzustellen. Auch dabei ist Vorsicht geboten: Bei den Nahaufnahmen dürfen sich die kleinen Flugobjekte nicht zu dicht an die Figuren heranwagen. Die fragile Farbschicht könnte durch die Abluft weggepustet werden. Beim späteren »Facings« soll eine Art Schutz- oder Zwischenschicht im Sinne einer Kaschierung gefunden werden, die eine Fassungsfestigung und »Replatzierung« erlaubt, aber den Verlust der Fassung durch direkte Berührung verhindert. Dabei soll der Schmutz entfernt werden, ohne die Farbe zu beschädigen. Im Rahmen einer ersten Notsicherung soll das modellhaft entwickelte Vorgehen am gesamten Skulpturenbestand umgesetzt und fachlich überprüft werden. Dazu wird es auf einem Fachkolloquium einen Erfahrungsaustausch im Dom zu Halberstadt geben.

Uwe Kraus

Aus dem Blickwinkel der Kinder

26. Juli 2016 von redaktionguh  
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Publikation: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«


Ich habe mich auf die Augenhöhe der Kinder begeben. Was sieht denn eine Achtjährige, wenn sie an einer ganz normalen Domführung teilnimmt«, fragt die Harzer Superintendentin Angelika Zädow. Sie geht mal wieder unter die Autoren. »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker« heißt ihre unterdessen fünfte Publikation. Im sachsen-anhaltischen Verlag Janos Stekovics erschien ihr Büchlein.

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

»Eigentlich bin ich ziemlich überraschend dazu gekommen«, erinnert sich die Superintendentin. »Das Projekt lag im Dom schon einige Zeit auf Halde, unser Kinderdomführer war lange geplant, dann verließ uns unser Gemeindepädagoge.« Weil sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin viel mit und für Kinder getan hatte, reizte sie der »Führer durch diese Kathedrale«. So entwarf sie den Text, immer wieder mit dem Blick auf die Sicht von Kindern. »Mit Stefan Deike von der Agentur Ideen­Gut lernte ich einen super begabten Menschen kennen, der alles bestens ins Bild rückte.« Er habe mit seinen Illustrationen quasi durch Kinderaugen geschaut. »Er verbindet moderne comicartige Zeichnungen mit den alten Schätzen.« So läuft nun ein Bischof über alle Seiten dieses besonderen Kunstführers durch den Halberstädter Dom St. Stephanus und St. Sixtus.

Wenn Angelika Zädow selbst mit Kindergruppen durch das Gotteshaus unterwegs ist, fasziniert sie immer wieder die Detailliebe der Kleinen. »Ja, wozu sind denn die kleinen Haken über den Verzierungen am Chorgestühl da? – Weil daran an besonderen Festtagen kostbare Teppiche aufgehängt wurden.«

Die Superintendentin wählte verständliche Worte und kurze Sätze, fügt dem augenfreundlich gesetzten Text kleingedruckte Erklärungen als Kür-Teil hinzu. Sie schlägt immer wieder den Bogen zwischen den Zeichnungen und Erklärungen zur Liturgie, verweist bei der Beschreibung der Kopfbedeckung des Comic-Bischofs auf den Domschatz, in dem die wertvolle Mitra ausgestellt ist. Ihre Zeilen regen aber auch zum Selberdenken an. Die neuen Fenster mit modernen Formen und Farben erzählten keine biblische Geschichte. »Ich möchte den Kindern Raum geben, sich eigene Gedanken zu machen.« Ob sie selbst ein Lieblingsbild habe? »Klar, auf der Seite der Marienkapelle die Geburtsszene. Maria im Priester-Gestus, das gefällt mir als Frau und Pfarrerin.«

Uwe Kraus

Angelika Zädow: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«, Verlag Janos Stekovics, 20 S., ISBN 978-3-89923-334-6, 4,50 Euro

Große Freude, große Bürde

16. Februar 2016 von redaktionguh  
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Offene Kirchen: Erfahrungen aus Laucha bei Naumburg, Halberstadt und Eisleben

Als rund um Laucha an der Unstrut die Dorfkirchen erstmals außerhalb der Gottesdienste geöffnet wurden, da war die Unsicherheit groß. Ist das offene Kirchenportal eine Einladung für Diebe, wird dem Vandalismus Tür und Tor geöffnet? Fragen gab es viele – rund 15 Jahre später fallen die Antworten gut aus. »Wir haben eher weniger Einbrüche als vorher«, bilanziert Anne-Christina Wegner. Sie ist Pfarrerin in Laucha und betreut 14 Kirchen. Acht davon sind verlässlich geöffnet, die meisten auch im tiefsten Winter, eine sogar nachts. An zwei weiteren Kirchen informieren Aushänge, wo Neugierige einen Schlüssel bekommen können. Und nirgendwo gibt es eine permanente Aufsicht.

Rund 50 000 Menschen besuchen jährlich den Halberstädter Dom. Doch die Kirchengemeinde leidet unter der großen finanziellen Belastung, die die Öffnung des Gebäudes mit sich bringt. Foto: Jürgen Meusel

Rund 50 000 Menschen besuchen jährlich den Halberstädter Dom. Doch die Kirchengemeinde leidet unter der großen finanziellen Belastung, die die Öffnung des Gebäudes mit sich bringt. Foto: Jürgen Meusel

Gleichwohl, die wertvollsten Gegenstände sind weggeschlossen, betont die Pfarrerin. Zwei Vorkommnisse in 15 Jahren zählt sie auf: Einmal wurde der Kollektenkasten eingerissen, ein anderes Mal wurden alle Gesangbücher gestohlen. Dass ihre Beute keine reiche war, bemerkten die Diebe schnell und entsorgten die Bücher am nächsten Mülleimer, von wo ehrenamtliche Helfer sie wieder einsammelten und zurück in die Kirche brachten.

Viele helfende Hände packen im Pfarrbereich mit an, freut sich die Pfarrerin über jene, die etwa morgens die Kirche auf- und abends wieder zuschließen. »Darunter auch viele, die nicht in der Kirche sind«, meint Pfarrerin Wegner anerkennend. Ihre Beobachtung: Durch die Öffnung des Gebäudes jenseits des sonntäglichen Gottesdienstes, entdecken die Dorfbewohner ihre Kirche neu. So wird etwa Dorndorf als Radfahrerkirche stark frequentiert; hier stehen Getränke zur Erfrischung bereit. In Krawinkel, einem Sackgassendorf mitten im Naturschutzgebiet des Bibraer Forsts, stellen Laienkünstler und Fotografen aus. In Laucha ist die Kirche so etwas wie ein Bücherantiquariat samt Lesestube. Gegen eine Spende kann man sich die ebenfalls gespendeten Bücher mitnehmen und von dem Geld wird dann zum Beispiel ein Kindernachmittag organisiert.

Pfarrerin Anne-Christina Wegner betont, dass die Hauptamtlichen nur Impulse geben, in eine Richtung lenken können – bewegen muss sich der Gemeindekirchenrat selbst. Auch wenn in ihrem Pfarrbereich die Erfahrungen gut sind, kann die Pfarrerin Ängste und Sorgen andernorts nachvollziehen. Nötig sei es daher, dass die EKM auch die Verantwortlichkeit im Schadensfall klärt. Allein könne diese Last ein Gemeindekirchenrat nicht schultern.

Dass eine offene Kirche mit großem kunsthistorischem Schatz auch eine Bürde sein kann, erlebt der Gemeindekirchenrat von Halberstadt. »Die Kosten für Sicherheits- und Aufsichtskräfte, Strom und Klimageräte drücken uns ungemein, dadurch haben sich im Laufe der Zeit Schulden von 200 000 Euro angesammelt«, sagt Kirchenältester Dietmar Großmann. So brachte der Gemeindekirchenrat im vergangenen Oktober ins Spiel, neben dem Domschatz auch für den Dom ein Eintrittsgeld zu erheben. Nur allein entscheiden kann das Gremium darüber nicht. Denn Besitzerin des Domgebäudes, das jährlich von 50 000 Menschen kostenlos besichtigt wird, ist die Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt. »Wir sind zuversichtlich, gemeinsam eine Lösung zu finden«, meint Dieter Großmann. Bis Ende Juni wolle man sich geeinigt haben.

Eine bei Touristen beliebte Kirche leitet auch Simone Carstens-Kant. Sie ist Pfarrerin in der Petrikirche zu Eisleben; 1483 wurde hier Martin Luther getauft. Tagein, tagaus, Sommer wie Winter ist die Kirche geöffnet. »Unsere Ehrenamtlichen sind immer da. Sonst hätte ich Bedenken«, sagt die Pfarrerin. Zum einen geht es um den Schutz vor Diebstahl und Zerstörung, zum anderen um ein echtes Erleben der Kirche. Denn bei den Ehrenamtlichen können Besucher ihre Fragen loswerden. Nicht nur zu Luther und der Architektur; gerade durch den großen Taufbrunnen ergeben sich immer wieder Gespräche über die Taufe. »Und damit wirkt unsere Kirche viel weniger als ein Ort des Sightseeings oder als Museum und viel stärker als ein spiritueller, geistiger Ort«, sagt Pfarrerin Carstens-Kant.

Katja Schmidtke