Terminreiches Jubiläumsjahr

11. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Auswahlchor des Posaunenwerks feierte 500 Jahre Reformation und einen runden Geburtstag

Für den Auswahlchor des Posaunenwerkes der EKM endet ein terminreiches Jubiläumsjahr. Nicht nur die Reformation feierte Geburtstag – auch der Auswahlchor, der seit zehn Jahren besteht. 2007 von Landesposaunenwart Frank Plewka gegründet, gestaltet der Chor Gottesdienste und Konzerte, spielt vor Synoden und Fernsehkameras. Von Beginn an dabei ist Manuela Werner aus Halle.

Musik verbindet: Auch im Auswahlchor des EKM-Posaunenwerks spielen Männer und Frauen, Jung und Alt, Menschen aus dem Norden und aus dem Süden der Landeskirche. Foto: Posaunenwerk der EKM

Musik verbindet: Auch im Auswahlchor des EKM-Posaunenwerks spielen Männer und Frauen, Jung und Alt, Menschen aus dem Norden und aus dem Süden der Landeskirche. Foto: Posaunenwerk der EKM

Es begann mit einem Brief der Kirchengemeinde, erinnert sich Manuela Werner. Der Posaunenchor suchte Nachwuchs. Die damals Elfjährige ging zur Schnupperstunde und kam mit einem Flügelhorn zurück. Das tauschte sie erst gegen eine Trompete, diese später gegen eine Posaune ein. »Als Studentin war ich dann nur noch sporadisch in meinem Posaunenchor zu Hause, habe mir aber am Studienort einen neuen gesucht«, erzählt die gebürtige Nordhessin, die in der »Arche Nebra«, dem Museum am Fundort der Himmelsscheibe von Nebra, arbeitet. Mit Anfang 20 hängte sie die Posaune an den Nagel und begann Waldhorn zu lernen. »Eigentlich habe ich mir überall, wo es mich hin verschlug, einen Posaunenchor gesucht«, sagt die heute 42-Jährige.

In den Auswahlchor sei sie eher zufällig geraten. Frank Plewka hatte sie angesprochen, weil noch ein Horn fehlte und er ihr die Aufgabe zutraute. Die Aufnahme in den Auswahlchor erfolgt in der Regel nach einem Probespiel vor einer Jury. Erwartet werden neben der Mitgliedschaft in einem Posaunenchor des Posaunenwerks sowie der Bereitschaft zum Erarbeiten anspruchsvoller Literatur und intensiver Probenarbeit auch die Fähigkeit, mittelschwere Stücke vom Blatt zu spielen sowie Tonarten mit bis zu fünf Vorzeichen zu beherrschen, rhythmische Sicherheit und Kenntnisse verschiedener Stilrichtungen. »Wir sind aber kein ›Elite-Ensemble‹, sondern fest in unseren Gemeindeposaunenchören verankert«, so Manuela Werner.

Posaunenchöre – oft liebevoll »mobile Allwetter-Orgeln« genannt – sind aus der Gemeindearbeit nicht wegzudenken. Manch katholischer Pfarrer beneidet seinen evangelischen Amtsbruder darum, und vielerorts sind es evangelische Bläserchöre, die zu katholischen Anlässen lautstarke Ökumene pflegen. »Posaunenchöre haben den Auftrag, Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen musikalisch auszugestalten«, weiß Manuela Werner. »Aber sie sind auch eine besondere Gruppe innerhalb der Gemeinde. Hier machen die verschiedensten Leute zusammen Musik – Alt und Jung, Männer und Frauen, unterschiedliche soziale Gruppen. Für nicht wenige Mitglieder ist der Kontakt zur Gemeinde und zur Kirche wesentlich durch den Posaunenchor geprägt.«

Als Aushängeschild der Posaunenchorarbeit in der EKM will der Auswahlchor anderen Posaunenchören Mut machen, auch Neues auszuprobieren. In Konzerten sind deshalb neben vierstimmigen Arrangements für Blechbläser-Ensembles immer auch Stücke aus der üblichen Posaunenchorliteratur zu hören – von der modernen Choralbearbeitung bis zum klassischen Bach-Choral. Insgesamt reicht das Repertoire von Frühbarock bis Rockmusik.

In ihr Ehrenamt investieren die Mitglieder des Auswahlchores viel Zeit und nehmen für Proben und Auftritte oft weite Wege in Kauf. Aber der Chor ist in den zehn Jahren zu einer guten Gemeinschaft gewachsen. Posaunenchorarbeit ist eben nicht nur Dienst, sondern macht auch Spaß – ob »unten« an der Basis oder weiter »oben« im Auswahlchor des Posaunenwerkes der EKM.

Katharina Hille

Tipp: Rundfundgottesdienst mit Beteiligung des Auswahlschors am 24. Dezember, 10 Uhr, aus der Justizvollzugsanstalt Burg, Übertragung von MDR Kultur

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Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

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Erlebnis für Auge und Hand

14. November 2017 von redaktionguh  
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Neue Paramente für Erfurts Augustinerklosterkirche entstanden an der Burg Giebichenstein

Die neuen Paramente auf dem Altar und der Kanzel der Augustinerklosterkirche in Erfurt strahlen mit den Farben der prächtigen Fenster um die Wette. Sie leuchten rot, in verschiedenen Schattierungen, die man aus der Ferne als Faltenwurf wahrnimmt. Tritt man näher und berührt den Stoff, dann kann man Vieles ertasten: erhabene feste Stoffe, weiche Wolle, straffe Webfäden. Ein Erlebnis für die Wahrnehmung mit Auge und Hand.

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Zum Reformationstag wurden die ersten neuen Paramente an die Augustinerkirche in Erfurt übergeben. Studentinnen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle haben sie gemeinsam mit Professor Ulrich Reimkasten gestaltet. »Nachdem 2014 die restaurierten mittelalterlichen Fenster in der Kirche eingebaut wurden, entstand die Idee eines neuen Schmuckes des Altares und damit der Wunsch nach neuen Paramenten«, erklärt Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger.

Die Idee, gemeinsam mit der Burg Giebichenstein zu arbeiten, wurde geboren und vom Freundeskreis des Augustinerklosters unterstützt – ideell und finanziell.

Die beiden roten Paramente tragen den Titel »Anfang« und schmückten beim Gottesdienst am 31. Oktober zum ersten Mal die Kirche.

»Wir wollten mit den Paramenten Kraft ausdrücken. Die Kraft der eigenen Überzeugung«, erklärt Margarita Wenzel. Sie und ihre Mitstreiterinnen haben sich lange und intensiv mit der Geschichte des Ortes und der Bedeutung liturgischer Farben auseinandergesetzt. »Rot, das ist der Glaube, der Heilige Geist, das Bekenntnis. Wir wollten der Haltung und dem Stadtpunkt Martin Luthers und dem gesprochenen Wort damit Ausdruck verleihen«, ergänzt Kommilitonin Inka Schottdorf.

70 Prozent der Garne färbten die Studenten selbst

Dazu beschäftigten sich die Studenten mit Klanggrafiken und ließen sich von diesen inspirieren. Solche Klanggrafik wurde interpretiert und malerisch so lang weiter ausgeformt, bis sich schließlich eine ganz eigene Bildsprache fand. Vom malerischen Entwurf wurde das Bild in der Technik der Jacquardweberei umgesetzt.

Eine extreme Farbenkraft sollte die Textilien prägen. Dafür haben die Studentinnen im Laufe der Arbeit fast 70 Prozent der Garne, die sie benutzten, selbst gefärbt. Alpaca-Mohair-Wolle oder Viskose-Seide sind nur ein Teil all der verschiedenen Garne, die hier zum Einsatz kamen. Flauschig, fest, hoch und tief, zeichnen sie sich als zusammengewobenes Textil ab.

Professor Ulrich Reimkasten spricht von einer großen Ehre, ein solches Projekt umsetzen zu dürfen. »Zur Ehre kam aber auch Angst, etwas zu schaffen, was der Kraft und Qualität des Ortes und der Fenster in der Kirche nicht entspricht«, erläutert er. Er hat die Hoffnung, dass mit den neuen Paramenten der religiöse Charakter des Ortes bei den vielen Besuchern, die das Augustiner­kloster vorrangig aus touristischem Interesse besuchen, noch stärkeren Eindruck macht. »Über die ästhetische Begeisterung soll die Begeisterung für die religiöse Bedeutung des Ortes geweckt werden«, so Reimkasten. Er sieht die Paramente als Antwort auf die Bildgewaltigkeit und Farbigkeit der Fenster der Augustinerkirche.

Kunsthochschule entwirft weitere Altarbehänge

Pünktlich zum Reformationsjubiläum haben die neuen rotfarbenen Paramente den Anfang gemacht und schmücken nun den Altar der Klosterkirche. Im Laufe des Kirchenjahres werden drei weitere Paramente in den Farben Weiß, Grün und Violett dazu kommen. Die Entwürfe existieren bereits.

Diana Steinbauer

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Hilfe im Zeichen des Kreuzes – die Vision des Henri Dunant

22. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

Jeremia 17, Vers 14

Am 26. Oktober jährt sich die Gründung des Roten Kreuzes zum 154. Mal. Henri Dunant erlebte bereits im Jahr 1859 die Schlacht von Solferino und San Martino, die den Sardinischen Krieg zwischen Österreich und Sardinien entscheiden sollte. Die Österreicher verloren den Krieg, 6 000 Soldaten wurden getötet, etwa 25 000 waren verletzt worden. Unter dem Eindruck dieser grausamen Geschehnisse und im Wissen darum, dass es zu dieser Zeit noch keinerlei institutionelle Versorgung für die Kriegsversehrten gab, entschloss sich Dunant, die Gründung einer solchen Organisation gemeinsam mit Unterstützern voranzutreiben. Ihr Erkennungs- und Schutzzeichen sollte eine weiße Armbinde mit rotem Kreuz werden – das Rote Kreuz war geboren. Henri Dunant engagierte sich in der Folge in einem bis dahin unbekannten Maß um die Versorgung von Soldaten, die aufgrund von Kriegsfolgen erkrankt oder verletzt waren. Er kümmerte sich um die Opfer eines Denkens, das davon ausgeht, dass Krieg etwas zum Besseren bewegen kann.

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde, Halle

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde, Halle

Die Welt ist erkrankt. Die Menschheit leidet unter der ernstzunehmenden Gesundheitsbeeinträchtigung, zu glauben, dass Krieg etwas Gutes bewirken kann. Heile du die Welt, Herr, damit sie heil wird; damit wehrlose Menschen nicht mehr unter Kriegen leiden müssen; damit Folter ein Ende hat; damit Unterdrückte wieder eine Stimme bekommen. Hilf du der Welt, dass sie erkennt, dass nur friedliche Wege zu einem versöhnlichen Ende führen können; dass Waffen keine Stimme der Vernunft haben; dass Diplomatie die wahre Stimme des Geistes ist.

Henri Dunant hat sich um die am Körper Erkrankten und Verletzten gesorgt. Ich glaube, dass Gott die Kraft hat, sich auch um den Geist zu kümmern. Unser Geist kann durch seinen Geist verändert werden. Wenn wir diesen Gedanken zulassen, wenn wir den Wochenspruch in uns wirken lassen, dann haben Krieg und Zerstörung, Folter und Terror keine Chance. Eine schöne Vision …

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde, Halle

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Ein christliches Freudenkonzert

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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»Gaudium Christianum« von 1617 wird in Gera und Eisenach aufgeführt

Anlässlich des 100. Jahrestages des Lutherischen Thesenanschlages wurden in den protestantischen Gebieten des deutschen Reiches Festgottesdienste gehalten. Über deren musikalische Bestandteile liegen vor allem Zeugnisse aus lutherischen Gebieten vor, da die Musik in den Liturgien der reformierten Kirchen eher eine untergeordnete Rolle spielte.

Die einzige geschlossene und vollständig erhaltene Komposition zum Reformationsjubiläum 1617 ist das sechsteilige »Gaudium Christianum« des Kantors und Pfarrers Michael Altenburg. Er wurde 1584 in Alach bei Erfurt geboren, studierte Theologie, war zunächst Kantor an der Erfurter Andreaskirche, dann im Erfurter Umland tätig, bevor er als Diakon und Pastor an die Andreaskirche zurückkehrte. Sein Werk entstand wahrscheinlich in Tröchtelborn, wo er möglicherweise auch als Kantor arbeitete.

Altenburg kombinierte die wesentlichen Kompositionsstile seiner Zeit, vom einfachen Choralsatz bis zur vierchörigen Schreibweise. Durch das damals gebräuchliche Instrumentarium wie Zinken, Posaunen, Dulzian, Chitarrone und Orgel, die sich in verschiedensten Kombinationen mit Gesangssolisten und Chor abwechseln, erzeugte er unterschiedlichste Klangfarben.

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Monumentalität erreichte er durch die Verwendung von Trompeten und Pauken, die sonst fürstlichen Kapellen vorbehalten waren.

Unter dem Titel »Lutherisches Jubelgeschrey« werden in Gera und Eisenach neben Altenburgs Werk auch kontrastierende, klanglich opulente Kompositionen von Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Johann Walter und Heinrich Schütz zu hören sein. Schütz’ Kompositionen waren wiederum Teil der Dresdner Feierlichkeiten zum 100. Reformationsjubiläum, die musikhistorisch von großer Bedeutung sind, da ihr genauer Ablauf überliefert ist.

Der Landesjugendchor Thüringen und das Johann Rosenmüller Ensemble wirken in Gera und Eisenach das erste Mal gemeinsam. Der Landesjugendchor wurde 2013 wiedergegründet. Sein Repertoire umfasst geistliche wie weltliche A-cappella-Musik, reicht von Vertonungen des 16. Jahrhunderts bis zu Kompositionen der Gegenwart. Der Schwerpunkt des Johann Rosenmüller Ensembles liegt in der Wiederaufführung unbekannter Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Dabei wird Wert auf authentische Interpretation durch gründliches Quellenstudium und das Spielen auf Kopien von Originalins­trumenten gelegt. Unterstützt werden der Chor und die Musiker von sechs Solisten. Die Gesamtleitung liegt bei Nikolaus Müller. Er ist Universitätsmusikdirektor der Ruhr-Universität Bochum und künstlerischer Leiter der Robert-Franz-Singakademie Halle und des Landesjugendchores.

(G+H)

14. Oktober, 19 Uhr: St. Salvator-Kirche, Gera; 15. Oktober, 19.30 Uhr: Wartburg-Festsaal, Eisenach

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Innere Einkehr und Meditation

4. September 2017 von redaktionguh  
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Pilgerprojekt im Kirchenkreis Gera: Moderne Kunst in alten Kirchen

Bereits zum neunten Male laden alte Dorfkirchen in Gera zum Pilgern und zum Kennenlernen von Kunst ein. »NIMBUS – Pilgern und Kunst in Kirchen« heißt das Projekt, das der Geraer Zeichner und Maler Erik Buchholz im Jahre 2008 erstmalig organisierte.

Lokaltermin: Erik Buchholz und Claudia Fischer besprechen in Gera-Zwötzen Details ihrer Foto-Ausstellung. Foto: Wolfgang Hesse

Lokaltermin: Erik Buchholz und Claudia Fischer besprechen in Gera-Zwötzen Details ihrer Foto-Ausstellung. Foto: Wolfgang Hesse

»NIMBUS möchte neue Kunst dorthin bringen, wo die Kirchenräume die Spiritualität und das Ehrwürdige atmen. So verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit und stellen ganz besonders junge Künstler und deren Schaffen in den Mittelpunkt«, erklärt der Initiator. »Andacht, innere Einkehr und Meditation finden wir in der modernen Lyrik, in der Musik, in einem Bild und auch in neuen Kunstformen, wie Video, Beleuchtung oder Klang.«

»Wir haben uns entschieden, zu NIMBUS 2017 wieder die Kirchen am südlichen Stadtrand einzubeziehen«, gesteht Erik Buchholz. So werden neben den Kirchen in Gera-Pforten und Markersdorf die Gotteshäuser in Zwötzen, Kaimberg, Liebschwitz und Taubenpreskeln einladen.

Die Taubenpreskelner Kirche liegt inmitten eines Friedhofes und inte­griert sich in das sie umgebende Grün. Buchholz hat Gerd Kaden aus Greiz vergangenes Jahr hier kennengelernt. Der Bildhauer war von der Idee begeistert und konnte für die Kirche in Gera-Liebschwitz gewonnen werden. Seine Arbeiten knüpfen an Darstellungen der geschundenen Kreatur an. Sein Gekreuzigter oder Schmerzensmann greift dieses Thema auf und führt es weiter.

Timm Kregel hat sich die Kirche Taubenpreskeln ausgesucht. Der 1957 in Leipzig geborene Grafiker studierte unter anderem Kunst und Design in Halle auf Burg Giebichenstein. Derzeit beschäftigt er sich mit Skulpturen, Malerei und Grafik. Seit 1999 lebt und arbeitet er in Gorsleben.

Claudia Fischer lebt in Jena und Lissabon und hat sich für die Zwötzener Kirche St. Martini entschieden. Die Künstlerin hat Fotografie in Rochester und Leipzig studiert und beschäftigt sich mit Themen, die sie fotografisch beschreibt. In Zwötzen zeigt sie ihre aktuellen Arbeiten. Sprache und Text verwandelt sie in eine Kunstform. Auf ihren Fotografien wird Text eines Laserdruckers »unter die Lupe genommen« und extrem vergrößert. Dabei sieht man Grafiken, die Holzschnitten ähneln. Diese Objekte werden sich beweglich in den Kirchenraum einpassen.

Die Schwedin Nina Lundström lebt seit dem Jahre 2000 in Weimar und arbeitet als Cutterin beim Fernsehen. Das Medium Video hat es ihr angetan. In der Kirche Gera-Pforten möchte sie einladen, ihre Kunst so zu entdecken, »wie wir das Leben in und mit dem Körper erleben«. Ihre Arbeiten zeigen Möglichkeiten, aus dem Alltäglichen auszubrechen und die Freiheit zu gestalten.

Tanja Pohl wirkt in Greiz und zählt zu den interessantesten Nachwuchskünstlerinnen. Ihre Werke, von Druckgrafik über Malerei bis hin zur Plastik, werden in Kaimberg zu sehen sein. Schließlich wird Angelika Weikert, eine Malerin aus Sangerhausen, meditative Arbeiten in der Kirche Markersdorf ausstellen.

Wolfgang Hesse

9. September bis 3. Oktober, am Wochenende von 10 bis 17 Uhr

Alle Töne der Register

28. August 2017 von redaktionguh  
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Der Experte: Eckhart Rittweger hat neben seinem Engagement als Kirchenmusiker in Gernrode in der Landeskirche Anhalts eine Zusatzaufgabe. Als Orgelsachverständiger bekommt er es aber eher mit den maroden unter den 180 Orgeln zu tun.

Einen besseren Arbeitsplatz kann man sich gar nicht wünschen«, sagt Eckhart Rittweger und schaut an der Schuster-Orgel in der Cyriakuskirche in Gernrode hinauf. Oben scheint sein Instrument wie von Dachziegeln gekrönt. »Manche nennen es himmlisches Jerusalem.« 640 Pfeifen hat seine Orgel, von denen aber nur 40 gespielt werden, der Rest ist Zierrat. Rittweger ist Kreiskirchenmusikwart, Kantor und quasi »nebenbei« zu seinem normalen Kirchenmusiker-Dasein Orgelsachverständiger der anhaltischen Landeskirche. Damit hat er in der »Landeskirche der kurzen Wege« rund 180 Orgeln zu betreuen, von denen 150 spielbar seien.

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Als er einst als Sachverständiger antrat, hatte er den frommen Wunsch, einmal quer durchzukommen, also alle Instrumente mal kennenzulernen. »Im Normalbetrieb völlig unmöglich«, musste er erfahren. So sind es in erster Linie die maroden Orgeln, mit denen er es zu tun bekommt. »Die Gemeinden fragen mich, wenn sie ihre Instrumente restaurieren oder reparieren wollen, ob ich vorbeikommen kann. Dann werden Kostenvoranschläge eingeholt, ich erläutere die Fachbegriffe und empfehle Orgelbaufirmen.« In geringem Maße können zudem Fördermittel angefordert werden. Doch der Etat ist klein und die Gemeinden sind gefordert, kreativ Geld zusammenzukratzen. Wenn die Handwerker ihren Auftrag erfüllt haben, schaut Eckhart Rittweger wieder vorbei, um die Orgel abzunehmen. Als Orgelsachverständiger kriegt er mehr mit, als die meisten Gemeindeglieder, er merkt, wenn der Tastengang etwas seltsam ist, spielt alle Töne jedes Registers durch. Dem Sachverständigen ist wichtig, dass nicht nur die Orgel restauriert, sondern auch, »dass sie genutzt wird und nicht nur in der Kirche steht«.

Dass Eckhart Rittweger sein Amt liegt, hat auch etwas mit seiner Lebensgeschichte zu tun. Zu seiner durch die DDR gebrochenen Biografie gehört, dass er aus politischen Gründen von der Erweiterten Oberschule verwiesen wurde und dann Tischler lernte. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Restaurator am Kunstgewerbemuseum Berlin-Köpenick. Auf Schloss Burgk im thüringischen Vogtland, wo er im Museum tätig war, kam er mit der dortigen Silbermann-Orgel in Berührung. Später studierte er Kirchenmusik in Halle und trat nach zwei Jahren dort 1989 seine Stelle in Gernrode an.

Zu einer Zeit, in der im Kirchenkreis Ballenstedt noch mehrere Kirchenmusiker tätig waren. Heute ist Eckhart Rittweger der einzige. Und ein sehr rühriger dazu. Im Juni und September lädt er zu »16 2/3«, einer wöchentlichen Orgelmusik dienstags um genau diese Zeit – 16.40 Uhr – ein. Zur Gernröder Gemeinde gehört der Gospelchor »Rainbowsingers«, der Posaunenchor mit 18 Mitspielern und die 60-stimmige Kantorei. So erklingt hier das Weihnachtsoratorium und im September der »Lobgesang« von Mendelssohn Bartholdy, zu dem die Kantoreien Aschersleben und Neinstedt als Unterstützung kommen. Doch der Kantor vergisst nicht, all die Ehrenamtlichen zu würdigen, die in den Gottesdiensten Orgel spielen oder in den Gemeinden Chöre leiten.

Wenn man mit dem Orgelsachverständigen redet, spürt der Musikfreund, der Mann kennt seine Orgeln in der Landeskirche und deren Erbauer; die unscheinbaren und nicht minder klangschönen, aber auch die spektakulären. Die größte Orgel, sie wurde gerade aufwendig gereinigt, steht seit 1990 in der Johanniskirche in Dessau. Sie hat 48 Register. Eines mehr als die Köthener Ladegast-Orgel von 1872. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Die älteste spielbare Orgel steht in Klieken: ein eher kleines Instrument mit acht Registern von 1768 aus der Zuberbier-Werkstatt.

Doch ein Superlativ bewegt ihn derzeit besonders: das größte Orgelprojekt. Von der Röver-Orgel in der Marienkirche in Bernburg war nicht mehr viel Pfeifenmaterial vorhanden, einige Windladen gibt es noch. Die Gemeinde hat eine kaputte Orgel aus Alsleben an der Saale erworben und will aus den beiden eine spielfähige machen. Sie soll begehbar sein, sodass der Besucher dann durch Plexiglas die pneumatische Orgel sieht.

Uwe Kraus

Der Vater der »Rechtschreibung«

14. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Anhaltgeschichte(n): Der Sprachreformer und Poet Philipp von Zesen aus Anhalt besang seine Heimat und das Vaterland in tausend Versen. Zu Lebzeiten war er eher als Dichter erfolgreich.

Bin ich schon in Amsterdam bei den schönen Amstelinnen/Denk’ ich dannoch immerzu an die lieblichen Mildinnen. Werd’ ich lüstern schon gemacht durch der Amsteltöchter Spiel:

Dannoch bist du solcher Lust/liebstes Prirau/einigs Ziel. […] Aber was verzieh’ ich noch einen Wunsch zu guhter letzte Dir zu schenken/dir/ach! dir/das mich ehmals so ergetzte/Dir/mein Askre/Tespe/Päst/dir das recht ich nennen mus/Liebstes Prirau/dem ich hier geben diesen Liebeskus?«

Das Herz des Anhalters schlägt höher, vernimmt er diese Zeilen. Dabei lag dieses Priorau, das hier besungen wird, im Jahr ihrer Veröffentlichung (1680) gar nicht in Anhalt, sondern in einer kursächsischen Enklave südlich von Dessau.

Der Dichter, auf den diese Zeilen zurückgehen, stand 1680 im 61. Lebensjahr und war einer der meistgelesenen Literaten. Philipp von Zesen wurde 1619 in Priorau als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Schulbesuch in Halle veröffentlichte er noch während des Studiums in Wittenberg erste poetologische und poetische Werke. Früh wurde seine Innovationskraft deutlich, indem er dem Daktylus, einer antiken Grundform der Versbildung, zum »Revival« verhalf.

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

1643 gründete Zesen in Hamburg die »Deutschgesinnte Genossenschaft«, eine standes- und geschlechterübergreifende Gesellschaft zur Pflege der deutschen Sprache. Heute ist er wegen seiner Bemühungen um die Verdeutschung von Fremdwörtern ein Begriff: Zwar ist der vielzitierte »Gesichtserker« anstelle der »Nase« nicht von ihm, und seine Verdeutschung des Wortes »Pistole« als »Meuchelpuffer« hat sich ebenso wenig durchsetzen können wie der »Jungferzwinger« anstatt des Frauenklosters, aber immerhin gehen »Rechtschreibung« statt »Orthografie«, »Anschrift« statt »Adresse«, »Besprechung« für Rezension und »Freistaat« für Republik auf ihn zurück.

In seiner Zeit war Zesen vor allem als Dichter erfolgreich; auch als Übersetzer französischer und englischer Romane machte er sich einen Namen. Seine Hauptwohnorte waren Hamburg und Amsterdam. Dass er 1649 in die Fruchtbringende Gesellschaft, die größte und älteste Sprachakademie Deutschlands mit Sitz in Köthen, aufgenommen wurde, lag auch daran, dass er 1648 nach Priorau zurückgekehrt war und sich am Hof in Dessau als Gesellschafter aufhielt. Fünf Jahre später wurde Zesen von Kaiser Ferdi­nand III. geadelt. Schon 1541, also mit 22 Jahren, hatte er das Gedicht »Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne« veröffentlicht. Es steht unter Nr. 444 im EG.

Manches an der Barockdichtung erscheint uns fremd und umständlich, und Zesens eigenwillige Reformvorschläge blieben schon damals nicht ohne Kritik. Heute ist die Forschung sich jedoch einig, dass seine Poetik mithalf, eine »geschmeidige deutsche Literatursprache« zu schaffen (Ferdinand van Ingen), ohne die die klassische Dichtung kaum denkbar wäre.

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

»Prirau oder Lob des Vaterlandes« – so lautet der Titel des 1 000 Verse umfassenden Gedichts – ist ein patriotisches Werk. Aber dieser Patriotismus ist keiner, der sich selbst genügt oder andere herabsetzt, sondern er steht in eben diesem Kontext einer ideellen Aufwertung deutscher Kultur. Dem Gedicht fügte Zesen einen Anmerkungsapparat hinzu, der in der Erstpublikation viermal so lang war wie das Gedicht. Im Haupttext werden der Reichtum und die Schönheit einer vermeintlich unbedeutenden Landschaft aufgeschlossen; über Anspielungen wird in den Fußnoten in die Welt der Antike eingeführt. Dieses Wissen sollte nicht länger der Griechisch und Lateinisch beherrschenden Elite vorbehalten sein. Die deutsche Sprache eignete sich, dies ist Zesens wichtigste Botschaft, ebenso zu seiner Vermittlung.

Priorau steht für die Provinz, aber diese Provinz ist aller Mühen und Ehren wert. In ihrer nur scheinbaren Banalität gehört ihr die tiefste Zuneigung des lyrischen Ichs, die auch im verführerischen Amsterdam nicht verblasst: Dieses Priorau ist sein »Askre, Tespe, Päst« – das sind Städte der griechischen Mythologie – und Prioraus Berg, der Finkenberg am westlichen Muldeufer (die »Milde« ist die Mulde), das ist der »Helikon« des lyrischen Ichs. Er ist ihm mindestens so viel wert wie jenes sagenumwobene Gebirge in Griechenland.

Und der dieses Land kennt, um das es geht, wird sich auch heute dem Wunsch, mit dem das Gedicht schließt, kaum verschließen können:

»Es gehaben sich dan wohl deine Gärte[n]/mit den Feldern/Mit den Auen/mit der Trift/mit den Aengern/Wiesen/Wäldern/Mit den Bächen, mit der Mild’ und den Teichen/jahr für jahr! Alles/was mein Prirau hägt/sei gesegnet immerdar!«

Jan Brademann

Altes Leben in neuer Freiheit als Christenmenschen

6. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Dieser Spitzensatz paulinischer Theologie blickt von der Ostererfahrung her auf zwei Momente jüdischer Schöpfungstheologie. Diese ergeben sich aus dem Glauben an das Geschaffen-Sein des Menschen, das Kreatur-Sein, und erhalten von Paulus ihre christliche Deutung.

Zum einen die Kreatur des Menschen als Ebenbild Gottes. Anders als in jüdischer Theologie wird diese Ebenbildlichkeit nicht primär in der Leiblichkeit des Menschen sichtbar. Die Leiblichkeit des Menschen erhält zwar durch Jesus eine neue, ethische Bedeutung und ist zentraler Aspekt in der Theologie des Paulus, wurde aber im Zuge neuzeitlicher Philosophie zurückgedrängt. Vernunft, Freiheit und Autonomie sind die neuen Stichworte, die mit ihrem Einfluss heute noch ein christliches Menschenbild ermöglichen, ohne die Körperlichkeit zu betonen.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Zum anderen nimmt das Christentum das Scheitern der Beziehung zwischen Mensch und Gott in den Blick, wie es mit dem Ausschluss aus dem Paradies erzählt wird. Die Distanzierung zwischen Gott und Mensch erhält als »Sündenfall« eine herausgehobene Rolle. Der Mensch als endliches Wesen tritt zu Gott als dem Ewigen in eine Opposition.

Diese Spannung zwischen Ebenbild-Sein und Sünder-Sein wird für Paulus durch den Glauben an Christus aufgehoben. Die christliche Lehrtradition bekräftigt im Konzil in Chalcedon (451 n. Chr.) dieses neue Menschenbild. Das, was der Mensch wahrhaft ist, entscheidet sich nicht empirisch, sondern theologisch an dem, was Christus ist – wahrer Mensch und wahrer Gott.

Die »Erlösung« oder »Versöhnung«, von der das Christentum redet, besteht darin, dass die ursprüngliche Freiheit des Menschen mit Christus wiederhergestellt ist. »Zur Freiheit hat uns Christus befreit!« (Galater 5), die Opposition zu Gott wird überwunden und der Mensch in nächste Nähe zu Gott gerückt, sodass es heißen kann: »Ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!« (Römer 8,15 b).

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

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