Ein christliches Freudenkonzert

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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»Gaudium Christianum« von 1617 wird in Gera und Eisenach aufgeführt

Anlässlich des 100. Jahrestages des Lutherischen Thesenanschlages wurden in den protestantischen Gebieten des deutschen Reiches Festgottesdienste gehalten. Über deren musikalische Bestandteile liegen vor allem Zeugnisse aus lutherischen Gebieten vor, da die Musik in den Liturgien der reformierten Kirchen eher eine untergeordnete Rolle spielte.

Die einzige geschlossene und vollständig erhaltene Komposition zum Reformationsjubiläum 1617 ist das sechsteilige »Gaudium Christianum« des Kantors und Pfarrers Michael Altenburg. Er wurde 1584 in Alach bei Erfurt geboren, studierte Theologie, war zunächst Kantor an der Erfurter Andreaskirche, dann im Erfurter Umland tätig, bevor er als Diakon und Pastor an die Andreaskirche zurückkehrte. Sein Werk entstand wahrscheinlich in Tröchtelborn, wo er möglicherweise auch als Kantor arbeitete.

Altenburg kombinierte die wesentlichen Kompositionsstile seiner Zeit, vom einfachen Choralsatz bis zur vierchörigen Schreibweise. Durch das damals gebräuchliche Instrumentarium wie Zinken, Posaunen, Dulzian, Chitarrone und Orgel, die sich in verschiedensten Kombinationen mit Gesangssolisten und Chor abwechseln, erzeugte er unterschiedlichste Klangfarben.

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Monumentalität erreichte er durch die Verwendung von Trompeten und Pauken, die sonst fürstlichen Kapellen vorbehalten waren.

Unter dem Titel »Lutherisches Jubelgeschrey« werden in Gera und Eisenach neben Altenburgs Werk auch kontrastierende, klanglich opulente Kompositionen von Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Johann Walter und Heinrich Schütz zu hören sein. Schütz’ Kompositionen waren wiederum Teil der Dresdner Feierlichkeiten zum 100. Reformationsjubiläum, die musikhistorisch von großer Bedeutung sind, da ihr genauer Ablauf überliefert ist.

Der Landesjugendchor Thüringen und das Johann Rosenmüller Ensemble wirken in Gera und Eisenach das erste Mal gemeinsam. Der Landesjugendchor wurde 2013 wiedergegründet. Sein Repertoire umfasst geistliche wie weltliche A-cappella-Musik, reicht von Vertonungen des 16. Jahrhunderts bis zu Kompositionen der Gegenwart. Der Schwerpunkt des Johann Rosenmüller Ensembles liegt in der Wiederaufführung unbekannter Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Dabei wird Wert auf authentische Interpretation durch gründliches Quellenstudium und das Spielen auf Kopien von Originalins­trumenten gelegt. Unterstützt werden der Chor und die Musiker von sechs Solisten. Die Gesamtleitung liegt bei Nikolaus Müller. Er ist Universitätsmusikdirektor der Ruhr-Universität Bochum und künstlerischer Leiter der Robert-Franz-Singakademie Halle und des Landesjugendchores.

(G+H)

14. Oktober, 19 Uhr: St. Salvator-Kirche, Gera; 15. Oktober, 19.30 Uhr: Wartburg-Festsaal, Eisenach

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Innere Einkehr und Meditation

4. September 2017 von redaktionguh  
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Pilgerprojekt im Kirchenkreis Gera: Moderne Kunst in alten Kirchen

Bereits zum neunten Male laden alte Dorfkirchen in Gera zum Pilgern und zum Kennenlernen von Kunst ein. »NIMBUS – Pilgern und Kunst in Kirchen« heißt das Projekt, das der Geraer Zeichner und Maler Erik Buchholz im Jahre 2008 erstmalig organisierte.

Lokaltermin: Erik Buchholz und Claudia Fischer besprechen in Gera-Zwötzen Details ihrer Foto-Ausstellung. Foto: Wolfgang Hesse

Lokaltermin: Erik Buchholz und Claudia Fischer besprechen in Gera-Zwötzen Details ihrer Foto-Ausstellung. Foto: Wolfgang Hesse

»NIMBUS möchte neue Kunst dorthin bringen, wo die Kirchenräume die Spiritualität und das Ehrwürdige atmen. So verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit und stellen ganz besonders junge Künstler und deren Schaffen in den Mittelpunkt«, erklärt der Initiator. »Andacht, innere Einkehr und Meditation finden wir in der modernen Lyrik, in der Musik, in einem Bild und auch in neuen Kunstformen, wie Video, Beleuchtung oder Klang.«

»Wir haben uns entschieden, zu NIMBUS 2017 wieder die Kirchen am südlichen Stadtrand einzubeziehen«, gesteht Erik Buchholz. So werden neben den Kirchen in Gera-Pforten und Markersdorf die Gotteshäuser in Zwötzen, Kaimberg, Liebschwitz und Taubenpreskeln einladen.

Die Taubenpreskelner Kirche liegt inmitten eines Friedhofes und inte­griert sich in das sie umgebende Grün. Buchholz hat Gerd Kaden aus Greiz vergangenes Jahr hier kennengelernt. Der Bildhauer war von der Idee begeistert und konnte für die Kirche in Gera-Liebschwitz gewonnen werden. Seine Arbeiten knüpfen an Darstellungen der geschundenen Kreatur an. Sein Gekreuzigter oder Schmerzensmann greift dieses Thema auf und führt es weiter.

Timm Kregel hat sich die Kirche Taubenpreskeln ausgesucht. Der 1957 in Leipzig geborene Grafiker studierte unter anderem Kunst und Design in Halle auf Burg Giebichenstein. Derzeit beschäftigt er sich mit Skulpturen, Malerei und Grafik. Seit 1999 lebt und arbeitet er in Gorsleben.

Claudia Fischer lebt in Jena und Lissabon und hat sich für die Zwötzener Kirche St. Martini entschieden. Die Künstlerin hat Fotografie in Rochester und Leipzig studiert und beschäftigt sich mit Themen, die sie fotografisch beschreibt. In Zwötzen zeigt sie ihre aktuellen Arbeiten. Sprache und Text verwandelt sie in eine Kunstform. Auf ihren Fotografien wird Text eines Laserdruckers »unter die Lupe genommen« und extrem vergrößert. Dabei sieht man Grafiken, die Holzschnitten ähneln. Diese Objekte werden sich beweglich in den Kirchenraum einpassen.

Die Schwedin Nina Lundström lebt seit dem Jahre 2000 in Weimar und arbeitet als Cutterin beim Fernsehen. Das Medium Video hat es ihr angetan. In der Kirche Gera-Pforten möchte sie einladen, ihre Kunst so zu entdecken, »wie wir das Leben in und mit dem Körper erleben«. Ihre Arbeiten zeigen Möglichkeiten, aus dem Alltäglichen auszubrechen und die Freiheit zu gestalten.

Tanja Pohl wirkt in Greiz und zählt zu den interessantesten Nachwuchskünstlerinnen. Ihre Werke, von Druckgrafik über Malerei bis hin zur Plastik, werden in Kaimberg zu sehen sein. Schließlich wird Angelika Weikert, eine Malerin aus Sangerhausen, meditative Arbeiten in der Kirche Markersdorf ausstellen.

Wolfgang Hesse

9. September bis 3. Oktober, am Wochenende von 10 bis 17 Uhr

Alle Töne der Register

28. August 2017 von redaktionguh  
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Der Experte: Eckhart Rittweger hat neben seinem Engagement als Kirchenmusiker in Gernrode in der Landeskirche Anhalts eine Zusatzaufgabe. Als Orgelsachverständiger bekommt er es aber eher mit den maroden unter den 180 Orgeln zu tun.

Einen besseren Arbeitsplatz kann man sich gar nicht wünschen«, sagt Eckhart Rittweger und schaut an der Schuster-Orgel in der Cyriakuskirche in Gernrode hinauf. Oben scheint sein Instrument wie von Dachziegeln gekrönt. »Manche nennen es himmlisches Jerusalem.« 640 Pfeifen hat seine Orgel, von denen aber nur 40 gespielt werden, der Rest ist Zierrat. Rittweger ist Kreiskirchenmusikwart, Kantor und quasi »nebenbei« zu seinem normalen Kirchenmusiker-Dasein Orgelsachverständiger der anhaltischen Landeskirche. Damit hat er in der »Landeskirche der kurzen Wege« rund 180 Orgeln zu betreuen, von denen 150 spielbar seien.

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Als er einst als Sachverständiger antrat, hatte er den frommen Wunsch, einmal quer durchzukommen, also alle Instrumente mal kennenzulernen. »Im Normalbetrieb völlig unmöglich«, musste er erfahren. So sind es in erster Linie die maroden Orgeln, mit denen er es zu tun bekommt. »Die Gemeinden fragen mich, wenn sie ihre Instrumente restaurieren oder reparieren wollen, ob ich vorbeikommen kann. Dann werden Kostenvoranschläge eingeholt, ich erläutere die Fachbegriffe und empfehle Orgelbaufirmen.« In geringem Maße können zudem Fördermittel angefordert werden. Doch der Etat ist klein und die Gemeinden sind gefordert, kreativ Geld zusammenzukratzen. Wenn die Handwerker ihren Auftrag erfüllt haben, schaut Eckhart Rittweger wieder vorbei, um die Orgel abzunehmen. Als Orgelsachverständiger kriegt er mehr mit, als die meisten Gemeindeglieder, er merkt, wenn der Tastengang etwas seltsam ist, spielt alle Töne jedes Registers durch. Dem Sachverständigen ist wichtig, dass nicht nur die Orgel restauriert, sondern auch, »dass sie genutzt wird und nicht nur in der Kirche steht«.

Dass Eckhart Rittweger sein Amt liegt, hat auch etwas mit seiner Lebensgeschichte zu tun. Zu seiner durch die DDR gebrochenen Biografie gehört, dass er aus politischen Gründen von der Erweiterten Oberschule verwiesen wurde und dann Tischler lernte. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Restaurator am Kunstgewerbemuseum Berlin-Köpenick. Auf Schloss Burgk im thüringischen Vogtland, wo er im Museum tätig war, kam er mit der dortigen Silbermann-Orgel in Berührung. Später studierte er Kirchenmusik in Halle und trat nach zwei Jahren dort 1989 seine Stelle in Gernrode an.

Zu einer Zeit, in der im Kirchenkreis Ballenstedt noch mehrere Kirchenmusiker tätig waren. Heute ist Eckhart Rittweger der einzige. Und ein sehr rühriger dazu. Im Juni und September lädt er zu »16 2/3«, einer wöchentlichen Orgelmusik dienstags um genau diese Zeit – 16.40 Uhr – ein. Zur Gernröder Gemeinde gehört der Gospelchor »Rainbowsingers«, der Posaunenchor mit 18 Mitspielern und die 60-stimmige Kantorei. So erklingt hier das Weihnachtsoratorium und im September der »Lobgesang« von Mendelssohn Bartholdy, zu dem die Kantoreien Aschersleben und Neinstedt als Unterstützung kommen. Doch der Kantor vergisst nicht, all die Ehrenamtlichen zu würdigen, die in den Gottesdiensten Orgel spielen oder in den Gemeinden Chöre leiten.

Wenn man mit dem Orgelsachverständigen redet, spürt der Musikfreund, der Mann kennt seine Orgeln in der Landeskirche und deren Erbauer; die unscheinbaren und nicht minder klangschönen, aber auch die spektakulären. Die größte Orgel, sie wurde gerade aufwendig gereinigt, steht seit 1990 in der Johanniskirche in Dessau. Sie hat 48 Register. Eines mehr als die Köthener Ladegast-Orgel von 1872. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Die älteste spielbare Orgel steht in Klieken: ein eher kleines Instrument mit acht Registern von 1768 aus der Zuberbier-Werkstatt.

Doch ein Superlativ bewegt ihn derzeit besonders: das größte Orgelprojekt. Von der Röver-Orgel in der Marienkirche in Bernburg war nicht mehr viel Pfeifenmaterial vorhanden, einige Windladen gibt es noch. Die Gemeinde hat eine kaputte Orgel aus Alsleben an der Saale erworben und will aus den beiden eine spielfähige machen. Sie soll begehbar sein, sodass der Besucher dann durch Plexiglas die pneumatische Orgel sieht.

Uwe Kraus

Der Vater der »Rechtschreibung«

14. August 2017 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Der Sprachreformer und Poet Philipp von Zesen aus Anhalt besang seine Heimat und das Vaterland in tausend Versen. Zu Lebzeiten war er eher als Dichter erfolgreich.

Bin ich schon in Amsterdam bei den schönen Amstelinnen/Denk’ ich dannoch immerzu an die lieblichen Mildinnen. Werd’ ich lüstern schon gemacht durch der Amsteltöchter Spiel:

Dannoch bist du solcher Lust/liebstes Prirau/einigs Ziel. […] Aber was verzieh’ ich noch einen Wunsch zu guhter letzte Dir zu schenken/dir/ach! dir/das mich ehmals so ergetzte/Dir/mein Askre/Tespe/Päst/dir das recht ich nennen mus/Liebstes Prirau/dem ich hier geben diesen Liebeskus?«

Das Herz des Anhalters schlägt höher, vernimmt er diese Zeilen. Dabei lag dieses Priorau, das hier besungen wird, im Jahr ihrer Veröffentlichung (1680) gar nicht in Anhalt, sondern in einer kursächsischen Enklave südlich von Dessau.

Der Dichter, auf den diese Zeilen zurückgehen, stand 1680 im 61. Lebensjahr und war einer der meistgelesenen Literaten. Philipp von Zesen wurde 1619 in Priorau als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Schulbesuch in Halle veröffentlichte er noch während des Studiums in Wittenberg erste poetologische und poetische Werke. Früh wurde seine Innovationskraft deutlich, indem er dem Daktylus, einer antiken Grundform der Versbildung, zum »Revival« verhalf.

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

1643 gründete Zesen in Hamburg die »Deutschgesinnte Genossenschaft«, eine standes- und geschlechterübergreifende Gesellschaft zur Pflege der deutschen Sprache. Heute ist er wegen seiner Bemühungen um die Verdeutschung von Fremdwörtern ein Begriff: Zwar ist der vielzitierte »Gesichtserker« anstelle der »Nase« nicht von ihm, und seine Verdeutschung des Wortes »Pistole« als »Meuchelpuffer« hat sich ebenso wenig durchsetzen können wie der »Jungferzwinger« anstatt des Frauenklosters, aber immerhin gehen »Rechtschreibung« statt »Orthografie«, »Anschrift« statt »Adresse«, »Besprechung« für Rezension und »Freistaat« für Republik auf ihn zurück.

In seiner Zeit war Zesen vor allem als Dichter erfolgreich; auch als Übersetzer französischer und englischer Romane machte er sich einen Namen. Seine Hauptwohnorte waren Hamburg und Amsterdam. Dass er 1649 in die Fruchtbringende Gesellschaft, die größte und älteste Sprachakademie Deutschlands mit Sitz in Köthen, aufgenommen wurde, lag auch daran, dass er 1648 nach Priorau zurückgekehrt war und sich am Hof in Dessau als Gesellschafter aufhielt. Fünf Jahre später wurde Zesen von Kaiser Ferdi­nand III. geadelt. Schon 1541, also mit 22 Jahren, hatte er das Gedicht »Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne« veröffentlicht. Es steht unter Nr. 444 im EG.

Manches an der Barockdichtung erscheint uns fremd und umständlich, und Zesens eigenwillige Reformvorschläge blieben schon damals nicht ohne Kritik. Heute ist die Forschung sich jedoch einig, dass seine Poetik mithalf, eine »geschmeidige deutsche Literatursprache« zu schaffen (Ferdinand van Ingen), ohne die die klassische Dichtung kaum denkbar wäre.

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

»Prirau oder Lob des Vaterlandes« – so lautet der Titel des 1 000 Verse umfassenden Gedichts – ist ein patriotisches Werk. Aber dieser Patriotismus ist keiner, der sich selbst genügt oder andere herabsetzt, sondern er steht in eben diesem Kontext einer ideellen Aufwertung deutscher Kultur. Dem Gedicht fügte Zesen einen Anmerkungsapparat hinzu, der in der Erstpublikation viermal so lang war wie das Gedicht. Im Haupttext werden der Reichtum und die Schönheit einer vermeintlich unbedeutenden Landschaft aufgeschlossen; über Anspielungen wird in den Fußnoten in die Welt der Antike eingeführt. Dieses Wissen sollte nicht länger der Griechisch und Lateinisch beherrschenden Elite vorbehalten sein. Die deutsche Sprache eignete sich, dies ist Zesens wichtigste Botschaft, ebenso zu seiner Vermittlung.

Priorau steht für die Provinz, aber diese Provinz ist aller Mühen und Ehren wert. In ihrer nur scheinbaren Banalität gehört ihr die tiefste Zuneigung des lyrischen Ichs, die auch im verführerischen Amsterdam nicht verblasst: Dieses Priorau ist sein »Askre, Tespe, Päst« – das sind Städte der griechischen Mythologie – und Prioraus Berg, der Finkenberg am westlichen Muldeufer (die »Milde« ist die Mulde), das ist der »Helikon« des lyrischen Ichs. Er ist ihm mindestens so viel wert wie jenes sagenumwobene Gebirge in Griechenland.

Und der dieses Land kennt, um das es geht, wird sich auch heute dem Wunsch, mit dem das Gedicht schließt, kaum verschließen können:

»Es gehaben sich dan wohl deine Gärte[n]/mit den Feldern/Mit den Auen/mit der Trift/mit den Aengern/Wiesen/Wäldern/Mit den Bächen, mit der Mild’ und den Teichen/jahr für jahr! Alles/was mein Prirau hägt/sei gesegnet immerdar!«

Jan Brademann

Altes Leben in neuer Freiheit als Christenmenschen

6. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Dieser Spitzensatz paulinischer Theologie blickt von der Ostererfahrung her auf zwei Momente jüdischer Schöpfungstheologie. Diese ergeben sich aus dem Glauben an das Geschaffen-Sein des Menschen, das Kreatur-Sein, und erhalten von Paulus ihre christliche Deutung.

Zum einen die Kreatur des Menschen als Ebenbild Gottes. Anders als in jüdischer Theologie wird diese Ebenbildlichkeit nicht primär in der Leiblichkeit des Menschen sichtbar. Die Leiblichkeit des Menschen erhält zwar durch Jesus eine neue, ethische Bedeutung und ist zentraler Aspekt in der Theologie des Paulus, wurde aber im Zuge neuzeitlicher Philosophie zurückgedrängt. Vernunft, Freiheit und Autonomie sind die neuen Stichworte, die mit ihrem Einfluss heute noch ein christliches Menschenbild ermöglichen, ohne die Körperlichkeit zu betonen.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Zum anderen nimmt das Christentum das Scheitern der Beziehung zwischen Mensch und Gott in den Blick, wie es mit dem Ausschluss aus dem Paradies erzählt wird. Die Distanzierung zwischen Gott und Mensch erhält als »Sündenfall« eine herausgehobene Rolle. Der Mensch als endliches Wesen tritt zu Gott als dem Ewigen in eine Opposition.

Diese Spannung zwischen Ebenbild-Sein und Sünder-Sein wird für Paulus durch den Glauben an Christus aufgehoben. Die christliche Lehrtradition bekräftigt im Konzil in Chalcedon (451 n. Chr.) dieses neue Menschenbild. Das, was der Mensch wahrhaft ist, entscheidet sich nicht empirisch, sondern theologisch an dem, was Christus ist – wahrer Mensch und wahrer Gott.

Die »Erlösung« oder »Versöhnung«, von der das Christentum redet, besteht darin, dass die ursprüngliche Freiheit des Menschen mit Christus wiederhergestellt ist. »Zur Freiheit hat uns Christus befreit!« (Galater 5), die Opposition zu Gott wird überwunden und der Mensch in nächste Nähe zu Gott gerückt, sodass es heißen kann: »Ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!« (Römer 8,15 b).

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Berufsziel erreicht

1. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Nachwuchs: 29 frisch ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) werden in diesem Jahr insgesamt 29 Theologen, 19 Frauen und 10 Männer, zu Pfarrern und Gemeindepädagogen ordiniert. Damit übertrage ihnen die EKM das Recht, öffentlich in Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen das Evangelium zu verkündigen und die Sakramente – Taufe und Abendmahl – zu spenden, teilte die mitteldeutsche Kirche mit. Diese Beauftragung gelte auf Lebenszeit.

Propst Christian Stawenow (links) segnet Ann-Sophie Schäfer. Ordination ist die Einsegnung in den Dienst der Kirche. Zentrales Zeichen ist dabei die Handauflegung. Foto: Hannah Katinka Beck

Propst Christian Stawenow (links) segnet Ann-Sophie Schäfer. Ordination ist die Einsegnung in den Dienst der Kirche. Zentrales Zeichen ist dabei die Handauflegung. Foto: Hannah Katinka Beck

In Eisenach wurden zur Pfarrerin oder zum Pfarrer ordiniert: Anne Boel­ter (Kirchenkreis Schleiz), Johannes Burkhardt (KK Erfurt), Kathrin Hollax (KK Haldensleben-Wolmirstedt), Hanna Jäger (KK Torgau-Delitzsch), Inga Mergner (KK Eisleben-Sömmerda), Conrad Neubert (KK Arnstadt-Ilmenau), Christina Petri (KK Gotha), Jürgen Reifarth (KK Erfurt), Ann-Sophie Schäfer (KK Torgau-Delitzsch), Jennifer Scherf (KK Merseburg) und Stefanie Schwalbe (KK Schleiz). Conrad Krannich erhält als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle einen Predigtauftrag in der Reformierten Domgemeinde. In den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst werden ordiniert Oberin Annegret Bachmann (KK Eisenach-Gers­tungen), Dr. Gabriel Gatzsche (KK Arnstadt-Ilmenau), Ernest Goldhahn (KK Waltershausen-Ohrdruf), Anita Meinig (KK Arnstadt-Ilmenau) und Mirko Weisser (KK Altenburger Land).

Am Sonntag werden in Wittenberg zur Pfarrerin beziehungsweise zum Pfarrer ordiniert: Susanne Entschel (Sondervikariat in Melbourne/Australien), Constanze Greiner (KK Henneberger Land), Martina Grigutsch (KK Egeln), Ina Lambert (KK Haldensleben-Wolmirstedt) und Torben Linke (KK Bad Liebenwerda). In ihren Dienst als Ordinierte Gemeindepädagogin wird ordiniert Rebekka Prozell (KK Elbe-Fläming). In den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst werden ordiniert Angela Göbke (KK Magdeburg), Ga­briele Grothe (KK Elbe-Fläming), Birgit Kamprath (KK Altenburger Land), Michaela Möbius (KK Stendal) und Reiner Sporer (KK Halberstadt). Ramón Seliger, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, erhält mit seiner Ordination einen Predigtauftrag in Weimar.

Die Ernennung und Einsegnung erfolgte in Eisenach durch Landesbischöfin Ilse Junkermann und den Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt, Christian Stawenow. In Wittenberg wird neben der Landesbischöfin der Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg, Christoph Hackbeil, mitwirken.

(G+H/epd)

Macht es wie die Schafe – Vertrauen braucht kein Verständnis

29. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, Verse 11.27.28

Es ist schon mal gut zu wissen, dass Jesus kein Präsident ist, kein Bundeskanzler oder Minister für Soziales. Aber es wird nicht verständlicher, wenn er sich als Hirte vorstellt. Es ist schon mal gut zu wissen, dass diejenigen, die zu ihm gehören, nicht wegen ihrer besonderen Gelehrsamkeit bekannt sind. Aber es macht es nicht einfacher, wenn er die Seinen als Schafe vorstellt. Denn nun bleibt, was er sagt, unverstanden, eine gebrabbelte Melodie. Und die, die die Stimme hören, bleiben im Unwissen darüber, was er sagt. Das Eigentümliche des Verhältnisses zwischen Hirten und Schafen ist, dass er spricht und sie nur hören. Die Worte entfalten für die Schafe keinen Sinn. »Sag es doch, wenn du der Messias bist.« »Ich bin der Hirte«, sagt Jesus, »ihr seid die Schafe.« Er kennt sie, sie aber kennen ihn nicht. Sie hören ein Rauschen von Stimme. Der Hirte ruft die Schafe mit Namen. Sie hören, aber verstehen nicht und folgen doch. Vertrauen braucht kein Verständnis.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Es ist nicht viel. Es ist keine Wortgewalt, keine Predigt, keine gelehrte Tiefsinnigkeit, keine theologische Extravaganz. Ich weiß nicht, was es ist, was die Schafe in der Stimme wiedererkennen. Vielleicht die Erinnerung an eine Melodie. Vielleicht bloß ein Rauschen, ein Säuseln, ein Klang, ein Pfeifen. Die Schafe erinnern sich jedenfalls und gewinnen die Ewigkeit. Die Schafe verstehen die Stimme des Hirten nicht. Was er ruft, bleibt unverstanden. Die Schafe folgen aber, wenn seine Stimme erklingt. Vertrauen braucht kein Verstehen. Die Schafe haben Erinnerung genug, einer Stimme zu folgen. Was Jesus dem Einzelnen zuruft, bleibt ein Geheimnis. Es verstehen zu wollen, bleibt aussichtslos. Dass er uns ruft, bedeutet alles. Es bedeutet ewiges Leben. Wer will da nicht gemacht sein zu Schafen seiner Herde und unverständig aus der Wolle schauen. Der Hirte ist ihr Herr, wovor sollten sie sich fürchten und wozu sollten sie die Stimme verstehen? Sein Stab führt sie zum frischen Wasser und zu saftigen Auen. Mehr braucht es nicht.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Anhalt schrieb Reformationsgeschichte

27. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Die Welt blickt 2017 zumeist auf Wittenberg. Aber auch andernorts wurde evangelische Kirchengeschichte geschrieben. In Anhalt-Bernburg zum Beispiel, wo Reformierte und Lutheraner schiedlich-friedlich zusammenlebten.

Zwar war das kleine und immer wieder erbgeteilte Fürstentum Anhalt eines der ersten, das sich der Wittenberger Reformation anschloss. Aber im Laufe der Jahrhunderte ging es eigene Wege und leistete sich zwei Konfessionen im Land. Bei einer Tagung unter dem Thema »Von der Reformation zur Union« am 18. Februar in Bernburg stand diese besondere evangelische Kirchengeschichte vom 16. bis 19. Jahrhundert in Mittelpunkt.

Der Historiker Justus Vesting (Halle) zeigte am Beispiel des Fürsten Wolfgang von Anhalt-Köthen (1492–1566) auf, dass Anhalt durchaus Weltpolitik mitschrieb. So war der Fürst überall vertreten, wo in Sachen Reformation Bedeutsames geschah: von 1521 beim Reichstag in Worms bis 1547 bei der Schlacht von Mühlberg, die ihm die Reichsacht einbrachte. 1525 führte Wolfgang mit Luthers Hilfe in Anhalt-Köthen und 1526 in Anhalt-Bernburg die Reformation ein.

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

In Anhalt-Dessau nahmen die Fürsten 1534 erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Der gebildete und geschickte Georg III. (1507–1553) war mit Luther befreundet, aber eher Melanchthons Lehren verbunden. »Das Dessauer Abendmahlsbild von 1666 enthält dazu deutliche politische und theologische Aussagen«, so Vesting. In der nachfolgenden Generation, als ganz Anhalt vom Fürsten Joachim Ernst (1536–1596) regiert wurde, war die Spaltung des evangelischen Lagers in Deutschland in Genesiolutheraner (Bewahrer von Luthers Erbe) und Philippisten (Anhänger Philipp Melanchthons) in vollem Gange. Anhalt öffnete sich der reformierten Tradition aus der Kurpfalz. Durch Ämter – Fürst Christian I. wurde 1595 kurpfälzischer Statthalter – und Eheschließungen kam die sogenannte Zweite Reformation mit den Lehren Johannes Calvins auch nach Anhalt. In der Folge wurden Bilder aus den Kirchen entfernt, im Abendmahl gab es Brot statt Oblaten, 1589 fiel der Exorzismus bei der Taufe weg. Gegen die Veränderungen regte sich vor allem in kleinen Orten Widerstand. Am 14. Dezember 1599 legte eine theologische Kommission unter dem Zerbster Theologen Wolfgang Amling dem Herrscherhaus eine neue Kirchenordnung vor. Eindeutig legte sie fest: Brot und Wein beim Abendmahl zeugen nicht von der Realpräsenz Christi, sondern beim Mahl würde – nach dem Verständnis Calvins – der Heilige Geist die Christen untereinander und mit Christus im Himmel verbinden. Zwar trat diese Ordnung nicht in Kraft, aber der Calvinismus setzte sich in Anhalt durch.

Die anderthalb Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg beleuchtete der Historiker Jan Brademann (Dessau-Roßlau) in seinem Vortrag über die Unterschiede von Lutheranern und Reformierten im 17. und 18. Jahrhundert. Der Landesherr hatte weiterhin das Recht, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen. Die Zerbster Linie des Fürstenhauses kehrte 1642 zum Luthertum zurück. In Anhalt-Bernburg hatten sich »lutherische Inseln« um die Patronatskirchen Rathmannsdorf und Hohenerxleben gebildet. Auch in anderen Orten bekannten sich viele Menschen zum Luthertum. »Die konfessionelle Spaltung zog sich durch jedes Kirchspiel und viele Familien«, so Brademann. Es habe zwar Toleranz gegeben, aber keine Gleichberechtigung. Lutheraner mussten mit ihren Anliegen entweder zum reformierten Ortspfarrer oder weite Wege in Kauf nehmen. So wurde das »Auslaufen« zum lutherischen Abendmahl in Gemeinden außerhalb Anhalts üblich, was die Lutheraner zusammenschweißte. »Obwohl sie keine eigenen Pfarrer und keine Organisationsstrukturen hatten, verschwand die konfessionelle Zuordnung nicht«, so Brademann.

Zwar vereinte ab 1728 das Bernburgische Gesangbuch reformierte und lutherische Lieder, doch erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts durften lutherische Einwohner in ihren reformierten Ortskirchen das Abendmahl auf lutherische Weise empfangen. Die »Scheidewand«, wie es der Theologe und ab 1812 Generalsuperintendent von Anhalt-Bernburg, Friedrich Adolf Krummacher (1767–1843), bezeichnete, war dünner geworden.

Die Theologin Claudia Drese (Halle) sprach über die »Reconstruction des Protestantismus« in Anhalt-Bernburg unter dem regierenden Herzog Alexius Friedrich Christian. Nachdem er 1812 die Union angeregt hatte, bat Hofprediger Krummacher die Pfarrer um ihre Meinung. Nach einigem Hin und Her und Bedenken tagte am 26. September 1820 in Bernburg die Unionssynode mit Krummacher als Präses, bei der 46 Prediger die Kirchenunion für Anhalt-Bernburg beschlossen.

Die Trennpunkte Abendmahlsverständnis und Prädestination seien, so Friedrich Adolf Krummacher, dem Glauben und der Erkenntnis des Einzelnen zu überlassen. Die Bezeichnungen »lutherisch« und »reformiert« wurden abgeschafft und durch »evangelisch-christlich« ersetzt. Die Teilnahme an der Kommunion nach dem neuen Ritus blieb für die Erwachsenen weiterhin freiwillig, für Konfirmanden war sie verpflichtend. Warum der Herzog zu diesem Zeitpunkt die Kirchenunion wollte, habe sich ihr leider nicht erschlossen, so Claudia Drese. Ob aus persönlichen Gründen oder ob er Preußen entgegenkommen wollte, »darüber findet sich nichts in der schriftlichen Hinterlassenschaft«.

Angela Stoye

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

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