Neues Konzept und eine Fülle hochkarätiger Veranstaltungen

2. November 2018 von redaktionguh  
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Pogromgedenken: Jüdisch-israelische Kulturtage in Sachsen-Anhalt und Thüringen

Zu Tagen der jüdisch-israelischen Kultur wird ab 3. November in Sachsen-Anhalt und Thüringen eingeladen. Der 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel und das Gedenken an die Opfer der NS-Novemberpogrome vor 80 Jahren stehen im Mittelpunkt der 26. Ausgabe des Festivals in Thüringen, das etwa 100 Veranstaltungen in 20 Städten in allen Regionen Thüringens umfasst, teilte der Vorsitzende des Fördervereins, Ricklef Münnich, in Erfurt mit. Fast die Hälfte der Lesungen, Konzerte, Vorträge und sonstigen Veranstaltungen lägen dabei in der Verantwortung lokaler Partner.

Zur offiziellen Eröffnung der Kulturtage werde am 4. November, 16 Uhr, in der Synagoge im südthüringischen Berkach (Gemeinde Grabfeld) auch Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erwartet.

Der neue Festivalchef Michael Dissmeier hebt als besondere Höhepunkte die szenischen Lesungen aus dem »Roman eines Schicksallosen« von Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész (1929–2016) hervor. Das Werk des Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald werde auch an Orten aufgeführt, die mit dem Holocaust und dem Schrecken der NS-Zeit in Verbindung stehen. Dazu zähle der Erfurter Erinnerungsort »Topf & Söhne. Die Ofenbauer von Auschwitz« ebenso wie das Dokumentationszentrum Jonastal in Arnstadt. Das »Jerusalem-Duo« gastiere in Erfurt (8. 11., 19 Uhr, Lutherkirche) und Eisfeld (9. 11., 19 Uhr, Kirche).
Kultur-vor-Ort-44-2018In Magdeburg werden seit zehn Jahren Tage der jüdischen Kultur und Geschichte begangen. Theater, Konzerte, Ausstellungen, Film, Vorträge und Diskussionen prägen bis 12. November die Angebote. So erwartet die Gäste am 4. November, 19.30 Uhr, im »Forum Gestaltung« ein Leonard-Cohen-Liederabend mit Susan Borofsky und Joseph L. Heid. Am 10. November laden die Domgemeinde und der Förderverein »Neue Synagoge Magdeburg« um 17.30 Uhr zu einem Meditationsweg zu »Christen und Juden in der Geschichte unserer Stadt« ein.

Auch in Aschersleben gibt es bis zum 9. November Jüdische Kulturtage, unter anderem ein Literaturnachmittag zu Weisheiten, Anekdoten und Witzen am 3. November, 15 Uhr, im Gemeindehaus, Markt 28, und am 4. November eine Stolpersteinführung (Treffpunkt 14 Uhr an der ehemaligen Synagoge). Noch bis zum 18. November ist in der Stephanikirche die Ausstellung über jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg zu sehen.

In Halle dauern die Jüdischen Kulturtage bis zum 10. November an. »Durch das jüdische Jahr« heißt ein Konzert am 4. November, 18 Uhr, im Löwengebäude der Martin-Luther-Universität. Mit dem Beitrag jüdischer Intellektueller am geistigen und politischen Leben der Weimarer Republik beschäftigt sich Chaim Noll am 8. November, 19.30 Uhr, im Stadtmuseum.

(G+H)

www.juedische-kulturtage-thueringen.de

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Fred macht das schon

28. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Wiehe: Nach 28 Jahren ist die Sanierung der St. Bartholomäuskirche abgeschlossen. Ein Mammutprojekt, über eine Million Euro schwer, gestemmt von einer Kirchengemeinde mit gerade einmal 320 Mitgliedern. Ein Porträt.

Stillsitzend über »seine« Kirche berichten – eine Situation, die nicht gemacht ist für Manfred Reinhardt. Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats in Wiehe, den hier alle nur Fred nennen, sagt bald: »Ach, kommen Sie, das muss ich zeigen.« Mit dem großen Schlüsselbund in der Hand ist er in seinem Element. Die silbern glänzenden Türöffner für die Stadtkirche St. Bartholomäus, die Radwegekirche St. Ursula, für Gemeinderaum, Pfarramt und Radlerherberge trägt er in der Hosentasche. Die Namen und Daten, die großen und kleinen Geschichten von Sanierungsarbeiten, Pfarrerwechseln und dem Festhalten am Glauben in den bewegten 90er-Jahren, als die Schließung des Möbelwerks auch seine Arbeitsstelle kostete, die hat er im Kopf. Manfred Reinhardt ist eine lebendige Chronik – eine, an der er selbst mitschreibt.

Zur Bartholomäuskirche hat er eine besondere Beziehung. Schon als Kind saß der heute 60-Jährige mit der Oma in der Kirchenbank, seine Kinder sind hier getauft und konfirmiert. Er ist ein echter Wiehescher, wie man hier sagt. Seit 20 Jahren steht er nun ehrenamtlich im Dienst seiner Gemeinde, die heute zum Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda gehört.

Als Vorsitzender des Kirchbaufördervereins ist für ihn nun mit der Bauabnahme Mitte Oktober ein weiteres Kapitel geschrieben. Anfang der 1990er-Jahre wurden Dach und Glasfenster der Bartholomäuskirche saniert, wenig später folgten Turm, Giebel und Fassade. Ab 2014 kamen Tonnengewölbe, Empore, Altar, Epitaphe und die romantische Orgel mit ihrem barocken Prospekt in die Kur. Zuletzt wurde Hand an die Patronatsloge gelegt, die zukünftig als Ausstellungsraum dienen soll.

Insgesamt 1,2 Millionen Euro investierte die Kirchengemeinde in das Gotteshaus am Markt. Zu den Geldgebern zählten, neben Kirchenkreis und Denkmalpflege, unter anderem auch die Partnergemeinde in Hessen und die Familie von Werthern, deren Vorfahren 1468 den Bau einer Kirche an diesem Ort stifteten. Die Gräber der Patrone auf dem Friedhof an der St. Ursulakirche sind noch erhalten. Beachtliche Summen seien aber vor allem von privaten Spendern aus dem Ort selbst gekommen, betont Reinhardt. Eine erstaunliche Leistung für die kleine Kirchengemeinde, die 320 Mitglieder zählt.

»Mammutprojekte wie diese brauchen auch ein ›Mammut‹, das mit Kräften voran geht«, sagt Pfarrer Helfried Maas anerkennend. Seit April ist er zuständig für den insgesamt 850 Gläubige zählenden Kirchengemeindeverband, zu dem auch die Orte Allerstedt, Garnbach, Langenroda, Nausitz, Gehofen, Donndorf und Kleinroda gehören. Die große Spendenbereitschaft erklärt sich der Pfarrer mit der besonderen Heimatverbundenheit, für welche die Kirche steht: »Gerade im ländlichen Raum ist die Identifizierung mit der Kirche als dem zentralen Punkt in der Mitte des Ortes groß.«

Engagieren sich für St. Bartholomäus: Manfred Reinhardt, der Vorsitzende des Kirchbaufördervereins, sagt Gisela Reimer, Katechetin im Ruhestand, sei die Seele der Gemeinde. Fotos: Beatrix Heinrichs

Engagieren sich für St. Bartholomäus: Manfred Reinhardt, der Vorsitzende des Kirchbaufördervereins, sagt Gisela Reimer, Katechetin im Ruhestand, sei die Seele der Gemeinde. Fotos: Beatrix Heinrichs

Der 31-jährige Pfarrer ist dankbar für das Engagement des Kirchenältesten, weiß aber auch, dass eine sanierte Kirche kein Selbstzweck ist. Ein solcher Ort wolle auch belebt sein, sagt Maas. Mit der offenen Radwegekirche St. Ursula sei das beispielhaft gelungen, das belegten die Einträge im Gästebuch und die Anmeldezahlen für die Radlerunterkunft in der ersten Etage des Pfarramts.

Für seinen dreijährigen Entsendungsdienst hat sich der gebürtige Leipziger, der zuvor Vikar an der Marktkirche in Halle war, vorgenommen, den Gemeindeaufbau »von unten« zu stärken. »In Wiehe gibt es seitens der Stadt kein allzu großes Angebot für Kinder und Jugendliche. Hier sehe ich eine Chance für die Kirche diese Leerstellen zu füllen.« Was den Pfarrer an seiner jetzigen Aufgabe jedoch besonders reizt, ist die Kombination aus Gemeindepfarramt und Bildungsarbeit. Mit einem Viertel Stellenanteil ist Maas an der Ländlichen Heimvolkshochschule, der Bildungs- und Begegnungsstätte Kloster Donndorf, beschäftigt. »Ich möchte Kirchengemeinde und Kloster stärker vernetzten. Donndorf soll nicht als Insel wahrgenommen werden, sondern als Teil der Gemeinde.« Mit Kooperationen, zum Beispiel im Bereich der Kirchenmusik, oder mit kleineren gemeinsamen Projekten solle diese Verbindung wachsen.

Von einer übertriebenen Eventkultur im Gemeindeleben hält Maas jedoch wenig. Manchmal genügten einfache, gut gemachte Angebote, um Menschen auch über den eigenen Kirchturm hinaus mit den Christen aus den Nachbargemeinden zusammenzubringen. Eine Erfahrung, die man in Wiehe schon seit vielen Jahren macht – mit wechselnden Pfarrern und in Vakanzzeiten. Am traditionellen Ostermontagsspaziergang von Nausitz nach Gehofen haben zuletzt etwa 80 Mitglieder aus dem gesamten Kirchgemeindeverband teilgenommen. Zum nunmehr zehnten Fahrrad-Gottesdienst zur Saisoneröffnung im Frühling waren es gar 100 Gäste. Auch die Einladung zur offenen Bartholomäuskirche am zweiten Adventswochenende werde regelmäßig sehr gut angenommen.

Große, gemeinsame Veranstaltungen scheut der Pfarrer nicht – im Gegenteil: »Nur so bekommen wir eine relevante Gruppe von Menschen zusammen, um wertvolles geistiges Leben miteinander zu teilen.« Die kleinen Orte dürfe man darüber aber nicht aus dem Auge verlieren, weiß Maas. »Auch die beiden Rentnerinnen, die sonntags die einzigen in der Kirche sind, haben ein Anrecht darauf, ihren Gottesdienst so zu feiern, wie sie es gewohnt sind. Ich bin kein Fan von Kurzandachten für kleine Gemeinden.«

Klingt nach einem Spagat, Helfried Maas aber ist zuversichtlich. Vielleicht auch weil er um die Unterstützung weiß, die »Mammutschultern«, die ihm helfen, die ein oder andere organisatorische Aufgabe in der Gemeinde zu tragen. Eine Gemeinde, die Manfred Reinhardt ans Herz gewachsen ist – und er in ihres. »Er hat immer ein gutes Wort, er hält hier so vieles zusammen«, sagt Gisela Reimer. Die Katechetin im Ruhestand kümmert sich regelmäßig um den Blumenschmuck in der Kirche, wie auch jetzt vorm Reformationstag, an dem mit einem Orgelkonzert der Sanierungsabschluss begangen werden soll. »Ohne Fred läuft hier nichts, er ist die Seele hier, er macht das schon.«

Beatrix Heinrichs

Orgelkonzert mit Kantor Pascal Salzmann und dem Erfurter Domorganist Silvius von Kessel: 31. Oktober, 10 Uhr, St. Bartholomäus Wiehe.

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»Vater aller Rettungshäuser«

25. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Er zählt zu den Pionieren der Jugendsozialarbeit. Seine Pädagogik fand Nachahmer über die Grenzen Thüringens, ja Deutschlands hinweg: Johann Daniel Falk, der am 28. Oktober vor 250 Jahren in Danzig geboren wurde.

Johann Hinrich Wichern, der Gründer der Inneren Mission und des »Rauhen Hauses« in Hamburg, nannte Falk den »Vater aller Rettungshäuser«. Bekannt wurde er vor allem durch sein Weihnachtslied »O du fröhliche«, das er als Dreifeiertagslied 1815 seinen Zöglingen als Weihnachtsgeschenk schrieb.

Geboren als Sohn eines Perückenmachers, konnte Johann Daniel Falk, so sein Taufname, durch ein Stipendium der Danziger Ratsherren ein Theologiestudium in Halle aufnehmen. Doch schon bald merkte er, dass ein theoretisches Christentum nicht seine Sache war. »Eine Predigt ist keine Tat, aber eine Tat eine Predigt«, formuliert er später. Nach zwei Semestern Theologie wechselte Falk schließlich zur Altphilologie und Philosophie. Und begann, sich als Dichter einen Namen zu machen. Hatte er schon als Jugendlicher Spottgedichte geschrieben, so bediente er sich nun als Student der spitzen Feder. Das brachte ihm sowohl Ruhm als auch Schwierigkeiten ein. So wurde seine Satire von keinem Geringeren als dem Dichter Christoph Martin Wieland über die Maßen gelobt. Dieser ermutigte ihn sogar, nach Weimar überzusiedeln. 1797 zog er mit seiner frisch angetrauten Frau Caroline tatsächlich in die Klassikerstadt. Goethe und Schiller konnten der Satire nichts abgewinnen. Der Dichterfürst von Weimar wollte Falk sogar der Stadt verweisen, weil er im Epilog seines Puppentheaterstücks »Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel« die Weimarer Schauspieler aufs Korn nahm.

Ein Glück für die Stadt, dass Falk blieb. Denn in den Kriegsjahren und während der französischen Besatzung 1806 bis 1813 bewies Johannes Falk diplomatisches Geschick. Er stellte sich den plündernden Soldaten entgegen, organisierte freiwillige Helfer fürs Lazarett, beschaffte Verbandsmaterial usw. Für seine Verdienste ernannte ihn Großherzog Carl August zum Legationsrat. Auch ihn selbst traf es hart im Jahr 1813. Drei seiner Kinder starben kurz hintereinander an Scharlach, den noch nicht einmal einjährigen Roderich hatte die Familie schon im Frühjahr jenen Jahres verloren. Caroline gebar insgesamt zehn Kinder, von denen sie nur drei überlebte. Ständig war sie in Sorge um die Familie. Umso bemerkenswerter, dass sie den Einsatz ihres Mannes für andere mittrug und unterstützte.

Falk-Museum: Im Weimarer Lutherhof befindet sich seit 2001 eine kleine Gedenkstätte, in der als Leihgabe der Klassik Stiftung Weimar ein Ölgemälde des Sozialreformers von Henriette Westermayr zu sehen ist. Foto: Burkhard Dube

Falk-Museum: Im Weimarer Lutherhof befindet sich seit 2001 eine kleine Gedenkstätte, in der als Leihgabe der Klassik Stiftung Weimar ein Ölgemälde des Sozialreformers von Henriette Westermayr zu sehen ist. Foto: Burkhard Dube

Um die Kriegsnot zu lindern, gründete Johannes Falk im Mai 1813 mit dem Stiftsprediger Carl Friedrich Horn die »Gesellschaft der Freunde in der Not«. Mit gespendetem Geld half die Gesellschaft den Bauern zu kaufen, was die durchziehenden Soldaten geplündert hatten, wie Saatgut und Ackergeräte. Bald wendete sich Falk jedoch den herumstreunenden Kindern und Jugendlichen zu. Durch Seuchen und Krieg waren Hunderte Kinder elternlos, vor allem nach der Völkerschlacht bei Leipzig. Oft wurden sie wegen kleiner Delikte ins Zuchthaus gesteckt. Das kritisierte Falk scharf: »Es ist das Vaterhaus, nicht das Strafhaus, zu welchem die Verirrten zurückkehren müssen.«

Mit dem »Institut der Freunde in der Not« und später dem »Lutherhof« entsteht die erste moderne Erziehungsanstalt in Deutschland. Sein Erziehungskonzept ist bis heute aktuell: Falk sucht in jedem Kind das Individuelle, das es anzusprechen und zu fördern gilt. Kultur-vor-Ort-2-43-2018Zudem ist ihm eine ständige Kontrolle des Werdegangs seiner Zöglinge wichtig. Die von ihm eingerichtete Sonntagsschule ist für alle Lehrburschen verpflichtend. »Daher ist die größte Wohltat, die man einem Kind erweisen kann, die, dass man es dazu anhält, etwas Nützliches zu lernen«, formuliert es der nun zum Pädagogen gewordene Falk.

Und einer seiner Zöglinge schreibt unter einen selbstgefertigten Kupferstich: »Ich bin nun ein frommer Schmied und Zimmermann. Ich breche nicht mehr Häuser auf – ich baue welche!«

Heute würden wir von ganzheitlicher Bildung sprechen, die Falk in seiner Sonntagsschule umsetzt: neben rechnen, lesen, schreiben wird musiziert, gezeichnet, gespielt und vor allem die Bibel studiert und mancher Text auswendig gelernt. Die christliche Erziehung, ihre Ethik und der »Schatz religiöser Gefühle« sind ihm wichtig, denn der Mensch sei ohne sie ein Schiff ohne Kompass und Ruder. Viel Geduld und Liebe bringt er den Kindern entgegen und wird somit beispielgebend für eine christlich-praktische Volksbildung.

In deutschen Städten, aber auch europaweit entstehen nach diesem Vorbild Rettungshäuser wie das schon erwähnte »Rauhe Haus« in
Hamburg.

Dietlind Steinhöfel

Termine zum Falk-Gedenken
25. 10., 14 Uhr, Otto-Neururer-Haus, Weimar (Paul-Schneider-Str. 5): Vortrag von Dietlind Steinhöfel (Weimar)
28. 10., 10 Uhr, Herderkirche, Weimar: Kantaten-Gottesdienst zum Falk-Geburtstag »Soziale Herausforderungen heute«; Musik von Johann Nepomuk Hummel, an der Orgel Johannes Kleinjung. 11.30 bis 13 Uhr: Geburtstags-Empfang der Stadt Weimar im Rathaus (Herderplatz) mit Grußwort von OB Peter Kleine; 17 Uhr: Großer Johannes-Umzug, beginnend am Falk-Denkmal am Graben über Lutherhof, Markt, Schillerstraße zum Historischen Friedhof.
30. 10., 9 und 10.30, Stadtbibliothek Rudolstadt: Buchlesung aus »Jakob sucht die Himmelsleiter« von und mit Dietlind Steinhöfel (Weimar)

www.johannesfalkverein.de


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Seelsorger braucht das Land

10. September 2018 von redaktionguh  
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Der demografische Wandel trifft die ganze Breite der Gesellschaft und damit auch den Pfarrberuf. Plagen auch die EKM Nachwuchssorgen?

Am 1. September startet traditionell nicht nur das Ausbildungsjahr im Handwerk, sondern auch der Vorbereitungsdienst für angehende Pfarrer. Vor wenigen Tagen also haben die jungen Vikare dieses Jahrgangs begonnen. Es ist nur eine kleine Schar, elf an der Zahl. »Wir haben mit weitaus mehr Bewerbern gerechnet«, sagt Michael Lehmann, Leiter des Dezernats Personal im Landeskirchenamt der EKM in Erfurt. Dennoch ist er nicht beunruhigt, was den Pfarrnachwuchs in der Landeskirche angeht. »Wir haben in den vergangenen drei Jahrgängen so viele Bewerber gehabt, dass wir mit unseren Partnerkirchen, der Landeskirche Sachsen, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Landeskirche Anhalts, mit denen wir das Predigerseminar in Wittenberg betreiben, überlegen mussten, wie wir das Platzangebot ausweiten«, erzählt Lehmann. Das dritte Jahr in Folge habe es doppelte Jahrgänge gegeben. Das letzte Mal wird 2019 einer dieser großen Jahrgänge in den Dienst kommen. »Das ist wichtig, weil auch bei uns massive Ruhestands­eintritte bevorstehen«, so Lehmann. Dennoch seien die Zahlen insgesamt noch nicht beunruhigend. Die Aufregung um einen Beitrag bei MDR Kultur, der meldete, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland könne nicht alle ihre Stellen besetzen, kann Lehmann darum nicht verstehen.

Bei einem Pressegespräch Anfang des Jahres hatte die EKM Zahlen zur Personalsituation von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie zu den Theologiestudierenden und Vikaren veröffentlicht und eine frohe Botschaft gesendet: Die Zahlen seien stabil, es gäbe genügend Personen für den landeskirchlichen Dienst. Außerdem vermeldete man, dass immer mehr Frauen sich zum Pfarrdienst berufen fühlten. An dieser Situation habe sich auch nichts geändert, betont Michael Lehmann. »In den vergangenen Jahren waren die Zahlen konstant«, erklärt der Oberkirchenrat. Derzeit gibt es 884 Stellen in der EKM. Die Vakanzquote liegt bei 3,4 Prozent, das heißt 30 Stellen können derzeit nicht besetzt werden. »Das hat verschiedene Gründe«, weiß Personaldezernent Lehmann.

Foto: epd-bild/Collage G+H

Foto: epd-bild/Collage G+H

Die Regel ist ein ganz normaler Stellenwechsel. Pfarrer A wechselt von X nach Y. Die Stelle wird frei und die Gemeindekirchenräte beantragen die Wiederbesetzung der Stelle. Der Kreiskirchenrat überlegt, ob angesichts des verabschiedeten Stellenplans die Stelle wieder ausgeschrieben werden kann. Dann wird die Stelle ausgeschrieben und es bewerben sich Pfarrerinnen und Pfarrer. Diese stellen sich in Gottesdiensten vor und werden durch Gemeindekirchenräte gewählt. Drei Monate später treten sie die Stelle an. Das bedeutet: Es gilt bei einem normalen Stellenwechsel eine Zeit von 9 bis 12 Monaten zu überbrücken, in denen diese Stelle frei bleibt.

Um aber neue Pfarrer für die Gemeinden der EKM zu gewinnen, müssen junge Menschen für ein Theologiestudium begeistert werden. »Wenn wir unsere Studenten fragen, warum sie Theologie studieren, dann sagen sie in der Regel, sie seien angeregt worden durch eine gute Gemeindearbeit. Sie haben eine kirchliche Jugendarbeit erlebt, die sie attraktiv fanden, und sie waren auch in Ehrenamtsstrukturen eingebunden«, berichtet Michael Lehmann. Es gibt aber auch eine Gruppe von Studierenden, die nicht aus kirchlichen Strukturen stammen und bei denen der Religionsunterricht das Interesse an Fragen der Theologie geweckt hat.

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer beschreibt seine Intention zum Theologiestudium so: »Weil ich genauer wissen wollte, was an der politisch so bescholtenen Kirche und ihrer Botschaft dran ist, und weil ich eine Möglichkeit suchte, mich meines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen – auch öffentlich – zu bedienen. Dabei wollte ich die Tradition immer als ein Sprungbrett verstehen, gebrauchen, verändern. Seither sinne ich einem Gedanken Luthers nach: ›Was Gott nicht hält, hält nicht‹.«

Schorlemmer hat damals einen klassischen Weg beschritten. Er wurde 1944 als Sohn eines Pfarrers in Wittenberge in der Prignitz (Brandenburg) geboren. Wie er wurden damals viele Pfarrerskinder wieder Pfarrer. Dafür gab es besondere Umstände, gerade in der DDR, die Pfarrerskindern oftmals kein Studium ermöglichte. Wenn ja, dann nur Theologie. »Heute können Pfarrerskinder studieren, was sie wollen, und sie tun es auch«, weiß Michael Lehmann. Das sieht er als großen Vorteil, aber damit sei auch eine Selbstverständlichkeit – wenn auch eine erzwungene – verloren gegangen.

Deshalb macht die EKM Werbung für das Theologiestudium. So beteiligt sich die Kirche an einer Zeitschrift, die Schülerinnen und Schüler in Thüringen erhalten und die bei der Berufswahl helfen soll. Zudem bieten Studienhäuser in evangelischer Trägerschaft attraktive Wohnangebote für Studenten an und die kirchliche Studierendenberatung in Halle und Jena hilft jungen Menschen, Unterstützungsangebote der Kirche, Stipendien, Büchergeld und vieles mehr nutzen zu können.

Diana Steinbauer

Hintergrund
In der EKM gibt es 884 Pfarrstellen, von denen sich 20 in der Ausschreibung befinden. Weitere Stellen werden für 23 Personen vorbereitet, die im April 2019 mit ihrem Entsendungsdienst beginnen wollen. Laut Studierendenliste der Hochschulen auf dem Gebiet der EKM haben sich 2017/18 für den Studiengang Theologie 122 Studierende eingeschrieben. Die tatsächliche Anzahl derer, die in ein Vikariat, also den Vorbereitungsdienst gehen, zeigt sich erst am Ende des Haupt­studiums. Am 1. September haben elf Vikarinnen und Vikare mit dem Vorbereitungsdienst begonnen.


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Wie sich die EKM entwickelt hat

13. August 2018 von redaktionguh  
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Nach dem Rückblick auf den Brief aus Halle zur Kirchenfusion (Nr. 27, S. 5) wollte Leserin Christiane Paul wissen, wie sich die Vereinigung der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat. Brigitte Andrae, Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM, und der Leiter des Finanzdezernates, Oberkirchenrat Stefan Große, antworten.

Hat sich das Zusammenlegen von zwei Kirchen auch innerhalb der EKD ausgewirkt?
Andrae:
Der Prozess des Zusammenschlusses der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche ist innerhalb der EKD mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Das hing sicher auch damit zusammen, dass eine Vereinigung von Landeskirchen ein eher seltener Vorgang ist.

Außerdem schlossen sich zwei Kirchen zusammen, die nach Gemeindegliederzahlen annähernd gleich groß waren sowie unterschiedlichen Konfessionen und damit unterschiedlichen konfessionellen Zusammenschlüssen (UEK und VELKD) angehörten. Die EKM ist die einzige Landeskirche innerhalb der EKD, die Mitglied beider konfessioneller Zusammenschlüsse ist. Innerhalb dieser, wie auch innerhalb der EKD, hat die EKM eine wichtige Stimme.

Wie zeigt sich das?
Andrae:
Ich nenne einige Beispiele: Unsere Kirchenverfassung gilt als eine der modernsten innerhalb der EKD und war Vorbild für andere Kirchenverfassungen wie die der Nordkirche 2012. Unsere Erfahrungen im praktischen Umgang mit verschiedenen Bekenntnisgrundlagen werden immer wieder nachgefragt.

Wir haben eine Vereinheitlichung wichtiger rechtlicher Regelungen innerhalb der EKD angeregt. So ging der Anstoß, ein EKD-weit einheitliches Pfarrdienstgesetz zu schaffen, von der damaligen, aus beiden Vorgängerkirchen bestehenden Föderation aus.

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Zu nennen sind auch unsere innovativen Vorhaben und Projekte wie die Erprobungsräume, das Pachtvergabeverfahren, für das die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit erhielt, oder das erst kürzlich preisgekrönte Projekt »Vereinheitlichung und Optimierung des Personalmanagements nach dem Zusammenschluss der evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland«. Diese Beispiele wären ohne die mit dem Zusammenschluss gewonnenen Ressourcen so nicht möglich gewesen. Nachgefragt werden auch unsere praktischen Erfahrungen als Kirche in einem stark säkularisierten Umfeld von anderen Landeskirchen. Die Ausgestaltung und weitere Entwicklung der EKM wird daher nach wie vor mit Interesse verfolgt. Gelegentlich machen wir dabei die Erfahrung, dass unsere Stimme, wie die anderer östlicher Landeskirchen auch, nicht ausreichend gehört wird. Es bleibt also eine wichtige Aufgabe, auf unsere spezielle kirchliche und gesellschaftliche Situation immer wieder hinzuweisen.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Konnte die vereinigte Kirche stärker ausstrahlen?
Andrae:
Das gerade Gesagte möchte ich mit dem Hinweis ergänzen, dass die EKM ein wichtiger Player im Dialog mit staatlichen Stellen auf Landes- und kommunaler Ebene und mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ist. Auch dafür einige Beispiele:

So nehmen Landesbischöfin Ilse Junkermann und andere Leitungsverantwortliche auf allen Ebenen unserer Landeskirche regelmäßig zu wichtigen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Stellung. Die EKM, ihre Kirchenkreise und Gemeinden öffnen mit ihren Veranstaltungen Räume für den öffentlichen Diskurs. Das gilt beispielsweise auch für das Landeskirchenamt in Erfurt, das seit 2011 zusammen mit zwei Kooperationspartnern zu der Reihe »Collegium maius Abende« einlädt. Und mit der Übernahme der Trägerschaft für die Opferberatung »ezra« (für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt) 2012 hat die EKM ein wichtiges Signal gesetzt.

Wurden die Hoffnungen auf Einsparungen erfüllt? Oder wurden diese durch Mehrausgaben an anderer Stelle nicht erreicht?
Große:
Der Zusammenschluss der beiden ehemaligen Teilkirchen zur EKM hatte einen wichtigen Kernprozess: die Strukturanpassung im übergemeindlichen Bereich. Ziel war es, die Explosion der Ausgaben oberhalb der Gemeinden zu vermeiden, Einsparungen nachzuweisen, Doppelstrukturen zu überprüfen sowie innovative Ansätze und eine qualitätsvolle Arbeit im Landeskirchenamt sowie den unselbstständigen Werken und Einrichtungen zu ermöglichen.

Stefan Große. Foto: EKM

Stefan Große. Foto: EKM

Mit Beschluss der Landessynode vom 10. November 2010 wurde dieser flächendeckende Prozess abgeschlossen. Die Ziele wurden erreicht. Die Kostendisziplin im Landeskirchenamt und den unselbstständigen Werken und Einrichtungen wurde befördert. Das gilt insbesondere für den anschließenden Prozess der Organisationsentwicklung im Landeskirchenamt.

Welche Veränderungen gibt es?
Große:
Mit dem Haushalt 2014 haben wir Finanzbudgets eingeführt, die sich an der Organisationsstruktur des Landeskirchenamtes orientieren. Damit steht den Dezernaten und der Landesbischöfin für ihre Bereiche ein Gesamtbetrag (Budget) zur Verfügung, mit dem alle anfallenden Ausgaben zu decken sind. Damit wird die Eigenverantwortung der Dezernate gestärkt, sie werden zu einer sparsamen Haushaltsführung motiviert und die laufende Bewirtschaftung wird durch die Deckungsfähigkeit der Personal- und Sachkosten auf der Ebene des jeweiligen Budgets erleichtert.

Was bedeuten die Veränderungen für die Kirchenkreise und -gemeinden?
Große:
Mit der Neufassung des Finanzgesetzes konnten wir eine bessere Umsetzung der Vorgaben aus der Verfassung erreichen. Es gewährleistet den solidarischen, sparsamen, wirtschaftlichen und transparenten Einsatz aller kirchlichen Mittel und setzt auf das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gemäß der jeweils eigenen spezifischen Situation.

Besonders hervorzuheben ist, dass verbindlich geregelt ist, dass der Löwenanteil der kirchlichen Mittel zur Finanzierung der Aufgaben der Kirchengemeinden und Kirchenkreise einzusetzen ist. Das passiert in den jährlichen Haushaltsplänen, mit denen in den vergangenen Jahren stets der Nachweis geführt wurde, dass diese Regelung mit durchschnittlich 77 Prozent der Plansumme strikt eingehalten wird. Ganz besonders erwähnenswert ist auch, dass die EKM im Finanzgesetz die Finanzierung des Verkündigungsdienstes der Kirchengemeinden und Kirchenkreise in den Mittelpunkt rückt. Veränderungen dort bedeuten automatisch die gleichen Veränderungen im Bereich der Landeskirche. Das ist auch der Grund dafür, dass im Etat 2019 die Kürzungen im Verkündigungsdienst im gleichen Verhältnis den landeskirchlichen Anteil an der Plansumme betreffen.

Ich betone: Ohne die Kirchenfusion wären derartige Regelungen zugunsten der Kirchengemeinden und Kirchenkreise nicht gelungen, ganz abgesehen davon, dass die jeweilige Teilkirche für sich drastischer hätte einsparen müssen und die Qualität ihrer Werke und Dienste wie auch der landeskirchlichen Verwaltung nicht hätte halten oder gar ausbauen können.

Benötigt die EKM weiterhin drei Leitungsebenen, wo doch die Gemeinden zum Fusionieren aufgefordert werden, um Personal zu sparen? Käme die Landeskirche nicht mit Bischof oder Bischöfin und Superintendenten aus?
Andrae:
Was ist das für ein merkwürdiges Kirchenbild? Als Juristin verweise ich auf unsere Kirchenverfassung. Die Grundbestimmungen heben hervor, dass die EKM in den vielfältigen Formen von Gemeinden und Diensten lebt und die verschiedenen Rechtsformen (Ebenen) als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit bilden. Innerhalb dieser Einheit nehmen die verschiedenen Ebenen ihre jeweiligen Aufgaben eigenverantwortlich wahr.

Oder ist gemeint, dass es keine Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe mehr in der EKM geben soll? Dem würde ich widersprechen. Das regionalbischöfliche Amt hat eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der landeskirchlichen Ebene und den Kirchenkreisen und Gemeinden. Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe haben Anteil an der geistlichen Leitung der EKM, sie begleiten die Mitarbeitenden in ihrem Dienst, repräsentieren Kirche auch gegenüber staatlichen Stellen und der Gesellschaft.

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Kirche macht Schule

10. August 2018 von redaktionguh  
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Finnland liegt in Mitteldeutschland – betrachtet man die pädagogische Arbeit und die Evangelischen Schulen in Mitteldeutschland.

Es gibt die Orte, an denen Kirche wächst. Sichtbar ist das im Besonderen bei der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland und der Evangelischen Johannes-Schulstiftung. Zahlen machen das ganz nüchtern deutlich. 5 300 Schülerinnen und Schüler lernen im neuen Schuljahr an den Einrichtungen der Evangelischen Schulstiftung, 1 250 sind es bei der Evangelischen Johannes Schulstiftung.

»Wir wachsen weiter und das passiert vor allem durch neue Klassen«, erklärt Marco Eberl, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung. »Wir haben einige Schulen, die noch größer werden, so zum Beispiel die 2014 gegründete Grundschule in Halle oder auch die Gemeinschaftsschule in Erfurt.« Vor dem quantitativen Wachstum ist Eberl aber vor allem die Qualität der evangelischen Schulen wichtig. In den Einrichtungen der Schulstiftungen in Sachsen-Anhalt und Thüringen setzt man auf eine gute Lernatmosphäre, christliche Werteerziehung, gut ausgebildete Lehrer und eine hochwertige Ausstattung. »Wir wollen zuallererst gute Schule machen«, betont Eberl.

In Vergleichsarbeiten mit staatlichen Schulen auch in anderen Bundesländern schneiden die evangelischen Schulen sehr gut ab. Auch die Ergebnisse bei der PISA-Erhebung, die beispielsweise am evangelischen Gymnasium in Jena gemessen wurden, waren überdurchschnittlich. Die Schule erreichte damals ähnliche Werte wie die, die im Bildungsmusterland Finnland erreicht wurden.

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Möglich wird das aber nur durch gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte. Dafür ist eine ausgeprägte Personalakquise nötig. Die Personalgewinnung sieht Michael Bartsch, Vorstand der Evangelischen Schulstiftung und der Evangelischen Johannes Schulstiftung, darum als die große Herausforderung im neuen Schuljahr und darüber hinaus. »Die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen locken mit Verbeamtung, darum wird die Personalgewinnung für uns nicht einfacher«, erklärt Bartsch. Deshalb müsse man in Sachen Personal am Ball bleiben und Anreize schaffen.

Im vergangenen Schuljahr ging die Evangelische Schulstiftung mit der Kampagne »Mein Montagsgefühl« an die Öffentlichkeit. Darin beschrieben Lehrer ihren Arbeitsalltag, die Lehr- und Lernatmosphäre, um junge Pädagogen für die Arbeit dort zu begeistern. Kampagnen wie diese, aber auch der Kontakt zu Universitäten und damit zu Lehramtsanwärtern soll laut Marco Eberl weiter ausgebaut werden.

Für das neue Schuljahr haben sich in Sachsen-Anhalt durch das geänderte Schulgesetz die finanziellen Rahmenbedingungen für die Sekundarstufen verbessert. »Bei den Grundschulen ist das leider nicht der Fall«, erklärt Bartsch. Dennoch geht er mit Freude und Dankbarkeit in das neue Schuljahr.

»Am 1. August haben wir die Trägerschaft für die Evangelische Grundschule in Wittenberg und die Evangelische Grundschule in Holzdorf übernommen. Das ist eine große Freude. Vor allem auch, weil wir mit Holzdorf gegen den Trend arbeiten und zeigen können, dass auch eine kleine Schule mit nur 52 Schülern Potential hat und erfolgreich arbeiten kann.« An dieser inklusiven Schule lernen nicht nur Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Hier erlernt jeder das Geige- und Cellospielen. Auch die Eltern machen dabei mit.

Bei der Evangelischen Sekundarschule Magdeburg freut sich Bartsch, dass hier die Theaterpädagogik in diesem Schuljahr weiter ausgebaut werden kann und Schauspieler gewonnen werden konnten, die die Schüler unterrichten. In Magdeburg stehen auch bauliche Veränderungen an. So werden Schüler und Lehrer zum Halbjahr ein Übergangsquartier in Magdeburg-Buckau beziehen, während die Bauarbeiten am derzeitigen Gebäude beginnen.

Große Investitionen stehen bei der Evangelischen Schulstiftung ebenfalls an. Sie will mit Fördermitteln von Kirche und Ländern, laut Eberl, an die 20 Millionen Euro investieren und damit beispielsweise den Schulstandort Gotha ausbauen sowie die Grundschule in Hettstedt sanieren. Auch am Gymnasium in Meiningen soll noch einmal gebaut werden. Und natürlich soll es an der Grundschule in Halle weitergehen.

Diana Steinbauer

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Ein Choral ist immer dabei

5. August 2018 von redaktionguh  
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Der Glockenspieler von Halle: Maik Gruchenberg ließ sich zum Carilloneur ausbilden

Mehr als 500 Jahre ist der Rote Turm in Halle alt. Er gehört zu den Wahrzeichen der Saalestadt. Hinter den dicken Mauern befindet sich in 30 Metern Höhe das größte Carillon Europas. Es hat 76 Glocken und ein Gesamtgewicht von fast 55 000 Kilogramm. Seit den Händelfestspielen 1999 wird es hin und wieder manuell bespielt, teils namhafte Carilloneure wurden dazu eingeladen.

Seit Kurzem erklingt es jeden Sonnabend um 15 Uhr. Möglich wurde das, weil der Förderverein des Roten Turms ein Ausbildungsprogramm für Carilloneure auf den Weg gebracht hat. Sechs Interessenten ließen sich von Diplom-Carillioneur Wilhelm Ritter ausbilden.

Der Rote Turm auf dem halleschen Marktplatz beherbergt in 30 Metern Höhe das größte Carillon Europas. Es hat 76 Glocken und ein Gesamtgewicht von fast 55 000 Kilogramm. Das jeden Sonnabend um 15 Uhr erklingende 15-minütige Konzert ist Anziehungspunkt für oft Hunderte von Zuhörern. Foto: Stadt Halle (Saale)/Thomas Ziegler

Der Rote Turm auf dem halleschen Marktplatz beherbergt in 30 Metern Höhe das größte Carillon Europas. Es hat 76 Glocken und ein Gesamtgewicht von fast 55 000 Kilogramm. Das jeden Sonnabend um 15 Uhr erklingende 15-minütige Konzert ist Anziehungspunkt für oft Hunderte von Zuhörern. Foto: Stadt Halle (Saale)/Thomas Ziegler

Unter ihnen sind auch Marktkantor Irénée Peyrot und Maik Gruchenberg. Letzterer hat auch eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, die er in Halle Anfang der 1990er-Jahre absolvierte. Er schloss noch ein Gesangsstudium an und ist seit 1999 Mitglied im Chor der Oper Halle. Zudem leitet er den Thüringer Männerchor »Ars Musica« in Suhl. Der Kirchenmusik ist er aber immer treu geblieben, ehrenamtlich. Er spielt fast jeden Sonntag zum Gottesdienst Orgel in einer Kirche im Kirchenkreis Halle-Saalkreis und leitet seit 2007 die Hallesche Kantorei, mit der er wöchentlich probt und meist drei große Konzerte im Jahr gibt. Auf das Vorhaben, in Halle eigene Carilloneure auszubilden, wurde Gruchenberg vor einem Jahr durch einen Zeitungsartikel aufmerksam. »Ich habe dann gleich Irénée Peyrot angerufen und ihn danach gefragt«, blickt Maik Gruchenberg zurück. Der Marktkirchenkantor verwies ihn an den Vorsitzenden des Fördervereins des Roten Turms, Gotthard Voß. Und schon bald ging es los: Mit fünf anderen Bewerbern begann er im Herbst eine Ausbildung zum Glockenspieler. »Es ist eine total interessante Erfahrung. Ich habe nicht gedacht, wie schwer das Glockenspiel oben auf dem Turm zu spielen ist, wie unterschiedlich die Glocken angeschlagen werden müssen«, erzählt Gruchenberg.

Maik Gruchenberg am Instrument: Hier übt er die Technik und die Stücke für seine Konzerte ein. Foto: Claudia Crodel

Maik Gruchenberg am Instrument: Hier übt er die Technik und die Stücke für seine Konzerte ein. Foto: Claudia Crodel

Das Übungsinstrument dagegen sei leicht spielbar. Dort übt er die Technik und die Stücke. »Auf dem großen Glockenspiel kann man vor dem Auftritt alles nur einmal durchspielen, man kann ja die Leute auf dem Marktplatz nicht nerven«, sagt Gruchenberg und lacht.

Für ihn ist das Glockenspiel auch deswegen faszinierend, weil Glockenklang eine Signalwirkung hat, sei es zum Läuten für den Gottesdienst oder zum Feueralarm. Dass die Glocken aber zum Instrument werden, ist eher ungewöhnlich.

Der 46-jährige Hobby-Carilloneur, der verheiratet ist und drei Kinder hat, wird vier bis fünf Mal bis zum Oktober das wöchentliche kleine Carillon-Konzert bestreiten. »Ich für mich habe mir vorgenommen, auf alle Fälle immer auch einen Choral, eine kirchliche Melodie im Programm zu haben«, erklärt er. Auch ein Konzertstück und ein Volkslied sind fester Bestandteil seiner Auftritte. Die wöchentlichen Konzerte werden bis einschließlich 27. Oktober erklingen.

Claudia Crodel

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Zu tiefem Dank verpflichtet

19. Juli 2018 von redaktionguh  
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Nachruf: Trauer um Andreas Schindler. Der Präses der Landessynode starb kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand plötzlich und unerwartet.

Von Kirchenpräsident Joachim Liebig

Völlig unerwartet trifft die Evangelische Landeskirche Anhalts am 12. Juli die Nachricht vom Tod ihres Präses Andreas Schindler. Im Alter von 64 Jahren erliegt er einem Schlaganfall.
Andreas Schindler wird 1953 in Köthen geboren und wächst in einem Pfarrhaus auf. Das Studium der Volkswirtschaft 1974 bis 1978 in Halle schließt er als Diplomökonom ab. 1978 bis 1986 ist Schindler Betriebsteilleiter und Werkleiter in einem volkseigenen Betrieb für technische Textilien in Quedlinburg und Halberstadt.

Andreas Schindler. Foto: Johannes Killyen

Andreas Schindler. Foto: Johannes Killyen

Bereits zu dieser Zeit ist er in Quedlinburg im Gemeindekirchenrat und in der Kreissynode tätig. 1986 wird er Dezernent im Landeskirchenrat der Evangelischen Landeskirche Anhalts, ab 1991 ist er Geschäftsführer der Kanzler von Pfau’schen Stiftung mit Sitz in Bernburg sowie bis zu seinem Tod deren Vorstandsvorsitzender und Stiftungsdirektor. Zugleich ist Schindler seit dem Jahr 2000 Vorsitzender der Kreissynode Bernburg, Mitglied der Anhaltischen Landessynode und der Kirchenleitung sowie seit 2006 Mitglied des Präsidiums der Landessynode. Andreas Schindler steht ihr als Präses im Ehrenamt seit 2012 vor und wurde erst im Mai für eine weitere Legislaturperiode gewählt. Er hinterlässt seine Ehefrau Ulrike Schindler, geborene Böttger, seine hochbetagte Mutter und zwei erwachsene Söhne.

In seinen haupt- und ehrenamtlichen Tätigkeiten für die Landeskirche zeichnete sich Andreas Schindler durch eine tiefe Verwurzelung in der Region Anhalt aus. Nachdem sich im Rahmen der friedlichen Revolution die Bedingungen für kirchliches Arbeiten völlig verändert hatten, war es für Andreas Schindler in seinen kirchlichen Verantwortungsbereichen von allergrößter Bedeutung, die Landeskirche für zukünftige Herausforderungen zu gestalten. Freundlich und zugewandt und dabei gleichzeitig zielgerichtet hat er die gegenwärtigen Veränderungsprozesse von Anfang an begleitet.

Sein weiteres zentrales Lebenswerk ist zweifellos die Kanzler von Pfau’sche Stiftung in Bernburg, die während seiner Dienstzeit an unterschiedlichen Standorten zu einer bedeutenden diakonischen Einrichtung in der Region wurde. Persönlich war mir Andreas Schindler vom Beginn meines Dienstes in Anhalt an freundschaftlich verbunden.

Gemeinsam hatten wir in den vergangenen Monaten seinen Übergang in den Ruhestand in den Blick genommen. Sein plötzlicher Tod macht alle Überlegungen zunichte. Die Evangelische Landeskirche Anhalts, die Kanzler von Pfau’sche Stiftung Bernburg und ich persönlich sind Andreas Schindler zu tiefem Dank verpflichtet. Unsere Fürbitte gilt seiner Frau, seiner Familie und allen, die um ihn trauern. In unserem gemeinsamen Glauben empfehlen wir ihn der Hand Gottes.

Trauerfeier für Andreas Schindler am 21. Juli, 9 Uhr, im Gemeindesaal der Kanzler von Pfau’schen Stiftung, Kustrenaer Straße 9, in Bernburg, anschließend Überführung nach Dessau zur Beisetzung

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»Das Gute, das uns verbindet«

16. Juni 2018 von redaktionguh  
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Jugend und Gott: Am Pfingstsonntag wurde ich konfirmiert. Der Glaube gehört zu meinem Leben, aber nicht bei all meinen Mitschülern ist das so. Über glauben und zweifeln, beten und hoffen habe ich mit ihnen gesprochen.

Können sich Menschen, die sich als nicht-christlich bezeichnen, Gott überhaupt vorstellen? Und wenn ja, wie? Diese Frage beschäftigte mich an einem sonnigen Dienstagmorgen, als ich in meinem Klassenraum saß. Ich besuche die Freie Schule Bildungsmanufaktur in Halle. Der Anteil der Christen in unserer Schule ist sehr gering. Aber ich bin neugierig und ich mache gerne Umfragen, also beschloss ich, meinen Mitschülern und auch Mitarbeitern der Schule die Frage nach Gott zu stellen.

Milan Fuchs auf den Stufen vor der Pauluskirche in Halle. Der 14-Jährige ist in diesem Frühsommer konfirmiert worden. Er findet es spannend und lehrreich auch mit Menschen, die nicht glauben, über Gott zu reden. – Foto: Katja Schmidtke

Milan Fuchs auf den Stufen vor der Pauluskirche in Halle. Der 14-Jährige ist in diesem Frühsommer konfirmiert worden. Er findet es spannend und lehrreich auch mit Menschen, die nicht glauben, über Gott zu reden. – Foto: Katja Schmidtke

Bald darauf ging ich durch die Schule und fragte Erwachsene, Jugendliche und Kinder, die fast alle von sich sagten, dass sie nicht an Gott glauben, ob sie dennoch eine Vorstellung von Gott hätten. Ich gab keine Antwortmöglichkeiten vor, da ich von jedem seine ganz persönliche Meinung hören wollte.

Bald stellte ich fest, dass es insbesondere Jugendlichen schwerfiel, diese Frage zu beantworten. Die Kinder hingegen konnten mir schnell eine Antwort geben. Ihre Ideen zu Gott waren eher gegenständlich und ich fand einige Sätze durchaus erheiternd wie: »Gott stelle ich mir wie einen Superhelden vor.« oder »Ich stelle mir Gott wie eine Art Pokémon vor.« oder »Gott ist ein alter Mann mit weißem Bart.«

Bei den Erwachsenen hingegen gab es sehr verschiedene Meinungen wie »Es ist höchst unwahrscheinlich, dass es einen Gott gibt« über »Gott ist Verbundenheit« bis hin zu »Gott ist für mich die Kirche.«

Als ich ungefähr eine halbe Stunde durch das Schulhaus gelaufen war, kam ich mit ein paar gleichaltrigen Jugendlichen ins Gespräch. Sie erzählten mir, dass sie schon einmal an Gott geglaubt hätten, aber das jetzt nicht mehr tun würden. Sie meinten, dass der Glaube für sie, die beide eine schwere Verlust­erfahrung in ihrem Leben gemacht hatten, sehr wichtig gewesen sei. Sie hätten dadurch neue Hoffnung gewonnen. Später traf ich einen Gleichaltrigen, der mir sagte, dass er nicht an Gott glaube, aber manchmal, wenn es ihm schlecht gehe, zu Gott bete. Er erzählte mir: »Ich hoffe dann einfach, dass es ihn gibt und er mir hilft.« Das bestätigte meine Gedanken, dass Menschen in schwierigen Situationen einen stärkeren Bezug zu Gott suchen.

Schließlich traf ich zwei Dreizehnjährige, die meinten, sie glaubten nicht an Gott. Als ich sie anschließend fragte, wie sie sich denn Gott noch am ehesten vorstellen könnten, antworteten sie: »Ich glaube, Gott ist mein Unterbewusstsein.« Als ich daraufhin wissen wollte, ob sie denn nicht glaubten, dass sie selbst ein Unterbewusstsein besäßen, brachte ich sie ein wenig zum Schmunzeln und vielleicht auch zum Nachdenken.

Ein interessanter Fakt, der sich für mich aus meiner Umfrage ableiten lässt, ist: Nahezu alle Befragten verbinden Gott mit etwas Positivem. Mit Hoffnung, Kraft und Verbundenheit, sie stellen sich Gott als Beschützer vor. Das sind für mich Begriffe, die ich mit etwas Gutem assoziiere. Und ich finde, der alte Mann mit weißem Bart hat doch irgendwie etwas sehr Nettes.

Diese Gespräche haben mir gezeigt, dass Menschen, die von sich sagen, sie seien nicht christlich, teilweise ähnliche Vorstellungen von Gott haben wie ich. Ich finde es wichtig, sich auch mit Menschen, die nicht an Gott glauben, über den Glauben zu unterhalten.

Am Ende dieser Umfrage stellte ich mir die Frage, was Gott eigentlich für mich selbst ist. Und ich bin zu folgender, zunächst vorläufiger Antwort gekommen: Gott ist für mich das Gute, was jeder in sich trägt. Gott ist das Gute, was uns alle verbindet. Und die Hoffnung und die Kraft, die uns in schwierigen Zeiten helfen können.

Milan Fuchs

Der Autor ist Schüler in Halle.

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»Wir müssen eben raus als Kirche, hin zu den Menschen«

28. Mai 2018 von redaktionguh  
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Mein Rückblick auf den Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg – Mai 2017.

Fünf Uhr. Gebet zum Sonnenaufgang. In der Morgendämmerung bin ich noch etwas müde nach dem Himmelfahrtsabend, der mich so begeistert hat. Ökumenischer Gottesdienst und Willkommensabend liefen mit mehr als 3 000 Besuchern ansteckend fröhlich in wunderbarer Kirchentagsstimmung ab. Die Kirchengemeinden haben eingeladen, liebevoll waren die Tische gedeckt und vielfältiges Essen zubereitet. Jetzt im Rosengarten am Elbufer zähle ich gerade 12, da kommt noch eine Gruppe Konfirmanden aus Meiningen. Sie haben sich aus dem einzigen Gemeinschaftsquartier in der Stadt so früh auf den Weg gemacht. Ich bin echt gerührt. Danach frühstücken mein Frau und ich auf der Schifferkirche mitten in der Elbe. Großartig, die sind extra aus Hamburg gekommen. Sie freuen sich über die gute Resonanz.

Im Kulturhistorischen Museum begrüße ich wenig später den Rabbiner Sajatz, der eine engagierte Bibelarbeit hält. Rückfragen sind bei den etwa 35 Teilnehmern leicht möglich. Gespräche entwickeln sich. Klasse – denke ich – dass die Stadt und die Museen, Kunst- und Kulturleute den Kirchentag unterstützen. Mit dem Fahrrad fahre ich zum Orga-Team. Herr Günther und die Ehrenamtlichen dort haben sich extra Urlaub für diese Tage genommen. Bloß der Kartenverkauf vor Ort ist mager – 20 000 war einfach zu hoch angesetzt. Wir beraten die Sicherheitslage. Die Polizei wird am Abend die Leute, die zur Inszenierung kommen werden, nur per Kontrolle ans Elbufer lassen. 6 000 werden es dann sein, die einen beeindruckenden Abend mit Licht, Musik, Schiffen und Schauspiel aus Magdeburgs Geschichte erleben werden.

Gottesdienst am Elbufer: Etwa 200 Motorradfahrer versammelten sich vor einem Jahr am Petriförder in Magdeburg zum Bikergottesdienst. Die Kirchentage auf dem Weg waren zeitgleich in Leipzig, Jena/Weimar, Erfurt, Magdeburg, Halle/Eisleben und Dessau-Roßlau. Foto: epd-bild

Gottesdienst am Elbufer: Etwa 200 Motorradfahrer versammelten sich vor einem Jahr am Petriförder in Magdeburg zum Bikergottesdienst. Die Kirchentage auf dem Weg waren zeitgleich in Leipzig, Jena/Weimar, Erfurt, Magdeburg, Halle/Eisleben und Dessau-Roßlau. Foto: epd-bild

Ich fahre zum Dom, ein Reporter vom Deutschlandradio will mich dort sprechen. Im Dom wird gerade zum Thema Frieden diskutiert. Ein Manifest entsteht, das streitbar Beachtung finden wird.

Gesprächstermin: Er habe Kunden im Alleecenter gefragt, was sie vom Kirchentag mitbekommen: Nichts. Und warum wir das Thema Kinderarmut übergehen. Ich erkläre ihm, dass ein Kirchentag davon lebt, dass sich Menschen einbringen mit ihren Themen. Warum nicht zu Kinderarmut? Würde gehen. Aber zum Kirchentag auf dem Weg anlässlich des Reformationsjubiläums haben sich bei uns die Themen Frieden und neue Medien angeboten. Sie haben einen Bezug zu Magdeburg als »Unsers Herrgotts Kanzlei« und als in zwei Kriegen zerstörte Stadt: 1631 und 1945. Ja, schade, dass weniger kommen als gedacht. Wir müssen eben raus als Kirche, hin zu den Menschen. Das ist mühsam und Tickets sind auch nicht hilfreich. Im Übrigen würde ich jetzt los wollen, um mit der Ökumenischen Bigband vor dem Allee­center ein bisschen Straßenmusik zu machen. Meine Antworten hat er nicht gesendet.

In der nachmittäglichen Hitze fahre ich dann mit dem Rad zur Jugend. In den Zelten und im Schatten sind einige Kinder und Jugendliche. Es wirkt ein bisschen zu still, ich spüre Enttäuschung bei den Mitwirkenden. Einige Konfis aus der Altmark berichten aber auch von einem coolen Graffiti-Workshop, den sie besuchten – der war voll.

Zurück in der Oase der Seelsorger an der Wallonerkirche, werde ich wieder etwas aufgebaut. Dort höre ich auch von dem interessanten Projekt »Twittergottesdienst«. Ich schaue mir auf Youtube gleich mal einige TwiGo-Ausschnitte an: Ach, so funktioniert das. Ein Kirchenältester kommt vorbei und ruft mir zu: Den Willkommensabend – den machen wir doch wieder. Ich antworte lachend: Da hängt aber ein ganzer Kirchentag dran. Aber probieren können wir’s ja mal. Vielleicht in zwei Jahren? 2019! – Dankbar bin ich für solch engagierte Haupt- und Ehrenamtliche.

An zahlreichen Helfern vorbei und durch die Polizeikontrolle gehe ich abends ans Elbufer: Ich spüre, wie die Menschen mitgenommen werden in die Geschichte der Reformation vor 500 Jahren. Gut, denke ich, dass es heute anders ist: Ohne konfessionellen Kampf – dafür ökumenisch und weltoffen.

Stephan Hoenen

Der Autor ist Superintendent in Magdeburg.

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