Unsichere Zeiten für Eduard

13. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Der Familie Kaliqani in Tabarz droht die Abschiebung – trotz Gefahr für Leib und Leben

Erinnern Sie sich noch an unser »Schwimmkind« Eduard (G+H, Ausgabe 35, Seite 3)? Inzwischen droht dem Achtjährigen und seiner Familie, die vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« betreut wird, täglich die Abschiebung in den Kosovo, ihr jetzt angeblich sicheres Herkunftsland.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Was mag das für ein Gefühl sein: Er hat fünf wunderbare Kinder und kann ihnen keine Sicherheit bieten. Er hat eine Frau, die – wie auch er – vor lauter Sorge kaum noch Schlaf findet. Er hat liebe Menschen, die ihm ein herzliches Willkommen in Tabarz bereitet haben, aber jetzt auch nicht mehr weiterwissen. Was mag das für ein Gefühl sein? Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, tiefe Traurigkeit, Panik, mitunter vielleicht auch Wut?

»Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«

Muhamet Kaliqani sieht erschöpft aus. Die Ungewissheit, ob seine siebenköpfige Familie in Deutschland wird bleiben dürfen, oder noch vor dem Weihnachtsfest zurück in den Kosovo muss, macht ihn fertig. Was wird er tun, wenn sie ausgewiesen werden? »Ich habe keinen Plan. Wenn wir gehen müssen, heißt das ›Plan Ende‹.« So einfach ist das. »Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«, fügt er leise hinzu.

Alle haben große Angst. Muhamet hat im Kosovokrieg für die Nato gearbeitet, er war als Dolmetscher dabei, als die Nato-geführte KFOR-Truppe nach Kriegsende Verstecke der UÇK-Kämpfer aushob, um deren Entwaffnung und Auflösung voranzutreiben. Das haben seine Landsleute nicht vergessen. Viele ehemalige UÇK-Kämpfer sitzen dort heute in Regierung und Verwaltung, nicht wenigen werden Verstrickungen in Waffen- und Drogenhandel oder Mafia-Kontakte nachgesagt. Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung, Auftragsmorde keine Seltenheit.

Für Nationalisten gilt Muhamet als Verräter

Muhamet Kaliqani gilt in seinem Heimatland als Verräter – auch wenn er nur derjenige war, der die Worte der KFOR-Soldaten übersetzt hat. Es ist wie so oft; der Überbringer einer schlechten Nachricht wird stellvertretend für deren Ursache zur Verantwortung gezogen: Erst verlor er seine Besitztümer, dann wurden er und seine Familie massiv bedroht. Als es unerträglich und lebensgefährlich wurde, machte er sich auf den Weg – in der naiven Hoffnung, dass die, denen er seinerzeit geholfen hat, nun ihm und seiner Familie helfen würden.

Die Zeit arbeitete gegen Familie Kaliqani

Als sie im November 2014 nach Tabarz kamen, sah es gar nicht so düster für sie aus. Die Kinder gingen zur Schule, lernten Deutsch, schlossen Freundschaften, kamen zur Ruhe. In vorbildlicher Weise haben sich in Tabarz Bürger zur Hilfe für die Flüchtlinge bereitgefunden, der Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« wurde gegründet.

Seither stellen Ehrenamtliche in Absprache und unterstützt von Stadt und Landkreis mit Kreativität und großem Idealismus ein beispielgebendes Hilfsangebot für die Asylbewerber auf die Beine. Das wurde kürzlich im Rahmen des Treffens zum ersten Jahrestag deutlich. Der zweite Beigeordnete des Landkreises Gotha, Thomas Fröhlich (CDU), sprach dabei von »hingebungsvoller Leidenschaft, wie sie ihresgleichen im Landkreis sucht«, und auch Bürgermeister David Ortmann (SPD) lobte vor den mehr als 100 Gästen im Tabarzer Kulturzentrum »Kukuna« den Arbeitskreis, dessen Leistung nicht hoch genug einzuschätzen sei.

Doch nun hat vermutlich die Zeit gegen Familie Kaliqani gespielt. Zu lange musste sie auf ihre Anhörung warten. Erst im Oktober diesen Jahres kam es dazu. Inzwischen wurde der Kosovo als sicheres Herkunftsland eingestuft. Die Quittung folgte auf dem Fuße: Nach der Anhörung kam am 31. Oktober die Ablehnung des Asylantrags, die Familie wurde aufgefordert auszureisen.

Mit keinem Wort wurde auf die Besonderheit von Muhamet Kaliqanis Fall aufgrund seiner Tätigkeit für die KFOR eingegangen, die faktische Gefahr für Leib und Leben im Falle einer Rückkehr. Die Ablehnung war ein 08/15-Schreiben, so Hanfried Victor, Pfarrer im Ruhestand. Es muss schnell gehen jetzt; zu viele Anträge müssen von zu wenigen Sachbearbeitern, sogenannten Entscheidern, abgearbeitet werden. Hätte es diese Schnelligkeit nur damals schon gegeben, vor einem Jahr, als der Kosovo noch nicht als sicher galt. Aber man hat die Familie warten lassen.

Die Abschiebung droht, trotz Berufung vor Gericht

Gegen den Ausreisebescheid haben die Kaliqanis mit großer persönlicher Unterstützung von Hanfried Victor und seinem »Asyl in Tabarz«-Team sowie einem Rechtsanwalt Berufung eingelegt. Termin für die Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Gera ist der 9. Dezember (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Doch die Gothaer Behörde wollte ungeachtet dieses Termins die Familie schon vorher abschieben.

Noch besteht Hoffnung auf einsichtige Richter

Noch bestehe Hoffnung. Er werde auch die Härtefallkommission anrufen, sagte Victor beim Jahrestagstreffen in Tabarz. Die Schulfreundinnen von Eduards Schwester Makfirete (15), Sophie und Sarah, haben Unterschriften gesammelt, es gibt auch eine Onlinepetition gegen die Abschiebung der Kaliqanis. Was sie noch tun können, fragen die engagierten jungen Mädchen hoffnungsvoll Thomas Fröhlich: »Ihr habt alles getan«, antwortet er. Jetzt könne man nur darauf hoffen, dass die Familie an einen Richter gerate, der Gespür für die besondere Situation der Kaliqanis habe und dafür, was sie »für die Nato und somit für uns auf sich genommen« haben.

Adrienne Uebbing

Onlinepetition:
www.openpetition.de/petition/online/kaliqanis-sollen-bleiben

Christen auf dem »Dach Afrikas«

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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G+H-Leserreise 2014 nach Äthiopien – manchmal auch abseits der Touristenpfade

Zwölf Leserinnen und Leser der Kirchenzeitung reisten gemeinsam mit Pfarrer Hanfried Victor nach Äthiopien. Hans-Christoph Schulz aus dem thüringischen Birkigt hat seine Eindrücke vom Leben auf dem »Dach Afrikas« aufgeschrieben:

Eine Herausforderung war es, sich in Äthiopien einige amharische Wörter einzuprägen und halbwegs verständlich auszusprechen, wie »batam amesegenallu« (vielen Dank). Wer sich redlich mühte, wurde mit einem freundlichen und verständnisvollen Lächeln der Gastgeber belohnt. Bilder und Begegnungen, die nicht mit der Digitalkamera festgehalten werden können, haben sich während der Reise tief ins Gedächtnis eingeprägt. So der Besuch bei Afrikas »Mutter Theresa«, der 80-jährigen Abebech Gobena. Angesichts der Hungerkatastrophe in den 1980er Jahren gründete sie unter großem persönlichem Einsatz ein Waisenhaus in Addis Abeba. Inzwischen sind Kindergärten, Schulen und Ausbildungswerkstätten hinzugekommen, in denen mehr als 12 000 Kinder aus den Armenvierteln in verschiedenen Projekten betreut werden. Ziel dieses von der UNICEF geförderten Konzeptes ist es, nicht nur Waisenkinder von der Straße zu holen, sondern Frauen und Mütter in Trainingsprogrammen zu stärken, damit sie selber für ihre Kinder sorgen können. In dem Gespräch erfuhren wir, dass bis heute allein in der Hauptstadt monatlich 20 Kinder verlassen und ausgesetzt werden und Millionen Kinder in Äthiopien auf der Straße leben.

Abebech Gobena (re.) gilt als Mutter Theresa von Äthiopien. Sie gründete in den 1980er Jahren unter großem persönlichen Einsatz ein Waisenhaus. Die Reisegruppe informierte sich über die Entwicklung, die die Arbeit mit armen Kindern und Jugendlichen seither genommen hat. – Foto: Hans-Christoph Schulz

Abebech Gobena (re.) gilt als Mutter Theresa von Äthiopien. Sie gründete in den 1980er Jahren unter großem persönlichen Einsatz ein Waisenhaus. Die Reisegruppe informierte sich über die Entwicklung, die die Arbeit mit armen Kindern und Jugendlichen seither genommen hat. – Foto: Hans-Christoph Schulz

Ein anderes Bild: Unser äthiopischer Reiseführer Teketayi zeigte uns mit Hingabe und Herzblut sein Heimatland. Er führte uns nicht nur zu den touristischen Sehenswürdigkeiten in Addis Abeba, Axum, Gondar, Bahar Dar, Lalibela und den Simien-Nationalpark, sondern auch spontan zu Menschen. Während der Fahrt auf »Naturstrecke« nach Lalibela ging er mit uns in ein nahe gelegenes Dorf mit fünf Wohnhütten. Eine junge Frau zeigte uns ihre Rundhütte von sechs Metern Durchmesser, in der sie, ihr Mann, ihre drei Kinder, ihre Kuh und ihr Schaf leben. Wir sahen Lehmfußboden, eine kleine offene Kochstelle in der Mitte, Vorratssäcke an der Seite, ein Hochbett für die Kinder über den Tieren, eine Sitzgelegenheit als Ehebett. Wasser muss die junge Frau, die bald ihr viertes Kind erwartet, in einem 25-Liter-Kanister holen. Das bedeutet für sie eine halbe Stunde Fußweg bergauf, zurück in ihre Hütte. Bei aller äußeren Armut strahlt sie Fröhlichkeit aus. Ihre Haltung zeugt von einem Stolz auf das Land und seine kulturhistorische Geschichte.

Wie die meisten Menschen im nördlichen Hochland Äthiopiens trägt die junge Frau ein Kreuz: Ich gehöre zu Christus, ich bin sein Eigentum und trage seinen Namen, bedeutet das. Andere Menschen tragen ein Kreuz als Tattoo auf der Stirn. In Addis Abeba erlebten wir die Feier der Osternacht mit: Das Trommeln und rituelle Tanzen der Mönche, die große Andacht der Gläubigen waren so ganz anders als gewohnt, aber sehr beeindruckend.