Jeder Tag ist jetzt Sonntag im »Roten Ochsen«

19. November 2010 von redaktionguh  
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Barbara Sonntag ist in ihr neues Amt als Gefängnisseelsorgerin in Halle eingeführt worden.
 
Von Jena nach Halle gewechselt: Barbara Sonntag (Foto: Thmomas Meinicke)

Von Jena nach Halle gewechselt: Barbara Sonntag (Foto: Thmomas Meinicke)

Anfang Oktober hat sie ihren Dienst bereits aufgenommen, jetzt wurde die neue Gefängnispfarrerin Barbara Sonntag mit einer Andacht in der Gefängniskirche der halleschen Haftanstalt »Roter Ochse« in ihr Amt eingeführt.

Superintendent Hans-Jürgen Kant leitete die Feierstunde – und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: »Manchmal fehlen die Bestellungsurkunden, hier haben wir sie pünktlich erhalten.« Er spielte damit auf seine eigene Amtseinführung vor einigen Monaten an, die ohne die eigentlich erforderlichen Dokumente der Bischöfin vonstatten gehen musste.

Kant lobte die 49-Jährige, die zuvor knapp 20 Jahre lang als Pfarrerin auf der Intensiv- und der Palliativstation der Uniklinik Jena tätig war, als erfahrene Seelsorgerin. »Sie wird auch in der Haftanstalt immer den ganzen Menschen sehen und nach dem Guten und Verschütteten suchen«, so Kant.

Justiz-Staatssekretär Bernhard Sterz betonte, dass die Tätigkeit von Gefängnisseelsorgern gerade deshalb so wertvoll sei, weil sie nicht aus der Justiz kommen. »Sie haben einen anderen Blick. Das gibt ihnen im Verhältnis zu den Menschen in Haft auch eine andere und höhere Autorität«, so Sterz.

Neben Barbara Sonntag sind 16 weitere Gefängnispfarrer in Sachsen-Anhalt tätig, davon neun evangelische und acht katholische. Sie betreuen rund 2100 Gefangene, aber auch deren Angehörige und Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalten.

Barbara Sonntag ist Nachfolgerin von Gefängnisseelsorgerin Hanna Haupt, die rund 20 Jahre dieses Amt innehatte und im Sommer in den Ruhestand getreten ist. Die gebürtige Düsseldorferin hat eine ungewöhnliche Biographie: Aus familiären Gründen zog ihre Mutter 1964 vom Rhein an die Saale. In Merseburg besuchte Barbara Sonntag die Schule, später studierte sie in Jena. Der jetzige Umzug nach Halle fiel ihr nicht schwer: Ihre beste Freundin wohnt hier.

Aber auch Hanna Haupt hat ihr den Wechsel leicht gemacht: »Sie hat sich viel Zeit genommen, um mich überall einzuführen und mir das Gefängnis zu zeigen«, dankte die 49-Jährige ihrer Vorgängerin bei der Amtseinführung. Einen besonderen Wunsch legte sie den Gästen der Andacht ans Herz: Die Pfarrerin möchte gerne möglichst viele Ehrenamtliche für die Arbeit mit Gefangenen gewinnen. Egal, ob für Besuchsdienste oder für Freizeitangebote: »Jedes Gesicht von außen ist wichtig. Es zeigt den Gefangenen, dass sie weiter ein Teil der Gesellschaft sind.«

Silvia Zöller

»Diese Arbeit wird mich nicht so schnell loslassen«

30. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Nach 20 Jahren wird Gefängnisseelsorgerin Hanna Haupt in Halle verabschiedet

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Hanna Haupt in der JVA Halle wichtige Projekte angestoßen. Foto: Martin Hanusch

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Hanna Haupt in der JVA Halle wichtige Projekte angestoßen. Foto: Martin Hanusch

Dass ich im Gefängnis gelandet bin, ist blanker Zufall und der Wende geschuldet.« Hanna Haupt kann sich noch genau an ihre Anfangszeit als Gefängnisseelsorgerin im »Roten Ochsen« in Halle erinnern.

Dort, wo zu DDR-Zeiten die Stasi eine Untersuchungshaftanstalt unterhielt, hat sie nach der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung ein neues Arbeitsfeld aufgebaut. Am Anfang habe es auf beiden Seiten große Unsicherheiten gegeben. Heute, erzählt die Pfarrerin mit der Kurzhaarfrisur, gehöre Kirche in der Justizvollzugsanstalt (JVA) ganz selbstverständlich dazu. Am 30. Juli wird die Gefängnisseelsorgerin nach 20 Dienstjahren aus ihrem Amt verabschiedet – natürlich im »Roten Ochsen«.

Dabei ist ihr Lebensweg keineswegs in dieser Richtung vorgezeichnet. Als drittes von acht Kindern wächst Hanna Haupt in Erfurt auf, der Vater ist Garten- und Landschaftsarchitekt. »Eigentlich«, sagt sie, »hätte ich gerne Jura studiert.« Doch weil sie aus einem »frommen Elternhaus« stammt, weder bei den Pionieren ist noch in die FDJ eintritt, kommt das kaum infrage. Stattdessen studiert sie nach dem Abitur Bibliothekswissenschaften in Leipzig.

Danach nimmt sie 1969 ein Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule auf, geht anschließend nach Erfurt und Blankenhain. 1989 folgt der Wechsel nach Halle. Hanna Haupt wird Katechetin an der Paulusgemeinde und ab 1990 ehrenamtliche Gefängnisseelsorgerin. 1994 legt sie das zweite Theologische Examen ab – im Alter von 46 Jahren – und übernimmt nun hauptamtlich die Gefängnis- und Ausländerseelsorge.

Vor allem in der JVA durchlebt sie spannende Zeiten und zahlreiche Veränderungen. Von den »Wendewirren« mit gerade einmal elf inhaftierten Frauen bis zu riesigen Haftzahlen habe sie alles mitgemacht, erzählt sie. Erst im vergangenen Jahr sind die Umstrukturierungen zu Ende gegangen. »Auch deshalb ist es ein guter Zeitpunkt, jetzt aufzuhören«, ist Hanna Haupt überzeugt.

Trotzdem hat sie allen Grund, dankbar auf die vergangenen 20 Jahre zurückzublicken. »Ich konnte viele Menschen für die Arbeit im Gefängnis sensibilisieren.« Aber auch in der JVA hinterlässt sie Spuren. Sie hat hier einige wichtige Projekte angestoßen – die Konzertreihe »Musik hinter Gittern« etwa, Theaterprojekte und Malgruppen. Dass der Kirchsaal im »Roten Ochsen« wieder zum Kirchsaal geworden ist, nennt sie selbst einen schönen Erfolg. Jetzt sei er wieder die »Seele der Anstalt«.

Das gilt möglicherweise noch viel mehr für ihr Wirken in der Justizvollzugsanstalt selbst. Denn besonders die Gespräche mit den Inhaftierten und den Bediensteten liegen ihr in all den Jahren am Herzen. Gerade bei familiären Problemen und bei Schwierigkeiten im Knastalltag sei sie gerne in Anspruch genommen worden. »Diese Arbeit hat mir Spaß gemacht und wird mich wohl nicht so schnell loslassen«, schätzt Hanna Haupt.

Doch jetzt freut sie sich erst einmal auf mehr Zeit für sich sowie die vier Kinder und fünf Enkelkinder. Zudem will sie mit ihrer Stadtratsarbeit weitermachen, solange es ihr gut geht. Hier engagiert sich die Pfarrerin ebenso wie in der Bürgerinitiative Paulusviertel, deren Vorsitzende sie seit 1990 ist. »Schließlich«, sagt sie mit einem Lächeln, »besteht das Leben ja nicht nur aus dem Knast.«

Martin Hanusch