Ringen um die Schöpfung

20. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

schoepfung

Neuanfang: Die mitteldeutsche Kirche entdeckt den Umweltschutz für sich.

Zu DDR-Zeiten war die Bewahrung der Schöpfung ein zentrales Thema der Kirche. Mit der Wende trat anderes in den Vordergrund. Jetzt soll das Augenmerk wieder verstärkt darauf gelenkt werden.

»Eigentlich«, sagt Hans-Joachim Döring, »geht der Umweltschutz uns alle an.« Ökostrom beziehen, Energie sparen oder Bio-Produkte kaufen sind nur einige der Möglichkeiten. Jeder könne seinen Beitrag leisten und etwas für die Bewahrung der Schöpfung tun. Der Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums in Magdeburg muss es wissen. Seit Anfang des Jahres ist er in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die Umweltarbeit zuständig.

Aber auch die Kirchengemeinden und die Landeskirche sieht Döring in der Pflicht. So sei die EKM nicht nur ein großer Land- und Waldbesitzer, sie verfüge auch über einen Bestand von 5.600 Gebäuden. »Hier«, ist er überzeugt, »müssen wir eine Strategie zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes entwickeln.« Als weitere Handlungsfelder nennt er das Projekt »Lebensraum Kirchturm« oder das kirchliche Umweltmanagement »Grüner Hahn«.

Einige positive Ansätze gibt es bereits. So entsteht in Jena ab September ein neues Gemeindezentrum, das nicht nur über Erdwärme geheizt werden soll, sondern auch eine Photovoltaikanlage erhält. Die Kirchengemeinde ist aus Kostengründen nicht selbst der Betreiber, verpachtet jedoch das Dach. Ein Beweggrund sei die Bewahrung der Schöpfung und die Nutzung alternativer Energien gewesen, erklärt Kirchmeister Friedrich Bürglen.

Auch in Wittenberg bemüht sich die Stadtkirchengemeinde um einen bewussteren Umgang mit Energie. Ein Team aus Ehrenamtlichen hat sich des kirchlichen Umweltmanagements angenommen. Das Gemeindehaus St. Martin in Friedrichstadt solle endlich eine vernünftige Wärmeisolierung erhalten, berichtet Friedemann Ehrig vom Umweltteam. Er findet es wichtig, konkret etwas zu tun. »Die Menschen erwarten zudem, dass sich die Kirche bei solchen Themen zu Wort meldet.«

Doch trotz dieser Beispiele hat die mitteldeutsche Kirche einigen Nachholbedarf in Sachen Umweltschutz. In den letzten sechs Jahren ist hier nur wenig passiert. »Faktisch war die Umweltarbeit auf Landeskirchenebene nicht mehr existent«, räumt Döring ein. Das soll sich nun ändern. Die Synode hat einen ständigen Ausschuss eingesetzt, der sich mit Fragen von Umweltschutz und Landwirtschaft befasst. Zudem gibt es seit Anfang des Jahres ein EKM-Umweltteam. Als erstes gemeinsames Projekt hat das Ökumenezentrum mit dem Baureferat eine Handreichung zur Nutzung regenerativer Energien in kirchlichen Gebäuden herausgebracht. Zwar gebe es bereits Kirchengemeinden, die eine Photovoltaikanlage auf ihrem Gemeindezentrum betreiben. Doch mit insgesamt 15 Anlagen falle die Bilanz eher bescheiden aus, findet der Umweltbeauftragte.

Aber auch inhaltlich gibt es neue Ansätze. Vom 1. September bis zum Erntedanktag sind die Kirchengemeinden eingeladen, die Bewahrung der Schöpfung unter dem Motto »Die Erde ist des Herrn« zum Thema zu machen. Mit dieser »Schöpfungszeit« greift die EKM einen Beschluss der Dritten Ökumenischen Versammlung in Sibiu auf. »Die Feier der Schöpfung und das Ringen um ihren Erhalt gehört in das Herz unseres Auftrages als Kirchen hier vor Ort und weltweit«, schreibt Landesbischöfin Ilse Junkermann im Begleitwort.

Es soll jedoch nicht bei der Theorie bleiben. Derzeit ist die Landeskirche dabei, eine ganze Kampagne vorzubereiten. »Klimawandel – Lebenswandel« heißt das ehrgeizige Vorhaben, das auch vor konkreten Zielen bei der CO2-Reduzierung nicht zurückschreckt. »Der Klimawandel ist eine der drängendsten Überlebensfragen«, sagt EKM-Kampaignerin Annelie Hollmann. Letztlich lasse er sich nur aufhalten, wenn die Verursacher der Krise, die Menschen in den reichen Industriestaaten, bereit seien, ihren Lebensstil zu ändern.

Das sieht auch Hans-Joachim Döring so. Es gehe heute um eine »Ökonomie des Genug«, ist er überzeugt. Der Umgang mit der Umwelt und die Erfahrung der eigenen Geschöpflichkeit biete zugleich die Chance, mit Nichtchristen über solche Fragen und die Ehrfurcht für das Leben ins Gespräch zu kommen. Denn letztlich gehe es in der Umweltarbeit neben dem »wichtigen Dämmen der Häuser« immer auch um das Öffnen von Herzen.

Martin Hanusch

Die Arbeitshilfe zur »Schöpfungszeit« gibt es im
Ökumenezentrum,
Leibnizstraße 4, 39104 Magdeburg,
Telefon (0391) 53 46-492,
E-Mail kerstin.hensch@ekmd.de.

Wer klagt, hat Hoffnung

18. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gott schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten. Psalm 43, Vers 1

Hier klagt sich einer sein Recht bei Gott ein. Recht trotzig. Als letzte Instanz und in eigener Sache. Hier betet einer mit vollem Risiko. Antwortet Gott nicht – bleibt er also stumm –, bleibt dem ­Kläger nur Spott und Einsamkeit. Einige Verse ­weiter vorn in Psalm 42 quälen die als falsch und böse bezeichneten Leute den Beter täglich mit der Frage: »Wo ist denn nun dein Gott?«

Foto: Daniel Battiston (sxc.hu)

Foto: Daniel Battiston (sxc.hu)

Die Frage ist uralt, klingt aber modern. Unsere Kinder hören sie oft und öffentlich. Was hast du denn davon? Und wo kann man denn »deinen Gott« angucken? Wir Erwachsenen reden dann zurückhaltender von einer Gottvergessenheit bei uns hier in Ostdeutschland. Oder wir sind verunsichert, weil wir nicht mehr wissen, ob Gott sich uns noch offenbaren will. Oft ist uns – aber noch viel stärker unserer Umgebung – seine Präsenz nicht sichtbar. Das irritiert und macht traurig.

Da mir Unsicherheit und mitunter Trauer um Gottes Verborgenheit nicht fremd sind, kann ich in dieses Psalm-Gebet und in die Klage einfallen. Ich wünsche mir und sehne mich danach, dass Gott sich mit mir solidarisiert und Nähe zeigt. Und dass er mir die falschen wie bösen Leute vom Hals hält mit all ihren vermeintlichen Mehrheitswahrheiten.

Wie der Psalmist weiß ich, dass aus Selbstzweifel leicht Zweifel an Gott wird. Später mitunter Zweifel ohne Gott. Das betrübt die Seele und bringt ungute Unruhe ins Leben. Doch: Wer klagt, übernimmt Verantwortung für seine Seele wie für sein Recht. Dass ist ein erster und aktiver Schritt. Stockende Worte bringen Bewegung in die Sache, lockern die Krise und wehren dem Verstummen.

Der Zweifel am Zweifel führt hier weiter und öffnet den Mund. Wer klagt, hat Hoffnung und eine Adresse. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Klagen beantwortet werden, Ihre Sache gut ausgeht und Sie erleben, einer kann Recht schaffen.

Hans-Joachim Döring, Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums in Magdeburg